Der Trump-Flüsterer

Wenn der US-Präsident Peter Burghardt nicht hätte. Nur weiss er das nicht.

Grundstimmung ist Weltuntergang. «So stirbt die Demokratie», «Die «Washington Post» stirbt». Vergeblich schrieb der US-Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» in Washington gegen drohende Wahlsiege von Donald Trump an.

Burghardt empfand es als persönliche Beleidigung, dass die US-Wähler seinen dringenden Appellen nicht Folge leisteten und aus reiner Blödheit Trump zweimal zum Präsidenten wählten.

Blöd auch: weder die Demokratie, noch die WaPo sind gestorben bis jetzt.

Nun ist’s leider so, also muss nun Trump mit den ungebetenen Ratschlägen und Forderungen von Burghardt leben:

«Pete Hegseth ist als Minister nicht länger tragbar»,

böllert Tamedia. Etwas zurückhaltender hatte die SZ im Original noch getitelt: «Die grösste Fehlbesetzung». Aber die Fehlbesetzung Auslandredaktion bei Tamedia will ja auch etwas für ihr Geld tun und spitzt an und zu.

Schon mit dem ersten Satz macht Burghardt klar, wie er die Lage sieht: «Pete Hegseth hätte nie amerikanischer Verteidigungsminister werden dürfen, er war von Anfang an eine der auffälligsten Fehlbesetzungen im Kabinett von Donald Trump.»

Das Leiden ist deutlich spürbar, dass weder der US-Wähler, noch der US-Präsident auf die Ratschläge eines Deutschen in Washington hören.

Dabei sagt ihm Burghardt doch haargenau, was er zu tun hätte: «Der US-Präsident hat es doch sonst oft eilig, Mitarbeiter zu feuern – dies wäre eine erstklassige Gelegenheit.»

Aber eben, Trump, dieser Versager, ergreift nicht mal eine erstklassige Gelegenheit, wenn sie ihm auf dem Silbertablett geliefert wird.

Gnadenlos wird Burghardt persönlich: «Seine (Hegseths, Red.) Tattoos mit Symbolen, die auf christlichen Nationalismus hinweisen, mögen Privatsache sein. Aber auch das sieht in seinem Job seltsam aus.»

Auch Kontaktschuld wirft er dem Kriegsminister vor. Trump hat gerade den ehemaligen honduranischen Präsidenten und Drogenschmuggler (dessen Bruder sitzt immer noch lebenslänglich im Knast) Orlando Hernández begnadigt. Obwohl der von einem US-Gericht über jeden Zweifel erhaben verurteilt worden war.

Trumps Fehler, den Burghardt genüsslich ausführt, aber: «Dafür kann Hegseth nichts, aber er ist aus mehreren Gründen untragbar.» Nun, wenn er dafür nichts kann, wieso erwähnt es dann der Schreiberling?

Trump häuft hier Fehler auf Fehler. Nach dem Skandal um ungesicherte Chat-Mitteilungen über militärische Geheimnisse: «Trump entliess damals den Sicherheitsberater Mike Waltz, er hätte Hegseth entlassen sollen.»

Tat Trump aber nicht, die Pfeife. Dann setzt Burghardt noch zum Todesstoss als Schlusspointe an: «In dieser irren Lage kann sich die stärkste Streitmacht des Planeten erst recht keinen solchen Verteidigungs- alias Kriegsminister leisten, Wladimir Putin und Xi Jinping amüsieren sich vermutlich prächtig.»

Meine Güte, Burghardt will nicht nur in Washington mitregieren, er verfügt auch über intime Kenntnisse des Gemütszustands von Putin und Xi.

Es ist wirklich eine Schande, dass eine solche Koryphäe nicht zum persönlichen Beraterkreis des US-Präsidenten gehört. Es ist schrecklich, dass weder Trump, noch Putin, noch Xi auf seine Ratschläge hören.

Es ist eigentlich noch schlimmer. Weder in Washington, noch in Moskau, noch in Peking wird die Unke zur Kenntnis genommen. Ausbaden müssen diesen Frust die Leser der SZ. Und Second Hand die Leserschaft von Tamedia. Die für dieses frustrierte Gedöns sogar noch bezahlen muss.

Tagi goes gaga 

Ein grosser Intellektueller beglückt uns.

Von Thomas Baumann

Als stünde es um den Tamedia-Kopfblattsalat nicht schon schlimm genug, gibt er auch noch regelmässig dem umstrittenen Professor Bernhard C. Schär eine Plattform.
So äusserte sich dieser beispielsweise im Juli dieses Jahres zur Frage, ob eine Lehrerin an der Volksschule ein Kopftuch tragen dürfe.
Dabei schrieb er unter anderen: «Eine Studie der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus zeigte 2023: Fast alle Lehrmaterialien vermitteln mehr oder weniger subtil das Bild einer europäischen ‹weissen› oder christlichen Überlegenheit. Das heisst: Europäische Mitverantwortung für Armut im ‹Süden› wird meist ausgeblendet.»
Die Frage sei erlaubt: Wie kann die westliche Welt für die Armut im globalen Süden «verantwortlich» sein, wenn sie nicht irgendwie ‹überlegen› ist?
Oder gemäss der Machtdefinition von Max Weber: «Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.» Also faktische Überlegenheit.
Vor einigen Tagen liess sich Professor Schär wieder über ein anderes Thema aus: Der Besuch einer schweizerischen Wirtschaftsdelegation bei Donald Trump und das Verhältnis der Schweiz zu den USA.
Wohl nicht zu Unrecht sagt er (Prof. Schär) eine Verschiebung des globalen Machtzentrums in Richtung Peking voraus. Und hebt an:
«Das Ende der alten Ordnung bedeutet nicht das Verschwinden ihres kolonialen Erbes. Trumps Massendeportationen und Zolltarife, seine Attacken auf Rechts- und Sozialstaat, Wissenschaft und Entwicklungszusammenarbeit versprechen, alte weisse, männliche Privilegien ‹great again› zu machen. Faktisch dürfte er das Ende westlicher Dominanz eher beschleunigen, worunter weder eher er noch seine Vasallen, sondern die Schwächsten weltweit am meisten leiden.»
Oder anders gesagt: Der (westliche) Kolonialismus ist an allem Elend auf der Welt schuld. Bricht er (endlich) zusammen, führt das zu noch mehr Elend.
Daraus soll mal einer klug werden.

Medienpranger

Das Weisse Haus will gegen Fake News vorgehen. Mit Fake News.

