Wumms: Björn Höcke

Ist wenigstens er «gesichert rechtsextrem»?

Roger Köppel hat mal wieder eines seiner bis zur Ohrenlähmung langatmigen Interviews mit dem «AfD-Strategen» Höcke geführt. Hier gibt sich die führende Stimme der Partei als Elder Statesmen. Er plädiert für «menschliche Empathie», beschwört den «Normalzustand, miteinander zu reden», spricht sich für «Meinungspluralismus» aus, fordert ein Ende der «Meinungsmanipulation» und auch der EU.

Ist er hier Wolf im Schafspelz, der sich vor einem Stichwortgeber und einverständig nickenden Köppel aufspreizen kann? Oder ist er halt doch ein angebräunter Extremist?

Zunächst einmal: schon bei diesen Begrifflichkeiten fängt die Meinungsmanipulation an. Denn «gesichert rechtsextremistisch» ist kein gesetzlich definierter Rechtsbegriff. Sondern der deutsche Verfassungsschutz unterscheidet zwischen einem «Prüffall», einem «Verdachtsfall» und einer «erwiesen rechtsextremistischen Bestrebung». Das wird dann in den Medien knackig zu «gesichert rechtsextrem» verkürzt und umformuliert.

Aber unabhängig davon, verwendet Höcke ein Vokabular, das ihn ideologisch im braunen Sumpf verortet? Da wäre mal das «Denkmal der Schande». So bezeichnete Höcke in einer Rede von 2017 das Berliner Holocaust-Denkmal. Als das Gegenwind gab, versuchte er eine Umdeutung, dass nicht das Denkmal selbst eine Schande sei.

Allerdings verlangte er auch eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad», also eine Abkehr von der Erinnerung an die bis heute identitätsstiftenden Schuld durch die ungeheuerlichen Verbrechen von Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.

In Verteidigung des AfD-Projekts einer «Remigration» sprach Höcke von einer «Politik der wahltemperierten Grausamkeit. Das heisst, dass sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.»

Er setzt noch einen drauf:

«Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind», sich der von ihm behaupteten «Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung» zu widersetzen. Danach erwartet er, dass noch genügend Angehörige «unseres Volkes» übrig seien, um ein neues Kapitel deutscher Geschichte aufzuschlagen.

Ziemlich übel ist auch: «Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.»

Da gäbe es halt einen «Aderlass»; um einen «Volkstod durch Bevölkerungsaustausch» zu vermeiden, müsse man sich von «brandigen Gliedern trennen».

Diese Vorstellung von einem gesunden deutschen (oder arischen) Volkskörper, der von Schädlingen befreit werden muss, ist eindeutig ein Echo rassischer Wahnvorstellungen von Hitler-Nazis.

Es wäre sicherlich hilfreich, wenn Köppel in seinen immer wieder stattfindenden Akklamations-Interviews Höcke dazu bringen würde, die Verwendung dieser Begrifflichkeit zu erklären – oder sich allenfalls davon zu distanzieren.

In Deutschland herrscht – im Rahmen der Schuld-Kultur, wie die AfD sagen würde – tatsächlich eine ausgesprochen hohe Sensibilität gegenüber Formulierungen, die nicht nur in den Alpträumen von Linken wie ein Echo aus tiefbrauner Vergangenheit tönen.

Nicht nur Höcke verursacht da grosses Gebrüll. Unvergessen die Paulskirchenrede des Schriftstellers Martin Walser. Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagte der angesehene Autor:

«Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.»

Er sprach von einer «Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken». Seine Kritik am damals erst geplanten Holocaust-Denkmal war ebenfalls scharf: Er bezeichnete es als «fussballfeldgrossen Alptraum» und sprach von einer «Monumentalisierung der Schande».

Natürlich gab das strengen Gegenwind. Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, erhob den schweren Vorwurf, Walsers Rede sei «geistige Brandstiftung». Dieser Begriff wurde seit 1849 in der politischen Debatte verwendet, natürlich auch von den Nationalsozialisten.

Ist also Höcke, vielleicht in der Tradition von Walser, ein geistiger Brandstifter, gegen den und gegen seine Partei zu Recht eine Brandmauer errichtet werden muss?

Oder holzschnittartig, ist Höcke ein Faschist, faschistoid, ein Vertreter des Ungeists dunkelbrauner Zeiten, ist sein Denken angebräunt, völkisch-nationalistisch, rückwärtsgewandt, träumt er von einem gesunden Volkskörper, der von rassenfremden Elementen befreit werden müsse?

Da er zweifellos nicht blöd ist, zündelt er zumindest ganz bewusst mit diesen Begrifflichkeit. 2021 beendete er eine Wahlkampfrede in Sachsen-Anhalt mit dem Ausruf: «Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland.»

«Alles für Deutschland» war eine Losung der SA; sie war auf ihren Dolchen eingraviert. Obwohl Höcke als ehemaliger Geschichtslehrer behauptete, ihm sei die Herkunft des Begriffs nicht bekannt, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt, weil in Deutschland auch die Verwendung von Parolen verfassungswidriger Organisation verboten ist.

Im Dezember 2023 – das Strafverfahren war bereits eingeleitet –, endete er bei einer Rede mit «Alles für …» und animierte das Publikum, den Satz mit «Deutschland» zu vollenden. Für diese Provokation kassierte er eine zweite Geldstrafe. Beide Verurteilungen sind inzwischen rechtskräftig.

Die Wiederholung der Verwendung einer SA-Parole belegt zumindest, dass Höcke tatsächlich ein Biedermann und Brandstifter ist.

Zumindest gäbe es Erklärungsbedarf, ob er mit solchem Nazi-Vokabular einfach den braunen rechten Rand der AfD bei Laune halten will – oder selbst in dieser Ideologie verhaftet ist.

Volle Dröhnung

Gequatsche von Meinungspluralismus bei Tamedia. Reine Fake News.

Schöne Worte: «Unsere Leserinnen und Leser erleben jeden Tag Vielstimmigkeit», behauptet CEO Jessica Peppel-Schulz (oder ihr plappernder Avatar). «Vielstimmig statt eintönig», so die knackige Kampagne, dazu der «Forumscharakter».

Hohles Geschwurbel, das nichts mit der elenden Realität zu tun hat.

Obwohl alle Meinungsumfragen besagen, dass die Neutralität-Initiative abgelehnt wird, schiessen die angeblichen Qualitätsorgane, der Kopfblattsalat aus dem Glashaus an der Werdstrasse, aus allen Rohren dagegen.

