Ein Wunder an Ostern

ZACKBUM muss Marc Walder loben. Sind himmlische Mächte am Werk?

Wir geben zu: solcher Beistand wird uns nicht zuteil.

Ist vielleicht auch besser so, wenn man die Resultate anschaut.

Auf jeden Fall hätten wir nach der Affäre um eine Standleitung mit Ex-BR Berset und Walders Corona-Hysterie nie gedacht, dass er Analysen von sich gibt, die wenn vielleicht nicht total richtig, so doch sehr bedenkenswert sind.

Und das erst noch im Konkurrenzorgan NZZaS. Da wird der SoBli-Chefredaktor schön blöd geschaut haben.

Am Anfang des Interviews rudert der CEO und Mitbesitzer des Ringier-Verlags mit seinen Antworten um die Frage herum, wieso eigentlich Robin Lingg, der prädestinierte Nachfolger aus der Ringier-Sippe, nach 13 Jahren, nun ja, sich entschieden habe, «eigene Projekte verfolgen» zu wollen. Wohl deswegen, weil seine Performance bei Ringier so schwach war, dass er für höhere Weihen nicht mehr in Frage kam.

Hier geht es aber um Walders klare Ansagen, was die Zukunft der Medien in der Schweiz betrifft:

«Digital dürften in der Schweiz nur drei Medienmarken ökonomisch überleben: Die NZZ, der «Blick» und «20 Minuten». Und – subventioniert – natürlich srf.ch

Hoppla, da fragt die NZZaS eher fassungslos nach und kriegt nochmal eine klare Antwort serviert:

«Den «Tages-Anzeiger» und die Zeitungen von CH Media haben Sie jetzt gerade zum Tode verurteilt.
Als digitale Geschäftsmodelle dürften Regionaltitel und Lokalpublikationen nicht aufrechtzuerhalten sein. Es mag noch Nischenpublikationen geben, aber sie werden die Ausnahme sein.»

Er kann seine Prognose noch prägnanter auf den Punkt bringen: «Masse oder Spitze.» Und dazwischen gibt es dann nichts mehr.

Das gilt offenbar auch für das eigene Haus: «Heute haben wir 120 Medienmarken. In zehn Jahren werden es deutlich weniger sein. Wir haben zwanzig schwierige Jahre hinter uns. Die nächsten zehn werden noch schwieriger

Wen es als erstes lupfen wird, auch dazu macht Walder eine klare Ansage: «Es gibt Publikationen, die digital nie relevant sein werden. Die «Glückspost» zum Beispiel. Oder «Tele». Oder die «Schweizer Illustrierte». Diese drei verdienen mit Printpublikationen immer noch gutes Geld. Wunderbar. Digital werden sie das nie tun

Das wird natürlich die Noch-Angestellten bei diesen drei Zeitschriften ungemein freuen zu hören. Allerdings dürften es zumindest die intelligenteren unter ihnen bereits geahnt haben, dass es wohl kaum mehr bis zur Frühpensionierung im Job reichen dürfte.

Das alles ist von lobenswerter Klarheit und endlich mal eine Ansage, die ohne «wenn nicht, unter Voraussetzung, dass, von heute aus gesehen» und ähnlichem Blabla auskommt. Dafür ein grosses Bravo, denn wie schon mehrfach geschrieben, man muss auch loben können.

Auch was Walder zum Entstehen der KI sagt, hat Hand und Fuss und bringt ein Problem auf den Punkt: «Was in den letzten Jahren passiert ist, ist der grösste Diebstahl in der Geschichte. Als die chinesische KI Deepseek vor gut einem Jahr westliche Modelle überflügelte, warf Open-AI-Gründer Sam Altman den Chinesen vor, sie hätten alles nur geklaut. Das war amüsant. Open AI hat acht Jahre lang alles geklaut, was im World Wide Web auffindbar war.»

Nach so viel Lob muss natürlich auch getadelt werden, sonst würde es ja ein Schmuseartikel wie in den Mainstream-Medien. Denn der Börsengang der Swiss Marketplace Group (SMG), an der Ringier mit 20 Prozent beteiligt ist, war alles andere als ein Erfolg. Aber:

«Sie verfügt mit Brands wie Homegate, Immoscout, Autoscout, Ricardo und Tutti über sehr starke Plattformen. Dennoch hat sich der Börsenkurs fast halbiert. Die Entwicklung trifft das weltweite Segment der digitalen Marktplätze. Das Spannende daran ist: Bei der SMG hat sich kein einziger Performance-Indikator verschlechtert. Wir sehen nichts, was diese Abschläge rechtfertigen würde.»

Und weil das Ringier so sieht, hat er im Gegensatz zu Tx nicht einen schönen Teil seiner Aktien verkauft, als der Kurs noch doppelt so hoch war.

Aber auf jeden Fall gibt dieses Interview Anlass zur Hoffnung, dass wenigstens der CEO von Ringier weiss, wovon er spricht. Was man nicht von allzu vielen, vor allem weiblichen Grossverdienern auf der Teppichetage sagen kann.

Iran: Die intelligente Analyse

Wieso Hunderte von Franken für Medienabos ausgeben? Hier gibts Mehrwert gratis.

