Kleine Insel der Vernunft

Über 1000 Treffer am Montag für Corona im Medienarchiv. Da muss man sich auf eine Insel retten.

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist auch nicht mehr der Jüngste. Der 82-Jährige macht Zwischenstation in Zürich, wo ihn Tagi-Redaktor Rico Bandle interviewte, weil bei dem die journalistischen Reflexe noch funktionieren.

Entstanden ist ein Gespräch voller Altersweisheit mit einem Schriftsteller, der zu den ganz Grossen der lateinamerikanischen Weltliteratur gehört. «Die Stadt und die Hunde», «Das grüne Haus», «Der Krieg am Ende der Welt», «Das Fest des Ziegenbocks», «Harte Jahre», immer verwob Vargas Llosa Fiktion und Geschichte, sah seine Werke als mögliche Besserungsanstalt für die Welt.

Allerdings gehörte er nie dem linken Mainstream der lateinamerikanischen Literatur an, was ihm die Verachtung der Salonlinken in Europa einbrachte. Dass er ein herausragendes Werk geschaffen hat, mindestens auf der Höhe des anderen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, ist unbestreitbar.

Streitbar ist Vargas Llosa bis heute geblieben, immer wieder mischte er sich in die politischen Geschehnisse seines Heimatlandes Peru ein, kommentierte aus liberaler Sicht die Entwicklungen in anderen lateinamerikanischen Ländern. Zunehmende Distanz hilft ihm auch dabei, seit vielen Jahren lebt er in Madrid.

Natürlich musste das Gespräch auch das Thema Corona enthalten, unvermeidlich. Viel ergiebiger sind aber die Ansichten von Vargas Llosa zur zunehmenden Unfähigkeit zum Dialog über ideologische und weltanschauliche Differenzen hinweg. Das betrifft zum einen ihn persönlich:

«Vor allem an den Universitäten hat sich eine Woke-Kultur durchgesetzt, die alles auslöschen möchte, was nicht der eigenen Ideologie entspricht. Man beschimpft mich als Faschisten. Dabei hasse ich den Faschismus! Ich bin zu hundert Prozent ein Demokrat. Aber ständig verunglimpft man mich als Faschisten. Das ist doch unglaublich. Da ist kein Interesse an anderen Haltungen, man stellt politische Gegner absichtlich falsch dar.»

Dabei hat Vargas Llosa selbst politisch einen weiten Weg zurückgelegt. Er war lange Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei, die in Peru verboten war. Er erinnert sich, dass man damals noch bis hin zu den Christdemokraten miteinander diskutierte: «Man sprach noch miteinander. Heute tut man das nicht mehr. Das ist ein Rückschritt in längst überwunden geglaubte Zeiten.»

Vargas Lllosa hat auch eine Erklärung dafür, wieso das verloren gegangen ist:

«Ich glaube, eine Ursache liegt beim kolossalen Scheitern der grossen sozialistischen Länder. Die Sowjetunion brach zusammen, Chinas Kulturrevolution war ein schrecklicher Flop, Zehntausende von Menschen starben. Mit Vernunft ist der Sozialismus nicht mehr zu verteidigen. Seit Descartes wissen wir aber, dass die Vernunft die Grundlage der Kommunikation ist. Ohne Vernunft bleibt nur die Ausflucht zur Beleidigung und Ausgrenzung. Genau das passiert heute – und das ist sehr gefährlich. Denn ohne Dialog können Ideologien nicht überwunden werden.»

Es bleibt das Bedauern, dass solche Stimmen bald verstummen werden, dass Vargas Llosa in Europa, in der Schweiz nie so gewürdigt wurde wie seine grandios, aber politisch korrekt scheitendern literarischen Kollegen.

Es bleibt die Freude, dass sogar bei Tamedia noch einsame Sternstunden des Journalismus möglich sind. Dazu bräuchte es so wenig. Der Verzicht auf Rechthaberei und das Belästigen des Leser mit der eigenen Meinung. Einen aufmerksamen Blick auf Besucher und Gäste in Zürich. Und einfach ein Gespräch über Gott, die Welt, Aktuelles und Vergangenes. Und schon schafft Journalismus einen Mehrwert, für den der Leser gerne bezahlt.

Wenn man nur drei Bücher von ihm lesen sollte …

(Leider hinter Bezahlschranke)

Interview mit Nobelpreisträger Vargas Llosa: «Ich erachte es als sehr gefährlich, was zurzeit überall auf der Welt geschieht»

Er gehört zu den grössten lebenden Autoren der Welt. Ein Gespräch mit Mario Vargas Llosa in einem Zürcher Hotelzimmer über die neue Intoleranz, das Coronavirus und die Tragödie Südamerikas.

 

Lehrbeispiel an Zynismus

…oder an Ignoranz und Heuchelei?

Von Felix Abt

Die alte Tante von der Falkenstrasse veröffentlichte ein Op-ed ihres Sportjournalisten Daniel Germann, wo dieser zu einem Boykott gegen die Winterolympiade in Bejing aufruft, weil eine berühmte chinesische Tennisspielerin, die einen pensionierten hohen Politiker der Vergewaltigung (ihr chinesischer Originaltext verwendet das Wort Vergewaltigung nicht) bezichtigt, nachdem die jahrelange, heimliche Liebesaffaire mit vielen Hochs und Tiefs zwischen den beiden in die Brüche ging.

Nun hat der sich vom Sport- zum Politjournalisten gemauserte Germann in der NZZ nachgelegt mit einem Artikel, wo er sich beklagt, dass das olympische «Ideal» wegen China und seinem übel misshandelten Tennisstar in Scherben liege und dass der Fall «ein Lehrbeispiel an Zynismus» sei, mit besonderem Hinweis auf die amoralischen westlichen Sponsoren.