Kaum hat sich Roger de Weck ausgeschwurbelt, der nicht mal den Unterschied zwischen Bismarck und Hitler kennt, sind schon die nächsten dran. Konzern-Journalist Andreas Tobler, eine Schande für seinen Beruf, und schon wieder Haudegen Sandro Benini interviewen den Historiker Thomas Maissen, über dessen unwissenschaftliche Parteilichkeit kein Zweifel bestehen kann.

Das macht schon der Titel-Quote klar: «Christoph Blocher ist ein Überzeugungstäter». Abgesehen davon, dass das auch auf Maissen zutrifft: na und? Was soll diese demagogische Null-Aussage? Wäre es besser, wenn Blocher seinen Überzeugungen nicht nachleben würde? Was ist das für ein jämmerliches argumentatives Niveau.

So geht’s dann ungebremst weiter:

«Es ist sicher nicht nur eine Pro-Putin-Initiative, aber an dem Vorwurf ist dennoch etwas dran … Das Plakat und die Argumentation finde ich verlogen … Wenn die Initiative abgelehnt wird, bleibt die Schweiz so, wie sie ist, also neutral.»

Um zu illustrieren, was er an Neutralität problematisch empfindet, greift er zu einer verstiegenen Analogie, was man tun sollte, wenn ein Rowdy in einem Tram eine Frau mit Kinderwagen zu vergewaltigen versucht. Was für ein erbärmliches Niveau einer Denunziation.

Schon zuvor hatte Chefredaktorin Raphaela Birrer in einem ihrer gefürchteten Editorials mit kläglichen Argumenten Gegnern der Initiative Anlass geboten, an deren Position zu zweifeln: «Blochers Taube bringt keinen Frieden».

Dazu erklären die beiden merkwürdigen Gestalten Krogerus und Tschäppeler, «warum man Fake News mit Richtigstellungen nicht ungeschehen machen kann», meinen damit aber leider nicht ihr eigenes Organ. Die ungeliebte italienische Ministerpräsidentin kriegt auch ihr Fett ab: «Giorgia Meloni hat Grund zum Feiern, ihr Land jedoch nicht». Eine von der SZ-Redaktorin Elisa Britzelmeier geliehene Meinung.

Im Vorbeilaufen bekommt auch ein Abweichler von der richtigen Linie eine reingewürgt: «Umtriebiger Zürcher Ex-Politiker: Daniel Jositsch auf allen (rechten) Kanälen». Das darf der (linke) Kanalarbeiter und Chefredaktor der Brachial-Postille «Tsüri» Simon Jacoby kommentieren: «Daniel Jositsch sei «rechts abgebogen» und bezirze rechte Wählerinnen und Wähler». Eine wahrlich tiefgründelnde Analyse aus der Ecke übelsten Gesinnungsjournalismus.

Was noch im ausgewogenen Forumsjournalismus? «Das Völkerkundemuseum will sich umbenennen». Ja was ist denn an diesem Begriff nicht gut? «Auch der Begriff «Völkerkunde» sei in mehrfacher Hinsicht fragwürdig, sagt Alice Hertzog, Direktorin des Museums, das zur Universität Zürich gehört.» Statt sich über diese absurde Behauptung lustig zu machen, zitiert sie Gregor Schenker ehrfürchtig. Noch ein Gesinnungstäter.

Schliesslich geht es nicht nur der Schweiz, sondern erst recht der Welt ganz schlecht. Insbesondere dem Wald: «Luciana Gatti weint um den Regenwald». Das wird ihm aber schwer helfen. Obwohl: «Der Amazonas stirbt». Wenn der das bloss wüsste.

Das ist eine Blütenlese von einem einzigen Tag Tagi online.

Wer da noch ernsthaft behaupten kann, hier herrsche Vielstimmigkeit und Meinungspluralismus, der macht sich sogar noch mehr lächerlich als die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi, die Rausschmeissen als Beitrag zur Qualitätssteigerung umfaselt.

Die vielen weiteren Gesinnungstäter wollen wir hier gar nicht erwähnen, es nähme kein Ende.

Wundert sich noch jemand, dass diesen Blättern die Leser in Scharen davonlaufen?

 

Index der zu verbietenden Wörter

Die katholische Kirche hat ihren Index der verbotenen Bücher aufgegeben. Ersatz muss her.

1966 verabschiedete sich die katholische Kirche endgültig vom Index Librorum Prohibitorum. Damit endete eine 1559 begonnene Tradition. ZACKBUM verfügt über die letzte Ausgabe.

Heutzutage sollten stattdessen eine ganze Reihe von Wörtern auf einen Index gesetzt werden. Damit würde einiges an keifigem verbalem Hyperventilieren verhindert, die Debatte etwas versachlicht.

ZACKBUM schlägt diese nicht vollständige Liste vor:

  • autoritäre Methoden / autoritär – sollte wenn schon an konkreten Merkmalen festgemacht werden
  • braun / braune Gesinnung / braune Truppe – kaum verhüllter Nationalsozialismusvorwurf
  • braune Zeiten / erinnert an braune Zeiten – NS-Analogie
  • demokratiefeindlich / antidemokratisch – belegungsbedürftige politische Wertung
  • diktatorisch / Diktaturmethoden – starke Analogie, bei demokratischen Institutionen schnell überzogen
  • extremistisch / Extremist – besonders heikel, wenn als Tatsachenbehauptung statt Werturteil verwendet
  • faschistisch / Faschist – schwerer politischer Vorwurf; Kontext und Tatsachengrundlage entscheidend
  • faschistoid – etwas abgeschwächt, aber eindeutig in derselben Assoziationssphäre
  • faschistoide Methoden / Tendenzen – ebenfalls erklärungsbedürftig
  • gesichert rechtsextremistisch – nicht einfach Synonym für „rechts“; bei Bezug auf eine behördliche Einstufung muss klar sein, wer genau wen so eingestuft hat und warum
  • Gleichschaltung / gleichgeschaltet – historisch stark NS-konnotiert; für Medien oder Institutionen besonders polemischer Vergleich
  • Goebbels-Methoden / Goebbels-Propaganda – extreme NS-Analogie
  • Hitler-Vergleich / wie Hitler – nur in sehr eng begründeten Zusammenhängen seriös
  • Hitler-Verharmloser – schwerer personenbezogener Vorwurf
  • Machtergreifung – historisch mit 1933 verbunden; für normalen demokratischen Regierungswechsel problematisch
  • Nazi / Nazi-Partei / Nazi-Methoden – bei heutigen Personen oder Parteien besonders schwerwiegend
  • nationalsozialistisch / nationalsozialistische Methoden – noch konkreter als „faschistisch“
  • neonazistisch / Neonazi – Tatsachenkern; nicht als beliebiges Schimpfwort verwendbar
  • NSDAP-Methoden / wie bei der NSDAP / erinnert an die NSDAP – unmittelbare Gleichsetzung bzw. Analogie
  • Propaganda – an sich legitimer Begriff, wird aber häufig als delegitimierendes Etikett statt analytischer Beschreibung eingesetzt
  • Putin-Versteher – Abwertung von jedem, der den Kreml-Herrscher nicht für einen irren Kriminellen hält
  • Putin-Partei – dafür reicht schon die Forderung nach Gesprächen mit Russland
  • Rassist / rassistisch – je nach Formulierung Werturteil mit oder ohne Tatsachenkern
  • rechtsextrem / Rechtsextremist – deutlich präziser zu begründen als «rechts» oder «rechtsradikal»
  • rechtsradikal – politikwissenschaftlich nicht deckungsgleich mit rechtsextrem
  • SA-Methoden / SA-Manieren – schwerwiegende Gewalt- und NS-Analogie
  • Stürmer-Stil / wie der Stürmer – Vergleich mit antisemitischer NS-Hetzpropaganda
  • totalitär / totalitäre Methoden – starke Systemqualifizierung
  • völkisch – historisch belastet, höchstens als politikwissenschaftlicher Begriff mit Beleg verwendbar
  • Weimarer Verhältnisse / wie in der Weimarer Republik – häufig historisch unscharf
  • Wiedergänger der Nazis / geistige Erben der NSDAP – besonders weitreichende historische Zuschreibung
  • wie 1933 / Zustände wie 1933 / erinnert an 1933 – maximal aufgeladene NS-Analogie
  • Zerstörer der Demokratie / Feinde der Demokratie – starke Wertung, die konkrete Handlungen oder Ziele voraussetzt

