Sommer mit Loch, Part II

Die «SonntagsZeitung» hat ein Problem? Das wäre gelinde untertrieben.

Ihr «Fokus» war früher einmal ein ernsthaftes Gefäss für Grossreportagen, Untersuchungen, Primeurs, gewaltige Stücke. Dann denaturierte es immer mehr zum Interview-Abfüllgefäss, wobei das Niveau der Interviewten (und der Fragen) immer mehr ins bodenlos Seichte abglitt.

In dieser Tradition steht auch die aktuelle Ausgabe. Nichts gegen den «Genusswanderer» Richi Spillmann. Aber will man wirklich auf zwei Seiten wissen, «warum er meist ein kaltes Plättli bestellt, wo es die beste Gerstensuppe gibt – und was er nicht mehr auf der Karte sehen will»? Eben.

Aber vorher ist’s auch nicht viel besser. Fällt dir keine andere Alternative zu einem leeren Blatt ein, dann gehe einer «neuen Umfrage» nach. Die zeige «enorme Zunahmen von homophoben, muslimfeindlichen und antisemitischen Teenagern in der Schweiz». Ja sage mal, echt jetzt? Und auch gleich noch mit Kästchen «Hier finden Eltern Unterstützung», und natürlich einem Interview mit der «Zentralpräsidentin des Lehrerverbandes».

Die wird mit knallharten Vorwürfen konfrontiert: «Man sei zu «woke». Daraufhin darf sie schwabbeln: «Mit solchen Aussagen läuft man Gefahr, dass die Schule sagt: Wir fassen heikle Themen gar nicht mehr an.» Ein anständiger Interviewer würde nun nachhaken und darauf aufmerksam machen, dass das wohl keine Antwort auf die Frage sei. Aber doch nicht Arielle Peterhans und Roland Gamp; war wohl zu heiss dafür.

Dann eine frohe Nachricht für alle Lohnabhängigen: «Mobben war noch nie so einfach». Davon können viele Männer bei Tamedia ein Lied singen.

Aber wenn alle Stricke reissen, dann liefert die SoZ wenigstens noch Nutzwert: «Wie viel Trinkgeld gibt man in anderen Ländern? Und wie gibt man es richtig?» Steht zwar in jeder Reiseapp, aber hallo, vielleicht gibt es ein paar ältere Leser, die sich diese Seite rausreissen und mitnehmen.

Das sollte man bei der Seite «Standpunkte» eher unterlassen. Hier vertritt Min Li Marti die ferienabwesende Jacqueline Badran mit dem «Korrigendum», das meist weitgehend aus Korrekturbedürftigem besteht. Wir wollen ja über ihn schweigen, aber wenn Historiker Markus Somm ein Ausschnittchen aus der langen, komplizierten und von beiden Seiten nicht gerade freundlich geführten konfliktiven Beziehung zwischen Polen und Russland nimmt, ohne ein Wort über die Folgen von Brest Litowsk zu sagen, dann wird er mal wieder zur Schande seiner Profession, zum oberpeinlichen Renegaten, der bis ins höhere Alter öffentlich Abbitte für jugendliche linke Verirrungen leisten muss. Zum Fremdschämen.

Zur Höchstleistung von SZ-Knobloch, die mal kurz das Model Bella Hadid als angebliche Antisemitin abwatscht, hat sich ZACKBUM bereits geäussert.

Aber auch die SoZ hat eine kleine Sternstunde, die besteht im Interview mit der Bankenprofessorin Anat Admati, die kein Blatt vor den Mund nimmt, gewaltig mehr Eigenkapital fordert und schlichtweg festhält: «Die UBS ist ein untragbares Risiko für die Schweiz».

Aber auch hier, wie gewonnen, so zerronnen. Das nächste Interview führen Alexandra Kadves und Andreas Tobler mit der Westentaschenphilosophin Barbara Bleisch. Vorbei die Hoffnung, von ihr nie mehr etwas in Tamedia lesen zu müssen. Aber das Sommerloch muss wohl grauenerregend gähnen. Wer sich dieses Stück antut, ist stärker als ZACKBUM und geniesst unsere Bewunderung. Oder auch nicht.

Aber, geben wir’s zu, das wollten wir doch immer schon mal wissen:

Blöd nur: so ein Text kommt jeden Sommer. Garantiert. Zwischen dem Badi- und dem Glacetest. Unglaublich gähn.

Dann aber, ist das ein Blick in die Zukunft von Tamedia, ein echt abkühlendes Thema:

Dann sind sie wenigstens eine Zeitlang nicht so einsam. Der Text ist es übrigens auch nicht; hier rezykliert die deutsche Autorin Shoko Bethke, was sie schon im «ND» oder in der «taz» breitschlug. Aber Schweizer Medien zahlen zweifellos besser als deutsche, verständlich.

Dann erhebt aber wieder der Klimawandel sein hässliches Haupt, ZACKBUM vermisste ihn schon:

Es geht doch nichts über ein knackiges Getty Images-Symbolbild über einem Text der Klimakreische Joachim Laukenmann. Apropos, wow ist eigentlich Corona-Kreische Marc Brupacher? In den Ferien oder Hitzschlag?

 

 

Sommer mit Loch

Die NZZaS hat wirklich ein Problem.

Nur eins? Gute Frage. Sie hat eine Reihe von Problemen, und wie bei Ebbe kommen die halt zum Vorschein, wenn das Sommerloch hässlich gähnt und nichtmal die Hand vor den Mund hält.

Aber der Reihe nach. Wenn eine Redaktion, ein Chefredaktor eine solche Cover-Illustration zulässt, dann haben sie die Kontrolle über ihr Leben verloren, wie Karl Lagerfeld selig sagen würde.

Sieht aus wie von KI gepinselt; was soll eine Umarmung zwischen einem Marlboro-Cowboy und der Freiheitsstatue uns sagen? Echte Nähe von Extremen? Geknutscht wird nicht, weil er nicht mal die Kippe aus dem Mund nimmt?

Dann verliert sich der Chefredaktor Beat Balzli in aufgewärmten Überlegungen zum amerikanischen Wahlkampf, nicht ohne dem Leser am Schluss launig «I Wish you a Great Sunday» nachzurufen, Versteht zwar keiner, was das soll, «Make Sunday Great again» wäre wenigstens noch einigermassen lustig gewesen.

