Ladies, Gentlemen and everyone beyond

Wir wollen gerecht bleiben: nicht nur «bajour» verwildert. Die «Republik» auch.

Es war ein Freitag. Also eigentlich ein normaler Arbeitstag. Es war auch nicht bekannt, dass sich die «Republik»-Crew schon wieder zur Retraite in die Alpen zurückgezogen hätte. Obwohl die Alpen an diesem Freitag schon eine Rolle spielten.

Eine Solorolle, sozusagen. Denn der Output von 50 Nasen, von unermüdlichen Rettern der Demokratie, von Kommentatoren, Rechthabern und unerschrockenen Rechercheuren, die leider immer nur vergessen, von ihnen Kritisierten die Möglichkeit zur Stellungnahme einzuräumen, ist bescheiden.

Man möchte an diesem Freitag sogar von einem Outpütchen sprechen. Denn zwischen 4.49 und 5.00 Uhr wurden, natürlich vorgefertigt, ganze drei Stücke ins Netz gestellt. Ein normales Tagewerk auf Augenhöhe mit ZACKBUM? Die 2000 Franken wert, die das Qualitätsprodukt jeden Tag verröstet?

Nun ja. Es handelt sich um einen Nachrichtenüberblick:

Und um einen NL, den sonst niemand auch noch ins Netz stellt:

Schliesslich noch um eine (in Zahlen 1) Reportage:

Man beachte: es war nicht einfach ein weiteres Ausflüglein in die liebliche Schweizer Bergwelt. Nein, die Mutprobe ist nur mit den Journalisten vergleichbar, die sich immer noch in Kabul rumtreiben. Denn es handelt sich um «eine Expedition in drei Schweizer Gefahrenzonen».

Das hört sich etwas nach Menschen an, die vor dem Klettern in die Badewanne ihre Tauchausrüstung überprüfen und sicherstellen, dass ein Alarmknopf in Griffweite liegt.

Mutige Reporter in Schweizer Gefahrengebieten

Todeszone eins: Wattenwil, Kanton Bern. Der unvermeidliche szenische Einstieg: ««Für Sand­säcke bitte melden.» Darunter die Telefon­nummer des Material­warts. Diese Notiz am Eingang des Feuerwehr­magazins, von Hand mit grünem Filzstift auf weisses Drucker­papier geschrieben, lässt erahnen: Die Feuerwehr Wattenwil hat reichlich Erfahrung mit Wasser.»

Die Feuerwehrhelden dort leisten Übermenschliches: «Dann heult jeweils auch schon der erste Alarm. Wasser im Keller, in der Wohnung. Die Feuer­wehr rückt aus und pumpt das Wasser aus den Häusern.»

Nehmt das, ihr Klimaleugner.

Runder szenischer Ausstieg: «Die Wand­tafel mit den Sandsack-Bestellungen ist vollgeschrieben.»

Die Reporter atmen auf, nochmal davongekommen, auf zur nächsten Todeszone: Othmarsingen, Kanton Aargau. Hier ist’s ein historischer Rückblick auf den Hitzesommer 2018, als Einstieg für die «historischen Niederschläge 2021». So ist’s, es regnet, oder die Sonne scheint.

Unglaublich, diese Natur.

Regen und Trockenheit, das wird auch in Zukunft die Schweizer Landwirtschaft bestimmen, finden die Recherchierjournalisten hier heraus, am Schluss lassen sich die offenbar städtischen Reporter vom Bauern noch die Grundlage seiner Tätigkeit erklären:

«Ohne Insekten gibt es keine Bestäubung. Und ohne Wasser wachsen die Pflanzen nicht.»

Wahnsinn, diese Natur.

Wenn der Berg nicht ruft, sondern kommt

Schliesslich, man kann sich natürlich steigern, die echte Expedition in echte Gefahren: Kandersteg, Kanton Bern. Eigentlich ist es eine Idylle, so wie am Anfang beim «Weissen Hai»: «An einem sonnigen Mittwoch im August strömen die Menschen in Scharen nach Kander­steg.»

Nichtsahnend, denn der Fachmann blickt sorgenvoll auf die Berge: «20 Millionen Kubik­meter Gestein sind dort in Bewegung.»

Denn Fachleute und Kenner wissen, «dass die Klima­erhitzung in den Alpen zu diversen Gefahren führt». Ganz zu schweigen von einer Klimaabkühlung, die es in der kurzen Geschichte der Menschheit auch schon gegeben hat.

Das Expeditionsteam in Schweizer Gefahrenzonen ist heil ins Rothaus zurückgekehrt. Es begiesst womöglich in der Bar das geschenkte, zweite Leben, aber es warnt:

«Starkniederschläge, Trockenheit und Hitze: Die Besuche in Wattenwil, Othmarsingen und Kandersteg zeigen, dass die Schweizer Klima­gefahren bereits heute aufflackern.»

Wie kann man dieses Flackern abstellen? «Eine drastische Reduktion des Ausstosses von Treibhaus­­gasen ist zwingend.» Weniger CO2, genau. Der Promilleanteil der Schweiz muss unbedingt unter die Messbarkeitsschwelle gedrückt werden. Ach, und den Amis und Chinesen sollte auch mal einer Bescheid sagen, dass es so nicht weitergeht.

«Etwas Grausames»

Autoren müssen ihre Bücher promoten.  Also geben sie Interviews. Auch an Nora Zukker. Das tut weh.

Zunächst eine gute Nachricht: «Juden canceln»-Simone Meier, die «Kulturjournalistin des Jahres» («Schweizer Journalist:In*»), hat (noch) keinen Ton zum neusten Werk von Sven Regener gesagt.

Wenn Sie nun sagen: Sven who?, dann sind Sie zwar kein Kulturbanause, aber nicht so wirklich mit der Berliner Szene vertraut. «Element of Crime» (is’ so ‘ne Band), und der Frontmann schreibt in seiner Freizeit Bücher. Als Musiker, das sei vor allem nach seinem neuen Jazz-Album gesagt, ist er klasse.

Mit «Herr Lehmann» landete er 2001 einen Beststeller. Berlin, Kneipen, Mauerfall, Jackpot. Das weidet er seither aus, und so kam es zum neuen Schriftwerk «Glitterschnitter». Bis hierhin ist es eine übliche Literatur-Story. Autor schreibt, Verlag publiziert, Autor wird zu Interviews herumgereicht.

Die «Süddeutsche», die «Schaffhauser Nachrichten», die NZZ, auch die «Nidwalder Zeitung» nimmt dieses Ereignis zum Anlass für Gespräch und Würdigung. Das ist gut so, denn es wird ja immer weniger gelesen.

Einigermassen lustig und unterhaltsam.

Nun hätte Tamedia wie gewohnt das Porträt der «Süddeutschen» übernehmen können. Ist keine Spitzenleistung, aber brauchbar. Das hätte dem Leser aller Tamedia-Kopfblätter, und deren sind viele, das Interview mit Sven Regener erspart, dass die sogenannte Literaturchefin Nora Zukker mit ihm führte.

Auch hier muss man eine gute Nachricht vorausschicken: es fand nicht auf einem Friedhof statt, und – soweit bekannt – wurde auch nicht übermässig dem Alkohol dabei zugesprochen.

Den braucht allerdings der Leser, will er tapfer bis zum Schluss durchhalten. ZACKBUM hat sich – hoch lebe die internationale Solidarität – für einen «Pampero Aniversario» aus Venezuela entschieden. Alles Geschmacksache, aber wohl der beste Rum der Welt. Wenn ein Kuba-Kenner das sagt, muss es wohl stimmen.

