Spieglein an der Wand

Hat das Nachrichtenmagazin immer noch ein Kontrollproblem?

Man greift sich an den Kopf. Im August hatte der «Spiegel» seinen Lesern die erschütternde Geschichte erzählt, dass auf einer Insel im Grenzfluss zwischen Griechenland und der Türkei ein 5-jähriges syrisches Flüchtlingsmädchen an einem Skorpionstich gestorben sei. Hätten die griechischen Behörden nicht jede Hilfe verweigert, hätte es gerettet werden können.

«Todesfalle EU-Grenze», so lautet der anklagende Titel. Nur: Wie die NZZ wiederholt berichtet, gibt es erhebliche Zweifel an dem Wahrheitsgehalt. Und diverse Indizien dafür. Also hat das Magazin diese und drei weitere Storys des Autors vom Netz genommen und will sie eingehend überprüfen.

Das bedeutet nicht, dass das Hamburger Magazin schon wieder mit einem Fall Relotius konfrontiert ist. Es bedeutet aber, dass der berühmte Faktencheck immer noch nicht wirklich und überall funktioniert. Sonst wären schnell Belege zur Hand gewesen, mit denen das Nachrichtenmagazin jegliche Zweifel an der Story hätte ausräumen können. Was es aber nicht kann.

So resümiert die NZZ die Folgen des Relotius-Skandals: «Nach der Enttarnung bemühte man sich bei «Spiegel» zwar, Strukturen zu schaffen, die einen notorischen Lügner wie Relotius künftig unmöglich machen sollten. Das weltanschauliche Umfeld, das ihn erst ermöglichte, blieb so aber unausgeleuchtet. Das könnte sich jetzt rächen.»

Wumms: Gieri Cavelty

Vorsicht, im roten Bereich drehender Chefredaktor.

Eigentlich ist Gieri Cavelty ein Häuptling ohne Indianer. Deshalb muss der SoBli-Chef umso kräftiger seine Federn schütteln und sich aufplustern bis zum Gehtnichtmehr.

Brille ohne Durchblick: Gieri Cavelty.

Mit seinem letzten Editorial, seiner Spielecke für Frustrierte, hat er einen neuen Rekord aufgestellt. Bereits die Überschrift setzt das Niveau: «Die Schweiz muss Putin zum Terroristen erklären.» Nun aber mal im Ernst, lieber Herr Cavelty: muss sie das? Weil Sie es sagen? Geht’s auch ein Nümmerchen bescheidener?

«Mit der Mobilisierung hat Putin den Krieg endgültig nach Russland geholt, jetzt muss er seine Untertanen bei Laune halten. Zum Beispiel mit Drohnenterror gegen die Zivilbevölkerung in der Ukraine.»

«Diktator Putin» halte seine Untertanen mit Drohnenterror bei Laune? Weiss der Mann eigentlich, was er da schreibt? Aber Russland ist fern, und dort halten Caveltys verbale Blutgrätschen niemanden bei Laune, weil man ihn schlichtweg nicht zur Kenntnis nimmt.

Aber er wendet sich nun näheren Gefilden zu: «Die Schweiz nimmt im Ukraine-Krieg eine zwielichtige Haltung ein. Im Grunde tut sie so, als ob es diesen Krieg nicht gäbe.»

Eine zwielichtige Rolle, DIE Schweiz tue so, als ob es keinen Ukrainekrieg gäbe? Und nimmt keine Ukraine-Flüchtlinge auf? In welchem Paralleluniversum lebt der Mann, welche Substanzen nimmt er zu sich? Denn auch unser Aussenminister kann es ihm nicht recht machen. Der sei zwar nach Kiew gereist, muss Cavelty einräumen.

Und dann habe er doch tatsächlich auf Twitter geschrieben, «er sei «entsetzt über den Angriffskrieg gegen die zivile Infrastruktur»». Ist doch ein starkes Wort, und zunächst gibt es sogar ein Lob: «Cassis’ Reise nach Kiew war mutig und wichtig.» Aber damit kann es der Wüterich von den Dufourstrasse nicht bewenden lassen. Die Schweiz solle zu noch stärkeren Drohungen greifen: «Beispielsweise, indem sie Putin zum Terroristen und seine Regierung zur illegalen Terrororganisation erklärt

Kleiner Tipp an Cavelty: wenn die Schweiz schon dabei wäre, solche Dummheiten zu machen: wie wäre es mit Saudi-Arabien? Da werden Oppositionelle in der eigene Botschaft geschlachtet, und der Krieg im Jemen ist nicht minder schmutzig. Oder die Türkei, da werden Oppositionelle gefoltert, und der Krieg gegen die Kurden in Syrien ist nicht minder schmutzig. Oder die USA, die setzen auch Drohnen ein, um überall auf der Welt Terroristen zu töten, auch wenn dem schon mal eine Hochzeitsgesellschaft zum Opfer fällt.

Oder, ganz einfach, DIE Schweiz erklärt Cavelty zur persona non grata oder erteilt ihm Schreibverbot. Das wäre endlich einmal ein sinnvoller Beitrag für mehr Frieden auf der Welt.

Lest Enzensberger!

Diese Lücke ist nicht zu schliessen.

Es war verdächtig ruhig um ihn geworden, das liess schon Ungutes ahnen. Denn einen wacheren Geist hat Deutschland in den letzten Jahrzehnten nicht besessen.

Ein Sprachgenie, vielsprachig, ein Dichter und Denker, ein Essayist, ein Impulsgeber, ein eleganter Schreiber, Inspiration, unerreicht in seiner Vielfältigkeit.

Jetzt ist Hans Magnus Enzensberger mit 93 Jahren gestorben. Wie soll man diesen Literaturkontinent vermessen? Das von ihm gegründete «Kursbuch» war Orientierungshilfe über Jahrzehnte hinweg. Die «Andere Bibliothek» eine Sammlung von inspirierenden und schlichtweg gut und geschmackvoll gestalteten Büchern.

