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Iran? Äh …

Wenn die Grossanalysten mal wieder rudern.

Es war wieder mal ein klassischer TACO. Statt wie angekündigt eine ganze Zivilisation sterben zu lassen, ersparte der US-Präsident Donald Trump der Welt dieses Kriegsverbrechen. Vorläufig.

Während die israelische Regierung fortfährt, im Libanon ihre verbrecherische Politik wie im Gazastreifen fortzusetzen: totale Zerstörung. Sozusagen im Windschatten des grösseren Konflikts.

Diese nicht ganz unerwartete Wende wäre Gelegenheit für alle Kenner, Spezialisten und Grossstrategen in den Medien, mal zu zeigen, wie das ist, wenn sie ihren analytischen Muskel anspannen. Denn schliesslich erwarten sie für diese Leistung entsprechende Zahlungen, sollten also eine geldwerte Gegenleistung bieten.

Was man in Wirklichkeit sieht, ist allerdings jämmerlich und erbärmlich. Es braucht schon ein Selbstbewusstsein, das in seiner Grösse demjenigen des US-Präsidenten nicht nachsteht, um mit Denkerpose Flachsinn von sich zu geben.

«Ein Krieg, der für Trump nicht zu gewinnen ist», «Trumps Rückzieher», hämt der «Spiegel», der sich für ein Mal nicht mit Beziehungsproblemen und haltlosen Anschuldigungen in einem Scheidungskrieg befasst.

«Die Mullahs können sich als Sieger fühlen», verkündet die FAZ. Die «Süddeutsche Zeitung» wird ganz streng: «Wer droht, eine Zivilisation auszulöschen, darf nicht damit durchkommen». Und wenn Autor Boris Herrmann dafür den letzten Buchstaben hergeben müsste.

Auch Tamedia kennt kein Pardon: «Nichts passiert? Die Drohung war schon schlimm genug!», stellt Charlotte Walser «aus Washington» den US-Präsidenten in den Senkel. Vielleicht sauer darüber, dass sie bis spätnachts aufbleiben musste, um trotz Zeitverschiebung zu liefern. Auch sie stellt eine Art Ultimatum: «Auch wenn den bangen Stunden ein Aufatmen folgte: Daran dürfen wir uns nicht gewöhnen

Keine Ahnung, wer sich daran gewöhnen wollte …

CH Media kümmert sich um die praktischen Fragen: «Trumps Waffenstillstand mit Iran: Hat am Ölmarkt der Schrecken nun ein Ende? Werden Tanken und Fliegen nun billiger?» Hinter der Bezahlschranke gibt’s die Antworten, hier sind sie gratis: zweimal nein.

Der «Blick» geht auf Du mit seinen verbliebenen Lesern: «Das musst du zum plötzlichen Waffenstillstand wissen». Und verbreitet Pessimismus: «Nach der Kehrtwende dürfte es nur noch schlimmer werden».

«20 Minuten» erteilt dem «Geopolitik-Experten Klemens Fischer» das Wort. Das ist so ein Allrounder, der auf der Kurzwahltaste fast jeder Redaktion liegt. Der gefällt sich in einem gepflegten Einerseits-Andererseits, das den Leser, den armen Tor, so klug zurücklässt wie zuvor: «Trump wird die Einigung natürlich als Sieg werten – und das ist sie auch. Auf der anderen Seite konnte aber auch der Iran sein Gesicht wahren, denn der iranische Vorschlag ist jetzt die Basis für weitere Verhandlungen.»

Kühl neutral berichtet die NZZ: «Donald Trump verkündet eine zweiwöchige Waffenruhe. Und Iran feiert einen Etappensieg».

Und eigentlich alle Qualitätsorgane lassen einen «Live-Ticker» laufen, die Bankrotterklärung jedes einordnenden, Mehrwert bietenden Journalismus.

Nicht, dass ZACKBUM das liefern könnte, aber wir verlangen ja auch kein Geld. Wer das tut, sollte aber vielleicht etwas mehr bieten als die Wiederholung des Faktischen, die jeder gratis im Internet abholen kann. Plus die übliche Portion Trump-Beschimpfung.

Zudem überrollen die Ereignisse die kompetenten Spezialisten. Da Israel ungehemmt weiterbombt und zerstört, scheint der Iran die Strasse von Hormus wieder gesperrt zu haben. Ob der Waffenstillstand auch die Kriegsverbrechen der israelischen Regierung im Libanon umfasst oder nicht, daran scheiden sich die Geister.