Aber das geht wenigstens schnell vorbei, es folgen zwei Seiten Geseier zur Frage, was «uns eigentlich noch zusammen» halte. Gemeinschaft, starke Institutionen, gemeinsame Geschichte, ist die banale Antwort, die man – ausgewalzt – in einer Spalte hätte geben können.

Werbung ist sonst nicht so das Thema von ZACKBUM, aber hier müssen wir eine Ausnahme machen, denn das ist zum Schieflachen:

Das soll «Eleganz auf höchstem Niveau» bildlich ausdrücken. Dabei ist es Idiotie auf tiefstem Niveau. Da steht ein Range Rover blöd rum. Fährt er zurück, kracht er in die elegante Mauer. Fährt er nach vorne, platscht er in den eleganten Seerosenteich. Eigentlich braucht es einen Kran, um ihm aus dieser eleganten Situation herauszuhelfen.

Ach, und wenn wir schon bei gelungenen Illustrationen sind:

Ein Sarg, aus dem Geldnoten herausquellen, offenbar funktioniert die Klimaanlage bei der NZZ nicht.

Aber dann, sonst wär’s halt nicht die alte Tante, kommt ein Stück, das mit vielem versöhnt. Ist von der Altmeisterin Margrit Sprecher, die mal wieder zeigt, dass sie Reportage besser beherrscht als all die verschwurbelten Möchtegerns, die aufpumpen und nur zeigen, dass sie weder Form noch Inhalt beherrschen.

Anders aber Sprecher.

Natürlich lebt das Stück vom Setting und den beiden Protagonisten. Aber finden muss man die auch erst mal, und gültig beschreiben können auch. Da ist Simon Bühler, einst ein gefeierter Starkoch, erfolgsverwöhnt, getrieben. Der plötzlich umschaltete und nun die Walserstuba in Avers betreibt. Mit einfachen Gerichten zu zivilen Preisen (Abendmenü 35 Franken), «Nada es perfecto», ist sein Wahlspruch, und Sprecher bringt ihn dem Leser näher. Ergänzt wird er durch Bruno Loi, dem Macher, der als «Tschinggeli» in der zweiten Generation allen zeigen muss, was er kann. Und das ist viel. Eingebettet in ein Walserdorf, wo man wohl erst so ab der fünften Generation nicht mehr als fremder Eindringling empfunden wird.

Ein wunderbares Stück, das zeigt, wie Journalismus immer noch funktioniert. Idee haben, hingehen, anschauen, aufschreiben, verdichten. Geht aber nur, wenn man’s kann, denn was so einfach daherkommt, ist die hohe Kunst.

Das trägt einen auch problemlos über die nächste Seite mit Patti Basler und Rolf Dobelli hinweg. Und in die «Wirtschaft» hinein, die so siech ist, dass man ihr gerne so ein Krankenzimmer auf dem Bürgenstock empfehlen würde. Ein Abknutsch-Interview mit Tucker York, dem Chef der globalen Vermögensverwaltung von Goldman Sachs, wie es dessen PR-Abteilung nicht besser geschnitzt hätte. Ein Stück über die Zuger Kirschtorte, bzw. den finanziellen Erfolg des Kantons, nach der Devise: kann man machen, muss man nicht machen.

Dann lässt Nicole Kopp mal wieder Nostalgie aufkommen. Denn die Kolumne «Geld & Geist» wurde mal von geistreichen Autoren bespielt. Jetzt ist es halt eine Frau, die nicht einmal geistreichelt, sondern nur langweilt: «Die meisten Sitzungen sind überflüssig. Schaffen wir sie ab!» Seit es Büros gibt, die wohl am häufigsten geäusserte Phrase.

Im «Wissen» hat man auch gemerkt, dass es angeblich «grausam heiss» sei. Wenn’s nicht kalt ist und regnet, natürlich. Dazu passend die «Verlagsserie Zeit fürs Klima». Wunderbar, «in Kooperation mit Rolex». Weiter kann man als ernsthaftes Organ die Beine eigentlich nicht spreizen.

«Kultur»? Was für Kultur? Sinfonien aus Estland («gegen Putin»), das Taormina-Filmfest (heute nur noch Sizilianern bekannt), dann noch «Die Antiromatiker von Göschenen», deren Kunst, ehrlich gesagt, ungefähr so attraktiv ist wie das Kaff selbst.

Links die Künstler ohne Kunst, rechts das Kaff, auch ohne.

Dann noch die Leserbriefe, und Fr. 7.10 sind weggerauscht. Wenn man noch 2.40 Fr. drauflegt, gäbe es ein «Big Bang Menu» von McDonald’s. Immerhin mit «saftigem Rindfleisch von der Metzgerei Bell, zarter Schmelzkäse, Zwiebeln, Essiggurken, Ketchup und Senf in einem Brötchen aus IP-Suisse-Mehl». Plus Getränk! Eine echte Alternative.

 

Frieden schaffen bloss mit Gaffen

Bei Tamedia darf ein Schlaumeier schlaumeiern.

Wer gelegentlich in der NZZ zu Wort kommt, muss ein grosser Kopf sein. Denkt sich wohl die Chefredaktion von Tamedia und erteilt dem tschechischen Politologen Janos I. Szirtes das Wort.

Der möchte gerne, dass das Schlachten in der Ukraine weitergeht. Der möchte gerne, dass auf Kosten der Ukrainer der Wertewesten den Unwerteosten fertigmacht. So formuliert er es natürlich nicht, sondern so: «Die Stimmen, die nach Friedens­verhandlungen in der Ukraine rufen, mehren sich. Sie ignorieren, welche Voraussetzungen dafür nötig sind

Dabei ist sich Szirtes mit Rásony und anderen Grossdenkern von nah und fern einig. Zuerst greift er zur Schalmei: «Frieden ist eine zutiefst menschliche Sehnsucht. Mit Friedensforderungen kann man leicht die Herzen – nebenbei und nicht unerheblich auch Wahlstimmen und Ansehen – gewinnen.»

Kein Wunder: «Um Frieden in der Ukraine zu schaffen, gibt es bereits eine lange Schlange von Anwärtern auf Vermittlung: Brasilien, Indien, Südafrika, Türkei, Ungarn, Schweiz, Vatikan sind nur einige von den entsprechenden Ländern. Zusätzlich stehen Parteien und andere Organisationen, ja selbst Einzelpersonen in Bereitschaft. Alle wollen sie vermitteln.»

