Hilfe, mein Papagei onaniert: Faule Eier

In der zeitlichen Distanz wirkt die Ostersonntags-Presse noch abgestandener.

Ostern ist medial gesehen blöd. Drei Feiertage, ausgerechnet am Samstag muss für die Sonntagspresse gearbeitet werden, los ist meist auch nicht viel. Man kann es sich nun ganz einfach machen wie die «Berner Zeitung/ Der Bund», die im Rahmen der Sparmassnahmen zur Qualitätsverbesserung im Hause Tamedia über Ostern einfach Artikel rezykliert.

So verzweifelt ist die Sonntagspresse noch nicht, aber fast.

Der SoBli probiert’s mit der ältesten Nummer überhaupt. Wenn nix los ist, mach eine Umfrage. Und ein Quiz. Da kann nix schiefgehen:

Gegen den erhöhten Gähn-Faktor dann noch ein Interview mit dem aalglatten Grünen-Chef Balthasar Glättli. Der lässt sonst keine Gelegenheit aus, in die Medien zu kommen, hier hätte er sicher lieber gekniffen. Denn seine Grünen sind rechte Militärköpfe geworden und wollen unbedingt in die NATO. Was ist denn mit dem grünen Pazifismus, will der SoBli wissen. Glättli gerät auch beim schriftlich geführten Interview ins Eiern: «Mich erstaunt die NATO-Positionierung sehr.» Schliesslich stünde in der Wahlplattform «das Gegenteil». Nämlich «stärkeres Engagement der Schweiz für die Friedensförderung in der Uno und der OSZE statt in der NATO-Partnership for Peace».

Da fragt der SoBli frech, ob diese Postion nicht überdacht werden müsse. Worauf Glättli 15 Zeilen Geschwurbel ablässt, um die Frage in Watte zu packen und zu entsorgen. Jämmerlich gut.

Aber die ersten zehn Seiten des Blatts sind mit dem Thema Ukraine abgefüllt, man meint den Seufzer der Erleichterung zu hören. Nun Platz für das «Oster-Lexikon», eine taufrische, originelle, neue Idee.

Dann folgen weitere Artikel, so über den «Drang nach Süden», die mehr oder minder streng nach eingeschlafenen Füssen in roten Wandersocken riechen. Die Präsidentschaftskandidaten Marie Le Pen wird schnell zur «gefährlichsten Frau Europas» ernannt, womit sie offenbar vor Figuren wie von der Leyen oder Lagarde läge.

Einen weiteren Höhepunkt erreicht der SoBli mit diesem Interview:

Merke, wer eine solche Null-Aussage als Titelquote verbraten muss, will damit sagen: lies mich nicht, weiterblättern.

So landet man dann hier:

Ei, ei, ei, was für Fragen. «Was wird an Ostern gefeiertZACKBUM treibt seine Leser an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und serviert folgende Antwortmöglichkeiten (nein, die sind original, bevor jemand Satire sagt):

– Ende des Winters
– Auferstehung von Jesus
– Geburt von Jesus
– Beginn des Frühlings

Wir sind verwirrt, denn wir vermissen die richtige Antwort: Die Eier des Osterhasen.

Und was macht das Blatt für die halbgebildeten Stände? Da hat leider das Geld für eine Meinungsumfrage nicht gereicht, also muss man so fahren:

Dann würde «watson» von einem Sozialporno sprechen, denn unter dem erschütternden Titel «Meine Füsse bluten» wird über Fluchten aus der Ukraine berichtet. Ach, nein, so geht’s im Gastgewerbe zu und her, «Betroffene berichten». Dann frönt die SoZ ihrer Unsitte, Artikel mit Riesenfotos aufzublasen, die allerdings so inhaltsleer wie der Bericht selbst sind:

Das nächste Mal spürt man die Tamedia-Sparmassnahmen im «Fokus»-Bund. Der besteht aus heisser Luft und dem gesprochenen Wort. Wenn Bundesrätin Sommaruga interviewt wird, dann weiss man, dass die Redaktion schon am Samstag dringend Ostereier verstecken wollte und es ihr dabei egal ist, ob sich der Leser durch Watte arbeiten muss.

Man beachte auch bei diesem Interview das Verhältnis Fotos – Text. Eins zu eins, würden wir sagen. Etwas Farbe ins Ostergrau bringt einzig Michèle Binswanger, die sich an ein Interview mit Alice Schwarzer traut. Die grosse alte Dame der deutschen Frauenbewegung ist bekanntlich in feministischen Kreisen in der Schweiz untendurch, weil sie es doch wagte, den Vollkörperschleier nicht als Ausdruck des Selbstbestimmungsrecht emanzipierter islamischer Frauen zu sehen (wie Frauenversteher Daniel Binswanger), sondern als Käfig, als Gefängnis, weswegen Schwarzer natürlich für das Burka-Verbot war. Nun nimm sie die «Transsexualität» unter die Lupe und erklärt sie für «in Wahrheit rückschrittlich». Wie immer mit intelligenten Argumenten. Aber das wird ihr hierzulande nix nützen.

 

Die NZZaS hingegen hat ein echtes Generationsproblem. Woran merkt man das?

