Weisswurst statt Züri Geschnetzeltes

Was bekommt man für Fr. 4.20 vom «Tages-Anzeiger» serviert?

Montag, 15. November 2021. 32 Seiten bietet der «Tages-Anzeiger» seinen Lesern, die sich am Kiosk dafür vom Gegenwert eines Café Creme trennen müssen.

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Damit folgt das Qualitätsmedium dem etwas nach Realsozialismus riechenden Prinzip: Leistung, Wert und Preis haben keinerlei Zusammenhang. Weniger Leistung, gleicher Preis: na und?

Eigenleistung im Lokalen und etwas in der Innenpolitik. Und beim Kommentieren, klar. Aber sonst? Klimagipfel in Glasgow? Das erledigt Michael Bauchmüller von der «Süddeutschen». Etwas Feuilleton über «Gute reiche, böse Reiche»? Sebastian Herrmann, SZ, ist zur Stelle und füllt die Tagi-Seite. Rehash, was Donald Trump alles am 6. Januar dieses Jahres plante, um die Macht doch nicht abgeben zu müssen? Fabian Fellmann greift zum Griffel. Immerhin, ein Tagi-Gewächs.

Allerdings: bis vor Kurzem war er noch Bundeshausredaktor zu Bern; die USA-Korrespondentenstelle hat er erst vor wenigen Monaten angetreten. Da ist alles natürlich noch ganz neu und anders für ihn, da fängt er mit einem sicheren Wert an: Trump eins in die Fresse, das liest man doch immer wieder gerne.

Viele lässliche Sünden, aber auch schwere Vergehen

Das alles sind aber noch lässlich Sünden; wir kommen zum Höhe- und Tiefpunkt. Seite 25, man hat das Dünnblatt schon fast durch, bleibt man beim Aufmacher von «Kultur & Gesellschaft» hängen. Gut, es hätte schlimmer kommen können, aber Nora Zukker hat nichts geschrieben.

Weisswurst. Bayerisch. Schmackhaft. In Bayern. In der SZ.

Stattdessen Julia Rothaas. Richtig, Autorin der Süddeutschen. Die schreibt über Stephanie Huber. Deren Porträt schmückt auch fast eine halbe Seite, um die sich dann ein Text rankt. Hubers Mann starb unerwartet an einem Herzinfarkt. Seither muss sich Witwe Huber um zwei Kinder, eine Firma und ein Eigenheim kümmern. Bedauerlich, unser Beileid.

Das Schicksal einer Frau aus Deutschland. Teil der Tagi-Kultur.

Nur: Ihr Mann starb 2013. Im Schwäbischen. Daraufhin zieht sie anderswohin in Bayern. Baute sich dort ein neues Leben auf. Etwas sprunghaft und wirr von Rothaas beschrieben, die das Klavier der erfolgreich absolvierten Trauerarbeit in D-Moll und dann in G-Dur spielt. Ein Porträt eines Menschen und wie der mit einem Schicksalsschlag umgeht.

Was hat das mit der Schweizer Lebenswelt zu tun?

Was hat das allerdings mit der Lebenswelt, mit den Erfahrungen in der Schweiz zu tun? Gibt es hier keine solchen Fälle? Wäre der Leser des «Tages-Anzeiger» (und dem angeschlossenen runden Dutzend Kopfblätter) nicht empathischer, wenn sich die Story in einer ihm bekannten und vertrauten Umgebung abspielen würde?

Sicher, das Problem bei diesem Kopfblatt-Elend mit Zentralredaktion ist: dem Berner ist der Basler nicht gerade ans Herz gewachsen, und den Zürcher mag eh keiner ausserhalb von Zürich, den Thunern gehen alle diese Städte schwer am Allerwertesten vorbei. Aber eine solche Nahaufnahme müsste eine Eigenleistung eines Kultur- und Gesellschaftsteils sein, der diesen Namen verdient.

Das müsste allerdings Bestandteil einer Tageszeitung sein, die den Namen Qualitätsmedium verdiente. Diese Tageszeitung müsste einen erkennbaren Nutzwert bieten, eine Leistung, die Fr. 4.20 wenigstens ansatzweise entspricht.

