Hilfe, mein Papagei onaniert XIV

Unsere Sammlung; diesmal: gute Ansätze, die leider im Absurden enden.

Guter Ansatz und «watson»? Bei einer «Analyse» von Philipp Löpfe? Doch, Wunder gibt es immer wieder. Denn Löpfe zieht wie das Jüngste Gericht über das neue Abtreibungsgesetz im US-Bundesstaat Texas her.

Guter Ansatz, denn die USA sind neben vielem anderen das Heim für absurde und bescheuerte Gesetze. Die führen dazu, dass Alkoholika nur in braunen Tüten im Auto mitgeführt werden dürfen, küssen in der Öffentlichkeit verboten ist oder das Rauchen in den eigenen vier Wänden.

Oder aber, in Texas eine Abtreibung nach der sechsten Schwangerschaftswoche vorzunehmen. Schlimmer noch, alle daran Beteiligten bis hin zum Taxifahrer können mit drakonischen Bussen überzogen werden; jeder darf einen solchen Vorgang denunzieren und bekommt allenfalls sogar noch eine Belohnung dafür.

Dagegen tobt Löpfe, natürlich zu Recht. Schon wackeliger wird seine «Analyse» wenn er behauptet:

«Wer es sich leisten kann, kann jederzeit in ein Flugzeug steigen und die Abtreibung in einem liberalen Bundesstaat vornehmen lassen. Frauen, die drei Jobs ausführen müssen, um vier Kinder zu ernähren, haben diese Option nicht.»

Nun, es muss ja nicht ein Flugzeug sein; allerdings kostet ein Roundtrip mit Greyhound nach San Diego zum Beispiel doch 400 Dollar. Ein One-way-Ticket kostet hingegen mit einer Cheap Airline schlappe 49 $. Geht.

Guter Ansatz, dann aber verdribbelt

Abgesehen davon, dass dieses Gesetz höchstwahrscheinlich nicht Bestand haben wird, denn es verbietet faktisch auch Abtreibungen nach Vergewaltigung oder Inzest: in den USA gibt es noch genug Bundesstaaten, die sehr liberale Abtreibungsgesetze haben – wie Kalifornien. Trotz dieses Gesetzes sind die USA immer noch eine Demokratie.

«Warum Texas schlimmer als China ist»

blödelt Löpfe jedoch im Titel, und das versucht er auch im Text aufzufangen. Schade aber auch, guter Ansatz. Aber verstolpert, vergeigt, verkackt.

Apropos, dieser Bericht über eine Schweizer Skulptur in Moskau ist hingegen lustig:

Sieht für Kunstbanausen wie ein Haufen Kacke aus.

Das Zentralorgan der unaufgeregten Nachrichten vermeldet angebliche Verkaufsschwierigkeiten an der Goldküste. Es geht um die Villa des Ex-CS-CEO Tidjane Thiam. Nach seinem unfreiwilligen Abgang schrieb er seine Villa in Herrliberg zum Verkauf aus, kä Luscht mehr auf die Schweiz.

Bis hierher bewegen wir uns noch auf gesichertem Boden. Ein Luxus-Immobilienhändler führte die Villa auf seiner Webseite und pries sie dort im handelsüblichen Jargon an. Nun aber, wie den knallharten Rechercheuren von «Blick» nicht entging, ist es weg, das Inserat:

Ohä. Dabei ist Thiam «laut Notariat» immer noch Besitzer der Liegenschaft. Was ist da los? Guter Ansatz, aber dann geht’s mitten ins Gebüsch. Denn weiter sind die Rechercheure nicht gekommen. Überraschenderweise will der Immobilienmakler nichts sagen, Thiam stand auch nicht zur Verfügung, als wäre hier eigentlich Ende Gelände.

Schon zwei Telefonate gemacht, das muss eine Story werden.

Ausser, man beginnt zu spekulieren. Will Thiam doch wieder in die Schweiz zurück? Hat er keinen Käufer gefunden? Ist der verlangte Preis zu hoch? Oder könnte es gar Rassismus sein, will keiner einen Schwarzen als Vorbesitzer?

Man weiss nichts Genaues und verläuft sich in Absurdistan. Dabei wäre die naheliegendste Spekulation leider die unspektakulärste: Es wurde ein Käufer gefunden, aber die Handänderung dauert halt noch ein Weilchen. Da gilt aber die alte Boulevard-Regel:

Recherchier oder spekulier deine Story niemals zu Tode.

Apropos, auch das hier ist so eine Nullmeldung:

Gesundheitszustand, Grund für die lange Abwesenheit, wird er wieder zurückkehren? Genaues weiss man nicht, aber daraus kann man doch einen Artikel basteln.

Gut, direkt kann CH Media nichts dafür. Aber das Wanner-Imperium hat geradezu grobfahrlässig eine Gastkommentatorin publiziert. Es handelt sich um Susanne Wille. Wie sagte SRF-Direktorin Nathalie Wappler bei derem Antritt als neue Kulturchefin:

«Susanne Wille verbindet journalistische Kompetenz und Kulturaffinität.»

Das war nun nicht wirklich ein guter Ansatz, da beides bezweifelt werden muss. Mit ihrem Gastkommentar gibt Wille diesen Zweifeln neue Nahrung.

Wille fordert mehr Satirikerinnen. Also mehr Bildschirmpräsenz für weibliche Satiriker. Öhm. Dafür könnte sie doch eigentlich als Kulturchefin sorgen? Also bezüglich Logik müssen wir Wille schon mal ein «ungenügend» geben. Kommen wir zum Einstieg in den Kommentar, wie jeder Journalist weiss, ist das die halbe Miete, will man gelesen werden. Will Wille?

«Eigentlich müsste ich diesen Text mit einem bissigen Spruch oder einem knackigen Witz beginnen. Nur überlass ich das jenen, die das besser können. Insbesondere den Frauen, denn in diesem Text geht es um Satire von Frauen.»

Nennt mich Macho, aber auch hier muss man sagen: «setzen, ungenügend.» Dann mäandert sich Wille durchs Thema. Es gebe schon Satirikerinnen in der Schweiz. Auch gute. Aber dann doch nicht. Oder schon, oder so. Ach, überhaupt:

«Es braucht beides. Gute Satiriker und gute Satirikerinnen. Aber es braucht für beide gleich viel Platz auf der Bühne, in TV- und Radiosendungen und im Netz.»

Ja um Willes willen, wenn Wille schon die Quoten-Satirikerin einführen will, was ja Anlass zu Satire wäre, dann soll sie das doch einfach tun. Damit wäre allen gedient, vor allem den Lesern von CH Media.

 

Desaster «Republik»

Bezahlte Ferien, dann bezahltes Verschnarchen des Themas Afghanistan.

Frohgemut verkündeten die gestressten und etwas ausgelaugten «Republik»-Macher, dass sie dann mal eine Woche in der Sommerfrische sind.  Wohlverdient, denn die 50 Nasen haben ja auch etwas getan, um ein Budget von rund 18 Millionen zu verbraten, seit Start. Insgesamt 1369 Artikel wurden in den letzten 365 Tagen rausgepustet. Wenn man die ellenlangen Inhaltsangaben und Selbstbeweihräucherungen abzieht, ist der Ausstoss ziemlich gleichgross wie derjenige von ZACKBUM.

Kleiner Unterschied: Hier arbeitet ein Ein-Mann-Orchester umsonst für den Leser.

Nun gibt es ein Thema, das diesen Sommer die Nachrichten beherrscht: Afghanistan. Eine Redaktion, die etwas Pfupf im Hintern hätte, würde ein solches Ereignis wohl zum Anlass nehmen, ihren Bergurlaub blitzschnell abzubrechen und sich für Pipifax-Artikel wie über die angebliche Verfolgung einer unschuldigen, aber tapferen Kämpferin gegen Hass im Internet durch den grossen Tamedia-Konzern zu schämen.

Hier wäre mal die Möglichkeit, alles auszurollen, was ein ziemlicher Haufen Geld und ein noch grösserer Haufen Workforce bewegen könnte. Schliesslich hat sich die «Republik» durchaus zu Afghanistan und islamischen Themen geäussert; ganze 53 Mal kommt das Stichwort in den letzten 12 Monaten vor.

Ist Binswanger der Superlativ von peinlich?