Allerdings stünden dann viele Dummschwätzer, ob dick oder doof oder beides, ziemlich wortlos und nackt da.

Oh je, Münger

Schon wieder hat die Qualitätskontrolle bei Tamedia versagt.

Kaum lobt man den Mann, rastet der Auslandchef ohne Ausland Christof Münger wieder völlig aus. Der Titel kommt noch harmlos daher. Münger meint, nach ihrem Erdrutschsieg solle die AfD in Sachsen-Anhalt regieren.

Das macht noch Sinn, aber dann kommt nur Unsinn.

Ein erstes Müsterchen. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) sei die logische Partnerin: «Endlich kann zusammenwachsen, was zusammengehört: Die Hitler-Verharmloser um Alice Weidel und die Alt-Stalinistin Sahra Wagenknecht – das passt

Zwei demagogisch aufgeladene Beschimpfungen, höchstens im äussersten Streubereich der Wahrheit. In der AfD gibt es tatsächlich einzelne Vertreter, die die Untaten der Nationalsozialisten relativeren wollen. Weidel gehört nicht dazu, und als Hitler-Verharmloser kann man nicht mal Björn Höcke bezeichnen.

Wagenknecht war früher Mitglied in der Kommunistischen Plattform innerhalb der PDS und verteidigte Errungenschaften der DDR. Dabei war sie weder Jung-, noch heute Alt-Stalinistin. Beiden Exponenten das zu unterstellen, grenzt an Rufmord.

Aber Münger kann noch mehr: «Und das nur kurz nach dem Jahrestag der totalitären Traumhochzeit der Weltgeschichte, dem Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939.»

Er meint damit den Molotov-Ribbentrop-Pakt, die geheime Neuordnung Osteuropas. Für Hitler war es eine taktische Zwischenlösung vor seinem Überfall auf die Sowjetunion, Stalin wollte Zeit gewinnen, bis dann am 22. Juni 1941 das Unternehmen Barbarossa begann, der faschistische Angriff. Das als «Traumhochzeit» zu bezeichnen, zeugt von einer erschütternden Unkenntnis der Geschichte.

Aber Münger in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. «Die AfD wie das BSW sehen im russischen Imperialismus einen Segen und in Wladimir Putin einen valablen Partner, bei dem sie wieder billiges Öl und Gas einkaufen wollen.» Zusammen mit Persönlichkeiten wie Alice Schwarzer hat Wagenknecht ein Friedensmanifest lanciert, das inzwischen von fast einer Million Deutschen unterzeichnet wurde. Weder sie noch die AfD kämen auf die abstruse Idee, im russischen Imperialismus einen Segen zu sehen.

Dazu käme ein «nationalistisch unterfütterter Hass auf die EU und vor allem auf die Militärallianz», plus ein «tiefsitzender Antiamerikanismus», dem allerdings auch Münger frönt, wenn er über Trump herzieht.

Nun erreicht er erst seine Betriebstemperatur: «Wenn eine extremistische Partei, im konkreten Fall der «gesichert rechtsextreme» AfD-Landesverband in Sachsen-Anhalt, an die Macht kommt, könnten die Folgen fatal sein.» Offenbar so fatal, dass sich Münger gar nicht traut, auch nur eine Folge auszumalen.

Nach dem Erreichen der Betriebstemperatur gibt er noch mehr Dampf, bis der Kessel platzt: «Allerdings würde einer Koalition von Sonnyboy Siegmund mit dem linksradikalen BSW von Wagenknecht das Gütesiegel einer demokratischen, bürgerlichen Partei fehlen.»

Nun ist Siegmund plötzlich kein angebräunter Rechtsnationaler mehr, und Wagenknecht plötzlich eine Linksradikale.

Gut, es ist mal wieder nur eine «Meinung». Die Meinung eines verirrten und verwirrten Geistes. Eines Weltbetrachters, dem die Ehrlichkeit fehlt, einfach zu schreiben: ich habe keine Ahnung, was hier passiert, möchte raunen und warnen, zwei Parteien ungehemmt beschimpfen und fasle dafür am Schluss noch von einem «Gütesiegel» einer demokratisch-bürgerlichen Partei.

Das hingegen ist echt lustig. Denn wenn man im Gegensatz zu Münger Logik anwendet, bedeutet das, dass in der Schweiz der SP, den Grünen und allen Alternativen dieses Gütesiegel auch fehlt.

Allerdings nur in der Parallelwelt, in der sich Münger rettungslos verschreibt und verliert. Ohne dass ihn jemand daran hindert, sich öffentlich zum Deppen zu machen. Aber damit ist er bei Tamedia nicht alleine.

 

Brandmauer im Kopf

Eine legale Partei fährt einen Erdrutschsieg ein. Es folgt Japsen und Zetern.