Richtig, wenn ein Blatt ein Jugendfoto des 78-jährigen Mick Jagger (das ist so ein Überlebender der «Rolling Stones», das ist so eine Band, die vor vielen Jahren ihr letztes Album rausbrachte) riesig aufs Cover nimmt, dann bedeutet das, dass die U-50 eher schwach in der Redaktion vertreten sind. Denn die sagen mehrheitlich: Mick who? Natürlich ist es ein biologisches Wunder, dass der immer noch ohne Krückstock über die Bühne hupft und auch Keith Richards, der nun seit vielen Jahren so alt aussieht, wie er niemals werden kann, hält sich noch an seiner Gitarre fest. Ansonsten stirbt aber ein Mitglied nach dem anderen weg.

Anlass des Riesenfotos ist, dass es dem Kulturchef doch tatsächlich gelungen ist, ein Interview mit Jagger zu ergattern. Das ist natürlich toll für einen Fan, aber ausser, dass sich Peer Teuwsen darüber wundert, dass Jagger den Begriff «Tautologie» kennt, ist’s nun ungefähr so originell wie «I can’t get no satisfaction» .

Und sonst? Ukraine, Ukraine, Vincenz, Vincenz, schliesslich The Man:

So sah Jagger vielleicht vor der Erfindung der Farbfotografie aus, heute eher so:

 

 

 

 

 

Trost findet Jagger höchstens hier:

Saufen und rauchen hat Keith Richards übrigens aufgegeben.

Hilfe, mein Papagei onaniert: Altpapier

Die «Berner Zeitung/ Der Bund» probiert ein neues Rezykliermodell.

Eines ist bei Tamedia klar: wenn gespart wird, Redaktionen zusammengelegt werden, es dadurch bedauerlicherweise zu Kündigungen kommt, dann bewirkt all das nur, dass die Qualität steigt.

Die schöne Nebenwirkung ist, dass der Coninx-Clan sich über einen Supersondergewinn von über 800 Millionen Franken freuen kann. Für die Kunden der Produkte ist’s allerdings weniger profitabel. In Bern wird gerade vorgeführt, was so eine Steigerung der Qualität durch Fusion konkret bedeutet. Für das «Classic-Jahresabo» sind satte 539 Franken fällig.

Dafür gibt’s dann sicherlich wenigstens täglich frische News. Könnte man meinen. Nun ist aber Ostern gewesen. Selbst ZACKBUM hat die Gelegenheit genützt, drei Tage Pause einzulegen. Als mildernde Umstände können wir anführen, dass wir eine One-Man-Show sind. Und gratis.

Die «Berner Zeitung/Der Bund» bietet allerdings seinen Lesern dieses starke Stück:

Nomen est omen. Ein Artikel über Rezyklieren. Eine hübsche Lokalreportage: «Spätnachts, wenn alle schlafen, zieht ein Mann in Burgdorf seine Runden: Hansruedi Herrmann ist auf der Jagd nach Getränkedosen.» Das hiess natürlich für Cornelia Leuenberger (Text) und Beat Mathys (Fotos), zu nachtschlafener Zeit ihrem Beruf nachzugehen. Herausragend, so etwas will man im Lokalteil lesen.

Nur: Will man es auch immer wieder lesen?

«Über die Ostertage publizieren wir Texte der letzten Monate nochmals, die zu reden gaben. Dieser Artikel erschien erstmals am 13. Februar 2022.»

ZACKBUM muss darauf hinweisen: Das ist keine Realsatire. Also schon, aber nicht von uns erfunden.

Selbst einer fusionierten Lokalredaktion sei’s gegönnt, über Ostern lieber im Stau zu stehen als zu arbeiten. Und die ewigen Ostereier-Artikel können tatsächlich auf genau diese gehen. Aber mal im Ernst: ein rezyklierter Artikel über Rezycling? Echt jetzt? Weil der «zu reden» gab? Wird das zur neuen Spar-Mode? Wieso nicht den Artikel über den Beginn der russischen Invasion in der Ukraine wiederholen? Der gab auch zu reden. Oder die schönsten Sportberichte über längst vergangene Wettbewerbe?

Auf dem Weg nach unten sieht der Journalismus offenbar keine Stoppschilder. Wir raten einzig von der Wiederholung eines Gefässes ab. Ernsthaft, auch wenn darüber wohl sehr viel geredet wird. Aber die schönsten Wetterberichte der vergangenen Monate, da sollte man die Finger von einer Wiederholung lassen.

Hingegen, man muss solche Sparmassnahmen zu Ende denken, wieso nicht diesen hier: «Heute bekommen Sie die Ausgabe vom 17. Januar 2021 zum zweiten Mal überreicht. Sie hat uns besonders gut gefallen, und geben Sie’s zu: Sie haben den Inhalt doch längst vergessen. Dafür gibt’s dann aber morgen eine nur teilweise rezyklierte Neuausgabe dieser Zeitung.»

Beleidigte Leberwurst

Das Kunsthaus hat schon wieder Mist gebaut. Zumindest laut Tamedia.

