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Deutsches Gewäffel

Fortsetzung unserer Serie über copy/paste-Tamedia.

Das «Classic-Jahresabo» der Qualitätszeitung «Tages-Anzeiger» kostet 605 Franken. Oder im Monats-Abo 64 Franken. Für so viel Geld kann man doch einiges auf Papier und digital erwarten. Recherche, Analyse, Einordnung, Eigenleistung. Erwarten kann man viel, geliefert kriegt man wenig.

So veröffentlicht die «Süddeutsche Zeitung» einen Kommentar unter dem Titel: «Scholz lässt sich von Abbas vorführen». Autorin ist Alexandra Föderl-Schmid. Seit Juli 2020 stellvertretende Chefredakteurin dort, zuvor Israel-Korrespondentin. Sie erregt sich nicht zu Unrecht darüber, dass der Palästinenserführer Mahmud Abbas beim gemeinsamen Auftritt nach seinem Besuch im Kanzleramt gesagt hatte, dass Israel gegenüber den Palästinensern seit 1947 50 Holocausts begangen habe.

Geschmacklos, unappetitlich, widerlich. Der deutsche Kanzler Olaf Scholz reagierte darauf erst mit länglicher Verzögerung. Dafür wird er nun von Föderl-Schmid abgewatscht. «Er verabschiedete Abbas sogar noch mit Handschlag – eine Geste, die völlig deplatziert war und für die er allein verantwortlich ist.» Dazu «inhaltlich zu wenig eingearbeitet», «Vertrauen erschüttert», «Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in schwieriger Phase», «Gefahr, dass dem Eklat im Kanzleramt ein weiterer folgt».

Zackbum. Da hat’s die Österreicherin dem deutschen Kanzler aber gegeben. Sozusagen eine innerdeutsche oder reichsdeutsche Angelegenheit, vorgetragen in diesem schneidigen Ton, den man im grossen Kanton im Norden so gerne anschlägt. Nur: was hat das mit der Schweiz zu tun? Richtige Antwort: nichts.

Moment, das sieht das Haus des Qualitätsjournalismus, der stupenden Eigenleistungen für üppige Bezahlung aber anders. Hier wird aus dem Kommentar schwups grossspurig eine «Analyse», die unter einem angespitzten Titel erscheint:

Aber nach dieser Gewaltsleistung sinkt die Ausland-Redaktion von Tamedia ermattet in ihre Verrichtungsboxen; schon der Lead wird eins zu eins übernommen, der übrige Text auch. Natürlich minus ß, so viel Anstrengung muss dann schon noch sein.

Da der Kommentar sich auf dem Weg von München nach Zürich zu einer «Analyse» gemausert hat, wäre es doch eigentlich angebracht, dass Ausland-Chef Christof Münger seinerseits einen Kommentar zum Kommentar, Pardon, zur Analyse, schreibt. Aber das wäre wohl zu viel der Mühewaltung. Für läppische 605 Franken kann man doch nicht mehr erwarten.

Um dem Tamedia-Leser eine eigene Analyse über Themen von schweizerischem Interesse zu servieren, dafür müsste der Kellner schon vierstellig kassieren dürfen. Aber die Redaktions-Kellner werden halt an der ganz kurzen Leine geführt und zu Tode gespart. Sonst könnte Tx-Boss Pietro Supino sich selbst und die Mitaktionäre vom Coninx-Clan doch nicht mit einer Sonderdividende erfreuen.

Huber meint

Frau, rote Lippen, ein Redaktor dreht durch.

Marius Huber begann im Jahr 2000 beim «Tages-Anzeiger» als Online-Redaktor. «Nach wenigen Monaten wurde seine Stelle gestrichen. Trotzdem ist er beim Journalismus geblieben.» Das ist schlecht für den Journalismus.

Was der «Operation Libero» recht ist, kann doch dem «Thinktank Foraus» nicht unrecht sein. Die «Operation Libero» hat eine Co-Präsidentin, die bislang nur durch Flops aufgefallen ist. Aber dennoch in einer hymnischen Lobhudelstrecke im Magazin der NZZaS abgefeiert wurde. Wesentliches Merkmal: knallrot geschminkte Lippen im edelblassen Gesicht. Man kann Sanija Ameti nicht auf Äusserlichkeiten reduzieren. Sie besteht daraus.

Was der NZZaS recht ist, kann dem Tagi nicht unrecht sein. Also schwärmt Redaktor Huber über die Co-Geschäftsführerin von Foraus Anna-Lina Müller. Er beginnt seine Lobeshymne gleich mit einem Satz zum Fremdschämen:

«Eine 28-jährige Zürcherin hilft dem Bundesrat zu begreifen, was Neutralität bedeutet.»

Man muss schon sagen: wenn das so wäre, wäre die Schweiz wirklich verloren. Aber eigentlich ist nur Huber etwas verloren und lässt kein Klischee aus; diese 28-Jährige wolle eben die «Deutungshoheit über diese heilige Kuh helvetischer Politik nicht alten weissen Männern überlassen». Es wird die Frauen im Bundesrat unangenehm berühren, dass sie nun plötzlich zur Abteilung alte, weisse Männer gehören.

Aber jetzt kommt Müller: «In zielsicheren Sätzen und geschliffenem Hochdeutsch – dem Idiom ihrer Eltern – kritisiert sie, dass man in der Schweiz zu oft über Risiken spreche und mutiger für eigene Werte einstehen sollte.» Verständlich, dass der Schreiber Huber vor Ehrfurcht erstarrt. Allerdings begibt er sich dann auf schlüpfriges Terrain: «Zudem, das weiss Müller, kommt eine junge Frau im Metier der Welterklärung bei den Medien gut an.»

Zumindest bei Huber, der mit offenem Mund glotzt. Allerdings muss man ihn darauf aufmerksam machen, dass diese Bemerkung in feministischen Kreisen schnell in Verdacht geraten könnte, sexistisch zu sein. Aber gut, wenn Huber in Zukunft das Gendersternchen über seine Texte streut, sei ihm das verziehen.

Wir warten allerdings den ganzen Kommentar lang darauf, mal ein Appetithäppchen von zielsicheren Sätzen in geschliffenem Hochdeutsch serviert zu bekommen. Das hebt sich Huber bis zum Schluss auf: ««Ich verbiete den alten Männern das Wort natürlich nicht», stellt sie klar. «Aber gerade in der Schweiz ist es für mich ein No-Brainer, dass alle mitreden dürfen, wenn es um unsere Zukunft geht.»»