Gut, am liebsten möchte die «Republik» sicherlich Gras über solche Peinlichkeiten wie das dumme Gequatsche ihres Kolumnisten Daniel Binswanger wachsen lassen. Der verkündete noch am 6. Februar 2021 ein Credo, das die Taliban-Fundamentalisten in Kabul mit beiden Händen unterschreiben würden:

«Nikab-Trägerinnen in Europa sind typischer­weise unabhängige und selbst­bestimmte Frauen, die ihren Fundamentalismus gegen den Willen ihrer Familie praktizieren.»

 

Eine typisch-selbstbestimmte afghanische Frau …

Von einem solchen Schwachsinn ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Erkenntnis, dass die religiösen Wahnsinnigen in Kabul ja eigentlich auch nur unabhängige und selbstbestimmte Frauen möchten; eben unter dem Nikab.

Vorne Selbstbestimmung, im Schaufenster Dekadenz.

Gut, es ist vielleicht unfair, die «Republik» an der schreibenden Schmachtlocke zu messen. Was hat das Weltblatt denn nach der Rückkehr aus der erholsamen Alpenluft bezüglich Afghanistan hingekriegt? Sagenhafte 8 Erwähnungen seit dem 16. August.

Zwei Hintergrund-Analysen aus dem Hause «Republik».

Nun mal im Ernst, auch hier kommt das Stichwort Afghanistan vor:

Laschet und Afghanistan? Aber sicher.

Zugegeben, es ist zum Verzweifeln, wenn man dem Online-Magazin der vertieften Denke und der kompetenten Analyse Aussagen zu Afghanistan entlocken will. Da muss man halt nehmen, was man kriegt. Zum Beispiel diesen Rempler in einem nichtssagenden Porträt des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet:

«Und noch vor kurzem, als die Taliban schon vor Kabul standen, hat Laschet verkündet, Abschiebungen nach Afghanistan seien in Ordnung. Geflüchtete, die kriminell geworden seien, hätten ohnehin «ihr Gastrecht verwirkt». Nun, da das absehbare, schreckliche Drama sich entfaltet, fällt Laschet dazu vor allem ein, vor einer neuen Flüchtlings­welle zu warnen: «2015 darf sich nicht wiederholen», sagte er, während in Kabul Verzweifelte von Flugzeugen in den Tod stürzten.»

Bei aller berechtigten Kritik an Laschet: Das ist immerhin entschieden mehr, als der «Republik» zu diesem Thema bislang eingefallen ist. Auch auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen: Wer sich «Verleger» eines solchen Masken-Magazins nennt, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Afghanistan: Medien im Vollschleier

Der Verkauf einer Zeitung ähnelt immer mehr der Wegelagerei.

Kleine Meldungen können zumindest verzweifelt erheitern. So lud die US Army 640 Afghanen in ein einziges Flugzeug, um sie aus Kabul zu evakuieren. Das nennt man Effizienz. Deutschland, früher mal für Effizienz bekannt, hat auch eine Maschine zum Einsatz gebracht. Allerdings: bloss sieben Afghanen schafften es an Bord.

Immerhin: Das schafft die US Air Force.

Für solche Meldungen ist Tamedia zu haben:

Der «Tages-Anzeiger» erfreut seine Leser (sogar ohne Bezahlschranke) zudem mit einer Analyse zu einem Thema, das viele umtreibt: Wieso ist die afghanische Armee dermassen schnell zu Staub zerfallen?

Wie kann man es erklären, dass Multimilliarden in angeblich 300’000 Soldaten investiert wurden, Ausrüstung, Beratung, High-Tech-Waffen, unterstützt von allem, was moderne Drohnen-Kriegsführung zu bieten hat. Inklusive Fernbombardierungen von Zusammenballungen von Taliban-Kämpfern. Leider wurde ab und an eine Hochzeitsgesellschaft damit verwechselt. Im dümmsten Fall auch die anschliessende Trauerfeier nochmal bombardiert.

Die Analyse im «Tages-Anzeiger»: Qualität halt, die kostet.

Aber wie auch immer, wie kann das erklärt werden? Joachim Käppner hat ein paar Antworten, die Tamedia am Dienstag um haargenau 10.11 Uhr ihren Lesern serviert. Qualitätsmedien halt, das macht den Unterschied, das liest man nur hier, da steckt Eigenleistung dahinter.

Eigenleistung kann auch geliehen werden

Eigenleistung? Um 9.12 Uhr hatte die «Süddeutsche Zeitung» ihren Lesern bereits den gleichen Artikel kredenzt. Mit dem gleichen Titel, gleichen Inhalt, gleichen Autor. Offenbar brauchte die Qualitäts-Auslandredaktion von Tamedia eine Stunde, um das ß durch ss zu ersetzen, und falls irgendwo von «parken» die Rede war, musste das natürlich zu «parkieren» eingeschweizert werden. Ach, und ein anderes (schlechteres) Foto verwendet Tamedia auch.

Das Original; man beachte den gewaltigen Unterschied im Titel.

Wie das? Nun, Dr. Käppner ist «Leitender Redakteur, Innenpolitik» bei der SZ. Pardon, also Redaktor. Das befähigt ihn offensichtlich zu einer Ferndiagnose der Ursachen des widerstands- und beispiellosen Zusammenbruchs der afghanischen Armee (ANSF): «Die ANSF dagegen sind die Armee eines Staates, der nicht funktionierte, und so konnte sie das auch nicht tun.»

Die gleiche tiefschürfende Erkenntnis legte die SZ übrigens ihren Abonnenten bereits am frühen Morgen mit der Printausgabe in den Briefkasten. Denen würde die Wiederholung des Artikels um 10.11 Uhr in den Qualitätsmedien von Tamedia also nur ein müdes Gähnen entlocken.

Was der Artikel mangels Tiefe der Analyse allerdings überall und jederzeit schafft. Nebenbei drischt der Autor, das ist bei SZ obligatorisch, im Nachgang auf den Ex-Präsidenten Trump ein, dem das Schicksal Afghanistans herzlich egal gewesen sei. Was sein Versagen auch hier deutlich zeigt und in völligem Kontrast zu Onkel Biden steht; dem neuen US-Präsidenten liegt das Schicksal Afghanistans offensichtlich ausgesprochen am Herzen.

Ist nichts wert, kostet aber

Wohlgemerkt verlangt Tamedia für diesen aufgewärmten Dünnpfiff satte 581 Franken im Jahr, will man auch noch die SoZ in Print und digital, lässt man 751 Franken liegen. Will man’s digital als E-Paper, muss man immerhin 319 Franken abdrücken. Oder man wählt das schnuckelige Abo «Weekend». Für schlappe 399 Franken ist dann am Samstag und am Sonntag Papier im Briefkasten, das E-Paper während der Woche und alle Abo-Inhalte digital inklusive.

Bei einem solchen Angebot muss man doch zugreifen, liebe ZACKBUM-Leser. Wer’s schon hat, bereut es keine Sekunde, wer’s nicht hat, dem entgehen wichtige Informationen und Zusammenhänge. Nein, das ist nicht unser Ernst.

Die Bestseller aus dem Hause Tamedia.

Mediales Desaster Afghanistan

Was bieten die Schweizer Medien? Erbärmliches, Newsticker und Wiedergekäutes.

Es ist ein Ereignis von der Dimension des Endes des Vietnamkriegs.

Das Dach der US-Botschaft in Saigon, 1975.

Das Dach der US-Botschaft in Kabul, 2021:

Zusammenstellung der deutschen «Bild»-Zeitung …

1975 war mediale Steinzeit, im Vergleich zu heute. Gerade war eine moderne Datenübertragungsmaschine erfunden worden: das Faxgerät.

Aller Anfang ist klobig.

Kein Vergleich zu heute; Internet, real time Videos, man kann live dabeisein, wie Kabul in die Hände der Taliban fällt. Kaum hat eine ihrer Horden am Schreibtisch des geflohenen Präsidenten Platz genommen, geht das Bild bereits um die Welt. Denn auch die Taliban sind nicht mehr die Steinzeitkrieger von früher. Sie wissen sehr genau, mit welchen Bildern und Aussagen sie die Medien beliefern müssen.