«Christoph Heim war zehn Jahre lang Ressortleiter Kultur bei der BaZ.» So die inzwischen obligatorische Selbstauslobung am Schluss eines Artikels. Das prädestiniert ihn natürlich dazu, dem Kunsthaus mal wieder die Kappe zu waschen: «Eine Kandidatur nach Gutsherrenart», ätzt Heim in einem Kommentar. Wir hoffen für ihn, dass er eine dunkle Ahnung hat, was Gutsherrschaft war und wie sie sich von heutigen Zuständen unterscheidet.

Was ist passiert? «In einem dürren Communiqué teilte die Zürcher Kunstgesellschaft am Gründonnerstag mit, dass Philipp Hildebrand Nachfolger von Walter Kielholz und Anne Keller Dubach an der Spitze der Zürcher Kunstgesellschaft werden soll.» Dagegen stellt Heim die dürre Bemerkung:

«So geht das nicht

Warum denn nicht? Nun, es gebe «kein Wettstreit der Kandidaten», und ausserdem bezweifelt Heim die Befähigung von Hildebrand. Seine verflossene und aktuelle Gattin hätten zwar beide was mit Kunst zu tun, räumt Heim ein, als ob das etwas mit der Qualifikation von Hildebrand zu tun hätte. Zudem sei er im Stiftungsrat des British Museum.

Das kommt aber ganz schlecht bei Heim an: «Es gibt wahrscheinlich kein Museum, das sich abweisender gegenüber Restitutionsbegehren zeigt als das British Museum.» Und was hat das mit Hildebrand und dem Kunsthaus Zürich zu tun? Dumme Frage:

«Bei der Zürcher Sammlung Bührle geht es bekanntlich darum, die Provenienzen der Bilder nochmals zu prüfen und jene Bilder, bei denen es sich nachweisen lässt, dass es sich um Nazi-verfolgungsbedingten Entzug handelt, möglichst rasch ihren Eigentümern zurückzugeben

Schon der Banker Walter Kielholz war für Heim als Präsident der Zürcher Kunstgesellschaft nicht über jeden Zweifel erhaben: «Auch wenn der Manager sich gern im hellen Licht des Erweiterungsbaus des Kunsthauses zeigt, er steht auch im Schatten des Bührle-Debakels, das sich zu einem eigentlichen Imagedesaster für das Kunsthaus auswuchs.»

Vielleicht sollte man hier der Gerechtigkeit halber anmerken, dass es mehr ein Mediendebakel war, heubeigeschrieben von Tamedia und der «Republik». Bis heute liess sich kein einziger Vorwurf bezüglich ausgestellter Raubkunst erhärten, sämtliche Provenienzforschungen waren schon vor der Eröffnung der Ausstellung öffentlich einsehbar, von der Möglichkeit von Nachfragen bei der die Sammlung verwaltenden Stiftung wurde abgesehen. Das alles ist sattsam bekannt und abgehandelt. Genau wie der skandalisierte Leihvertrag mit dem Kunsthaus. Da wurde Ungeheuerliches hineingeheimnisst, als er veröffentlicht wird, erstarb die Kritik schlagartig: es gab nix zu meckern.

Nun also Hildebrand. Immerhin erwähnt Heim, dass es sich hierbei nur um einen Vorschlag des Vorstands der Kunsthausgesellschaft handelt, über den die 24’000 Mitglieder abzustimmen haben. Was doch eigentlich ziemlich demokratisch ist. Aber Heims Problem ist ein ganz anderes. Er ist beleidigte Leberwurst. Warum? Hier verrät er’s:

«Die Öffentlichkeit will wissen, warum jemand kandidiert und was ihn zur neuen Aufgabe befähigt. Vor diesem Hintergrund ist das dürre Communiqué der Kunstgesellschaft ein No-go und Philipp Hildebrands Nein auf eine Interviewanfrage dieser Zeitung eine Geringschätzung der Öffentlichkeit.»

Das hätte Hildebrand besser wissen müssen: Wer keine Zeit oder Lust hat, sich von Heim interviewen oder gar grillen zu lassen, der hat’s bei ihm verscherzt. Da fordert der beleidigte Journalist im Namen der Öffentlichkeit Satisfaktion. Ach, so geht das auch nicht.

 

Mario Stäuble in Erklärungsnot

Der Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» ist peinlich.

Seine Fähigkeit zur Qualitätskontrolle ist seit dem Fall Kevin Brühlmann stark zu bezweifeln. Seine Bedeutung als zurückgestufter Mit-Chefredaktor war noch nie beeindruckend.

Nun will Stäuble «In eigener Sache» der Leserschaft erklären, wieso in der Berichterstattung des Tagi zum Blutbad von Wallisellen der Name des Entführungsopfers vom Blatt als Scoop zuerst veröffentlicht wurde, um dann gestrichen zu werden. Der ganze Artikel wurde durch die verkniffene Ankündigung ersetzt:

Anschliessend erschien der Artikel wieder, allerdings abgewandelt:

Während die übrigen Medien, inklusive SDA oder NZZ, ungehemmt den Namen von Christoph Berger, Impfchef der Schweiz, nannten. Das möchte Stäuble nun erklären: «Warum wir den Namen des Entführten nennen». Damit verwirrt der elegante Schreiber allerdings, denn die Leserschaft ist ja wenn schon irritiert, wieso er genannt wurde, dann gestrichen, dann wieder genannt, während die Konkurrenz keine solchen Tänze aufführen musste.