Sie verbietet alten Männern das Wort nicht? Das finden wir grossartig und tolerant. Abgesehen davon, dass das weder alte noch junge Männer gross kratzen würde, täte sie es. Der zweite Satz ist noch holpriger, von geschliffenem Hochdeutsch ist nichts zu bemerken. Eine Binse pathetisch formulieren zu können – denn wer sollte etwas dagegen haben, dass wir alle über unsere Zukunft mitreden dürfen –, das ist ja nix. Das ist nicht zielsicher, sondern tatsächlich ein No-Brainer, was man hier vielleicht mit hirnlos übersetzen sollte.

Schon wieder hat die Qualitätskontrolle des Qualitätsmediums Tagi versagt. Denn es wäre ein No-Brainer gewesen, diesen spätpubertären Erguss dem Leser zu ersparen.

Kleiner Kopf, grosses Thema

Früher war ein «Leitartikel zum 1. August» noch was.

Mario Stäuble ist, viele wissen das nicht, Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeiger». Die Zeitung war einmal, viele wissen das nicht mehr, eine ernstzunehmende Stimme in der öffentlichen Auseinandersetzung. Neben viel Eigenrecherche positionierte sich der Tagi mit kantigen Kommentaren und intelligenten, elegant geschriebenen Kolumnen.

Inzwischen werden grosse Teile des Inhalts von der «Süddeutschen» aus München übernommen. Eigenleistungen spielen sich häufig in Themengebieten wie der Genderfrage ab, die 98 Prozent der Konsumenten eher nicht interessieren. Als Grossleistungen sind höchstens noch die Beteiligung an der Ausschlachtung von gestohlenen Geschäftsunterlagen zu erwähnen. Die Hehlerware wird dann von Anklägern, Richtern und Vollstreckern in einer Person dem Publikum als «Papers» oder «Leaks» präsentiert.

Beim letzten Versuch klagte der Tagi selber, dass es sich um einen Skandal handle, der keiner wurde. Oder einfacher ausgedrückt: es war wieder ein Flop.

Im allgemeinen Niedergang bietet die Chefredaktion des Tagi ein besonders jämmerliches Bild. Sie reagierte verschreckt und duckmäuserisch auf ein Protestschreiben erregter Tamedia-Mitarbeiterinnen, die Sexismus, Diskriminierung und unerträgliche Arbeitsbedingungen beklagten. Unterfüttert mit einer Latte von anonymisierten, nicht nachprüfbaren, weder zeitlich noch sonst verorteten Beispielen von angeblichen Übergriffen.

Anlass zu Fremdschämen und peinlicher Berührtheit beim Lesen gibt regelmässig Mario Stäuble. Zuletzt wurde er verhaltensauffällig mit einer oberhochnotpeinlichen und gewundenen Erklärung, wieso der Tagi den Namen eines Entführungsopfers zuerst nannte, dann nicht mehr nennen durfte. Die einfache Begründung wäre gewesen: der Tagi, in erster Linie seine Chefredaktion, haben’s versemmelt.

Vergessen wir die Vergangenheit. Leiden wir unter der Gegenwart

Schlamm drüber. Nun vergreift sich Stäuble aber am 1. August. Was immer man von diesem Datum halten mag, ob es Anlass zur Besinnung, zur Feier, zur Freude, zum Schämen oder was auch immer ist: man sollte zumindest in Würde und auf einem minimalen intellektuellen Niveau darüber nachdenken oder schreiben.

Zwei Gebiete, die nicht zu den Kernkompetenzen von Stäuble gehören. Keiner zu klein, grossmäulig zu sein:

«Die Idee der Schweiz als isolierte Insel ist überholt. Das Land braucht ein neues Selbstverständnis.»

Das ist ja mal eine Ansage. Sie krankt schon daran, dass es in der Schweiz wohl keinen Robinson Crusoe gibt, der sie als isolierte Insel anschaut. Und was für ein neues Selbstverständnis soll gebraucht werden, welches alte ist überholt?

Stäuble holt tief Luft und zitiert aus einer Rede des ersten Schweizer Literaturnobelpreisträgers Carl Spitteler, in der er sich darüber freute, dass eine «Ausnahmegunst» der Schweiz erlaubt habe, während des Ersten Weltkriegs «im Zuschauerraum zu sitzen».

Wie jeder Halbgebildete greift sich Stäuble aus einer längeren Entwicklung von Gedanken einen Satz heraus, der ihm in den Kram passt. Es lohnt sich aber tatsächlich, diese Rede nachzulesen, gehalten am 14. Dezember 1914.

Wer das tut, erfährt, dass sich Spitteler nicht über eine Sonderrolle der Schweiz ausliess, sondern in erster Linie seiner Besorgnis Ausdruck gab, ob sich angesichts des europäischen Schlachtfelds der französische und der deutsche Teil der Schweiz nicht näher zu den jeweiligen grossen Nachbarländern als zur gemeinsamen Sache der Schweiz fühlen könnten.

Stäuble galoppiert durch Niemandsland der Gedankenfreiheit 

Die Rolle von Grossmächten brachte Spitteler übrigens schneidend scharf und gut auf den Punkt:

«Nicht umsonst führen die Staaten mit Vorliebe ein Raubtier im Wappen. In der Tat lässt sich die ganze Weisheit der Weltgeschichte in einen einzigen Satz zusammenfassen: Jeder Staat raubt, soviel er kann. Punktum. Mit Verdauungspausen und Ohnmachtanfällen, welche man „Frieden“ nennt.»

Genauso klar äussert er sich auch zur Position der Schweiz in Kriegszeiten zwischen sie umgebenden Grossmächten: «Der Tag, an dem wir ein Bündnis abschlössen oder sonstwie mit dem Auslande Heimlichkeiten mächelten, wäre der Anfang vom Ende der Schweiz.»

Was Spitteler für den «richtigen, den neutralen, den Schweizer Standpunkt» hält, das lohnt sich wahrhaftig nachzulesen. Das hat mit dem herausgerissenen Zitat von Schäuble null und nichts zu tun. Der Co-Chefredaktor startet also mit einer Bauchlandung. Und von da an geht’s weiter nach unten.

Denn nun versucht er es mit falschem Pathos: «Ein Krieg ist ausgebrochen, und 27 Energieminister kommen zusammen, um einen Kontinent zu einen. Russland hat die Ukraine überfallen und setzt seine Erdgasvorkommen als Waffe gegen Europa ein. Die EU-Minister beschliessen, jedes Land werde seinen Gasverbrauch um 15 Prozent senken, um sich aus Putins Würgegriff zu befreien. Das ist historisch – auch wenn der Plan jede Menge Ausnahmen enthält.»