Es war nur eine Flasche, im Fall.

Wir kommen nicht um die Beschreibung des Elends herum

Aber es hilft nichts, wir müssen zum Interview schreiten. Der Titel ist immerhin so gewählt, dass der Leser gewarnt wird, ob er sich das wirklich antun will: «Kacki, das hat etwas Grausames». Das mag so sein, aber das ist nix gegen den Fragenkatalog der Literaturchefin ohne Bildungsrucksack.

Das ist wahr, aber es gibt Schlimmeres.

«Was trinken Sie denn hier», «wie lebt es sich denn über die Jahre mit dem ganzen Personal?»,

«Wie haben Sie zu dieser gesprochenen Sprache (!) gefunden?»,

«Dialoge können Sie!», «Im November kommen Sie nach Zürich. Haben Sie eine Beziehung zur Stadt, oder ist sie Ihnen zu klein?»

Gut, die ersten Leser winseln bereits um Gnade, ich habe ein Einsehen. Was antwortet Regener nun auf diese strenges Desinteresse auslösenden Fragen? Besonders zu der über die «gesprochene Sprache»? Nun, er ist ein Profi, der auch auf die Frage: Wie gefällt Ihnen das Wetter heute?, eine zumindest anekdotische Antwort geben könnte. Aber hier verschlägt es selbst ihm etwas die Sprache, also die gesprochene: «Ich verzichte darauf, zu beschreiben, wie die Leute aussehen, das interessiert mich nicht so sehr.»

Nun könnte es ja sein, dass ein solches Interview dem Leser dabei hülfe, sich zu entscheiden, ob er sich diese 480 Seiten antun will. Das Interview selbst ist dafür nicht zweckdienlich, schliesslich sagen höfliche und sogar witzige Antworten auf Nonsens-Fragen nichts über literarische Qualitäten aus.

ZACKBUM findet es aber eher unfair, dass Zukker mit dieser Beschreibung sicherlich unfreiwillig vor der Lektüre abschrecken will:

«Sven Regeners Stil der gesprochenen Sprache hat manchmal einen Hang zur Länge, weil er die Leute beim Reden denken lässt. Wobei dabei auch Dialoge entstehen, die toll sind: «Wie schon Toulouse-Lautrec sagte: Wir haben unser ganzes Leben gebraucht, damit wir das erst seit drei Wochen machen können.» – «Das hat er gesagt?» – «So ähnlich.»»

Nein, das haben wir nicht erfunden. Das geht gar nicht. Ausser, man heisst Zukker und ist Literaturchefin bei Tamedia.

 

Gute Nacht, «bajour»?

Wir machen uns Sorgen. Echt. Irgendwie verwildert «bajour» zunehmend.

Nein, ZACKBUM hat keine Bitte um Stellungnahme an «bajour» oder an Hansi Voigt gerichtet. Wir geben hier immer und jederzeit allen Kritisierten die Gelegenheit dazu. Ausser, wir kriegen nie eine Antwort.

Das ist dann ein blödes Spiel. Aber wenn jemand eine Replik schreiben will: gerne und jederzeit. Eine Erwiderung worauf?

Wir machen uns echt Sorgen, darauf. «Bajour» braucht rund 25’000 «Member», wenn dann mal die jährliche Million, die diese Todgeburt künstlich am Leben hält, nicht mehr sprudelt. Und das dauert gar nicht mehr so lange.

Zum Motivationsangebot gehörte lange Zeit, dass «bajour» die aktuell nachgeführte Liste der «Member» auf der Homepage veröffentlichte. Weg. Man weiss nicht mehr, wie viele Basler sich 40 Franken abknöpfen liessen.

Brandaktuell ist anders. Hintergründig auch.

Es stehen nur noch die Versprechungen auf der Webseite: «Tägliche Hintergrundinformationen». Täglich ist sehr relativ, wenn man die Homepage von «bajour» anschaut. «Exklusive Einladung zu jährlichem Spezial-Event nur für Member». Fand leider noch nie statt.

Nur noch leere Versprechungen …

Aber man kann ja auch «Gönner» werden, dann ist man 160 Franken im Jahr los. Dafür kriegt man all das (auch nicht), dazu noch die «exklusive Zustellung des jährlichen Bajour-Magazins (Printausgabe)», plus «exklusive Einladung zum jährlichen Spezial-Event nur für Gönner». Ist aber beides so exklusiv, dass es auch nicht existiert.

Oder aber, einfach mal spenden. Dafür gibt’s nix, aber das ist ja auch nicht schlimm. Scrollt man auf der Hompage etwas runter, kommt mal schnell in den Bereich gut abgehangener Nachrichten. Herausragend eine aktuelle Gastrokritik – vom 20. April. Aber immerhin 2021.

Wo gab’s im April das beste Cordon bleu?

Zum Beobachtungszeitpunkt gab es anscheinend nur ein einziges aktuelles Thema, das «Basel wirklich beschäftigt», was «bajour» ja zu liefern verspricht. «Tägliche Hintergrundinformationen», aber in Wirklichkeit weder täglich, noch Hintergrund.

Die Messung der Nutzer des Portals wurde leider in KW 17 eingestellt. Die Zahl der «Netto-Leser Basel-Briefing» dümpelt um knapp 4000 herum; jedenfalls bis KW 33. Wir hoffen, dass wir von Zahlen des Jahres 2021 sprechen. Nachprüfen kann die sowieso niemand.

Etwas kompliziert wird es bei der Herausgeberschaft. Da gibt es mal den «Verein Bajour». Fünf Vorstandsmitglieder, darunter Hansi Voigt. Darunter amtet die «Geschäftsleitung» mit vier Mitgliedern, ebenfalls undenkbar ohne Hansi Voigt. Dann hätten wir noch die achtköpfige Redaktion, sechs freie Mitarbeiter, sechs Mitarbeiter von «gärn gschee», darunter die Heimweh-Baslerin Jolanda Spiess-Hegglin. Schliesslich noch drei Fotografen und acht Kolumnisten.

Viele, viele Vorstände, Häuptlinge und Wichtigtuer

«Medienzukunft Basel» nicht zu vergessen, der «gemeinnützige Trägerverein Medienzukunft Basel», der bajour «ermöglicht». In dessen Vorstand drängeln sich nochmal sieben Nasen, aber immerhin: kein Hansi Voigt dabei. Bitter aber, dass im Impressum Bruchpilot David Sieber gar nicht auftaucht, der doch dem Organ unter die Arme greift, nach eigenen Angaben.

Aber gut, das sind alles in allem so 47 Nasen; damit spielt bajour eigentlich in der Liga von der «Republik». Die schafft aber mit ihren 50 Kostenstellenbesetzern immerhin im Schnitt zwei bis drei Artikel am Tag. Fast jeden Tag.

Damit ist geklärt, wohin die jährliche Million einer stinkreichen Pharma-Erbin gurgelt. Was dafür allerdings an Gegenwert hergestellt wird, das erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Auf den zweiten auch nicht.

Wie viele «Member» braucht das Blatt?

