Beiträge

Somnambule SoZ

Ein Grund für einen Winterschlaf.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

ZACKBUM hat vielleicht in letzter Zeit das Schaffen zweier Sonntagsblätter etwas vernachlässigt. Beim «SonntagsBlick» wollen wir diese schöne Tradition auch fortsetzen. Gewisse minimale Anforderungen an Informationsvermittlung, Sprachbeherrschung und Durchdringung eines Themas sind Voraussetzung, um hier gewürdigt zu werden.

Schliesslich greifen wir auch nur in höchster Not zu «watson» oder der «Republik».

Also die SoZ. Sie macht’s einem aber auch nicht leicht:

Wer will hier schon aufblättern, wenn er nicht muss? Wir müssen, das ist unsere Berichterstatterpflicht. Eine Meldung auf der Front erregte allerdings unsere besondere Aufmerksamkeit: «Studierende können nicht mehr richtig Deutsch», klagt hier die SoZ. Wie wahr, denn das gilt in verschärftem Mass auch für Journalisten. Nur schon dieser Titel enthält einen gravierenden Fehler. Journalisten sind sozusagen Fehlende …

Die nächste Doppelseite hat die SoZ einem Thema gewidmet, dass wohl nicht einmal ihr Leserpublikum wirklich interessiert. Die Frage, welche Frauen denn nun die SP ins Rennen um den Bundesratssitz schickt, und was Irène Kälin dazu zu sagen hat. Nein, die Nationalratspräsidentin strebt nicht nach dem Amt einer Bundesrätin, sie will aber ein wenig die Wahlen aufmischen. Oder wie die SoZ formulieren würde, sie ist eine Aufmischende.

Aber immerhin, wir wollen gerecht sein, lasst uns gerecht Seiende sein, der entsprechende Artikel ist dann sogar korrekt betitelt: «Jetzt können sogar Studenten nicht mehr richtig Deutsch». Was uns aber als Fragende zurücklässt, wieso das auf der Front nicht auch möglich war. Wahrscheinlich hat diesen Titel hier einer der wenig zu korrektem Deutsch Fähigen gesetzt, während vorne ein politisch Korrekter am Werk war, sozusagen ein Verschlimmbessernder.

Aber auch hier kommt der Text nicht ohne Schäden davon. So ist von wieder von «Studierenden» und «Dozierenden» die Rede. Offenbar hat sich dieser falsche Gebrauch des Partizips Präsens mittels Gewohnheitsrecht Zugang zur normalen Schreibe verschafft.

Daher nochmal zum Mitschreiben. Auf Deutsch bezeichnet das eigentlich eher selten angewendete Partizip Präsens einen Zustand. Zum Beispiel das weinende Kind oder die liebende Mutter. Aber das Weinende oder die Liebende würde jemanden bezeichnen, der stetig in diesem Zustand verharrt.

Studierend ist jemand, während er studiert. Sollte er aber schlafen, dann ist es ein Schlafender, nicht mehr ein Studierender. Also ist diese Verwendung des substantivierten Partizips unsinnig. Falsch. Unpassend. Eine Quälerei, um dem nervigen «die Studenten und die Studentinnen» auszuweichen. Was ja dann alle non-binären und sich anderweitig sexuell Definierenden (!) ausschliessen würde.

Wohl oder übel, daran vergreift sich die Autorin nicht, zitiert sie eine Schulleiterin (immerhin keine Schulleitende) mit «Schülerinnen und Schüler». Aber, wieso ist es denn so weit gekommen? Da vermutet die Journalistin:

«Als Grund für das Deutschdebakel wird unter anderem die Verbreitung der sozialen Medien vermutet.»