Präsident Trump pflegt eine zunehmend vulgäre und despektierliche Sprache gegenüber Journalisten («Schweinchen, dumm, hässlich»). An inhaltlicher Kritik hat er nicht viel zu bieten oder täuscht sich. Oder lügt, je nachdem.

Nun hat das Weisse Haus eine neue Webseite aufgeschaltet. «Irreführend, voreingenommen, entlarvt», verkündet sie. Sie nagelt einzelne Publikationen ans Kreuz und will vorführen, wie die «Feinde des Volkes» (Trump über missliebige Journalisten) ihm mit Falschmeldungen schaden wollen.

Schlimmer erwischt’s im Moment nur die SomalierAbschaum, Müll»).

Es ist durchaus so, dass bedeutende linksliberale Zeitungen oder auch CNN kaum ein gutes Haar an allem lassen, was Trump tut oder unterlässt. Ein Echo davon findet man in der USA-Berichterstattung von Tamedia, die der Qualitätskonzern von verbitterten Korrespondenten der «Süddeutschen Zeitung» übernimmt. Die haben sich bis heute nicht davon erholt, dass die US-Stimmbürger so blöd sind, Trump gleich zweimal zum Präsidenten zu wählen.

Obwohl sie ihnen doch eindringlich davon abgeraten hatten.

Eine Stichprobe ergibt allerdings, dass Trump angebliche Fake News mit Fake News bekämpfen lässt.

CNN und andere Medien sollen eine «Straftat» begangen haben, indem sie über «eine gerichtlich genehmigte Strafverfolgungsmassnahme» berichteten, «die in einer Fabrik in New York stattfand, wobei Formulierungen wie „verängstigt“ und „terrorisiert“ verwendet wurden, um die Strafverfolgungsbehörden zu dämonisieren und ein Unternehmen, das Straftaten begangen hatte, zum Opfer zu machen.»

Das läuft unter den «Kategorien voreingenommen und links-irr». Die «Wahrheit» sei: «CNN verunglimpfte legale Strafverfolgungsmassnahmen anstatt eines Unternehmens, das amerikanische Steuergelder nutzte, um illegale Einwanderer zu beschäftigen.»

Die Wirklichkeit ist, dass in den entsprechenden Artikeln die Besitzer dieser Fabrik zu Wort kamen, die berichteten, dass ihre Angestellten verängstigt seien, nachdem von 220 Mitarbeitern über 70 durch 50 teilweise vermummte ICE-Agenten abgeführt wurden. Teilweise wurden sie anschliessend wieder freigelassen, einigen soll es nicht erlaubt worden sein, ihre Papiere, die den legalen Status belegen würden, aus dem Auto zu holen.

Die Wirklichkeit ist, dass die Firma tatsächlich staatliche Unterstützung à fond perdu erhalten hat, um Lohnzahlungen zu garantieren. Allerdings war das keineswegs damit verknüpft, «Amerikaner» anzustellen («intended to be used by the company to employ Americans»).

«„Wir sind entsetzt, es gibt keine Erklärung“, sagte Lenny Schmidt»,

wird einer der beiden Besitzer zitiert. Beide unterstreichen: «Ihre Einstellungspraktiken und -standards entsprächen vollumfänglich dem Bundesrecht. Sie versicherten, alle Mitarbeiter verfügten über die erforderlichen Arbeitserlaubnisse.»

Die ICE und weitere zuständige Behörden wollten hingegen nicht erklären, welche Vorwürfe genau wie vielen dieser Arbeiter gemacht werden.

Ob dem so ist oder nicht, lässt die Berichterstattung offen. Die «dämonisierenden» Ausdrücke wurden von den betroffenen Besitzern gemacht, allen Seiten wurde Gelegenheit zur Stellungnahme eingeräumt.

Soweit sich das beurteilen lässt, eine professionelle, saubere Berichterstattung. Deren Inhalt allerdings Trump und dem Weissen Haus nicht in den Kram passt.

Es ist nicht erkennbar, was daran voreingenommen oder gar «left-wing lunacy» sein soll.

Nun macht sich diese Webseite durch solche «lunacy» selbst unglaubwürdig und lächerlich. Es ist allerdings ein weiterer Versuch Trumps, unliebsame Medien einzuschüchtern. Nachdem seine Klage-Offensive bislang noch keine nennenswerte Erfolge erzielt hat.

Abgesehen davon, dass auch damit die Institution Weisses Haus beschädigt wird.

Tages-Anzeiger revisited

Und wenn Mischa Aebi doch recht hätte?