Item, man habe bereits am Donnerstagabend den Namen des Opfers gekannt. Daraufhin trat die «erweiterte Chefredaktion zusammen, um unter Beteiligung unseres Hausanwalts die medienethischen und medienrechtlichen Aspekte des Falls zu diskutieren.» Darauf folgt das übliche Geeier. Abwägung, politische Dimension, sicherheitspolitische Fragen, also «sahen und sehen uns gegenüber unserer Leserschaft dazu verpflichtet».

So nebenbei erwähnt Stäuble, dass der Sprecher von Berger bei Kontaktnahme durch die Redaktion klargestellt hatte, «dass Herr Berger keine Berichterstattung über seine Person wünsche». Nun sollte eine «erweiterte Chefredaktion» nebst juristischer Verstärkung wissen, dass das Opfer eines Gewaltverbrechens das Recht hat, seine Namensnennung zu untersagen.

Also könnte es einen kompetenten Co-Chefredaktor nicht gross erstaunen, dass Berger dann zum Mittel der Superprovisorischen griff, als sich der Tagi nicht an diese Forderung hielt. Da Berger offenbar zu diesem Zeitpunkt nur vom Tagi kontaktiert worden war, ereilte auch nur den der Blitz des Verbots der Namensnennung. Nachdem sich dann, angesichts der übrigen Medien, Berger zu einer kurzen öffentlichen Stellungnahme veranlasst sah, fiel dann das superprovisorische Verbot.

Was also Stäuble eigentlich dem Leser erklären sollte: wir haben’s versemmelt. Wir haben den Namen rausgegrübelt, den Betroffenen damit konfrontiert. Soweit noch gut. Wenn der aber sagt, dass er seinen Namen nicht in den Medien lesen will, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Ihn vom Gegenteil überzeugen – oder das akzeptieren. Für Überzeugungsarbeit bräuchte es aber eine gewisse Eloquenz oder auch psychologische Fähigkeiten, was Stäuble offenbar abgeht. Also verstand man sich zur Fehlentscheidung: Opfer will nicht, Namen nennen wir trotzdem.

Was lernt der Leser daraus? Das Blatt wird von kompetenten journalistischen Hirschen gebastelt …

 

 

Wumms: Aline Wanner

Diesen Namen trägt der Niedergang der Medienkritik in der NZZaS.

Im Wechsel mit Felix E. Müller macht die Leiterin von NZZ Folio bewusst, dass es sich beim Bedauern über die Einstellung der NZZ-Medienseite mitsamt Entlassung des langgedienten Redaktors um keinen Phantomschmerz handelt.

Immerhin: die Kolumne ist kurz. Viel mehr Positives lässt sich aber nicht dazu sagen. Zu den Lieblingsbeschäftigungen von Wanner gehört, die Konkurrenz niederzumachen. Also Ringier, CH Media und Tamedia im Turnus.

Aktuell ist mal wieder Tamedia dran: «Der «Tages-Anzeiger» etwa veröffentlichte in einem eigenartigen Eifer diese Woche eine neue Art von Korrigendum: Der dazugehörende Artikel, heisst es darin, basiere auf Informationen, «die wir im Nachhinein als zu wenig erhärtet erachten»

Hat Bundesrat Cassis ein temporäres Exportverbot für Waffen vorgeschlagen oder nicht? Da ist sich Tamedia unsicher geworden und macht das transparent – dafür lässt man den Artikel online. Findet Wanner überhaupt nicht gut. Artikel kommentarlos zu löschen oder zu verändern, dass findet sie auch nicht gut. Was wäre dann besser? Das weiss die Besserwisserin auch nicht.

Vielleicht könnte sie ja die von ihr beklagte mangelnde Fehlerkultur auf sich selbst anwenden; wäre doch mal was Neues. So schrieb Wanner vor ziemlich genau einem Jahr zur Fusion von «Berner Zeitung» und «Der Bund» launig: «Nun werden womöglich – wie in Basel und Zürich – Idealisten mit Nischenprodukten ihr Glück in Bern versuchen. Die Erfolgsaussichten kennen wir ja.»

Damit spielt sie beispielsweise auf die krachend gescheiterte «TagesWoche» in Basel an. Wird ja in Bern wohl auch nix, meint Wanner. Am 13. März dieses Jahres sieht das schon ganz anders aus:

Genau, die Rede ist vom neuen Nischenprodukt «Hauptstadt» aus Bern, das man natürlich so oder so sehen kann: «Es gibt ein Bedürfnis nach zuverlässigen, liebevollen, überraschenden Informationen aus der Nähe. Im besten Fall entsteht so ein nachhaltiges Geschäftsmodell.»