«Respekt vor dem Rechtsstaat», natürlich auch vor Frauen, keine Massaker mehr, keine Massenvergewaltigungen, keine Plünderungen, alles ganz friedlich und zivilisiert diesmal. Aber eben auch sehr überraschend für die ausgedünnten News-Redaktionen der Schweizer Medien. Was macht man da? Man verzichtet weitgehend auf alles, wofür man eigentlich Geld verlangen könnte. Nämlich Einordnung, Analyse, Hintergründe. Stattdessen gibt’s den «Newsticker».

Ein Euphemismus für: wir haben doch auch keine Ahnung und schütten einfach ins Blatt, was zugeliefert wird.

Die Newsquelle mit der höchsten Einschaltquote.

 

Es wird getickert, was der Ticker hergibt.

Neben Getickertem, was können die Qualitätsmedien sonst noch bieten? Natürlich, der «Experte» muss ans Gerät. Nur: wer? Glücklicherweise gibt es da die Allzweckwaffe für alle Gelegenheiten, der einzig wahre Nachfolger von Peter Scholl-Latour selig. Natürlich, es handelt sich um Erich Gysling, 85.

Der «Blick» war am schnellsten.

Aber immerhin, bislang hat noch keine Auslandredaktion, selbst wenn sie nur noch aus zwei Personen besteht wie bei CH Media, Afghane so verwechselt:

Handgeknüpfter, nicht aufgeknüpfter Afghane.

Aber wer nach Hintergründen, Analysen, Erklärungen sucht, der muss auf angelsächsische Medien ausweichen. Englischkenntnisse allerdings vorausgesetzt.

Plofessolales oder joulnalistisches Velsagen?

Auch die NZZ pflegt den modernen Recherchierjournalismus. Anfüttern lassen, draufhauen.

Die HSG hat ziemlich Pech mit ihrem Personal. Bis in die Führungsebene hinein sind die Professoren nicht gerade Lichtgestalten. Nebenjobs, Verwicklungen, Versagen. Alleine ein Johannes Rüegg-Stürm reicht aus, um das Image nachhaltig zu beschädigen.

Wohlbezahlter Vollversager als VR-Präsident bei Raiffeisen, wo er alle schummrigen Spesenabrechnungen von Pierin Vincenz durchwinkte – und gleichzeitig Direktor des HSG-Instituts für «Public Governance». Als VR-Präsident trat er mitten in der Krise zackig zurück, an seiner Professur hält er eisern fest.

Illustrierte Wirklichkeit in der NZZ. Bloss: reine Fiktion.

Nun noch das: «So weit reicht Chinas Einfluss auf Schweizer Hochschulen», titelt die NZZ ein Gewaltsstück mit republikanisch langen 20’000 Anschlägen. Die Story: ein Doktorand der HSG twittert Kritisches über die chinesische Regierung, daraufhin wird er um Ruhe gebeten – schliesslich als Doktorand rausgepfeffert.

In üblicher Manier aufbereitet und aufgepumpt

Toller Skandal, oder wie sich die NZZ mit einem szenischen Einstieg versucht: Als das Opfer vernimmt, «dass seine Tweets ihn seinen künftigen Doktortitel kosten könnten, sitzt er in seinem alten Kinderzimmer».

Er solle seine politische Ausdrucksweise auf den Social Media sofort mässigen, habe ihm seine HSG-Professorin geschrieben. Dabei hat der Student doch bloss getwittert:

«So handeln paranoide Feiglinge. Sie haben weder meinen Respekt noch meine Dankbarkeit verdient. #ChinaLiedPeopleDied»».

Wie auch immer, als ihn auch seine chinesische Freundin darum bittet, sich zu mässigen, zitiert die NZZ seine Reaktion: «Ich bin in der Schweiz, nicht in China», antwortet er. «Hier kann ich sagen, was ich will.»

Oder nicht? Nun, die NZZ weiss: «Die HSG hat fünfzehn Abkommen und damit fast doppelt so viele wie die ETH. An der HSG gibt es zudem seit acht Jahren ein «China Competence Center», dessen Ziel es ist, die «produktiven Beziehungen zu China zu stärken und zu vertiefen».»

Aha.

Dem Opfer wird dann noch sein HSG-Mail-Account gesperrt, die Professorin und die Uni will nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er ist exmatrikuliert und wird auch nicht mehr an der HSG immatrikuliert, seine Doktorarbeit ist für die Katz, «es fühlte sich an, als sei ich über Nacht eliminiert worden», jammert das Opfer.

Eine fabelhafte Geschichte. Aber eine Fabel

Das ist eine fabelhafte Geschichte. Das ist eine Fabel, keine Geschichte. Denn eigentlich stimmt daran – nichts. Ausser, dass sie sich schon vor anderthalb Jahren zutrug und das Opfer sich erst lange danach entschloss, via NZZ Rache zu nehmen.

Natürlich rudert die übrige Medienmeute gleich hinterher:

«20 Minuten» im Streubereich der Wahrheit.

Die Fakten sind folgende. Das Opfer begann tatsächlich eine Doktorarbeit an der HSG. Gleichzeitig bekam es aber auch ein Dreijahresstipendium an einer chinesischen Uni.  Ausgerechnet in Wuhan. Es fliegt dorthin, verliebt sich und schreibt an seiner Doktorarbeit. Nebenbei reicht es ein Essay über chinesische Umerziehungslager ein – und wundert sich, dass es dafür die schlechteste Note bekommt.

Nun kann man nicht gleichzeitig an zwei Unis doktorieren, bzw. das wäre ein ziemlich komplizierter Prozess. Zudem gibt es an der HSG ein Zeitlimit für das Einreichen einer Dissertation. Also wird dem Opfer geraten, sich in St. Gallen zu exmatrikulieren – in erster Linie, damit diese Zeitlimite aufgehoben wird. Eine spätere Wiederimmatrikulierung sei möglich, wird dem Opfer bedeutet.

Wenn es keine Beziehung gibt, kann die auch nicht beendet werden …

Wohlgemerkt besteht also seit 2018 keinerlei offizielle Beziehung mehr zwischen dem Opfer und der HSG. Trotzdem wird aus Goodwill das Betreuungsverhältnis fortgesetzt und der Dokorand kann auch seinen E-Mail-Account an der Uni behalten.

Aber in der NZZ darf er der Uni vorwerfen, «dass sie ihn wegen seiner kritischen Tweets hinausgeworfen hat». Nicht mal Konjunktiv im Qualitätsblatt. Es behauptet zudem: «Der NZZ liegen Kopien dieser Tweets sowie Gerbers* Korrespondenz mit der Professorin und anderen HSG-Vertretern vor. Sie stützen weitgehend die Position des ehemaligen Doktoranden.» (*Pseudonym in der NZZ.)

Es darf noch einen draufsetzen:

««Ich kann nicht fassen, dass so etwas in der Schweiz passiert ist.» Sein dreijähriger Forschungsaufwand: zerstört wegen eines Tweets.»

Ist das so? Ist eine Schweizer Uni in vorauseilendem Gehorsam eingeknickt, schmeisst einen Doktoranden raus, bloss weil der sich in ein paar Tweets kritisch über die chinesische Regierung geäussert hat?

Ein Doktorand und sein Verhältnis zur Realität

So mag das der Doktorand sich schönreden, nur: ein exmatrikulierter Student kann nicht hinausgeschmissen werden. Er kann auch nicht doktorieren. Sein Problem ist nicht die HSG, sondern die Pandemie, wegen der er nach einem nur als Kurzurlaub geplanten Besuch in der Schweiz an Weihnachten 2019 nicht mehr nach Wuhan zurückkehren konnte. Deshalb hängt seine dortige Dissertation in der Luft, deshalb wollte er sich dann wieder zur HSG zurückorientieren.

Die müsste ihn dafür aber wieder immatrikulieren, wovon sie allerdings Abstand nimmt. Dumm gelaufen. Die Rückkehr an die HSG hat sich der Doktorand spätestens mit diesem Artikel in der NZZ endgültig verbaut. Das ist seine Entscheidung.

Wieso allerdings die NZZ auch damit anfängt, sich anfüttern zu lassen, Gegenmeinungen nur kursorisch und pro forma einzuholen – und auch wider besseres Wissen am Narrativ des Doktoranden festhält – das bleibt das süsse Geheimnis der Redaktion des Weltblatts.