«Gesichert rechtsextremistisch, Bedrohung demokratischer Institutionen, Angriff auf unabhängige Medien, ausländer- und emigrationsfeindliche Politik, Ausgrenzung und Rassismus, EU- und Eurofeindlichkeit, mangelnde Regierungsfähigkeit, radikales Personal, Spaltung der Gesellschaft …»

Die Aufreihung von Verbalinjurien liesse sich beliebig fortsetzen.

Fakt ist, dass bei sensationeller Wahlbeteiligung die AfD im Winzbundesland Sachsen-Anhalt die Wahlen gewonnen hat. Mit 43,8 Prozent, eine Steigerung um 23 Prozent. Während die CDU mit minus 19,9 Prozent mehr als halbiert wurde, die SPD immerhin die Fünf-Prozent-Hürde locker übersprang und die FDP wohl endgültig im Orkus verschwindet.

576’000 Stimmen bekam die AfD, 100’000 mehr als CDU, SPD und Grüne zusammen. Die ehemalige Regierungspartei FDP bekam noch ganze 34’000 Stimmen oder 2,58 Prozent.

Bei einem solchen Resultat wäre eigentlich klar: Regierungsauftrag für die AfD, während die CDU auf den Weg der SPD einbiegt, die sich von einer Volkspartei zu einer Kleinpartei verzwergt.

Nun fehlen der AfD drei Stimmen zur absoluten Mehrheit im Parlament, was eigentlich auch kein Hindernis sein sollte, bei diesem glasklaren Wählerauftrag.

Stattdessen keift der «Spiegel»: «Neonazi-Gastgeber, Urkundenfälscher, Stasi-Offizier. Unter den 39 künftigen AfD-Abgeordneten im Magdeburger Landtag sind einige Männer mit bedenklichem Hintergrund – darunter zwei, die einem verbotenen Neonazi-Verein nahestehen sollen.»

Aber natürlich werden auch die Wähler beschimpft: «Sie haben richtig was kaputt gemacht», hält ihnen Christian Bangel in der «Zeit» vor, sie seien Menschen in ihrer Umgebung gar «mit Anlauf in den Rücken gesprungen». Dabei meint der unbeteiligte Zuschauer, dass hier einfach gewählt wurde. Demokratisch und legal.

Die «Süddeutsche Zeitung» keift: «Die deutsche Demokratie ist von rechts außen herausgefordert wie niemals seit 1949.» Laut der «Tagesschau» der ARD hätten die Wähler für einen Kandidaten gestimmt, «der keine Antworten auf kritische Fragen hat. Außer ein Lächeln, das manchmal ins Auslachen kippt». Der «Deutschlandfunk» warnt gar AfD-Gegner vor «Rachefantasien von Teilen der AfD-Anhängerschaft».

Selbst die «New York Times» verliert die Contenance und befürchtet, «dass die extreme Rechte zum ersten Mal seit dem Ende der Nazizeit in einem Teil des Landes die Macht übernehmen könnte».

Stefan Reinhart von SRF behauptet gar, dass viele Positionen der extremen Rechten gesetzeswidrig seien, «doch das ist vielen AfD-Wählern egal». Judith Wittwer sekundiert: „Die AfD verspricht ein Deutschland, das es nie gab“.

Natürlich verrutschen der «Republik» sämtliche Begriffe: «Kommt es zur AfD-Machtergereifung?» Dass eine demokratische Partei mit 43,8 Prozent aller Stimmen einen klaren Wählerauftrag zur Regierungsbildung hat, denaturiert in diesem Demagogie-Blättchen zur möglichen, historisch vorbelasteten «Machtergreifung». Zum Fremdschämen.

Maximilian Steinbeis will gar «unverhohlenen Ankündigungen von Deportation, Entrechtung und Gewalt» hören.

Bloss der «Blick» mahnt zur Vernunft; Chefredaktor Rolf Cavalli schreibt:

«Dämonisieren ist kontraproduktiv».

Als wollten viele Massenmedien alle Vorurteile über Lücken- und Lügenpresse bestätigen, wird ganz allgemein verneint, dass ein Wahlsieger das Recht habe, im Wählerauftrag zu regieren.

Das darf offenbar nur dann der Fall sein, wenn es sich um eine Partei handelt, die die Sympathien dieser Schmierfinken geniesst.

Dass sie mit genau dieser Berichterstattung einen hübschen Beitrag zum Erstarken der AfD geleistet haben, ist ihnen in ihrer Raserei nicht mal bewusst.

Hätte man keine «Brandmauer» errichtet, sondern spätestens, nachdem die AfD die Zehn-Prozent-Hürde übersprang, ihr Regierungsbeteiligung angeboten, dann wäre sie höchstwahrscheinlich genauso wie die anderen Parteien auch an der Bewältigung der komplizierten Situation in Deutschland gescheitert und hätte ihren Nimbus als «wir machen dann alles anders und besser» verloren.

Aber um zu dieser banalen Erkenntnis zu gelangen, dafür braucht es einen Restbestand von Hirnzellen.

Wumms: Mike Müller

Der gar nicht komische Brachial-Komiker hat wieder zugeschlagen.

Der Bestatter jeglichen Humors ist schon mehrfach verhaltensauffällig geworden. So beschimpfte Müller schon mal ein «ungeimpftes Arschloch», als die Covid-Hysterie ihren Höhepunkt erreichte.

«Oh je, Sybille», keifte er paternalistisch, als seine vermeintliche Bundesgenossin Sybille Berg es wagte, sich gegen das Covid-Gesetz auszusprechen.

Schwer zu unterbieten ist seine Geschmacklosigkeit gegen Christoph Mörgeli: «Und Sie? Fahren Sie zusammen mit Roger Köppel zu einer Gruppenvergewaltigung im Dombas

Nach kurzer Sprachlosigkeit über das Wahlresultat in Sachsen-Anhalt bemüht sich Müller, alle Vorurteile über einen ausgebrannten Humoristen zu bestätigen, dem ständig die Galle hochkommt.

Das muss man im Original anschauen, sonst glaubt man’s vielleicht nicht:

Weil man das Gestammel nicht auf Anhieb versteht, ein paar Erläuterungsversuche. Das 80-Mio-Land soll offenbar die BRD sein, die allerdings 83,5 Millionen Einwohner hat.

Der gescheiterte Gliedstaat soll offenbar das Bundesland Sachsen-Anhalt sein, dem allerdings nicht bekannt ist, dass es in irgend einer Form so gescheitert ist wie Müller.

Während auch nicht unbedingt des Rechtsradikalismus verdächtigte Blätter wie der «Spiegel» meinen, dass Bundeskanzler Merz der falsche Mann am falschen Platz sei (so der Leitartikel des Chefredaktors), will Müller nicht verstehen, wieso der zurücktreten solle.