Bis zum Jahresende wollte «bajour» immerhin stolze 2100 «Member» haben. Jahresende 2020, wohlgemerkt. Letzte uns ersichtliche News: da fehlten dann noch 248. Wir wünschen und hoffen für «bajour», dass die noch eintrudelten. Ohne uns auf weitere Zahlen abstützen zu können, hoffen wir zudem, dass «bajour» diese Zahl bis heute verdoppeln konnte. Dann wären es also 4200, wir legen noch 800 drauf, damit es runde Zahlen gibt. 5000 Member, mal 40, das sind, Moment, den grossen Taschenrechner gezückt, das sind 200’000 Franken Einnahmen. Fehlen bloss noch 800’000, um die geschenkte jährliche Million zu ersetzen.

Kein Wunder, dass der Elan deutlich nachlässt, angesichts eines unerreichbaren Ziels. Schade nur, dass wieder mal Millionen sinnlos verröstet werden.

Journalismus. Deutsch. Gut.

Ich habe mir «Die Zeit» gekauft. Hätte ich nicht tun sollen.

Was für ein Format. 56,5 auf 39,5 cm. Aufgeklappt gar 79 cm breit. Keine Lektüre in der S-Bahn zur Stosszeit. Aber der Inhalt entspricht dem Format: übergross.

Vielleicht ist die Ausgabe vom 2. September 2021 ein absoluter Höhepunkt des Schaffens der «Zeit»-Redaktion. Auf jeden Fall sind das bestens investierte Fr. 8.50. Wenn man bedenkt, dass für nicht viel weniger Geld beispielsweise die Schweizer Samstags- und Sonntagszeitungen den Leser mit ihrem Flachsinn belästigen, wird’s einem ganz anders.

Schon die beiden Frontkommentare zu möglichen Bündnissen nach den deutschen Parlamentswahlen (was für ein schlanker Titel: «Nein», zu einer Koalition mit den Linken): reines Lesevergnügen. Der zweite ist ein Essay zum Thema «Dummes Geld». Zum Problem, dass immer mehr Firmen als Grossaktionäre Fonds haben, die keinerlei Einfluss auf die Geschäftspolitik nehmen wollen – und können.

Oder wie das der Autor auf den Punkt bringt: «70 gegen 13’000.» An so viel Unternehmen ist der weltgrösste Fondsanbieter BlackRock beteiligt; überwacht wird das von 70 Mitarbeitern.

Es gibt noch etwas zu Afghanistan zu sagen

Dann zwei Seiten zu Afghanistan; wer meinte, hier sei nun wirklich alles gesagt worden, wird eines Besseren, Intelligenteren belehrt. Die nötigen Kontakte zu den Taliban im Zusammenhang mit fundamentalistischem Terrorismus werden ausgeleuchtet. Die interessante Frage beantwortet, wieso Frankreich für ein Mal nicht am «Debakel» in Afghanistan bis zum Schluss beteiligt war. Sondern schon vor Monaten damit begann, eigene Kräfte und afghanische Helfer auszufliegen.

Wofür die Regierung dann von NGOs kritisiert wurde. Die Vorhersagen von einer nahenden Katastrophe seien «ohne Zweifel überzogen», die Gefahr «nicht akut», schimpfte noch am 17. Mai die NGO «Afrane». Der rechtzeitige Rückzug sei «das falsche Signal», die Bevölkerung könne den Eindruck gewinnen, Frankreich gebe das Land auf. So kann man sich täuschen.

Dann eine Seite intelligente Abhandlung der Frage, ob der Westen in Afghanistan wirklich «gescheitert» ist, ob der Abzug nicht auch eine Chance biete, von der «wir können militärisch überall eingreifen und die Demokratie herbeischiessen»-Haltung abzurücken. Nebenbei ist der Essay illustriert mit dem wohl bedrückendsten Foto des Abzugs. Die US-Soldatin Nicole Gee hält ein afghanisches Kind in den Armen und betrachtet es mit so freundlicher Zuneigung, im Widerspruch zu ihrer Kriegsausrüstung. Wenige Tage später stirbt sie beim Terroranschlag am Kabuler Flughafen.

Zwei mal Nicole Gee: Wenn Humanes auf Brutales trifft.

Dann folgen zwei Seiten Artikel zu den Grünen und der CDU. Basierend auf langjährigen Kenntnissen, Wahlkampfbegleitung, fundierter Beschreibung; Analyse statt Meinung. Wenn man vor allem Schweizer Gazetten liest, hält man so etwas gar nicht mehr für möglich. «Historisch wird handlich, und die Klimakrise schrumpft zum technischen Projekt.» Präziser hat kaum jemand das Problem der grünen Kanzlerkandidaten auf den Punkt gebracht.

Und unter all den Verabschiedungen von Angela Merkel ragt «Die Methode Merkel» auch wie ein intellektueller Leuchtturm heraus.

Wer die Probleme Polens mit dem Rechtsstaat und einer unabhängigen oder parteitreuen Justiz verstehen will, muss die Reportage «Nahkampf um den Rechtsstaat» lesen. Weil es noch eine Reportage von vor Ort ist, und weil Kenntnis und Wissen dahinterstecken.

Überragend dann die Aufmacherstory des «Dossier» der «Zeit»

All das verblasst aber gegen den Inhalt des «Dossier». Ein ehemaliger US-Folterknecht von Guantánamo wird mit seinem damaligen Opfer zusammengebracht. Dahinter steckt eine jahrelange Reportage. Die Initialzündung war der Wunsch des ehemaligen Gefangenen Mohamedou Slahi, seinen damaligen Peiniger kennenzulernen – um ihm zu vergeben.

«Die Zeit» spürte diesen Mr. X auf – bis heute ein gebrochener Mann, der nicht verwinden kann, was er als gehorsamer Soldat im Dienst seiner Regierung tat. Er ist heute noch überzeugt, dass sein damaliger Gefangener ein manipulativer Terrorist ist, dem er dennoch Unrecht angetan hat.

Opfer (links) und Täter. Oder Sieger und Verlierer?

Die beiden Schicksale, die Suche nach der Wahrheit, nach Wahrheiten, das sind journalistische Sternstunden auf drei Seiten. Da verschmerzt man leicht, dass im anschliessenden «Schweiz»-Split zwei Klimaforscher interviewt werden.

Im Feuilleton wird die Eröffnung eines Museums in seiner Geburtsstadt Rimini zum Anlass genommen, des gigantischen italienischen Filmemachers Frederico Fellini zu gedenken. Wie das nur ein Autor tun kann, der dessen Werk auswendig kennt, von «Amacord» zu «La Strada» springen kann, natürlich «La Dolce Vita», dabei so vieles weglassen muss im filmischen Schaffen dieses Ausnahmegenies, das wie wohl kein anderer die italienische Seele und ihre Entwicklungen, Verwicklungen verstanden und auf die Leinwand gebracht hat.

Auch wenn man selbst Fellini-Fan ist, bietet der Artikel Neues und Interessantes. Dann noch ein Interview mit Slavoj Zizek. Das ist nun meistens ein Selbstläufer, aber man muss auch beharrlich intelligente Fragen stellen, um den eher mürrischen Geist zu Hochformen auflaufen zu lassen.

Auch darüber, dass man sich bei Veränderungen an eigenen Texten nicht so anstellen soll, denn die sollten «eine solide Grundlage haben» die Eingriffe überlebt. Schlagfertige Frage am Schluss: «Gilt das auch für dieses Interview?» Schlagfertige Antwort:

«Ja, drucken Sie, was Sie wollen. Mir egal, ich will das auf keinen Fall vorher noch mal sehen!»