Man kann hier allerdings auch eine gewisse Unsicherheit vermuten, wann es richtig wäre, Grund, wann Ursache zu verwenden …

Aber jetzt kommen wir – endlich – zu einem wichtigen, dramatischen, besorgniserregenden Thema. Ist es der Klimawandel? Nein. Der Ukrainekrieg? Nein. Die aufsteigende Weltmacht China? Nein, näher und schlimmer:

Furchtbar. Der Artikel folgt dem klassischen Aufbau. Ein Beispiel, der aufgelöste «Glarnerverein Basel». Ob die Welt dadurch schlechter wird, ob den Baslern und den Glarnern nun etwas Wichtiges fehlt, wir lassen es dahingestellt. Es bleiben nur noch Erinnerungen wie die, dass auch der «inzwischen verstorbene Alt-Bundesrat mit Glarner Wurzeln, Hans-Peter Tschudi, regelmässiger Teilnehmer des Glarner Kalberwurstessens im Mai war, einem Höhepunkt im Vereinsleben». Nun ist Tschudi vor doch schon 20 Jahren verstorben, also musste dieser Höhepunkt schon länger ohne ihn stattfinden.

Nach dem Beispiel folgt natürlich der Aufschwung ins Allgemeine, so seien auch «Hunderte Samaritervereine eingegangen». Schliesslich kommt noch der Fachmann zu Wort: «Soziologe Adrian Fischer forscht zum Thema freiwilliges Engagement.» Dazu gehören natürlich auch ein trauriges Bild und ein paar Kurven:

Blöd nur: es gibt weiterhin rund 100’000 Vereine in der Schweiz. Rund 40 Prozent aller Schweizer sind in der einen oder anderen Art Vereinsmeier (und -meierinnen, selbstverständlich). Natürlich war Corona dem geselligen Beisammensein nicht gerade förderlich, was wohl logisch ist.

Aber es geht nichts über den alten Dreisprung im Journalismus, wenn man sonst keine Themen hat. Ein Beispiel, dann eine Welle, der Experte ordnet ein, und tschüss.

Apropos, von einer besonderen Erfahrung des Jodlerclubs Walzenhausen berichtet die SoZ auch. Zu afrikanischen Klängen hatte sich ein Jodler das Gesicht schwarz geschminkt und trat im Baströckchen auf. Logisch, bleibt so etwas heutzutage nicht ungefilmt und unbemerkt, also entwickelte sich daraus flugs «Blackfacing – Jodlerverein sorgt für Rassismus-Eklat». So titelte das sonst zurechnungsfähige «20 Minuten», die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Solche zugegebenermassen etwas unsensible und geschmacklose Aktionen setzen natürlich auch kein Zeichen gegen das Vereinssterben.

Ein kurzer, seltener, aber sehr erheiternder Lichtblick ist aber wie fast immer Peter Schneider:

Dann wird’s allerdings wieder düster, wenn die berüchtigten «Investigativjournalisten» von Tamedia ihre mit vielen Konjunktiven, anonymen Quellen und Vermutungen gespickten Märchenstunden abhalten.

Auch hier ist der Aufbau eigentlich immer der gleiche. Zuerst ein kleiner Kracher, dann schwer nachlassen. Der Kracher: ««Hören Sie, es ist sehr gefährlich, darüber zu reden … physisch gefährlich», sagt der Mann. «Vielleicht nicht hier in der Schweiz, aber in anderen Ländern.» Dann legt er auf.»

Nach diesem rasanten Einstieg, bei dem man bewundern muss, wie todesmutig sich Sylvain Besson und Oliver Zihlmann in die gefährlichen, lebensbedrohenden Abgründe russischer Oligarchen und von Putins Umfeld begeben, lässt es aber wie bei einem schlechten Bond-Film dramatisch nach.

Denn nun regiert der Konjunktiv, der Vermutungs-, Behauptungs- und Schmierenjournalismus, mit diesem raunenden Sound, dass alles eigentlich ganz abgründig und schlimm ist. Sei. Sein könnte.

