Wumms: Björn Höcke
Ist wenigstens er «gesichert rechtsextrem»?
Roger Köppel hat mal wieder eines seiner bis zur Ohrenlähmung langatmigen Interviews mit dem «AfD-Strategen» Höcke geführt. Hier gibt sich die führende Stimme der Partei als Elder Statesmen. Er plädiert für «menschliche Empathie», beschwört den «Normalzustand, miteinander zu reden», spricht sich für «Meinungspluralismus» aus, fordert ein Ende der «Meinungsmanipulation» und auch der EU.
Ist er hier Wolf im Schafspelz, der sich vor einem Stichwortgeber und einverständig nickenden Köppel aufspreizen kann? Oder ist er halt doch ein angebräunter Extremist?
Zunächst einmal: schon bei diesen Begrifflichkeiten fängt die Meinungsmanipulation an. Denn «gesichert rechtsextremistisch» ist kein gesetzlich definierter Rechtsbegriff. Sondern der deutsche Verfassungsschutz unterscheidet zwischen einem «Prüffall», einem «Verdachtsfall» und einer «erwiesen rechtsextremistischen Bestrebung». Das wird dann in den Medien knackig zu «gesichert rechtsextrem» verkürzt und umformuliert.
Aber unabhängig davon, verwendet Höcke ein Vokabular, das ihn ideologisch im braunen Sumpf verortet? Da wäre mal das «Denkmal der Schande». So bezeichnete Höcke in einer Rede von 2017 das Berliner Holocaust-Denkmal. Als das Gegenwind gab, versuchte er eine Umdeutung, dass nicht das Denkmal selbst eine Schande sei.
Allerdings verlangte er auch eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad», also eine Abkehr von der Erinnerung an die bis heute identitätsstiftenden Schuld durch die ungeheuerlichen Verbrechen von Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.
In Verteidigung des AfD-Projekts einer «Remigration» sprach Höcke von einer «Politik der wahltemperierten Grausamkeit. Das heisst, dass sich menschliche Härten und unschöne Szenen nicht immer vermeiden lassen werden.»
Er setzt noch einen drauf:
«Auch wenn wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind», sich der von ihm behaupteten «Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung» zu widersetzen. Danach erwartet er, dass noch genügend Angehörige «unseres Volkes» übrig seien, um ein neues Kapitel deutscher Geschichte aufzuschlagen.
Ziemlich übel ist auch: «Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.»
Da gäbe es halt einen «Aderlass»; um einen «Volkstod durch Bevölkerungsaustausch» zu vermeiden, müsse man sich von «brandigen Gliedern trennen».
Diese Vorstellung von einem gesunden deutschen (oder arischen) Volkskörper, der von Schädlingen befreit werden muss, ist eindeutig ein Echo rassischer Wahnvorstellungen von Hitler-Nazis.
Es wäre sicherlich hilfreich, wenn Köppel in seinen immer wieder stattfindenden Akklamations-Interviews Höcke dazu bringen würde, die Verwendung dieser Begrifflichkeit zu erklären – oder sich allenfalls davon zu distanzieren.
In Deutschland herrscht – im Rahmen der Schuld-Kultur, wie die AfD sagen würde – tatsächlich eine ausgesprochen hohe Sensibilität gegenüber Formulierungen, die nicht nur in den Alpträumen von Linken wie ein Echo aus tiefbrauner Vergangenheit tönen.
Nicht nur Höcke verursacht da grosses Gebrüll. Unvergessen die Paulskirchenrede des Schriftstellers Martin Walser. Anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagte der angesehene Autor:
«Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung.»
Er sprach von einer «Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken». Seine Kritik am damals erst geplanten Holocaust-Denkmal war ebenfalls scharf: Er bezeichnete es als «fussballfeldgrossen Alptraum» und sprach von einer «Monumentalisierung der Schande».
Natürlich gab das strengen Gegenwind. Ignatz Bubis, der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, erhob den schweren Vorwurf, Walsers Rede sei «geistige Brandstiftung». Dieser Begriff wurde seit 1849 in der politischen Debatte verwendet, natürlich auch von den Nationalsozialisten.
Ist also Höcke, vielleicht in der Tradition von Walser, ein geistiger Brandstifter, gegen den und gegen seine Partei zu Recht eine Brandmauer errichtet werden muss?
Oder holzschnittartig, ist Höcke ein Faschist, faschistoid, ein Vertreter des Ungeists dunkelbrauner Zeiten, ist sein Denken angebräunt, völkisch-nationalistisch, rückwärtsgewandt, träumt er von einem gesunden Volkskörper, der von rassenfremden Elementen befreit werden müsse?
Da er zweifellos nicht blöd ist, zündelt er zumindest ganz bewusst mit diesen Begrifflichkeit. 2021 beendete er eine Wahlkampfrede in Sachsen-Anhalt mit dem Ausruf: «Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland.»
«Alles für Deutschland» war eine Losung der SA; sie war auf ihren Dolchen eingraviert. Obwohl Höcke als ehemaliger Geschichtslehrer behauptete, ihm sei die Herkunft des Begriffs nicht bekannt, wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt, weil in Deutschland auch die Verwendung von Parolen verfassungswidriger Organisation verboten ist.
Im Dezember 2023 – das Strafverfahren war bereits eingeleitet –, endete er bei einer Rede mit «Alles für …» und animierte das Publikum, den Satz mit «Deutschland» zu vollenden. Für diese Provokation kassierte er eine zweite Geldstrafe. Beide Verurteilungen sind inzwischen rechtskräftig.
Die Wiederholung der Verwendung einer SA-Parole belegt zumindest, dass Höcke tatsächlich ein Biedermann und Brandstifter ist.
Zumindest gäbe es Erklärungsbedarf, ob er mit solchem Nazi-Vokabular einfach den braunen rechten Rand der AfD bei Laune halten will – oder selbst in dieser Ideologie verhaftet ist.