Selbstverständlich sollte jede Anschuldigung sexueller Übergriffe untersucht werden. Ob China das tun wird, wissen wir nicht. In dieser jahrhundertealten Meritokratie, in der Beamte immer noch Eignungsprüfungen über sich ergehen lassen müssen, und Versager, wie z.B. der Bürgermeister und andere hochrangige Kader in Wuhan, nach ihrem Fehlverhalten beim Ausbruch des Coronavirus in die Wüst geschickt wurden (die NZZ berichtete nicht darüber), ist das nicht auszuschliessen. Eine gewisse Stetigkeit kann man dem Land nicht absprechen, denn als der chinesische Gesundheitsminister vor zwanzig Jahren vor die Mikrofone trat, um die Ernsthaftigkeit des SARS-Virus kleinzureden, war er anschliessend seinen Job los. Selbstverständlich hegen westliche Medien Zweifel daran, dass der hochrangige, von ihnen bereits vorverurteilte kommunistischen Unhold einer gerechten Strafe zugeführt werden wird, denn jetzt ist nicht mehr Wladimir der Schreckliche der grösste Bösewicht der Welt, sondern Xi JingPing, der noch Schrecklichere, hat er sich doch angeblich zum Diktator von Rotchina auf Lebenszeit erküren lassen.

Treibende Kraft ist Konfuzius

Hätte der damalige chinesische Vizepräsident Xi JingPing das ernste, ihm zur Lösung anvertraute Problem der SARS-Pandemie vor zwanzig Jahren oder Chinas erste und prestigetraechtige Sommerolympiade, für die er auch verantwortlich gemacht wurde, verbockt, wäre er allerdings nie Präsident geworden. Als Chinabeobachter und als einer, der in Grosskonzernen Karriere machte, ist mir aufgefallen, dass die Kommunistische Partei Chinas in der Personalselektion, –Förderung  und –beförderung sehr viel gemeinsam hat mit den Personalabteilungen westlicher Konzerne. So zum Beispiel rekrutiert die Partei Neumitglieder vornehmlich von den besten Universitäten des Landes. Oder ein von der Personalabteilung der Partei geleitetes Untersuchungsteam beurteilt die Leistungen und Tugenden von Kandidaten und empfiehlt die besten zwei von ihnen für die nächste Karrierestufe.

Dass dieses System von «Diktator» Xi Jinping auf den Kopf gestellt werden könnte, ist sehr unwahrscheinlich. Treibende Kraft dahinter ist der Philosoph Konfuzius (Kong), der auch ein Vorbild Xi Jinpings ist. Master Kong wollte, dass, unabhängig von ihrer Abstammung, die Fähigsten, nicht die Beliebtesten oder diejenigen mit den besten Beziehungen, die Geschicke des Landes lenken. Und er erklärte seinen Schülern, dass der vom Himmel gesandte Führer vom Volk vertrieben werden darf, wenn er sich als unfähig erweist, im Interesse des Volkes zu handeln. Jetzt kann man vielleicht verstehen, wenn Amerikaner gerne von der «China Threat» reden, die tatsächlich besteht, wenn man bedenkt, dass in Amerika – aber nicht nur dort – im Unterschied zu China sogar ausgesprochen unfähige, aber beliebte Populisten, mit Hilfe von schwerreichen Gönnern die Wahlen gewinnen und Präsident werden können.

Meinungen statt Analysen und Fakten

Nun gut, man sollte mit der NZZ und anderen Schweizer Medien nicht zu harsch ins Gericht gehen, wenn weit prominentere Medien wie z.B. die New York Times auch nur an der Oberfläche kratzen und mehr unfreundliche Meinungen über China als fundierte Analysen und Fakten liefern. Immerhin überrascht eine andere alte Tante, nämlich die BBC, die es wagt, ihren Lesern zu erklären, dass «über 2000 Jahre lang die Normen des konfuzianischen Denkens die chinesische Gesellschaft prägten. Der Philosoph (551-479 v. Chr.) entwarf ein ethisches System, das Hierarchie, d. h. das Wissen um den eigenen Platz in der Gesellschaft, mit Wohlwollen, d. h. der Erwartung, dass die Höhergestellten sich um die Untergebenen kümmern, verband».

Nun höre ich schon die Stimmen derer, die aufgeregt entgegnen, dass China im Vergleich zum Westen doch ein unfreies Land sei. Es ist richtig, dass im Westen Otto Normalverbraucher die Regierenden scharf kritisieren und heftig beschimpfen darf, ohne bestraft zu werden und dass Journalisten Wahres – und auch Unwahres – veröffentlichen dürfen, so viel sie wollen oder soviel die Medienbesitzer und Inserenten zulassen. Das ist in China in der Tat anders.

Lehrbeispiel der Heuchelei?

Das heisst aber keineswegs, dass diejenigen, welche Dampf ablassen, einen wirklichen Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger haben würden. Echte Demokratie ist wohl eher etwas, wo die Regierenden nicht im Eigeninteresse und dem ihrer reichen Gönners und Förderer handeln. In einem solchen Wettbewerb dürfte die «Diktatur» Chinas mit der «Demokratie» westlicher Länder gar nicht so schlecht abschneiden. Und sehr zum Unbehagen seiner Kritiker hat Chinas Regierungspartei auch kürzlich wieder gezeigt, dass sie sich nicht von seinen Milliardären kaufen lässt.

Zurück zur Behauptung der NZZ, dass das Abhalten der kommenden Winterolympiade in China und das Verhalten der Sponsoren ein Lehrbeispiel an Zynismus sei. Vielleicht ist es ein Lehrbeispiel an Heuchelei: Immerhin haben 26 Amerikanerinnen Präsident Donald Trump sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen.