Einfache Aufgabenstellung: analytische Einordnung des Waffenstillstands in 500 Worten, journalistische Version. Die preisgünstige und Sekundenschnelle Reaktion der AI:

Der jüngst vereinbarte Waffenstillstand zwischen den USA und Iran markiert keinen Durchbruch, sondern eine taktische Atempause in einem weiterhin hoch eskalationsanfälligen Konflikt. Nach Wochen intensiver militärischer Auseinandersetzungen seit Beginn des Irankriegs Ende Februar 2026 dient die auf zwei Wochen begrenzte Feuerpause primär der kurzfristigen Stabilisierung – politisch, militärisch und ökonomisch.

Auslöser der Vereinbarung war ein klassisches Muster der Eskalationsdiplomatie: massiver militärischer Druck durch die USA, kombiniert mit Ultimaten zur Öffnung der strategisch zentralen Straße von Hormus. Washington stellte die Einstellung von Angriffen in Aussicht, sofern Teheran den globalen Energiefluss wieder zulässt. Diese Meerenge ist nicht nur geopolitischer Hebel, sondern systemrelevant für den Welthandel – zeitweise waren tausende Seeleute und Schiffe blockiert.

Für die US-Regierung ist die Waffenruhe daher ein Instrument der coercive diplomacy: militärische Überlegenheit soll in Verhandlungsmacht übersetzt werden. Präsident Donald Trump inszeniert die Einigung als Erfolg, doch die strukturellen Konfliktlinien – Nuklearprogramm, regionale Einflusszonen und Sanktionen – bleiben ungelöst. Kritische Stimmen sehen die USA sogar in einer geschwächten Position, da zentrale Forderungen bislang nicht durchgesetzt wurden.

Iran hingegen konnte zentrale Interessen zumindest teilweise behaupten. Die kontrollierte Öffnung der Straße von Hormus erfolgt unter eigenen Bedingungen, etwa durch militärische Koordination oder mögliche Gebührenregelungen. Gleichzeitig betont Teheran, dass es keinen temporären Waffenstillstand, sondern einen dauerhaften Friedensrahmen anstrebt – inklusive Sicherheitsgarantien und Sanktionslockerungen. Diese Position stärkt die Verhandlungsposition Irans, da sie die Agenda von kurzfristiger Deeskalation auf langfristige Neuordnung verschiebt.

Die Rolle externer Akteure ist ebenfalls zentral. Pakistan fungiert als Vermittler und organisiert direkte Gespräche in Islamabad – ein Hinweis darauf, dass regionale Mittelmächte zunehmend diplomatischen Einfluss gewinnen. Gleichzeitig bleibt die Lage militärisch fragil: Trotz Waffenruhe kam es weiterhin zu Angriffen, was die begrenzte Kontrollfähigkeit beider Seiten über ihre jeweiligen Eskalationsdynamiken verdeutlicht.

Ökonomisch wirkt die Waffenruhe kurzfristig stabilisierend, insbesondere für Energie- und Schifffahrtsmärkte. Doch ohne belastbare Sicherheitsgarantien bleibt die Unsicherheit hoch. Die Straße von Hormus bleibt ein neuralgischer Punkt globaler Verwundbarkeit.

In der Gesamtbetrachtung ist die Waffenruhe weniger als Friedenssignal denn als operatives Intermezzo zu interpretieren. Sie verschafft beiden Seiten Zeit zur Reorganisation und zur diplomatischen Positionierung. Ob daraus ein nachhaltiger Verhandlungsprozess entsteht, hängt davon ab, ob es gelingt, die strukturellen Konfliktursachen zu adressieren – oder ob die Region nach Ablauf der Frist in eine neue Eskalationsphase eintritt.

Iran? Äh …

Wenn die Grossanalysten mal wieder rudern.

Es war wieder mal ein klassischer TACO. Statt wie angekündigt eine ganze Zivilisation sterben zu lassen, ersparte der US-Präsident Donald Trump der Welt dieses Kriegsverbrechen. Vorläufig.

Während die israelische Regierung fortfährt, im Libanon ihre verbrecherische Politik wie im Gazastreifen fortzusetzen: totale Zerstörung. Sozusagen im Windschatten des grösseren Konflikts.

Diese nicht ganz unerwartete Wende wäre Gelegenheit für alle Kenner, Spezialisten und Grossstrategen in den Medien, mal zu zeigen, wie das ist, wenn sie ihren analytischen Muskel anspannen. Denn schliesslich erwarten sie für diese Leistung entsprechende Zahlungen, sollten also eine geldwerte Gegenleistung bieten.

Was man in Wirklichkeit sieht, ist allerdings jämmerlich und erbärmlich. Es braucht schon ein Selbstbewusstsein, das in seiner Grösse demjenigen des US-Präsidenten nicht nachsteht, um mit Denkerpose Flachsinn von sich zu geben.

«Ein Krieg, der für Trump nicht zu gewinnen ist», «Trumps Rückzieher», hämt der «Spiegel», der sich für ein Mal nicht mit Beziehungsproblemen und haltlosen Anschuldigungen in einem Scheidungskrieg befasst.

«Die Mullahs können sich als Sieger fühlen», verkündet die FAZ. Die «Süddeutsche Zeitung» wird ganz streng: «Wer droht, eine Zivilisation auszulöschen, darf nicht damit durchkommen». Und wenn Autor Boris Herrmann dafür den letzten Buchstaben hergeben müsste.

