Flachzange Binswanger
Die schreibende Schmachtlocke unterbietet sich selbst.
Es gibt gute Gründe, nicht nur wegen Björn Höcke die AfD für unwählbar zu halten.
Auf der anderen Seite ist sie laut allen Meinungsumfragen mit Abstand die beliebteste Partei Deutschlands. Also erhebt sich ein anschwellender Bocksgesang von Westentaschen-Intellellen, die ihr Mütchen an dieser Partei kühlen. Obwohl es eigentlich ihre Aufgabe wäre, den Gründen nachzuspüren, wieso weder Brandmauer noch andere Abwehrmassnahmen ihren Siegeszug aufhalten können.
Oder schlicht die Frage zu beantworten, wieso sie in Scharen Wähler findet. Oberhalb von Erklärungen wie die, dass die halt blöd, braun, verpeilt, verbittert, Prekariatsmitglieder, Arbeitslose und/oder Rassisten und Nationalisten sind.
Das ganze Elend dieser unfähigen Weltdeuter verkörpert Daniel Binswanger geradezu idealtypisch. Der Co-Chefredaktor des Hobby-Organs zweier reicher Erben greift wöchentlich zum Griffel, um der Welt zu erklären, wie sie sei und wie sie sein sollte.
Aber weder die Sprache noch das Denken gehören zu seinen Kernkompetenzen. So beginnt er seine jüngste Kolumne schon mal sehr holprig:
«Der Zufall des politischen Kalenders produziert eine seltsame Engführung: In Deutschland finden die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt statt und ein AfD-Landesverband, der vom Verfassungsschutz als «gesichert rechtsextrem» eingestuft worden ist, könnte dieses Wochenende die absolute Mehrheit der Landtagssitze erobern und die Regierung stellen. Die Schweiz ist derweil mit dem Abstimmungskampf über die Neutralitätsinitiative beschäftigt.»
Hä? Der krampfhafte Versuch, aus denunziatorischer Absicht die AfD in Sachsen-Anhalt und die Neutralitätsinitiative in einer «Engführung» zusammenzuschustern, produziert einen kleinen Sprachmüllberg.
Unweigerlich muss nun die Nazikeule kommen, das ist bei diesem liefergelegten Niveau gar nicht anders denkbar: «Gut 80 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft würde in Deutschland erstmals eine Partei die Macht in einem deutschen Bundesland übernehmen, die man nicht unmittelbar mit der NSDAP vergleichen kann, die aber vom sogenannten völkischen Flügel dominiert wird und deren Wahlprogramm massiv von rechtsradikaler Ideologie geprägt ist.»
Das ist diese typische kleinintellektuelle Verkrampfung, sich mit der linken Hand hinter dem rechten Ohr zu kratzen. Könnte man auch einfacher haben, aber dann käme es nicht so geschwollen daher und stünde in aller Erbärmlichkeit nackt und hässlich da: natürlich will Binswanger die AfD ganz nahe an die NSDAP rücken.
Und was passiert laut Binswanger, wenn der deutsche Stimmbürger in Ausübung seiner demokratischen Rechte eine rechte Partei wählt? «Das ist nicht nur eine demokratiepolitische Katastrophe, sondern auch eine verheerende Niederlage der deutschen Erinnerungspolitik.»
Nimm das, du dämlicher Sachse und Anhalter. Aber die schreibende Schmachtlocke befürchtet noch Schlimmeres: «Eine nicht bewältigte Geschichte der politischen Gewalt droht wiederzukehren.» Im fistelnden Diskant des Grauens hackt er mit scheckgeweiteten Augen völlig Unverständliches in die Tastatur. Man stelle sich das bildlich vor: wie wohl die Wiederkehr einer nicht bewältigten Geschichte aussieht? Wir wissen nur: so liest sich nicht bewältigte Sprache.
Aber genug des Ausflugs in braune deutsche Gauen des Grauens, eigentlich will sich Binswanger doch die Neutralitätsinitiative zur Brust nehmen: «Die Schweizer Auseinandersetzung um die richtige Neutralitätspolitik ist im Vergleich zur deutschen Schicksalswahl schon beinahe harmlos. Aber auch die Schweiz bleibt die Gefangene ihrer Geschichte.»
Binswanger hingegen ist weitgehend frei von Geschichtskenntnissen. Sonst wüsste er, dass der Begriff «Schicksalswahl» zum Lieblingsvokabular – der NSDAP gehörte. Ups.
Aber auch Sprachbilder sind nicht so seins: «Die Schweiz sitzt heute wie die Made im Speck in der Schutzzone der sie umgebenden EU-Staaten.» Also sie lebt angenehm auf Kosten anderer. Wie das? Da schweigt des Sängers Höflichkeit.
Genug der blassen Gedanken und schrägen Sprachbilder, nun muss die Lieblingsbeschäftigung aller dieser Denkzwerge mit fuchtelndem Zeigefinger her. Genau, die knallharten Forderungen: «Sie muss der Nato nicht beitreten. Aber sie muss offensichtlich die Möglichkeit haben …» Muss sie? Binswanger hat noch ein Donnerwort gegen die Initiative auf Lager: «Das ist weltfremd.» Stattdessen muss sie müssen: «Wenn die Schweiz ihre Luftverteidigung in Zusammenarbeit mit der Nato aufbauen will – wozu es technologisch kaum eine Alternative gibt –, muss sie über Jahre gemeinsame Systeme, Waffenarsenale und Kommandostrukturen schaffen.»
Überhaupt muss gemusst werden: «Europa muss sich so schnell als möglich … die Schweiz muss ihren Beitrag leisten … gemeinsam in die Hand nehmen müssen …»
Fehlt noch was? Aber sicher, die schwurbelige Verwendung von Fremdwörtern: «jener voraussichtlich minoritäre Teil der Wählerinnen … Das vermeintliche Kernelement des ewigen Schweizer Sonderfalls will von der SVP affirmiert und gefeiert werden … Das Einzige, was solche Identitätspolitik erzeugt, ist exzessive Polarisierung … Diese neue Pirouette beweist lediglich …»
Nach diesem Feuerwerk der sinn- und zwecklosen Verwendung von Schwulstwörtern will Binswanger der Initiative den Todesstoss versetzen, mit einem ganz originellen Argument: «Eine Annahme der Neutralitätsinitiative ist im Interesse Putins.» Wer hätte gedacht, dass nicht etwa Linke, sondern die SVP und Blocher das Geschäft des Kreml-Herrschers verrichten.
Nun der krönende Aufgalopp am Schluss, vielmehr die Steigerung der Absurdität, als wär’s ein Stück von Ionesco: «Und wie bei anderen europäischen Parteien, ob gesichert rechtsextrem oder nicht, ist die Putin-Kungelei ein verlässliches Zeichen der ideologischen Radikalisierung. Diese Initiative wird deutlich abgelehnt werden. Sie ist so unschweizerisch wie überhaupt nur möglich.»
Scherze mit Namen sind eigentlich auch unschweizerisch und gehören sich nicht. Aber der Mann treibt einen dazu. Nach solchen Stücken aus dem gedanklichen Tollhaus fragt man sich, ob der Ausdruck Binsenwahrheit nicht von König Midas, sondern von Binswanger kommt. Oder gar «das geht in die Binsen»?

