Allerdings dient ihr die kleine Lobeshymne nur dazu, auf die unliebsame Konkurrenz Tamedia einzudreschen: «Die TX Group gab diese Woche übrigens einen beachtlichen Gewinn für das vergangene Jahr bekannt. Aber kleine, schlanke Unternehmen sind bekanntlich oft ­innovativer als träge Kolosse mit fragwürdiger Betriebskultur.»

Wir warten immer noch sehnlich darauf, dass sich die unerbittliche Kritikern mal zu ihrem eigenen Laden äussert. Wenn man ohne grosse Eigenleistungen jeden Monat sein Gehalt bekommt, als Frau sowieso unkaputtbar ist, könnte man sich doch auch mal eine Analyse des Kolosses NZZ-Gruppe trauen. Statt sich ohne Korrektur selbst zu widersprechen …

Was hält Wanner zum Beispiel vom Führungsstil des Chefs Eric Gujer? Wir sind gespannt.

 

 

 

 

Wumms: Magdalena Martullo-Blocher

Krieg der Worte: da werden keine Gefangenen gemacht.

Die WoZ hat aufgedeckt, zwei Recherchierspürnasen von Tamedia höselen hinterher: Die Chefin der Ems-Chemie habe im «Kasernenhofton» die Anordnung erteilt, in der Kommunikation das Wort «Krieg» zu vermeiden und stattdessen vom «Ukraine-Konflikt» zu sprechen. Ein entsprechendes Mail habe sie Mitte März verschickt, «nur wenige Tage nach der Bombardierung einer Geburtsklinik in Mariupol durch russische Truppen, die Bilder von dieser Gräueltat gingen um die Welt».

Die WoZ richtet: «In der Ukraine tobt also kein brutaler Krieg, begonnen durch den russischen Präsidenten Putin – es hat sich ein Konflikt entsponnen.» Worum geht es Martullo-Blocher? Na, logo: «ums Geschäft.» Dabei zähle «jeder einzelne Franken», da Martullo-Blocher auch gesagt habe, «wir überlassen unsere Firmen nicht dem russischen Staat». Obwohl zurzeit die Nachfrage völlig zusammengebrochen sei, wäre sie bereit, die Produktion in russischen EMS-Fabriken sofort wieder hochzufahren, sollte sich das ändern. Zudem habe Russland gedroht, widrigenfalls solche Firmen zu verstaatlichen.

Diese Anordnung sei «zum Schutz unserer Mitarbeiter erfolgt», wird die Verteidigung der Chefin der EMS-Chemie zitiert. Es würden bei einer Verstaalichung nicht nur Angestellte ihren Arbeitsplatz verlieren, sondern es stehen bekanntlich bis zu 15 Jahre Gefängnis auf Aussagen, dass es sich in der Ukraine um einen Krieg handle. Aber was kümmert das alles die Vertreter der reinen und heiligen Moral in der Schweiz.

Die WoZ legt noch einen drauf:

«Im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» sagt sie, die Ukraine gelte als eines der korruptesten Länder, deshalb würde sie dort nicht investieren. Eine Behauptung, die aus Moskau seit Jahren zu hören ist. Tatsächlich ist die Ukraine in allen Korruptionsranglisten besser platziert als Russland. Dann mahnt sie, auch Putin müsse einen Erfolg vorweisen können, damit es zum Frieden komme. Ist das noch neutral oder schon Komplizenschaft?»

Fein in eine Frage verkleidet die Beschuldigung, Martullo-Blocher sei Putins Komplizin, nur weil sie etwas völlig Richtiges sagt. Zudem ist es tatsächlich richtig, dass die Ukraine beispielsweise in der Korruptionsrangliste von Transparency International besser abschneidet als Russland. Allerdings steht die korrupte Oligarchen-Republik auf Platz 117; Russland folgt auf Platz 129. Also weit, weit hinten im Feld von insgesamt 179 untersuchten Ländern. Da ist es eigentlich egal, auf welchen hinteren Plätzen man sich genau befindet.

Aber Martullo-Blocher. Erfolgreich. Steuert die EMS-Chemie bislang sicher durch alle Stürme. Dazu noch SVP-Nationalrätin und vor allem Tochter des Gottseibeiuns aus Herrliberg.

Will ihre Mitarbeiter und ihre Investitionen in Russland schützen. Das findet auch Tamedia nicht gut: «Warum auch Ems-Beschäftigte, die keinen Kontakt mit Russland haben, nicht von «Krieg» sprechen dürfen, diese Frage liess das Unternehmen unbeantwortet.» Vielleicht, weil auch solche Beschäftigte mal in Kontakt kommen könnten? Aber solche Überlegungen stehen natürlich den Scharfrichtern im Wege.

In den USA gibt es aus Weltkriegszeiten den «Tradig with the Enemy Act». 1917 erlassen, wird er heute noch angewendet. Auf Kuba. Das könnte sich doch die Schweiz als Vorbild nehmen. Zumindest die Schweiz, von der Tamedia- und WoZ-Redaktoren träumen, die nicht Gefahr laufen, in Russland zu 15 Jahren Knast verknackt zu werden. Und denen es weder ums Geschäft, noch ums Geld geht. Vorausgesetzt, der Lohn kommt pünktlich aufs Konto.