Auch Tamedia kennt kein Pardon: «Nichts passiert? Die Drohung war schon schlimm genug!», stellt Charlotte Walser «aus Washington» den US-Präsidenten in den Senkel. Vielleicht sauer darüber, dass sie bis spätnachts aufbleiben musste, um trotz Zeitverschiebung zu liefern. Auch sie stellt eine Art Ultimatum: «Auch wenn den bangen Stunden ein Aufatmen folgte: Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen

Keine Ahnung, wer sich daran gewöhnen wollte …

CH Media kümmert sich um die praktischen Fragen: «Trumps Waffenstillstand mit Iran: Hat am Ölmarkt der Schrecken nun ein Ende? Werden Tanken und Fliegen nun billiger?» Hinter der Bezahlschranke gibt’s die Antworten, hier sind sie gratis: zweimal nein.

Der «Blick» geht auf Du mit seinen verbliebenen Lesern: «Das musst du zum plötzlichen Waffenstillstand wissen». Und verbreitet Pessimismus: «Nach der Kehrtwende dürfte es nur noch schlimmer werden».

«20 Minuten» erteilt dem «Geopolitik-Experten Klemens Fischer» das Wort. Das ist so ein Allrounder, der auf der Kurzwahltaste fast jeder Redaktion liegt. Der gefällt sich in einem gepflegten Einerseits-Andererseits, das den Leser, den armen Tor, so klug zurücklässt wie zuvor: «Trump wird die Einigung natürlich als Sieg werten – und das ist sie auch. Auf der anderen Seite konnte aber auch der Iran sein Gesicht wahren, denn der iranische Vorschlag ist jetzt die Basis für weitere Verhandlungen.»

Kühl neutral berichtet die NZZ: «Donald Trump verkündet eine zweiwöchige Waffenruhe. Und Iran feiert einen Etappensieg».

Und eigentlich alle Qualitätsorgane lassen einen «Live-Ticker» laufen, die Bankrotterklärung jedes einordnenden, Mehrwert bietenden Journalismus.

Nicht, dass ZACKBUM das liefern könnte, aber wir verlangen ja auch kein Geld. Wer das tut, sollte aber vielleicht etwas mehr bieten als die Wiederholung des Faktischen, die jeder gratis im Internet abholen kann. Plus die übliche Portion Trump-Beschimpfung.

Zudem überrollen die Ereignisse die kompetenten Spezialisten. Da Israel ungehemmt weiterbombt und zerstört, scheint der Iran die Strasse von Hormus wieder gesperrt zu haben. Ob der Waffenstillstand auch die Kriegsverbrechen der israelischen Regierung im Libanon umfasst oder nicht, daran scheiden sich die Geister.

Wieso halten sich China, Indien und Russland betont zurück? Wer traut sich nach diesen Ausfällen Trumps, aus der erhöhten Warte westlicher Werte noch den russischen Präsidenten Putin zu beschimpfen? Wieso wird nur am Rande erwähnt, dass die israelische Regierung mit ihren Kriegsverbrechen im Libanon ungeniert fortfährt? Ist das eine Zwischenetappe fortgesetzter Kriegshandlungen? Welche Seite wird mehr von ihren Forderungen durchkriegen?

Das wären ein paar Fragen, deren Beantwortung vielleicht etwas Mehrwert bieten würde. Aber das ersparen die Medien-Koryphäen sich und ihren Konsumenten.

 

Ein gefährlicher Irrer

US-Präsident Donald Trump spinnt. Das ist nun amtlich.

«Öffnet die verfickte Meerenge, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – Ihr werdet sehen! Gelobt sei Allah.» Kann man das noch steigern?

Ja, wenn man ein schwer gestörter Narzisst ist, der mal wieder TACO spielte und ein Ultimatum an das andere hängte. Weil angeblich der Iran ihn darum gebeten habe. Allerdings hört Trump Stimmen, die nur in seinem Kopf sind.

Nun droht er mal wieder mit der Zerstörung der Infrastruktur des Iran, also mit Angriffen auf Kraftwerke, Strassen und andere zivile Ziele. Eindeutig die Ankündigung von Kriegsverbrechen, mit denen Israel bereits unterwegs ist.

Oder nicht? Das seien keine Kriegsverbrechen, meint Trump, weil die Iraner «Tiere» seien. «Jede Brücke, jedes Kraftwerk im Iran wird zerstört», randaliert der Präsident, völlig ausser Kontrolle.

«Wir haben ihre Navy, ihre Air Force und ihre Mine-Droppers vernichtet», so Trump. «Das grösste Problem mit dem Iran ist, dass sie nicht kommunizieren können. Wir kommunizieren wie vor 2000 Jahren, mit Kindern die Nachrichten überbringen».

Das ist eine Mischung von verbalem Randalieren und unverständlichem Gestammel. Dazu ein erschreckendes Video, wie Trump tief versunken im Gebet im Oval Office sitzt, umgeben von klerikalen Predigern, die ihm religiöse Kraft spenden wollen.

Er legt noch einen drauf:

«Eine ganze Zivilisation wird heute Nacht sterben, sie wird nie wieder zurückkehren. Ich will nicht, dass das passiert, aber vermutlich wird es das.»