Aber das alles verblasst neben dem absoluten Gefrierpunkt einer verpeilten Unverschämtheit.

In diesem Bundesland gebe es laut Müller «eine knappe Million Nazis». Allerdings haben insgesamt bloss etwas mehr als 1,3 Millionen Staatsbürger abgestimmt. Von denen haben 582’000 mit ihrer Erststimme die AfD gewählt. Die übrigen 418’000 dürften konsterniert und befremdet zur Kenntnis nehmen, dass ein amoklaufender dicker Schweizer sie ebenfalls als Nazis beschimpft, obwohl sie CDU, SPD, Grüne oder andere Parteien gewählt haben.

Noch absurder ist die darin enthaltene Behauptung, jeder, der die AfD wähle, sei ein Nazi.

Das ist ein weiterer unsäglicher Missbrauch des Begriffs, geäussert von einem, der offensichtlich keine Ahnung hat, was ein Nazi war oder ist. Der einfach nach einer billigen Alternative zu seinem Lieblingsschimpfwort Arschloch gesucht hat.

Physische Inkontinenz äussert sich farblich in Gelb- oder Brauntönen. Müllers geistige Inkontinenz ebenfalls.

Flachzange Binswanger

Die schreibende Schmachtlocke unterbietet sich selbst.

Es gibt gute Gründe, nicht nur wegen Björn Höcke die AfD für unwählbar zu halten.

Auf der anderen Seite ist sie laut allen Meinungsumfragen mit Abstand die beliebteste Partei Deutschlands. Also erhebt sich ein anschwellender Bocksgesang von Westentaschen-Intellellen, die ihr Mütchen an dieser Partei kühlen. Obwohl es eigentlich ihre Aufgabe wäre, den Gründen nachzuspüren, wieso weder Brandmauer noch andere Abwehrmassnahmen ihren Siegeszug aufhalten können.

Oder schlicht die Frage zu beantworten, wieso sie in Scharen Wähler findet. Oberhalb von Erklärungen wie die, dass die halt blöd, braun, verpeilt, verbittert, Prekariatsmitglieder, Arbeitslose und/oder Rassisten und Nationalisten sind.

Das ganze Elend dieser unfähigen Weltdeuter verkörpert Daniel Binswanger geradezu idealtypisch. Der Co-Chefredaktor des Hobby-Organs zweier reicher Erben greift wöchentlich zum Griffel, um der Welt zu erklären, wie sie sei und wie sie sein sollte.

Aber weder die Sprache noch das Denken gehören zu seinen Kernkompetenzen. So beginnt er seine jüngste Kolumne schon mal sehr holprig:

«Der Zufall des politischen Kalenders produziert eine seltsame Engführung: In Deutschland finden die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt statt und ein AfD-Landesverband, der vom Verfassungsschutz als «gesichert rechtsextrem» eingestuft worden ist, könnte dieses Wochenende die absolute Mehrheit der Landtagssitze erobern und die Regierung stellen. Die Schweiz ist derweil mit dem Abstimmungskampf über die Neutralitätsinitiative beschäftigt.»

Hä? Der krampfhafte Versuch, aus denunziatorischer Absicht die AfD in Sachsen-Anhalt und die Neutralitätsinitiative in einer «Engführung» zusammenzuschustern, produziert einen kleinen Sprachmüllberg.

Unweigerlich muss nun die Nazikeule kommen, das ist bei diesem liefergelegten Niveau gar nicht anders denkbar: «Gut 80 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft würde in Deutschland erstmals eine Partei die Macht in einem deutschen Bundesland übernehmen, die man nicht unmittelbar mit der NSDAP vergleichen kann, die aber vom sogenannten völkischen Flügel dominiert wird und deren Wahlprogramm massiv von rechtsradikaler Ideologie geprägt ist.»

Das ist diese typische kleinintellektuelle Verkrampfung, sich mit der linken Hand hinter dem rechten Ohr zu kratzen. Könnte man auch einfacher haben, aber dann käme es nicht so geschwollen daher und stünde in aller Erbärmlichkeit nackt und hässlich da: natürlich will Binswanger die AfD ganz nahe an die NSDAP rücken.

Und was passiert laut Binswanger, wenn der deutsche Stimmbürger in Ausübung seiner demokratischen Rechte eine rechte Partei wählt? «Das ist nicht nur eine demokratiepolitische Katastrophe, sondern auch eine verheerende Niederlage der deutschen Erinnerungspolitik

Nimm das, du dämlicher Sachse und Anhalter. Aber die schreibende Schmachtlocke befürchtet noch Schlimmeres: «Eine nicht bewältigte Geschichte der politischen Gewalt droht wiederzukehren.» Im fistelnden Diskant des Grauens hackt er mit scheckgeweiteten Augen völlig Unverständliches in die Tastatur. Man stelle sich das bildlich vor: wie wohl die Wiederkehr einer nicht bewältigten Geschichte aussieht? Wir wissen nur: so liest sich nicht bewältigte Sprache.

Aber genug des Ausflugs in braune deutsche Gauen des Grauens, eigentlich will sich Binswanger doch die Neutralitätsinitiative zur Brust nehmen: «Die Schweizer Auseinandersetzung um die richtige Neutralitätspolitik ist im Vergleich zur deutschen Schicksalswahl schon beinahe harmlos. Aber auch die Schweiz bleibt die Gefangene ihrer Geschichte.»

Binswanger hingegen ist weitgehend frei von Geschichtskenntnissen. Sonst wüsste er, dass der Begriff «Schicksalswahl» zum Lieblingsvokabular – der NSDAP gehörte. Ups.

Aber auch Sprachbilder sind nicht so seins: «Die Schweiz sitzt heute wie die Made im Speck in der Schutzzone der sie umgebenden EU-Staaten.» Also sie lebt angenehm auf Kosten anderer. Wie das? Da schweigt des Sängers Höflichkeit.

Genug der blassen Gedanken und schrägen Sprachbilder, nun muss die Lieblingsbeschäftigung aller dieser Denkzwerge mit fuchtelndem Zeigefinger her. Genau, die knallharten Forderungen: «Sie muss der Nato nicht beitreten. Aber sie muss offensichtlich die Möglichkeit haben …» Muss sie? Binswanger hat noch ein Donnerwort gegen die Initiative auf Lager: «Das ist weltfremd.» Stattdessen muss sie müssen:  «Wenn die Schweiz ihre Luftverteidigung in Zusammenarbeit mit der Nato aufbauen will – wozu es technologisch kaum eine Alternative gibt –, muss sie über Jahre gemeinsame Systeme, Waffenarsenale und Kommandostrukturen schaffen.»