Seine eigenen Werke sind in ihrer Vielfalt unerreicht. Das Museum der modernen Poesie, der Landsberger Poesieautomat, Der Untergang der Titanic, Ach, Europa!, Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums, Schreckens Männer – Versuch über die radikalen Verlierer, Sanftes Monster Brüssel, Hammerstein oder der Eigensinn, seine Übersetzungen, Das Verhör von Habana. Und für Enzensberger-Anfänger: Das Wasserzeichen der Poesie oder Die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen.

Geniestreiche eines Genies, alles zusammen. Welch einen Humor hatte der Mann, sein belustigtes Kichern bleibt einem im Ohr, die wachen Augen, der messerscharfe Verstand.

Was man auch immer von ihm liest, man ist intelligent unterhalten, badet in herausragender Beherrschung der Sprache, der Sprachen, wird immer auf geraden oder verschlungenen Wegen zu Einsichten und Erkenntnissen geführt. Wenn es jemanden gibt, der den Zeitgeist immer schneller als andere aufnahm, wiedergab, verarbeitete, nie stehenblieb, dann war er das.

Öffentliche Auftritte, gar Talkshows oder prätentiöses Gehabe als Dichter waren ihm völlig fremd. Alleine die Beschreibung, wie er in seiner Münchner Wohnung einen Tisch voller Inspirationsquellen in Form von Zeitschriften hielt, denen er sich schnuppernd und geschmäcklerisch näherte, der Mann hatte ein Niveau, einen Kenntnisstand und eine Fähigkeit, mit wenigen sprachlichen Handgriffen ein Thema zu durchdringen, unglaublich.

Er gehört zu den wenigen Schriftstellern, die einen ernsthaft daran zweifeln lassen, ob man selbst etwas einigermassen Brauchbares zuwege bringt. Welch ein wacher Geist. Ganz am Anfang meines Schreibens wurde ich nach München eingeladen; Enzensberger hatte gerade «Transatlantik» gegründet, der Versuch, einen deutschen «New Yorker» zu etablieren. Mein Stück war angenommen worden, welche Ehre, ich durfte tatsächlich den von mir schon damals bewunderten HME kennenlernen, er hatte sich extra das Frühstück freigehalten.

Man sprach über dies und das, gerade war die «Ästhetik des Widerstands» von Peter Weiss erschienen, eine dreibändige Bibel für alle intellektuellen Linken. Enzensberger hielt nicht sonderlich viel davon, es knacke etwas in den Gelenken, das sei zu fäustelnd, zu sehr Gesinnung.

Eines meiner Idole kritisiert das andere, es wurde schnell schwierig, man verhakte sich etwas. Schliesslich meinte Enzensberger, dass leider der gute erste Eindruck durch mein Stück getäuscht habe, mit einer weiteren Zusammenarbeit werde das wohl nichts.

Die Begründung: «Sie haben viel zu viele Antworten und viel zu wenig Fragen.» Ich war so was von sauer und enttäuscht, wie konnte mir mein Idol nur so etwas vorwerfen, wo ich doch sicher war, die meisten Antworten für so ziemlich alle Probleme der Welt zu haben.

Dieser Satz hat mich ein Leben lang begleitet, er wurde immer wahrer, er wirkte segensreich, er half, ideologische Verhärtungen zu lösen, den Zusammenbruch des kommunistischen Lagers zu verarbeiten. Dabei war es nur ein einziger, schnell dahingeworfener Satz von jemandem, der genügend Sätze niedergeschrieben hat, von denen jeder einzelne es wert ist, nochmals gelesen und genossen zu werden.

In seinen Essays kann man erleben, wie sich jemand tänzelnd, vermeintlich federleicht auch den schwersten Themen nähert, vielleicht unerreicht in den «Aussichten auf den Bürgerkrieg», aber es gäbe so viele Beispiele. Dann der Dichter, der Nachdichter, der Übersetzer Enzensberger, welches Monument, das Museum der modernen Poesie; das gehört in jeden Haushalt, der nicht als völlig literaturfern gelten möchte.

Was bleibt, ist wieder einmal die bittere Feststellung, dass die Zahl der Zwerge durchaus zunimmt. Die Zahl der Riesen aber schmerzlich ab. Ein herausragender Denker und Dichter und Essayist deutscher Zunge; da wird das Aufzählen schwer und schwerer, will man Lebende erwähnen. Wer oder was heutzutage Literaturpreise gewinnt oder sich als Essayist lächerlich machen darf, das ist wirklich bedrückend, wenn man sich von einem ganz, ganz Grossen verabschieden muss.

Immerhin, seine Spuren hat er hinterlassen, seine Bücher sind alle noch da. Was den Überlebenden bleibt: lest Enzensbeger. Seine Werke spenden etwas, was so selten geworden ist: intellektuelle Unterhaltung, intelligenten Spass. Sie nötigen Bewunderung ab, ohne goetheanisch abgehoben daherzukommen. HME hat sich immer erfolgreich bemüht, so verständlich wie möglich zu schreiben. Alles als kinderleicht erscheinen zu lassen, was so verdammt schwer zu machen ist.

Ausser man ist ein Genie wie er. Hoffentlich sitzt er nun mit Diderot, Molière, Neruda, Durutti, Büchner, Lichtenberg und vielen anderen angenehmen Zeitgenossen am Teetisch. Man kennt sich, man versteht sich, man unterhält sich, immer wieder brandet Lachen auf.

Das wünscht man ihm von Herzen.

Gähn

Vorhersehbarkeit ist nicht gut, sondern langweilig.

Wie die Mainstream-Medien über Corona, die Ukraine oder Donald Trump berichten, ist so vorhersehbar wie der Wetterbericht von gestern.