Thomas Baumann
Jeder hat das Recht auf einen Verteidiger. Auch Tages-Anzeiger-Journalisten. Reicht das Geld nicht für einen, erhalten sie einen gestellt. Ich stelle mich zur Verfügung, versuche es zumindest.
Tages-Anzeiger-Redaktor Mischa Aebi versuchte der Leserschaft eine Erbschaftssteuer zu ‹verkaufen›. Dass er dies gleich nach der Klatsche für die JUSO mit ihrer Erbschaftssteuerinitiative versucht, war strategisch ungeschickt. Oder er ist, passend zur Adventszeit, einfach ein guter Christ: Wenn jemand dich auf die Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin (Lukas 6,29).
René Zeyer, wir wissen es, konnte nicht widerstehen. In diesem Sinne: Froher Advent allerseits!
Doch kann man die Argumentation von Mischa Aebi irgendwie retten?
Erben sei grundsätzlich ungerecht findet er. Das leuchtet auf den ersten Blick ein: Was hat ein Erbe schon dafür getan, um das Erbe zu erhalten? Doch zum Erben braucht es immer zwei: Den Erblasser und den Erbnehmer. (Es ist also nicht so wie bei Bill Clinton und Monica Lewinsky, wo sie Sex mit ihm hatte, während er gleichzeitig keinen Sex mit ihr hatte. Ganz offiziell und juristisch korrekt.)
Die Frage ist also nicht nur, ob Erben ungerecht ist, sondern ob auch Vererben ungerecht ist. Stellen Sie sich vor, Sie kommen mit einem Bund roter Rosen nach Hause, um sie Ihrer Frau oder Ihrem Mann zum Geburtstag zu schenken. Jetzt nimmt Ihnen der Concierge alle bis auf zwei Rosen weg und verteilt sie an die anderen Nachbarn — dies mit der Begründung, Ihre Frau oder Ihr Mann habe ja nichts dafür geleistet, um diese Rosen zu erhalten. Ich nehme an, Sie finden dass ziemlich ungerecht, dass man Ihnen das schöne Geschenk wegnimmt. Soviel zur Gerechtigkeit des Erbens. Bei solchen Gerechtigkeitsüberlegungen ist auch das Gerechtigkeitsempfinden der Erblasser mit in Betrachtung zu ziehen.
Aber gut, primär argumentiert Aebi ja ökonomisch. Die Erbschaftssteuer sei so liberal, dass die FDP sie fordern müsste meint er. Und sie kurble die Wirtschaft an. Bingo, touché! Hier hat er natürlich einen Punkt: Wenn man den Menschen etwas wegnehmen will, versuchen sie es noch kurzfristig auszugeben, zu konsumieren, etc. Dasselbe kann man an jedem Kindergeburtstag beobachten, wenn man die Kleinen mit kopfgrossen Kuchenstücken herumrennen sieht.
Kurzfristig kurbelt eine Erbschaftssteuer also die Wirtschaft durchaus an. Da hat Mischa Aebi einen Punkt.
Erben mache faul, weniger grosse Erbschaften führen dazu, dass Menschen länger arbeiten würden, meint er weiter.
Auch das dürfte stimmen, allerdings nicht unbedingt so, wie es der Redaktor erwartet. Klar, wer mal kurz 10 Millionen erbt, kann es sich leisten, weniger zu malochen.
Auch führt eine Reform des Steuersystems, wodurch sich der Staat einen grösseren Teil seiner Mittel vermehrt durch eine Erbschaftssteuer und weniger durch andere Steuern beschafft, ceteris paribus dazu, dass der Grenzsteuersatz auf die Arbeit (Einkommenssteuern) und aus den Konsum (Mehrwertsteuer) sinkt. Wodurch in beiden Fällen mehr vom Lohn bleibt und somit ein stärkerer Arbeitsanreiz vorherrscht. Kein Wunder, arbeiten Menschen mehr, wenn es sich auch eher lohnt.
Hier hat die Erbschaftssteuer — wenigstens in der kurzen Frist — Elemente einer Kopfsteuer: Die negativen Anreize auf das Arbeitsangebot werden reduziert.
Langfristig lohnt es sich allerdings weniger, zu sparen und damit Kapital zu akkumulieren, wenn dieses eh‘ zu einem grossen Teil später sozialisiert wird. Die Folge: Die Wirtschaft wird mit einem tieferen Kapitalstock arbeiten müssen. (Oder der Kapitalstock befindet sich, im Fall einer kleinen offenen Volkswirtschaft, vermehrt in ausländischer Hand.)
Dann müssen wir tatsächlich alle mehr arbeiten, um den gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Oder anders gesagt: In der langen Frist müssen die Leute mehr arbeiten, um dieselbe Menge an Gütern konsumieren zu können wie heute.
Dafür müssen die, welche mehr haben, in der Gegenwart mehr konsumieren, damit sie ihrer Güter nicht verlustig gehen. Ob diese Art von kurzfristigem ‹Notverzehr› um der Enteignung zu entgehen, auf Kosten des langfristigen Wohlstands wirklich das Gelbe vom Ei ist, bleibe dahingestellt.
Jedenfalls nähert man sich sich so in raschen Schritten dem sozialistischen Paradies an: Alle arbeiten, aber niemand hat etwas.
OK, die Verteidigungsleistung hier war durchaus überschaubar. Was auch damit zu tun hat, dass der Schreibende Ökonom und nicht Jurist ist. Was ja wie Hund und Katze ist. Aber gut, vielleicht hat es wenigstens geholfen, die ökonomischen Verwirrungen etwas zu entwirren.

Bilderblatt Tages-Anzeiger

Viele bunte Bilder, wenig grauer Text.

Der Tagi macht sich Sorgen. SP-Co-Präsidentin Mattea Meyer nimmt eine Auszeit. Das erwecke «viel Verständnis». Verständlich. Aber:

So sah die Front des Tagi vom 2. Dezember aus. Dem Leser, der ja kein Bildbetrachter ist, fehlt das Verständnis dafür, wieso rund ein Drittel der ersten Seite für ein Porträtfoto der durchaus bekannten Politikerin verbraucht wird. Informationsgehalt, oberhalb von «das ist Meyer»: null.

Nun meint aber offenbar der Tagi, was bei der Alterstruktur seiner Leser nicht ganz abwegig ist, dass deren Kurzzeitgedächtnis nicht mehr das beste ist. Also kommt hier Seite 4:

Hier nimmt das Foto (immerhin nicht das gleiche wie auf der Front) knapp die Hälfte des bedruckten Raumes ein. Eine zusätzliche Information im Vergleich zur Fotografie auf Seite eins ist nicht erkennbar; sozusagen eine Doppelnull.

Aber immerhin, eine gewisse Konsequenz ist dem Tagi nicht abzusprechen. Das Prinzip «viel informationsleeres Bild, umrahmt von trüben Texten», wird im ganzen Blatt auf allen schütteren 30 Seiten dieser Ausgabe durchgezogen:

Im Symbolbild: Waffen. Wahnsinn.

Oder der hier:

Symbolbild: Schülerin mit Kopftuch von hinten. Wahnsinn.

Umfasst der Artikel nicht die ganze Seite, wird das Symbolbild sogar etwas geschrumpft; seine Aussage liegt weiterhin bei null:

Im Bild: Schnellboot, schnell unterwegs. Wahnsinn.

Das mit Abstand blödeste Symbolbild kommt aber erst noch:

Attraktive Frau betrachtet mit lasziv geöffnetem Mund einen Ich-Erzähler. Immerhin ein Bild mit Aussage: leichter Sexismus-Verdacht kommt auf.

Gibt es och eine Steigerung von Gaga-Symbolbild? Aber sicher, Gaga-Symbolbild plus Gaga-Text. Et voilà, wir blättern einen Tag weiter zu diesem Kommentar:

Zuerst der Bild-Gag: die NZZaS als Altpapier, der Brüller.

Der «ehemalige Molkereifachmann» Marco Maurer hat einen unseligen Hang zu abstrusen Texten. Der hier löst ernste Besorgnis aus:

«Ich bin an deutschen Mülltonnen ein freier Mensch. In Zürich dagegen herrscht ein Entsorgungsregime.»