Aber all diese potenziellen Vermittler wissen nicht, was Szirtes weiss. Das ist alles nur Tand und Tollerei, wenn nicht eine ganze Latte von «bestimmten Voraussetzungen» erfüllt sei. Der tiefe Denker zählt auf:

– Beide Seiten müssen einverstanden sein
– der Vermittler müsse unparteiisch sein
– Die Kriegsparteien seien nicht dumm und könnten selbst Kompromisse finden
– Der Vermittler müsse selbst zur Lösung beitragen
– Dafür sei eine glaubwürdige Persönlichkeit vonnöten
– Es sei ein «sicherer Standort» zu finden
– Ein solcher Friedensvertrag müsse «neue Grundlagen für die internationalen Beziehungen» enthalten

Ganz schön viel. Triviales und Abwegiges. Aber berücksichtige man nicht all das, «muss man sich darüber im Klaren sein, dass Waffenstillstand und Friedensverhandlungen für die Ukraine ausschliesslich zu den Bedingungen Putins möglich sind». Wie Szirtes nach seiner Aufzählung zu dieser Schlussfolgerung kommt, bleibt sein dunkles Geheimnis.

Aber natürlich möchte auch er ein bisschen Frieden, logo. Blöd nur: «Es ist an der Zeit, sich ernsthaft um Frieden zu bemühen, ohne Sprüche und Selbstdarstellungen. Doch derzeit fehlen dafür sowohl die Staaten als auch die Organisationen und Persönlichkeiten.»

Das ist natürlich echt scheisse. Eigentlich sollte man sich ernsthaft um Frieden bemühen. Aber wie bloss? Verflixt auch. Da fragt sich der Laie, der nicht über diese Tiefe des Denkens und Analysierens verfügt, wie es denn überhaupt in der Geschichte der Menschheit möglich war, zu Friedensverhandlungen zu kommen. Denn all diese Voraussetzungen, die es laut diesem Flachdenker braucht, waren niemals nie vorhanden.

Aber irgendwie ging es dann doch. Seltener wegen der völligen Niederlage eines Kontrahenten, häufiger, weil eben doch Friedensverhandlungen stattfanden und erfolgreich endeten. Wahrscheinlich auch deshalb, weil niemand auf Szirtes hörte. Was auch keinen Verlust für die Menschheit darstellt.

 

Die Liste des Grauens

Dagegen wäre der arme Georg Büchner Sturm gelaufen.

Zu seinem Glück im Unglück ist der grosse Dichter aber seit 1837 tot, also muss er nicht mehr miterleben, wie ein Preis in seinem Namen an Unwürdige verliehen wird. An Autoren mit einer Halbwertszeit von vielleicht einem halben Jahr Feuilleton. Die im Wesentlichen die richtige Gesinnung mitbringen; literarische Fähigkeiten oder gar Ähnlichkeiten mit Büchner wären nicht einmal zufällig.

Es ist ein Graus, der grausige aktuelle Preisträger heisst Oswald Egger. Der ist bislang nicht weiter aufgefallen, der wird auch bald wieder in der Versenkung verschwinden, wie seine Vorgänger in den letzten Jahren. Nur eine Ausnahme gibt es da, und die ist ebenfalls grauenerregend.

Dieser bedeutendste Literaturpreis Deutschlands wird von einer Jury vergeben. Deren Namen müssen an einen Schandpfahl genagelt werden.

Zunächst gibt es «je einem Vertreter, einer Vertreterin des/der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und des Magistrats der Stadt Darmstadt mit beratender Stimme». Das mag ja noch angehen. Nun aber die entscheidende Jury:

Ingo Schulze, Rita Franceschini, Olga Martynova, Lothar Müller, Maja Haderlap, Felicitas Hoppe, Joachim Kalka, Daniela Strigl, Michael Walter.

Fragt da jemand: und wer ist denn das, so muss er sich nicht schämen. Schulze ist Präsident der Deutschen Akademie für Sprache, Autor eines schmalbrüstigen Werks, das zu recht vergessen ist. Franceschini ist eine Schweizer Sprachwissenschaftlerin, Martynova eine russische Lyrikerin und Übersetzerin, Müller ein Literaturkritiker, Haderlap «gilt als bedeutende lyrische Stimme unter den slowenisch schreibenden Österreicherinnen» (Wikipedia), Hoppe ist Schriftstellerin und selber Büchnerpreisträgerin, Kalka Schriftsteller (letztes Werk «Schatten und Schnee»), Strigl ist österreichische Germanistin mit Forschungsschwerpunkt österreichische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Walter schliesslich ein deutscher Übersetzer.

Ach und um das Panoptikum zu ergänzen, einen Namen haben wir bislang verschwiegen, es gibt noch ein weiteres Mitglied dieses erlauchten Kreises: Lukas Bärfuss.

Alle diese Nasen haben mit Büchner ungefähr so viel zu tun wie Nemo. Nämlich schlichtweg nichts. Ausser, dass sie vielleicht sein schmales Werk gelesen haben. Verstanden – das ist schon sehr fraglich, denn ihre Auswahl der Preisträger spricht dagegen.

Büchner war Revolutionär, ein Genie des Wortes, seine Theaterstücke überdauern die Zeiten wie die von Shakespeare, alleine sein Novelle «Lenz» ist ein Werk, zu dem all diese Nullnummern von tief unten hinaufblicken müssten.

Wie würdelos, geschmacklos ist es, einen Preis mit diesem Namen an zeitgeistige Modeschreiber zu verleihen, die den Tiefgang eines Paddelboots mit holpriger Sprachbeherrschung und einem sehr dünn gepackten Bildungsrucksack verbinden.

Wie inzüchtig ist es, ehemalige Preisträger in die Jury zu berufen; hat man schon mal davon gehört, dass Nobelpreisträger im Nobelpreiskomitee sitzen? Mit jeder solchen Verleihung wird der Name Büchners in den Schmutz gezogen.

Glücklicherweise überstrahlt sein Werk dennoch all das. Aber es zeugt doch von einer Unverfrorenheit sondergleichen derjenigen, die diesen Preis vergeben, wie auch derjenigen, die ihn annehmen.

Ihre Schande würde sie überdauern, erinnerte sich in ein, zwei Jahren überhaupt noch jemand an ihre Namen.

Kein Byte bewegt sich mehr

Wer meint, Kriege werden in erster Linie mit Panzern und Flugzeugen gewonnen, lebt im letzten Jahrhundert.