Es ist ein löchriger, nicht funktionierender Plan von 27 EU-Ministern. Obwohl die Schweiz bekanntlich nicht Mitglied in diesem Verein ist, fragt Stäuble inquisitorisch: «Was ist eigentlich mit der Schweiz? Ist man Teil dieses Plans?»

Gegenfrage: wieso genau sollte die Schweiz Teil eines unrealistischen EU-Plans sein? Dem viele Minister im festen Wissen zustimmten, dass er sowieso nicht funktionieren wird?

Schrecklicher Sonderfall Schweiz

Der Bundesrat setze da weiterhin auf den «Sonderfall Schweiz», schreibt Stäuble anklägerisch. Schlimmer noch: «Es ist nicht das erste Mal, dass dies seit Kriegsausbruch passiert. Die verspäteten Sanktionen gegen Russland sind ein Beispiel, das Nein zur Aufnahme von Verletzten aus der Ukraine ebenfalls

Verspätete Sanktionen? Die erstmalige Übernahme von Sanktionen, die nicht vom UN-Sicherheitsrat, sondern von der EU beschlossen wurden? Und was für ein «Nein» meint Stäuble hier? Hat er auch das nicht verstanden?

Nun, falsch zitiert, anderes auch nicht kapiert, worin sollte denn nun das «neue Selbstverständnis» bestehen? «Zur Neupositionierung der Schweiz gehört, dass sie ihr Verhältnis zur EU entkrampft.» Ach was, und was würde eine Entkrampfung der Schweiz bringen?

«Nur so wird es gelingen, dass man etwa Entwürfe von Sanktionen gegen Russland im Vertrauen vorab zu sehen bekommt, statt die Informationen nachträglich im Internet suchen zu müssen.» Das ist nun so jämmerlich und lächerlich, dass man beim Lesen nicht weiss, ob man weinen, lachen oder mitleidig den Kopf schütteln soll.

Aber wir sind tapfer und zitieren noch die Schlusspointe: «Zwischen Bern und Brüssel braucht es Nähe und Vertrauen. Nur schon, um für den Tag gewappnet zu sein, an dem Carl Spittelers «Ausnahmegunst des Schicksals» plötzlich ausläuft.»

Ein Leitartikel als Leidartikel

Nähe und Vertrauen? Mit dem dysfunktionalen, undemokratischen, «sanften Monster Brüssel», wie das Hans Magnus Enzensberger nannte. Untertitel seines genialen Essays: «Oder die Entmündigung Europas». Und das schrieb er noch lange bevor sich die EU entschloss, militärisch einem Nicht-NATO-Mitglied zu helfen.

Denn was Spitteler ironisch «Ausnahmegunst des Schicksals» nannte, ersparte der Schweiz Leid und Zerstörung im Ersten Weltkrieg. Es ersparte der Schweiz Leid und Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Sie hat sich dabei nicht nur mit Ruhm und Ehre bekleckert, sie hat sich auch durchgewurstelt. Na und? Hätte sie sich damals auf eine Seite stellen sollen? Auf die der Faschisten? Oder der Alliierten, zu denen nebenbei auch die ehemalige Sowjetunion gehörte?

Wer das auch im Nachhinein korrekt mit nein beantwortet, soll heute für Schulterschluss, «Nähe und Vertrauen» mit Brüssel sein?

Es ist tragisch. Es ist jämmerlich. Es ist peinlich. Es ist bedauerlich, auf welches Niveau ein Leitartikel zum 1. August im Tagi abgesunken ist. Es ist ein Leidartikel. Es ist ein Schriftstück, das Mitleid auslöst. Man wünschte der schrumpfenden Leserschar des Tagi etwas Besseres für den 1. August. «Betet, freie Schweizer, betet», heisst es in der Nationalhymne. Wir wissen hier, worum gebetet werden sollte: Oh Herr, lass Hirn vom Himmel regnen.

 

 

 

Tagi/NZZ: der Vergleich

Wenn man Fr. 9.30 investiert, was bekommt man dafür?

Die Printausgabe des «Tages-Anzeiger» kostet Fr. 4.20. Dafür gibt es am Dienstag insgesamt 34 Seiten bedrucktes Papier. Die NZZ kostet Fr. 5.10 und liefert 52 Seiten. Damit hat die NZZ bei einem Seitenpreis von 10 Rappen die Nase vorne, der Tagi kostet 12 Rappen.

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Was wird dafür geboten?

Bereits die Seite 2 verdeutlicht, welche Niveauunterschiede herrschen. Die NZZ steigt ansatzlos mit ihrer Auslandberichterstattung ein:

Der Tagi hingegen gibt seinen Mitarbeitern Gelegenheit, Meinungen zu verbreiten. Besonderer Tiefpunkt ist die Kolumne von Laura de Weck; ein hölzerner Dialog mit einer Schlusspointe, die auf den gesamten Inhalt zutrifft: «Crash».

Die NZZ berichtet dann über die Schliessung von Ikea Russland, porträtiert den Widerstand in Myanmar, analysiert die Krise der Muslimbrüder und kommt auf Seite 7 zum «Titanenkampf in der SP».

Den hatte der Tagi schon auf Seite 3:

Wieso allerdings zwei aufgeblasene Porträtfotos, Titel und Lead beinahe die halbe Seite ausfüllen, kann nur als geistige Sparmassnahme verstanden werden.

Auch die NZZ zeigt die Konkurrenten, allerdings mit Mass und Mitte.

Im Ausland behandelt auch der Tagi den Wahlsieg des linken Präsidentschaftskandidaten in Kolumbien. Dazu geht der SZ-Korrespondent von Buenos Aires (Argentinien) aus ans Gerät. Ist ungefähr so, wie wenn der in Schweden ansässige Korrespondent über die Parlamentswahlen in Frankreich berichten würde.

Apropos, so sieht im Tagi eine «Analyse» dieser Wahlen aus:

Links und rechts etwas Text um ein völlig überflüssiges Riesenfoto des französischen Präsidenten.

Während die NZZ mit einem launig bebilderten Interview aufwartet,

reitet im «Tages-Anzeiger» die einschlägig bekannte Ein-Thema-Autorin Aleksandra Hiltmann ihr Steckenpferd:

«Patriarchale Strukturen, Patriarchat, sexualisierte Gewalt, Kriegsvergewaltigungen». Es ist ein schreckliches Thema und begleitet meistens Kriegshandlungen. Nur: es ist ein altbekanntes Thema, es gibt keinen aktuellen Anlass dafür, und dass die oberste Strafverfolgerin der Ukraine von ihrem Posten entfernt wurde, weil sie unbelegte Horrorstorys über das Verhalten russischer Soldaten verbreitete – das ist Hiltmann natürlich kein Wort wert.