Es gäbe noch so vieles zu erwähnen

Dabei haben wir den Wirtschafts– und Wissensbund noch gar nicht erwähnt, auch nicht das Special «Entdecken», ein wunderbares Gefäss, dazu noch das «Magazin», neben dem seine schmalbrüstigen Schweizer Namensvetter eigentlich aus Anstand Selbstmord begehen sollten.

Kann man meckern? Aber immer. Die Lektüre hat den halben Arbeitstag kaputt gemacht. Denn statt Nötiges, aber Unwichtigeres zu tun, legte man sich einfach mit der «Zeit» in die Sonne und wurde von ihr erleuchtet, zumindest erhellt. Sicherlich bereichert.

Aber eben, welch schmerzliche Rückkehr in die Niederungen des eidgenössischen Schaffens. Man sollte sich die Lektüre solcher Blätter (auf Englisch gibt es auch noch ein paar) nur in homöopathischen Dosen gestatten. Sonst wird man Opfer einer typisch deutschen Krankheit, die all die nicht befällt, die eher selten von des Gedanken Blässe angekränkelt werden: Weltschmerz.

Hilfe, mein Papagei onaniert XIV

Unsere Sammlung; diesmal: gute Ansätze, die leider im Absurden enden.

Guter Ansatz und «watson»? Bei einer «Analyse» von Philipp Löpfe? Doch, Wunder gibt es immer wieder. Denn Löpfe zieht wie das Jüngste Gericht über das neue Abtreibungsgesetz im US-Bundesstaat Texas her.

Guter Ansatz, denn die USA sind neben vielem anderen das Heim für absurde und bescheuerte Gesetze. Die führen dazu, dass Alkoholika nur in braunen Tüten im Auto mitgeführt werden dürfen, küssen in der Öffentlichkeit verboten ist oder das Rauchen in den eigenen vier Wänden.

Oder aber, in Texas eine Abtreibung nach der sechsten Schwangerschaftswoche vorzunehmen. Schlimmer noch, alle daran Beteiligten bis hin zum Taxifahrer können mit drakonischen Bussen überzogen werden; jeder darf einen solchen Vorgang denunzieren und bekommt allenfalls sogar noch eine Belohnung dafür.

Dagegen tobt Löpfe, natürlich zu Recht. Schon wackeliger wird seine «Analyse» wenn er behauptet:

«Wer es sich leisten kann, kann jederzeit in ein Flugzeug steigen und die Abtreibung in einem liberalen Bundesstaat vornehmen lassen. Frauen, die drei Jobs ausführen müssen, um vier Kinder zu ernähren, haben diese Option nicht.»

Nun, es muss ja nicht ein Flugzeug sein; allerdings kostet ein Roundtrip mit Greyhound nach San Diego zum Beispiel doch 400 Dollar. Ein One-way-Ticket kostet hingegen mit einer Cheap Airline schlappe 49 $. Geht.

Guter Ansatz, dann aber verdribbelt

Abgesehen davon, dass dieses Gesetz höchstwahrscheinlich nicht Bestand haben wird, denn es verbietet faktisch auch Abtreibungen nach Vergewaltigung oder Inzest: in den USA gibt es noch genug Bundesstaaten, die sehr liberale Abtreibungsgesetze haben – wie Kalifornien. Trotz dieses Gesetzes sind die USA immer noch eine Demokratie.

«Warum Texas schlimmer als China ist»

blödelt Löpfe jedoch im Titel, und das versucht er auch im Text aufzufangen. Schade aber auch, guter Ansatz. Aber verstolpert, vergeigt, verkackt.

Apropos, dieser Bericht über eine Schweizer Skulptur in Moskau ist hingegen lustig:

Sieht für Kunstbanausen wie ein Haufen Kacke aus.

Das Zentralorgan der unaufgeregten Nachrichten vermeldet angebliche Verkaufsschwierigkeiten an der Goldküste. Es geht um die Villa des Ex-CS-CEO Tidjane Thiam. Nach seinem unfreiwilligen Abgang schrieb er seine Villa in Herrliberg zum Verkauf aus, kä Luscht mehr auf die Schweiz.

Bis hierher bewegen wir uns noch auf gesichertem Boden. Ein Luxus-Immobilienhändler führte die Villa auf seiner Webseite und pries sie dort im handelsüblichen Jargon an. Nun aber, wie den knallharten Rechercheuren von «Blick» nicht entging, ist es weg, das Inserat:

Ohä. Dabei ist Thiam «laut Notariat» immer noch Besitzer der Liegenschaft. Was ist da los? Guter Ansatz, aber dann geht’s mitten ins Gebüsch. Denn weiter sind die Rechercheure nicht gekommen. Überraschenderweise will der Immobilienmakler nichts sagen, Thiam stand auch nicht zur Verfügung, als wäre hier eigentlich Ende Gelände.

Schon zwei Telefonate gemacht, das muss eine Story werden.

Ausser, man beginnt zu spekulieren. Will Thiam doch wieder in die Schweiz zurück? Hat er keinen Käufer gefunden? Ist der verlangte Preis zu hoch? Oder könnte es gar Rassismus sein, will keiner einen Schwarzen als Vorbesitzer?

Man weiss nichts Genaues und verläuft sich in Absurdistan. Dabei wäre die naheliegendste Spekulation leider die unspektakulärste: Es wurde ein Käufer gefunden, aber die Handänderung dauert halt noch ein Weilchen. Da gilt aber die alte Boulevard-Regel:

Recherchier oder spekulier deine Story niemals zu Tode.

Apropos, auch das hier ist so eine Nullmeldung:

Gesundheitszustand, Grund für die lange Abwesenheit, wird er wieder zurückkehren? Genaues weiss man nicht, aber daraus kann man doch einen Artikel basteln.

Gut, direkt kann CH Media nichts dafür. Aber das Wanner-Imperium hat geradezu grobfahrlässig eine Gastkommentatorin publiziert. Es handelt sich um Susanne Wille. Wie sagte SRF-Direktorin Nathalie Wappler bei derem Antritt als neue Kulturchefin:

«Susanne Wille verbindet journalistische Kompetenz und Kulturaffinität.»

Das war nun nicht wirklich ein guter Ansatz, da beides bezweifelt werden muss. Mit ihrem Gastkommentar gibt Wille diesen Zweifeln neue Nahrung.

Wille fordert mehr Satirikerinnen. Also mehr Bildschirmpräsenz für weibliche Satiriker. Öhm. Dafür könnte sie doch eigentlich als Kulturchefin sorgen? Also bezüglich Logik müssen wir Wille schon mal ein «ungenügend» geben. Kommen wir zum Einstieg in den Kommentar, wie jeder Journalist weiss, ist das die halbe Miete, will man gelesen werden. Will Wille?

«Eigentlich müsste ich diesen Text mit einem bissigen Spruch oder einem knackigen Witz beginnen. Nur überlass ich das jenen, die das besser können. Insbesondere den Frauen, denn in diesem Text geht es um Satire von Frauen.»

Nennt mich Macho, aber auch hier muss man sagen: «setzen, ungenügend.» Dann mäandert sich Wille durchs Thema. Es gebe schon Satirikerinnen in der Schweiz. Auch gute. Aber dann doch nicht. Oder schon, oder so. Ach, überhaupt:

«Es braucht beides. Gute Satiriker und gute Satirikerinnen. Aber es braucht für beide gleich viel Platz auf der Bühne, in TV- und Radiosendungen und im Netz.»