Haben denn damals die NZZ und andere gleichgesinnte Medien wegen den Anschuldigungen gegen Trump Sanktionen und Boykotte gegen sein ganzes Land gefordert?

 

 

 

Zwischen Fake und Fakt

Wer nicht dabei war, muss dem Bericht glauben.

Fast alle News in den Medien haben etwas gemeinsam: Der Konsument war nicht beim Ereignis dabei. Ob es tatsächlich stattgefunden hat – und so stattfand, wie beschrieben –, das beruht auf der Basis des Vertrauens.

Ob «Hund beisst Mann» oder «Mann beisst Hund», die wertschöpfende Dienstleistung einer Newsquelle besteht darin, mit professionellen Methoden und Mitteln sicherzustellen, dass diese Ereignisse sich tatsächlich so abgespielt haben.

Sekundär, aber erlaubt ist, dass der Berichterstatter seine persönliche Meinung dazu äussert. «Es braucht einen Maulkorbzwang für Hunde», zum Beispiel. Oder: «Hundehalter müssen ihr Tier im Griff haben.»

Es sind auch, wenn faktengestützt, Verallgemeinerungen möglich: «Immer mehr Menschen werden von Hunden gebissen.» Oder faktengestützte Aussagen wie: «Schäferhunde beissen häufiger zu als Dackel.»

Plus Ergänzungen: «Eine Impfung gegen Tollwut schützt vor Nebenwirkungen eines Hundebisses.»

Mehr ist eigentlich nicht. Kann doch nicht so schwierig sein. Oder doch?

 

«Dichte an Schwachsinn»

Diesem Kommentar zu David Kleins neustem Schmierenstück auf «Inside Paradeplatz» ist zuzustimmen.

Leider lehnte es Lukas Hässig ab, folgende dringend nötige Replik auf seinem Finanzblog zu veröffentlichen.

Die Nazizeit. Flüchtende Juden müssen sich von ihren Besitztümern trennen, meistens leicht transportable Gemälde. Profiteure nützen diese Notlage skrupellos aus. Übler geht’s nicht. Doch. Wenn diese verworfenen Subjekte für billiges Geld diese Kunstwerke erwerben, das sie mit Waffenverkäufen gemacht haben. Unter anderem mit Lieferungen an die Faschisten in Europa.

Also ist der «Kriegsgewinnler und Nazi-Kollaborateur Emil C. Bührle» sowohl moralisch wie menschlich gesehen das Allerletzte. Schande seines Angedenkens, hoffentlich haben seine Nachkommen den Nachnamen gewechselt.

Aber es ist schlimmer: Die Debatte um die Ausstellung seiner Gemälde im Neubau des Kunsthauses Zürich sei «eine moralische Bankrotterklärung», schäumt David Klein. Er hat’s keine Nummer kleiner, und in seinem ewigen Furor vergreift er sich ständig im Ton – und an den Fakten.

Mit dem Furor eines Grossinquisitors

Das fängt bei Banalem an, der Mann hiess Emil G. (wie Georg) Bührle (inzwischen auf meinen Hinweis hin korrigiert), hört aber bei Grösserem nicht auf. Wie jeder Fanatiker verfolgt Klein mit grossem Zorn alle, die nicht haargenau seine Auffassungen teilen. Denn seine sind unbezweifelbar richtig, daher moralisch überlegen, daher berechtigen sie ihn, allen unanständig in die Eier zu treten, die sie nicht teilen.

Da wäre Peter Rothenbühler, der die Ausstellung als Kunstgenuss begrüsst; der diene sich dem Direktor der Bührle-Stiftung an und bemühe «als leuchtendes Beispiel der Moral» den «berüchtigten Kunst-Baron und Wahlschweizer Thyssen-Bornemiza». Kleiner Schönheitsfehler: Rothenbühler tut weder das eine, noch das andere. Könnte man nachlesen, wenn man wollte.

Blut an der roten Weste des Knaben von Cézanne?

Dann vergleicht Klein in seiner Raserei die Untaten der Familien Thyssen und Krupp im Deutschland der Nazizeit mit denen Bührles in der Schweiz. Die Relativierung von Untaten ist immer ein schwieriges Geschäft, aber die Waffenschmieden in Deutschland und die Hitler-Unterstützer Thyssen und Krupp mit Bührle zu vergleichen, das ist kein starkes Stück mehr, das ist zutiefst unanständig, demagogisch, unverhältnismässig.

Aber all diese schrägen Ausflüge in die Geschichte, wie Klein sie sieht, dienen nur dazu, Rothenbühler kräftig eine reinzuwürgen: «„Stopp“ rufen sollte man eher bei Rothenbühlers unqalifizierter, empathieloser und unmoralischer Täter-Opfer-Umkehr-Analyse der Causa Bührle.»

«Stopp» ruft schon keiner mehr bei Klein, weil man weiss, dass niemand diesen Amok bei seinen Brandrodungen aufhalten kann. Mit denen er seinem eigentlichen Anliegen, historische Gerechtigkeit durch die Suche nach Wahrhaftigkeit herzustellen, einen Bärendienst erweist.

Einer nach dem anderen wird abgewatscht

Klein nimmt sich nun der Reihe nach jeden Publizisten vor, der es wagt, die Bührle-Sammlung im Kunsthaus anders als ein Schandmal zu Unrecht erworbener Raubkunst zu sehen. Dazu gehört auch Gottlieb F. Höpli, der es «noch derber im Nebelspalter» treibe. Das erweckt bei Klein «Erinnerungen». Woran? «An Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ und dessen antisemitisch konnotierte Hauptfigur, ein skrupelloser jüdischer Immobilienspekulant (wie wenn es keine nichtjüdischen geben würde).»