Lassen wir dann die Niederungen der Lokal- und Sportberichterstattung beiseite und wenden uns dem intellektuellen Höhepunkt zu: «Kultur und Gesellschaft» beim Tagi, «Feuilleton» bei der NZZ.

Auch hier sagen Bilder mehr als tausend Worte; so macht der Tagi auf:

So die NZZ:

Dann widmen sich gleich drei SZ-Redaktoren dem Aufreger des Moments:

Allerdings in sehr teutonischer Manier: das Verdikt wird schon im Titel ausgesprochen; es ist selbstverständlich ein Skandal und muss weg. Die Künstler zur Stellungnahmen auffordern? Überflüssig, wozu auch, die Meinung steht schon vor dem Schreiben fest.

Lieblicher und lockerer geht es dafür im NZZ-Feuilleton weiter:

Hier darf der abgesägte NZZaS-Chefredaktor Luzi Bernet sein Gnadenbrot mit flockigen Strandgeschichten futtern. Daran schliesst sich die «Buchhaus-Zeitung» an, mit deren Inhalt die NZZ nichts zu tun hat.

Der Tagi plämpert mit Kreuzworträtsel, Wetter und einer einzigen Seite «Wissen» aus. Auch ganz am Schluss frönt das Qualitätsorgan seiner Marotte, Texte um aussagelose Riesenfotos zu drapieren:

Völlig subjektives, aber unbeeinflusstes, nicht bezahltes Fazit: Fr. 5.10 sind ein stolzer Preis für ein paar Seiten bedrucktes Papier. Aber immerhin bekommt man Anregungen und Informationen, die man sonst in der Schweiz nicht findet. Die Fr. 4.20 für den Tagi gehören aber leider in die Kategorie: rausgeschmissenes Geld.

Wobei in beiden Fällen die Frage ist, ob man sich stattdessen nicht eher eine CS-Aktie kaufen sollte. Kostet nur unwesentlich mehr und wer weiss, vielleicht kommt die Bank ja mal wieder hinten hoch …

 

 

Wenn der Teutone tobt

Stefan Cornelius ist ein intransparenter Netzwerker.

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Natürlich bildet sich der Ressortleiter Politik der «Süddeutschen Zeitung» seine Meinung völlig unabhängig. Unabhängig davon, dass er Mitglied bei der «Atlantik Brücke» ist. Der «Deutschen Gesellschaft für ausländische Politik». Der «Bundesakademie für Sicherheitspolitik». Die Satiresendung «Die Anstalt» machte sich mal über seine vernetzte Unabhängigkeit lustig.

Das sind alles innerdeutsche Angelegenheiten. Oder wären es, wenn es Tamedia nicht belieben würde, seinen Lesern grosse Portionen Deutsches aus Deutschland zu servieren. So auch den Kommentar «Putins perfides Spiel». Ein schlecht abgehangenes Stück perfider Polemik. Dümmlicher Demagogie. Kriegshetze im knarrenden Kasernenhofton.

Müsterchen:

«Mit einer Zeitlupen-Strategie der Zerstörung beisst sich die russische Armee im Donbass fest, hinterlässt ausgebrannte Häuserhüllen und blutgefüllte Granattrichter.»

Zu dieser Art Demagogie gehört die Überhöhung des Widersachers als besonders durchtrieben: «Wladimir Putin ist seinen Widersachern immer einen Schritt voraus. Die Fantasie des Kremlpotentaten bewegt sich näher am Unvorstellbaren, der Eskalationswille ist stets höher, die Leidensbereitschaft und die Fähigkeit zur Zumutung erscheinen grenzenlos.»

Dass Putin ein Versager ist, der bislang kein einziges Kriegsziel erreicht hat, dafür die Beziehungen Russlands zum Westen um Jahrzehnte zurückwirft, Finnland und Schweden zum NATO-Beitritt motiviert, nicht nur dem Image, sondern auch der russischen Wirtschaft ungeheuerlichen Schaden zufügt, solche Aspekte stören hier nur.

Jetzt mache der «Meister des richtigen Zeitpunkts» ein «perfides Verhandlungsangebot: Über einen Export ukrainischen Weizens könne gesprochen werden, sofern der Westen im Gegenzug Sanktionen für den Export russischen Getreides aufhebe.» Jemand weniger perfider, also zum Beispiel Cornelius, würde natürlich den Export ukrainischen Weizens ohne Gegengeschäft anbieten, das versteht sich wohl von selbst.

Aber wie kann man diesem Ausbund von Perfidie begegnen? Mit Verhandlungen, Gesprächsbereitschaft, also mit der einzigen Möglichkeit, einen Krieg nicht kriegerisch zu beenden? Ach was: «Entschlossenheit ist aber das Schlüsselwort im Umgang mit Putin. Wenn dieser Mann stets in der Lage ist, einen Schritt weiter zu laufen, eine Brutalität mehr zu begehen, eine zusätzliche Erpressung zu wagen – dann wird man diesen Willenskrieg gegen ihn nicht gewinnen können.»

Um den Willenskrieg zu gewinnen, müsste also der Westen auch einen Schritt weiter laufen, eine Brutalität mehr begehen, eine zusätzliche Erpressung wagen? Logisches und folgerichtiges Denken scheint nicht die Stärke von Cornelius zu sein.

Entschlossenheit ist gut, nur, wie soll sich die denn äussern? Da wird Cornelius dann wolkig, ganz wolkig: «Deshalb ist es bemerkenswert, wie schnell eine prinzipielle Gefahr relativiert werden kann, wenn die Entschlossenheit erst einmal schwindet. Für den Westen entscheidet sich der Willenskampf mit Putin jetzt.»

Willenskampf, welch ein martialisches Wort. Welcher Platzhalter für: Kampf. Krieg. Denn in der Ukraine wird kein Willenskampf ausgetragen, sondern ein echter Krieg. Und da ist jetzt mal wieder der Moment der Entscheidung. Nur: welche Entscheidung? Noch mehr «blutgefüllte Granattrichter»? Oder ein Willenskampf nach teutonischer Art? Denn die Letzten, die hier Granattrichter hinterliessen, waren bekanntlich die Deutschen. Die zudem in der Ukraine wie die Barbaren hausten, die sie ja waren. Die Kriegsverbrechen zuvor ungekannten Ausmasses verübten.