Ja um Willes willen, wenn Wille schon die Quoten-Satirikerin einführen will, was ja Anlass zu Satire wäre, dann soll sie das doch einfach tun. Damit wäre allen gedient, vor allem den Lesern von CH Media.

 

Desaster «Republik»

Bezahlte Ferien, dann bezahltes Verschnarchen des Themas Afghanistan.

Frohgemut verkündeten die gestressten und etwas ausgelaugten «Republik»-Macher, dass sie dann mal eine Woche in der Sommerfrische sind.  Wohlverdient, denn die 50 Nasen haben ja auch etwas getan, um ein Budget von rund 18 Millionen zu verbraten, seit Start. Insgesamt 1369 Artikel wurden in den letzten 365 Tagen rausgepustet. Wenn man die ellenlangen Inhaltsangaben und Selbstbeweihräucherungen abzieht, ist der Ausstoss ziemlich gleichgross wie derjenige von ZACKBUM.

Kleiner Unterschied: Hier arbeitet ein Ein-Mann-Orchester umsonst für den Leser.

Nun gibt es ein Thema, das diesen Sommer die Nachrichten beherrscht: Afghanistan. Eine Redaktion, die etwas Pfupf im Hintern hätte, würde ein solches Ereignis wohl zum Anlass nehmen, ihren Bergurlaub blitzschnell abzubrechen und sich für Pipifax-Artikel wie über die angebliche Verfolgung einer unschuldigen, aber tapferen Kämpferin gegen Hass im Internet durch den grossen Tamedia-Konzern zu schämen.

Hier wäre mal die Möglichkeit, alles auszurollen, was ein ziemlicher Haufen Geld und ein noch grösserer Haufen Workforce bewegen könnte. Schliesslich hat sich die «Republik» durchaus zu Afghanistan und islamischen Themen geäussert; ganze 53 Mal kommt das Stichwort in den letzten 12 Monaten vor.

Ist Binswanger der Superlativ von peinlich?

Gut, am liebsten möchte die «Republik» sicherlich Gras über solche Peinlichkeiten wie das dumme Gequatsche ihres Kolumnisten Daniel Binswanger wachsen lassen. Der verkündete noch am 6. Februar 2021 ein Credo, das die Taliban-Fundamentalisten in Kabul mit beiden Händen unterschreiben würden:

«Nikab-Trägerinnen in Europa sind typischer­weise unabhängige und selbst­bestimmte Frauen, die ihren Fundamentalismus gegen den Willen ihrer Familie praktizieren.»

 

Eine typisch-selbstbestimmte afghanische Frau …

Von einem solchen Schwachsinn ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Erkenntnis, dass die religiösen Wahnsinnigen in Kabul ja eigentlich auch nur unabhängige und selbstbestimmte Frauen möchten; eben unter dem Nikab.

Vorne Selbstbestimmung, im Schaufenster Dekadenz.

Gut, es ist vielleicht unfair, die «Republik» an der schreibenden Schmachtlocke zu messen. Was hat das Weltblatt denn nach der Rückkehr aus der erholsamen Alpenluft bezüglich Afghanistan hingekriegt? Sagenhafte 8 Erwähnungen seit dem 16. August.

Zwei Hintergrund-Analysen aus dem Hause «Republik».

Nun mal im Ernst, auch hier kommt das Stichwort Afghanistan vor:

Laschet und Afghanistan? Aber sicher.

Zugegeben, es ist zum Verzweifeln, wenn man dem Online-Magazin der vertieften Denke und der kompetenten Analyse Aussagen zu Afghanistan entlocken will. Da muss man halt nehmen, was man kriegt. Zum Beispiel diesen Rempler in einem nichtssagenden Porträt des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet:

«Und noch vor kurzem, als die Taliban schon vor Kabul standen, hat Laschet verkündet, Abschiebungen nach Afghanistan seien in Ordnung. Geflüchtete, die kriminell geworden seien, hätten ohnehin «ihr Gastrecht verwirkt». Nun, da das absehbare, schreckliche Drama sich entfaltet, fällt Laschet dazu vor allem ein, vor einer neuen Flüchtlings­welle zu warnen: «2015 darf sich nicht wiederholen», sagte er, während in Kabul Verzweifelte von Flugzeugen in den Tod stürzten.»

Bei aller berechtigten Kritik an Laschet: Das ist immerhin entschieden mehr, als der «Republik» zu diesem Thema bislang eingefallen ist. Auch auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen: Wer sich «Verleger» eines solchen Masken-Magazins nennt, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Afghanistan: Medien im Vollschleier

Der Verkauf einer Zeitung ähnelt immer mehr der Wegelagerei.

Kleine Meldungen können zumindest verzweifelt erheitern. So lud die US Army 640 Afghanen in ein einziges Flugzeug, um sie aus Kabul zu evakuieren. Das nennt man Effizienz. Deutschland, früher mal für Effizienz bekannt, hat auch eine Maschine zum Einsatz gebracht. Allerdings: bloss sieben Afghanen schafften es an Bord.

Immerhin: Das schafft die US Air Force.

Für solche Meldungen ist Tamedia zu haben:

Der «Tages-Anzeiger» erfreut seine Leser (sogar ohne Bezahlschranke) zudem mit einer Analyse zu einem Thema, das viele umtreibt: Wieso ist die afghanische Armee dermassen schnell zu Staub zerfallen?

Wie kann man es erklären, dass Multimilliarden in angeblich 300’000 Soldaten investiert wurden, Ausrüstung, Beratung, High-Tech-Waffen, unterstützt von allem, was moderne Drohnen-Kriegsführung zu bieten hat. Inklusive Fernbombardierungen von Zusammenballungen von Taliban-Kämpfern. Leider wurde ab und an eine Hochzeitsgesellschaft damit verwechselt. Im dümmsten Fall auch die anschliessende Trauerfeier nochmal bombardiert.

Die Analyse im «Tages-Anzeiger»: Qualität halt, die kostet.

Aber wie auch immer, wie kann das erklärt werden? Joachim Käppner hat ein paar Antworten, die Tamedia am Dienstag um haargenau 10.11 Uhr ihren Lesern serviert. Qualitätsmedien halt, das macht den Unterschied, das liest man nur hier, da steckt Eigenleistung dahinter.

Eigenleistung kann auch geliehen werden

Eigenleistung? Um 9.12 Uhr hatte die «Süddeutsche Zeitung» ihren Lesern bereits den gleichen Artikel kredenzt. Mit dem gleichen Titel, gleichen Inhalt, gleichen Autor. Offenbar brauchte die Qualitäts-Auslandredaktion von Tamedia eine Stunde, um das ß durch ss zu ersetzen, und falls irgendwo von «parken» die Rede war, musste das natürlich zu «parkieren» eingeschweizert werden. Ach, und ein anderes (schlechteres) Foto verwendet Tamedia auch.

Das Original; man beachte den gewaltigen Unterschied im Titel.

Wie das? Nun, Dr. Käppner ist «Leitender Redakteur, Innenpolitik» bei der SZ. Pardon, also Redaktor. Das befähigt ihn offensichtlich zu einer Ferndiagnose der Ursachen des widerstands- und beispiellosen Zusammenbruchs der afghanischen Armee (ANSF): «Die ANSF dagegen sind die Armee eines Staates, der nicht funktionierte, und so konnte sie das auch nicht tun.»

Die gleiche tiefschürfende Erkenntnis legte die SZ übrigens ihren Abonnenten bereits am frühen Morgen mit der Printausgabe in den Briefkasten. Denen würde die Wiederholung des Artikels um 10.11 Uhr in den Qualitätsmedien von Tamedia also nur ein müdes Gähnen entlocken.

