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Bombenstimmung

Auch Kriege werden global. Kiew ist auf dem Landweg rund 2100 km von Bern entfernt.

Am 26. April 1986 begann die Atomkatastrophe im Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Das ukrainische AKW liegt auch rund 2100 km von Bern entfernt. Für diese Distanz braucht Radioaktivität kaum 24 Stunden.

Tschernobyl war der bislang schwerste Reaktorunfall der Geschichte. Er ereignete sich wegen menschlichen Fehlern, des Verstosses gegen Sicherheitsvorschriften und wegen einer gefahrenanfälligen Technologie.

Saporischschja ist das grösste AKW Europas. Es ist knapp 2600 km Landweg von Bern entfernt. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, es gelegentlich unter Artilleriefeuer zu nehmen. Hier kann sich Tschernobyl jederzeit wiederholen; die Auswirkungen wären wohl noch verheerender.

Zum bislang einzigen militärischen Einsatz von Atomwaffen kam es 1945. Die USA zündeten über Hiroshima und Nagasaki in Japan zwei Atombomben. Rund 200’000 Menschen starben sofort; die Nachwirkungen der radioaktiven Verstrahlung halten bis heute an.

Der russische Präsident Putin hat während seiner Rede zur Ankündigung einer Teilmobilmachung nochmals klargestellt, dass sich Russland «mit allen Mitteln» gegen einen Angriff auf sein Territorium verteidigen würde, und «das ist kein Bluff». Damit meint er, dass er bereit ist, in diesem Fall auch Atomwaffen einzusetzen.

In den sogenannten autonomen Teilrepubliken im Osten der Ukraine werden «Referenden» durchgeführt, die darüber entscheiden, ob sich diese Gebiete Russland anschliessen und analog der Krim dann als russisches Territorium gälten.

Sollte die Ukraine versuchen, diesen Teil ihres Staatsgebiets zurückzuerobern, wäre das dann aus der Sicht des Kremlherrschers ein Angriff auf russisches Territorium. Nachdem sich die russische Armee bislang während dieser «militärischen Spezialoperation» als weitgehend unfähig erwiesen hat, es ukrainischen Streitkräften in wenigen Tagen gelungen ist, Gebiete zurückzuerobern, für deren Besetzung Russland Monate brauchte, ist mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Das ist nun kein Grund, auf alte Gewohnheiten wie den Verzehr von Rösti oder Fondue zu verzichten. Der Bissen muss einem auch nicht im Hals steckenbleiben, wenn man diese Lageanalyse liest.

Aber das Unvorstellbare hat immer den Nachteil, dass es unvorstellbar ist. Bis es eintritt. Heisst das nun, dass der wehrhafte Schweizer seinen Luftschutzkeller wieder in Betrieb nehmen sollte, überprüfen, ob die Türe noch luftdicht schliesst, der Notvorrat bereitsteht und genügend Jodtabletten in Griffweite sind?

Eher nicht. Denn bei aller Wehrhaftigkeit im Rahmen der bewaffneten Neutralität der Schweiz gibt es in einer globalisierten Welt mit globalisierten Kriegen kein Entkommen, wenn eine Atommacht darin verwickelt ist.

US-Militärs spielten mindestens zweimal ernsthaft mit dem Gedanken, Atomwaffen einzusetzen. Während des Korea- und während des Vietnamkriegs. Und dass die Welt den Kalten Krieg überlebte, als sich zwei Atommächte hochgerüstet gegenüberstanden, grenzt an ein Wunder.

Damals rettete die Welt wohl nur ein Prinzip, das die schöne Abkürzung MAD trägt. MAD wie verrückt, MAD wie mutual assured destruction. Die gegenseitig garantierte Vernichtung bedeutete nichts anderes als: wer zuerst auf den roten Knopf eines Atomschlags drückt, stirbt als Zweiter. Also wurde immerhin kein Krieg begonnen, in dem es keinen Gewinner geben konnte.

Nun ist die Lage in der Ukraine anders. Die ehemalige Sowjetrepublik hat ihre Atomwaffen nach dem Zusammenbruch der UdSSR an Russland zurückgegeben. Gegen die Zusicherung, dass seine territoriale Integrität nicht in Frage gestellt wird. Oder einfacher: dass es nicht von Russland überfallen wird – unter welchem Vorwand auch immer.

Nun hat in diesem asymmetrischen Krieg die eine Seite das grösste Atomwaffenarsenal der Welt – die andere direkte Kriegspartei dagegen hat nur konventionelle Waffen. Die Ukraine steht auch nicht, mangels Mitgliedschaft, unter dem atomaren Abschreckungsschirm der Nato. Und es ist kaum vorstellbar bis ausgeschlossen, dass Atommächte wie die USA, England oder Frankreich die Ukraine mit Atomwaffen ausrüsten werden.

Eine potenziell fatale Situation. Soll man wünschen, dass es Russland gelingt, mit konventionellen Waffen die eroberten Gebiete gegen ukrainische Gegenoffensiven zu verteidigen? Soll man hoffen, dass es auch im Kreml noch genügend vernünftige Menschen gibt, die den Einsatz von taktischen Atomwaffen verhindern würden?

Mit der Teilmobilmachung ist der Ukrainekrieg in der russischen Gesellschaft angekommen. Soll man hoffen, dass die Reaktion Putin aus dem Amt fegen könnte? Oder soll man befürchten, dass ein in die Ecke gedrängter Autokrat lieber mit einem grossen Knall untergehen will statt mit Gewinsel?

Letztlich tröstet der Gedanke auch nicht, dass es völlig egal ist, was Schweizer in der Schweiz in Bezug auf die Ukraine hoffen, denken, wünschen. Die Entscheidungen werden in Moskau, Kiew, Washington und Brüssel gefällt. Nicht in Bern und auch nicht in Zürich. Also bleibt eigentlich nur, das Geschnetzelte und das Leben so intensiv wie möglich zu geniessen. Solange noch das Lämpchen glüht.

 

Die Teilmobilmachung

Netterweise hat Putin gewartet, bis die Queen unter der Erde war.

Sehr selten in Friedenszeiten: Obwohl es sich beim Ukrainekrieg offiziell weiterhin um eine militärische Spezialoperation handelt, ordnete Russlands Präsident Putin eine Teilmobilmachung an. Eigentlich bräuchte er dafür zuerst die Zustimmung des Parlaments (die er natürlich kriegen würde). Aber wo kein Krieg ist, muss auch nicht zugestimmt werden.