Das gibt dem Konsumenten einerseits das kuschelige Gefühl, dass er genau weiss, was er an Welterklärung zu erwarten hat. Zudem bestätigt es ihn in seiner Weltsicht, weshalb er ja im Wesentlichen die immer dünneren Tageszeitungen liest.

Diese wiederum gehören nur noch drei Konzernen in der Schweiz, plus dem Blatt für die gehobenen Stände. Also ergiesst sich von Basel bis Bern, von Zug bis St. Gallen, von Aarau bis Appenzell die gleiche Einheitssauce über den Leser.

Der einzige bunte Fleck mit einigermassen Wirkung darin ist die «Weltwoche». Umso bedauerlicher, wenn es immer wieder Ausgaben gibt, die an Vorhersehbarkeit nicht zu überbieten sind. Zum Beispiel die aktuelle:

Alle finden Katar echt kacke? Da muss Köppel dagegenhalten. Und wenn er dagegenhält, muss die «Weltwoche» dagegen halten. Differenzierungen sind etwas für Weicheier. Es muss gleich «Katars Sportfest der Lebensfreude» sein. Es muss ein «Hoch auf die zivilisatorische Kraft des Fussballs» sein.

Eine Nummer kleiner geht nicht. Die übrigen Medien bezeichnen die spontane Rede von Gianni Infantino, dem herumeiernden Chef einer zutiefst korrupten und lachhaften Organisation, als leicht schräg bis merkwürdig oder abartig? Da muss Roger Köppel höchstpersönlich gratulieren, zu einem «grossartigen Plädoyer für den Fussball und die völkerverbindende Kraft des Sports».

War da sonst noch was? Ach, andere Länder, andere Sitten, wir wollen doch nicht die Gleichberechtigung der Frau überall auf der Welt einfordern, ein wenig Verständnis für mittelalterliche männliche Herrschaftsausübung, bitte. War noch was? Ach ja, «auch die Gräuelgeschichten über Ausbeutung und Massensterben auf katarischen Baustellen sind an den Haaren herbeigezogen».

Mass und Mitte, die Welt nicht nur gut gelaunt, sondern auch gut und widersprüchlich wie sie ist beschreiben, das ist des Holzhackers Anliegen nicht. Wie der Herr, so das Gescherr: «Politik und Medien putzen sich am Gastgeber der Fussball-WM die Schuhe ab. Zu Unrecht. Das Emirat hat sich in ein neues Zeitalter katapultiert

War da sonst noch was? Die Arbeits- und Lebensbedingungen von Fremdarbeitern, vor allem aus Bangladesch, Nepal oder Philippinen? Nun, die sind Devisenbringer für ihre Länder und deren Regierungen, daher: «Lieber nehmen sie es hin, dass sie unter schlechten, manche sagen, unter menschenverachtenden Bedingungen leben und arbeiten, weil sie sonst ihre «Einkommensquellen» verlieren könnten.»

Manche sagen das, manche sagen dies, wer weiss es schon, will Pierre Heumann damit sagen. Es werde ja Gewaltiges getan, sogar Amnesty International säusle von Verbesserungen, «wie etwa ein Gesetz zur Regulierung der Arbeitsbedingungen von Hausangestellten, einen Fonds zur Entschädigung bei Lohndiebstahl sowie die Einführung eines Mindestlohns».  Allerdings, leider: «Dass Arbeitgeber den Pass oder die Löhne ihrer Angestellten zurückhalten, kommt zwar vor. Aber es drohen harte Strafen, um Betrügereien zu verhindern

Niemand bei der WeWo hat offenbar gemerkt, wie lachhaft die Aufzählung solcher Verbesserungen ist, weil sie erahnen lassen, wie tief im Mittelalter der Wüstenstaat noch steckt.

Und überhaupt, in anderen arabischen Ländern ist es dann noch viel schlimmer, im Fall, da ist Katar dann ganz vorne dabei. Wo vorne? «So sind zum Beispiel Gewerkschaften, unter bestimmten Bedingungen zumindest, zugelassen – in der Nachbarschaft sitzen deren Aktivisten oft hinter Gitter.» Wahnsinn, Gewerkschaften sind zugelassen, so ein bisschen halt. Demokratie ist weniger zugelassen, aber man kann nun wirklich nicht alles auf einmal verlangen, auch nicht das mit den Schwulen, das nervt halt den korangläubigen Menschen, muss man verstehen.

So ziemlich alle Aspekte, immer schön rund um den Fussball, werden abgehandelt, nicht zuletzt auch kühne Bauwerke und andere Highlights.

Bedauerlich, dass die gesamte Schreibkraft der «Weltwoche» kein Wort über die «Al Udeid Air Base» verliert. Das ist auch bloss eine der grössten US-Miltärbasen in der Region; von hier aus werden alle Militäreinsätze in Afghanistan oder Irak koordiniert. Kein Wort auch zu den dramatischen Spannungen zwischen Katar und Saudi-Arabien. Inzwischen halbwegs beigelegt, entzündete sich der Konflikt an der fatalen Nähe von Katar zum Gottesstaat Iran. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten hatten Katar Terrorunterstützung vorgeworfen, die diplomatischen Beziehungen abgebrochen und sogar eine Blockade verhängt.

Nach verlässlichen Quellen finanziert Katar die Muslimbrüderschaft, Al-Kaida, die Al-Nusra-Front oder den Islamischen Staat. Alles wenig lebensfreudige Haufen.

Aber das alles passt natürlich nicht in «Katars Sportfest der Lebensfreude», da würden solche Flecken auf den weissen Kaftanen doch nur stören.

Aber einfach weiss sagen, wenn die anderen schwarz krähen, das macht das Gegenteil vom Mainstream nicht per Definition richtig. Die VAE, Bahrein oder Katar sind sicherlich nicht nur im Mittelalter steckengeblieben. Sie bewegen sich aber keineswegs zivilisatorisch mit raschen Schritten ins 21. Jahrhundert.