Was der Artikel mangels Tiefe der Analyse allerdings überall und jederzeit schafft. Nebenbei drischt der Autor, das ist bei SZ obligatorisch, im Nachgang auf den Ex-Präsidenten Trump ein, dem das Schicksal Afghanistans herzlich egal gewesen sei. Was sein Versagen auch hier deutlich zeigt und in völligem Kontrast zu Onkel Biden steht; dem neuen US-Präsidenten liegt das Schicksal Afghanistans offensichtlich ausgesprochen am Herzen.

Ist nichts wert, kostet aber

Wohlgemerkt verlangt Tamedia für diesen aufgewärmten Dünnpfiff satte 581 Franken im Jahr, will man auch noch die SoZ in Print und digital, lässt man 751 Franken liegen. Will man’s digital als E-Paper, muss man immerhin 319 Franken abdrücken. Oder man wählt das schnuckelige Abo «Weekend». Für schlappe 399 Franken ist dann am Samstag und am Sonntag Papier im Briefkasten, das E-Paper während der Woche und alle Abo-Inhalte digital inklusive.

Bei einem solchen Angebot muss man doch zugreifen, liebe ZACKBUM-Leser. Wer’s schon hat, bereut es keine Sekunde, wer’s nicht hat, dem entgehen wichtige Informationen und Zusammenhänge. Nein, das ist nicht unser Ernst.

Die Bestseller aus dem Hause Tamedia.

Mediales Desaster Afghanistan

Was bieten die Schweizer Medien? Erbärmliches, Newsticker und Wiedergekäutes.

Es ist ein Ereignis von der Dimension des Endes des Vietnamkriegs.

Das Dach der US-Botschaft in Saigon, 1975.

Das Dach der US-Botschaft in Kabul, 2021:

Zusammenstellung der deutschen «Bild»-Zeitung …

1975 war mediale Steinzeit, im Vergleich zu heute. Gerade war eine moderne Datenübertragungsmaschine erfunden worden: das Faxgerät.

Aller Anfang ist klobig.

Kein Vergleich zu heute; Internet, real time Videos, man kann live dabeisein, wie Kabul in die Hände der Taliban fällt. Kaum hat eine ihrer Horden am Schreibtisch des geflohenen Präsidenten Platz genommen, geht das Bild bereits um die Welt. Denn auch die Taliban sind nicht mehr die Steinzeitkrieger von früher. Sie wissen sehr genau, mit welchen Bildern und Aussagen sie die Medien beliefern müssen.

«Respekt vor dem Rechtsstaat», natürlich auch vor Frauen, keine Massaker mehr, keine Massenvergewaltigungen, keine Plünderungen, alles ganz friedlich und zivilisiert diesmal. Aber eben auch sehr überraschend für die ausgedünnten News-Redaktionen der Schweizer Medien. Was macht man da? Man verzichtet weitgehend auf alles, wofür man eigentlich Geld verlangen könnte. Nämlich Einordnung, Analyse, Hintergründe. Stattdessen gibt’s den «Newsticker».

Ein Euphemismus für: wir haben doch auch keine Ahnung und schütten einfach ins Blatt, was zugeliefert wird.

Die Newsquelle mit der höchsten Einschaltquote.

 

Es wird getickert, was der Ticker hergibt.

Neben Getickertem, was können die Qualitätsmedien sonst noch bieten? Natürlich, der «Experte» muss ans Gerät. Nur: wer? Glücklicherweise gibt es da die Allzweckwaffe für alle Gelegenheiten, der einzig wahre Nachfolger von Peter Scholl-Latour selig. Natürlich, es handelt sich um Erich Gysling, 85.

Der «Blick» war am schnellsten.

Aber immerhin, bislang hat noch keine Auslandredaktion, selbst wenn sie nur noch aus zwei Personen besteht wie bei CH Media, Afghane so verwechselt:

Handgeknüpfter, nicht aufgeknüpfter Afghane.

Aber wer nach Hintergründen, Analysen, Erklärungen sucht, der muss auf angelsächsische Medien ausweichen. Englischkenntnisse allerdings vorausgesetzt.

Plofessolales oder joulnalistisches Velsagen?

Auch die NZZ pflegt den modernen Recherchierjournalismus. Anfüttern lassen, draufhauen.

Die HSG hat ziemlich Pech mit ihrem Personal. Bis in die Führungsebene hinein sind die Professoren nicht gerade Lichtgestalten. Nebenjobs, Verwicklungen, Versagen. Alleine ein Johannes Rüegg-Stürm reicht aus, um das Image nachhaltig zu beschädigen.

Wohlbezahlter Vollversager als VR-Präsident bei Raiffeisen, wo er alle schummrigen Spesenabrechnungen von Pierin Vincenz durchwinkte – und gleichzeitig Direktor des HSG-Instituts für «Public Governance». Als VR-Präsident trat er mitten in der Krise zackig zurück, an seiner Professur hält er eisern fest.

Illustrierte Wirklichkeit in der NZZ. Bloss: reine Fiktion.

Nun noch das: «So weit reicht Chinas Einfluss auf Schweizer Hochschulen», titelt die NZZ ein Gewaltsstück mit republikanisch langen 20’000 Anschlägen. Die Story: ein Doktorand der HSG twittert Kritisches über die chinesische Regierung, daraufhin wird er um Ruhe gebeten – schliesslich als Doktorand rausgepfeffert.

In üblicher Manier aufbereitet und aufgepumpt

Toller Skandal, oder wie sich die NZZ mit einem szenischen Einstieg versucht: Als das Opfer vernimmt, «dass seine Tweets ihn seinen künftigen Doktortitel kosten könnten, sitzt er in seinem alten Kinderzimmer».

Er solle seine politische Ausdrucksweise auf den Social Media sofort mässigen, habe ihm seine HSG-Professorin geschrieben. Dabei hat der Student doch bloss getwittert:

«So handeln paranoide Feiglinge. Sie haben weder meinen Respekt noch meine Dankbarkeit verdient. #ChinaLiedPeopleDied»».

Wie auch immer, als ihn auch seine chinesische Freundin darum bittet, sich zu mässigen, zitiert die NZZ seine Reaktion: «Ich bin in der Schweiz, nicht in China», antwortet er. «Hier kann ich sagen, was ich will.»

Oder nicht? Nun, die NZZ weiss: «Die HSG hat fünfzehn Abkommen und damit fast doppelt so viele wie die ETH. An der HSG gibt es zudem seit acht Jahren ein «China Competence Center», dessen Ziel es ist, die «produktiven Beziehungen zu China zu stärken und zu vertiefen».»

Aha.

Dem Opfer wird dann noch sein HSG-Mail-Account gesperrt, die Professorin und die Uni will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er ist exmatrikuliert und wird auch nicht mehr an der HSG immatrikuliert, seine Doktorarbeit ist für die Katz, «es fühlte sich an, als sei ich über Nacht eliminiert worden», jammert das Opfer.

Eine fabelhafte Geschichte. Aber eine Fabel

Das ist eine fabelhafte Geschichte. Das ist eine Fabel, keine Geschichte. Denn eigentlich stimmt daran – nichts. Ausser, dass sie sich schon vor anderthalb Jahren zutrug und das Opfer sich erst lange danach entschloss, via NZZ Rache zu nehmen.