Wieso halten sich China, Indien und Russland betont zurück? Wer traut sich nach diesen Ausfällen Trumps, aus der erhöhten Warte westlicher Werte noch den russischen Präsidenten Putin zu beschimpfen? Wieso wird nur am Rande erwähnt, dass die israelische Regierung mit ihren Kriegsverbrechen im Libanon ungeniert fortfährt? Ist das eine Zwischenetappe fortgesetzter Kriegshandlungen? Welche Seite wird mehr von ihren Forderungen durchkriegen?

Das wären ein paar Fragen, deren Beantwortung vielleicht etwas Mehrwert bieten würde. Aber das ersparen die Medien-Koryphäen sich und ihren Konsumenten.

 

Gleiche Sendung gesehen?

Kamala Harris hat auf Fox News ein Interview gegeben. Kann man so oder so sehen.

Die «Weltwoche» hat eine klare Ansicht: «Das Techtelmechtel von Kamala Harris mit der rechten Seite wurde zum Rohrkrepierer. Ihr Auftritt bei Fox News war geprägt von unklaren Antworten und Ausweichmanövern».

Neutraler ist Nau.ch: «Kamala Harris mit hitzigem Interview bei Fox News». CH Media tut geheimnisvoll: «Kamala Harris gibt dem Trump-freundlichen Sender Fox ein Interview – und macht eine erstaunliche Aussage». Ganz anderer Ansicht ist hingegen Tamedia: «Wahlkampf-Interview bei Fox News: Kamala Harris trickst den Fuchs aus».

Korrespondent Fabian Fellmann kommt zu einem klaren Ergebnis: «Der Auftritt gelang der Vizepräsidentin derart gut, dass Fox eine ganze Weile benötigte, um zur alten Angriffslinie zurückzufinden. Verdattert kamen die Fox-Kommentatoren in ihren ersten Bewertungen zum Schluss, die Interviewte habe sich gut geschlagen.»

Also triumphaler Auftritt der Präsidentschaftskandidatin. Offensichtlich eine andere Sendung hat hingegen die WeWo gesehen: «Fox-Moderator Bret Baier, bekannt als harter Gesprächsführer, nahm Kamala Harris in die Mangel. Ihre meist ausweichenden Antworten quittierte er mit Nachfragen, auf die sie ebenfalls wenig handfest reagierte.»

Also verhauener Auftritt der Präsidentschaftskandidatin. Auch der WeWo-Kommentator ist ganz dieser Meinung: «Eine katastrophale ( Gott sei Dank) Darbietung von Harris. Anfangs hatte man die Befürchtung das es wieder ein Soft Ball Interview wird. Aber Bret Baier war großartig.» Oder: «Harris war desaströs.»

Auch der Tamedia-Leser hat eine klare Meinung: «Viele Kritiker müssten nun seit diesem Fox Interview zugestehen, dass K.Harris grossartig war.» Oder: «KH ist schlicht und ergreifend gut – sehr gut!»

Das bedeutet, dass beide Medien die Meinung ihrer Gesinnungsblase bedienen. Hin und her gerissen ist der «Blick»: «Harris blieb trotz der teils fiesen Fragen cool. Befriedigende Antworten aber lieferte sie nicht.»

Entsprechend durchmischt reagieren hier die Leser: «Sie antwortete genau und korrekt und behielt die Nerven.» Oder aber: «Die Fragen waren alle fair und sie hat keine einzige(!!) beantwortet, filibuster Reden gehalten und damit das beschränkte Zeitfenster fürs Interview strapaziert.»

Zusammenfassend bedeutet das: wenn das Medium die Erwartung seiner Leser erfüllt, wird dem Artikel zugestimmt. Völlig unabhängig davon, ob er den Auftritt von Harris lobt oder kritisiert. Beschreibt der Artikel sowohl Positives wie Negatives, ist der Leser auch der Meinung, es habe Licht- wie Schattenseiten gegeben.

Perception is reality, die Wahrnehmung ist die Realität. Soll Lee Atwater gesagt haben, ein US-Polit-Stratege. Damit hatte er wohl sehr recht.