Was hat dieses Werk des deutschen Regiegenies mit Höpli zu tun? Das habe damals einen Skandal ausgelöst, während heute «Höplis Geraune nicht einmal ein Schulterzucken» zeitige. Ausser bei Klein, natürlich. Der behauptet kühn, dass ein Stück über einen jüdischen Spekulanten impliziere, dass es keine nichtjüdischen gebe. «Dichte an Schwachsinn», knapper kann man das nicht sagen.

Geht’s noch tiefer hinunter? Allerdings:

«Im tiefsten Morast der Immoralität fischt Rico Bandle beim Tages-Anzeiger, indem er mit dem „legendären Kunsthändler“ Walter Feilchenfeldt einen jüdischen Kronzeugen gegen die Historiker in Position bringt.»

Das entfacht Weissglut bei Klein, denn Bandle hat den Sohn des Kunsthändlers ausfindig gemacht, der damals den jüdischen Kaufmann Emden beim Verkauf seines Bildes an Bührle beriet. Eine der angeblich bis heute umstrittenen Notverkäufe unter Ausnützung der lebensbedrohlichen Situation von Juden. Nur widerspricht dem Feilchenfeldt Junior entschieden; sein Vater sei mit Emden auch nach 1945 in Kontakt geblieben und habe von dem nie etwas anderes als Dankbarkeit gegenüber Bührle vernommen.

Weiss, wovon er spricht: Kunsthändler Feilchenfeldt.

So geht es natürlich nicht; besonders perfid von Bandle, hier einen «jüdischen Kronzeugen in Position» zu bringen: «Dass Feilchenfeldt jüdischer Abstammung ist, macht ihn in seinem Urteil zur Raubkunst jedoch ebensowenig zur unfehlbaren Instanz, wie den AfD-Politiker Björn Höcke in seinem Urteil zu Deutschland, nur weil er Deutscher ist.» Welch geschmackvoller Vergleich.

Die Balken im eigenen Auge sieht Klein nicht

Dass das dann auch für Klein selbst gilt, auf diese naheliegende Idee kommt er in seinem Feldzug nicht. Er steigert sich aber noch, wie meist, zum abschliessenden Crescendo, masslos, sinnlos, den Leser fassungslos zurücklassend:

«„Es kommt auf die Qualität der Sammlung an, nicht auf die Person des Sammlers“, doziert Feilchenfeldt. Nun, was wäre, wenn der rechtsextreme Massenmörder Anders Breivik ein begeisterter und begnadeter Kunstsammler gewesen wäre?

Oder Josef Fritzl, der seine Tochter 24 Jahre im Keller gefangen hielt, sie unzählige Male vergewaltigte und mit ihr in Inzucht sechs Kinder zeugte, von denen eines starb, dessen Leiche er im Zentralheizungsofen verbrannte?

Würde man deren Sammlungen auch bedenkenlos ausstellen? Und warum nennt man diese Raubkunst-Sammlungen von „Qualität“ nicht einfach Göring- oder Hitler-Sammlung, wenn die „Person des Sammlers“ doch überhaupt keine Rolle spielt?»

Das wollen wir unkommentiert lassen. Denn wir führen zwar einen Doktortitel, aber nicht als Arzt.

Wir stellen nur eine – unabhängig von der Religionszugehörigkeit des Autors – bislang unbestrittene und somit richtige Feststellung dagegen:

«Von den 203 Werken der Bührle-Sammlung haben 37 im weitesten Sinne einen Zusammenhang mit NS-Verfolgung, hatten also deutsch-jüdische Vorbesitzer. 26 davon erwarb Bührle erst nach Kriegsende. Laut aktuellem Forschungsstand stammen alle Bilder aus unproblematischer Herkunft, oder man hat sich längst mit den früheren Eigentümern verständigt. Bisher konnte niemand etwas anderes nachweisen.»

Der Verkäufer dieses Monet war Bührle dankbar.

Wenn der Kunsthändler Feilchenfeldt, ebenfalls unabhängig von seiner Religionszugehörigkeit, aufgrund seiner Generationen umfassenden Erfahrung mit Kunsthandel etwas sagt, sollte sich das der Nachgeborene Klein hinter die Ohren schreiben:

«Ich fände es völlig unmoralisch, das Bild zurückzufordern.» Was ein Nachkomme von Emden tut. Und:

«Die meisten dieser Historiker und Journalisten haben leider keine Ahnung, wie der Kunstmarkt zu jener Zeit funktionierte.»

Übrigens hängt auch ein Toulouse-Lautrec in der Sammlung im Kunsthaus, den sein Vater damals an Bührle verkaufte: ««Das erhaltene Geld war für meine Eltern von existenzieller Bedeutung.» Sie seien Bührle dankbar gewesen.» Wagt Feilchenfeldt zu sagen.

Über solche Verirrungen, Fehlmeinungen kann Klein nur verzweifelt den Kopf schütteln. Aber keiner kann ihm helfen.

Keiner redet vom Geld

Vakzine sind eine Ware wie jede andere. Nur profitabler.

Im Impfgeschäft gibt es Verlierer und Gewinner. Roche, Novartis und Merck & Co. gehören zu den Verlierern.

Pfizer, durch den Verkauf seiner Generikasparte vom Spitzenplatz auf Position 8 abgerutscht, schiebt sich dank seinen Vakzinen wieder auf Platz 1 und löst dort Johnson & Johnson ab, obwohl diese Bude auch im Impfgeschäft vorne dabei ist.