Überhaupt muss gemusst werden: «Europa muss sich so schnell als möglich … die Schweiz muss ihren Beitrag leisten … gemeinsam in die Hand nehmen müssen …»

Fehlt noch was? Aber sicher, die schwurbelige Verwendung  von Fremdwörtern: «jener voraussichtlich minoritäre Teil der Wählerinnen … Das vermeintliche Kernelement des ewigen Schweizer Sonderfalls will von der SVP affirmiert und gefeiert werden … Das Einzige, was solche Identitätspolitik erzeugt, ist exzessive Polarisierung … Diese neue Pirouette beweist lediglich …»

Nach diesem Feuerwerk der sinn- und zwecklosen Verwendung von Schwulstwörtern will Binswanger der Initiative den Todesstoss versetzen, mit einem ganz originellen Argument: «Eine Annahme der Neutralitätsinitiative ist im Interesse Putins.» Wer hätte gedacht, dass nicht etwa Linke, sondern die SVP und Blocher das Geschäft des Kreml-Herrschers verrichten.

Nun der krönende Aufgalopp am Schluss, vielmehr die Steigerung der Absurdität, als wär’s ein Stück von Ionesco: «Und wie bei anderen europäischen Parteien, ob gesichert rechtsextrem oder nicht, ist die Putin-Kungelei ein verlässliches Zeichen der ideologischen Radikalisierung. Diese Initiative wird deutlich abgelehnt werden. Sie ist so unschweizerisch wie überhaupt nur möglich.»

Scherze mit Namen sind eigentlich auch unschweizerisch und gehören sich nicht. Aber der Mann treibt einen dazu. Nach solchen Stücken aus dem gedanklichen Tollhaus fragt man sich, ob der Ausdruck Binsenwahrheit nicht von König Midas, sondern von Binswanger kommt. Oder gar «das geht in die Binsen»?

 

Die NZZ gurgelt weiter

Wenn Häsler mal Pause hat, kommen andere zu Wort.

Die Methode ist abgefeimt. Man hypt einen medial gewandten Militäranalytiker und Sandkastenspieler zu einem «der besten Kenner der militärischen Lage in der Ukraine» hoch. Das soll er wohl mit seinem Aufsatz «Den Abnutzungskrieg gewinnen: eine realistische Siegesstrategie für die Ukraine» unter Beweis gestellt haben.

Allerdings fehlt da der Sieg. Noch knalliger ist der Titel seines schmalen Werks (160 Seiten) «Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt».

Franz-Stefan Gady konstruiert ein Szenario Ende der 2020er-Jahre: Nach einem Waffenstillstand in der Ukraine regeneriert Russland seine Streitkräfte, greift das Baltikum an und gerät damit in einen Krieg mit der NATO. Österreich wird trotz seiner Neutralität hineingezogen, weil es als Verkehrs- und Nachschubraum wichtig ist. Cyberangriffe, Sabotage, Drohnen und Marschflugkörper treffen Österreich; schließlich brennt nach einem Drohnenangriff sogar der Wiener Stephansdom.

Bei Somm zerbricht der Pariser Eiffelturm, bei Gady das Wahrzeichen Wiens.

Wow.

Dazu darf er in der NZZ sagen: «Mein Buch basiert auf einem militärischen Planspiel. … Selbst bei einem brüchigen Waffenstillstand kann Russland Hunderttausende Soldaten von der Front abziehen und sich neu strukturieren. Währenddessen läuft die russische Kriegswirtschaft weiter auf Hochtouren, vor allem bei Langstrecken-Präzisionswaffen. Moskau wäre so bald in der Lage, einen begrenzten Angriff gegen ein Nato-Land wie Litauen zu wagen.»

Bevor man ernsthaft auf solche Spielereien eingeht, sollte man ihre Prämissen kritisch hinterfragen. Denn wie jedes «Szenario» bestätigt auch dieses nur seine selbst gesetzten Voraussetzungen. Also nach einer Kette wie:

Russland bleibt revisionistisch → der Ukrainekrieg wird lediglich eingefroren → Russland regeneriert seine Streitkräfte → Moskau ist bereit, einen NATO-Staat anzugreifen → die nukleare Abschreckung verhindert diesen Angriff nicht → die NATO wird militärisch hineingezogen → Österreich wird als logistischer Raum relevant → Russland greift deshalb österreichische Infrastruktur an.

Kann man so fantasieren, muss man nicht. Aber statt solche grundlegenden Fragen zuerst zu klären, gehen die Interviewer Meret Baumann und Selina Berner gleich in medias res. Ohne grosse Fachkenntnisse, notabene. Baumann ist Korrespondentin in Wien, Selina Berner war «im Friedensförderungseinsatz im Kosovo tätig für die Schweizer Armee» und ist seit 2024 Redaktorin im Ressort Inland/Bundeshaus.

Das erklärt wohl solche Fragen: «Was ist das Ziel Russlands? Geht es darum, Territorium zu erobern?» Und das widerspruchslose Hinnehmen solcher Antworten: «Nein. Moskau geht es nicht um Landgewinne, sondern um die Machtordnung in Europa. Das Ziel Putins ist seit je eine Sicherheitsarchitektur mit Russland als zentralem Akteur. Die Hindernisse dafür sind die Nato und die EU. Ein begrenzter Krieg soll beide Institutionen aushebeln

Immerhin wagen die beiden den Einwand, dass Russland mit seinem Angriff auf die Ukraine kaum vorankomme. Das würde doch den Erfolg eines Angriffs auf die NATO sehr zweifelhaft erscheinen lassen. Da stimmt Gady zu:

«Ich schätze die Erfolgschancen auch als gering ein. Aber man darf daraus nicht schliessen, dass Moskau es nicht trotzdem versuchen wird

Tja, bei einem irren Verbrecher wie Putin weiss man halt nie. Aber natürlich treibt die beiden eine viel näherliegende Frage um: «Bleibt die Schweiz verschont

Da weiss Gady, was er seinem Schweizer Publikum schuldig ist: «Das hängt davon ab, wie weit die russischen Pläne reichen. Grundsätzlich unterscheidet sich die Lage der Schweiz nicht von jener Österreichs: Sie ist für Moskau ein strategisches Ziel, weil sie wichtige Infrastrukturen für die Nato und Europa besitzt

Natürlich die Einleitung zum Thema, Überraschung, Neutralität. Wäre denn ein Verweis darauf nutzlos? Auch hier weiss Gady, was als Antwort gut kommt: «Aus meiner Sicht schon, ja.» Denn Kleinstaaten könnten sich im 21. Jahrhundert nicht alleine verteidigen. «Das Neutralitätsbekenntnis wäre deshalb kaum glaubwürdig, weder für Russland noch für die Nato.»