Also wäre eine der Komplexität Katars angemessene Berichterstattung grossartig gewesen, ein echtes Alleinstellungsmerkmal des Wochenmagazins. So aber ist’s ein gähnlangweiliges Trotzheft geworden.

Wieder einmal ein Beleg für das grundlegende Problem: wenn der Besitzer nicht dem Verleger sagen kann, der solle dem Herausgeber ausrichten, dass der mal den Chefredaktor einfangen müsse, dann wird’s halt immer wieder aschgrau. Neben allen Leuchtkörpern wie zum Beispiel dem Feuilleton.

«bajour» hilft sich selbst

Neues von der Geldverrösterei.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Früher, ja früher wies «bajour» noch gelegentlich Zahlen über «Member», Leser und Einnahmen aus. Was Ausgaben betrifft, war man schon immer etwas zurückhaltender.

Ganz zurückhaltend wird es, wenn es um die Frage geht, wie lange wie viel Geld eine reiche Pharma-Erbin noch über die «Stiftung Medienvielfalt» hier verrösten will.

Ursprünglich war einmal die Rede davon, dass man dann mal auf eigenen Füssen stehen wolle. Bzw., dass man nur noch so viel Gratiskohle abgreife, wie man auch selbst erwirtschaften könne.

Aber solche Transparenz ist inzwischen verschwunden. Dafür jubiliert «bajour» mit einer vermeintlich guten Nachricht: nach drei Jahren «Anschubfinanzierung» gibt es drei weitere Jahre «Anschubfinanzierung». Mit dieser Schubkraft sollte «bajour» eigentlich in eine Umlaufbahn um den Mond einbiegen können.

Zumindest könnte man ein wenig Gegenwert erwarten. Zum Beispiel in Form einer einigermassen gepflegten Webseite:

Schon vor geraumer Zeit machte ZACKBUM darauf aufmerksam, dass man diese Fehlermeldung zu sehen bekommt, wenn man sich für die «bajour Kollektion» interessiert.

Na und, sagt sich das Organ ohne Publikum, wir haben keine Kollektion, also gibt’s auch keine Page dafür.

Aber vielleicht könnte «bajour» ein wenig Inhalt für viele Millionen Gratisgeld liefern. Nun ja:

Immerhin ist das die x-te Umgestaltung der Homepage. Darunter kommen dann aber sicher brandaktuelle Basler Storys. Nun ja:

Viel Meinung, wenig Inhalt. Scrollt man nur ein wenig hinunter, ist man bereits in der Abteilung eingeschlafene Füsse und Uralt-Storys:

Jetzt mal wieder im Ernst: das ist alles, was vier Vorstandsmitglieder des «Vereins Bajour», drei «Geschäftsleiter», einmal «Backoffice», neun Mitglieder der «Redaktion», acht «freie Mitarbeiter», drei «Fotografen», drei Mitarbeiter bei «Gern geschee» und ein «Redaktionshund» als Ausstoss hinkriegen? Also insgesamt 31 Nasen, ohne Redaktionsköter.

Dagegen sind ja selbst die Lohnabhängigen bei der «Republik» noch munter unterwegs, und das will etwas heissen.

Es ist immer das gleiche Lied, nicht nur in Basel. «TagesWoche», «bajour», «Republik», «nebelspalter.ch». Aber auch «Kultureinrichtungen» wie das «Kosmos» in Zürich. Früher sagte mal ein intelligenter Banker, das Bankgeheimnis mache «fett, aber impotent». Auf den Medienzirkus übertragen, kann man sagen, dass Millionen von spendablen Mäzenen fett und faul machen. Denn wozu soll man sich um das Publikum kümmern, darum, eine Leistung anzubieten, die genügend Nachfrage hat. Viel besser ist es doch, finanziert von Spendern den eigenen Bauchnabel zu betrachten und die Welt mit völlig überflüssigen Mitteilungen zuzumüllen.

Die Woke-Internationale der Heuchelei

Sie will uns den Fussball vermiesen.

Von Felix Abt

Die schreckliche Kopftuchpflicht, die Diskriminierung von Homosexuellen und die Unfälle von Bauarbeitern in Katar überschatten die wahnsinnige Lüge, die den Weltkrieg zum Ziel hat.

Wer geglaubt hat, die Medien würden sich mit der aktuellen und gefährlichsten Lüge seit langem befassen, hat sich schwer getäuscht. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie mit Katar und Fussball-Bashing beschäftigt waren und immer noch sind.

Obwohl sogar U.S.-Präsident Biden, die NATO, Polen und ukrainische Generäle bestätigten, dass eine Rakete, die in Polen einschlug und dort den Tod von Zivilisten verursachte, nicht von den Russen, sondern von den Ukrainern abgefeuert wurde, beharrt Präsident Selensky weiterhin auf seiner Lüge, dass sie von den Russen abgeschossen wurde. Selensky forderte eine harte Reaktion der NATO gegen Russland wegen des angeblichen Angriffs auf das NATO-Land Polen. Eine militärische Antwort der NATO gegen Russland wäre das Tor zur Hölle und zu einem vernichtenden Weltkrieg.

«No doubt»: Selensky tut wieder so, als wüsste er es besser. Aber dieses Mal
lassen sich nicht mehr alle seiner Fans in die Irre führen.

Ob es sich bei dem Raketenangriff um einen Unfall oder gar um eine vorsätzliche Handlung der Ukraine (im Interesse von Selensky und anderen Weltkriegshetzern) handelt, lässt sich ohne unabhängige Untersuchungen nicht abschließend sagen. Man kann aber mit grosser Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die Ermittlungen ins Leere laufen werden, genau wie im Fall des staatsterroristischen Sabotageakts gegen die Nordstream-Pipeline. Hätte das verrückte, masochistische Russland sein eigenes milliardenschweres Gasgeschäft in die Luft gesprengt, wären die Ergebnisse natürlich längst bekannt gewesen, die Medien hätten ausführlich darüber berichtet, und Russland wäre einhellig verdammt worden.