Teilweise haben sich Pharmakonzerne dazu verpflichtet, die Impfdosen zum Selbstkostenpreis abzugeben und sogar an der Covax-Initiative mitzumachen; ein weltweiter Versuch, ärmeren Ländern der Dritten Welt den Zugang zu Impfstoffen zu ermöglichen.

Gleichzeitig konnten neue Methoden zur Herstellung von Vakzinen ausgetestet werden; es ist das erste Mal, dass mRNA-Impfstoffe in flächendeckenden Mengen hergestellt und angewendet werden.

In jeder Spritze steckt eine Geldspritze

Geht man von den garantierten Abnahmemengen aus, die von konkurrenzierenden Staaten fest bestellt sind, handelt es sich um ein Multimilliardengeschäft mit Multimilliardengewinnen. Als Sahnehäubchen kommt noch dazu: weitgehend haftungsfrei. Denn normalerweise dauert es Jahre, bis ein neuer Impfstoff den alles entscheidenden FDA-Approval bekommt. Die Genehmigung durch die US-Gesundheitsbehörde. Ohne deren Plazet wird ein Medikament normalerweise weltweit nicht verschrieben und auch nicht von Krankenkassen bezahlt.

Dieses Monopol ist inzwischen von Russland und China durchbrochen worden, auch Indien und einige weitere Schwellenländer greifen auf selbst entwickelte Medikamente zurück, ohne sie der FDA zur Prüfung vorzulegen.

Medikamente können, dafür gibt es genügend tragische Beispiele, unerwünschte Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen haben. Selbst sorgfältige und jahrelange Tests auf verschiedenen Stufen können das nicht immer verhindern. Ganz abgesehen davon, dass Stage 3, der Menschenversuch, in üblen Formen stattfinden kann.

So wurden in Deutschland bis in die 70er-Jahre Medikamente an psychisch Kranken getestet. Die DDR verkaufte auch diese Dienstleistung, ebenso wie diverse schwarzafrikanische Staaten. Wer sich über dieses üble Kapitel der Pharmaindustrie informieren will, sollte als Einführung unbedingt «Der ewige Gärtner» des grossen John Le Carré lesen. Fiktionalisiert schildert der Thriller an der Realität entlang solche Menschenversuche in Afrika.

Bei den modernen Impfstoffen finden diese Menschenversuche sozusagen gleich im grossen Massstab statt. Das soll nicht heissen, dass die Vakzine Nebenwirkungen und Langzeitfolgen haben müssen, die unerwünscht wären. Aber es ist historisch wohl einmalig, dass ein Hersteller ein Produkt auf den Markt werfen darf und dabei von der Haftung völlig freigestellt ist.

Das machten die grossen Pharma-Transnationalen zur Bedingung für die Lieferung ihrer Impfdosen. Und das wurde weltweit, auch von der Schweizer Regierung, akzeptiert. Gleichzeitig teilen sich die federführenden Hersteller, also Pfizer sowie Johnson & Johnson, die internationalen Märkte untereinander auf.

Dabei stören natürlich mögliche Konkurrenten aus Russland, China, Indien und ein paar anderen Ländern. Deren Impfstoffen fehlt aber die Zulassung durch die FDA, also haben sie keine Chance, in den lukrativen Märkten Europas, den USA oder in Japan Fuss zu fassen.

Impfen als ewige Geldquelle

Die ganze Zeit wird von neuen Mutationen gesprochen, von möglichen Impfdurchbrüchen, davon, dass gegen eine der nächsten und unausweichlich erfolgenden Mutationen des Virus die bisherigen Vakzine keine oder kaum mehr Wirkung haben könnten. Was bedeutet, dass neu rekombinierte Stoffe entwickelt – und gespritzt werden müssten.

Man stelle sich einmal dieses Geschäftsmodell vor: ein Pharmariese stellt ein profitables Produkt mit Abnahmegarantie und freigestellt von Haftungsfolgen her. Gleichzeitig muss er nicht befürchten, dass der Markt dann einmal gesättigt ist oder durch den Ablauf von Patentschutz Generika seine Gewinnmarge wegfressen.

Denn gleichzeitig hat er sozusagen das Perpetuum mobile im Produktezyklus gefunden. Neue Mutationen verlangen neue Impfstoffe, die verimpft werden müssen. In dieser paradiesischen Welt der Pharmamultis kann sich das Management dann im Wesentlich darauf beschränken, das Geld zu zählen.

Riesengewinne, Riesenprobleme, Riesenthema. Ach ja? Versuchen Sie mal, auf die Schnelle und auf Deutsch kompetente Analysen dieses Komplexes in den Medien zu finden. Viel Spass dabei.

Denn ein klitzekleines Scheibchen vom Riesengewinnrad wird dafür ausgegeben, damit Mietmäuler und PR-Spezialisten das Hohelied der zum Nutzen der Menschheit und der Gesundheit schuftenden Pharmamultis singen. Dabei müssen Manager und Besitzer nur darauf achten, nicht zu laut in diesen Gottesdienst hineinzulachen.

«Rassistische Häusernamen»

Woran man merkt, wenn eine Redaktion den Kontakt zur Realität verliert.

Beat Metzler ist Redaktor im Lokalteil des «Tages-Anzeiger». Er hat ein Stück abgeliefert, das man einrahmen und als Menetekel an die Wand hängen sollte. Zur Erinnerung für künftige Generationen, zu welchen Blüten des Wahnsinns die Sprachreinigung getrieben wurde.

Gleichzeitig legt diese Stück Zeugnis dafür ab, dass bei Tamedia jegliche Kontrollmechmanismen – Qualität, Sprache, Duktus, Inhalt – ausser Kraft gesetzt werden, wenn es um Sprachphobien geht.

Statt dem Redaktor diesen Schund um die Ohren zu hauen und ihn zur Überarbeitung ins Home Office zu schicken, wird der zahlende Leser damit belästigt.