Komisch, für Hitler-Deutschland und die Alliierten war’s das im Zweiten Weltkrieg.

Aber im 21. Jahrhundert ist wohl alles anders: «Die Neutralität ist mit dem ersten Schuss hinfällig. Dann darf man sich gemeinsam mit Partnern verteidigen.»

Dann führt Gady noch einen mehr oder minder geordneten Rückzug auf. Denn er wird gefragt, wie wahrscheinlich denn sein Szenario sei: «Niemand weiss, wie der Krieg in der Ukraine enden wird und was danach passiert.» Nun ja, ausser ihm, wäre man vesucht zu sagen.

Aber eben, wie Häsler und viele andere hat er das Problem, dass man halt nicht auf ihn hört. Dabei hätte er jede Menge Ratschläge parat. Österreich und die Schweiz müssten unbedingt «die Luftverteidigung integriert mit der Nato denken, die dazugehörigen Munitionsbestände so schnell wie möglich vergrössern und bei der Ausbildung stärker auf den Kampf der verbundenen Waffen fokussieren».

Weder die Ukraine, noch Putin und erst recht nicht die Schweizer oder österreichische Regierung hören auf ihn. Selber schuld!

Elends-Interview

Was wollte Roger de Weck zwecks Werbung für sein neustes Buch schon immer mal sagen?

Früher, ja früher war das Interview eine Königsdisziplin des Journalismus. Gut vorbereitete Interviewer benützten die Gelegenheit, im offenen Austausch von Argumenten einer Person des öffentlichen Interesses auf den Zahn zu fühlen. Das war unterhaltsam, erkenntnisreich und eine Probe für die Schlagfertigkeit des Interviewten.

Unsterblich Antworten wie die des deutschen Elder Statesman Helmut Schmidt: «Das ist eine ganz falsche Frage

Aber in der allgemeinen Degeneration eines einstmals angesehenen Berufs sind Interviews heutzutage Abfrageveranstaltungen, bei denen der Interviewte auch mal ungestraft frech werden darf. Ein weiteres, unappetitliches Exemplar ist das Gespräch in der Gesinnungsblase der beiden Tamedia-Journalisten Sandro Benini und Sofiya Miroshnyk (ZACKBUM übernimmt die misogyne Reihenfolge vom Tagi) mit dem «Ex-SRG-Chef» Roger de Weck.

Statt ihn so zu betiteln, wäre schon mal eine einleitende Frage gewesen, wieso er eigentlich als designierter VR-Präsident der «Republik» Fersengeld gab, bevor er sein Amt angetreten hatte. Aber stattdessen ein lohudelnder Einstieg. Er lege «mit «Glanz und Elend der Konservativen» ein viel beachtetes Buch vor».
Schon den Titel hat er (schlecht) von Balzac geklaut.

Schon der erste Ausflug des Hobbyhistorikers de Weck in die Geschichte hätte kräftiges Kontra verdient. Anlässlich der Wahlen in Sachsen-Anhalt zeige sich eine «wachsenden Minderheit, die sich in preussischer Tradition nach Osten orientiert: nach Russland. Von Bismarck bis Hitler war Deutschland nirgends eingebunden, mit verheerenden Folgen. Es war das epochale Verdienst des konservativen Kanzlers Konrad Adenauer, die junge Bundesrepublik im Westen zu verankern».

Wo soll man anfangen? Dieses angeblich epochale Verdienst war von Anfang an hoch umstritten, weil es die deutsche Teilung zementierte und nahtlos zur Wiederbewaffnung der BRD führte, trotz aller Schwüre, dass es niemals mehr eine Wehrmacht geben solle.  Und es gibt eine historische Konstante in der europäischen Geschichte: wenn Preussen (oder andere Ausformungen Deutschlands) mit Russland in Frieden lebte, gab es keinen Krieg.

Daher bemühte sich Bismarck mit Dreikaiserabkommen und dem Rückversicherungsvertrag von 1887 um ein Bündnis mit Russland. Aber he, wer von den Drei hat schon eine Ahnung von Geschichte.

Statt ihm so auf den Zahn zu fühlen, darf de Weck ungehemmt weiter perseverieren: Sollte Deutschland  «eines Tages dazu neigen, sich Russland anzubiedern und den Westen gegen den Osten auszuspielen – dann wären neue Katastrophen unausweichlich». Wann hat es sich jemals angebiedert, und welche alte Katastrophen sind dadurch entstanden?

Stattdessen weiter im gemeinsamen Gesinnungsgalopp: «Die AfD ist eine Putin-Partei.» Ob Putin das weiss, was de Weck kühn und belegfrei behauptet? Oder doch ein Argument, oder gar zwei? «Sie will sämtliche Wirtschaftssanktionen gegen Russland streichen und in Sachsen-Anhalt den Russischunterricht fördern.»

Das ist höchstens im Streubereich der Wahrheit. Die lokale AfD fordert die Aufhebung der Sanktionen, wohlwissend, dass das eine Entscheidung auf Bundesebene wäre. Und in diesem Bundesland wird Russisch schon immer als Fremdsprache ganz normal unterrichtet.

Dann äussert sich de Weck mehr als merkwürdig zum Versuch, die AfD auszugrenzen: «Kein einziger Kritiker der Brandmauer hat bisher plausibel dargelegt, wie deren Beseitigung die AfD schwächen könnte. Hingegen würde die CDU implodieren, sobald sie die Brandmauer schleifen würde.»

Eine plausible Begründung wäre, dass ihre Regierungsbeteiligung aufzeigen könnte, dass auch die AfD nur mit Wasser kocht und ihre vollmundigen Versprechen nicht einlösen könnte. Und ob die CDU implodierte, was für haltloses Geschwätz.

Aber es wird noch schlimmer:

«Lassen sich die Christdemokraten auf die AfD ein, in der ein Björn Höcke bewaffnete Neonazis als Mitglieder begrüsst, begehen sie politischen Selbstmord.»

Würde jemand, der nicht ins ideologische Raster der hier Sprechenden passt, solche demagogische Überspitzungen, typische Fake News von sich geben, starker Gegenwind wäre ihm gewiss. Denn das hat Höcke einwandfrei nicht getan.