Es ist das erste Mal in der Gesichte, dass ein US-Präsident ein monströses Kriegsverbrechen ankündigt. Seine Soldaten müssen nun entscheiden, ob sie seinen verbrecherischen Befehlen folgen – und später vielleicht selbst zur Verantwortung gezogen werden. Oder ob sie seine Befehle verweigern – mit allen Konsequenzen, die das im Militär hat.

Sein Pseudo-Kriegsminister Pete Hegseth, der den Kreuzfahrerspruch «deus vult» (Gott will es) auf seinen Arm tätowiert hat, will frömmlerisch noch einen drauflegen: die Amerikaner sollen «im Namen Jesu Christi jeden Tag auf gebeugten Knien« für einen US-Sieg im Iran beten. Ein fundamentalistischer Wahnsinniger dort hätte es es nicht besser formulieren können, nur mit anderen Figuren.

Das könnte problemlos auch von einem Mullah sein: «Lass’ jede Kugel gegen die Feinde der Gerechtigkeit und unserer grossen Nation ihr Ziel finden

Religiöser Wahnsinn und zunehmender Kontaktverlust mit der Wirklichkeit. Denn einmal ist der Iran bereits durch einen überwältigenden Sieg in die Knie gezwungen, all sein Waffenarsenal vernichtet, betteln nur Trump bekannte Führer um einen Deal, während die Schiffbarmachung der Strasse von Hormus gar nicht das Problem der USA sei.

Und handkehrum soll die endlich freigegeben werden, der angeblich schon längst besiegte Iran in die Steinzeit gebombt werden, weil er immer noch nicht gegenüber den absurden Wünschen Trumps willig sei.

Wenn es nur das Vokabular wäre, das für einen US-Präsidenten völlig inakzeptabel ist, nun ja. Erfolglose New Yorker Immobilienhaie verwenden halt keine gepflegte Sprache. Wenn es nur der zunehmende Realitätsverlust wäre, mit 79 und nach viel Bräunungscreme ist man halt nicht mehr ganz da.

Aber da ist die Ankündigung von klaren, eindeutigen Kriegsverbrechen, die nicht schongeschwatzt werden können, weswegen inzwischen selbst die «Weltwoche» in dieser Beziehung verstummt ist.

Da ist die Begründung, dass es sich nicht um Kriegsverbrechen handle, weil die Iraner Tiere seien, angeführt von sehr gestörten Menschen.

Sagt ein sehr gestörter Mensch.

Wen das noch nicht genügend ängstigt: das war erst ein wenig mehr als das erste Jahr dieser Präsidentschaft. Wenn wir alle richtig Pech haben, stehen uns noch knapp drei Jahre bevor.

Familienschande

Es gibt eine neue Welle: die schamlose Zurschaustellung der eigenen Familie.

Es ist unglaublich:

Der Autor Dirk Gieselmann lässt sich schwarzweiss «im Schuppen seines Elternhauses» ablichten. Dazu stellt er im «Magazin», das eigentlich nach dem Interview einer Kolumnistin mit ihrer eigenen Mutter nicht weiter herunterkommen könnte, 25’600 tränendurchwirkte Buchstaben.

«Ein Versuch, den Verlust zu verstehen», nennt er dieses schamlose Machwerk der Selbstentblössung. Hedwig Courths-Mahler hätte das entschieden besser gekonnt:

«Wir hielten uns im Hause meines Schwiegervaters auf, um ihm wieder einmal nah zu sein, so nah wie irgend möglich. Er war ein Jahr zuvor – am Dienstag vor Ostern – von uns gegangen. Es war wieder der Dienstag vor Ostern, als meine Frau mich gegen acht Uhr in der Früh weckte und mir die Nachricht überbrachte, dass auch mein Vater gestorben sei. «Kurt ist tot», sagte sie. Sie schluchzte

Dann vergräbt sich der Autor in bedeutungsschwer durchgeatmeter Betroffenheitsschwurbelei: «Die drei Wörter, die den Satz bilden wollten, schienen nichts miteinander zu tun zu haben: «Kurt» und «ist» und «tot».»

Geht’s noch unerträglicher? Aber sicher:

«Unsere Tochter und unser Sohn lagen neben mir im Bett, fest schlafend und immer noch erschöpft von der Wanderung durch den Bergwald, die wir am Abend zuvor unternommen hatten. Auf der die Sonne so malerisch durch die bereits in zartem, österlichem Grün stehenden Buchen geschienen und meine Frau ein Foto von dieser Szenerie gemacht hatte.»

ZACKBUM gesteht: der Würgreflex (und auch der Wunsch zu würgen) wurden hier so stark, dass die Lektüre abgebrochen werden musste.

Oder: «Talkrunde unter Männern: Bin ich eigentlich der Einzige hier, der als Vater an den Anschlag kam?» Will man die Antwort wissen? Oder: «Samenspende in der Schweiz: Michael Lüthi suchte seinen biologischen Vater – und fand stattdessen 22 Halbgeschwister.»

Wo es neue Flachgebiete zu beschreiben gilt, ist Rafaela Roth nie weit: «Die Mütter meiner Familie – Teil 1: Grossmutter. Unsere Kolumnistin kriecht in ihren Stammbaum». Will man ihr beim Kriechen beiwohnen?