Hä? Nun, es wird noch bedenklicher, er melkt seine Story zu Tode: «Dennoch bin ich im Grunde auch ein Abfalltourist. Mir ist die Schweiz einfach zu akkurat. Ich scheitere an der Integration. Drei Fragen beschäftigen mich daher. Erstens: Warum gibt es in Zürich keine Papiertonnen? Zweitens: Warum darf ich in Deutschland Papier und Karton zusammen entsorgen? Drittens: Wo ist, beim Altpapier und Altkarton, der berühmte Schweizer Liberalismus geblieben

Karton, Papier, wo ist der Unterschied? Hauptsache Müll, meint Maurer. Der erbitterten Widerstand gegen den Zwang zum Verschnüren von Altpapier leistet: «Ich wehre mich dagegen. Mit einer Tüte voller Altpapier. Das ist höchstpeinlich, ja. Mein kleiner Akt der Rebellion – gegen Schnurzwang und geordnete Haufen – macht mich aber glücklich

Es ist natürlich schön, dass ihn das glücklich macht. Das soll auch der Sinn dieses Gaga-Gefässes sein: «In dieser Kolumne denken unsere Autorinnen und Autoren jede Woche über das gute Leben nach.» Im Ernst jetzt?

Für Maurer besteht also gutes Leben darin, mit einer Mülltüte voll Altpapier und Karton nach München zu reisen und es dort zu entsorgen.

Auch auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen:

Knick in der Fichte, Wand draussen, einen an der Waffel, komplett Banane, Sprung in der Schüssel, im Oberstübchen zieht’s, alle Schrauben locker, ins Hirn geniesst oder was.

Und für diese lediglich therapeutisch interessanten Ergüsse noch Geld verlangen?

Sowjetische Mythologie

Dass meine Gegenüberstellung von russischer und amerikanischer Geopolitik dem Sowjet-Nostalgiker René Zeyer nicht gefällt, versteht sich von selbst.

Von Alex Baur

Im Wesentlichen postuliere ich, dass Russland seit den Zeiten der beiden Iwans – dem grossen und dem schrecklichen – stets und meistens erfolgreich darum bestrebt war, seine Nachbarn entweder zu schlucken, zu beherrschen oder wenigstens zu schwächen. Die Sowjetunion stand voll und ganz in dieser Tradition aggressiver Expansion, wenngleich sie uns mit den bewährten Tricks marxistischer Dialektik das Gegenteil weismachen will. Auch die USA haben eine expansionistische Komponente in ihrer DNA, doch diese ist getragen von einer antikolonialistischen und aufklärerischen Mission, welche in der amerikanischen Verfassung ihren Ausdruck findet. Das ist notabene keine moralische Wertung. Auch die Amerikaner haben mit ihren Interventionen bisweilen fürchterlichen Schaden angerichtet. Den Frieden wollten sie beide – die einen durch Unterwerfung, die anderen durch Befreiung.

Gemäss Zeyer ist eigentlich alles falsch an meinen Argumenten. Eine umfassende Replik wäre uferlos. Ich beschränke mich daher auf das, was Zeyer als «Höhepunkt der Einäugigkeit, um es höflich zu formulieren» bezeichnet. Es geht um meine Feststellung: «Immerhin war es Stalin, der mit Hitler 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg lostrat.» Zeyer dazu: «Und da behauptete die ernstzunehmende Geschichtsschreibung doch bislang, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach. Wahrscheinlich war sein Überfall auf die UdSSR eben doch ein Präventivschlag, wie revisionistische deutsche Historiker immer wieder – und vergeblich – behaupten.»

Revisionismus hin oder her: Selbstverständlich waren Hitlers «Präventivschläge» gegen Polen und Russland plumpe Propagandalügen. All jene, die «Mein Kampf» nicht nur gekauft, sondern auch gelesen haben, mussten es wissen. So wie Stalins «Präventivschlag» als Rechtfertigung für seinen Überfall auf Polen eine dreiste Propagandalüge war. Ich behaupte ja nicht, Stalin hätte den Krieg alleine losgetreten, die Sowjets taten dies in perfekter Komplizenschaft mit den Nazis. Tatsächlich waren der nationalistische Sozialist Stalin und der nationalsozialistische Hitler aus demselben Holz geschnitzt – nicht nur in ihrer Persönlichkeit, auch in ihrer Ideologie. Doch diese Vorstellung ist für den Deutschen René Zeyer, der in seiner Wohnung jahrelang mit einer unübersehbaren sowjetischen Fahne geschmückt hat, natürlich unerträglich. Ja, sorry – es hätte auch ein Hakenkreuz sein können.

Die historischen Fakten sprechen für sich. Am 24. August 1939 unterzeichneten Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Molotow in Anwesenheit Josef Stalin in Moskau den deutsch-sowjetischen Neutralitäts-Pakt. Das Abkommen garantierte den Nazis die sowjetische Neutralität für den vorbereiteten Angriff auf Polen und den Fall eines möglichen Kriegseintritts der Westmächte. Doch entscheiden ist in dieser Hinsicht ein damals noch geheimes, heute allgemein bekanntes Zusatzprotokoll „für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung“. Dort wird gut die Hälfte Polens sowie Litauen den Deutschen zugesprochen, die Sowjets rissen sich dafür Ostpolen, Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien (heute Moldawien) unter den Nagel. Und by the way: Sie haben Ostpolen, das bis heute Teil von Weissrussland und der Ukraine ist, nie wieder hergegeben.

Alles bloss präventiv, zum Schutz dieser Länder? Aber sicher doch. Die Sowjets wollten immer nur das Beste für die Völker, die sie abschlachteten, aushungerten und unterjochten.

Eine Woche später, am 1. September 1939, marschierten Zeyers Landsleute in Polen ein. Hitler drängte die Sowjetunion mehrfach dazu, mit ihrem angeblichen Präventivschlag gegen Polen endlich vorwärtszumachen. Nachdem Frankreich und das Vereinigte Königreich am 3. September dem dritten Reich den Krieg erklärt hatten, forderte der deutsche Außenminister Ribbentrop die sowjetische Regierung am gleichen Tag auf, Ostpolen zu besetzen, um deutsche Truppen an die entblößte Westgrenze verlegen zu können. Stalin wartete noch eine Anstandsfrist, bis sein Bündnispartner Warschau belagerte, um am 17. September, gut zwei Wochen nach dem deutschen Überfall, den russischen Überfall auf Polen zu vollziehen – als „Friedensmacht“. Aber sicher doch.