300’000 russische Reservisten sollen nun aktiviert werden, um die gelichteten Reihen der Roten Armee in der Ukraine aufzufüllen. Natürlich sollen auch weitere Geländeverluste vermieden werden, möglicherweise will Russland zur Gegenoffensive ansetzen. Damit beginnt eine neue, noch blutigere Phase des Kriegs.

Gleichzeitig ist es eine eindeutige Eskalation, zumal Putin nicht müde wird zu beteuern, dass sich Russland im Ernstfall «mit allen Mitteln» verteidigen werde, und das sei «kein Bluff». Mit anderen Worten: Die Welt ist einem Atomkrieg wieder ein Stückchen nähergerückt. Vor allem auch durch Putins Plan, mittels «Referenden» Teile der Ukraine Russland zuzuschlagen. Und Angriffe darauf wie einen Angriff auf russisches Kerngebiet zu betrachten – und notfalls mit Atomwaffen zu beantworten.

Während Russland gleichzeitig zum ersten Mal eine gewisse Gesprächsbereitschaft signalisiert hat, lehnt die Ukraine Friedensgespräche zurzeit prinzipiell ab. Zu gross ist offensichtlich der Triumphalismus nach den überraschend grossen und schnellen Terraingewinnen durch die Gegenoffensive.

Mit dieser Teilmobilisierung setzt Putin die Verzwergung Russlands konsequent fort. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa und den USA sind dermassen zerrüttet, dass es lange Jahre dauern wird, sie wieder zu normalisieren. Zudem hat sich Russland als unsicherer Kartonist erwiesen; gerade auf internationalem Gebiet müssen Verträge und Vereinbarungen eigentlich konsequent eingehalten werden. Tut das ein Handelspartner nicht, dann dauert es sehr lange, bis man wieder in ihn Vertrauen fasst.

Da Russland trotz allen gegenteiligen Anstrengungen weiterhin im Wesentlichen ein Zweit-Welt-Land mit Rohstoffen und Atomwaffen ist, hängt seine Industrie bedeutend von westlichem High-Tech ab. In modernen Gerätschaften kann schon ein fehlender Chip Riesenapparate lahmlegen. Deshalb schmerzen die westlichen Sanktionen zunehmend.

Dass Russland unter Bruch internationaler Verträge, inklusive die zugesicherte und beschworene Akzeptanz der territorialen Unverletzlichkeit der Ukraine, in sein Nachbarland eingefallen ist, macht die russische Regierung als verlässlicher Gesprächspartner ebenfalls unglaubwürdig. Das erschwert auch den möglichen Abschluss eines Friedensvertrags. Wie soll man da russischen Zusicherungen glauben, wenn die in der Vergangenheit schonmal gebrochen wurden?

Nun kommt auch noch ein militärisches Desaster dazu. Offensichtlich hat die russische Armee der vom Westen hochgerüsteten Ukraine nur wenig an Mensch und Material entgegenzusetzen. Das gibt natürlich all den Staaten zu denken, die sich von Russland militärisch beschützt wähnen. Ausserdem ist dieses Versagen Gift für russische Waffenexporte in alle Welt. Wenn die eigene Armee mit dieser Ausrüstung krachende Niederlagen einfährt, wozu soll es dann dienen, sich russische Waffen zu kaufen?

Schliesslich trägt diese Teilmobilmachung für diese «Spezialoperation», die angeblich nur ein paar Tage dauern sollte, den Krieg mitten in die russische Gesellschaft.

Auf der anderen Seite sind die Folgen für die europäische Wirtschaft noch nicht abzusehen. Es ist klar, dass es zu einem Wohlstandsverlust kommen wird. Wie dramatisch der ausfallen wird? Das kommt wohl darauf an, in welchem Bereich des Mittelstands der Betroffene lebt. Am unteren Rand wird es sicherlich bitter werden. Wenn zum Beispiel eine Verdreifachen der Stromrechnung in ernste Probleme stürzt, wer bei einer Verdoppelung der Heizkosten anfängt, im Wintermantel in der Stube zu sitzen, der wird’s schwer haben.

Die offiziellen Inflationszahlen widerspiegeln nur sehr ungenügend die sogenannte gefühlte Inflation, also was in der Lebenswirklichkeit des Konsumenten ankommt. Dort liegt die Inflationsrate bereits locker im zweistelligen Bereich. Auch das wird kein schnell vorübergehender Zustand sein. Und wie lange der Staat noch in der Lage ist, die Folgen der Sanktionspolitik mit Geld zuzuschütten, steht ebenfalls in den Sternen.

Also rundum unfrohe Aussichten …

Gewichten und einordnen

Zusammen mit Analyse der Dreischritt von Qualitätsmedien.

Was beschäftigt den Mainstream zurzeit? Drei grosse Wellenberge türmen sich auf. Zunächst und zuvorderst natürlich: die Queen. Sie ist die Königin der Schlagzeilen, der Sondersendungen, der schwarz gekleideten Moderatoren.

Jeder, der Buckingham-Palast ohne zu stottern sagen kann, wird als «britischer Monarchiekenner», als «englischer Adelsspezialst», als Biograph der Corgys der Queen, als ehemaliger Türöffner von König Charles III., als Nachttopfleerer des verblichenen Prinz Philip interviewt. Oder darf gleich selbst einen Auszug aus seinem demnächst erscheinenden Buch präsentieren: «Als die Queen «oh, really?» zu mir sagte».

Dann haben sich die Qualitätsmedien immer noch nicht ganz vom Rücktritt von «Maestro» Roger Federer erholt. Denn noch hat nicht der letzte Journalist seine Begegnung mit dem Tennis-Gott «Als Roger «alles Roger» zu mir sagte» verarbeitet und veröffentlicht. Auch die Rolle seiner Frau, seiner Familie, die Bedeutung der überteuerten Sportschuh-Marke, die exorbitanten Gehälter des Managements, der kurvige Verlauf der Aktie, der persönliche Kleiderstil, sein Leben in Bildern, all das ergiesst sich weiterhin ungebremst über den Leser.