Da ist Beziehungsknatsch fast schon ein Aufsteller:

Auch das braucht nun ausserhalb der Familie Somm niemand unbedingt zu wissen.

Losgetreten hatte den Trend die Kolumnistin Kaltërina Latifi, die ein Wohlfühlen-Interview mit ihrer eigenen Mutter machte – was der dysfunktionale Tagi auch ohne Rücksicht auf seine Fürsorgepflicht für Mitarbeiter publizierte.

Die ewigen Betrachtungen des eigenen Bauchnabels und die Beschreibungen der eigenen Befindlichkeit sind schon unerträglich genug. Aber jetzt wird noch die eigene Familie obszön zur Schau gestellt.

Da muss man sich zur Ablenkung und Erfrischung den neusten Schwachsinn reinziehen, den US-Präsident Donald Trump von sich gibt: «Öffnet die verdammte Meerenge, ihr verrückten Bastarde, oder ihr werdet in der Hölle leben – Ihr werdet sehen!» Aber eigentlich ist das überhaupt nicht komisch, denn dieser Irre ist der mächtigste Mann der Welt.

Nicht nur die Inhalte des Familienexhibitionismus sind zum Fremdschämen, auch sprachlich und formal klappert und rumpelt und hapert es. Nehmen wir nur die erste Titelzeile. «... den eigenen Vater zu verlieren». Welchen Vater könnte man eigentlich sonst verlieren, wenn nicht den eigenen?

Oder wie wäre es mit einem Essay unter dem Titel «So fühlt es sich an, irgendeinen Vater zu verlieren». Gefolgt von: «Das spürt man, wenn man den eigenen Vater gewinnt.» Sicher ist: weder der eigene, noch der fremde Vater kann sich gegen diese Zur-Schau-Stellung wehren. Aber deren Vorteil ist: sie kriegen es ja nicht mehr mit. Diese Peinlichkeit bleibt ihnen erspart.

Dem Leser bleibt aber wirklich nichts erspart.

Viele dicke Eier

Wünscht ZACKBUM allen Lesern draussen im Lande.

Wir sehen uns am 7. April wieder.

Ach, Kaltërina Latifi

Kaum lobt ZACKBUM, muss wieder getadelt werden.

Es ist wahrlich ein Wechselbad der Betrachtung. Die Tamedia-Kolumnistin Latifi fiel schon mehrfach unangenehm auf. Aber siehe da, sie kann auch anders.

Aber vielleicht hätte ZACKBUM nichts Positives sagen sollen. Denn das haben wir alle nun davon. Es gibt eine Steigerung der Betrachtung des eigenen Bauchnabels, die so vielen Tamedia-Kolumnisten ein Herzensanliegen ist. Die Steigerung besteht darin, dass man denjenigen betrachtet, von dem man sich abgenabelt hat: die eigene Mutter.

Immerhin arbeitet Latifi nicht in aller Öffentlichkeit allfällige Dissonanzen auf, die allenfalls in ihrer Kindheit oder Jugend entstanden sind.

Aber dennoch hat es etwas Peinliches und Unschickliches, wenn der Leser damit belästigt wird, ein Gespräch zwischen Mutter und Tochter auf fast 22’000 A im völlig heruntergewirtschafteten «Magazin» vorgeführt zu bekommen. Schon das Titelzitat müffelt aus anderen Zeiten in anderen Ländern herüber.

Wen das noch nicht abschreckt, der flüchtet schon bei der Einleitungsfrage: «Mama, warum bist du in die Schweiz emigriert?» Tja, da wird Mama so ihre Gründe gehabt haben, wie eigentlich jeder, der in die Schweiz emigriert. Diese Mama wollte den archaischen Sitten entgehen, die bei Kosovo-Indianern herrschten und möglicherweise bis heute noch herrschen.

Eine schöne Frage ist auch die hier, nur übertroffen von der Antwort:

«Wie bist du aus diesem System ausgestiegen?
Es war ein langer Weg, glaub mir. Über die Details möchte ich hier nicht sprechen, es ist zu privat.»
Hier tritt das ganze Elend offen zu Tage, wenn eine Tochter (oder auch ein Sohn) Mutter oder Vater interviewen. Ihnen fehlt nicht nur jegliche Distanz, sie kämen auch nicht im Traum auf die Idee, eine kritische Frage zu stellen oder dort nachzuhaken, wo ihnen ausgewichen wird.
Alleine schon aus diesem Grund ist es eigentlich nie eine gute Idee, ein solches innerfamiliäres Zwiegespräch in aller Öffentlichkeit auszubreiten. Irgendwie erinnert das an eine Kolumne einer anderen Selbstentblösserin: «Gülsha Adilji zieght sich vor sieben Fremden nackt aus». Gut, die hat zurzeit andere Probleme.
Also zurück zu Latifi. Interessante Fragen können interessante Antworten ergeben. Aber diese hier: «Warum das? Gibt es weitere Beispiele, die dich geprägt haben? Wie ging es weiter? Wo siehst du das besonders? Und sag, willst du einmal zurück in deine erste Heimat», die können ja nur als billige Stichworte dienen.
Bleibt die Frage, wieso Mama bei dieser gespiegelten Selbstbespiegelung überhaupt mitgemacht hat. Wollte sie ein wenig den Sonnenschein der relativen Bekanntheit ihrer Tochter auf der eigenen Haut spüren? Für sie selbst (und für ihre Tochter) ist natürlich ihr Leben etwas Einzigartiges und Besonderes.
Allerdings sind die Beschreibungen der archaischen und rückständigen Gesellschaftsstrukturen im Kosovo wirklich nichts Neues, sondern hinlänglich bekannt. Neuer ist höchstens, dass die gegen alle Zusagen an Serbien früher autonome Region Kosovo – unterstützt nicht zuletzt von der Schweiz – sich einseitig für unabhängig erklärte.
Seither ist der Kosovo zum korrupten Drogenstaat denaturiert, beherrscht von der organisierten Kriminalität, die ihre Tentakel bis in die höchsten Sphären der Politik hat.
Dem Ex-Präsidenen Thaci drohen 45 Jahre Haft. Er steht in Den Haag vor Gericht, angeklagt wegen schwerster Kriegsverbrechen.
Das wären vielleicht auch Themen gewesen, die man jemanden fragen könnte, der im Kosovo verwurzelt ist. Aber so etwas macht natürlich eine Tochter bei der Mama nicht.
Also ein weiteres trauriges Beispiel dafür, das Qualitätskontrolle oder der Schutz von Mitarbeitern vor sich selbst im dysfunktionalen Tagi nicht funktionieren.

Weiber!

Schon wieder werden männliche Vorurteile bedient.

So schnell war nur selten ein Aufmacher-Artikel von der Homepage des «Blick» verschwunden:

Für Nicht-Eingeweihte: das ist ein Akronym für Gülsha Adilji, Yvonne Eisenring und Maja Zivadinovic. Die feierten mit einem gemeinsamen Podcast Erfolge und füllte sogar das Hallenstadion in Zürich. Warum? Gute Frage.

Aber nun das. Adilji, deren Kolumne in der «SonntagsZeitung» schon mehrfach Erwähnung bei ZACKBUM fand («Die Zumutung aus dem Hause Tamedia»), ist ausgestiegen. Per sofort. Warum? Gute Frage.
Schlechte Antwort: ««Wir haben festgestellt, dass wir unterschiedliche Vorstellungen von der Weiterentwicklung des Podcasts haben», sagen die drei Frauen. Den Entscheid für den Abschluss des Projekts hätten sie gemeinsam getroffen», sülzt der «Blick».

Allerdings, so trippelt sich Tamedia an die nicht so lustige Konsequenz heran: «Die bereits angekündigte Frühlingstour mit fünf Shows in Basel, Zürich und Bern findet statt – allerdings ohne Gülsha Adilji. Sie steigt «aus persönlichen Gründen» aus. »

Da gibt es dann ein kleines Problem, das «Blick» adressiert, wie man heute neudeutsch sagen würde: «Was passiert jetzt mit meinen Zivaddiliring-Tickets?» Denn die wiederum werden im Wesentlichen über Ticketcorner vertrieben. Und an der Bude ist «Blick»-Herausgeber Ringier zu 50 Prozent beteiligt.

Da hat der «Blick» dann doch eher schlechte Nachrichten: «Manchen dürfte das sauer aufstossen – und sie wollen möglicherweise ihre Tickets zurückgeben. Wie stehen in diesem Fall die Chancen? Blick hat beim Schweizer Konsumentenschutz nachgefragt. Sara Stalder, Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz, sagt: «Vermutlich ist es chancenlos, das Ticket aufgrund der anderen Zusammenstellung des Trios zurückgeben zu können.» Sie bezieht sich dabei auf die AGB von Ticketcorner, die laut Stalder «typisch für die Ticketbranche» sind.»

Es gibt da höchstens einen kleinen Hoffnungsschimmer: «Das Ticket kann über die Ticketcorner-Resale-Plattform ‹Fansale› zum Verkauf angeboten werden», zitiert der «Blick» nochmals die Konsumentenschützerin, die hier ganz sanft ist.

Man kann natürlich sagen: jeder ist selber schuld, der sich dafür ein Ticket gekauft hat.

Auf der anderen Seite ist es belustigend, dass weder der «Blick», noch der Tagi mit einem Wort erwähnen, dass die übliche Begründung doch wohl zum Himmel stinkt.

Natürlich kann es immer unterschiedliche «Vorstellungen von der Weiterentwicklung» geben, das kennt sogar ZACKBUM. Aber Knall auf Fall vor einer geplanten und demnächst startenden Tournee aussteigen, für die schon Tickets verkauft wurden? Das sieht nicht wirklich nach unterschiedlichen Vorstellungen aus, sondern nach einem handfesten Krach, bei dem die Fetzen flogen.

Dass der «Blick» darum herumtänzelt, verständlich, Ticketcorner. Aber wieso das der Tagi und die übrigen Medien auch tun? Die SI verrät immerhin, dass «Blick» mutig nachgefragt habe und zur Antwort bekam: «Darüber hinaus möchte Gülsha nichts weiter dazu sagen

Und: «Am letzten Freitag gewann das Trio noch den Podcast-Award in der Kategorie «Live». Bereits da fehlte Gülsha bei der Preisverleihung

Nun kann man natürlich sagen, dass dieses Ereignis noch unwichtiger ist als das Schicksal des Buckelwals, der sich immer wieder auf den Sand setzt.