Fünf Tage später, am 22. September 1939, nahmen General der Panzertruppe Heinz Guderian und Brigadekommandeur Semjon Kriwoschein die erste gemeinsame deutsch-sowjetische Militärparade in Polen ab, tauschten feierlich Hakenkreuz gegen Rote Fahne, verwundete und von sowjetischen Ärzten versorgte versprengte Soldaten der Wehrmacht wurden übergeben. Während der Parade an der Demarkationslinie in der Stadt Brest-Litowsk, die zwischen den zwei verbündeten Aggressoren geteilt wurde, gratulierte Kriwoschein im Namen der sowjetischen Führung den Nazis zu ihren Kriegserfolgen und erklärte, die Deutschen nach ihrem bevorstehenden Sieg über Großbritannien in Moskau begrüßen zu wollen. Alles nur gespielt? Aber sicher doch.

Doch dabei blieb es nicht. Am 28. September 1939 wurde der Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag unterzeichnet, welcher eine längerfristige Zusammenarbeit der beiden Staaten vereinbarte. In teils geheimen (heute aber sauber dokumentierten) Abkommen besiegelten sie die Aufteilung Polens. In den kommenden zwei Jahren, bis zu Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, lieferten die Russen Deutschland gewaltige Mengen an kriegswichtigem Öl und andren Rohstoffen. Ohne diese Lieferungen aus Russland wäre Hitlers Feldzüge nach der Seeblockade der Briten kaum zu bewältigen gewesen. Deutschland lieferte den Russen im Gegenzug Maschinen und Waffen. Der letzte Kesselwagen mit russischem Erdöl rollte noch Stunden vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Es braucht schon eine gehörige Portion an marxistischer Dialektik, um aus einer derart engen Kooperation eine Feindschaft abzuleiten.

Und leider waren die Sowjets gegenüber ihren Opfern auch kaum freundlicher als die Nazis. Allein im April 1940 richteten sie 22 000 bis 25 000 polnische Offiziere, Polizisten, Geistliche und Intellektuelle hin, notabene nachdem sich diese längst ergeben hatten. Die Massenerschießungen von Katyn sollten als erste Verbrechen gegen die Menschlichkeit dieser Art in die Geschichte des Zweiten Weltkrieges eingehen. Die Familien der Opfer wurden nach Kasachstan in die Sklaverei verschleppt.

Wenige Monate nach dem Deutschen Einmarsch stand die Sowjetunion Ende 1941 kurz vor dem ökonomischen Kollaps. Väterchen Winter hatte das Land gleichsam in letzter Minute vor dem Untergang bewahrt. Die wichtigsten Industrie- und Landwirtschaftszentren des Landes, der „Brotkorb“ Ukraine und große Teile des Zentrums der Schwerindustrie, des Donezbeckens, wurden von den Deutschen kontrollier. Zwar wurden viele Industrieanlagen Ende 1941 nach Osten evakuiert und so dem Zugriff der Wehrmacht entzogen, doch erst gingen Monate ins Land, bis die Produktion hinter dem Ural richtig anlief. Die Russen hungerten, einmal mehr. Die Zufuhr von Eisenerz, Kohle und Stahl fiel um 75 Prozent und die Versorgung mit kriegswichtigen Rohstoffen, wie Aluminium, Mangan oder Kupfer, um mehr als zwei Drittel. Vom einstmaligen Rohstoffreichtum verblieben nur noch Holz, Öl und Blei.

Bis zu diesem Zeitpunkt hielten sich die USA aus dem Krieg in Europa heraus. Die Erinnerungen an den 1. Weltkrieg waren noch wach, nur wenige verspürten Lust, für den Frieden in Europa zu sterben. Die Amerikaner waren sich sehr wohl bewusst, was gespielt wurde. Doch sie waren zum Schluss gekommen, dass es am besten wäre, wenn sich die Tyranneien der Nazis und der Sowjets gegenseitig ausbluteten. Erst als klar wurde, dass Hitler eine reale Chance hatte, Russland zu unterwerfen, griffen sie ein. Dann aber gleich mit der ganz grossen Kelle.

Unter dem so genannten «Lend and Lease Act» überliessen die Amis den Sowjets zwischen 1941 und 1945 unter anderem 14 795 Flugzeuge, 7 056 Panzer, 8218 Flakgeschütze, 131 633 Maschinengewehre, 15,417 Millionen Paar Stiefel, 4 Millionen Tonnen Lebensmittel, 2,54 Millionen Tonnen Stahl, 728 000 Tonnen Nichteisenmetalle, 764 000 Tonnen Chemikalien, 77 900 Geländewagen Willys MB („Jeep“), 151 000 leichte Transportfahrzeuge, 200 000 Studebaker US6-Lkw, 1900 Lokomotiven, 1,5 Millionen Kilometer Telefonkabel, 35 000 Funkstationen, 380 000 Feldtelefone, 30 % aller Reifen, 56 % aller Schienen und 1/3 aller Sprengstoffe. Die Amerikaner lieferten den Russen 90 Prozent des gesamten hochoktanigen Flugbenzins, ohne das ihre Flieger am Boden geblieben wären. Die wichtigste Zufuhrroute verlief übrigens durch den Iran. Inflationsbereinigt verfrachteten die Amerikaner Waren im Wert von über 100 Milliarden Dollar in die Sowjetunion, welche ohne die US-Hilfe gegen die Deutschen kaum hätte standhalte können

Am 7. Dezember 1941 zwang Japan die USA mit dem Angriff auf Pearl Harbour in den Krieg. Wenige Tage später, am 11. Dezember 1941, erklärte Hitler den USA den Krieg (und nicht umgekehrt). Das mag aus heutiger Sicht verwegen erscheinen. Doch damals befanden sich die Deutschen noch an allen Fronten auf dem Vormarsch, sie wähnten sich unbesiegbar (Hitlers Rede vor dem Reichstag, in der er die Kriegserklärung gegen die USA begründet, kann auf Youtube abgerufen werden; der Aufwand lohnt sich). Bis zur Schlacht in Stalingrad (November 42 bis Februar 43), die allgemein als Anfang des deutschen Untergangs gilt, sollte noch ein Jahr vergehen.

Doch die Sowjets dachten nicht daran, die USA im Krieg gegen Japan zu unterstützen. Im Gegenteil. Am 13. April 1941 hatten sie einen Neutralitätspakt mit Japan unterzeichnet, den beide Seiten bis ganz am Ende des Krieges einhielten. Die Sowjets zogen erst am 9. August 1945 gegen Japan in den Krieg. Es war der Tag, als die Atombombe über Nagasaki gezündet wurde, drei Tage nach der Zerstörung von Hiroshima. Zu diesem Zeitpunkt war allen klar, dass Japan kapitulieren würde. Doch Stalin nutzte die Gunst der Stunde, um noch schnell die Mandschurei, Teile Koreas und die Kurilen zu besetzen. Die Kurilen wurden definitiv annketiert, deren Bevölkerung vertrieben, mehrere Hunderttausend Japaner verschwanden als Zwangsarbeiter in russischer Kriegsgefangenschaft, die meisten kehrten nie mehr in ihre Heimat zurück.