Judenvernichtung, unterstützt von Teilen der ukrainischen Bevölkerung. Angeführt vom Kriegsverbrecher Stepan Bandera, dem im Westen der Ukraine bis heute Denkmäler gewidmet sind. Sollte das einem Deutschen, auch wenn der gut vernetzt ist, nicht ein wenig Zurückhaltung auferlegen? Sollte ein Mitglied so vieler Denkanstalten nicht etwas weniger geschichtsvergessen sein? Statt von Willenskampf zu schwafeln und echten Krieg zu meinen.

Zumindest eines könnte doch der Schweizer Leser fordern: dass man ihn in den Gazetten von Tamedia mit solchem Gedöns in Frieden lässt. Wenn die Deutschen, angeführt von den rotierenden Wendehälsen grüner Politiker wie Habeck und Baerbock wieder kriegslüstern werden, muss das doch nicht brühwarm in der Schweiz serviert werden. Wenn der bedachte deutsche Bundeskanzler Scholz es als seine wichtigste Aufgabe ansieht, einen möglichen Dritten (und letzten) Weltkrieg zu verhindern, dann wird er dafür lautstark als Zögerer und Weichei verspottet. Aber sollte man diese innerdeutschen Querelen nicht dort lassen, wo sie hingehören?

Tamedia verfügt doch über gleich sechs «Nachrichtenchefs». Über fünf Redaktoren «International». Über angeblich 23 Auslandkorrespondenten. Und all deren geballter Sachverstand reicht nicht aus, einen Kommentar zu Putin oder der Ukraine aus Schweizer Sicht zu basteln? Alleine die 11 Redaktoren kosten doch mit allem Drum und Dran locker 100’000 Franken im Monat. Geld, das Tamedia bei den wenigen Inserenten und den immer weniger werdenden Abonnenten einsammelt. Um als Gegenleistung dieses Gewäsch eines kriegslüsternen Deutschen zu servieren?

 

Sauglattismus

Es ist mal wieder Zeit für eine Fotoromanza!

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Eigentlich schafft es nur der «Tages-Anzeiger», sich selbst auf der Frontseite mit einem riesigen, riesig-schlechten Cartoon jeden Hauch von Seriosität zu nehmen. Bravo.

Das setzt sich dann auf der Kommentarseite fort. Kalten Arsches (Pardon) fordert hier der mutige Redaktor, dass man ein Zeichen setzen soll. Solidarität üben. Leider ist diese Aktion nicht kriegsentscheidend. Aber ein frostiger Beitrag dazu.

Der «Blick» hingegen melkt wirklich alles aus der Null-Story des Besuchs einer politischen Null in der Ukraine. Blöd auch, dass es nicht mal zu dem üblichen Handshake-Foto gereicht hat, sondern das Blatt sich mit einer Fotomontage auf der Front behelfen muss. So viel Kooperation hätte man von Irène Kälin schon erwarten dürfen. Aber eben, man kann’s – oder man kann’s nicht.

Eher verhalten berichtet CH Media über das Kriegsreisli unserer Nationalrats-Präsidentin. Man beachte den deutlich ranzigen Gesichtsausdruck der Umstehenden, die sich offenbar nichts sehnlicher wünschen, als dass diese Frau aus der Schweiz endlich mal das Wort wieder loslässt.

Lobenswert ist hingegen, dass sich die vielen Kopfblätter von CH Media durchaus auch dem Lokalen verschrieben haben. Auch wenn die Prominenz der linken Prominenz vielleicht nicht für jeden erkennbar ist.

In einer Welt für sich lebt wieder einmal die NZZ, und dafür gebührt ihr grosses Lob. Natürlich beherrscht auch ihre Frontseite der Gaslieferungsstopp. Aber daneben und mit Bild widmet sich die alte Tante einem Thema, das allen anderen schwer an einem gewissen Körperteil vorbeigeht. ZACKBUM ist entzückt.

Dazu gehört auch ein üppig fotografierter Bericht über den Anteil, den Kosaken im Kampf gegen Russland leisten. Auch dafür hat kein einziges anderes Organ den Nerv. Aber die NZZ kann noch einen drauflegen:

Das ist sowohl inhaltlich wie thematisch sehr konträr zum Mainstream und verdient deswegen höchstes Lob.

Volkes Stimme

Wie halten wir’s mit der Meinungsfreiheit, Rede und Widerrede?

Bundespräsident Ignazio Cassis hat in seiner Funktion als Aussenminister in einem Interview gesagt, dass der Überfall auf die Ukraine das Ende «der Ära, in der seit Ende des Zweiten Weltkriegs kein einziges souveränes und demokratisches Land auf dem Kontinent angegriffen wurde», bedeute.

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Das brachte ihm einen scharfen Verweis der Sprecherin des russischen Aussenministeriums ein. Maria Sacharowa belehrt Cassis, «dass die Grundlagenaushöhlung der Nachkriegszeit und die Zerstörung des Völkerrechtssystems aus den Bomben- und Raketenangriffen der Nato auf friedliche jugoslawische Städte 1999 resultierten».

Die Erklärung im Wortlaut:

Zudem habe das EDA «nach weiteren barbarischen Verbrechen des ukrainischen Regimes in Butscha und Kramatorsk unsere ausführlichen Erklärung ignoriert und alle Verantwortung rückhaltlos der russischen Seite zugeschoben».

Über die Richtigkeit der Geschichtslektion kann man durchaus diskutieren, denn es war ein völkerrechtswidriger Angriff der NATO auf einen souveränen Staat mit vielen zivilen Opfern. Die russische Position, dass es es sich bei dem Massaker von Butscha um Untaten seitens der Ukraine handle, ist hingegen peinlich.

Aber natürlich ist es der russischen Seite unbenommen, die bei uns herrschende Meinungsfreiheit zu benützen. Denn wenn die nur dann gilt, wenn die Meinungen dem Konsens entsprechen, wäre sie ja nichts wert. So sieht das sicherlich auch die Schweizer Öffentlichkeit. Wenn man allerdings die bislang 231 Kommentare zum entsprechenden Artikel im «Tages-Anzeiger» als repräsentatives Sample nimmt, muss man daran ernsthaft zweifeln.