Nun stapeln sich die «In den USA und in Europa laufen inzwischen die Ermittlungen, … leicht sind die Nachforschungen nicht … Recherchen der SonntagsZeitung zeigen nun … 2016 wurde Chudainatow offenbar Kunde bei … deshalb wird im Westen und von russischen Oppositionellen vermutet … so soll die Scheherazade ein Geschenk einflussreicher Oligarchen an Wladimir Putin sein … auch deutsche Ermittler bringen die Yacht mit dem russischen Präsidenten in Verbindung … der Zusammenschluss internationaler investigativer Journalisten OCCRP sieht wiederum … wird in Verbindung gebracht … Boris F. hat einen Bruder in Monaco …»

Selbst die manchmal etwas fahrlässige Dokumentation des «Spiegel» würde bei einer solchen Anhäufung von Geschwurbel, Vermutungen, Behauptungen, Räuberpistolen und Mutmassungen sagen: ein John Le Carré schrieb zwar fiktive Spionagekrimis, aber so einen Schwachsinn hätte der sich nie getraut zu veröffentlichen.

Die ganze Story profitiert von zwei Dingen. Erstens, Oligarch, Luxusjacht, Putin. Sonst noch Fragen? Und zweitens: alles Geraune spielt sich im gegendarstellungsfreien Raum ab.

Und als Absackerchen noch diese merkwürdige Behauptung:

Man frag sich schon, was für Freundinnen Tina Huber hat.

Aber gut, ZACKBUM ist mal wieder dringend auf milde Gaben angewiesen. Oder müssen wir uns die Flaschen wirklich aus dem eigenen Sack bezahlen, die wir nach diesem Martyrium zur Wiederherstellung brauchen?

 

 

 

Die Kultur des Tötens

Bei einem Bösewicht ist alles erlaubt. Wirklich alles?

Es gibt eine unselige Tradition solcher Aufrufe.

Nun kann der feinsinnige Kunstkenner einwenden, dass es sich bei dieser im Strassenmagazin «Surprise» erschienenen Geschmacklosigkeit um einen Aufruf handle, der dann erst noch im Rahmen der künstlerischen Freiheit ohne strafrechtliche Folgen blieb.

Während das Titelzitat in der «NZZamSonntag» den Wunsch eines Interviewten wiedergibt, der damit seiner Verzweiflung über die Zustände in Russland Ausdruck verleihen möchte.

Nun mag das der britische Historiker Orlando Figes so gesagt haben und möchte damit sicherlich PR für sein neuestes Buch über Russland machen.

Das ist seine Sache, es ist aber die Sache der NZZaS, ob sie dieses Zitat auch publiziert und erst noch zum Titel des Interviews macht. Offenbar geniessen dort die Ressortleiter immer noch gewaltig Narrenfreiheit. Wenn sich Peer Teuwsen zum Narren machen will, ist das wiederum seine Sache.

Dass aber dieses Titelzitat durch alle Instanzen rutschte, gereicht der Sonntagstante nicht zur Ehre. Sondern es ist eine Schande, ein Schmutzfleck auf der ansonsten weissen Weste. Das gehört sich nicht, es gehört zur Fürsorgepflicht eines seriösen Blatts, dass man auch Interviewpartner vor sich selbst beschützt, wenn die menschlich verständlich durchrasten.

Wenn dieser britische Historiker Putin töten will, dann sollte er es doch versuchen. Statt drüber zu quatschen. Falls der Kulturteil der NZZaS weiterhin ernst genommen werden will, dann sollte er solche boulevardesken Brüller nicht als Aufmacherschlagzeile missbrauchen. Denn das wertet alle ab. Den Interviewten und den Interviewer und das Blatt.

Sprach-Idioten

Darauf einen Mohrenkopf!

Die Sprachreiniger sind unterwegs. Eine Fraktion kümmert sich um die Vergewaltigung der deutschen Sprache mit Sternchen, Ausrufezeichen und anderen Interpunktionen, die dort nichts zu suchen haben, wo sie hingespiesst werden.

Eine andere Fraktion will im faschistischen Sinn die deutsche Sprache von unerwünschten Ausdrücken säubern. In der irrigen Annahme, dass die Eliminierung des Wortes Mohr oder Mohrenkopf einen bedeutenden Beitrag gegen die Diskriminierung von schwarzen, Pardon, dunkelhäutigen, `tschuldigung, von people of color leistet.