Schliesslich die Ukraine. Der «News-Ticker»! Die Offensive! Nimm das, Putin. Kann sich die Ukraine vom russischen Joch befreien? Wird die Krim zurückerobert? Wankt der Kreml-Herrscher? Rollen deutsche Panzer wieder durch die Ukraine? Kann die Schweiz länger abseits stehen? Auch hier stürmen unablässig Fragen ohne Antworten auf die Leser ein.

Bleibt da noch Platz für Wichtiges? Ach ja, Stromsparen. «Kantone planen Solarzwang für alle Hausbesitzer». «Grünen-Nationalrätin fordert Klima-Steuer für Reiche». Stromverschwendung, wann lesen wir endlich von «Strom-Frevlern» und «Energie-Sündern»? Wann wird die Nachbarschaftskontrolle institutionalisiert? Wann gibt es Wettbewerbe im Energie-Sparen (mit tollen Preisen)?

Gäbe es wirklich Wichtiges? Nun ja, da gibt es zum Beispiel die eher kleine Meldung, dass die Schweizerische Nationalbank eine erneute Anhebung des Leitzinses ins Auge fasst. Dass der Weich-Euro weiter das Loch runtergeht. Kein Wunder, bei der Inflation im Euro-Raum und den deutlich höheren Zinsen im Dollar-Bereich in den USA.

Das könnte den Leser durchaus an einem empfindlichen Körperteil treffen, seinem Portemonnaie. Da bräuchte er Orientierung und Hilfe. Aber das setzte voraus, dass in den Redaktionen gewichtet, eingeordnet und analysiert würde. Nur: von wem, und womit?

Kriegsgegurgel

Die Sandkasten-Strategen haben Hochkonjunktur.

Gut, das Aufmacherfoto hat nicht wirklich etwas mit dem Thema Ukrainekrieg zu tun. Aber es ist zurzeit der absolute Liebling von ZACKBUM. Und Symbobilder sind doch überall im Schwang.

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Aber zum Thema:

In der Kinderzeitung «watson» ist Chefstratege und Oberanalyst Philipp Loepfe immer schnell zur Hand, wenn es darum geht, loszugaloppieren. Er zitiert fröhlich drittrangige «Analysten» aus den fernen USA und ukrainische Militärs, die sich in aller gebotenen Objektivität über die russischen Truppen lustig machen.

Auch Loepfe selbst wagt sich mit seiner «Analyse» weit vor: Der ukrainische Vorstoss «dürfte auch dazu führen, dass der Westen seine Waffenlieferungen wieder intensivieren wird. Der Beweis, dass die Russen alles andere als unbesiegbar sind, ist damit endgültig erbracht und die oft wiederholte Behauptung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, seine Soldaten würden sämtliche besetze Gebiete befreien, mit Fakten belegt».

Wir sind schon jetzt gespannt, mit welchen Mätzchen Loepfe den ungeordneten Rückzug antreten wird, sollte sich das Kriegsglück wenden.

Der Sparkonzern Tamedia leistet sich nur noch beschränkt eine eigene Meinung zum Ukrainekrieg. Also übernimmt er einfach die Meinung aus München und lässt sie ungefiltert auf seine zahlenden Leser los:

Die Auslandredaktion gibt immerhin ein Lebenszeichen und ändert den Titel des Originalkommentars: «Befreit ist die Ukraine noch lange nicht». Diese Ansicht des SZ-Chefstrategen Stefan Kornelius war den Kriegsherren an der Werdstrasse offensichtlich zu pessimistisch. Dabei glänzt Kornelius, im Gegensatz zu Loepfe, mit militärischen Insights: «… überdehnte Invasionstruppe, … demoralisierenden Angriffe auf russische Basen, … personell ausgedünnte Truppe, … was die russische Invasionsarmee prompt zu einer Vernachlässigung des Nordens verleitete».

Doch Kornelius weiss, wie man sich an den Flanken absichert: «Aber wird dieser Erfolg von Dauer sein?» Nach dieser bangen Frage setzt er zu einem geradezu lyrischen Höhenflug an: «Diese durch Kommandoversagen, Arroganz und bewusste Lügengebilde erzeugte Scheinrealität bildet ja nur einen Teil des russischen Spiegelzimmers, in dem sich die vermeintlichen Wahrheiten unendlich oft brechen, überschneiden und verzerren. Die größte Gefahr für den Kreml liegt darin, dass nun die Spiegel zerbersten und selbst die beste Propaganda die Scheinwelt nicht mehr aufrechterhalten kann.»

Um schliesslich mit einer allgemeingültigen Erkenntnis zu enden: «Kriege werden nur beendet, indem sie unführbar und vor allem ungewinnbar werden.» Unsagbar, wie die deutsche Sprache hier das erste Opfer der Kriegsführung von Kornelius wird.

Bei den Kriegern von der Dufourstrasse würde eine solche Ansicht glatt als Defätismus beschimpft:

Aber immerhin, hier wird nicht einfach Geschehenes nachgekaut, man wagt sogar einen «Blick» in die Zukunft.

Der zweite grosse Medienkonzern CH Media verwendet die Stimme der journalistischen Allzweckwaffe Inna Hartwich. Die schreibt für die «Stuttgarter Nachrichten», die «taz» und alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist:

Sie schreibt nicht nur für diverse Organe, sie will auch zehn Sprachen fliessend sprechen und berichtet gerne ebenfalls aus Peking. Das alles spricht natürlich für eine vertiefte und objektive Berichterstattung, was man auch den Titeln ihrer jüngsten Werke entnehmen kann: «Heimatliebe steht jetzt auf dem Stundenplan», «Vorhang auf für Putins Propagandashow».

Und was sagt die Stimme der Vernunft und des gepflegten Nachdenkens?

Wunder gibt es immer wieder, trällert die alte Tante, sie fordert zwar nicht «Germans to the front», die NZZ ermahnt aber unseren Nachbarn im Norden streng, dass er gefälligst mehr Waffen liefern solle. Etwas unsensibel, da die letzten Waffenlieferungen der Deutschen vor rund 80 Jahren in der Ukraine nicht so gut ankamen. Da tobten nämlich die deutschen Barbaren, fleissig unterstützt von ukrainischen Kollaborateuren und lokalen Faschisten, während die Rote Armee unter gewaltigen Opfern die Ukraine vom hitlerdeutschen Joch befreite. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte, und wir leben in geschichtsvergessenen Zeiten.