Auf der anderen Seite ist doch interessant, wie zahm die Medien werden, wenn sie Furcht vor dem Urteil haben, sie könnten da allenfalls sexistisch oder gar frauenfeindlich rüberkommen.

ZACKBUM kennt auch da keine Furcht und sagt nur: Weiber.

PS: Gestern war übrigens 1. April, im Fall …

Patrik Müller wird Chef von allem

Exklusiv und nur hier: der Rettungsplan des Verlegerverbandes.

Die Tageszeitungen darben, das ist kein Geheimnis. Den überbezahlten und unterqualifizierten Medienmanagern der grossen Verlagshäuser fällt nichts ein, wie das geändert werden könnte.

Ausser, nach Subventionen, nach Steuergeldern zu krähen. Schliesslich seien sie die Vierte Gewalt im Staat, unverzichtbar für das Funktionieren der Demokratie. Oder für ihre Rettung, wenn man die Welt wie die «Republik» sieht.

Besondere Situationen brauchen besondere Massnahmen. In strikter Geheimhaltung wurde daher eine unternehmensübergreifende Rettungsmassnahme beschlossen. Denn der grösste Kostenfaktor ist weiterhin die Payroll der Angestellten. Wobei hier gilt: je höher in der Hierarchie, desto teurer.

Bereits bis anhin gibt es vier Oberchefredaktoren in den vier grossen Verlagen. Eric Gujer bei der NZZ, Raphaela Birrer bei Tamedia (oder Simon Bärtschi oder Jessica Peppel-Schulz, das ist nicht so ganz klar), Rolf Cavalli (oder Sandro Inguscio oder Ladina Heimgartner, das ist auch nicht so klar) beim «Blick», und Patrik Müller bei CH Media.

Daneben gibt es noch Roger Köppel, das Maschinengewehr mit Mission, der Verleger, Herausgeber, Besitzer und Chefredaktor der «Weltwoche». Aber der läuft für sich.

Die acht Nasen bei den grossen Verlagen verdienen zusammen geschätzte 2,5 Millionen Franken im Jahr. Die Teppichetage obendrüber noch viel mehr, aber das ist natürlich unantastbar.

Wie ZACKBUM aus sicheren, voneinander unabhängigen, aber ungenannt bleiben wollenden Quellen erfahren hat, wird hier ab heute, am 1. April, eine Sparmassnahme umgesetzt, wie sie die Schweizer Medienlandschaft noch nicht gesehen hat. Die Verlagshäuser einigten sich auf einen einzigen Oberchefredaktor für sämtliche Tageszeitungen. Erkoren wurde Patrik Müller, der bislang skandalfrei und behaftbar wie eine Teflonpfanne den Wannerclan glücklich machte.

Alle übrigen Führungskräfte wurden in die Frühpensionierung geschickt oder dürfen sich mit dem neuen Titel «besondere Aufgaben» schmücken.

Gleichzeitig werden auch die Redaktionen zusammengelegt, wobei jedes Verlagshaus seine Stärken ausspielt und das jeweilige Ressort beherbergen wird. Also der Sport kommt integral zum «Blick», das Regionale zu CH Media, Ausland und Wirtschaft natürlich zur NZZ, während das Inland weiterhin aufgesplittert bleibt. Bei Tamedia, die sonst leer ausginge, wird Feuilleton und Kultur angesiedelt, allerdings mangels eigenen Kräften durch Zugänge aus den anderen Verlagen.

Gleichzeitig wird ein Gefäss deutlich beschnitten. Pro Organ und Tag darf es maximal einen einzigen Kommentar geben. Nabelschau und Selbstbespiegelung sind dabei verboten.

Mit diesen Massnahmen wollen die Verlage die Weiterexistenz ihrer Tageszeitungen garantieren.

«Ich fühle mich geehrt, danke für das Vertrauen und schaue der neuen Aufgabe optimistisch, aber auch mit Respekt entgegen», wird Müller in der Pressemitteilung zitiert, die später am Tag publiziert wird.

Auf jeden Fall ein gewagtes Experiment, man wird sehen, ob es von Erfolg gekrönt ist oder im völligen Chaos endet.

Wumms: Sara Belgeri

Dem Senkblei zur Auslotung journalistischer Tiefen müssen ein paar Meter angesetzt werden.

Die Anschuldigung sexueller Belästigung ist immer heikel. Die öffentliche Anschuldigung ist noch heikler. Die öffentliche Anschuldigung, wenn es sich auch nur um C-Promis handelt, ist am heikelsten.

Denn sie beruht meistens auf einer Aussage ohne weitere Beweise, manchmal gar nur auf einem Gefühl, einem Eindruck. Die Beschuldigten (fast immer Männer, die Frau, die die #metoo-Bewegung lostrat, ist eine der wenigen Ausnahmen) sterben fast sofort den sozialen Tod.

Einzige kleine Verteidigungsmöglichkeit ist ein Fundament unserer Rechtsordnung: die Unschuldsvermutung. Ihre korrekte Anwendung kann über die Vernichtung oder Rettung einer Existenz entscheiden.