Fast noch schlimmer sind aber die Sprachreiniger aus politischen Gründen. So benannten bescheuerte Amis die «French Fries», seit Alters her ihr Ausdruck für Pommes frites, in «Freedom Fries» um, als Frankreich es wagte, öffentlich Kritik an der völkerrechtswidrigen Invasion des Iraks durch die USA zu äussern.

Aber auch in der Schweiz ist keiner zu klein, Sprachreiniger zu sein. Nach der Ächtung von Wodka, Tschaikowski oder Dostojevski hat es nun den «Russenzopf» getroffen:

«Russen-Zopf» oder «Russenzopf»? Egal, muss weg.

Hoffentlich folgen die Grossverteiler, andere Bäckereien und auch Kochbücher diesem Trend. Denn es kann natürlich nicht angehen, dass ein politisch bewegter Mensch, ein Unterstützer der Ukraine und erbitterter Feind Putins, dazu gezwungen wird, «ich hätte gern einen Russenzopf» zu sagen.

Aber es ist noch schlimmer. Was macht denn Betty Bossi? Diese Putin-Versteherin, diese Kriegstreiberin bietet doch ein solches Rezept an:

Glutenfrei, aber nicht ideologiefrei. Betty Bossi sollte sich eins schämen, wo kann man dieser Dame mal ordentlich die Meinung geigen?

Es gibt da nur ein klitzekleines Problem. Der Russenzopf hat eigentlich gar nichts mit Russland zu tun. Putin kennt ihn gar nicht. Entmenschte russische Soldaten bekommen ihn nicht zum Frühstück. Aber dennoch: das Ding heisst jetzt «Hefe-Stollen», zumindest in Thun.

Damit kollidiert aber der «Hefe-Stollen» mit dem hier:

Dieses Problem wird aber sicherlich bald gelöst werden. Denn können wir unseren muslimischen oder anderen Religionen angehörigen Mitbürgern den Anblick eines «Christstollen» zumuten? Soll ein Jude, ein Atheist, ein frommer Anhänger des Islam tatsächlich sagen müssen: «Ich hätte gerne einen Christstollen?» Dann doch lieber: «Einen Russenzopf, aber schön saftig und gut gebacken

Ein Schelm allerdings, der ein Brötchen so wie Alfred Rasser selig bestellt: «Ich hätte gerne ein Bürli, so ein Waffenschieberli

 

Köppel: Mann mit Mission

Die «Weltwoche» ist auf dem Friedenspfad. Haltet ein, ruft sie uns zu.

Es geht um alles. Um Krieg und Frieden. Nein, um Atomkrieg oder Frieden. Wie Roger Köppel schon in der Talkshow mit Roger Schawinski deutlich machte, treibt ihn die Angst vor einem Atomkrieg um. Da er Besitzer, Herausgeber, Verleger und Chefredaktor in Personalunion ist, kann er das in seinem Wochenmagazin auch ausleben. In einer Art, die sich nur in Form einer Fotoromanza darstellen lässt.

«Peace now», die ewige Forderung. So unterstützenswert wie völlig sinnlos. Bedauerlich für die «Weltwoche»: keiner der drei Herren auf dem Bild wird diesen Befehl des Wochenmagazins zur Kenntnis nehmen. Geschweige denn, befolgen.

Selbst wenn er noch durch eine bibelfeste Philosophin untermauert wird.

Eigentlich wurde es auf dem Cover schon in aller knappen Präzision gesagt. Ohne sofortige Verhandlungen drohe ein Atomkrieg. Aber wofür gibt es das Editorial, um es nochmal zu sagen. Nicht besser, aber länger …

Eine sicherlich berechtigte Frage; allerdings vermisst man den gleichlautenden Titel mit dem Namen Putin

Natürlich darf eine Betrachtung auf Metaebene nicht fehlen, dass die in der Aufklärung geborene Idee «universalistischer Menschenrechte» wirklichkeitsfern sei. Dabei ist es wohl die humanste Forderung, die jemals in der Geschichte der Menschheit aufgestellt wurde.