In der «Weltwoche» hingegen zeigt sich immer deutlicher, was alles geplaudert wird, wenn sich niemand traut, dem Chefredaktor, Verleger, Herausgeber und Besitzer das Mikrophon wegzunehmen:

Ist schon schrecklich, was so passiert, wenn die Nato provoziert. Da sieht sich doch selbst der friedlichste Autokrat im Kreml gezwungen, mal alle Verträge zu brechen und präventiv ein Land zu überfallen. So wie es keinen Krieg ohne Putin gibt, gebe es auch keinen Frieden ohne ihn, weiss Roger Köppel.  Dafür wird auch er verleumdet von den Medien. Aber hier nicht. Wir machen uns nur ein wenig über ihn lustig.

 

Fürs Falsche demonstrieren

Eine Meldung und ihre Geschichte.

In Prag haben nach offiziellen Schätzungen rund 75’000 Menschen an einer Demonstration teilgenommen. Und niemand schaut hin. Niemand? Doch, zunächst muss man dem «Blick» ein Kränzlein winden:

Zwar die Anzahl leicht tiefer gelegt, und gleich mit der Meinung eines Gegners der Veranstaltung garniert, statt vielleicht eine Forderung oder Position der Demonstranten wiederzugeben. Aber immerhin.

Es ist auch nicht so, dass diese gewaltige Manifestation in den Medien nicht zur Kenntnis genommen worden wäre:

Allerdings fällt hier auf, dass ausschliesslich Medien aus Deutschland versammelt sind. In der Schweiz haben immerhin die SDA, nau.ch und bluewin.ch berichtet. Wenn wir allerdings das Augenmerk auf unsere grossen Qualitätsmedien richten, dann sieht die Berichterstattung so aus:

Tamedia, CH Media, NZZ: nichts. Mattscheibe. So zumindest der Stand am Montagmorgen.

Ob das daran liegt, dass Plakate getragen wurden, auf denen stand: «Das Beste für die Ukraine und zwei Pullover für uns»? Ob das daran liegen mag, dass eine beeindruckende Menschenmenge der Meinung Ausdruck gab, dass die Tschechei die Ukraine gegen Russland unterstütze, schon 400’000 Flüchtlinge aufnahm, aber nichts für die Unterstützung der eigenen Bevölkerung tue, die unter steigenden Energiepreisen leide?

Der tschechische Ministerpräsident verurteilte natürlich die Demonstration: «Es ist klar, dass es auf unserem Territorium russische Propaganda und Desinformationskampagnen gibt und manche Personen einfach darauf hören.»

Sollte es in der Schweiz zu ähnlichen Unmutsäusserungen kommen: wetten, dass das dann auch die Position der sogenannten Leitmedien sein wird? Die sich aber vorläufig in vornehmes Schweigen hüllen. Denn was es wert ist, berichtet zu werden, das bestimmt immer mehr die ideologische Scheuklappe, weniger die Wirklichkeit.

Wumms: Fabian Hock

Der «Co-Leiter Ausland» zeigt, wo’s langgeht.

CH Media, der Wanner-Konzern mit den meisten Kopfblättern in der Schweiz, verfügt über eine gut bestückte Auslandredaktion. Sie wird von zwei Leitern geleitet. Die leiten sich allerdings nur selbst, denn sie sind die gesamte Auslandredaktion. Wahrscheinlich haben sie die Welt untereinander aufgeteilt. Ich die obere Hälfte, du die untere. Oder so.

Zu Fabian Hock weltumspannenden Gebiet gehört offenbar Taiwan. Oder aber, sein Co-Leiter ist gerade in den wohlverdienten Ferien, und auf den Schultern von Hock lastet die ganze Welt. Das lässt er den Leser spüren, denn Hock spricht über «die bedrohten Demokratien in der Ukraine und Taiwan». Er fordert uns alle, wie wir im Westen leben, dunkel, aber ultimativ im Titel auf: «Diese Frage muss der Westen nun beantworten».

Also gut, hier spricht der Westen und antwortet. Auf welche Frage schon wieder? Da lässt Hock den Westen ganz schön lange zappeln, bis er endlich die Frage stellt, die beantwortet werden muss:

«Haben die kleinen, bedrohten Demokratien genug moderne Waffen, um sich selbst zu verteidigen?»

Nun, wenn wir da mal die Schweiz als Beispiel nehmen: eher nein. Aber Hock meint natürlich das ferne Ausland: «Das ist derzeit die entscheidende Frage im Konflikt zwischen Demokratie und Autoritarismus. Es ist am Westen, sie zu beantworten.»

Also gut, stellvertretend für den Westen sagt ZACKBUM: nein, haben sie nicht. Damit wäre die Frage beantwortet und wir könnten uns wieder wichtigeren Dingen zuwenden. Der Inflation. Der Altersversorgung. Der 10-Millionen-Schweiz. Dem Niedergang unseres wichtigen Handelspartners Euro-Zone. Aber zuvor müssen wir Hock noch eine Frage stellen: Welche Demokratien meint er genau?

Ach, die Demokratien Ukraine und Taiwan. Ist die Ukraine wirklich eine Demokratie? Ist ihr Präsident Selenskij ein lupenreiner Demokrat? Oder ist er nicht vielmehr ein autoritärer Herrscher in einem Land, in dem eine genauso rigide Medienzensur herrscht wie in Russland. In einem Land, das männliche Einwohner nicht verlassen dürfen. In einem Land, in dem das Parlament keine Rolle mehr spielt. Er ist als Marionette eines ukrainischen Oligarchen an die Macht gekommen, der so seine kleinen Probleme mit dem Verschwinden von über einer Milliarde Dollar regeln wollte. Dieses klitzekleine Problem hatte den Oligarchen nämlich ins ausländische Exil getrieben, und er wollte gerne wieder zurück. Also kaufte er Selenskij die Präsidentschaft, Problem gelöst.

Und Taiwan? Dort herrschte von 1949 bis zu seinem Tode im Jahr 1975 der Militär und Diktator Chiang Kai-Sheck, der niemals seinen Anspruch auf die Herrschaft über ganz China aufgab. Bis 1992 wurde Taiwan mittels Einparteiendiktatur geführt, völlig wesensähnlich mit Festlandchina. Verfolgungen, Umerziehungslager, willkürliche Verhaftungen, Todesurteile. Taiwan glich lange Jahre politisch Festlandchina wie ein Ei dem anderen. Erst 1996 wurde das erste Mal ein Präsident gewählt. Zweither wechseln sich zwei Parteien an der Macht ab; die Vergangenheit ist bis heute nicht aufgearbeitet.