Immer wiederAnlass zur Warnung: die gelbe Gefahr …

Der Prorektor der HSG darf zwar richtigstellen, dass es sich um einen anderen Tweet des Doktoranden gehandelt habe, der eindeutig als «rassistisch wahrgenommen wurde». Im Übrigen sei die Betreuung rein freiwillig erfolgt und «es sei «gutes Recht» der Professorin, diese jederzeit zu beenden, wenn das Vertrauensverhältnis gestört sei. Weiter habe Gerber kein vollständiges Gesuch zur erneuten Immatrikulation gestellt, sondern versucht, seine Reimmatrikulation zu erzwingen».

Aber macht ja nix, wieso soll man sich davon den schönen Titel über einen angeblichen chinesischen Einfluss auf Schweizer Hochschulen kaputt machen lassen. Der mag ja existieren. Aber dieses Beispiel zeichnet sich nur durch eines aus: seine Untauglichkeit.

 

 

Hilfe, mein Papagei onaniert!

Zur Erinnerung: das war ein Titel aus der Qualitätszeitung SoZ. Hier dient er für die Sammlung von Bescheuertem.

Man muss so dreinschauen, um richtig Schwachsinn erzählen zu dürfen:

Der dunkle Seher mit dem grimmigen Blick.

Denn Verpackung ist alles, wenn der Inhalt nichts ist. Der Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, in jeder Beziehung das Symbol für den Niedergang von Literatur, Preisvergabe und Kultur, darf mal wieder im Organ für die gebildeten Stände, für tiefes Nachdenken und hohes Niveau, Gedankengänge tieferlegen:

«Raven Saunders hatte Glück. Während der Olympischen Spiele starb ihre Mutter.»

Völlig egal, in welchem Zusammenhang der Schrumpfkopf diesen Satz für den «SonntagsBlick» formulierte: nie bedauerten wir mehr, dass der Titel «Schriftsteller» nicht aberkannt werden kann. Wir hingegen hatten Pech: Bärfuss hat weiterhin keinen Schreibstau.

Mangels anderer Objekte für Beschimpfungen geht es Bärfuss diesmal ums IOC, um das Olympische Komitee. Das habe seinen Sitz «in einem Land auch, mit dem es nicht nur viele Werte, wie etwa die Neutralität, sondern auch manche Funktionäre und sogar die Soldatinnen teilt.»

Tief sei das Dichterwort, dunkel und raunend. Für uns Normalsterbliche nicht leicht zu durchdringen oder zu verstehen. Das ist doch der Sinn der Dichtung seit Platon und so. Aber Bärfuss ist nicht nur Dichter, dabei nicht dicht. Sondern auch noch Rechtsgelehrter. Doch, diese Disziplin beherrscht er auch (man beachte das dichterisch nachgestellte «auch»), was bei der Fülle seiner sonstigen Fähigkeiten vielleicht etwas unterging:

«Die Reglemente für die Olympischen Spiele, festgehalten in der Charta, gehen weit darüber hinaus und untersagen den Sportlerinnen und Sportlern, ihr Recht auf freie Meinungsäusserung wahrzunehmen. Nicht nur in der Schweiz ist dies ein Grundrecht. Und ein Vertrag, der verlangt, auf dieses oder einen anderen Grund zu verzichten, ist nach dem Schweizerischen Zivilgesetzbuch sittenwidrig und damit ungültig. Art. 27 ZGB definiert: «Niemand kann sich seiner Freiheit entäussern oder sich in ihrem Gebrauch in einem das Recht oder die Sittlichkeit verletzenden Grade beschränken.»»

Wir wissen nun, dass die Jurisprudenz echt Schwein gehabt hat. Denn in erster Linie vergeht sich Bärfuss an der Sprache, an der Logik und am argumentativen Essay. Wenn wir uns schreckensbleich vorstellen, dass er sich am Rechtsstaat vergreifen würde, wird uns ganz anders.

Immerhin, wenn Bärfuss seine seherischen Fähigkeiten bemüht, darf gelacht werden. So sah er schon italienische Zustände bei der Corona-Pandemie in der Schweiz um der Ecke lauern; also Chaos, Leichenberge, schlimm. Traf nicht ein, aber wer sehen kann, kann’s nicht lassen:

«Tokio ist vorbei, aber nach den Spielen ist vor den Spielen. Und die Kritik wird lauter.»

Nun gut, es soll in der Schweiz ausgezeichnete Hals-Nasen-Ohrenärzte geben, wirklich wahr.

Aber bevor ärztliche Kunst zum Einsatz kommen kann, schwingt sich Bärfuss wie in jeder seiner SoBli-Kolumnen zum abschliessenden Crescendo auf:

«Im nächsten Februar werden Soldatinnen und Soldaten der Schweizer Armee ihren Dienst fürs Vaterland im fernen Peking leisten. Offizielle Vertreter der Schweiz werden damit Teil der chinesischen Propaganda, werden Werbung machen für deren Verletzung der Menschenrechte und für den Genozid an der uigurischen Minderheit. Die jungen Menschen werden für den Kommerz und autoritäres Regime instrumentalisiert. Der militärisch-industrielle Komplex, der die totale finanzielle, politische und sportliche Macht in seinen Händen hält und ihnen sogar die Grundrechte nimmt, zwingt sie, zu diesem Unrecht zu schweigen.»

Oh, ihr Tellensöhne (und -töchter), beruft Euch auf Art. 27 ZGB und erhebt die Stimme gegen solches Unrecht.

Vertraut den seherischen Fähigkeiten des Dichters. Der männlichen Kassandra, der leider niemand glaubt.

Denn auch für die Zukunft der Schweizer Zivilgesellschaft hat Bärfuss nur dunkle Aussichten anzubieten: «Drei Lebenshaltungen werden die Post-Covid-Gesellschaft prägen: die Genusssucht, die Verzichtskultur und jene, die alles der Wirtschaft unterordnet.»

Wir gestatten uns nur ermattet die Frage: wie kann ein Verlagshaus im Ernst annehmen, dass es Konsumenten gibt, die für einen solchen Unfug, der gurgelnd durch das Regenrohr in den Boden sickert, Geld ausgeben wollen?

Schwund herrscht leider überall, auch in der SoZ

Aber auch Qualitätsmedien leiden unter Schwund. Schwund an allem. Platz, Gehirnschmalz, Themen und Kompetenz. Wenn dir gar nichts, aber wirklich nichts einfällt als Blattmacher, was machst du dann? Richtig geraten, dann machst du das hier:

Oder die vierte Welle ist zu hoch. Oder das Aufmerksamkeitsdefizit …

Inhalt, Aussage, Relevanz, Newswert? Egal, eine Seite der «SonntagsZeitung» ist gefüllt, uff.

Aber oh Schreck, nach der vollen Seite droht die nächste leere Seite, nur unzulänglich mit einem der seltenen Inserate gefüllt. Also gut, dann halt nochmal:

Die Buzzwords vereint: Corona, SVP, Angriff.

Geradezu ein Geniestreich. Nochmal Covid, diesmal in Verbindung mit dem Feindbild SVP. Uff. Aber, alte Blattmacherregel, nach der vollen Seite ist vor der leeren Seite. Nun, da hilft nur noch ein Trend. Also ein kleiner Trend mit einem riesengrossen Foto:

Ist das noch Korrekt-Deutsch?

 

Das nimmt ZACKBUM allerdings persönlich, denn wir sind weder Agglo-Jungs, noch fahren wir das ohne Helm, noch sind wir Jungs:

Unser Chopper, Frechheit aber auch.

Das ist das Dienstfahrzeug von ZACKBUM, allerdings schon ein Jahr in Betrieb. Sind wir nun die Vor-Trendsetter? Einfach ohne Agglo und Jungs?

Was macht der Blattmacher, wenn er Covid, Agglo und Trend durchhat? Er verzweifelt? Fast; er ruft in den Raum: wo bleibt das Klima? Nein, bitte nicht mehr den Bericht, der ist inzwischen älter als das Gewitter von vorgestern. Aber Klima, Berg, Schweiz, da muss doch etwas gehen.

Geht doch:

Es gibt noch mutige Tellensöhne.

Geröllbrocken, Gezimmertes, ein trutziger Gemeindepräsident, uns Ogi, die beruhigende Nachricht, dabei dachten wir schon, dass Kandersteg selbstmordgefährdet sei. Uff.