Neben wenigen besonnenen Stimmen, die sofort als «Putin-Versteher» niedergemacht werden, tobt hier Volkes Stimme:

«Macht die russische Botschaft zu und schickt die Leute zurück nach Russland. – Sämtliche russischen Diplomaten sollten sofort des Landes verwiesen werden. – Liebe Putin Versteher, lest doch lieber die Weltwoche. – Die Sanktionen müssen verschärft werden und die Ukraine muss auf dem Feld siegen. – Der Russe hat von uns gar nichts zu fordern. – Falls es der Bundesrat nicht macht, sollte eine Menschenmenge auf dem Bundesplatz die sofortige Ausweisung des gesamten Botschaftspersonals verlangen. – Dieser Russische Lügerei und der Zynismus ist wirklich kaum noch zu ertragen. – Die Botschafterin sollte einbestellt und darüber belehrt werden, dass Milosevic und Konsorten in Den Haag der Prozess gemacht wurde (ja, ich weiss dass Milosevic gestorben ist bevor er verurteilt werden konnte). Danach kann man die Frau Botschafterin und ihren ganzen Stab medienwirksam ausweisen. Das wäre ein starkes Signal.»

Selbstverständlich sind all diese Aussagen durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Auch wenn einer in seiner Erregung die Sprecherin des Aussenminsteriums in Moskau für die russische Botschafterin in Bern hält und sie gleich ausweisen möchte. Allerdings macht sich kein einziger der Kommentatoren die Mühe, den Wahrheitsgehalt der Geschichtslektion zu untersuchen. Denn Meinungsfreiheit geht häufig mit Kenntnisfreiheit daher. Also keine Ahnung haben, aber sehr viel Meinung.

Ahnungslosigkeit mit viel Meinung gibt’s überall

Das gilt nebenbei auch für die ehemalige Bundesanwältin und UNO-Chefanklägerin Carla Del Ponte. Die will sich wieder ins Gespräch bringen, indem sie behauptet, sie sei vielleicht die einzige Person, die wisse, wie man es anstellen müsse, um einen amtierenden Präsidenten vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen. Denn: «Es ist möglich, Putin vor Gericht zu stellen

Allerdings: sollte diese Möglichkeit existieren, wäre unbedingt zu vermeiden, dass Del Ponte etwas damit zu tun hätte. Denn in ihrer langen und sehr geräuschvollen Karriere ist es der Staatsanwältin nie, in keinem einzigen Fall gelungen, eine von ihr eingereichte Anklage zu einer Verurteilung zu führen. Das fing schon mit ihrer ersten Karriere als «Mafiajägerin» an. Grosser Auftritt, Bodyguards, starke Ansagen – und dann regnete es Prozessentschädigungen auf zu Unrecht Angeklagte.

All das gehört zur Meinungsfreiheit und muss unbedingt geduldet werden. Ob das allerdings die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung auch so sieht? Wenn dieses Kommentar-Sample bei Tamedia repräsentativ ist, muss man besorgt sein.

 

Mario Stäuble in Erklärungsnot

Der Co-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers» ist peinlich.

Seine Fähigkeit zur Qualitätskontrolle ist seit dem Fall Kevin Brühlmann stark zu bezweifeln. Seine Bedeutung als zurückgestufter Mit-Chefredaktor war noch nie beeindruckend.

Nun will Stäuble «In eigener Sache» der Leserschaft erklären, wieso in der Berichterstattung des Tagi zum Blutbad von Wallisellen der Name des Entführungsopfers vom Blatt als Scoop zuerst veröffentlicht wurde, um dann gestrichen zu werden. Der ganze Artikel wurde durch die verkniffene Ankündigung ersetzt:

Anschliessend erschien der Artikel wieder, allerdings abgewandelt:

Während die übrigen Medien, inklusive SDA oder NZZ, ungehemmt den Namen von Christoph Berger, Impfchef der Schweiz, nannten. Das möchte Stäuble nun erklären: «Warum wir den Namen des Entführten nennen». Damit verwirrt der elegante Schreiber allerdings, denn die Leserschaft ist ja wenn schon irritiert, wieso er genannt wurde, dann gestrichen, dann wieder genannt, während die Konkurrenz keine solchen Tänze aufführen musste.

Item, man habe bereits am Donnerstagabend den Namen des Opfers gekannt. Daraufhin trat die «erweiterte Chefredaktion zusammen, um unter Beteiligung unseres Hausanwalts die medienethischen und medienrechtlichen Aspekte des Falls zu diskutieren.» Darauf folgt das übliche Geeier. Abwägung, politische Dimension, sicherheitspolitische Fragen, also «sahen und sehen uns gegenüber unserer Leserschaft dazu verpflichtet».

So nebenbei erwähnt Stäuble, dass der Sprecher von Berger bei Kontaktnahme durch die Redaktion klargestellt hatte, «dass Herr Berger keine Berichterstattung über seine Person wünsche». Nun sollte eine «erweiterte Chefredaktion» nebst juristischer Verstärkung wissen, dass das Opfer eines Gewaltverbrechens das Recht hat, seine Namensnennung zu untersagen.

Also könnte es einen kompetenten Co-Chefredaktor nicht gross erstaunen, dass Berger dann zum Mittel der Superprovisorischen griff, als sich der Tagi nicht an diese Forderung hielt. Da Berger offenbar zu diesem Zeitpunkt nur vom Tagi kontaktiert worden war, ereilte auch nur den der Blitz des Verbots der Namensnennung. Nachdem sich dann, angesichts der übrigen Medien, Berger zu einer kurzen öffentlichen Stellungnahme veranlasst sah, fiel dann das superprovisorische Verbot.

Was also Stäuble eigentlich dem Leser erklären sollte: wir haben’s versemmelt. Wir haben den Namen rausgegrübelt, den Betroffenen damit konfrontiert. Soweit noch gut. Wenn der aber sagt, dass er seinen Namen nicht in den Medien lesen will, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Ihn vom Gegenteil überzeugen – oder das akzeptieren. Für Überzeugungsarbeit bräuchte es aber eine gewisse Eloquenz oder auch psychologische Fähigkeiten, was Stäuble offenbar abgeht. Also verstand man sich zur Fehlentscheidung: Opfer will nicht, Namen nennen wir trotzdem.

Was lernt der Leser daraus? Das Blatt wird von kompetenten journalistischen Hirschen gebastelt …

 

 

Gerüchteküche «Republik»

Zwischen Tamedia und dem Online-Magazin herrscht schon länger bissiger Kriegszustand.

Die «Republik» versuchte, sich mit einer ihrer gefürchteten ellenlangen Fortsetzungsgeschichten an Tamedia abzuarbeiten. Sozusagen im Schrotschussverfahren. Dann verbrach Daniel Ryser ein Schmierenstück über eine angebliche «Zerstörungsmaschine», die über eine streitbare und hasserfüllte Kämpferin gegen Hass und Hetze hereingebrochen sei. Ein Schrottschussverfahren.