Ist also Taiwan eine Demokratie? Nach rund 25 Jahren kann man vielleicht von einem Land sprechen, das unterwegs ist in Richtung Demokratie. Zum Vergleich: Deutschland hat seit 1949 eine parlamentarische Demokratie, die seit 1990 fürs gesamte, wiedervereinigte Land gilt. Man kann sie kaum als so gefestigt wie beispielsweise die schweizerische, englische oder US-amerikanische bezeichnen.

Wenn also Hock ungehemmte Waffenlieferungen an die Ukraine und Taiwan fordert und das damit begründet, dass Demokratien gefährdet seien, liegt er falsch. Ausser ein paar kleinen Inseln, Haiti und dem Vatikan bestreitet kein einziger Staat der Welt den Alleinvertretungsanspruch von Festlandchina über ganz China, inklusive Taiwan. Obwohl die Insel erst seit ein paar Jahren davon Abstand genommen hat, ihrerseits einen Alleinvertretungsanspruch über ganz China zu erheben. Obwohl Taiwan viele Jahre lang die Basis für subversive Aktionen gegen Rotchina im Kalten Krieg war.

Wer für Waffenlieferungen an Taiwan eintritt, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes gröblich einzumischen. Wer Waffenlieferungen an die Ukraine befürwortet, unterstützt damit die Gegenwehr eines überfallenen Landes. Aber sicherlich keine Demokratie.

Mode-Porno in der «Vogue»

Es gibt Shabby* Chic und es gibt schäbige Kriegsmode.

Neues aus der Welt der Schönen: «Vogue» wird Porno. Das beweist eine Modestrecke aus der ukrainischen Hölle.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Eine Stylistin, zwei Assistenten, natürlich eine Make-up-Artistin, eine Friseuse fürs Haar, eine Produzentin, drei Fixer, also Möglichmacher, und dann noch die Star-Fotografin Anne Leibowitz. Das Modeblatt «Vogue» hat keinen Aufwand und keine Kosten gescheut, um schonungslos aus der Kriegshölle der Ukraine zu berichten. Es wurden aber nicht Verwundete geschminkt, Leichen frisiert oder fesche Uniformen stylisch aufgemotzt.

Nein, «Vogue» hebt Olena Selenska aufs Cover, die Gattin des ukrainischen Präsidenten. Das hat bei dem Blatt Tradition; vor einigen Jahren durfte auch mal Asma al Assad edel fotografiert über die Güte ihres Mannes, des syrischen Diktators Assad, schwadronieren. Kurz bevor Syrien zum Schlachthaus wurde.

In der Ukraine wird seit Ende Februar geschlachtet, aber Präsident Selenskij ist ja nicht Assad, sondern ein Held. Und an der Seite jedes Helden steht eine heldenhafte Gattin, logo. Also rollt «Vogue» überall ein Modeporträt der Gattin aus. Auf Englisch, Deutsch, Ukrainisch, in allen Weltsprachen.

Wunderbar illustriert mit geschmacklosen Fotos von Leibowitz. Olena vor Sandsäcken. Olena mit einer Gruppe ukrainischer Soldaten vor einem zerschossenen Flugzeugwrack. Olena Hand in Hand mit dem Präsidenten. Olena an den Präsidenten geschmiegt. Perfekt ausgeleuchtet, perfekt gekleidet, perfekt frisiert, das Make-up sitzt perfekt.

Wahrscheinlich wurden auch die Sandsäcke farblich assortiert, die Uniformen der Soldatinnen frisch aufgebügelt. Der Präsident trägt sein olivgrünes T-Shirt, sein Markenzeichen.

Screenshot aus der «Vogue».

Und was sagt Olena denn so? «Wir freuen uns auf den Sieg.» – «Ich bitte um Waffen», sagt  sie auch. Nicht für sich, denn Olena kämpft mehr mit den Waffen einer Frau. So schwärmt die Modeschreiberin:

«Während unserer beiden Gespräche in Kiew erweist sich Selenska als direkt, würdevoll, elegant, eine diskrete Förderin ukrainischen Designs. An einem Tag trägt sie eine ecrufarbene Seidenbluse mit einer schwarzen Samtschleife um den Hals und einen schwarzen, halblangen Rock, ihr aschblondes Haar zu einem lockeren Dutt hochgesteckt. Am nächsten Tag erscheint sie mit ausgestellten Jeans, robusten weißen Sneakern mit gelben und blauen Details – eine Anspielung auf die ukrainische Flagge.»

Dann wird die Autorin kurz völlig geschmacklos:

«Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass das Hemd denselben rostigen Farbton hat wie die ausgebrannten russischen Panzer»,

flötet sie.

Es gibt Betroffenheitspornos. Ein Journalist heuchelt Anteilnahme am Sterben eines Krebskranken. Es gibt Sozialpornos. Ein Reporter lebt eine Woche mit Obdachlosen auf der Strasse. Es gibt Politpornos. Ein Autor himmelt einen Regierenden an, der unter der schweren Last seiner Verantwortung nicht zusammenbricht.

Am widerlichsten sind allerdings Modepornos. Eine aufgebrezelte Präsidentengattin vor einem zerschossenen Flugzeug, umgeben von drei im goldenen Schnitt hindrapierten ukrainischen Soldatinnen? Leider sieht man unter den Helmen nicht, was die Friseuse hingezaubert hat, und schwarze Sonnenbrillen verdecken das Werk der Make-up-Artistin. Aber das ist ja auch nur Staffage. Gefasst unter dem hingefönten Haar schaut die Präsidentengattin in die Zukunft, leicht fröstelnd umfasst ihre Hand den Kragen des modisch langen Mantels. Dunkelblau, sicher Cashmere oder Merino-Wolle; leider gibt die «Vogue» keine Hinweise, wo die modebewusste Dame sich das Stück kaufen kann. Reinigungstipps wären auch erwünscht; kriegt man da Blutspritzer einfach so raus?

Wir sind schon eine leicht dekadente Gesellschaft. Wie es aber angeblich zurechnungsfähigen Redakteuren eines Fashionblatts einfallen kann, einen aufwendigen Modeporno in der Ukraine zu veranstalten, das hat schon etwas Spätrömisches. Das reizt nicht die Sinne, sondern löst Brechreiz aus.