Und was macht das Blatt der tiefen Denke und der hausgemachten Analyse? Leider kann man die NZZ hier nicht zählen, weil sie schlichtweg eine Tickermeldung der DPA publiziert. Die bemüht sich wenigstens um Neutralität, wertet den Auftritt nicht, sondern beschreibt den Inhalt. Nur zum Schluss zitiert die DPA zwei konträre Meinungen:

«Trumps Wahlkampfteam reagierte umgehend auf Harris Äusserungen. Es nannte das Interview ein Fiasko und bezeichnete Harris als «wütend und defensiv». Die «Washington Post» schrieb hingegen, der TV-Auftritt sei ein «aussergewöhnlichen Moment» in einem ohnehin turbulenten Wahlkampf gewesen.»

Ja was denn nun? Offensichtlich sind die wichtigsten Leitmedien nicht in der Lage, eine qualitative Beschreibung dieses Interviews zu geben. Wer sich im Trump-Lager verortet (Chefdenker Roger Köppel bezeichnet die mögliche Wahl Trumps als Segen für Europa), fand den Auftritt mies. Wer zur Trump-Hasser-Fraktion gehört, fand den Auftritt hervorragend. Dann gibt es noch ein Sowohl-als-Auch und ein «keine Beurteilung».

Das alles zusammen ist nicht viel. All diesen Beschreibungen fehlt das, wofür der Leser gerne bereit wäre, etwas zu zahlen. Mehrwert in Form von Analyse, Einordnung oder Beurteilung. Meinungsstücke dafür oder dagegen, das kann sich jeder gratis im weiten Internet abholen. Deskriptive Darstellung auch. Wackelpudding ebenfalls.

Und die Bedienung der vorgefassten Meinungen in der eigenen Gesinnungsblase erst recht.

Unabhängig davon, ob der Auftritt von Harris grossartig oder desaströs war: die mediale Reaktion darauf ist katastrophal.

«Blick» plustert

Nun will auch Ringier im Internet abkassieren.

«Zugang zu Blick+ gibt es bereits für 9.90 CHF/Monat. In Kombination mit dem Blick-E-Paper kostet der Zugang 19.90 CHF/Monat und mit dem gedruckten SonntagsBlick 24.90 CHF monatlich.»

Als das letzte grosse Medium macht «Blick» das, was die anderen schon längst vollzogen haben. Er bietet weiterhin einen Teil seines Angebots gratis im Internet an, andere Teile verschwinden hinter einer Bezahlschranke.

Dafür verspricht er «200 exklusive Artikel pro Monat, umfassende Ratgeber- und Service-Artikel», dazu noch «exklusive Rabatte, Events und Führungen durch den Blick-Newsroom».

Das sieht dann so aus:

Natürlich macht «Blick» nicht den Fehler des «Nebelspalter» und legt die Schwelle niedrig:

Nur: wird’s auch funktionieren? Die Geschichte, wie Medien im Internet Geld verdienen können, ist lang und tragisch. Denn sobald eine Bezahlschranke hochgezogen wird, bricht der Traffic zusammen. Der wiederum ist entscheidend für die Werbeeinnahmen im Internet.

Allerdings ist es in der Schweiz so, dass Google, Facebook & Co. sowieso den grössten Teil des Online-Werbekuches verfrühstücken. Gleichzeitig wird der Anteil Online-Werbung am gesamten Werbeumsatz immer bedeutender. Er nähert sich 50 Prozent, während Print und elektronische Medien deutlich abgeben.

Nun ist es aber bei einer Paywall entscheidend, ob dahinter nur Werbung erscheint, deren Erlös an den Veranstalter der Webseite geht. So wie’s aussieht, begleiten aber weiterhin Google-Ads die «Blick»-Artikel.

Der Anmeldeprozess ist relativ schmerzlos, wobei es irritiert, dass man ein Abo abschliessen und ein Zahlungsmittel angeben muss, obwohl der erste Monat gratis sei.

Und welche Wunderwelt an Artikeln kann man entdecken, wenn man «geplusst» hat, wie der «Blick» das nennt?

Wahnsinn. Noch mehr Knaller?

Scheint ein Minderheitenprogramm zu sein, da die Mehrheit der «Blick»-Leser wohl eher nicht Hausbesitzer ist. Dann hätten wir noch diesen da:

Apropos jodeln, da gibt’s noch einen Nachschlag:

Schade auch, aber das hier ist natürlich der Brüller, für den man gerne zahlt:

Hier wird’s dann richtig ernst:

Plus noch eine Sport-Story wären das also zurzeit zehn Artikel, die der kein Abo besitzende Konsument nicht vollständig lesen kann. 33 Rappen soll das täglich wert sein, jährlich schlüge so ein Abo in der billigsten Version mit 118.80 zu Buche.