Worin besteht der Gegenwert für Fr. 4.20?

Diese Eigenleistung müsste vor allem im überall gleichen Mantelteil erfolgen, der sowieso schon die unterschiedlichsten Regionen mit der gleichen Einheitssauce beliefert. Also dann wenn schon Züri Geschnetzltes. Aber keine Weisswürste. Wobei es eigentlich noch schlimmer ist. Es gibt nicht mal bayerische Spezialitäten. Sondern McDonald’s. Fast Food. Aber was da funktioniert – immer das Gleiche, dafür schnell und billig – funktioniert bei einer Tageszeitung überhaupt nicht.

Nicht mal dafür reicht’s bei Tamedia.

Wer solche Leere bietet, dafür noch Steuersubventionen bekommt und sich eine weitere Milliarde mischeln will, ist schon nassforsch. Deutlicher gesagt: unverschämt. Auf 32 Seiten wird das Totenglöcklein des authentischen und eigenständigen Journalismus geläutet. Alle hören das, nur die Totengräber selber nicht.

Die kommentieren und fabulieren und beurteilen weiterhin, als würde das noch wirklich interessieren. Bis sie dann die nächste Sparrunde ereilt und ein neuer Kindersoldat mit grossen Augen und ernsthafter Kindlichkeit der Welt, den Menschen und seinen Mitbürgern ungefragt Ratschläge erteilt. Und schon früh verbittert und vergreist, weil sich kein Schwein dafür mehr interessiert.

6 KOMMENTARE
  1. René Küng
    René Küng says:

    Montag 3, Dienstag 3 Artikel.
    Und am Sonntag Einstieg zu Kant für Unbelesene.
    Diese Latte ist unfair hoch.
    Geniessen wir den Zespresso, Latte für alle auf den Redaktionen zur Beruhigung.

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  2. Didier Venzago
    Didier Venzago says:

    SZ-Tagi nicht mehr kaufen und Abo nicht verlängern. Der einfachste Weg viel Geld zu sparen. Immer mehr Menschen entdecken diese Sparmöglichkeit und freuen sich über einen Extrazustupf im Kässeli.

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  3. Beth Sager
    Beth Sager says:

    Selbstachtung gibt es beim Tagesanzeiger nicht mehr. Der Zerfall dieser Publikation nimmt seinen Lauf.

    Das riesige Impressum des Tagesanzeiger ist vollkommener Bluff. Der ganzseitige Text (übernommen aus der Süddeutschen) über die Witwe Stephanie Huber, zeigt diese Selbstaufgabe bestens.

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    • Rolf Karrer
      Rolf Karrer says:

      Ein Ausland-Korrespondentennetz zu teilen, mag ja sinnvoll sein. Bei dieser eingekauften Geschichte aus Deutschland über die Witwe Stephanie Huber, wurde eine klare Schwelle überschritten.

      Staune immer wieder über das ellenlange Impressum beim Tagesanzeiger. Haben hier alle bloss ein 40% Pensum – oder weniger.

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    • Sam Thaier
      Sam Thaier says:

      Erstaunlich, wieviele Tageszeitungen es noch im Vereinigten Königreich gibt. Metro, The Sun, Daily Mail, Evening Standard, Daily Mirror, The Times, The Daily Telegraph, Daily Express, Daily Star, i, Financial Times, The Guardian, Daily Record, City A.M haben die höchsten Auflagen. The Sun als auflagestärkster Leader.

      Die selbstverursachten Zerfallserscheinungen der Schweizer Medien ein Hohn. Selbst die The Yorkshire Post aus Leeds mit einer Auflage von 18000 copies jammert nicht, sondern tut. Monatskosten für diese Zeitung inklusive Digitalzugriff £9.99.

      Mit Selbstmitleid, Fantasielosigkeit und staatlicher Unterstützung kann man den Aderlass in der Schweizer Medienlandschaft nicht begegnen. Die Annabellisierung™ des Tagesanzeiger ein klassisches Eigengoal. Viele männlichen Schreiber mit Selbstachtung und Skills auf dem Absprung.

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