Immer wieder gibt es Kriegsgurgeln und Dumpfbacken, die Kriegerlis mit Panzern, Flugzeugen, Artillerie und Infanterie spielen. Natürlich ist das alles nicht unnütz, um einen Krieg zu führen und zu gewinnen. Aber gleichzeitig ist das dermassen old school, dass man nur hoffen kann, dass niemand auf all diese Schwätzer von Häsler abwärts (kaum möglich) und aufwärts (eher möglich) hört.

Wie’s wirklich abgehen kann, beweisen nicht nur Hackerkolonnen aus Nordkorea, China oder Russland. Die Beeinflussung der asozialen Medien mit Fake-Profilen und Fake-News ist nur eine Spielart der Cyberwars, die wohl neben der Atombombe den Ausgang eines Krieges wesentlich bestimmen.

Das Augenmerk darauf hat aktuell eine doppelte Panne gelenkt. Die Firma CrowdstrikeAngriffe stoppen. Den Geschäftsbetrieb absichern.») hat gerade mal kurz weltweit den Geschäftsbetrieb gestoppt und selbst damit einen Angriff unternommen. Natürlich unbeabsichtigt.

Die Crowdstrike Holdings mit Sitz in Texas wurden ihrem Namen (Massenstreik) durchaus gerecht. 2011 gegründet, wuchs das IT-Sicherheitsunternehmen schnell auf einen Jahresumsatz von 2,25 Milliarden US-$ an und beschäftigt weltweit über 7000 Mitarbeiter. Sein Produkt «Falcon» soll Windows-Rechner beschützen und ist flächendeckend im Einsatz.

Deshalb kam es zu flächendeckenden Ausfällen. Fluggesellschaften, Flughäfen, Krankenhäuser, Banken, Eisenbahnen, das englische Rezeptsystem, an den merkwürdigsten Stellen lief plötzlich nichts mehr. Kleines Problem beim Aufspielen eines Updates, aber wir haben’s wieder im Griff, behauptet das Unternehmen nach kurzer Zeit. Obwohl das Unternehmen sprunghaft wuchs, machte es in den letzten sechs Jahren ständig Verluste, kumuliert fast eine Milliarde Dollar.

Gleichzeitig wackelte die Microsoftplattform Azure, wodurch zahlreiche Apps und Dienstleistungen von Microschrott 365 nicht mehr erreichbar waren. Es handelt sich in beiden Fällen wohlgemerkt nicht um einen Cyberangriff, sondern um die übliche Unfähigkeit grosser IT-Buden.

Das ist alles nicht dramatisch schlimm, es gab keine Toten oder Verletzten. Aber es zeigt, dass bereits eine Bude, deren Name bislang nur Insidern bekannt war, weltweit ein Riesenchaos verursachen kann. Die Auswirkungen belegen, wie effizient ein Cybwarangriff, an der richtige Stelle ausgeführt, sein wird.

Investitionen in IT-Sicherheit und in IT überhaupt sind eben nicht sexy. Viele Banken weltweit arbeiten bis heute mit zusammengepatchten Systemen, bei denen immer ein neuer Layer auf teilweise bis in die digitale Steinzeit zurückreichende Programme gepfropft wurde. Es ist ein offenes Geheimnis, dass längst pensionierte IT-Spezialisten sich eine goldene Nase verdienen, weil sie die einzigen sind, die noch eine Ahnung haben, wie ein Uraltprogramm wie Cobol funktioniert – und vor allem, wie man das reparieren kann, wenn es spinnt.

Die aktuelle Panne war wohlgemerkt ohne bösartige Absicht entstanden. Wenn man sich vorstellt, was ein bösartiger Angriff auf das weltweite Finanzsystem, auf die Steuerung von AKW, auf die gesamte IT eines Krankenhauses, auf die Telekommunikation bewirken könnte, wird einem speiübel.

Investitionen in IT-Sicherheit kosten und sind für Dumpfbacken nicht so sichtbar wie eine Panzerkolonne oder eine Flugzeugstaffel. Immer wieder gelingt es White Hats wie dem Hamburger Chaos Computer Club, gravierende Sicherheitslücken ausfindig zu machen – und die Verantwortlichen darüber zu informieren. Getan wird dann jeweils das Nötigste, begleitet von starken Worten.

Nun könnte man sich fragen, wieso solche Cyberkriegsführung nicht häufiger angewendet wird, beispielsweise im Ukrainekrieg. Die Erklärung ist ganz einfach. Es ist der gleiche Grund, wieso nach anfänglicher Euphorie Giftgas oder biologische Kriegsführung nicht oder nur sehr sporadisch angewendet wird: aus Angst vor Vergeltung.

Denn weltweit ist zivile Infrastruktur mangelhaft hinter effizienten Firewalls versteckt. Crowdstrike hat mal wieder das lustige Phänomen bewirkt, dass es selbst die Gefahr darstellt, vor der der IT-Dienstleister eigentlich schützen will. Abgesehen davon, dass sein Sitz in Austin Texas schwere Bedenken auslösen sollte, was mit von ihm erlangten Einblicken in die IT-Strukturen von Konkurrenten von US-Firmen so alles passiert.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der mächtigste Auslandgeheimdienst der Welt, die amerikanische NSA (ca. 40’000 Mitarbeiter, Jahresbudget mindestens 11 Milliarden Dollar) gerne mal aushilft, um US-Firmen den Inhalt von Konkurrenzofferten zugänglich zu machen.

Bevor es zu einem Atomschlag käme, spielt hier die militärische Musik, können ungeahnte Verheerungen angerichtet werden, kann eine hochtechnologisierte Zivilgesellschaft ins Chaos gestürzt werden. Aber Lerneffekt bei Panzergenärlen und Sandkastenmilitärs und Schreibtischkriegern: null. Null Byte bewegen sich.

Gaga gegen gröwa

Biden gegen Trump. Das ist wie Pest gegen Cholera. Aber repräsentativ für so vieles.

Immerhin hat die EU solche Probleme nicht. Da wird die von Alt-Bundeskanzlerin Merkel ins Amt gehievte Ursula von der Leyen problemlos wiedergewählt. Trotz Affären über Affären, trotz Fehlprognosen über Fehlprognosen. Wohl nach der Devise: eine dysfunktionale EU wird am besten durch eine dysfunktionale Chefin repräsentiert.