Er betrat dabei journalistisches Neuland für einen Recherchierjournalisten, in dem er zwar jede Menge Gerüchte kolportierte, aber allen namentlich genannten Protagonisten seines Artikels keine Gelegenheit zur Stellungnahme einräumte. Als ZACKBUM freundlich nachfragte, wieso und gleichzeitig fragend auf einen ganzen Stapel von Ungenauigkeiten, Schludrigkeiten und sogar Fake News hinwies, blieb Ryser stumm.

Nun köcheln gleich zwei «Republik»-Redaktoren ein Süppchen auf der Entlassung des «Tages-Anzeiger»-Redaktors Kevin Brühlmann. Steife These: «Aus politischen Gründen?» Fragezeichen sind immer gut, wenn man austeilen will, aber nicht sicher genug ist, das im Indikativ zu tun.

Während bisher davon ausgegangen wurde, dass es Brühlmann die Stelle kostete, weil er ein eher verunglücktes Porträt über eine Zürcher Stadtratskandidatin schrieb, behaupten Dennis Bühler und Carlos Hanimann: «Ein Zürcher Reporter fällt bei Verleger Pietro Supino in Ungnade und verliert seine Stelle. Die Redaktion reagiert mit einem geharnischten Protestbrief.»

Darin habe die Redaktion die Wiedereinstellung Brühlmanns gefordert und verlangt, dass auch die in der Hierrachie obendran stehenden Mitarbeiter, die den Artikel durchwinkten, sanktioniert werden müssten. Es seien immerhin fünf gewesen. Der Brief sei, man erinnert sich an einen anderen Protestbrief, von 71 Mitarbeitern unterzeichnet worden. «Der Wortlaut des Briefs ist der Republik bekannt.» Das ist eine sehr interessante Formulierung, weit entfernt von der Aussage: der Brief liegt der «Republik» vor.

Der Blitz Supinos habe eingeschlagen, vermutet die «Republik»

Obwohl laut «Republik» im Brief Beschwerde geführt werde, dass es nicht anginge, dass ein Redaktor wegen eines einzigen Fehlers entlassen werde, vermuten die Recherchierkünstler – ohne sich des Widerspruchs bewusst zu werden – dass Brühlmann schon letztes Jahr den «Groll von Verleger Supino auf sich gezogen» habe, als er einen Artikel über die Baugarten-Stiftung veröffentlichte.

Der sei von Co-Chefredaktor Mario Stäuble bestellt, für gut befunden und publiziert worden. Aber dann:

«Gemäss mehreren gut unterrichteten Quellen habe sich Stäuble nach der Publikation in einer Sitzung mit allen Chef­redaktoren der Tamedia-Zeitungen und in Anwesenheit von Verleger Pietro Supino lange und ausführlich für die Recherche seines Reporters entschuldigt und für das eigene Versagen gegeisselt.»

Auch Brühlmann sei auf Intervention von Supino dazu gezwungen worden, sich bei Baugarten zu entschuldigen, will die «Republik» wissen. Nun ist es gerade bei ihr mit den «gut unterrichteten Quellen» so eine Sache. Die haben regelmässig ins Desaster geführt; Stichwort «Globe Garden», Stichwort «ETH» Stichwort weitere «Skandale» die auf solchen Quellen aufgebaut wurden – und kläglich verröchelten.

Hier kommt noch erschwerend hinzu: Der Artikel über die Stadtratskandidatin mit jüdischen Wurzeln ist tatsächlich teilweise verunglückt. Auf der anderen Seite hat die Porträtierte die Entschuldigung akzeptiert, den Fall für erledigt erklärt. Nur Katastrophen-Sacha ritt eine Attacke auf den «Stürmer von der Werdstrasse», mit der er sich selbst einmal mehr disqualifizierte.

Was Anlass zu Zorn geben könnte, ist nicht ersichtlich

Im Fall des Artikels über die Stiftung wird aber auch bei sorgfältiger Lektüre nicht klar, worüber sich da jemand hätte echauffieren können – und womit der Journalist den Groll Supinos auf sich gezogen haben könnte. Der Artikel ist sorgfältig recherchiert, scheint keine Fehlinformationen zu enthalten und erzählt, abgesehen von ein, zwei kleinen Schlenkern in die Vergangenheit des Stiftungspräsidenten als CEO von Holzim, faktenbasiert, unpolemisch die Geschichte einer der wohl bedeutendsten privaten Geldgeber Zürichs nach.

Es könnte vielleicht sein, dass sich Baugarten gewünscht hätte, nicht so öffentlich exponiert zu werden. Auf der anderen Seite ist es ja kein Geheimclub mit düsteren Aufnahmeritualen in dunklen Kellern. Im Gegenteil, sie verfügt sogar über eine eigene Webseite mit durchaus vorhandenen Informationen und Auskünften.

Schwacher Vorwurf, schweife in die Vergangenheit

Wenn der Hauptvorwurf nur sehr wolkig begründet werden kann, gehört es zu den ältesten Maschen, Parallelbeispiele aufzuzählen. Da fällt der «Republik» ein Artikel aus dem Jahr 2018 ein. Da drosch Philipp Loser unanständig, ohne die primitivsten journalistischen Benimmregeln einzuhalten und genauso unfundiert wie hier die «Republik», auf den Tamedia-Konkurrenten Hanspeter Lebrument ein.

Interessant war, dass auch dieses Schmierenstück durch alle hochgelobten «Qualitätskontrollen» durchrutschte. Dass es dann gelöscht wurde und Loser bei Lebrument zu Kreuze kriechen musste, war eigentlich selbstverständlich. Zudem überlebte Loser diesen Riesenflop. Leider.

Weiter ein von Supino der eigenen Redaktion gewährtes und dann zurückgezogenes Interview, eher ein Kuriosum und keine weitere Belegstelle für unziemliche Einmischung. Dass Supino tatsächlich stark intervenierte, um die gescheiterte Medienmilliarde zu unterstützen, das erwähnt die «Republik» lustigerweise nicht. Wohl weil sie auch dafür war.

Dann kommt noch die Uraltgeschichte der Entlassung von Chefredaktor Viktor Schlumpf anno 1991. Nach dieser sehr, sehr dünnen Suppe kommen die Autoren ohne jegliche Begründung zum Schluss:

«Der bissige Ton in Brühlmanns Text über die Baugarten-Stiftung wurde ihm zum Verhängnis.»

