Noch ein Ausrutscher bei der NZZ
Andreas Rüesch dreht plötzlich im roten Bereich.
Der stellvertretende Leiter Ausland der NZZ fällt ruppig über den zurückgetretenen Leiter der US-Terrorabwehr her. Schon im Titel seiner Tirade stapelt er grobe Anwürfe aufeinander. Joe Kent sei ein Wirrkopf, antisemitisch dazu.
Deshalb sei er «ein höchst unglaubwürdiger Zeuge. Er ist ein notorischer Anhänger von Verschwörungstheorien und ein antijüdischer Agitator, zu dessen Abgang sich Amerika nur beglückwünschen kann.»
Wer, noch dazu in der NZZ, dermassen austeilt, sollte vielleicht ein paar Argumente für diese Hassrede haben. Da wird es dann aber ganz, ganz dünn:
«Der vermeintliche sicherheitspolitische Experte behauptet allen Ernstes, dass bereits bei der Entscheidung zur Irak-Invasion von 2003 die Israeli die Fäden gezogen hätten. Es ist eine bösartige Verdrehung der Tatsachen, da Israel damals in Wirklichkeit keineswegs begeistert über den von der Regierung Bush beschlossenen Krieg gewesen war.»
Der vermeintliche Kenner der Sachlage Rüesch behauptet allen Ernstes, dass Israel damit nichts zu tun gehabt habe. Und vergisst (oder verdrängt), dass Israel die USA mit Geheimdienstinformationen über Saddam Hussein fütterte, darunter die blanke Lüge, dass der Diktator über Massenvernichtungswaffen verfüge. Der ehemalige israelische Botschafter in den USA und damalige Regierungsberater Salman Shoval sagte in einem Interview 2003 in aller Offenheit: «Saddam Hussein ist für Israel eine direkte Gefahr». Denn «so eine Gefahr wie Hussein darf nicht einfach weiter bestehen, … daher unterstützen wir die amerikanische Position».
Kent betrauert in seinem Rücktrittsschreiben den Tod seiner Frau, die einem Anschlag in Nordsyrien im Jahr 2019 zum Opfer fiel. Das sei in einem «von Israel fabrizierten Krieg» geschehen. Man kann über diese Analyse geteilter Meinung sein, aber: «Dass Kent sogar den Tod seiner Frau für abstruse Theorien instrumentalisiert, wirkt infam.»
Selten etwas Hämisch-Infameres gelesen.
Dann galoppiert Rüesch in die Schlusspointe seines miesen Machwerks: «Kent ist offensichtlich ein Extremist, der überall die bösen Israeli am Werk sieht. Warum sollte man ihm da abnehmen, dass Trump Iran auf israelisches Geheiss angegriffen habe?»
Vielleicht könnte man Kent abnehmen, dass er Kraft seines Amtes etwas mehr Innensicht hat als der ausser sich geratene Rüesch. Damit das seine Hinrichtung von Kent nicht stört, verzichtet Rüesch vollständig darauf, den Kernpunkt des Rücktrittsschreibens zu erwähnen.
Der besteht darin, dass Kent keinerlei unmittelbare Gefahr erkennen konnte, die vom Iran gegen die Sicherheit der USA ausginge – was der einzig erlaubte Grund für Präsident Trump wäre, diesen Angriffskrieg ohne Vorwarnung und ohne Erlaubnis des Parlaments loszutreten.
Und wenn es diese Gefahr nicht gibt, dann handelt Trump einmal mehr illegal. Genau wie im Fall Kubas. Die völlig abgewirtschaftete Insel stellt weder eine Bedrohung der Sicherheit der USA dar, noch unterstützt sie den internationalen Terrorismus. Das gibt Trump aber als Grund für sein völkerrechtswidriges Ölembargo an.
Stattdessen will Rüesch am Schluss Kent den Todesstoss versetzen: «Aber wer Trumps Iran-Kurs hinterfragt, sollte mit Argumenten operieren, nicht dubiose Zeugen vorführen. Joe Kent ist kein Held, sondern ein antisemitischer Wirrkopf.»
Da gehört auf einen groben Klotz ein grober Keil: wer einen hochdekorierten Mann in leitender Funktion, der aus Protest zurücktrat, dermassen niedermacht und dabei nicht den Schatten einer nachvollziehbaren Begründung dafür liefert, dass Kent ein «antisemitischer Wirrkopf» sei, der ist sicherlich fehl am Platz als stellvertretender Auslandchef einer Qualitätszeitung, die normalerweise Wert auf gesittete Auseinandersetzung mit fundierten Argumenten legt.
Da passt dieses Geschwätz und Gepolter wie die Faust aufs Auge. Offenbar hat auch God Almighty Eric Gujer ein Qualitätsproblem. Zum möglichen Abgang Rüeschs könnte man den NZZ-Leser nur beglückwünschen. Vielleicht könnte er dann zusammen mit Urs Gehriger von der «Weltwoche» ein Pressebüro für absonderliche Wahrnehmungen der Wirklichkeit aufmachen.