In den USA gibt es immerhin eine Wahl. Aber was für eine. Der amtierende Präsident verwechselt Selenskyj mit Putin und vergisst den Namen seines Verteidigungsministers. Der ehemalige Präsident behauptet, er werde sämtliche internationale Konflikte beenden und lügt wie gedruckt, sobald er den Mund aufmacht.

Präsident Biden hat die Unterstützung der Auslandchefs von Tamedia und NZZ verloren; daran hat er schwer zu knabbern. Kandidat Trump kann sich dagegen der unverbrüchlichen Unterstützung von Roger Köppel erfreuen («Der Auferstandene»), wenn Köppel nicht gerade die sauberen Strassen und vollen Regale («Schweizer Käse und andere Delikatessen») von Moskau lobt.

Der eine Kandidat ist offensichtlich gaga, der andere grössenwahnsinnig. Beide haben einen Wackelkontakt zur Realität.

Möglicherweise wird Biden noch vor der Zielgeraden der offiziellen Nominierung ausgewechselt. Daran knüpft die «alles, nur nicht Trump»-Journaille ihre allerletzten Hoffnungen, nachdem sie noch vor Kurzem Biden als letzte Hoffnung hochgejubelt hatte. Trump wollte den Geläuterten und Gemässigten geben, konnte es aber nicht lassen, von seinem Redemanuskript abzuweichen und unverständliche Lobeshymnen auf Hannibal Lecter zu singen, den psychopathischen Menschenfresser im «Schweigen der Lämmer».

Die Welt spinnt im Grossen, die Welt spinnt im Kleinen. Der Tagi veröffentlicht eine Untersuchung, in welchen Quartieren das Sterberisiko erhöht sei – «wegen der Hitze». Die NZZ veröffentlicht das «Porträt eines politischen Genies» – über Trump. CH Medien haben den Blick fürs Wesentliche: «Trump bekommt keinen Kuss von seiner Frau».

«Blick» hat keine Antworten, nur Fragen: «Nach riesiger IT-Panne: Wer zahlt für die immensen Schäden?» «Bringt die Juso-Initiative Steuererhöhungen für alle?» «Warum bis du gegen Fleischersatzprodukte?»

Der «Spiegel» glänzt wieder einmal mit einem geschmackvollen Cover:

Ach, und dann wird die Ukraine mit russischen Bomben und guten Ratschlägen aus dem Westen überschüttet, sollen die Ukrainer gefälligst für unsere westlichen Werte verrecken, das sind sie unseren Sandkastengenerälen und Kriegsgurgeln und Sesselfurzern in den Redaktionen schuldig.

Das viel grössere Geschlachte im Sudan, in Äthiopien, in Mianmar  interessiert keinen. Falsche Weltgegend, falsche Hautfarbe, keine strategischen Interessen, keine Rohstoffe.

Ach, und der Tagi trauert, dass Zürich erspart blieb, Millionen Steuergelder für das Fest einer Hupfdohle auszugeben.

Dann lässt der «Blick» ansatzlos auf den früheren BaZ-Redaktor und nachfolgend «Nebelspalter»-Mitarbeiter Daniel Wahl (lustigerweise dort nicht im Impressum aufgeführt) einprügeln, ohne dessen Namen zu nennen:

Wieso Lukas Lippert vom «Beobachter» diese alten Kamellen nochmals aufwärmt, nur weil in Deutschland der Prozess gegen die Rollator-Revolutionäre von den verpeilten «Reichsbürgern» stattfindet, man weiss es nicht.

Die völlig haltlose Tamedia übernimmt von der «Süddeutschen Zeitung» einen Kommentar von Marlene Knobloch: «Wie meinen «Retro»»?» im Original, «Noch jemand wach im Marketing» in der Kopie. Darin rezykliert Knobloch zunächst sämtliche Klischees, die Hänschen klein so über Marketingfuzzis haben kann («köpfen Cremantflaschen, trinken literweise Kaffee, brüten bis tief nachts vor Stehschreibtischen»).

Um dann die neue Kampagne von Adidas zu köpfen. Die preist einen neuen Sneaker, der im Design an Olympia 1972 erinnern soll, mit dem Model Bella Hadid an. Na und? Na, die werde von ihren Fans als «Palestine Queen» gefeiert, sei aber mit einem goldenen Löffel im Mund in den USA geboren worden.

Dann wird Knobloch ziemlich ausfallend: «Was sie nicht daran hindert, ihre über 60 Millionen Follower auf Instagram exzessiv über Palästina zu unterrichten, historisch falsche Landkarten eines angeblich existierenden palästinensischen Staates zu teilen, ausserdem KI-generierte Bilder, die angeblich Rafah darstellen sollen, und auf Demos «From the River to the Sea» zu brüllen

Womit für Knobloch völlig klar ist: «Bella Hadid als grosse Antisemitin zu entlarven, ist gar nicht zwingend nötig.» Deshalb tut sie es auch nicht, das Reizwort «Antisemit» für jeden Kritiker Israels reicht ja schon. Fehlen darf auch nicht: «Adidas sind die Anfangsbestandteile des Gründervaters Adolf Dassler, der mit seinem Bruder und Mitfirmengründer Rudolf Dassler 1933 in die NSDAP eintrat.» Was hat Knobloch für einen Lösungsvorschlag? «Man hätte angesichts der Geschichte, der sensiblen Weltlage auch einfach ein jüdisches oder israelisches Model fragen können

So wird ein simpler Turnschuh zum Schlachtfeld von Antisemitismus, Erinnungen an das Dritte Reich und die braune Vergangenheit des Adidas-Gründers. Wie blöd und primitiv wäre es, gegen die Verwendung eines jüdischen Models zu polemisieren, wenn das nicht die Kriegsverbrechen, die Israel im Gazastreifen begeht, verurteilen würde?

Übrigens ist Adidas bereits eingeknickt und hat Hadid aus den Anzeigen entfernt. Wie darf man das nennen? Erfolgreichen Rufmord? Denunziationskampagne? Antipalästinismus?

Die Welt verliert sich in Nebensächlichkeiten, die Medien japsen ziel- und haltlos durch die Weltgeschichte und haben eine mehr als selektive Weltsicht, kümmern sich am liebsten um Pipifax, der dem beschränkten intellektuellen Niveau, den oberflächlichen historischen und wirtschaftlichen Kenntnissen der Redaktoren entspricht.

«World gone mad», sang Bob Dylan. Sagten wir auch schon. Zweit für eine Sommerpause, demnächst.