Gibt es sonst noch News aus aller Welt, womit kann man den Leser in der Sonntagshitze kalt abduschen? Mit einer brandneuen, geradezu Waldbrände verursachenden Erkenntnis:

Datum anstreichen: seit dem 15. August weiss das die Welt.

Dabei muss auch die SoZ vorsichtig herumeiern:

Ich weiss nicht, was soll ich bedeuten …

«Soll fallengelassen haben»; ist natürlich blöd, wenn der «Tages-Anzeiger» dieser Ente nachwatschelte und kräftig Erregungsbewirtschaftung betrieb. Bloss: kommt halt davon, wenn man sich dem modernen Recherchierjournalismus verschreibt. Man sitzt in seinem Käfig im Newsroom und lässt sich von einem gelinde gesagt eher merkwürdigen Studenten anfüttern.

Geht noch einer? Also gut, ein letzter:

Früher gab es nur BB, heute sogar BBB, dank der SoZ.

Die News ist alt, aber wenn man schon so einen schönen alliterierenden Titel hat, auch eine brandaktuelle Fotografie, dann kann man doch nicht widerstehen, den Leser mit Aufgebackenem zu langweilen.

Wir entlassen mit der NZZaS in diesen Montag

Wo bleiben Gerechtigkeit und die NZZaS? Also gut, eine Duftnote am Schluss. Die gute Nachricht zuerst: die schreibende Sparmassnahme, der Wortschnitzer aus dem Pensionärswinkel, also Rentner Müller macht Pause bei der Medienkritik. Die schlechte Nachricht: deshalb ist Aline Wanner dran.

Die wurde von einer Fotografie berührt, die auch auf der Frontseite der NZZ war. Eine alte Frau, Panayiota Noumidi, 81,vor der Feuerhölle auf der griechischen Insel Euböä. Sicherlich anrührend, ein lucky shot, wie man das in der zynischen Fotografensprache nennt. Das hat Wanner berührt, geradezu angefasst, überwältigt. Das ist schön für sie, dass sie zu solch menschlichen Regungen fähig ist.

Nur: wozu und wohin bewegen Medien?

Aber wenn Gefühle regieren, hat der Denkapparat Sendepause:

«In einem Sommer, in dem der Klimawandel so nah und präsent ist wie kaum je zuvor, wurde plötzlich klar: Wir alle könnten Panayiota Noumidi sein.»

Öhm, also da sagen wir mal: nein. Wir alle könnten Charlie Hebdo sein, wir könnten sogar Fidel sein, wir können mit #metoo dabei sein, auch beim #aufschrei oder gar #netzcourage und gegen Hass und Hetze im Internet hassvoll hetzen.

Es darf peinlich berührt gelacht werden.

Aber, Pardon, Noumidi könnten wir nicht sein. Wanner nicht, ZACKBUM nicht, ihre Leser nicht, unsere Leser nicht, Sorry, geht nicht, blöder Schluss, falsches Pathos, statt ins Erhabene abgeschwirrt ins Lächerliche geplumpst. Kommt halt davon, wenn es keine anständige Medienkritik mehr gibt.

 

 

 

Corona? War da mal was?

Lockerungen, Tests nicht mehr gratis, Wissenschaftler warnt. Alles normal.

Wollen wir mal über die Kosten der Corona-Bekämpfung sprechen? Ihre Auswirkungen auf Wirtschaft, Gesellschaft, Sozialsysteme, die Zukunft? Ach was, das zahlen doch die nächsten Generationen, also was kümmert uns das.

Ein wichtiges Anliegen aller Virologen ist es nach wie vor, immer mal wieder in den Medien aufzutauchen. Denn sie spüren, dass sich die das Ablaufdatum ihres Promi-Status nähert. Ist Corona mal vorbei, heisst es wieder zurück ins Labor, und kein Schwein schaut. Nur wenigen ist es gelungen, wie Marcel Salathé zum Status eines Superstars aufzusteigen und sich beruflich deutlich zu verbessern.

Der «Infektiologe» Jan Fehr spielt in der unteren Mittelliga, was seine Bekanntheit und die Anzahl seiner Auftritte in den Medien betrifft. Aber er hat sich mal wieder ein Interview im Blatt mit dem Regenrohr im Titel ergattert. Was tut er im «Blick»? Richtig, er «warnt»:

«Wir brauchen eine Impfquote von 80 Prozent».

Interviewt wird er übrigens von Ladina Triaca. Die eignet sich in der Ringier-Journalistenschule das nötige Rüstzeug an und kann als ausgebildete Virologin Fehr auf Augenhöhe begegnen. Oh, Pardon, sie ist ausgebildete Politologin, aber immerhin, die Endung ist doch die gleiche.

Alles Stehsatz oder was.

So darf Fehr routiniert das ganze Klavier der Corona-Themen bespielen. «Überlastung der Spitäler ist nach wie vor nicht ausgeschlossen», «wir müssen also mehr tun», «nicht der Zeitpunkt, die Tests kostenpflichtig zu machen», «kann nicht sein, dass wir extra ein Zertifikat geschaffen haben und es dann nicht zum Einsatz kommt».

Richtiges Foto, Name stimmt: alles Wichtige richtig gemacht.

Das ist nun alles etwas lauwarm, einen richtigen Knaller hat Fehr nicht auf Lager, so schafft er es nie in die erste Liga. Vor dem Abstieg in die Amateurliga gibt Martin Ackermann im gleichen Organ sein «Abschiedsinterview». Die Fragen stellt Guido Schätti. Der Wirtschaftsjournalist wurde vor Kurzem wegen Guy Lachappelle in den Senkel gestellt und flüchtet sich lieber in weniger konfliktive Themen.

Der letzte kleine Auftritt des grossen Ackermann

Ackermann darf nochmal in die ganz grosse Tröte blasen.

«Ich lag jede Nacht wach»,

erinnert er sich mit Schaudern an «die schlimmste Zeit seines Lebens». Er war «das Gesicht» der Task Force to the Bundesrat. Die Landesregierung hatte sich dieses Gremium geschaffen, um unabhängiger von den Expertenscharen in den Bundesämtern zu werden. Diese Truppe von Wissenschaftlern hätte eigentlich diskret den Bundesrat beraten sollen und nur in Absprache mit dem BAG an die Öffentlichkeit gehen.

Aber aus Profilierungssucht schwang sich die Task Force unter Ackermann zum Oberlehrer auf, beraumte eigene Pressekonferenzen ein und masste sich an, allen anderen, inklusive Bundesrat, Noten zu verteilen und Forderungen aufzustellen. Wohlfeil und verantwortungsfrei.

So kannte man Ackermann: platzend vor Wichtigkeit.

Schliesslich platzte selbst dem geduldigen BR Alain Berset der Kragen und er sah sich genötigt, darauf hinzuweisen, dass Expertenmeinungen zwar wichtig seien, die Entscheidungen aber immer noch von den dafür gewählten Volksvertretern getroffen werden, nicht von der Task Force.

Aber vor solchen kritischen Themen schreckt Schätti natürlich zurück, sein Auftrag ist offensichtlich, ein Wohlfühl-Interview zu führen, nach der Massgabe: Mit welcher Frage kann ich Ihnen möglichst tief in den Enddarm eindringen?

Kuscheliges Wohlfühlen-Interview

Daher darf auch Ackermann das murmeln, was man halt so sagt, wenn nur mit Wattebäuschen geworfen wird. Wie wird die vierte Welle? «Eine Prognose ist extrem schwierig.» Ausweitung der Zertifikat-Pflicht? «Das ist ein politischer Entscheid.» Impfpflicht? «Ich habe keine Mühe zu akzeptieren, wenn sich jemand bewusst gegen eine Impfung entscheidet.» Eigene Bedeutung?  «Ich bin froh, wenn sich die Taskforce möglichst schnell auflösen kann.» Krachende Fehlprognosen im Frühling 2021? «Ja, zum Glück lagen wir falsch.» Kritik an ihm? «Die Anfeindungen gingen an die Substanz.»

Schliesslich die Frage aller Fragen, wie hat Ackermann seine Tätigkeit «als Mensch» erlebt?

«Ich habe noch nie eine derart schwierige Zeit erlebt. Das Ausmass an Stress ging weit über das hinaus, was ich zuvor kannte.»