Es gibt zur Genüge Fälle, in denen sich herausstellte, dass die Anschuldigung zu recht erhoben wurde. Im aktuellen Fall handelt es sich, sollten die Vorwürfe zutreffen, um ein besonders abartiges und widerliches Verhalten.

Sollten sie nicht zutreffen – und wie in einigen Fällen zuvor, die ebenfalls vom «Spiegel» losgetreten wurden, mehren sich auch hier die Fragezeichen –, könnte nur eine konsequenten Einforderung und Anwendung der Unschuldsvermutung ansatzweise noch retten, was von der Karriere eines Schauspielers übrig geblieben ist.

So wie die rechtliche Überprüfung der Vorwürfe gegen den Sänger von Rammstein ergab, dass in keinem einzigen Fall genügend Anhaltspunkte für eine Anklage vorhanden waren.

Die Untersuchung in Deutschland in Sachen Fernandes/Ulmen wurde von der Staatsanwaltschaft vorläufig eingestellt, mangels Kooperation der Anzeigeerstatterin. Die Untersuchung in Spanien wurde sistiert, mangels Kooperation der Anzeigeerstatterin. Ihr Vorwurf, ihr Ex-Gatte habe sie in Spanien tätlich angegriffen und sei deswegen kurzzeitig festgenommen worden, scheint nicht ganz der Wahrheit zu entsprechen. Und schliesslich bleibt die Frage, wieso das angebliche Opfer erst mehr als ein Jahr später nach erfolgter Scheidung mit ihren Anschuldigungen an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Und in dieser Gemengelage meldet sich die «Blick»-Redaktorin Sara Belgeri zu Wort. Sie habe Politikwissenschaften und internationale Beziehungen studiert und die Ringier Journalistenschule absolviert. Von dieser Ausbildung scheint aber nicht viel hängen geblieben zu sein.

In einem Kommentar fragt sie doch allen Ernstes: «Wie wäre es mit der Glaubwürdigkeitsvermutung?» Man fragt sich wieder fassungslos, wieso alle Kontrollinstanzen versagt haben und zuliessen, dass ein solch hanebüchener Unsinn publiziert wird.

Kurzer Auszug aus der Absurdlogik: «Das Prinzip der Unschuldsvermutung soll nicht infrage gestellt werden, sie ist ein Grundpfeiler unseres Rechtsstaats. Dennoch ist der Reflex irritierend. Zu oft wird er als Mittel genutzt, Opfer sexualisierter Gewalt zu diskreditieren.»

Und noch mehr Stuss: «Natürlich gilt: Vor Gericht entscheidet das Recht. Aber wer Anschuldigungen vorschnell mit der Unschuldsvermutung zurückweist, trägt dazu bei, dass Opfern weniger Vertrauen entgegengebracht wird als Beschuldigten.»

Himmels willen. Wo soll man in diesem gedanklichen Totalschaden anfangen? Zuerst behauptet sie, die Unschuldsvermutung solle nicht infrage gestellt werden. Dann tut sie genau das. Sie soll in Wirklichkeit keineswegs dazu dienen, Opfer zu «diskreditieren». Sie trägt auch in keiner Art und Weise dazu bei, dem Opfer weniger Vertrauen entgegenzubringen als dem Beschuldigten.

Sondern die Unschuldsvermutung, arg strapaziert und missbraucht, soll verhindern, dass der Mob, dass haltlose Journalisten um der Sensation willen die soziale Existenz eines Menschen vernichten. Verantwortungslos und haftungsfrei.

Das gilt auch bei anderen Fällen. Wer weiss denn noch, dass der gefallene Starbanker Pierin Vincenz bis heute so unschuldig ist wie jeder Leser dieses Artikels?

Das dümmliche «da wird schon was dran sein» verurteilt vorschnell und gnadenlos. Insbesondere beim Vorwurf von sogenannter «sexualisierter Gewalt» gilt fast automatisch nicht die Unschuldsvermutung, sondern die Schuldgewissheit. Der Mann, das Schwein, da muss ja was dran sein.

Wer das auch nur zu hinterfragen wagt, wer nicht lauthals in den Chor der Angewiderten einfällt, ist ein (natürlich männlicher) Komplize, typisch, will das weibliche Opfer nochmal zum Opfer machen, den männlichen Täter salvieren, seine schweinischen Taten relativieren.

Aber zu fordern, dass hier eine «Glaubwürdigkeitsvermutung» gelten solle, setzt dem Ganzen wirklich die Krone auf. Die gelte dann natürlich nur für das vermeintliche Opfer, für die Anklägerin. Die Glaubwürdigkeit des Beschuldigten? Ach was, Schwein ist Schwein, der missbraucht doch nur die Unschuldsvermutung.

Deren «Prinzip» solle zwar nicht infrage gestellt werden, sie gleichzeitig aber prinzipiell ausgehebelt werden.

Auch auf die Gefahr hin, dass das als sexistisch denunziert wird: wieso lässt man eine Frau einen solchen Stuss, so etwas aberwitzig Unlogisches und zudem Brandgefährliches publizieren? Haben da alle beim «Blick» gepennt oder Beisshemmung gehabt – aus Furcht, dass sonst die Unschuldsvermutung auch für sie nicht mal mehr im Prinzip gälte?