In einem Fall darf der Täter sein eigener Ermittler sein, im anderen Fall
ist das Opfer der Verdächtige, der vom Tatort ferngehalten wird.

Da die Bestrebungen (oder die «Grosse Lüge») des Brandstifters Selensky, der die Erde in ein Inferno stürzen will und an dessen Rockzipfel westliche Medien und Politiker hängen, kein Thema sind, wenden wir uns dem zu, was europäische Politiker, Medien und der Rest der Woke-Community im Moment so beschäftigt: Katar, die Fußballweltmeisterschaft und die dortigen Menschenrechtsverletzungen.

Die Unterdrückung der LGBTQ-Gemeinschaft und die Kopftuchpflicht für Frauen im islamischen Katar werden zu Recht gegeisselt, zumindest aus der Perspektive des aufgeklärten Westens. Bei Bauarbeitern ist die Sache etwas komplizierter: Auf Riesenbaustellen passieren Unfälle, auch tödliche. Um dies zu vermeiden, sollte die Woke-Community ein weltweites Verbot von Grossbaustellen fordern, vielleicht zuerst in Deutschland, gefolgt vom Rest der Europäischen Union, wo bekanntlich missbräuchlich Schwarzarbeiter auf Baustellen arbeiten.

Hier in Asien wäre so etwas jedoch nicht durchsetzbar, denn Asiaten sind in der Regel Pragmatiker und als solche in der Realität verankert und werden nicht von abgehobenen westlichen Woke-Ideologien getrieben (was allerdings nicht heisst, dass sich die Rechte der Bauarbeiter nicht auch hier langsam aber sicher verbessern, und zwar ohne moralische Belehrungen durch westliche Besserwisser).

Aber um sicherzustellen, dass auf Baustellen keine Menschenrechtsverletzungen mehr begangen werden, könnte die Woke-Community alle Bautätigkeiten verbieten lassen. Das könnte sogar ganz gut in das ökologische Konzept der Grünen passen.

Von grünen Politikern über Mainstream-Medien bis hin zu so genannten alternativen Medien, die vorgeben, nicht belehren zu wollen: Die Mitglieder der Woke-Internationale
übertreffen sich gegenseitig mit ihrem Katar-Bashing. 

Ein absichtlich einseitig beleuchtetes Problem des gesamten Nahen Ostens?

Bleiben wir noch einen Moment in der Nachbarschaft von Katar: Für die Eheschliessung in Israel sind die religiösen Gerichte zuständig, die die Homo-Ehe ebenso wie die interreligiöse Ehe für illegal halten. Selbst säkulare israelische Juden lehnen interreligiöse Ehen mit grosser Mehrheit ab. Katarische Frauen dürfen Ausländer heiraten, verlieren aber ihre katarische Staatsbürgerschaft. Katarische Männer hingegen können jetzt schon nicht-muslimische ausländische Frauen heiraten.

Da die Geburtenrate der Ultra-Orthodoxen in die Höhe schießt, werden sie in nicht allzu ferner Zukunft die grösste Bevölkerungsgruppe in Israel bilden. Das bedeutet, dass Israel dann viel mehr wie Katar heute sein wird, während Katar gute Chancen hat, weniger homophob und wesentlich toleranter gegenüber interreligiösen Ehen zu werden. Im Gegensatz zu Katar werden die Medien diese Entwicklung im Gelobten Land wohlwollend aufnehmen, denn sie wissen, dass selbst die geringste Kritik an Israel als antisemitisch gilt und deshalb gecancelt werden muss.

Ein Tweet zeigt ein schwules Paar an einem Strand in       Auszug aus einer Umfrage des Pew Research
Israel.                                                                                        Center.

Stinkende Heuchler: Der FIFA-Chef hat Recht!

Die Medien bejubeln Amerikas «unprovozierte» Kriege, rechtfertigen seine Wirtschaftskriege (einschliesslich seiner Hungerwaffen, die verharmlosend als «Sanktionen» etikettiert werden), unterstützen den Stellvertreterkrieg der Ukraine gegen Russland und die russischsprachige Minderheit seit 2014, sind nicht empört über die vom Westen unterstützten Völkermorde von Palästina bis Jemen, verunglimpfen aber mit grossem Tamtam den kleinen Aussenseiter Katar wegen seiner Menschenrechte.

Und ja, die Heuchelei hat auch rassistische Wurzeln. Ich hoffe, dass ich den Tag erlebe, an dem eine Weltmeisterschaft in Grossbritannien oder den USA eröffnet wird und der Kommentator sagt: «Nun, Sie können sich Ihre eigenen Gedanken über die Jahrhunderte der Kriege und Zerstörung, des Elends und der Sklaverei machen, die das Gastgeberland über die Welt gebracht hat …»

Nachschlag

In eigener Sache ist immer schlecht. Aber …

Man hat mich gewarnt und aufgeklärt. Weil ich mich darüber aufregte, dass eine Geschwindigkeitsübertretung eine akzeptable Busse von Fr. 410.- nach sich zog. Und eine exorbitante Gebühr von Fr. 430.- dafür eingezogen wurde.

Ich hätte mich auch schon wieder abgeregt, wenn nicht noch ein Nachschlag hereingeflattert wäre. Die Sicherheitsdirektion des Kantons Zürich, Abteilung Strassenverkehrsamt, Unterabteilung Administrativmassnahmen, hat nämlich auch noch etwas mitzuteilen.

Sie spricht «wegen einer leichten Widerhandlung gegen die Strassenverkehrsvorschriften» eine «Verwarnung» aus.

Zudem macht sie mich darauf aufmerksam, dass bei einer weiteren «leichten Widerhandlung» das Billett dann für «mindestens einen Monat» weg wäre.