 

*Auf Leserhinweis korrigiert.

Verbal-Amok Kornelius

Russentag auf ZACKBUM. Mal wieder ein tobender Teutone.

Die zahlenden Leser von Tamedia haben’s nicht leicht. Ihr Verhalten wird in der Psychopathologie als Masochismus bezeichnet. Der Masochist bezahlt auch gerne dafür, dass er gequält wird.

Masochistische Lustschreie müssen jeweils die Kommentare des Brachial-Rhetorikers Stefan Kornelius auslösen. Der «Ressortleiter Politik» bei der «Süddeutschen» ist ein Büttel der «Atlantik Brücke», ein Meinungsträger vieler Herrn. Greift er in die Tasten, kann man sicher sein, dass überschiessende Meinung mit Faktenfreiheit zu einer ungeniessbaren Mischung verquirlt wird.

Diesmal nimmt sich Kornelius im krachledernen Stil den russischen Aussenminister vor:

Original in der SZ, …

… copy/paste im Qualitätskonzern Tamedia.

Gleich am Anfang legt Kornelius das Niveau niedriger: «Der russische Außenminister setzt Standards für alle aktiven Populisten und Demagogen, zu deren wichtigster Befähigung es gehört, Tatsachen in Lügen und Lügen in Tatsachen zu verwandeln. Lawrow ist so etwas wie die Verbalausgabe eines Spiegels: Was er von sich gibt, ist nur spiegelverkehrt korrekt

Nein, lieber Leser, Kornelius meint hier nicht das ehemalige deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» (siehe vorangehenden Artikel). Den Leerraum an Argumenten füllt Kornelius mit einer Verbalinjurie nach der anderen: «Es ist, als leide Lawrow unter einer Bewusstseinsspaltung … Ein Regime mit totalitären Zügen ist hingegen in Moskau an der Macht. Bedauerlicherweise ist seine Beseitigung nicht absehbar … Ziel von Demagogen ist es, die Köpfe zu verwirren oder durch die Widersprüchlichkeit von Aussagen eine Erschöpfung zu erzeugen.»

 

Solidaritätsfahrzeuge der ukrainischen Oligarchie.

Wahr gesprochen, auf Kornelius angewendet: «Lawrow reist mit seiner Botschaft durch Afrika – ohne Widerspruch aus dem Westen. Das muss sich ändern», dekretiert der Journalist vom Schreibtisch aus, den er mit einem Feldherrenhügel verwechselt. Denn er möchte Zerstörung und Leiden in der Ukraine verlängern: «Erstens ist es überflüssig, zu diesem Zeitpunkt über Verhandlungsoptionen zu reden. … Dieser Krieg wird enden, wenn er von Russland nicht mehr militärisch gewonnen werden kann.» Das kann aber noch eine ganze Weile dauern; die entsprechenden Verluste sind Kriegsgurgel Kornelius egal, solange die Heizung in seiner Stube auch im kommenden Winter funktioniert.

Hübsch ist auch diese Bemerkung, dass es dem russischen Aussenminister Lawrow «entgangen» sei, «dass es sich bei dem vermeintlichen Regime in Kiew um eine demokratisch gewählte Regierung handelt». Wer einen durch einen Oligarchen gekauften Wahlsieg in einem hochkorrupten Land ohne grosse demokratische Tradition oder Strukturen demagogisch so hochjubelt, kann eigentlich nicht ernst genommen werden.

Ein weiterer Vorwurf von Kornelius an den Faktenverdreher Lawrow: «Gerade machte er in Afrika die Ukraine für die ausbleibenden Getreidelieferungen verantwortlich.» Das ist in dieser Einseitigkeit natürlich absurd. Es als Vorwurf stehen zu lassen ohne darauf hinzuweisen, dass westliche Sanktionen die Düngemittelproduktion oder ihren Export ernsthaft gefährden, was viel dramatischere Auswirkungen als die paar Millionen in der Ukraine gelagerten Tonnen Getreide hat, ist dann aber auch nur eine spiegelverkehrte Halbwahrheit.

Die Meinungsblasenbildung in der Öffentlichkeit ist dermassen weit fortgeschritten, dass es wohl kaum mehr möglich ist, sich mit dieser Position gemütlich zwischen Stuhl und Bank einzurichten: Putins Überfall auf die Ukraine, inklusive Wortbrüchigkeit (Russland verpflichtete sich in internationalen Verträgen, die territoriale Integrität der Ukraine zu respektieren), ist unentschuldbar und durch nichts zu rechtfertigen. Er ist der Aggressor, verantwortlich für seinen Teil an Kriegsverbrechen, die in der Ukraine begangen werden. Zudem ist er ein militärischer Versager, der nicht die imperiale Stärke Russlands zeigt, sondern ein klägliches militärisches Schauspiel. Die Kollateralschäden seiner unbedachten Handlungen sind unabsehbar und werden Russland noch über Jahrzehnte beschädigen.

Das gesagt, ist weder die Ukraine, noch ihr Präsident eine Lichtgestalt an demokratischen Werten und heldenhaftem Widerstand. Unsere Freiheit und Demokratie wird weder am Hindukusch, noch in der Ostukraine verteidigt. Während die russischen Oligarchen zunehmend unter westlichen Sanktionen leiden – unbeschadet, ob sie Putin-Unterstützer sind oder nicht –, feiert die ukrainische Oligarchie rauschende Feste aller Orten; gerne auf dem Gebiet von Ex-Jugoslawien, geballt in Istrien. Dort kann der aufmerksame Beobachter davon ausgehen, dass an schweren SUV, schnellen Luxussportwagen oder protzigen Mercedes auf dem Nummernschild meistens ein UA prangt. UA für Ukraine.

Das gesagt, wird sich die Blindheit des Westens einmal mehr rächen, wenn all die Kriegsgurgeln und Hilfswilligen zur Kenntnis nehmen müssen, dass das Opfer der russischen Aggression keineswegs so unschuldig ist, wie es sich selbst gerne darstellt. Während viele hilfswillige Gutmenschen im Westen, auch in der Schweiz, ukrainische Flüchtlinge bei sich aufnehmen, brettert die ukrainische Oligarchie fröhlich mit ihren Luxusschlitten durch die Gegend. In solcher Zahl, dass es diverse Instagram-Accounts gibt, die sich dem Hobby verschrieben haben, möglichst viele solcher obszönen Schaustücke ungehemmten Reichtums zu fotografieren. Denn Schamgefühl, Mitgefühl, Solidarität mit den Kämpfern in der Ukraine – was ist das.