So gurgelt dieses Nicht-Interview das Regenrohr hinunter und versickert geräuschlos im Nichts. Ackermann ist wieder handzahm geworfen, denn ihm fehlt nun die Plattform, um sich als ständiger Gast in der «Tagesschau» und überall sonst zu profilieren. Also geht’s zurück ins Labor, zurück in den Kampf um Forschungsgelder, Assistenten und Doktoranden, zurück ins beschauliche Leben einer grauen Labormaus, an deren Tätigkeit die Öffentlichkeit nicht wirklich Anteil nimmt.

Um das zu symbolisieren, zeigt sich die Aufnahmequalität bei «Blick TV» in sehr bescheidener Unschärfe:

Gewählte Gemeinplätze aus professoralem Mund.

Es darf gelacht werden: schallend

Eine Sumpfblütenlese der besonderen Art. Ausgewählte Knaller in jeder Niedrigschreibklasse.

Zugegeben, damit setzen wir ein Niveau, das anspruchsvoll tief ist. Aber es ist halt unser Liebling dieses verregneten Sommers:

Der Ruf der Natur …

Zugegeben. selten so gerührt gewesen, seit wir das Lied «Mein Freund, der Baum ist tot» von Alexandra gehört haben, und das war immerhin schon 1968. Das wäre wohl nicht geschehen, wenn schon damals diese Hammeridee von Markus Schärli in der «Republik» zum Tragen gekommen wäre:

«Ein Fluss, der mit Rechts­persönlichkeit ausgestattet wird, kann seine Interessen vertreten und dazu sämtliche rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, die der Staat mit seiner Rechts­ordnung zur Verfügung stellt.»

Nun stehen uns zweifellos Primaten näher als Flüsse, da sind wir aber auch schon ein paar Schritte weiter, zumindest in Argentinien:

«Richterin María Alejandra Mauricio entschied 2016, dass die Schimpansin keine Sache sei, die der Zoo besitzen könne, sondern ein Rechts­subjekt mit eigenen Ansprüchen an ein artgerechtes Leben. Cecilia ist kein Einzelfall. Dass nicht­menschliche Wesen als Teil unserer Gesellschaft über Grund­rechte verfügen müssten, versucht die Initiative «Grundrechte für Primaten» im Kanton Basel-Stadt durchzusetzen.»

Wenn Tiere und Natur mehr Rechte hätten …

Leider kommen diese edlen Versuche für den Makaken Naruto zu spät:

Das war ein Selfie mit Folgen.
(Bildzitat mit Erlaubnis des Affen)

Der Tierfotograf David Slater hatte im indonesischen Dschungel seine Kamera so vorbereitet, dass Tiere sich damit knipsen konnten. Das hat ihn weitgehend ruiniert. Denn zunächst wurde sein Copyright an diesem Schnappschuss nicht anerkannt und das Bild millionenfach verbreitet. Damit nicht genug des Ungemachs. Die US-Tierschutzorganisation PETA klagte im Namen des Affen darauf, dass ihm selbst allfällige Einnahmen zustehen würden.

Zermürbt durch die Gerichtskosten hatte sich der Affe, Pardon, der Fotograf, bereits auf einen Deal mit den Tierschützern eingelassen und ihnen zugesagt, 25 Prozent allfälliger Einnahmen dem Affen zu spenden, bzw. für äffische Angelegenheiten. Die zogen daraufhin ihre Klage zurück. Aber ein Berufungsgericht entschied rechtsgültig, dass dieser Vergleich unzulässig sei.

Das Urheberrecht wurde endgültig dem Fotografen zugesprochen. Zum einen, weil der Affe keine Rechts- und Prozessfähigkeit besitzt. Zum zweiten, weil PETA nur aus Eigeninteresse und nicht für den Affen gehandelt habe. Und zum dritten, weil der schöpferische Akt vom Fotografen stammt, der überhaupt die Voraussetzungen dafür schuf, dass sich der Affe fotografieren konnte.

Aber ein Essay von sagenhaften 20’000 Anschlägen darüber, ohne dass erkennbar wäre, dass sich der Autor über das Thema oder die Leser lustig machen wollte. Man kann es nur hoffen.

Unbedachte Folgewirkungen

Eines der vielen Probleme, die sich mit der Forderung nach Rechtspersönlichkeit für Natur und Tiere stellt: wer weiss denn wirklich, was der Fluss will? Oder das Schwein? Will der Fluss überschwemmen? Empfände er es als Eingriff in seine persönliche Freiheit, gestaut, gebändigt, kanalisiert zu werden? Was sagt das Schwein dazu, dass seine Koteletts geliebt werden? Werden Schlachthöfe als Orte eines schrecklichen Massenmords geschlossen und in Gedenkstätten verwandelt?

Wie sieht es mit den Rechten von Stechmücken, Lawinen oder Bergen aus, die vielleicht gar nicht bestiegen werden wollen? Wir sehen, da sind noch grosse Felder des Unwissens zu beackern. Apropos, will die Erde eigentlich beackert werden? Hat sie schon jemals einer um Erlaubnis gefragt? Ihre Antwort gehört?

Es geht auch mit anderem geliehenem Blödsinn

Knapp gefolgt wird das Naturrecht von einer zweiten «Republik»-Story. Gleich 28’000 Anschläge versammeln sich unter diesem knackigen Titel:

Angriffiger Titel, dummdreister Text.

Zunächst muss man hier der «Republik» als mildernden Umstand anrechnen, dass der Text eingekauft und übersetzt ist. Dazu sollte man vielleicht wissen, dass «Tribune» eine grosse Tradition als sozialistische Stimme gegen den aufkommenden Faschismus in Europa hatte. 1937 gegründet, versammelte sie Schreibgrössen wie George Orwell, Upton Sinclair, HG Wells, Doris Lessing oder George Bernard Shaw unter ihren Autoren. Long, long ago, dann wurde sie 2018 aus dem Grab gehoben und beschämt nun die ehemaligen Schreibkräfte, die sich nicht mehr dagegen wehren können.

Hier hat also ein Quinn Slobodian eine Kampfschrift veröffentlicht, mit der er die Wurzeln der populistischen Bewegungen im Neoliberalismus freilegen möchte. Den er wiederum mit den Schriften von Friedrich Hayek gleichsetzt. Dazu befähigt ihn seine Tätigkeit als Geschichtslehrer am Wellesley College in Massachusetts. Für läppische 50’000 Dollar Studiengebühren werden hier ausschliesslich Frauen unterrichtet.

Eine These, ein Gedanke, viele, viele Buchstaben

Slobodian möchte damit punkten, dass seiner Meinung nach populistische Parteien sich als Globalisierungsgegner verstehen, daher auch Globalisierungsverlierer um sich scharen und somit den Welthandelsideen des Neoliberalismus kritisch gegenüberstünden. Populisten setzen auf Nationalismus, auf einen Volksbegriff, unantastbare Souveränität, gemeinsame kulturelle Werte. Während die Wirtschaftseliten der neoliberalen Hayek-Weltordnung transnational, weder kulturell noch sonst wie heimatverbunden seien.

Aber:

«Wenn wir genauer hinschauen, sehen wir, dass wichtige Gruppierungen der neu entstehenden Rechten in Wirklichkeit Abwandlungen des Neoliberalismus sind.»

Damit ist seine Idee eigentlich schon auserzählt, das haben kurze Gedanken so an sich. Aber die Kunst eines guten Schreibers besteht natürlich darin, einen solchen Gedankenblitz in ein anhaltendes Gewitter mit Donner, Paukenschlägen und viel, viel Regentropfen zu verwandeln. Da trifft es sich gut, dass bei der «Republik» die Kenntnisse der Schriften von Friedrich Hayek sich höchstens auf den Titel seines Buchs «Der Weg zur Knechtschaft» beschränken, mit dem Hayek die zentrale Wirtschaftsplanung unter staatlicher Kontrolle als Ursprung von Tyrannei und Misswirtschaft sah, während Freiheit und Rechtsstaat nur in einer Markwirtschaft möglich seien.

Das sind natürlich ganz üble Gedanken für einen strammen «Republik»-Redaktor, der selbst in höchster Gefahr und Not und bei Androhung des kollektiven Selbstmords, sollten nicht mal wieder ein paar Millionen rumkommen, niemals auch nur auf einen Rappen seines üppigen Lohnes verzichtet hat. Dass sich sein Organ am Markt behaupten müsste, das ist für ihn sowohl neoliberal wie populistisch wie Hayek oder könnte gleich vom Gottseibeiuns Christoph Blocher stammen.