 

Wumms: Oswald Egger

Wie Georg Büchner Jahr für Jahr geschändet wird.

Schwurbelalarm:

«Es heißt: Ein Leben leben, sein Spiel spielen, Tänze tanzen, Tode sterben, und Wort für Wort, Ton in Ton, von Zeit zu Zeit, von Klippe zu Klippe, gleichem gleichkommen, wie in einer Welt in der Welt (noch einmal), Hölderlins «Hyperbel der Hyperbel»: Der Gegensatz des Gleichen und Verschiedenen ist gleichfalls, ein fließender. Ich suche – allenthalben – Unbedingtes, und finde überall nur Dinge (und diese sie umringenden Bedingungen). Nur – sind die Dinge, wie sie sind? Könnte ich mir von unmöglichen Dingen eine Vorstellung machen? Sind die Dinge, wie sie sind, in Worten, irgendwie in den Worten, ich meine, erinnert darin

So eiert Oswald Egger auf Wunsch (oder auch ohne Wunsch) vor sich hin. Das darf und soll er. Was aber verboten gehört: «Mit Oswald Egger zeichnet die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung einen Schriftsteller aus, der seit seiner ersten Veröffentlichung im Jahre 1993 die Grenzen der Literaturproduktion überschreitet und erweitert. Er arbeitet an einem Werkkontinuum, das Sprache als Bewegung, als Klang, als Textur, als Bild, als Performance begreift und sich in der Fortschreibung und Veränderung des Sprachgebrauchs entwickelt.»

Büchner ist das viel zu früh verstorbene Genie der deutschen Literatur. Er hinterliess ein Monument von Werk, das zu einer alle überstrahlenden Kathedrale geworden wäre, hätte er nur die Zeit dafür gehabt. Zu recht trägt der bedeutendste deutsche Literaturpreis seinen Namen.

In der inzwischen langen Reihe der Preisträger gibt es würdige Persönlichkeiten wie Max Frisch, Günter Grass, Hans Magnus Enzensberger, Peter Weiss oder Heinrich Böll. Aber seit einigen Jahren ist die Jury auf Abwegen, tritt sie das Erbe Büchners mit Füssen, kürt Preisträger, die nicht einmal durch eine Gesinnungsbrille gesehen auch nur ansatzweise das Format haben, mit Büchner in einem Atemzug erwähnt zu werden.

Sternschnuppen sind’s, an die sich sehr schnell niemand mehr erinnert. Wem sagen die Namen Jan Wagner, Teréza Nora, Elke Erb, Clemens J. Setz, Ermine Sevgi Özdamar oder Lutz Seiler etwas? Allesamt Büchner-Preisträger. Lukas Bärfuss ist hierzulande eine Ausnahme; der Sprachholperer, der keinen graden Satz (oder Gedanken) zu Stande bringt, bekam den Büchnerpreis 2019. Keiner dieser Karikaturen hatte den Anstand, den Preis abzulehnen.

Diesen Preis mit diesem Namen an solche Nulpen zu vergeben, das zeugt von einer Kulturlosigkeit, die leider dem aktuellen Zeitgeist entspricht.

«Blick» zurück

News von gestern heute serviert. Das erhöht garantiert die Einschaltquote.

Es muss eine Parallelwelt geben, in der die Fussball-EM noch in Gang ist. Denn der «Blick» serviert seinen Lesern diese brandaktuellen Podcasts:

Die Frage, ob die Deutschen oder die Schweizer Europameister werden, scheint inzwischen beantwortet zu sein. So nach der Devise: Schweiz oder Deutschland, Hauptsache Spanien.

Auch Geschmackvolles wird vom «Blick» unablässig gepflegt. Nachdem die Frage beantwortet wurde, wie oft eine Klobürste zu wechseln ist, kommt nun ihr Einsatzort zum grossen Auftritt:

Wer keine Probleme mit der Verdauung hat, dürfte vielleicht eine andere Baustelle mit sich tragen:

Welche Fehlschlüsse das sind? Nun, ZACKBUM will weder auf dem Klo noch im Sexleben dem «Blick+» die Plusser abspenstig machen, denn das Organ mit dem Regenrohr im Logo kann jeden einzelnen persönlich begrüssen und braucht ihn auch.

Aber neben kostenpflichtiger Lebenshilfe gibt es auch jede Menge Gratistipps, mit denen man sein persönliches Wohlbefinden unglaublich steigern kann:

Gut, wieso zwanghaftes Kontrollieren doppelt schadet und welche 6 Snacks man abends bedenkenlos essen kann, das wissen nur Plusser beim «Blick». Für alle ist allerdings die Reiseempfehlung Albanien, die Spaghetti Carbonara, die Gutschein-Plattformen und die schreckliche News, wie Pet-Fläschli in unserem Magen landen. Echt jetzt, gibt es Trinker, die gleich die ganze Flasche verschlucken?

Auch sonst ist der «Blick» mal wieder randvoll mit Nachrichten, auf die man nicht verzichten kann:

Harte Konkurrenz existiert allerdings unter Alkoholika. Da mutiert der «Blick» zum Säufer-, Pardon, Weinkennerblatt:

Bezahlte Werbung, eingeschenkt von «Swiss Wine».

Dann hätten wir noch diesen hier:

Schleichwerbung für eine Zürcher Weinhandlung, echte Werbung von «Mondovino».

Und «Chateau Gysi» mit den letzten Antworten auf allerletzte Fragen nicht vergessen:

So gut diese Story auch ist:

Muss sie aber wirklich seit dem 14. Juli die Rubrik «News» anführen? Und wieso wird die dann nicht in «Old News» umbenannt? Und will man sich den Artikel von Steffi Buchli vorlesen lassen? Hä?

Wie immer hat der «Blick» noch ein Absackerchen parat:

Denn, so weiss Thomas Benkö, der «AI Innovation Lead»: «Als Stimme konnten wir Steffi Buchli (45), unsere Chief Content Officer, gewinnen, die über langjährige Erfahrung am Mikrofon verfügt. Steffi Buchli und KI werden so zum Power-Duo, das dir was auf die Ohren gibt!»

Die Frage ist allerdings, ob man Buchlis Stimme wirklich verträgt (Vorsicht, erhöhte Sexismusgefahr). Ein weiteres Detail ist ZACKBUM aufgefallen: neben Heads, Chiefs, Chefs und Leitern gibt es auch noch den Titel «Lead». Ob da noch einer – ausser Ladina Heimgartner – durchblickt? Gibt’s das auch als Kombination? Also den Headleiter? Den Leadchief? Den Chefchef? Oder gar den Executive Managing Board Member Head?