Wer in diesem Stück einen «bissigen Ton» entdeckt, hat wohl auch Angst vor einem Chihuahua, wenn der unter seinem rosa Mäschlein aus der Handtasche seiner Besitzerin kläfft.

Vorsicht, bissiger Ton.

Dass bei Tamedia bezüglich Qualitätskontrolle einiges im Argen liegt, ist offenkundig. Dass das auch bei der «Republik» der Fall ist, ebenfalls. Zudem vermisst man ein selbstkritisches Stück, wieso denn vom Chefredaktor abwärts weitere führende Redaktoren das Blatt verlassen. Wäre doch auch mal interessant zu wissen.

 

Tagi-Qualität, Part II

Wenn demonstriert wird, gerät das Qualitätsmedium aus dem Tritt.

Am Samstag war hübsch was los in Zürich. Mehrere unbewilligte Demonstrationszüge marschierten durch die Stadt, es gab Gewalt gegen Sachen und Personen.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Da wäre man froh, wenn der «Tages-Anzeiger» das Geschehen einordnen und berichtend erklären würde. Stattdessen gibt der Tagi dem SP-Nationalrat Fabian Molina Gelegenheit, sich mal wieder öffentlich zum Deppen zu machen.

Aber das kann man noch als Beitrag zur unfreiwilligen Demontage durchgehen lassen. Etwas schräger wird’s bei der übrigen Berichterstattung. So kündigte das Blatt an, dass kommenden Samstag «Massnahmengegner und Rechtsextreme in Oerlikon auf die Strasse gehen».

Obwohl auch das sicherlich in der unerbittlichen Qualitätskontrolle von mindestens für Nasen gelesen wurde (kicher), musste der Tagi flugs ein «Korrekt» einrücken:

«Die Organisation (der Veranstaltung, Red.) legt Wert darauf, dass an ihrer Kundgebung weder Rechts-noch Linksextreme willkommen seien, und diese an der Demo – wenn nötig – weggewiesen würden.»

Peinlich, aber typisch. Gleich zwei Redaktoren wirft der Tagi in die Schlacht, um zu erklären,  «wie es zum Zürcher Kampf zwischen Antifaschisten und Neonazis kam».

Kampf, Antifaschisten, Neonazis? Schauen wir uns den Artikel kurz genauer an. Da haben wir die einen: «Später ziehen Tausende schwarz gekleidete Antifaschisten in zwei unterschiedlichen Demonstrationszügen durch das Limmatquai beziehungsweise das Langstrassenquartier. Ein kleiner, militanter Teil von ihnen sucht die Konfrontation mit Neonazis sowie der Polizei und randaliert.»

Auf einem Auge blind

Und die anderen: «Ein weiterer Demonstrationszug von sogenannten Corona-Massnahmen-Gegnern will am Limmatquai demonstrieren. Sie hatten all die Demonstrationszüge – von denen keiner bewilligt war – ausgelöst. Ob sich unter ihnen Neonazis befinden, ist nicht bekannt.»

Es bleibt dem Redaktionsgeheimnis unterstellt, wieso die einen «sogenannte» sind und die Chaoten und Krawallanten von links zwar den Namen Antifaschismus usurpiert haben, und geschichtsvergessen «no pasarán» grölen, während sie schwarzgekleidet wie Mussolinis Faschisten durch Zürich randalieren, kein «sogenannt» verliehen bekommen, obwohl sie nun wirklich nicht mal sogenannte Antifaschisten sind.

So nebenbei, obwohl die spanischer Republik im verzweifelten Kampf gegen die Faschisten die Losung «no pasarán» ausgab, wurde sie am Schluss besiegt. Wie ein Leichentuch senkte sich dann für Jahrzehnte der Franco-Faschismus über das Land. Ist es wirklich sinnvoll, die Losung eines Kampfes aufzunehmen, der mit einer bitteren Niederlage endete? Aber wer diesen Unsinn plakatiert, sich schwer anzieht und behauptet, gegen die «Faschisten» in Zürich zu kämpfen, hat sowieso einen an der Waffel.

Aber es wird noch peinlicher: «Die Junge Tat stehe auch in einem engen Kontakt mit sogenannten Identitären in Österreich, Belgien und Deutschland, zitiert das Onlinemagazin «republik» die Recherchegruppe Antifa Bern», zitiert das Qualitätsorgan Tagi eine dunkle Quelle, die sich ihrerseits auf eine noch dunklere Quelle bezieht.

Wir verstehen das richtig: statt eigene Recherchen anzustellen, quotet das Qualitätsorgan Tagi die Fake-News-Schleuder «Republik», die sich wiederum auf die «Antifa Bern» berzieht, eine nur auf Twitter existierende Blödeltruppe, ungefähr so seriös wie das «Megafon».

Geldwerte Schlussfolgerungen?

Wie lautet dann der analytische Schluss, welche Wirkkraft entfaltet hohe journalistische Kunst, die unbedingt wenn nicht mit einer Milliarde, dann doch mit ein paar hundert Franken fürs Abo honoriert werden sollte?

«Klar ist aber: Sowohl Neonazis als auch Antifaschisten werden versuchen, die Demonstrationen am vergangenen Samstag zu nutzen und weitere Menschen für ihre Anliegen zu gewinnen. Ob ihnen das – auch angesichts des nahenden Endes der Pandemie – gelingt, wird sich zeigen

Das ist klar wie Klosbrühe, wie man sagt. Klar wie banal. Klar wie blöd. Und «wird sich zeigen»? Das ist der Standardersatz für «Ich habe doch keine Ahnung und wage nicht mal eine Prognose

Also mal im Ernst, liebe Tagi-Journalisten, wollt Ihr wirklich so überdeutlich zeigen, dass ihr keinen Rappen wert seid und so was von überflüssig?

Toll ist auch eine damit nicht in Zusammenhang stehende Leistung. Der Jung-Redaktor Kevin Brühlmann, hatte sich an ein Porträt einer Kandidatin für den Stadtrat gewagt.

Die FDP-Kandidatin ist eine Frau – und jüdischen Glaubens. Der Journalist weiss, dass der ja nach der politischen Ausrichtung des Blatts im besten Fall Entschuldigungen serviert werden. Das passte also in diesem Fall jemandem ziemlich massiv nicht. Katastrophen-Sacha mischte sich ein und erklärt den Tagi kurzerhand zum «Stürmer an der Weststrasse», nach dessen Hauptquartier.

Alleine diese völlig überzogene Reaktion hätte Grund genug sein sollen, Fakten und Hypothesen genau zu untersuchen. Finde hier statt …