So weit, so gut. Nun kostet aber auch diese Verwarnung, also das Zusammenstöpseln einiger Textbausteine, exorbitante Fr. 250.-. Allerdings nur dann, wenn diese Verfügung nicht durch die Polizei zugestellt werden müsste und auch keine «Aufenthaltsnachforschung» nötig wird. Dann kämen nochmal Fr. 230.- obendrauf. Was hier, Glück muss der Mensch haben, nicht der Fall ist.

Somit wird die Busse von lediglich Fr. 680.- «Gebühren» begleitet. Widerstand ist möglich, aber zwecklos. Die Belehrung, dass damit nicht einmal der staatliche Aufwand gedeckt sei, wurde zur Kenntnis genommen, auch der Einwand, dass die Leser doch bitte nicht mit Privatscheiss belästigt werden sollten.

ZACKBUM bittet dann halt um Nachsicht, dass dieses Stück hier zur Vermeidung von Bluthochdruck, Adrenalinschüben und Bluträuschen therapeutisch nötig ist.

 

Treffen zweier Taucher

Nora Zukker und Lukas Bärfuss. Gibt es eine Steigerung des literarischen Grauens?

Schwurbel Time. Der Literaten-Imitator Lukas Bärfuss, nur echt mit grimmigem Blick, hat ein Büchlein geschrieben. 96 Seiten für satte 27 Franken. Schon das ist eine Frechheit.

Der Inhalt dreht sich unter anderem um Müll und ist Müll. Ungeordnetes Flachdenken mit Attitüde. Aber für das Feuilleton ist der Büchner-Preisträger immer wieder neu Anlass für Wallungen. So wallt die «Süddeutsche Zeitung»:

«Über solche Widersprüche hinweg spannt Bärfuss seinen essayistischen Bogen von der Genesis bis zur Gegenwart, um dann aus seinen Befunden konkrete Handlungsvorschläge abzuleiten, die der Verantwortung für das Erbe künftiger Generationen Rechnung tragen.»

Nix verstanden? Macht nix, das ist ein gutes Zeichen geistiger Gesundheit. Kann man das Geschwiemel und Geschwurbel noch steigern? Schwierig, aber nicht unmöglich. Tamedia wirft dazu seine Literaturchefin in die Schlacht. Nora Zukker gelingt es mühelos, die SZ im Tieftauchen in flachem Geplätscher zu unterbieten.

Wir betrachten nun zwei Leserverarscher beim vergeblichen Ausloten der Tiefen und Untiefen des Flachsinns.

«Wir vererben vor allem Abfall», lässt sich der literarische Zwergriese im Titel vernehmen. Eine schöne Selbsterkenntnis, aber natürlich versteht Bärfuss das als Gesellschaftskritik. Denn dafür erklärt er sich ungefragt zuständig. Er ist der Mahner und Warner mit den kritisch zusammengekniffenen Augen.

Er verkörpert das, was bei Salonlinken sonst auf dem gepützelten Glastisch vor dem Sofa liegt. Bibliophile Bände mit voluminösem Nichts drin, Gedankenabfall, Ornamente als Verbrechen, aber wer Alfred Loos war, das weiss hier keiner.

Zurück zum Interview, wo es auf dumme Fragen dümmliche Antworten setzt. Zum Beispiel:

«Ihr neues Buch heisst zwar «Vaters Kiste», er spielt aber nur am Rande eine Rolle. Warum? – Weil ich nichts über ihn weiss.»

Immerhin, man kann diese Einleitung auch so verstehen: lieber Leser, sei gewarnt. Wenn dich das nicht abschreckt und du weiterliest, dann lass jede Hoffnung fahren. Aber das wäre ja Dante, also zurück in die flachen Gewässer.

Wobei, Bärfuss beschäftigt sich schon mit fundamentalen Fragen, spannt eben einen Bogen, wie die SZ weiss und ihm Zukker entlockt: «Die Familie ist wahlweise eine soziale, biologische Gruppe, deren Rollen unterschiedlich definiert werden.» Der Schriftsteller ist wahlweise ein überflüssiger, durchaus biologischer Teilnehmer an einer Gruppe, dessen Rollen unterschiedlich definiert werden. Nix verstehen? Macht nix.

Aber Zukker hätte da noch eine Frage: «Ihre radikale Forderung lautet, dass wir das ererbte Privatvermögen in Gemeingut überführen. Warum? – Ist es nicht seltsam, dass wir zwar das Privateigentum kennen, aber nicht den Privatmüll

Ist es nicht seltsam, dass wir nicht nur den Privatmüll kennen, sondern ihn auch kostenpflichtig entsorgen müssen? Allerdings kann das nicht jeder in Form eines gebogenen Essays oder geschwurbelten Interviews tun.

Bärfuss ist mit dem Stochern in Müll noch nicht am Ende seiner Weisheit angelangt: «Abfall ist ein klassischer Fall von herrenlosem Gut und stellt das Gesetz immer wieder vor Schwierigkeiten

Bevor hier das Gesetz kapituliert, eilt ihm der Dichter zu Hilfe: «Die Lösung, den Müll einfach an die Strasse zu stellen oder als CO2 in der Atmosphäre zu entsorgen, müssen wir hinterfragen.»

Hinterfragen ist immer gut, wenn man nicht weiss, was vorne und hinten ist und nach unten noch etwas Luft. Aber eigentlich noch schlimmer als der Abfall ist etwas anderes: «Der sogenannte Markt ist ein Problem, ein anderes sind die Waren, die gehandelt werden

Also der Markt, der sogenannte, dient doch eigentlich dem Handeln von Waren, womit aber laut dem Flachdenker zwei Probleme aufeinanderprallen. Besonders problematisch ist für Bärfuss die Handelsware Öl, auf dem sogenannten Markt, da wagt er einen weiten Blick in die Zukunft: «Das Öl ist Segen und Fluch unserer Zeit. Wir leben in der Ölzeit. Sie wird nur kurz dauern.»