Das möchten wir gerne mal von Buchli vorgelesen haben …

Und die Kommunisten?

Geschichtsschmiere und verklebter Blick auf die Gegenwart in der NZZ.

«Der 20. Juli sollte zum Feiertag werden», fordert Ulrich Schlie im Organ der gepflegten Denke und des kenntnisreichen Diskurses. Schön wär’s. Leider ist diese Suada ein überzähliger Beweis dafür, dass Geschichte nicht einfach vergangen ist. Sondern immer und immer wieder umgeschrieben, umgedeutet, durch ideologische Brillen gesehen wird. Viel berechtigter wäre die Ernennung des 8. November 1939 zum Feiertag. Aber ob Schlie der Name Georg Elser ein Begriff ist?

Schlie benützt den üblen Taschenspielertrick,  Parallelen zur Gegenwart zu ziehen, indem er in die Vergangenheit etwas hineinprojiziert, um dann Heureka zu sagen: ich hab’s in der Geschichte gefunden. Selten ist es aber so niveaulos, oberflächlich, einseitig wie bei ihm. «Das ukrainische Volk kämpft gegen den Wahnsinn der russischen Invasoren.» Das ist mal ein Satz. Was hat der nun mit dem schmählich gescheiterten Attentat einer Militärkamarilla um den überzeugten Nazi Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Adolf Hitler zu tun? Gemeinsam sei beiden Ereignissen die Antwort auf die Frage «Wer hält stand?», die Dietrich Bonhoeffer stellte.

Für diesen Missbrauch eines historischen Zitats sollte man dem Historiker Schlie die Schulterklappen herunterreissen. Aber eigentlich ist er genügend gezeichnet, denn er sei «Henry-Kissinger-Professor für Sicherheit- und Strategieforschung an der Universität Bonn». Wer einen Lehrstuhl bekleidet, der nach einem Kriegsverbrecher benannt ist, was ist von dem schon zu erwarten.

Reine Geschichtsschmiere. Schlie lobhudelt den späten Versuch des Nazimilitärs, Hitler loszuwerden. Als längst klar war, dass Deutschland den Krieg verlieren würde und die Alliierten mit dem Gröfaz nur über eine vollständige Kapitulation verhandeln würden. Wieso also nicht ihn beiseite räumen, um dann zusammen mit den Westalliierten nochmals auf die UdSSR losgehen? Das war der feuchte Traum der Wehrmacht; von Stauffenberg hatte während seines Einsatzes im Osten genügend Erfahrung mit den bolschewistischen Untermenschen gesammelt, während des Vernichtungsfeldzugs, an dem er klaglos teilnahm. Und nicht nur Churchill fragte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, ob man nicht «das falsche Schwein geschlachtet» habe.

Schlie sieht das ganz anders, das seien alles nur «Klischees»: «Dazu zählt vor allem auch die Auffassung, Stauffenberg und seine Freunde hätten sich nur zum Äussersten entschlossen, weil die militärisch kaum noch abzuwendende Niederlage nur durch einen Regimewechsel hätte verhindert werden können, und ihr massgebliches Motiv sei «das kollektive Eigeninteresse der alten Eliten» gewesen, wie es der Historiker Peter Longerich formulierte.»

Allerdings fällt Schlie nun keine Erwiderung auf diese korrekte Feststellung ein, die nicht nur ein einziger Historiker formuliert, sondern die weitgehend Konsens  ist. Aber was heisst auch schon Konsens. In Deutschland gab und gibt es immer wieder Historiker, die Hitlers Überfall auf die Sowjetunion zu einem durch Stalin provozierten Präventivschlag umlügen. Sie werden immer wieder in die Schranken gewiesen, kriechen aber immer wieder aus ihren Löchern.

Schlie macht nun noch einen weiteren Ausflug in die Gegenwart, der völlig zusammenhangslos aufpoppt: «Vieles von dem, was wir zu den Bedingungen des Widerstands gegen Hitler in den Zeiten der deutschen Diktatur analysiert haben, kann im heutigen Russland beobachtet werden.» Hä? Was will uns das dunkle Historikerwort sagen? «Der Einsatz des Einzelnen, die Frage, wie man standhält und nicht untergeht, ist heute so aktuell wie damals.»

Das mag so sein. Aber gerade von einem Historiker kann man auch bei einer Feier zum missglückten Attentat doch erwarten, dass er wenigstens ein Wort über den Widerstand verliert, der am massivsten war, der die meisten Opfer gebracht hat: den Widerstand der Kommunisten in Deutschland. Sie füllten neben den Juden die Konzentrationslager.

Wilhelm Knöchel, Willi Seng, die Herbert-Baum-Gruppe, die Uhrig-Römer-Gruppe, die Schulze-Boysen-Gruppe, die Widerstandgruppe Lechleiter, der Hitler-Attentäter Georg Elser, diese tapferen Kämpfer und so viele namenlose Antifaschisten, die ihr Leben liessen, das sind die wahren Helden des Widerstands gegen Hitler.

Die haben dem Wort von Bonhoeffer nachgelebt, selbst im Wissen um die Vergeblichkeit, die Alfred Andersch in seinem Roman «Sansibar oder der letzte Grund» beschrieben hat.

Aber das passt nicht ins ideologische Raster von Schlie, so wie ganz allgemein ungern erwähnt wird, dass die Sowjetunion mit Abstand den grössten Blutzoll bei der Befreiung Europas vom Hitlerfaschismus geleistet hat. Immer wieder werden dabei Gräueltaten beklagt, die die Rote Armee bei ihrem Vormarsch gegen Westen beging. Was diese Soldaten allerdings zuvor sehen mussten, als sie zuerst die Sowjetunion von den deutschen Barbaren befreiten, welches Leid, welche Zerstörung, welche namenlosen Verbrechen sie ertragen mussten (neben den Ungarn und den Österreichern waren nebenbei die Ukrainer um den Kriegsverbrecher und Antisemiten und heute noch umjubelten Stepan Bandera die fleissigsten Helfershelfer der Nazis), das wird gerne unterschlagen.