 

Freie Presse

Kommentar? Kommentar fast überflüssig. Die neue Rubrik.

Wir widmen uns wieder mal dem, was übrigbleibt, wenn das Überthema Ukraine wegfällt. Fangen wir mit dem Auflageking an, «20 Minuten»:

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Chli stinke muess es, aber nicht hier.

Zeitpunkt verpasst.

Wir spazieren zum Mutterhaus Tamedia:

Links, subventioniert, pleite. Der ewige Dreiklang.

Alles, einfach alles ist problematisch in der Welt des Tagi.

 

Was bietet CH Media an klarer Kante?

Hat aber nichts mit den Privatradios des Wanner-Konzerns zu tun.

Wir brauchen was Leichtes, sagte der Tagesverantwortliche …

Nun zum Blatt der gebildeten Stände und des differenzierten Nachdenkens. Richtig geraten, «Blick»:

Das ist mal politisch korrekt, keine Namensnennung.

Pierin Vincenz im «Blick», mit namentlich genannter Dame an seiner Seite.

Sag beim Abschied leise Ma-ma-maske.

Könnte das irgendwie rassistisch sein?

Auf jeden Fall ist es die passende Überleitung zum zweiten Intelligenzblatt. Genau, die NZZ:

Was dem einen sein Sauerkraut, ist dem anderen sein Sauerteig.

Immerhin ein Wort der Vernunft.

Das passende Stichwort – für «watson», claro.

Wer hier lacht, sollte sich untersuchen lassen. Ernsthaft.

Wir wollen am Schluss versöhnlich sein (oder auch nicht).

Wumms: Republik

Es geht nichts über Eigenleistungen. Kann man für 6 Mio. doch erwarten.

Wie viele Mitarbeiter der «Republik» braucht es, um in einer Woche ganze 9 eigene Werke rauszupusten? Genau, rund 50 Nasen. Alles andere sind NL, Briefings – oder eingekaufte Beiträge, beispielsweise aus der «Financial Times».

Greift der ehemalige Recherchierjournalist Daniel Ryser in die Tasten, kann man den Redaktionsschwanz schon am Anfang erahnen: «In einer früheren Version schrieben wir über die Credit Suisse: «Sie versicherte 2021 Investitionen für 1,1 Milliarden Dollar bei mehreren Atomwaffen­herstellern und stellte für 885 Millionen Dollar Kredite für Investitionen in Atomwaffen bereit.» Wir haben diese Stelle mittlerweile leicht präzisiert.»

Auch so wichtige Themen wie «Baby an Bord» verdienen natürlich besondere Aufmerksamkeit und viele, viele Buchstaben.

Den Vogel schiesst aber wie meist Daniel Binswanger ab. Er beschimpft in seinem Wort zum Samstag die sogenannten «Putin-Versteher», die sich nun «aus der Verantwortung stehlen» würden. Sagt ausgerechnet der Wendehals, der zuerst begeistert über den Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich war («eine der grossartigsten privaten Impressionistensammlungen»), um dann mit Zehntausenden von Buchstaben Gift und Galle über die Ausstellung zu speien («Die Bührle Connection», denn schlecht adaptierte Filmtitel sind auch Binswangers Liga).

Der kann sich gar nicht aus der Verantwortung stehlen. Dazu müsste man erst mal eine haben. Oder eine Haltung. Aber wie soll man das von einer schreibenden Schmachtlocke im Wind auch verlangen.

 

Skrupel von Fall zu Fall

SP-Politiker: die BZ lässt Gnade walten. SVP-Politikerin: das ist was anderes.

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Die «Berner Zeitung» (BZ) berichtet über Lokales. Das kann sie besonders gut, weil Tamedia, zu dem das Blatt gehört, ja die sonstige Einheitssauce aus der Zentralredaktion in Zürich auf alle Kopfblätter verteilt. Das kann die Lokalredaktion der BZ noch besser, seit diejenige des Schwesterblatts «Der Bund» weggespart, bzw. fusioniert wurde.

Das musste sein, den Tamedia muss sparen. Warum? Na, wer nicht spart, kann doch nicht 830 Millionen Gewinn machen, ist doch logisch. Das freut den Coninxclan, denn die Aktionäre bekommen eine hübsche Dividende. Aber damit ist’s dann vorbei mit der Sparerei? Mitnichten, ist ja schliesslich erst ein Drittel des 70-Millionen-Sparpakets abgearbeitet.

Da muss auch im Kleinen gespart werden. Zum Beispiel bei den Kommentaren. Denn es trug sich zu, dass die BZ Unerfreuliches berichten musste: «Vizechef der Stadtberner SP-Fraktion hat Lebenslauf frisiert». Ts, ts, Juso-Stadtrat Mohamed Abdirahim «hat weder studiert, noch eine Ausbildung als Kindererzieher abgeschlossen, noch arbeitet er als Jugendarbeiter». So stand’s aber in seinem Lebenslauf. Damit konfrontiert, legte er zerknirscht ein Geständnis ab. «Alle machen Fehler», meinte die Berner SP milde, und auch die BZ zeigt viel Verständnis für den Menschen, denn der «Einzelgänger» habe durch die Politik schliesslich «nach eigenen Angaben zum ersten Mal ein soziales Umfeld gefunden».