Vielleicht sollte sich Brachial-Schwätzer Kornelius mal ein Weilchen auf solchen Fotosammlungen herumtreiben. Aber der Mann ist gegenüber der Realität beratungsresistent.

Kornelius: His Master’s Voice

Kriegsgurgel Stefan Kornelius wendet sich ans Schweizer Volk. Tamedia sei Dank.

© Fotografie: Roland Schmid, 13Photo

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Der Ressortleiter Politik bei der «Süddeutschen Zeitung» ist der wohl bestvernetzte deutsche Journalist. Mitglied der «Atlantik Brücke», der «Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik», im Beirat der «Bundesakademie für Sicherheitspolitik». Schon vor Jahren wurde dieses Spinnennetz in der Satiresendung «Die Anstalt» kritisch durchleuchtet.

Bei Kornelius kann man sich also immer sicher sein, dass er im Auftrag eines Herrn schreibt. Welcher, ob USA, Deutschland oder ein anderer, das kommt dann von Fall zu Fall darauf an.

ZACKBUM musste sich schon mal mit diesem tobenden Teutonen befassen und kommentierte damals:  Ein schlecht abgehangenes Stück perfider Polemik. Dümmlicher Demagogie. Kriegshetze im knarrenden Kasernenhofton.

Im gleichen Geist, nur bildungstechnisch höhergelegt, meldet sich Kornelius mit einem «Essay zur Kriegsführung» zurück. Hier lässt er zunächst Sun Tsu, von Clausewitz, alte und neue Militärdoktrinen wie das «chicken game» auf die Leser regnen. Auch hier ist er Herr der markigen Töne: «Clausewitz, der Napoleons Russlandheer im eigenen Blut ertrinken sah, versuchte, den Krieg mit Regeln zu systematisieren.»

Und der neuen Erkenntnisse, bislang dachte man immer, Napoleons Russlandfeldzug sei in erster Linie an der Kälte und der russischen Strategie der Raumopferung gescheitert.

Unterwegs in tiefer Ratlosigkeit

Vielleicht liegt es an dieser Verwirrung, dass dann allgemeine Ratlosigkeit bei Kornelius ausbricht: «Sun Tsu, Clausewitz, nuklearer Zweitschlag: Nach aller Erkenntnis der Kriegskunde müsste Putins Armee schon lange besiegt sein.» Da sie das aber offensichtlich nicht ist, sei das «der Augenblick, wo Düsteres dämmert. Wo Ratlosigkeit in den Köpfen rattert wie Eisenbahnachsen auf ukrainischem Gleis. Was passiert hier eigentlich? Welches Jahrhundert schreiben wir? Kann dieser Krieg überhaupt enden? Und wie

Lassen wir die Achsen, die Räder rattern und rollen bis zum Sieg, denn nun wendet sich Kornelius kurz dem Krieg als ewigen Begleiter des Menschen zu. Wobei, ein Psychologe habe nachgewiesen, «dass besonders Soldaten aus friedfertigen und gerechten Gesellschaften eine natürliche Hemmung im Kampf entwickeln.» Während Soldaten aus unfriedlichen und ungerechten Gesellschaften wie Russland natürlich barbarisch vorgehen. Dafür entfaltet Kornelius einiges an Sprachgeklapper:

«Der Angriff gilt Zivilisten wie Uniformierten, und die Invasoren spielen auf der Klaviatur der Gräuel, als hätten sie schon immer gebrandschatzt, geplündert und vergewaltigt. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat keine Armee in Europa derart gewütet. Die Hemmungslosigkeit der russischen Streitkräfte wird gedeckt vom Vernichtungsdrang ihrer Führung. Es ist diese blutige Rohheit, die an die Tradition der Kosaken-Einheiten des zaristischen Russlands erinnert – freie Reiterheere, Krieger-Clans, Männerbünde aus der Steppe, die alle Konventionen des Krieges unterboten und für Grausamkeit im Kampf sorgten.»

Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde der russische Soldat nicht mehr so als vertierter Untermensch dargestellt. Während hier also der Barbar, das unzivilisierte östliche Kriegstier rast und wütet, sehen kriegerische Handlungen der westlichen Führungsmacht ganz anders aus:

«Die USA sind zwar ohne Eroberungsabsicht in den Irak gezogen – aber dennoch gescheitert. Afghanistan war eine gewaltige Anstrengung zur Befriedung und Terrorbekämpfung – das Land hat sich erholt und ist dennoch in die Klauen der alten Kräfte gefallen.»

Geschichtsumschreibung bis zur Lächerlichkeit

Was für ein Unsinn. Die USA fielen völkerrechtswidrig unter dem erlogenen Vorwand, der Irak besitze chemische und biologische Massenvernichtungswaffen, in das Land ein, um die Kontrolle über seine Ölreserven zu bekommen. Dass sie zuvor den Diktator jahrelang im blutigen Krieg gegen den Iran unterstützt hatten, was soll’s. Und Afghanistan? Dort hatten die USA durch die Unterstützung fundamentalistischer Wahnsinniger gegen die Sowjetunion eine Terroristenbrut herangezüchtet, die sich nun gegen ihren Ausrüster wandten.

Die reichlich gelieferten Stinger-Rakten schossen dort nicht mehr sowjetische Kampfhelikopter ab, sondern amerikanische. Zweimal haben die USA ein sinn- und zweckloses Desaster mit unübersehbaren Folgen angerichtet. Die Gräueltaten der angeblich natürlich gehemmten US-Soldaten waren schon hier ohne Zahl, aber überschattet werden sie von dem wohl schmutzigsten Krieg, der in der Neuzeit geführt wurde.

Das Beispiel eines der grausamsten, sinnlosesten und barbarischsten Kriege der Neuzeit lässt Kornelius aussen vor: den Vietnamkrieg. Mehr Bomben als im Zweiten Weltkrieg, unter den Folgen der kriminellen chemischen Kriegsführung mit Agent Orange leiden heute noch Millionen, ohne jemals auch nur einen Cent Wiedergutmachung bekommen zu haben – wenn sie Vietnamesen sind.