Wenn man Geschichte à la Schlie betrachtet, dann lernt man nichts daraus. Im Gegenteil, eine solche Verfälschung, eine solche Klitterung, eine solche Schmiere verklebt den Blick auf die Gegenwart. Schlie, das ist Geschichtsschreibung à la Hollywood, wo Tom Cruise, der Scientologe, einen heldenhaften Stauffenberg spielte, eine Karikatur der Karikatur.

Ein weiterer Beweis, dass auch bei der NZZ die Qualitätskontrolle schwere Lücken aufweist.

WeWo neu als Fanzine

Jetzt kommen Köppel und Co. richtig ins Hyperventilieren.

Denn meine Güte, wo soll man den verliebten Blick hinwenden? Zum Friedensengel Viktor Orbán oder zum Helden mit «Mut und Würde im Angesichts des Todes

Dazu Gedanken machen sich Ed McMullen der Dickere, Urs Copycat Gehriger, Nigel Stehaufmännchen Farage, Roger FanFan Köppel und Fake News-Produzent Tom Kummer. Dazu noch «u.v.a.».

Kummer? Zu dem Burschen kommen wir noch. Aber zuerst muss Köppel mit religiös verklärtem Blick «Trumps Auferstehung» abfeiern, als habe es so etwas seit rund 2000 Jahren nicht mehr gegeben. Die beiden Ereignisse haben für ihn ungefähr den gleichen Stellenwert: «Der letzte Samstag veränderte die Welt.» Halleluja.

Wenn Köppel die Metaphern auszugehen drohen, wird er aufs Alter immer religiöser: «Das gottlose, heuchlerische Frömmlertum sah in Trump den Teufel und strahlte dieses Bild, sehr erfolgreich, in die Welt hinaus.» Gottlos? Der Mann sollte sich endlich zu den Zeugen Jehovas bekennen. Oder als Mormone outen. Oder einfach Deschners «Kriminalgeschichte des Christentums» lesen (der letzte Band reicht). Oder, noch besser, aufhören, so unerträglich frömmlerisch einen Mann anzubeten, der mindestens so viele Schatten- wie helle Seiten hat.

Bei allem Hosianna in Richtung Trump bleibt doch noch ein Platz im Herzen für den ungarischen Ministerpräsidenten: «Orbáns EU-Plan für den Frieden». Kleiner Schönheitsfehler: Das ist kein EU-Plan, und funktionieren wird er sowieso nicht. Aber Köppel weilte ja nicht nur an der Seite von Orbán, sondern auch in Moskau. Auch das ging nicht spurlos an ihm vorüber: «Moskau leuchtet», schwärmt er, «Russlands Hauptstadt erstrahlt im Sommerglanz. Paris, London, Berlin wirken im vergleich versifft.» Und dann erst die U-Bahn, die Väterchen Stalin den Moskauern schenkte; blitzblank, einfach super.

Zwischendurch schmeisst sich noch Farage an den Auferstandenen ran: «Mein Freund Donald». Was machte der nur ohne den Engländer, der ist in die USA geeilt, «um Schulter an Schulter mit Trump und den USA für die Demokratie einzutreten». Das ist lustig, an der Seite von einem Amok, der seine letzte Wahlniederlage nicht akzeptieren wollte, einen Sturm aufs Capitol befeuerte und bis heute behauptet, ihm sei der Wahlsieg gestohlen worden?

Ehemalige Botschafter haben furchtbar viel Zeit. Dazu gehört auch Ed McMullen, der nun einer der unendlich vielen «engen Berater» von Trump sein soll. Womöglich der neue Bannon. Oder wie all die verflossenen Berater hiessen. Als gewährt er Urs Gehriger ein Interview. Damit ergibt sich eine ideale Überleitung zu Tom Kummer.

Der ist endlich wieder in seinem Element. Er darf alternative Wahrheiten beschreiben. «Und wenn ihn die Kugel getroffen hätte? Eine Chronologie des Schreckens». Was Fiction hier zu suchen hat? Kummers Umdeutung: wäre Trump getötet worden, würden sich die USA Richtung Bürgerkrieg bewegen, während Donald Trump Junior «Fight, Fight, Fight» rufe. Ach herrje.

Natürlich muss auch Anabel Schunke, der lebende Beweis für alle Vorurteile gegenüber Blondinen, nachjapsen. Sie nimmt sich die geschmacklose Äusserung eines deutschen Komikers zur Brust, der in schnell gelöschten Posts bekannt gab, dass er es «absolut fantastisch» finde, «wenn Faschisten sterben». Dann behauptet Schunke: diese Aussage sei auch deswegen «traurig», weil man wisse, «dass es für seine Anstellung beim gebührenfinanzierten Rundfunk kaum Konsequenzen haben wird». Allerdings wurde der Komiker, noch während Schunke das keifte, fristlos rausgeschmissen. Künstlerpech.

Dann will ein angeblicher «Held, Vietnam- und Pentagon-Veteran» wissen: «Putin ist ein Mann von grosser Klugheit. Keiner, der irrationale Entscheidungen trifft». Bloss die, wie ein Volltrottel in die Falle des Westens zu trampeln und nun schon seit mehr als zwei Jahren eine verlustreiche «militärische Spezialoperation von wenigen Tagen» durchzuführen.

Aber, wo viel Schatten ist, ist auch Licht. Peter Jaeggi erinnert an eines der Kriegsverbrechen der USA, die im Vietnamkrieg wohl 46 Tonnen Herbizide («Agent Orange») und 300 Kilogramm Dioxin über Südvietnam versprühten. Hunderttausende fielen dem zum Opfer, bis heute werden noch Kinder mit Missbildungen geboren. Die USA zahlten nach langem Feilschen Entschädigungen  – an US-Kriegsveteranen, die diesem Gift ausgesetzt waren. Vietnam hat bis heute keinen Cent bekommen.

Wo Licht ist, ist auch Schatten. Anschliessend wird im Feuilleton das gut abgehangene und schwer verstaubte Werk von Friedrich von Hayek «The Road to Serfdom» aus dem Koma geholt. Anlass? Kein Anlass, ausser, dass es  vor 80 Jahren erschienen ist. Heute sind die über 300 Seiten Medizin für Schlaflose.

ZACKBUM hofft für die WeWo (und ihre Leser), dass Köppel bald einmal alle Facetten seiner Reisen abgearbeitet hat, einsieht, dass Orbán mindestens ein so guter Selbstvermarkter ist wie Trump, und dass der Amokgreis zwar die Wahlen im Sack hat, aber deswegen keineswegs zur Lichtgestalt verklärt werden sollte.