Winston Churchill hatte schon früh erkannt, dass sich die Sowjets nicht nur Polen, für dessen Befreiung die Briten einst in den Krieg gezogen waren, sondern ganz Osteuropa unter den Nagel reissen würden. Nach der deutschen Kapitulation, im Mai 1945, liess Churchill hoch geheime Pläne für die «Operation Unthinkable» (Unternehmen Undenkbar) entwerfen: Zusammen mit den soeben besiegten Deutschen sollten die Alliierten die Sowjets wieder aus Europa vertreiben. Der Plan wurde als unrealistisch verworfen. Mittlerweile ist er auch dieser Plan nicht mehr geheim. Die Unterlagen zur «Operation Unthinkable» sind seit 1998 beim britische Nationalarchiv in London öffentlich einsehbar.

Wie wir heute wissen, waren dem sowjetische Geheimdienst NKWD dank seinen Agenten in der britischen Verwaltung bereits in der Eruierungsphase über Churchills Planspiele im Bilde. Die Sowjets ihrerseits hatten schon 1944 Überlegungen angestellt, nach einem Sieg über Nazi-Deutschland mit ihrer numerisch überlegenen Armee bis nach Frankreich und Italien weiterzumarschieren und parallel dazu Norwegen und Dänemark zu erobern, um die Ostsee zu sichern. Als bekannt wurde, dass die Amerikaner über Atomwaffen verfügten, wurde die Idee archiviert.

Was ich hier anführe, sind nicht irgendwelche Theorien, sondern gesicherte Fakten, die von ernstzunehmenden Historikern auch nicht bestritten werden. Dass es den Sowjets, die ganz Osteuropa und einen grossen Teil von Deutschland fünfundvierzig Jahre lang mit roher Gewalt unterjochten, trotzdem gelang, sich als Befreier zu etablieren, ist die vielleicht dreisteste Propagandalüge des 20. Jahrhunderts. Nun kann man die Russen als Opfer Stalins sehen (was viele tun). Fairerweise müsste man den Deutschen denselben Opferstatus bezüglich Hitler zubilligen. Und dafür wäre René Zeyer wohl kaum zu begeistern. Tatsächlich gibt es einen grossen Unterschied: Die Nationalsozialisten mussten sich ihren Verbrechen stellen, den Kommunisten blieb diese Mühsal leider erspart.

Wer recherchiert das?

350 Millionen für Velowege in Zürich. Wahnsinn mit Methode.

Die Absicht ist klar: am liebsten sollte Zürich autofrei werden. Lastenvelos, Anhänger-Velos, Kinderwagen-Velos, ohne oder mit Hilfsmotoren (elektrisch, please) und immer mit Spassbremse. Das soll die Zukunft sein. An der darf jetzt gebaut werden, für den Irrsinnsbetrag von 350 Millionen.

Dafür verschwinden gegen die erbitterte Gegenwehr von Anrainern und Gewerbe Parkplätze im Multipack.

Machen wir es eine Nummer kleiner und nehmen etwas, was bereits für rund 40 Millionen Franken gebaut wurde. Der Velotunnel unter dem Zürcher Hauptbahnhof. Erlaube das gefahrlose Unterqueren, werde gut angenommen und fleissig benützt.

Seit der Eröffnung im Mai sollen bereits 600’000 Durchfahrten gezählt worden sein, vermeldet die Stadt Zürich und wird fleissig abgeschrieben.

Gezählt worden sei das ganz objektiv mit Induktionsschleifen, Beschiss unmöglich.

Zählen wir nach. Am 22. Mai wurde dieser Tunnel eröffnet. Das wären bis heute 194 Betriebstage. Also sollen an jedem einzelnen Tag rund 3100 Velofahrer den Tunnel benützt haben. Nimmt man acht Nachstunden weg, wären das 193 pro Stunde oder drei pro Minute.

Das ist einerseits nicht mehr so furchtbar viel. Jede einzelne Durchfahrt hätte bislang den Steuerzahler 66 Franken gekostet. Teurer Spass.

Aber es gibt noch ein weiteres Problem. Natürlich nicht repräsentative Beobachtungen ergeben regelmässig, dass kein einziger Velofahrer gesichtet wird. Keiner, null, nada, nix.

Nun könnte es natürlich sein, dass diese Beobachtungen immer genau zum falschen Zeitpunkt stattfinden, während zu Stosszeiten sich eine ganze Flut von Velos in beiden Richtungen durch diesen Luxustunnel ergiesst.

Aber wäre das nicht mal Anlass für eine vertiefte Recherche von Lokalmedien, die sich ja angelegentlich mit jedem verunfallten Velofahrer befassen?

Ausgangsfrage: kann es wirklich sein, dass rund 600’000 Durchfahrten bislang gezählt wurden? Wo kann man diese Zählung einsehen? Wie funktioniert diese Messung genau?

Wäre doch mal Anlass für eine ergebnisoffene Recherche.

Das wiederum wäre ganz schlecht für den heutigen Thesenjournalismus. Der ist eben überhaupt nicht ergebnisoffen. Sondern ein Redaktor, der ein Thema vorschlägt, wird sofort gefragt: und was ist unsere These?

Die kann hier natürlich nur lauten: Velofahren gut, Kritik schlecht.

Wahn und Wirklichkeit

Die neue Tamedia-Werbekampagne bringt Heiterkeit in den Alltag.

Zwischen Selbstvermarktung, Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit sollte kein allzu grosser Spalt klaffen.

Ein Sparmobil kann sich nicht als Rolls-Royce verkaufen. Billig-Discounter sind keine Gourmet-Tempel. Die Deutsche Bahn ist nicht Pünktlichkeits-Weltmeister.

Gebeutelt von ständigen Sparmassnahmen, Zusammenlegungen und Entlassungen kam bislang nur die publizistische Leiter nach unten Simon Bärtschi auf die Idee, das als Qualitätssteigerung und Bekenntnis zum Qualitätsjournalismus des Hauses Tamedia zu verkaufen.

Während sich die Leserschaft zunehmend gähnend abwendet, wenn sie mit eingekauften Stücken von der «Süddeutschen Zeitung» aus München, der unermüdlichen Nabelschau der verbliebenen Redaktoren und ständigen Besserwissereien, Ratschlägen und Handlungsanleitungen berieselt wird.