Der Krieg wurde auf Laos und Kambodscha ausgeweitet, durchgedrehte US-Generäle wollten sogar Atomwaffen einsetzen, um mit den Schlitzaugen, den Kommunisten in Vietnam fertigzuwerden. Die Kriegsverbrechen der USA waren ohne Zahl – und blieben ungesühnt. Denn nur Verlierer kommen an die Kasse, die Supermacht USA konnte sich aus jeglicher Verantwortung stehlen und auf Urteile von Menschengerichtshöfen pfeifen – man ist ja nicht mal Mitglied bei diesen Organisationen.

Vietnam und Ukraine, viele Parallelen

Die Parallelen zur Ukraine liegen eigentlich auf der Hand. Imperiale Gelüste, die angebliche Eindämmung einer Bedrohung, im Falle Vietnams durch die Dominotheorie: falle ein Land in die Hand des Kommunismus, fielen die umgebenden auch. Im Falle der Ukraine durch die Befürchtung, dass damit die NATO an den Unterleib Russlands heranrücke und andere Ex-Staaten der UdSSR auf ähnliche Gedanken kämen.

Zum Schluss seines ellenlangen Essays rafft sich Kornelius nochmal zum Diskant auf und beginnt mit einer Erinnerung an Vietnam:

«Es war unklar, was den Vernichtungswillen des Präsidenten im Weissen Haus befriedigte. Sicher ist, dass die Suche nach dem Kriegsziel an die Grenze zum Wahnhaften führte. Von dort war es nicht mehr weit zum Tennoismus und dem totalitären Abgrund, dem Asien schon einmal nur knapp entkommen war. Jedenfalls brach dieser Überfall mit den klassischen Vorstellungen der Kriegsführung. Er war zu wahnwitzig dimensioniert, um gelingen zu können. Aber er war unberechenbar genug, um jeden Tag Furcht und Schrecken zu erzeugen.»

Oh, Pardon, unser Fehler. Statt Imperfekt Präsens einsetzen. Ersetzen Sie zudem Präsident mit «Potentat im Kreml»,  den japanischen Tenno durch «Hitlerismus» und Asien mit «Europa». Dann macht es zwar keinen Sinn mehr, ist aber ein Originalzitat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wumms: Sascha Britsko

«Verhandlungen» seien «Kapitulation», behauptet die Tamedia-Redaktorin.

Im Gegensatz zu ihrem Geburtsland Ukraine herrscht in der Schweiz Meinungsfreiheit. Sie umfasst auch unsinnige, dumme, falsche oder geschichtsvergessene Meinungen. Es ist allerdings eine weitere Scharte im Qualitätsmanagement von Tamedia, dass es die Meinung «Sind Sie noch ganz bei Trost?» veröffentlichen liess.

Britsko beginnt mit einer vermeintlich grossartigen historischen Analogie. Frankreich wolle die 1815 der Schweiz angegliederten französischen Teile zurückerobern. Es entstehe ein zermürbender Kampf; Deutschland und Italien forderten die Schweiz zu Verhandlungen auf. Eine Meinungsumfrage von RTL in Deutschland ergebe, dass 41 Prozent gegen die Abgabe der Romandie um des Friedens willen sei, 47 Prozent hingegen dafür.

Aber die Schweizer sagten: «Sind Sie noch ganz bei Trost?» Und kämpfen laut dieser Logik weiter bis zur Selbstzerstörung.

Mit historischen Vergleichen ist es immer so eine Sache. 1798 eroberte Napoleon tatsächlich die Schweiz. Daraus entstand die Helvetische Republik, die Keimzelle einer modernen Schweiz. Wer damals zu bedingungslosen Widerstand gegen die weit überlegenen französischen Truppen aufforderte, war nicht ganz bei Trost.

Oder nehmen wir ein moderneres Beispiel. Alle Versuche, den Gröfaz und seine Kamarilla von ergebenen Generälen davon zu überzeugen, dass nur Verhandlungen Deutschland vor der vollständigen Niederlage – und weitgehenden Zerstörung – bewahren könnten, wurden abgeschmettert; wer nicht bis zuletzt an den Endsieg glaubte, war nicht ganz bei Trost. Oder gar ein Defätist, dem Tode geweiht.

Grosses Foto eines kleinen Toren, kleine Gedanken einer Redak-Torin.

So sagt der ukrainische Ministerpräsident Denis Schmihal in einem Interview mit Tamedia allen Ernstes: «Unsere Waffen schweigen erst, wenn wir das gesamte ukrainische Territorium zurückerobert haben.»

Wieso aber fordern denn heutzutage Verpeilte und Verwirrte wie viele deutsche Intellektuelle oder die SVP-Politikerin Martullo-Blocher oder Roger Köppel Verhandlungen mit Russland? Britsko weiss es: «Die Ukraine soll auf einen Teil ihres Landes verzichten, damit sich das Leben in Europa normalisiert. Damit wir die Heizung im Winter nicht auf 20 Grad herunterdrehen müssen. Damit wir nicht zwei Franken für einen Liter Benzin bezahlen müssen.»

Abgesehen davon, dass wir bereits 2.50 für einen Liter Kraftstoff zahlen: was für eine bösartige Unterstellung. Aber Britsko hat noch mehr wunderliche Vergleiche zur Hand: «Das Problem bei diesem irrsinnigen Vorschlag ist die fehlende Logik: Wir wollen einem Bankräuber Geld schenken, damit er die Bank nicht ausraubt.» Ein richtiger Vergleich wäre: Man bietet dem Bankräuber Verhandlungen an, wenn er sich in der Bank mit Geiseln verschanzt. Laut Britskos Logik müsste man stattdessen beim gewaltsamen Eindringen das Leben der Geiseln riskieren.

Zum grossen Bedauern Britskos sagt auch der grösste noch lebende Macht- und Realpolitiker Henry Kissinger, dass man in Territorialverhandlungen eintreten müsse. Auch der weltberühmte Linguist Noam Chomsky bringt die Sache auf den Punkt: ein Krieg endet entweder mit der völligen Vernichtung einer der beiden Kriegsparteien – oder mit Verhandlungen.

Will man die bösartigen Unterstellungen Britskos auf sie selbst anwenden, müsste man sagen: sie will offenbar die völlige Zerstörung der Ukraine. Denn das bedeutet ihre irrsinnige Kritik an Forderungen nach Verhandlungen.