Also alles sind sehr lieb zu ihm, was sicherlich nichts mit seinem Namen und seiner Hautfarbe zu tun hat. Zudem muss der Mann geschützt werden; daher: «Die Redaktion hat entschieden, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes die Kommentarfunktion bei diesem Artikel zu schliessen.»

Man könnte den Persönlichkeitsschutz auch so leben, dass man ihn verletzende Kommentare nicht publizierte, andere schon. Aber das würde ja in Arbeit ausarten.

Das Gleiche ist nicht dasselbe

Weniger rücksichtsvoll ist die Lokalredaktion der BZ hier: «Wortbrüchige Politikerin? Meier irrlichtert weiter, Amstutz schweigt. Seit Wochen kündigt Madeleine Amstutz an, sich zu Verschwörungstheorien zu äussern, die ein Kandidat ihrer Wahlliste verbreitet. Trotzdem schweigt sie beharrlich.»

Früher war es mal eine Kunstform, einen Lead zu basteln. Item, hier geht es darum, dass Amstutz für die Wahlen zum Berner Grossen Rat kandidiert. Da sie bei der SVP in Ungnade gefallen ist, tut sie es mit einer eigenen Wahlliste, auf der auch ein Hans Meier steht, der auf seinem Facebook-Profil merkwürdige Ansichten zu Corona und der Ukraine von sich gibt.

Obwohl «diese Zeitung» schon mehrfach Amstutz um Stellungnahme bat, verweigerte sie die, was nun eher ungnädig von der BZ aufgenommen wird. Immerhin darf der «Berner Politologe und Wahlkampfexperte Mark Balsiger» milde urteilen, «es sei verständlich, dass Amstutz versuche, die Sache auszusitzen». Hier macht sich die BZ allerdings keine Sorgen um den Persönlichkeitsschutz der Politikerin. Die Kommentarfunktion wurde nicht geschlossen.

Was ja entweder zeigt, dass es möglich ist, den Leser kommentieren zu lassen, ohne dass da Verletzungen stattfinden würden. Oder aber, im Fall des SP-Genossen musste das unbedingt verhindert werden, im Fall einer im Umfeld der SVP angesiedelten Politikerin nicht.

Von politischen Präferenzen kann keine Rede sein

Das hat natürlich null und nichts mit der politischen Ausrichtung der Lokalredaktion der BZ zu tun. Zwei Ellen, Doppelmoral, Heuchelei, Parteinahme, Einseitigkeit? Also bitte, diese Ausdrücke wollen wir doch in diesem Zusammenhang nicht verwenden, sonst könnte sich noch ein empfindlicher Lokaljournalist in seiner Persönlichkeit verletzt fühlen.

So etwas wäre doch wie aufgelegt für das neue Berner Organ «Hauptstadt». Schliesslich entstand das nicht zuletzt wegen der Zusammenlegung der beiden Berner Zeitungen aus dem Hause Tamedia. Aber höchstwahrscheinlich hätte das die Kapazitäten der zehn Mitarbeiter gesprengt, die ja schon alle Hände voll zu tun haben, pro Tag mindestens einen ganzen Artikel rauszupusten. Und am 12. März war das «Fit für die Kantonsratswahlen», am 11. ein Interview mit einer «Politologin, die zu Geschlecht und Frieden in Osteuropa» forsche. Und am Tag zuvor gab’s ein Rezept zu «Winterportulak», und nein, wir schreiben hier keine Realsatire.

NZZaS lobt Schnarchorgan

Das überlassen wir lieber Aline Wanner von der NZZaS, die das Schnarchorgan aus Bern in den höchsten Tönen in ihrer Medienkolumne lobt. Das Schmalbrustblättchen zeige, es gebe «ein Bedürfnis nach zuverlässigen, liebevollen, überraschenden Informationen aus der Nähe». Kochrezepte, Politologie zu Geschlecht in Osteuropa, das sind Informationen aus der Nähe?

Man fragt sich, welche «Hauptstadt» Wanner da gelesen oder gemeint haben mag. Auf jeden Fall muss man auch bei der NZZaS einen Frauenbonus vermuten. Anders lässt es sich nicht erklären, dass so ein Nonsens publiziert wird. Aber vielleicht gab auch, wie bei Lucien Scherrer, Konzernjournalismus den Ausschlag. Scherrer durfte den «Blick» und Ringier prügeln, Wanner darf nun zu Tamedia «ätsch» sagen. Denn zum Schluss bemerkt sie noch maliziös, dass die TX Group «einen beträchtlichen Gewinn» bekanntgegeben habe.

Jedoch, nimm das, Pietro Supino: «Aber kleine, schlanke Unternehmen sind bekanntlich oft innovativer als träge Kolosse mit fragwürdiger Betriebskultur.»

Es bleibt die Frage, ob die NZZ Gruppe schlank oder träge ist. Und wie es eigentlich mit ihrer Betriebskultur steht, wenn man so die Flugzeiten bei der NZZaS als Massstab nimmt.