Da «Blick» bei der Bezahlschranke das Wichtigste vergessen hat – dahinter nur Inserate zuzulassen, bei denen der Veranstalter der Plattform alleine kassiert –, dürfte das Experiment finanziell nicht einschenken. Da auch der «Blick» keine absolute Bezahlschranke hochzieht, dafür aber sicherlich von jetzt an sukzessive immer mehr Artikel dahinter platzieren wird, ist die Prognose nicht schwierig: funktioniert finanziell nicht. Lässt mittelfristig den Traffic einbrechen, während die Zahl der Abonnenten in einem überschaubaren Rahmen bleiben wird.

Wir beten daher die Erklärungen jetzt schon runter.

  1. Es ist noch zu früh, um erste Zahlen zu nennen. Aber der Erfolg liegt im Rahmen der Erwartungen.

  2. Die Zahlen sind durchaus erfolgversprechend, aber zurzeit werden sie nicht kommuniziert.

  3. Es dauert länger, die Marktpenetration erfolgreich durchzuführen.

  4. Wir arbeiten daran, das Angebot noch besser und noch attraktiver zu gestalten.

  5. Wir nehmen die Leserreaktionen sehr ernst. Sie sind überwiegend positiv, auch wenn es einzelne kritische Stimmen gibt.

  6. Wir haben beschlossen, das Bezahlmodell nochmals zu überarbeiten.

  7. Wort-, klang- und spurlos verschwindet es. Die wenigen Abonnenten bekommen einen Gutschein.

Zwischen Fake und Fakt

Wer nicht dabei war, muss dem Bericht glauben.

Fast alle News in den Medien haben etwas gemeinsam: Der Konsument war nicht beim Ereignis dabei. Ob es tatsächlich stattgefunden hat – und so stattfand, wie beschrieben –, das beruht auf der Basis des Vertrauens.

Ob «Hund beisst Mann» oder «Mann beisst Hund», die wertschöpfende Dienstleistung einer Newsquelle besteht darin, mit professionellen Methoden und Mitteln sicherzustellen, dass diese Ereignisse sich tatsächlich so abgespielt haben.

Sekundär, aber erlaubt ist, dass der Berichterstatter seine persönliche Meinung dazu äussert. «Es braucht einen Maulkorbzwang für Hunde», zum Beispiel. Oder: «Hundehalter müssen ihr Tier im Griff haben.»

Es sind auch, wenn faktengestützt, Verallgemeinerungen möglich: «Immer mehr Menschen werden von Hunden gebissen.» Oder faktengestützte Aussagen wie: «Schäferhunde beissen häufiger zu als Dackel.»

Plus Ergänzungen: «Eine Impfung gegen Tollwut schützt vor Nebenwirkungen eines Hundebisses.»

Mehr ist eigentlich nicht. Kann doch nicht so schwierig sein. Oder doch?

 

Weisswurst statt Züri Geschnetzeltes

Was bekommt man für Fr. 4.20 vom «Tages-Anzeiger» serviert?

Montag, 15. November 2021. 32 Seiten bietet der «Tages-Anzeiger» seinen Lesern, die sich am Kiosk dafür vom Gegenwert eines Café Creme trennen müssen.

Damit folgt das Qualitätsmedium dem etwas nach Realsozialismus riechenden Prinzip: Leistung, Wert und Preis haben keinerlei Zusammenhang. Weniger Leistung, gleicher Preis: na und?

Eigenleistung im Lokalen und etwas in der Innenpolitik. Und beim Kommentieren, klar. Aber sonst? Klimagipfel in Glasgow? Das erledigt Michael Bauchmüller von der «Süddeutschen». Etwas Feuilleton über «Gute reiche, böse Reiche»? Sebastian Herrmann, SZ, ist zur Stelle und füllt die Tagi-Seite. Rehash, was Donald Trump alles am 6. Januar dieses Jahres plante, um die Macht doch nicht abgeben zu müssen? Fabian Fellmann greift zum Griffel. Immerhin, ein Tagi-Gewächs.