Hier fehlt die Trennschärfe zwischen Wahn, Wille und Wirklichkeit immer mehr. Selbst die krachende Niederlage der Erbschaftssteuer-Initiative wird wortreich bedauert und betrauert und behauptet:

«Eine Erbschaftssteuer würde die Wirtschaft ankurbeln und die Welt gerechter machen.»

Aber die Welt bleibt leider, trotz allen Bemühungen der Gesinnungsblasen-Schreiber von Tamedia, die nichts anderes machen als ständig neue Blasen aufzublasen, ungerecht.

Obwohl der gesamte Kopfsalat von Tamedia weitgehend mit der gleichen Einheitssauce abgefüllt wird. Basel, Bern, Zürich, Hauptsache München.

Nun wurde aber eine neue Werbekampagne lanciert, bei der man sich fragen muss, welche Substanzen bei ihrer Kreation inhaliert, geschnupft, geschluckt wurden:

ZACKBUM wischt sich die Lachtränen aus den Augen und fragt: «Vielstimmig statt eintönig»? Wie soll das gehen, wenn vielstimmig Eintöniges intoniert wird. Wie wäre es stattdessen mit «Einfältig und eintönig?» Wie wäre es, eine Entwicklung zur Kenntnis zu nehmen: Verkaufte Auflage minus 62 Prozent seit 2008.

Und wenn Nicken von oben verordnet wird, dann nicken doch alle bei Tamedia mit. Wenn dem Big Boss Pietro Supino ein Artikel, ein Autor nicht passt: weg damit. Wenn er die strikte Trennung zwischen Verlag und Redaktion in die Tonne tritt und zu ellenlangen Kommentaren ausholt: nick, nick, nick.

Ach ja? Das hätte zur Voraussetzung, dass verschiedene Meinungen existieren würden. Ist aber nicht so, nicht nur ZACKBUM-Redaktor René Zeyer hat bei Tamedia Schreibverbot. Chefredaktorin Mimose goutiert seine kritische Meinung nicht. Kein Brückenschlag möglich.

Aber, das muss man der Kampagne lassen, hier schimmert eine Spur von Selbstkritik durch:

Das hindert aber die in ihren Verrichtungsboxen im Newsroom werkelnden Journalisten nicht daran, zwar nicht Bescheid zu wissen, aber allen Bescheid zu stossen, wie man die Welt sehen sollte. Informiert sind sie mittels Google, KI und Newsagenturen. Denn wer mehrere Artikel pro Tag raushauen muss, kann sich ja nicht en détail schlau machen.

Diese Werbekampagne erinnert einen an den alten Ausdruck «lügen wie gedruckt». Der entstand mit dem Aufkommen der Massenmedien als Druckerzeugnis. Seit Erfindung des Internets ist das auch digital möglich.

Als die Agentur Fraser diese Gaga-Kampagne einem auserlesenen Zirkel von einkommensschweren, aber meinungsschwachen Tamedia-Managern vorstellte, hätten die versammelten Koryphäen für die Tausenden von Franken, die ihre wertvolle Anwesenheit kostete, doch sagen müssen: Knick in der Fichte, Wand draussen, einen an der Waffel, komplett Banane, Sprung in der Schüssel, im Oberstübchen zieht’s, alle Schrauben locker, ins Hirn geniesst oder was.

Stattdessen haben sie diese Leserverarschung abgenickt.

Einen drauf setzt wie immer die Leiter nach unten. Der behauptet doch in einem Interview: «Schlankere Strukturen bedeuten nicht weniger Stimmen». Bärtschi lebt offenbar in einer Parallelwelt, wo alle Regeln der Logik aufgehoben sind. Obwohl Tamedia Dutzende von Mitarbeitern entsorgt hat, bedeute das für ihn nicht, dass es weniger Stimmen gäbe.

Wenn also der Männerchor Werdstrasse statt 50 Sänger nur noch 20 umfasst, würde Bärtschi sagen: ist verschlankt, singt aber vielstimmig wie vorher. Der Mann hat Nerven und ist völlig schmerzfrei.

Aber sehen wir es positiv: es gibt so wenig zu lachen heutzutage.

Nordkorea bei der «Republik»

Fehlt nur der Haarschnitt von Kim Jong-un.

Während der ehemalige Star- und heutige Vielschreiber Constantin Seibt die unendlichen Weiten des Weltalls durchpflügt, fanden in der Genossenschaft «Republik» Wahlen und Abstimmungen statt.

Mit der ewig gleichen launigen Anrede «Sehr geehrte Frau Verlegerin, Sehr geehrter Herr Verleger and everybody beyond!» gibt das Organ der korrekten Lebens- und Denkart die Resultate bekannt.

Mit Selbstironie hat es die «Republik» nicht so, dafür ist die Lage zu ernst. Sonst wäre ihr aufgefallen, dass diese Meldung brüllend komisch ist.

Zunächst lag die Wahlbeteiligung bei lachhaften 3471 «Mitgliedern». Das wären 13,35 Prozent von «aktuell rund 26’000 Mitgliedern», wie der NL vermeldet.

Etwas anderer Meinung ist das Cockpit des Organs der absoluten Zahlensicherheit:

Davon wären es noch 11,9 Prozent. Aber ist ja eigentlich wurst, oder nicht?

Das wäre in Nordkorea nie passiert, dort arbeitet man daran, dass die Wahlbeteiligung endlich mal bei über 100 Prozent liegt.

Näher an Nordkorea sind allerdings die Abstimmungsergebnisse.

  • «Der Geschäfts­bericht inklusive Konzern­rechnung wurde mit 3194 zu 7 Stimmen angenommen.

  • Die Jahres­rechnung von Project R wurde mit 3139 zu 9 Stimmen genehmigt.

  • Der Vorstand wurde mit 3160 zu 11 Stimmen entlastet.

  • Die neue Revisions­stelle wurde mit 2926 zu 39 Stimmen bestätigt.

  • Die aktuelle Höhe der Mitglieder­beiträge wurde mit 3220 zu 18 Stimmen bestätigt.»

Alleine die Revisionsstelle müsste sich fragen, wieso sie denn so viele Gegenstimmen erhalten hat. Vielleicht, weil sie sich unbeliebt macht, indem sie immer wieder verklausuliert darauf hinweist, dass die «Republik» eigentlich die Bücher deponieren müsste, so überschuldet wie sie ist.

Allerdings haben zwei reiche Erben mit tiefen Taschen Rangrücktritt bei ihren Darlehen erklärt – oder mit anderen Worten klargemacht, dass sie davon ausgehen, dass das Geld sowieso futsch ist.