Nach diesem Ausflug in die Öl- und Essigzeit geht’s im wilden Ritt wieder zurück zur Familie, zum Erben. Auch da weiss Bärfuss mehr als andere: «Es gibt kein geistiges Erbe, das wir übernehmen müssen. Wir entscheiden selbst, in welche Tradition wir uns stellen

Sagen wir so: nur weil Bärfuss keine Ahnung von literarischem Erbe hat, nicht einmal die deutsche Sprache rumpelfrei beherrscht, muss das nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.

Nun kommt aber ein Bogen, bei dem es Ikarus nicht nur das Wachs, sondern sämtliche Federn verbrennen würde: «Befreiung ist zuerst Befreiung von der Herkunft. Befreiung bedeutet, über die eigene Zugehörigkeit zu entscheiden. Das Geburtsrecht anzunehmen oder auszuschlagen, seine Geburtspflicht zu verweigern. Nichts anderes bedeutet Mündigkeit. Ab 18 Jahren liegt es an ihnen, über ihre Herkunft zu entscheiden. Wenn Herkunft als unabänderlich gilt, wird es gefährlich.» Nichts verstehen? Macht nichts, dunkel und raunend muss das Dichterwort sein, damit das moderne Feuilleton ins Schwärmen gerät und die einzig sinnvolle Frage zu stellen vergisst: was soll dieses hohle Geschwätz?

Stattdessen fragt Zukker, wahrscheinlich, während sie die nächste Flasche Prosecco öffnet: «Inwiefern gefährlich?  – Weil es Menschen reduziert, die Möglichkeiten beschränkt, die Freiheit beschneidet und verhindert, dass Menschen für ihr Handeln Verantwortung übernehmen.» Nichts verstehen? Macht nichts, oder sagten wir das schon.

Zum Schluss muss noch Max Frisch dran glauben, der sich nicht mehr wehren kann und das wirklich nicht verdient hat: «Was ist eigentlich Ihre Mission? Sie werden gern als Nachfolger von Max Frisch verstanden. Lukas Bärfuss, der die Schweiz aufklärt.»

Da wird der grosse Mahner und Warner, der Beschimpfer der Schweiz, der Kritiker eines chemischen Industriellen, der schon während Corona die Gesellschaft aus Profitgier auseinanderfliegen sah, während sich die Toten auf den Strassen stapelten, ganz bescheiden: «Ich bin Schriftsteller, ich habe keine Mission. Frisch habe ich spät gelesen. In meiner literarischen Herkunft spielt er eine kleine Rolle

Eben, es gebe ja kein geistiges Erbe, das wir übernehmen müssten, behauptet Bärfuss. Dass dann aber Wüste im Oberstübchen staubt, das führt er zusammen mit Zukker exemplarisch beim gemeinsamen Sändele vor.

Wumms: Axel Wüstmann

Wenn Würstchen an die Macht kommen, wird der Senf rationiert.

An diese alte Lebensweisheit erinnern die Zustände im Hause CH Media. Seit 2013 ist dort Axel Wüstmann als CEO am Gerät und spielte eine wichtige Rolle beim Aufblühen und Expandieren des Konzerns. Aufkauf einiger TV- und Radiostationen, die Übernahme aller NZZ-Beibootszeitungen, das waren ziemlich clevere Husarenstücke.

Nun rückt im Wanner-Clan die nächste Generation nach. Das hätte bedeutet, dass Wüstmann im März 2023 das Zepter an an Michael Wanner übergeben sollte. Der hatte zuvor versucht, den Voigt-Flop «watson» endlich aus den roten Zahlen zu holen. Nicht wirklich mit Erfolg.

Aber es ist klar: der Sohn vom Chef macht sich immer unaufhaltsam auf den Weg nach oben, wenn nicht Fürchterliches passiert.

Aber irgend etwas muss passiert sein, denn statt die angekündigte Stabsübergabe im März durchzuziehen, überraschte das Haus Wanner am Montag mit der Mitteilung, dass man sich per sofort von Wüstmann getrennt habe. Oder wie das offiziell immer heisst: man habe sich gemeinsam darauf geeinigt.

Viel an Gemeinsamkeiten kann es allerdings nicht mehr geben, wenn ein sowieso abtretender CEO per sofort den Badge abgeben muss. Nicht mal eine Würdigung von Mann und Werk wurde rechtzeitig fertig, so schnell fiel hier das Fallbeil.

Warum, was ist passiert? Nun, was innerhalb von Clans abgeht, ist ungefähr so transparent wie das Innenleben des Kreml. Schon die blitzartige Trennung von der journalistischen Leiter Pascal Hollenstein erfolgte ohne weitere Begründung und so schnell, dass Hollenstein ein Weilchen brauchte, bis er wieder ein sanftes Ruhekissen in der Bundesverwaltung fand.

Hier kann man höchstens vermuten, dass Wüstmann vielleicht nicht wirklich von den unternehmerischen Fähigkeiten von Wanner Junior überzeugt ist und das unziemlich durchblicken liess. Zumindest er dürfte kein Problem haben, eine neue Position zu finden. Ob Wanner allerdings CEO würde, wenn er Meier hiesse, das sei dahingestellt.

Geschützte Werkstatt

Auch nebelspalter.ch unterliegt dem Fluch der Mäzene.

Wer ein Polster von ein paar Millionen Franken einsammelt, um dann loszulegen, hat eine gewisse Narrenfreiheit. Das tut meistens nicht gut.

«TagesWoche», «Republik», «bajour», ein hübsches Polster verleitet zu allerlei Narreteien. Das gilt auch für nebelspalter.ch. Wie Verleger und Chefredaktor Markus Somm und Geschäftsführer Christian Keller im ersten grossen Interview auf persoenlich.com einräumen, muss nach 20 Monaten kräftig auf- und umgeräumt werden.