Allerdings: bis vor Kurzem war er noch Bundeshausredaktor zu Bern; die USA-Korrespondentenstelle hat er erst vor wenigen Monaten angetreten. Da ist alles natürlich noch ganz neu und anders für ihn, da fängt er mit einem sicheren Wert an: Trump eins in die Fresse, das liest man doch immer wieder gerne.

Viele lässliche Sünden, aber auch schwere Vergehen

Das alles sind aber noch lässlich Sünden; wir kommen zum Höhe- und Tiefpunkt. Seite 25, man hat das Dünnblatt schon fast durch, bleibt man beim Aufmacher von «Kultur & Gesellschaft» hängen. Gut, es hätte schlimmer kommen können, aber Nora Zukker hat nichts geschrieben.

Weisswurst. Bayerisch. Schmackhaft. In Bayern. In der SZ.

Stattdessen Julia Rothaas. Richtig, Autorin der Süddeutschen. Die schreibt über Stephanie Huber. Deren Porträt schmückt auch fast eine halbe Seite, um die sich dann ein Text rankt. Hubers Mann starb unerwartet an einem Herzinfarkt. Seither muss sich Witwe Huber um zwei Kinder, eine Firma und ein Eigenheim kümmern. Bedauerlich, unser Beileid.

Das Schicksal einer Frau aus Deutschland. Teil der Tagi-Kultur.

Nur: Ihr Mann starb 2013. Im Schwäbischen. Daraufhin zieht sie anderswohin in Bayern. Baute sich dort ein neues Leben auf. Etwas sprunghaft und wirr von Rothaas beschrieben, die das Klavier der erfolgreich absolvierten Trauerarbeit in D-Moll und dann in G-Dur spielt. Ein Porträt eines Menschen und wie der mit einem Schicksalsschlag umgeht.

Was hat das mit der Schweizer Lebenswelt zu tun?

Was hat das allerdings mit der Lebenswelt, mit den Erfahrungen in der Schweiz zu tun? Gibt es hier keine solchen Fälle? Wäre der Leser des «Tages-Anzeiger» (und dem angeschlossenen runden Dutzend Kopfblätter) nicht empathischer, wenn sich die Story in einer ihm bekannten und vertrauten Umgebung abspielen würde?

Sicher, das Problem bei diesem Kopfblatt-Elend mit Zentralredaktion ist: dem Berner ist der Basler nicht gerade ans Herz gewachsen, und den Zürcher mag eh keiner ausserhalb von Zürich, den Thunern gehen alle diese Städte schwer am Allerwertesten vorbei. Aber eine solche Nahaufnahme müsste eine Eigenleistung eines Kultur- und Gesellschaftsteils sein, der diesen Namen verdient.

Das müsste allerdings Bestandteil einer Tageszeitung sein, die den Namen Qualitätsmedium verdiente. Diese Tageszeitung müsste einen erkennbaren Nutzwert bieten, eine Leistung, die Fr. 4.20 wenigstens ansatzweise entspricht.

Worin besteht der Gegenwert für Fr. 4.20?

Diese Eigenleistung müsste vor allem im überall gleichen Mantelteil erfolgen, der sowieso schon die unterschiedlichsten Regionen mit der gleichen Einheitssauce beliefert. Also dann wenn schon Züri Geschnetzltes. Aber keine Weisswürste. Wobei es eigentlich noch schlimmer ist. Es gibt nicht mal bayerische Spezialitäten. Sondern McDonald’s. Fast Food. Aber was da funktioniert – immer das Gleiche, dafür schnell und billig – funktioniert bei einer Tageszeitung überhaupt nicht.

Nicht mal dafür reicht’s bei Tamedia.

Wer solche Leere bietet, dafür noch Steuersubventionen bekommt und sich eine weitere Milliarde mischeln will, ist schon nassforsch. Deutlicher gesagt: unverschämt. Auf 32 Seiten wird das Totenglöcklein des authentischen und eigenständigen Journalismus geläutet. Alle hören das, nur die Totengräber selber nicht.

Die kommentieren und fabulieren und beurteilen weiterhin, als würde das noch wirklich interessieren. Bis sie dann die nächste Sparrunde ereilt und ein neuer Kindersoldat mit grossen Augen und ernsthafter Kindlichkeit der Welt, den Menschen und seinen Mitbürgern ungefragt Ratschläge erteilt. Und schon früh verbittert und vergreist, weil sich kein Schwein dafür mehr interessiert.