Wir zitieren nur die Einleitung dieses Stücks Sprachverluderung:

«Ihre Zeit schien schon abgelaufen. Doch nun dürfen sie bleiben, auf unbestimmte Dauer – die Inschriften im Zürcher Niederdorf, die das rassistische Wort «Mohr» (in diesem Text fortan «M-Wort») enthalten

Echt jetzt, M-Wort?

Auslöser dieses Unsinns ist das «Kollektiv Vo da». Bei ihm paaren sich bruchstückhafte historische Kenntnisse mit beinharter Haltung und Gesinnungsterror: «Aber man kann nicht beides haben: eine antirassistische Stadt und rassistische Zeichen an den Häusern.»

Man kann nicht beides haben: alle Tassen im Schrank und das M-Wort. Dummheit ist zwar unbesiegbar, aber wir geben nicht so schnell auf.

Die einzig gute Nachricht: dieser Akt der gutgemeinten Barbarei ist in die ferne Zukunft verschoben.

 

 

Und die Covid-Abstimmung?

ZACKBUM hat Stellung bezogen und die Verrohung der Debattenkultur auf beiden Seiten beklagt.

Die Mehrheit der Stimmbürger hat entschieden, damit ist diese Schlacht geschlagen.

Was aber bleiben wird, ist die Unfähigkeit zum respektvollen Diskurs. Dieser Schaden wird das Virus überdauern, und das ist zutiefst bedauerlich.

Deshalb verzichten wir auf eine Darstellung der Triumphgesänge der Sieger und des Gejammers der Verlierer. Wie sagt der Ami so schön: get a life!

Reise in die Verlorengegangenheit

Aus der Reihe nachdenklicher Sonntag: Es gab mal eine Debattenkultur.

Selten ist eine Auseinandersetzung um eine Abstimmungsfrage dermassen gehässig,  nicht kooperativ und geradezu verbiestert geführt worden wie bei dem Referendum gegen das verschärfte Covid-Gesetz.

Die inhaltliche Argumentation ist vorbei; niemand wird heute noch von seiner Meinung, ob ja oder nein, abweichen. Daher ist es höchste Zeit, sich Sorgen um unsere Debattenkultur zu machen.

Von Platon bis heute zerbrechen sich Philosophen den Kopf darüber, welche Erkenntnismöglichkeiten wir haben. Vom Höhlengleichnis bis zu Systemtheorien gibt es unzählige Versuche, unser Verhältnis zur uns umgebenden Realität zu verstehen. Ist das alles nur in unserem Kopf? Gibt es eine Wirklichkeit, die unabhängig vom Betrachter existiert? Wichtiger noch: wie verhalten sich zwei erkennende Subjekte zueinander?

Am allerwichtigsten: mit welchen Methoden können wir Fortschritt befördern, was dient einem besseren Verständnis, damit einem adäquateren Verhalten, damit einem zunehmenden Wohlergehen für möglichst viele?

Diskursfähigkeit ist das Zauberwort

Nein, alle letzten Fragen der Menschheit werden hier nicht beantwortet. Daran zu scheitern, überlassen wir glaubensstärkeren Mitmenschen. Das stimmt nicht; wir warnen ausdrücklich vor überzeugten Besitzern von Wahrheiten. Nichts gegen klare Ansichten. Ermangeln deren Besitzer aber der wichtigsten Eigenschaft eines Menschen, geht’s direkt in die Hölle des Fanatismus, der Umerziehung, des Zwangs zum Besseren, der Vernichtung des Falschen, Bösen, Schlechten.

Auf schmalen Pfaden zur Erleuchtung durch Erkenntnis.

Die wichtigste Eigenschaft ist Diskursfähigkeit. In den Salons des 17. Jahrhunderts entstand das, was wir heute Aufklärung nennen, das goldene Zeitalter des Ausgangs aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Mit welcher Methode wurde damals eigentlich die Erkenntnis befördert? Ganz einfach, mit der Methode des respektvollen Disputs. Alles ist dabei erlaubt. Falsches, Schockierendes, den Sitten und Normen nicht Entsprechendes. Die Ansichten eines de Sade genauso wie die Überlegungen eines Montesquieu oder Rousseau. Eines Marat, Robespierre, Danton, de la Mettrie oder eines Guillotin. Vorausgesetzt, man hielt sich an selbstverständliche Regeln von Anstand und Höflichkeit.

Dazu gehörten auch nur wenige Dinge.

Man lässt sich gegenseitig ausreden. Man zeigt zunächst, dass man die Argumentation des anderen verstanden hat, bevor man allenfalls zu einer Erwiderung und Kritik ansetzt.

Kommunikatives Handeln statt strategisches

Einen modernen Meilenstein in dieser Debatte setzte die «Theorie des kommunikativen Handelns» von Jürgen Habermas. Ein zweibändiger Wälzer, in der üblichen, nicht gerade leichtverständlichen Sprache eines Philosophen und Soziologen abgefasst.

Dabei ist seine Grunderkenntnis so einfach wie überzeugend. Gesellschaftlicher Fortschritt ist garantiert, wenn ein herrschaftsfreier Diskurs möglich ist. Der kann dann stattfinden, wenn ein paar wenige Bedingungen erfüllt sind:

  • Die Kommunikationspartner sind gleichberechtigt
  • Sie haben die gleichen Möglichkeiten sich zu äussern
  • Die Kommunikation ist symmetrisch
  • Die Entscheidungsfindung erfolgt durch den «Zwang des besseren Argumentes»

So wird der Pfad der Erkenntnis zur Strasse.