Wie auch ZACKBUM mehrfach bemängelte, waren hier nicht besonders Internet affine Herren in die Fänge eines Luftikus geraten, der ihnen nicht nur eine proprietäre CMS-Lösung aufs Auge drückte, sondern auch noch als Geschäftsführer und als Inserateverantwortlicher versagte.

Wir liessen die sogar mal von zwei Cracks analysieren und wären auf eine Reaktion aus dem Hause Nebelspalter gespannt gewesen, denn die Webseite war ein Desaster. Leider war da dann nix.

Einen eigenen Maschinenraum basteln, wie das auch die «Republik» tat, das ist bei einem ausreichenden Angebot von Open-Source-Programmen arroganter und teurer Wahnsinn. Eine harte Paywall hochzuziehen und an ihr festzuhalten, auch. Beinahe werbefrei erscheinen ebenfalls. Und schliesslich nicht auf den Namen Somm setzen, sondern ausgerechnet ein traditionelles Satire-Magazin im Print weiterzuführen und im Internet neu aufzustellen, das war auch Wahnsinn.

Im Interview bestätigen die zwei die von ZACKBUM schon im Mai genannte Zahl von rund 4000 Abonnenten. Das ist ein radikales Minderheitenprogramm, das keinesfalls dem Aufwand entspricht, der dafür betrieben wurde. Schon die Werbekampagne reihte sich in die untauglichen Versuche ein, Aufklärung für Corona zu betreiben oder gute Stimmung für das Milliarden-Subventionspaket für reiche Verlegerclans zu machen. Sie war ein Totalflop.

Zudem ist der nebelspalter.ch verschlossen wie eine Auster, wenn es um die Beantwortung von Fragen geht. Nach mehreren Versuchen hatte ZACKBUM aufgegeben.

Nun aber wird das grosse Aufräumen angekündigt. Die Payroll wurde bereits dramatisch verkleinert. Nun wird die Webseite neu aufgesetzt («wir werden alles neu machen»). Das bedeutet mit anderen Worten: Die Unsummen, die ins eigene CMS gesteckt wurden, waren rausgeschmissenes Geld. Der Hersteller des alten CMS, Geschäftsführer und Inserateverantwortliche musste gehen, taugliche und untaugliche Mitarbeiter ebenfalls.

Das wurde teilweise eher ruppig inszeniert; man hatte sowieso den Eindruck, dass sich vor allem Somm eher in einer geistigen Wagenburg befand und sowohl übel- wie gutmeinende Ratschläge abtropfen liess. Es soll zu eher chaotischen Szenen innerhalb der Redaktion gekommen sein, wie die berühmten Insider berichten.

Sicherlich rudert jedes Start-up am Anfang, sicherlich macht man Fehler, sicherlich kann man daraus lernen. Aber Start und Performance des Internet-Nebi waren bislang ein gigantischer Fehler. Dabei sind genügend Medienkenner an Bord. Aber Internet ist eben nicht das Gleiche wie Print, das mussten schon manche schmerzhaft merken.

Wenn man sich dann noch einen Auftritt und eine Paywall und ein CMS und eine Werbefreiheit aufschwatzen lässt, ohne sofort den Stecker beim Verantwortlichen zu ziehen, dafür die Payroll aufbläht, dann würde man normalerweise auf dem Friedhof der doch nicht so guten Ideen landen.

Aber aktuell zeigen gleich drei Beispiele, dass man als Untoter problemlos weiterleben kann. Wenn man zwar im Koma liegt, aber künstlich beatmet wird und immer wieder eine Geldspritze verpasst bekommt.

Es ist allerdings von aussen nach wie vor schwer zu entschieden, welcher der drei Versuche – «bajour», «Republik» oder nebelspalter.ch – der überflüssigste ist. «bajour», über das wir uns wirklich auch nicht mehr äussern wollen, ist sicherlich der peinlichste, inkompetenteste und irrelevanteste. Die «Republik» wird wohl dank Mäzenen, die schliesslich immer noch die leise Hoffnung haben, ihre Darlehen vielleicht mal wieder zurückzukriegen, weiterhin als Zombie durch die linke Glaubensblase wanken.

Nachdem nebelspalter.ch nach 20 Monaten einen veritablen Neustart versucht, ist immerhin eine gewisse, wenn auch verlangsamte Lernfähigkeit zu konstatieren. Allerdings: neben allen Formalien und Internetgebräuchen ist halt schon etwas anderes das Wichtigste bei jedem Medium. Der Inhalt, oder neudeutsch der Content.

Da ist nebelspalter.ch trotz gewaltigen Schreibanstrengungen von Somm und den wenigen verbleibenden Getreuen wie Feusi eher schwach auf der Brust. Gäbe es Philipp Gut nicht, der freundlicherweise gelegentlich einen Primeur und Aufreger dort deponiert, wäre der nebelspalter.ch kein einziges Mal in den übrigen Medien erwähnt worden. Sicher, denen passt die ganze Richtung nicht. Aber wenn ein Knaller produziert wird, müssen sie wohl oder übel darauf anspringen.

Dann wünschen wir gutes Gelingen beim Neustart. Und weisen diskret darauf hin, dass das in den mehr als zwei Jahren der Existenz von ZACKBUM noch nie nötig war. Wir haben ein völlig ausreichendes CMS mehr oder minder von der Stange. Wir haben einmal ein wenig Geld für ein Erscheinungsbild samt Logo ausgegeben. Und wir sind vor allem schlank aufgestellt. Deshalb gibt es hier keinen Grund, irgend etwas zu ändern oder zu verbessern. Ausser natürlich die Tippfähler.

Aber es gibt genügend Leser, die die uns genüsslich um die Ohren schlagen. Diesen Spass wollen wir denen doch nicht verderben.