Korrekt wäre: er setzt sich für die Wiederaufnahme beziehungsweise Wiederherstellung der Mitgliedsrechte konkreter AfD-Mitglieder ein, denen die Bundesanwaltschaft die Mitgliedschaft in einer bewaffneten neonazistischen Terrorgruppe vorwirft. Solange das Strafverfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen ist, sollte man ausserdem zwischen dem Vorwurf der Bundesanwaltschaft und erwiesenen Tatsachen unterscheiden.

Mit solchen Dreckeleien gegen politische Gegner disqualifiziert sich de Weck als ernstzunehmender Publizist. Jedenfalls ausserhalb des kleinen Tamedia-Universums.

Aber als Sahnehäubchen wird er sogar noch frech. Denn die Interviewer trauen sich eine einzige etwas kritische Feststellung: «Ein Intellektueller mit Ihrem sozioökonomischen Status ist mit den Aspekten der Realität, welche viele AfD-Wählerinnen und -Wähler umtreiben, kaum jemals konfrontiert.»

Da gibt’s aber einen zurück: «Sie glauben keine Sekunde lang an die Frage, die Sie gestellt haben.» Matte Gegenwehr: «Doch, natürlich.»

Dann halt eins über die Rübe: «Ich verweigere mich dieser Frage und der identitätspolitischen Logik, der Mensch sei dermassen von seiner Herkunft geprägt, dass er Erfahrungen und Denkweise anderer Milieus nicht erschliessen könne. Das ist populistisches Anti-Elite-Denken.»

Statt de Weck darauf aufmerksam zu machen, dass er sich mit solchem Schwulst-Schwurbel selbst entlarvt, wird das gesenkten Haupts hingenommen.

Dabei ist es eines von vielen Problemen de Wecks, dass er als wohlhabender Bonvivant keine Ahnung hat, was ein Prekariatsmitglied in Deutschland umtreibt.

Dann noch seine abschliessende Frechheit: «Bei der Kernkraft oder der Halbierungsinitiative versucht er (Bundesrat Albert Rösti, Red.), sich über Volksentscheide hinwegzusetzen. Die SVP hat sich trotz Regierungsverantwortung nicht etwa gemässigt, sondern radikalisiert – ähnlich wie die US-Republikaner.»

Man kann’s natürlich auch positiv sehen: dank dieses Interviews ist man sicher, dass man dieses Buch bestimmt nicht lesen muss.

Zwei Frauen

Was haben Irina Beller und Ladina Heimgartner gemeinsam?

Mehr, als man auf den ersten Blick denken mag.

Zunächst für all die, die sich bei Promiklatsch und im Hause Ringier nicht so auskennen: Beller ist eine sogenannte «Society-Lady», also bekannt dafür, dass sie bekannt sein will. Dank der gütigen Mithilfe von «Blick» gelingt ihr immer seltener ein Sieg gegen das Vergessenwerden:

Der alte Boulevard-Trick: ein C-Promi meldet sich mit einer D-Story, das Blatt bringt das dann «exklusiv». Auch wenn es hier nur darum geht, dass eine von Vornherein aussichtslose Strafanzeige von der damit belästigten Staatsanwaltschaft eingestellt wurde.

«Ich hatte auf der Toilette keinen Sex, habe keine Drogen genommen, und gestohlen habe ich auch nichts!», beteuert «die Buchautorin». Sie sei «ausser sich vor Wut», weil sie seit diesem Vorfall bei allen Globus-Filialen Hausverbot hat.

Richtig, die Welt dreht sich auch dann weiter, wenn sie von diesem Skandal keine Kenntnis hat.

Ladina Heimgartner ist bei Ringier die Dame mit der extrabreiten Visitenkarte. Denn sie ist «CEO Ringier Media Switzerland», «Head Media der Ringier AG» und Mitglied des fünfköpfigen «Group Executive Board». Damit ist sie unter anderem operative Chefin des gesamten Schweizer Mediengeschäfts von Ringier, Nummer drei in der Hierarchie und damit auch für den «Blick» geschäftsverantwortlich.

Das tut dem «Blick» nicht sonderlich gut. 2024 kündigte sie bei Ringier Medien Schweiz einen Stellenabbau von 75 Nasen an, eingespart wurden dann 55 Stellen.

Besonders übel war die Absetzung des erfolgreichen Oberchefredaktors Christian Dorer. Ersetzt wurde er durch das Leichtgewicht Steffi Buchli, inzwischen auch längst Geschichte.

Seit Heimgartners Amtsantritt am 1. Oktober 2020 sank die Auflage des «Blick» von 95’944 Exemplaren auf 62’629 im Jahr 2025, ein Verlust von rund 35 Prozent.

In der gesamten Zeit als Verantwortliche fiel Heimgartner durch eine extreme Verwendung des Manager Bullshit Bingos auf. Also mit Worthülsen wie «Resilienz» zu glänzen. Daneben mit Transformation, Vertiefung, starke Redaktion, besserer Content, digitale Innovation, KI und Wachstum.

Oder im Original:

«Der neue Markenauftritt unterstreicht die Transformation, die der Blick in den letzten Jahren durchlaufen hat: Mehr Vertiefung, dennoch in Blick-Manier pointiert.»

Und noch einer:

«Die neue Einheit ‹Ringier Medien Schweiz› umfasst exakt die Bausteine, die Medienfirmen weltweit zum Erfolg führen», tönte sie 2023. Zu diesen Bausteinen zählte sie ausdrücklich «starke Redaktionen». Die Realität: Auflageverlust, Stellenabbau, Zusammenlegungen, ein irres Organigramm mit Chiefs und Heads und Leitern, die sich um die Oberhoheit über die wenigen Indianer balgen.

Nun soll sie anlässlich einer Medientagung in Genf gesagt haben:

«Eine Welt ohne Social Media war ökonomisch gesehen für uns besser.»

Das ist ein Satz zum Fürchten. Der ist etwa so intelligent wie die Aussage: eine Welt ohne Elektrizität war für den Heizer auf der Dampflock besser. Oder: eine Welt ohne Internet war für die Hersteller von Faxgeräten besser.

Der Satz ist deswegen zum Fürchten, weil er beinhaltet: die oberste Medienverantwortliche des zweitgrössten Schweizer Verlags hat keine Ahnung, wie sie ein klassisches Boulevard-Organ wie den «Blick» für die Zukunft aufstellen will. Sie hat ihn enteiert und weitgehend der klassischen Erfolgsinstrumente Blut, Busen und Büsis beraubt.

Mangels inhaltlichem Wirken wurde mehrfach am Logo rumgeschraubt, ein Graus.

Aber die Dame ist unkaputtbar. Der «Blick» und Beller nicht. Also werden wohl beide den Weg alles Irdischen nehmen.