Man sieht sofort: das ist die Beschreibung eines Idealzustands, der natürlich in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht existiert. Statt sich aber in komplexen Debatten über die Hindernisse, die Machtverhältnisse, die Rolle der Massenmedien, die Herrschaftsstrukturen oder gar in Genderwahnsinn zu verlaufen, kann man diesen Idealzustand einfach als Massstab verwenden.

Herrschaftsfreier Diskurs als Messfühler

Als Messfühler, wie fortschrittsfähig eine Gesellschaft ist. Wobei Fortschritt ganz allgemein als zunehmendes Wohlergehen möglichst vieler Teilhaber der Gesellschaft definiert sei.

Die Schweiz gehört zu den wenigen Ländern auf der Welt, wo Diskurse relativ frei stattfinden können.

Auch hier ist die Meinungsfreiheit weder grenzenlos, noch kostenlos. Aber eigentlich wären die Voraussetzungen für Diskurse zwecks Erkenntnisgewinn vorhanden.

Die jeweils in einem wahren Crescendo endenden Debatten über die richtigen Methoden zur Bekämpfung der Pandemie belegen aber leider, dass die Entfaltung der Diskursfähigkeit einer Gesellschaft nicht unumkehrbar ist.

Damit ist nicht das Vorhandensein von Polemik, Vereinfachung, Propaganda oder gar Demagogie gemeint. Zur Durchsetzung der als richtig angesehenen Meinung ist einiges erlaubt. Schon in den ersten Debattierklubs in Griechenland oder im französischen Parlament nach der Revolution fanden wahre Redeschlachten statt, wo nicht immer und unbedingt der Zwang des besseren Arguments den Sieg davontrug.

Aber dort ging es auch nur um die Entscheidungsfindung unter ausgewählten Privilegierten. In einer direkten Demokratie wie die der Schweiz geht es um die Meinungsbildung der Staats- und Stimmbürger.

Was ist verlorengegangen in der Debattenkultur der Schweiz?

Dabei ist zu konstatieren, dass das sogar bei hochemotionalen Themen wie der Initiative für die Abschaffung der Schweizer Armee entschieden besser gelang als bei der aktuellen Debatte über das verschärfte Corona-Gesetz. Die Abstimmung fand am 26. November 1989 statt, vor fast genau 32 Jahren. Also eine gesellschaftliche Generation zurück.

Wenn das schöne Bild von Friedrich Schiller stimmen würde, stünde ja die nächste Generation immer auf den Schultern der vorangehenden, sich erhebend zu mehr Aufklärung, Fortschritt, Erkenntnis.

Das ist hier offensichtlich nicht der Fall. Zur Beschreibung ist ein ganzer Begriffszoo entwickelt worden. Gesinnungsblase, Filterblase, Fake News, alternative Wahrheiten, Verschwörungstheoretiker, Hetzer, Rechtspopulisten. Das Vokabular für die andere Seite des politischen Spektrums existiert schon länger. Linke Spinner, revolutionäre Umstürzler, Systemveränderer, Enteigner, Befürworter der Abschaffung des Privateigentums.

Einzig weggefallen ist seit 1989 alles, was man vielleicht mit «Moskau einfach» fassen kann. Also die Schablone, dass jeder Kritiker an bestehenden Verhältnissen ein mehr oder minder verkappter Anhänger des sozialistischen Lagers sei.

Wie ist aber zu erklären, dass wohl Konsens herrschen muss, dass die Debattenkultur, die Diskursfähigkeit ganz allgemein sehr massiv nachgelassen hat? Abstimmungsdebatten waren noch nie ein Streichelzoo. Aber es ist unbestreitbar, dass das Bedürfnis nach Erkenntnisgewinn durch Diskurs zu Spurenelementen geschrumpft ist. Die Akzeptanz, dass einer eine andere – dadurch natürlich falsche Meinung  – als man selbst haben darf, beherrscht nicht mehr die Debatte.

So wird’s wieder grau und trist und schmal.

Der Zwang des besseren Arguments, also die Verwendung von Zweckrationalität, Logik, Analyse, qualifizierter Durchdringung eines Themas, das alles hat an Bedeutung verloren. Schlafschafe gegen Schwurbler, an solchen polemische Zuspitzungen ist nichts auszusetzen. Wenn sie unterfüttert würden mit Argumentationsketten, an denen man sich intellektuell abarbeiten könnte. Im Streben danach, dass man schlauer und einsichtiger werden will.

Angstvoller Rückfall in ängstliche Zeiten

Es handelt sich um einen Einbruch tiefer Irrationalität in Diskurse, die deswegen kaum mehr geführt werden können. Irrationalität entsteht durch Emotionalität, in erster Linie durch Angst.

Offensichtlich hat diese anhaltende Pandemie, die genauso vorübergehen wird wie alle vorher, unsere moderne Gesellschaft auf dem falschen Fuss erwischt. Obwohl wir Ursachen und Möglichkeiten zur Bekämpfung unvergleichlich viel besser kennen, verhalten sich grosse Teile der Gesellschaft wie im finsteren Mittelalter mit seinen Seuchenzügen.

Es wird nach Schuld und Sühne gesucht, nach Schuldigen und Sündern.

Der Andersdenkende ist nicht länger Bereicherung, sondern Bedrohung. Er muss nicht mehr überzeugt, sondern überwunden werden.

Seine Meinung ist nicht nur falsch, sondern gefährlich. Es ist zudem nicht einfach eine Meinung, sondern eine Haltung, eine Gesinnung.

Während man falsche Meinungen vielleicht noch argumentativ überwinden kann, müssen falsche Haltungen und Gesinnungen bekämpft, ausgemerzt werden. Sie stören nicht nur, sie sind eine tödliche Bedrohung. Deshalb ist jedes Gegenmittel erlaubt. Im Ernstfall die physische Vernichtung des Meinungsträgers.