Der «Republik»-Redaktor ist der festen Überzeugung, dass er sein Unternehmertum (so die Selbstdefinition) nur mit Fixlohn leben kann, denn Unternehmerrisiko, das sei auch so ein ideologischer Kampfbegriff aus dem Arsenal der Rechtspopulisten.

Also darf sich hier der begabte Kleindenker Slobodian ein Weltbild zusammenzimmern, das ungefähr so sinnvoll ist, wie wenn man Adolf Hitler als verkappten Sozialisten bezeichnen würde, nur weil dessen Partei das Wort «sozialistisch» in ihrem Namen missbrauchte. Oder Hitler als Arbeiterführer zu charakterisieren, nur weil dieses Wort auch in NSDAP vorkommt.

Gegen diesen Ausflug ins Legoland des Zusammensteckens ideologischer Bausteine ohne Sinn und Verstand ist der Naturrechts-Artikel immerhin originell.

Letztlich widerspiegeln beide den Zustand einer Redaktion, die völlig aus dem Leim gegangen ist und sich zunehmend mit Beiträgen von Fremdautoren behilft. Wie diesen beiden hier. Denn 50 Nasen wäre es sonst nicht möglich, dem zahlenden Leser einen Output zu servieren, der nicht grösser ist als der einer gewissen One-man-Show.

Ein grauenvoller Morgen

«Der Morgen» heisst der betreute Newsletter von Tamedia. «Guet Nacht am Sächsi», sagt nicht nur der Berner.

Es ist wie immer in der Welt. Keine gute Nachricht ohne schlechte. Das Gender-Sternchen Salome Müller, Initiatorin eines Protestbriefs gegen Sexismus, Schweinereien und Unterdrückung inklusive Frauenfeindlichkeit bei Tamedia, hat dort das Weite gesucht. Damit wurde der Platz frei für eine weibliche Kraft bei der Betreuung des NL.

Richtig, es handelt sich um den «Tages-Anzeiger», also muss man auf alles gefasst sein. In diesem Fall auf Lisa Aeschlimann. Kindersoldatin Aeschlimann fiel schon unangenehm auf, indem sie die kühne Behauptung aufstellte:

«Wer im Kanton Zürich einer Vergewaltigung beschuldigt wird, bleibt in 12 von 13 Fällen straffrei.»

Schon bei dieser Gelegenheit wurde der wohl vergebliche Versuch unternommen, Aeschlimann ein paar Grundzüge der Rechtsstaatlichkeit beizubringen:

  • Denn mit dem «mutmasslichen Vergewaltiger» verhält es sich so: Sie laufen nie völlig frei herum. Entweder sitzen sie in U-Haft, oder sie können bis zum Abschluss der Untersuchung unter strengen Auflagen ihrem normalen Leben nachgehen. Dann gibt es entweder eine Einstellung des Verfahrens, oder eine Gerichtsverhandlung. Bis zum rechtsgültigen Entscheid der letzten damit befassten Gerichtskammer gilt, selten so gelacht, auch für diese «mutmasslichen» Täter die Unschuldsvermutung.
  • Wird das Verfahren eingestellt, laufen sie anschliessend genau so unschuldig herum wie alle anderen Zürcher auch, die niemals in Verdacht gerieten, ein Vergewaltiger zu sein. Oder aber, es kommt zu einem Prozess. Wenn der mit Freispruch endet, gilt das gleiche. Endet er mit einem Schuldspruch, gegen den nicht Einsprache erhoben wird, verwandelt sich der «mutmassliche» Vergewaltiger in einen verurteilten. Der nach Verbüssung seiner Strafe wieder ein unbescholtener Bürger wird.

Das kann man in der heutigen schnelllebigen Zeit als verjährt betrachten, ist ja schon dreieinhalb Monate her. Nun darf sich Aeschlimann aber im Tagi-NL ausleben.

Wenn Aeschlimann über den NL herfällt, wird der zur rechtlosen Zone

Was fällt auf? Einiges. Die Anrede lautet nun «Guten Morgen, liebe LeserInnen». Das ist schön für die Leser, die immerhin nicht mit einem Sternchen gequält werden. Deutsch ist es allerdings auch nicht. Was interessiert denn die männlichen, weiblichen, aber nicht mehr non-binären oder Transgender Leser? Nun, ein kleiner Knatsch im Vorstand der Roten Fabrik interessiert sicherlich die Mehrheit aller Tagi-Leser. Meint Aeschlimann. «Frauen auf dem Rütli» sind  auch am Tag nach dem 1. August sicher ein Knaller.

«Waldbrände am Mittelmeer» können auch nicht ignoriert werden, aber dann übernimmt «Soziologin Evelyn Moser». Die Rote Fabrik, weiblich, okay. Rütli-Frauen, sehr okay. Es ist zwar «der» Waldbrand, aber der Plural lautet ja «die», geht auch. Und schliesslich die Soziologin.

Damit hat Aeschlimann eindeutig ein Zeichen gegen Sexismus, männliche Sprache und Weltsicht gesetzt. Man, mit einem oder mit zwei n, fragt sich allerdings, wieso eine Redaktorin, eine weitere Torin, der Grundlagen des Rechtsstaats völlig unbekannt sind, häufig die Leserschaft mit ihrer etwas, nun ja, eigenen Auswahl der wichtigsten Artikel der jeweiligen Ausgabe des Tagi beschallen darf.

Allerdings: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Das ist von Hölderlin, einem Mann, also kann man’s eigentlich vergessen. Obwohl er doch recht hatte, denn Aeschlimann zitiert eine Erkenntnis der Soziologin Moser über die positiven Auswirkungen der Pandemie:

«Etwa die zuweilen schmerzhafte Erkenntnis, dass wir viel mehr aushalten und schaffen, als wir je gedacht hätten. Dass wir anpassungsfähiger sind.»

Wahr, sehr wahr.

 

Paid Content mal anders

Unternehmer plus PR-Bude gegen den «Beobachter». Mal was Neues. Aber nichts Gutes.

Der «Beobachter» ist eine Schweizer Institution. Er betreibt meistens Journalismus, der wehtut. Durch seine Beratungsabteilung gehen ihm die Fallbeispiele nie aus; durch seinen riesigen Abonnentenstamm und die entsprechend hohe Auflage geht er nicht so leicht in die Knie.

Dass die von kritischen Berichten Betroffenen das nicht sonderlich komisch finden, ist verständlich. Zum Standardrepertoire gehört, unter Berufung auf Rufschädigung, Persönlichkeitsverletzung und überhaupt im Rahmen des UWG (Unlauterer Wettbewerb) mit Pech und Schwefel, Tod und Teufel zu drohen.

Ziel ist immer die Löschung eines Artikels, im Idealfall mitsamt Gegendarstellung, Korrektur plus, Sahnehäubchen, Entschuldigung der Redaktion. Beim Ringier-Verlag, der zusammen mit Axel Springer den «Beobachter» herausgibt, gehört das eigentlich zur Routine. Jüngstes Beispiel: der Fall Lachappelle.

Diese Kampfhandlungen beginnen, sobald der Betroffene konfrontiert wird. Also vor Publikation Gelegenheit zur Stellungnahme bekommt. Das ist unabdingbar in der Schweiz, und das ist auch gut so.

Meistens spielt sich viel hinter den Kulissen ab

Damit sind dem Kritisierten die Vorwürfe bekannt, und er kann sich überlegen, was er über ein «alles falsch, gelogen, behalte mir alle Schritte vor» hinaus noch unternehmen kann. Im Ernstfall wird er versuchen, auch mithilfe von (Medien)anwälten die Publikation des Artikels zu verhindern.

Gelingt das nicht, die Kritikpunkte so weit wie möglich abzuschwächen. Gelingt das nicht, wenigstens in einer ausführlichen Stellungnahme alles zurückzuweisen. Erscheint der Artikel, gibt es das Nachtreten mit einer Gegendarstellung sowieso den Versuch, auf dem Rechtsweg an Schadenersatz zu gelangen. Oder das Medium so zu zwingen, von den Kritikpunkten ganz oder teilweise abzurücken.