Natürlich rudert die übrige Medienmeute gleich hinterher:

«20 Minuten» im Streubereich der Wahrheit.

Die Fakten sind folgende. Das Opfer begann tatsächlich eine Doktorarbeit an der HSG. Gleichzeitig bekam es aber auch ein Dreijahresstipendium an einer chinesischen Uni.  Ausgerechnet in Wuhan. Es fliegt dorthin, verliebt sich und schreibt an seiner Doktorarbeit. Nebenbei reicht es ein Essay über chinesische Umerziehungslager ein – und wundert sich, dass es dafür die schlechteste Note bekommt.

Nun kann man nicht gleichzeitig an zwei Unis doktorieren, bzw. das wäre ein ziemlich komplizierter Prozess. Zudem gibt es an der HSG ein Zeitlimit für das Einreichen einer Dissertation. Also wird dem Opfer geraten, sich in St. Gallen zu exmatrikulieren – in erster Linie, damit diese Zeitlimite aufgehoben wird. Eine spätere Wiederimmatrikulierung sei möglich, wird dem Opfer bedeutet.

Wenn es keine Beziehung gibt, kann die auch nicht beendet werden …

Wohlgemerkt besteht also seit 2018 keinerlei offizielle Beziehung mehr zwischen dem Opfer und der HSG. Trotzdem wird aus Goodwill das Betreuungsverhältnis fortgesetzt und der Dokorand kann auch seinen E-Mail-Account an der Uni behalten.

Aber in der NZZ darf er der Uni vorwerfen, «dass sie ihn wegen seiner kritischen Tweets hinausgeworfen hat». Nicht mal Konjunktiv im Qualitätsblatt. Es behauptet zudem: «Der NZZ liegen Kopien dieser Tweets sowie Gerbers* Korrespondenz mit der Professorin und anderen HSG-Vertretern vor. Sie stützen weitgehend die Position des ehemaligen Doktoranden.» (*Pseudonym in der NZZ.)

Es darf noch einen draufsetzen:

««Ich kann nicht fassen, dass so etwas in der Schweiz passiert ist.» Sein dreijähriger Forschungsaufwand: zerstört wegen eines Tweets.»

Ist das so? Ist eine Schweizer Uni in vorauseilendem Gehorsam eingeknickt, schmeisst einen Doktoranden raus, bloss weil der sich in ein paar Tweets kritisch über die chinesische Regierung geäussert hat?

Ein Doktorand und sein Verhältnis zur Realität

So mag das der Doktorand sich schönreden, nur: ein exmatrikulierter Student kann nicht hinausgeschmissen werden. Er kann auch nicht doktorieren. Sein Problem ist nicht die HSG, sondern die Pandemie, wegen der er nach einem nur als Kurzurlaub geplanten Besuch in der Schweiz an Weihnachten 2019 nicht mehr nach Wuhan zurückkehren konnte. Deshalb hängt seine dortige Dissertation in der Luft, deshalb wollte er sich dann wieder zur HSG zurückorientieren.

Die müsste ihn dafür aber wieder immatrikulieren, wovon sie allerdings Abstand nimmt. Dumm gelaufen. Die Rückkehr an die HSG hat sich der Doktorand spätestens mit diesem Artikel in der NZZ endgültig verbaut. Das ist seine Entscheidung.

Wieso allerdings die NZZ auch damit anfängt, sich anfüttern zu lassen, Gegenmeinungen nur kursorisch und pro forma einzuholen – und auch wider besseres Wissen am Narrativ des Doktoranden festhält – das bleibt das süsse Geheimnis der Redaktion des Weltblatts.

Immer wiederAnlass zur Warnung: die gelbe Gefahr …

Der Prorektor der HSG darf zwar richtigstellen, dass es sich um einen anderen Tweet des Doktoranden gehandelt habe, der eindeutig als «rassistisch wahrgenommen wurde». Im Übrigen sei die Betreuung rein freiwillig erfolgt und «es sei «gutes Recht» der Professorin, diese jederzeit zu beenden, wenn das Vertrauensverhältnis gestört sei. Weiter habe Gerber kein vollständiges Gesuch zur erneuten Immatrikulation gestellt, sondern versucht, seine Reimmatrikulation zu erzwingen».

Aber macht ja nix, wieso soll man sich davon den schönen Titel über einen angeblichen chinesischen Einfluss auf Schweizer Hochschulen kaputt machen lassen. Der mag ja existieren. Aber dieses Beispiel zeichnet sich nur durch eines aus: seine Untauglichkeit.

 

 

Hilfe, mein Papagei onaniert!

Zur Erinnerung: das war ein Titel aus der Qualitätszeitung SoZ. Hier dient er für die Sammlung von Bescheuertem.

Man muss so dreinschauen, um richtig Schwachsinn erzählen zu dürfen:

Der dunkle Seher mit dem grimmigen Blick.

Denn Verpackung ist alles, wenn der Inhalt nichts ist. Der Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, in jeder Beziehung das Symbol für den Niedergang von Literatur, Preisvergabe und Kultur, darf mal wieder im Organ für die gebildeten Stände, für tiefes Nachdenken und hohes Niveau, Gedankengänge tieferlegen:

«Raven Saunders hatte Glück. Während der Olympischen Spiele starb ihre Mutter.»

Völlig egal, in welchem Zusammenhang der Schrumpfkopf diesen Satz für den «SonntagsBlick» formulierte: nie bedauerten wir mehr, dass der Titel «Schriftsteller» nicht aberkannt werden kann. Wir hingegen hatten Pech: Bärfuss hat weiterhin keinen Schreibstau.

Mangels anderer Objekte für Beschimpfungen geht es Bärfuss diesmal ums IOC, um das Olympische Komitee. Das habe seinen Sitz «in einem Land auch, mit dem es nicht nur viele Werte, wie etwa die Neutralität, sondern auch manche Funktionäre und sogar die Soldatinnen teilt.»

Tief sei das Dichterwort, dunkel und raunend. Für uns Normalsterbliche nicht leicht zu durchdringen oder zu verstehen. Das ist doch der Sinn der Dichtung seit Platon und so. Aber Bärfuss ist nicht nur Dichter, dabei nicht dicht. Sondern auch noch Rechtsgelehrter. Doch, diese Disziplin beherrscht er auch (man beachte das dichterisch nachgestellte «auch»), was bei der Fülle seiner sonstigen Fähigkeiten vielleicht etwas unterging:

«Die Reglemente für die Olympischen Spiele, festgehalten in der Charta, gehen weit darüber hinaus und untersagen den Sportlerinnen und Sportlern, ihr Recht auf freie Meinungsäusserung wahrzunehmen. Nicht nur in der Schweiz ist dies ein Grundrecht. Und ein Vertrag, der verlangt, auf dieses oder einen anderen Grund zu verzichten, ist nach dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch sittenwidrig und damit ungültig. Art. 27 ZGB definiert: «Niemand kann sich seiner Freiheit entäussern oder sich in ihrem Gebrauch in einem das Recht oder die Sittlichkeit verletzenden Grade beschränken.»»

Wir wissen nun, dass die Jurisprudenz echt Schwein gehabt hat. Denn in erster Linie vergeht sich Bärfuss an der Sprache, an der Logik und am argumentativen Essay. Wenn wir uns schreckensbleich vorstellen, dass er sich am Rechtsstaat vergreifen würde, wird uns ganz anders.