Hoch lebe die Denunziation

Philippe Reichen klagt an. Seine Journalistenkollegen der Westschweiz.

Tamedia-Redaktor Reichen warf sich schon in die Schlacht, als es um Sexismusvorwürfe in der Romandie ging. «Die Mauer des Schweigens bricht», verkündete er mit dramatischem Tremolo.  Das dann alle Vorwürfe gegen einen ehemalige Star des Westschweizer Fernsehens zusammenbrachen, was soll’s, dann stellt man halt das Getrommel ein und kümmert sich um andere Sachen.

Zum Beispiel um einen neuen Skandal: «Einflussreiche Westschweizer Journalisten distanzieren sich kaum vom russischen Präsidenten.» Das ist unerhört:

«Trotz Krieg zeigen sie Verständnis für Putin».

Wen nagelt Reichen denn da an den öffentlichen Schandpfahl? Da wäre mal «Eric Hoesli, Ex-Chefredaktor von «Le Temps» und amtierender Verwaltungsratspräsident derselben Zeitung». Was macht denn dieser Putin-Versteher? Er sagt doch tatsächlich: «Er verurteile den Krieg, aber es gebe nach wie vor «eine Form von Rationalität im Kopf von Wladimir Putin», stellte Eric Hoesli fest.»

Mais ça va pas, merde alors, Hoesli erklärt Putin nicht für verrückt? Nicht mal für krank? Aber der ist ja nicht der Einzige: «Guy Mettan, ehemaliger Chefredaktor der «Tribune de Genève», setzte noch einen drauf, er «bezeichnete die Ukraine am Abend nach Kriegsbeginn gar als «das korrupteste Land Europas»». Wie kann der nur so etwas sagen. Stimmt zwar, aber doch nicht zum Kriegsausbruch.

Aller schlechten Beispiele sind drei: «Myret Zaki, Ex-Chefredaktorin des Wirtschaftsmagazins «Bilan», stellte den russischen Feldzug in ihrer Westschweizer «Blick»-Kolumne wiederum in einen Zusammenhang mit einer angeblichen amerikanischen Politik der «Derussifizierung» in Osteuropa.»

Reichen schüttelt es und schüttelt es

Aber der Schlimmste ist schon Hoesli, den bewirft Reichen ausdauernd mit faulen Eiern. Der habe zwar auch in einer TV-Diskussion eine «extrem schwere Verletzung des internationalen Rechts» konstatiert, muss der anklagende Schreiber einräumen. Aber gleichzeitig habe Hoesli doch «Kritik an den Sanktionen angedeutet», ja die Neutralität der Schweiz bezweifelt. Was trauen sich der Herr, unglaublich. Denn Hoesli ist nicht nur Putin-, nein, er ist auch Russland-Versteher und erzählt doch was von einer Desillusionierung über den Westen in der russischen Bevölkerung. Das bringt ihm aber eine scharfe Rüge von Reichen ein:

«Doch sind die von Hoesli beschriebenen Gefühle keine Folge der gezielten Desinformationskampagne der vom Kreml kontrollierten Medien, zu denen der TV-Sender Russia Today gehört? Was sagt Hoesli angesichts der staatlichen Desinformation zur Tatsache, dass er und das russische Honorarkonsulat 2018 die stellvertretende Chefredaktorin von Russia Today für eine Konferenz an den Genfersee nach Coppet einluden und sie ihr Konzept des «disruptiven Journalismus» präsentieren liess?»

Nimm, das Hoesli, und antworte, bereue, gehe in dich, erzähl nicht solchen Putin-Quatsch. Aber der Frechdachs habe doch nicht auf «Anfragen dieser Zeitung reagiert». Typisch für einen Putin-Versteher.

Der Höhepunkt kommt am Schluss

Geht’s noch schlimmer? Allerdings, den Höhepunkt hat sich Reichen für den Schluss aufgehoben, ein selten niederträchtiges, dem Kreml-Herrscher kriecherisch ergebenes Stück Versagen: «Die Freiburger Zeitung «La Liberté» hatte entschieden, Putins Rechtfertigungsrede für den Einmarsch in die Ukraine als Inserat abzudrucken. In der Rede sprach Russlands Präsident unter anderem davon, die Ukraine entnazifizieren zu wollen. Bezahlt wurde das Inserat von einem Freiburger Anwalt.»

Wie rechtfertigt sich denn der verantwortungslose Verantwortungsträger der Zeitung? «François Mauron, Chefredaktor von «La Liberté», rechtfertigte die Publikation des Inserats mit dem Argument der freien Meinungsäusserung, die auch für Putin gelte. Putins Monolog lasse einen zwar «sprachlos» zurück, aber verstosse nicht gegen Schweizer Recht, so Mauron.»

Das macht nun auch Reichen sprachlos. Wie kann man es nur wagen, einen Text dieses wahnsinnigen Unmenschen abzudrucken, aus schnöder Gewinnsucht, und dann noch behaupten, das sei legal? Eigentlich sollte man mit der «Liberté» das Gleiche machen wie mit «Russia Today»: verbieten. So viel Freiheit muss doch mal sein.