Passiert ständig, meistens hinter den Kulissen. Denn nicht-veröffentlichte Artikel vermisst niemand – vorausgesetzt, das Störfeuer des Kritisierten war erfolgreich.

Eigentlich wäre ein Artikel über die Praktiken des Krankenkassenvermittlers Swiss Home Finance genau so ein Fall gewesen. «Firmengründer und Geschäftsführer Benard Duzhmani betont: «Ich toleriere keine Unterschriftenfälschungen.»»

Der «Beobachter» stützte sich im Dezember 2020 auf die Aussagen ehemaliger Mitarbeiter plus ihm angeblich zugespielte Videos, dass bei dieser Firma fehlende Kundenunterschriften gefälscht, mit fragwürdigen Methoden möglichst viele Abschlüsse herbeigeprügelt würden. Kaltakquise, Zusammenarbeit mit einem Call Center im Kosovo, via einen Büroleiter mit dubioser Vergangenheit:

«Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die meisten erst Anfang 20, würden durch Firmeninhaber «Beni» Duzhmani und Büroleiter Thomas C. angetrieben, möglichst viele Verträge abzuschliessen. «Pure Sklaventreiberei», sagt dazu ein Ex-Mitarbeiter.»

Schliesslich gebe es bei Abschlüssen von KK-Versicherungen oder einem Wechsel der Krankenkasse satte Kommissionen zu verdienen, merkt der «Beobachter» noch an. Es fand anschliessend anscheinend ein Versuch statt, die Kuh vom Eis zu kriegen – bzw. die Vorwürfe vom Tisch und aus dem Internet. Vergeblich, der «Beobachter» war nicht zu bewegen, etwas zurückzunehmen.

Nach 8 Monaten geht’s plötzlich rund

Nun hätte es die Möglichkeit einer Gegendarstellung oder die Einleitung juristischer Schritte gegeben. Stattdessen geschah ziemlich genau 8 Monate lang – gar nichts. Ausser einem Versuch, ein grosses Inserat mit einer Art Gegendarstellung im «Beobachter» zu platzieren, was der zurückwies.

So macht man das. Macht man das so?

Weniger Skrupel hatten NZZaS und «20 Minuten». Sie brachten beide das Inserat von Duzhmani. Auffällig: es kam ziemlich gestylt daher. War nicht zufällig: dahinter steht die PR-Bude Rod. Ihre Selbstdarstellung lässt keine Frage offen – und kein Auge trocken:

Mehr Klapf für die Kohle.

Bei dieser bezahlten Gegendarstellung ging es vor allem darum, den kosovarischen Hintergrund des Geschäftsführers herauszuarbeiten.

Mehr als die Hälfte des Texts zeichnet seinen Aufstieg in bewegenden Worten. Armes Kind, ass den Zmittag verschämt in einem Park. Dann Einbürgerung, Lehre, Versicherungsberater. Flockig erzählt, «habe Tag und Nacht gearbeitet»; schliesslich sei dadurch Wohlstand entstanden – gleichzeitig hätten die Kunden, weil in der Muttersprache beraten, über die Jahre mehr als 70 Millionen Prämienfranken gespart.

Gemeinsames Nachdenken am 1. August

Eine märchenhafte Story von Integration, Aufstieg, Erfolg, dabei noch menschenfreundlich. Bis dann «im Dezember ein Artikel im «Beobachter» versuchte, einen Teil unseres Erfolgs zunichte zu machen». Der Unternehmer musste 60 Mitarbeiter entlassen, das «brach mir das Herz». Obwohl es «keinen Verdacht, keine Ermittlungen, keinen Prozess, kein Gerichtsurteil, keinen Schuldspruch» gebe.

Schlimmer noch: Duzhmani beschwert sich, dass man ihm aufgrund seiner Herkunft aus dem Kosovo immer wieder zu verstehen gebe, «er sei ein Ausländer, dem man nicht trauen könne». Unter dem Hashtag #secondoaugust ruft er zudem zum gemeinsamen Nachdenken darüber auf; am 1. August. Allerdings reisst darunter nur die gähnende Leere den Mund auf.

Noser ist immer bereit, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Dazu ein seitenfüllendes Porträt von ihm. Professionell gemacht. Inhalt, Anmutung, Abfolge der Argumente, Lebensgeschichte, Fleiss, Integration Erfolg – und dann das. Wohl wegen seiner Herkunft, «wann gehört man als Migrant/in dazu?», fragt er anklagend. Nett von David Schärer, «Gründungspartner» und zuständig für «Amplification» bei Rod, der hier eine «übergeordnete Ebene» sieht, wie er in einem persoenlich.com-Interview erläutert.

Bislang also eine klassische Win-Win-Win-Situation. Duzhmani fordert Gehör und Gerechtigkeit, die «a bigger bang fort he buck» versprechende Agentur erhält als Beifang ein sozialpolitisch geschärftes Image – und persoenlich.com kann die ganze Angelegenheit lang und breit abfeiern.

Sympathische Selbstdarstellung von Rod.

Da fehlt natürlich noch einer im Umzug. Der frischgebackene Chefredaktor des «Beobachter», der sich gleich bei Amtsantritt mit einer neuen Form der Kriegsführung gegen sein Blatt konfrontiert sieht. Dominique Strebel wiederholt in einem grossen Interview bei persoenlich.com, was sein Magazin bereits auf seiner Homepage veröffentlichte.

Der «Beobachter» nimmt Stellung.

Wesentliche Aussage: «Seine Vorwürfe sind haltlos.» Etwas ausführlicher:

«Das Verhalten, das Swiss Home Finance vorgeworfen wird, kann Konsumentinnen und Konsumenten schädigen. Daher besteht ein klares und berechtigtes öffentliches Interesse für eine Berichterstattung – unabhängig davon, ob in dieser Angelegenheit ein juristisches Verfahren läuft oder nicht. Der Beobachter sieht es als eine seiner wichtigen Aufgaben, vor zweifelhaften Unternehmen zu warnen.»

Es ist tatsächlich auffällig, dass in dem Gegenwehr-Inserat so ziemlich alles ausführlich bis sogar langfädig, wenn auch flott, dargestellt wird. Nur eins nicht: eine Widerlegung der Vorwürfe, die der «Beobachter» erhoben hatte. Ob deswegen ein Strafverfahren läuft oder nicht: wurden Unterschriften von Kunden gefälscht oder nicht? Wurden Mitarbeiter, im Provisonsgeschäft üblich, zu möglichst vielen Abschlüssen gedrängt? Welche Rolle spielt das Call Center im Kosovo? Werden zweifelhafte Praktiken verwendet, um Kontaktierte zu einem Abschluss zu bewegen?

Bislang entstand viel Qualm durch verröstetes Geld – aber sonst?

Der «Beobachter» behauptet – bislang unwidersprochen –, über entsprechende Aussagen, Belege, sogar Videos zu verfügen. Hier wird der PR-Text der PR-Agentur ziemlich dünn, das Geschwurbel des für Amplification zuständigen Rod-Mitbegründers auch.

Könnte es sein, dass Duzhmani ziemlich viel Geld dafür ausgegeben hat, um sich selbst nochmals zu schaden? Fehlberaten von einem cleveren Verkäufer, der ihm aber keine KK-Police aufschwatzte, sondern die Gestaltung eines Inserats? Kostenpunkt unbekannt. Alleine die Seite in der NZZaS kostete laut Tarif 24’100 Franken. Kein Pappenstiel, um die Öffentlichkeit auf einen längst vergessenen Artikel aufmerksam zu machen.

Kein Pappenstiel, wenn der «Beobachter» sich dazu animiert fühlen sollte, nochmal nachzulegen. Verblüffend auch: Duzhmani verwendet als Argument, dass gegen seine Firma keinerlei Strafuntersuchung im Gang sei, die Gerichte nicht angerufen wurden. Und man ihn trotzdem kritisiere. Er selbst hat aber bislang auch auf alle ihm möglichen rechtlichen Schritte gegen den «Beobachter» verzichtet. Hat er sich einen Gefallen mit diesem Inserat getan? Hat Rod damit wirklich das Image gesteigert? Oder nicht eher einmal mehr gezeigt, dass PR und Journalismus eigentlich nichts miteinander zu tun haben und PR-Menschen keine Ahnung von Journalismus haben?