Etwas gewagt erscheint allerdings dieses PS, wie immer in einer ellenlangen Reihe von Nachschriften:

«Einen Stressfaktor können wir Ihnen jetzt schon abnehmen: Die Suche nach dem richtigen Geschenk. Ein «Republik»-Abo können Sie guten und schlechten Bekannten gleich herzlich überreichen. Es verstaubt nicht und verursacht keinen Müll. Und Sie unter­stützen unabhängigen Journalismus.»

Dass das Abo nicht verstaube, ist eine kühne Behauptung. Da so viele «Verleger» sich zwar aus Solidarität eins leisten, aber niemals in die ermüdend langen Sprachdurchfälle eintauchen, die hier Artikel genannt werden. Vielleicht verursacht es keinen Müll, enthält aber solchen in Überfülle.

Und unabhängiger Journalismus? Unabhängig von Qualitätsstandards, Ausgewogenheit, Lesbarkeit und origineller Information.

ZACKBUM möchte ein letztes Mal auf die naheliegenden Lösung für diese Misere, diese Agonie hinweisen. Denn es gibt ja ein zweites Organ, das unter ähnlichen Problemen leidet. So wie sich der Blinde und der Lahme gegenseitig helfen können, könnte doch eine Fusion zwischen «Republik» und «Nebelspalter» die Lösung für zwei dahinsiechende Organe sein.

Die schreibende Schmachtlocke und der Fehlanalytiker vom Dienst könnten sich, unter Beizug einer Quotenfrau, die Führung teilen. Somm hat etwas mehr Erfahrung im Rausschmeissen, dafür befleissigt sich Binswanger mehr eines staatstragenden Orgeltons.

Kleine ideologische Differenzen, nun ja, da würden dann die rund 50 «Republik»-Nasen den paar «Nebelspalter»-Nasen kräftig Saures geben.

Natürlich bräuchte es auch einen neuen Namen, der diese Fusion widerspiegelt. Da drängen sich «Republikspalter» oder «Nebelrepublik» auf.

Das Sahnehäubchen: ZACKBUM verlangt keinen roten Rappen für diese durchdachte Lösungsstrategie.

Bescheuert besteuert

Mischa Aebi haut den Tagi-Lesern eins in die Fresse.

Das Resultat ist so vorhersehbar wie eindeutig: fast 80 Prozent der Stimmbürger lehnten die Erbschaftssteuer-Initiative der Jusos ab. Eine Klatsche der Sonderklasse.

Dass die Jusos so tun, als sei das ein grosser Erfolg gewesen, geschenkt. Gute Verlierer waren die noch nie. Dass einige Superreiche leicht hysterisch im Vorfeld agierten, geschenkt.

Mist geführt, Thema erledigt. Aber nicht für Bundeshausredaktor Aebi. Der behauptet doch tatsächlich:

Wir lassen uns auf der Zunge zergehen:

«Eine Erbschaftssteuer würde die Wirtschaft ankurbeln und die Welt gerechter machen. Sie ist so liberal, dass die FDP sie fordern müsste. Doch das Image der Steuer haben die Juso selbst ruiniert.»

Damit widerspricht er schätzungsweise 70 Prozent der Tamedia-Leser. Aber das ist ihm egal, schliesslich hat er einen Erziehungsauftrag. Auch wenn er hier mehr in absurder Logik unterrichtet.

Wieso würde eine solche Steuer auf schon versteuertes Geld die Welt gerechter machen? Darum: «Erben ist grundsätzlich ungerecht.» Aha, und wieso?

Da fällt Aebi ein Beispiel ein, das erheitert: «Wenn sich zehn Familien für ein Einfamilienhaus interessieren, kommt fast immer jene zum Zug, die am meisten geerbt hat. Die anderen bleiben auf der Strecke. Sie müssen vielleicht weitere Jahre in ihren engen, überteuerten Mietwohnungen bleiben, auch wenn sie eigentlich disziplinierter gespart haben.»

Wer mehr Geld hat, hat mehr Kaufmöglichkeiten. Daher kommt meistens der zum Zug, der sich wie auch immer mehr Geld erarbeitet hat. Diese erschütternde und banale Wahrheit musste endlich mal ausgesprochen werden.

Nächste stringente Beweisführung: «Warum mehr Wohlstand? Salopp gesagt: Erben macht faul, das ist wissenschaftlich bewiesen.» Aha, und? «Weniger grosse Erbschaften führen dazu, dass mehr Menschen länger arbeiten. Gleichzeitig schafft die Steuer Einnahmen, die in Bildung oder Infrastruktur fliessen. Darum kann eine moderat ausgestaltete Erbschaftssteuer auf lange Sicht zu mehr Wohlstand führen als viele andere Abgaben.»

Langsam zum Mitschreiben: mehr Geld für den Staat hat noch nie den Wohlstand gefördert, weil der Staat nur sehr rudimentär Mehrwert schafft. Der entsteht vielmehr, wenn auch geerbtes Geld in die Wirtschaft investiert wird. Auch wenn Erben bedeuten sollte, dass weniger gearbeitet wird: der Erbe speist ja das Geerbte mittels Konsum oder Investition sinnvoll in die Wirtschaft ein.

Nun haben das aber die blöden Jusos kaputt gemacht. Dabei: «Und bürgerliche Politiker verdrängen seit einigen Jahren erfolgreich, dass sie als Verfechter des Leistungsprinzips als Erstes eine Erbschaftssteuer fordern müssten.»

Hm. Eine Erbschaft ist meistens durch eine Leistung entstanden. Diese Leistung ist meistens bereits besteuert worden. Wieso um Himmels willen sollen dann Verfechter des Leistungsprinzips fordern, dass solche Erbschaften nochmals und in absurder Höhe besteuert werden müssten?

Das wäre doch bescheuert, nicht besteuert.

Und ZACKBUM fragt sich wieder einmal, wieso bei Tamedia wirklich alles entgleist und jeder Hallodri ungeniert der Mehrheit seiner Leser eine reinwürgen darf und mit absurden Verrenkungen ihnen klarmachen, dass sie eigentlich ganz falsch abgestimmt haben, diese Deppen von Konsumenten seines Ergusses.

Besondere Freude am Artikel dürfte auch die wettverzweigte Coninx-Sippe haben, diese Erbengemeinschaft.

Sollte Aebi nichts geerbt haben, muss er doch davon leben, was seine Leser bereit sind zu bezahlen. Macht er so weiter, kann er nur mehr auf eine Erbschaft hoffen …