Immerhin, wenn Bärfuss seine seherischen Fähigkeiten bemüht, darf gelacht werden. So sah er schon italienische Zustände bei der Corona-Pandemie in der Schweiz um der Ecke lauern; also Chaos, Leichenberge, schlimm. Traf nicht ein, aber wer sehen kann, kann’s nicht lassen:

«Tokio ist vorbei, aber nach den Spielen ist vor den Spielen. Und die Kritik wird lauter.»

Nun gut, es soll in der Schweiz ausgezeichnete Hals-Nasen-Ohrenärzte geben, wirklich wahr.

Aber bevor ärztliche Kunst zum Einsatz kommen kann, schwingt sich Bärfuss wie in jeder seiner SoBli-Kolumnen zum abschliessenden Crescendo auf:

«Im nächsten Februar werden Soldatinnen und Soldaten der Schweizer Armee ihren Dienst fürs Vaterland im fernen Peking leisten. Offizielle Vertreter der Schweiz werden damit Teil der chinesischen Propaganda, werden Werbung machen für deren Verletzung der Menschenrechte und für den Genozid an der uigurischen Minderheit. Die jungen Menschen werden für den Kommerz und autoritäres Regime instrumentalisiert. Der militärisch-industrielle Komplex, der die totale finanzielle, politische und sportliche Macht in seinen Händen hält und ihnen sogar die Grundrechte nimmt, zwingt sie, zu diesem Unrecht zu schweigen.»

Oh, ihr Tellensöhne (und -töchter), beruft Euch auf Art. 27 ZGB und erhebt die Stimme gegen solches Unrecht.

Vertraut den seherischen Fähigkeiten des Dichters. Der männlichen Kassandra, der leider niemand glaubt.

Denn auch für die Zukunft der Schweizer Zivilgesellschaft hat Bärfuss nur dunkle Aussichten anzubieten: «Drei Lebenshaltungen werden die Post-Covid-Gesellschaft prägen: die Genusssucht, die Verzichtskultur und jene, die alles der Wirtschaft unterordnet.»

Wir gestatten uns nur ermattet die Frage: wie kann ein Verlagshaus im Ernst annehmen, dass es Konsumenten gibt, die für einen solchen Unfug, der gurgelnd durch das Regenrohr in den Boden sickert, Geld ausgeben wollen?

Schwund herrscht leider überall, auch in der SoZ

Aber auch Qualitätsmedien leiden unter Schwund. Schwund an allem. Platz, Gehirnschmalz, Themen und Kompetenz. Wenn dir gar nichts, aber wirklich nichts einfällt als Blattmacher, was machst du dann? Richtig geraten, dann machst du das hier:

Oder die vierte Welle ist zu hoch. Oder das Aufmerksamkeitsdefizit …

Inhalt, Aussage, Relevanz, Newswert? Egal, eine Seite der «SonntagsZeitung» ist gefüllt, uff.

Aber oh Schreck, nach der vollen Seite droht die nächste leere Seite, nur unzulänglich mit einem der seltenen Inserate gefüllt. Also gut, dann halt nochmal:

Die Buzzwords vereint: Corona, SVP, Angriff.

Geradezu ein Geniestreich. Nochmal Covid, diesmal in Verbindung mit dem Feindbild SVP. Uff. Aber, alte Blattmacherregel, nach der vollen Seite ist vor der leeren Seite. Nun, da hilft nur noch ein Trend. Also ein kleiner Trend mit einem riesengrossen Foto:

Ist das noch Korrekt-Deutsch?

 

Das nimmt ZACKBUM allerdings persönlich, denn wir sind weder Agglo-Jungs, noch fahren wir das ohne Helm, noch sind wir Jungs:

Unser Chopper, Frechheit aber auch.

Das ist das Dienstfahrzeug von ZACKBUM, allerdings schon ein Jahr in Betrieb. Sind wir nun die Vor-Trendsetter? Einfach ohne Agglo und Jungs?

Was macht der Blattmacher, wenn er Covid, Agglo und Trend durchhat? Er verzweifelt? Fast; er ruft in den Raum: wo bleibt das Klima? Nein, bitte nicht mehr den Bericht, der ist inzwischen älter als das Gewitter von vorgestern. Aber Klima, Berg, Schweiz, da muss doch etwas gehen.

Geht doch:

Es gibt noch mutige Tellensöhne.

Geröllbrocken, Gezimmertes, ein trutziger Gemeindepräsident, uns Ogi, die beruhigende Nachricht, dabei dachten wir schon, dass Kandersteg selbstmordgefährdet sei. Uff.

Gibt es sonst noch News aus aller Welt, womit kann man den Leser in der Sonntagshitze kalt abduschen? Mit einer brandneuen, geradezu Waldbrände verursachenden Erkenntnis:

Datum anstreichen: seit dem 15. August weiss das die Welt.

Dabei muss auch die SoZ vorsichtig herumeiern:

Ich weiss nicht, was soll ich bedeuten …

«Soll fallengelassen haben»; ist natürlich blöd, wenn der «Tages-Anzeiger» dieser Ente nachwatschelte und kräftig Erregungsbewirtschaftung betrieb. Bloss: kommt halt davon, wenn man sich dem modernen Recherchierjournalismus verschreibt. Man sitzt in seinem Käfig im Newsroom und lässt sich von einem gelinde gesagt eher merkwürdigen Studenten anfüttern.

Geht noch einer? Also gut, ein letzter:

Früher gab es nur BB, heute sogar BBB, dank der SoZ.

Die News ist alt, aber wenn man schon so einen schönen alliterierenden Titel hat, auch eine brandaktuelle Fotografie, dann kann man doch nicht widerstehen, den Leser mit Aufgebackenem zu langweilen.

Wir entlassen mit der NZZaS in diesen Montag

Wo bleiben Gerechtigkeit und die NZZaS? Also gut, eine Duftnote am Schluss. Die gute Nachricht zuerst: die schreibende Sparmassnahme, der Wortschnitzer aus dem Pensionärswinkel, also Rentner Müller macht Pause bei der Medienkritik. Die schlechte Nachricht: deshalb ist Aline Wanner dran.

Die wurde von einer Fotografie berührt, die auch auf der Frontseite der NZZ war. Eine alte Frau, Panayiota Noumidi, 81,vor der Feuerhölle auf der griechischen Insel Euböä. Sicherlich anrührend, ein lucky shot, wie man das in der zynischen Fotografensprache nennt. Das hat Wanner berührt, geradezu angefasst, überwältigt. Das ist schön für sie, dass sie zu solch menschlichen Regungen fähig ist.

Nur: wozu und wohin bewegen Medien?

Aber wenn Gefühle regieren, hat der Denkapparat Sendepause:

«In einem Sommer, in dem der Klimawandel so nah und präsent ist wie kaum je zuvor, wurde plötzlich klar: Wir alle könnten Panayiota Noumidi sein.»

Öhm, also da sagen wir mal: nein. Wir alle könnten Charlie Hebdo sein, wir könnten sogar Fidel sein, wir können mit #metoo dabei sein, auch beim #aufschrei oder gar #netzcourage und gegen Hass und Hetze im Internet hassvoll hetzen.

Es darf peinlich berührt gelacht werden.

Aber, Pardon, Noumidi könnten wir nicht sein. Wanner nicht, ZACKBUM nicht, ihre Leser nicht, unsere Leser nicht, Sorry, geht nicht, blöder Schluss, falsches Pathos, statt ins Erhabene abgeschwirrt ins Lächerliche geplumpst. Kommt halt davon, wenn es keine anständige Medienkritik mehr gibt.