Der Fortschritt ist leider nicht unumkehrbar.

Jean Gabin in «La bête humaine» nach Zola.

Ein Rückfall in Barbarei ist jederzeit möglich. Der Firnis des respektvollen Diskurses als einzig anerkannte Methode zur Entscheidungsfindung ist sehr, sehr dünn. Er ist abgekratzt. Darunter zum Vorschein kommt das lauernde, irrationale Tier im Menschen. Das nur gebändigt, nicht ausgelöscht wurde.

Liebe, liebe Schweiz

ZACKBUM gesteht: Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG); noch nie gehört.

Dabei organisieren die die Bundesfeier auf dem Rütli. Dabei gibt’s die seit 1810. Dabei haben die Pro Jventute und Pro Senectute gegründet. Dabei schleppen die ein Vermögen von fast 100 Millionen Franken mit sich rum.

Nun haben sie aber auf sich aufmerksam gemacht. Mit einer gewaltigen Inseratekampagne.

Das hat einen gewissen Jö-Effekt.

Es ist rührend. Auch wenn Leute wie Marko Kovic den Aufruf unterstützen. Da kann man drüber hinwegsehen, kann die SGG nichts dafür.

Kann man auch machen. Muss man nicht machen.

Emma is back

Wir machten uns schon Sorgen um das Postergirl der Virologie. Entwarnung.

Sie gehört zweifellos in die zweite Reihe der Wissenschaftler, die verzweifelt versuchen, aus ihren 15 Minuten Ruhm mehr zu machen.

Im Gegensatz zu Christian Althaus – der das aus verständlichen Gründen nicht kann – kämpft Emma Hodcroft auch mit den Waffen einer Frau. Nein, das ist keine sexistische Bemerkung:

Welch verwegenes Make-up für eine Wissenschaftlerin.

Nun kam Althaus nach längerem, unfreiwilligem Schweigen bei der NZZ zu Wort. In einem nichtssagenden Interview, dessen Inhalt schon längst zu Recht vergessen ist. Aber der Name wurde richtig geschrieben, ein Foto gab’s auch, was will der Wissenschaftler mehr. Vielleicht springt ja doch noch ein Lehrauftrag oder gar eine bessere Anstellung raus. Marcel Salathé hat das schliesslich auch geschafft.

Eine Uni, eine Abteilung, zwei publizitätsgierige Wissenschaftler

Nun kommt die Antwort von der Berner Epidemiologin Hodcroft. Sitzt die nicht mit Althaus im gleichen Labor? Sprechen die denn gar nicht miteinander? Aber gut, wir kennen uns bei den Gepflogenheiten in den eisigen Höhen der Fachwissenschaft nicht aus.

Buhu, sagt Emma Hodcroft.

Leider folgt auch dieses Interview dermassen stark dem ewig gleichen Drehbuch, dass jedes Virus beim Lesen Selbstmord vor Langeweile begehen würde. Aber ZACKBUM ist hart im Nehmen, im Dienste seiner Leserschaft.

Also, das ewige Skript hervorgenommen und abgehakt. Zuerst muss immer eine Packungsbeilage zitiert werden, Standardformel ist, dass wir «erst wenige Daten haben und die Variante deshalb kaum kennen». Das soll davor schützen, bei nachfolgenden Horrorgemälden in Haftung genommen zu werden, wenn sie mal wieder nicht eintreffen.

Man muss aber kritisch anmerken, dass es Hodcroft doch etwas übertreibt.

«… lässt sich nur schwer voraussagen … erschwert zusätzlich … bin aber nicht sicher, ob wir genügend Informationen haben … auch das wissen wir noch nicht genau.»

Wenn wir zusammenfassen dürfen: nix Genaues weiss man nicht. Hier könnte man nun das Interview frohgemut abbrechen, aber das ist ja nicht der Sinn der Sache.

Wann gibt Hodcroft endlich mal Gas?

Also, nächster Punkt, Gas geben. Allerdings, das gibt Abzug, sowohl in der Kür- wie in der Pflichtnote, Hodcraft eiert dann noch bis fast am Schluss durchs Interview mit Einschränkungen, Abwägungen, Fragestellungen, Verästelungen.

Aber, bevor dem Interviewer der Angstschweiss ausbrach, besann sich Hodcroft darauf, dass sie ja mindestens ein Titelquote und sonst noch einen scharfen Satz sagen muss, also buhu machen. Sonst war die Übung ja für die Katz.

Allerdings strapaziert sie die Nerven des armen Journalisten (von den Lesern ganz zu schweigen) schon sehr; erst in der allerletzten Antwort auf die allerletzte Frage rückt sie wenigstens mit einem Titelquote raus:

«Mit oder ohne diese neue Variante sind wir in Europa bereits in einer sehr schlechten Situation. Die Virusvariante in Südafrika ist momentan erst ein Funken, der uns keinesfalls davon ablenken sollte, dass wir bereits in einem brennenden Haus sitzen. Wir haben mit Delta sehr grosse Probleme bei uns.»

Allgemeines Aufatmen; Titel und Lead sind gerettet, der Buhu-Faktor ist sichtbar vorhanden, kann man bringen. Nur, mit Verlaub, dieses Quote umfasst haargenau 300 A. Wozu um des Virus willen, wozu muss sich der Leser dann durch die übrigen 6800 A quälen?

Härtet das ab? Macht das immun? Ersetzt das die vierte Booster-Impfung? Überzeugt das ungeimpfte Arschlöcher? Das wären einmal Fragen, deren Beantwortung man von einer Qualitätszeitung wie dem Tagi doch erwarten dürfte.