Nachdem die Lobeshymnen auf Truss und Meloni gerade verklungen sind, wird nun der Autokrat, korrupte Opportunist, der nicht zögert, sich auch dem Fundamentalismus in die Arme zu werfen, als «neuer Atatürk» bejubelt. Das ist besonders widerlich, weil Atatürk die Säkularisierung der Türkei bewirkte – die von Erdogan aus reinem Machterhalt wieder rückgängig gemacht wurde. Es ist zwar ein Stabreim, aber ein Bismarck am Bosporus? Der in Syrien genauso verbrecherisch haust wie Putin in der Ukraine? Da verrutschen mal wieder alle Massstäbe im Dienste der Provokation.

Apropos …

Immerhin, ein «Bild»-Redaktor darf in der WeWo aussprechen, was mehr als naheliegend ist. Dass die jüngsten Sabotageaktionen gegen die Infrastruktur auf einen Verantwortlichen hindeuten, der meistens in viel zu grossen Sälen an viel zu grossen Tischen mit viel zu vielen Telefonen sitzt.

Aber damit ist’s mit der Putin-Kritik auch schon gewesen. Neben Selenskij macht natürlich auch der Geisteszustand des greisen US-Präsidenten Sorgen. Schwere Sorgen. Die könnte man sich auch beim 70-jährigen Putin machen …

Eine weitere Spitzenleistung. Ein rudimentär informierter Jungredaktor fragt eine «Oxford-Professorin» ab, die punktgenau ein Buch über die Ukraine publiziert hat. Was Gwendolyn Sasse zur beliebten «Expertin» in Funk und Fernsehen macht. Was auch der WeWo nicht entgangen ist.

Das müsste unter der Rubrik «was macht eigentlich» erscheinen, denn auf die Ansichten des ehemaligen griechischen Kamikaze-Ministers Yaris Varoufakis hat nun wirklich keiner gewartet.

Eine interessante Frage, nachdem die US-Fracking-Industrie in den Seilen hängt …

Und wer’s immer noch nicht kapiert hat, sollte es sich doch nochmal vom US-Publizisten Jeffrey Sachs erklären lassen.

Diese Frage allerdings, diese Frage sollte sich die WeWo-Redaktion auch mal stellen: «Gibt es punkto Selbstbefriedigung Grenzen, kann ein Zuviel schadenZACKBUM war bislang der Überzeugung: nein. Aber wir zweifeln inzwischen …

 

Das Undenkbare denken

Unterwegs in die strahlende Zukunft?

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Das eigentlich Undenkbare hat ein Gefahrenpotenzial, das man nicht unterschätzen sollte. Es ist inzwischen 77 Jahre her, dass die USA gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zweimal die Atombombe einsetzten. Bis heute ist umstritten, ob damit der Zweite Weltkrieg verkürzt und Japan zur schnellen Kapitulation gebombt wurde – oder ob es sich um einen reinen Terrorangriff (mehr als 200’000 zivile Tote, Langzeitschäden und -folgen bis heute) handelte.

Damals wollten die USA auch zeigen, dass sie als erste Militärmacht über diese neue Waffe verfügten; der Beginn des atomaren Wettrüstens, das die Welt im Kalten Krieg mehrfach an den Rand der Vernichtung brachte. Neuerdings wird immer häufiger auf die Oktoberkrise 1962 verwiesen. Nach vielen Untersuchungen und Konferenzen zum Thema weiss man inzwischen, dass wohl niemals im ganzen Kalten Krieg die Welt so nahe an einem atomaren Schlagabtausch stand.

Die damalige Sowjetunion hatte auf Kuba Atomraketen stationiert, mit denen die USA innert Minuten hätten erreicht werden können. 1959 hatte auf der Zuckerinsel die Guerilla von Fidel Castro gesiegt und den von den USA unterstützten Diktator Batista verjagt. Bis 1959 war Kuba mehr oder minder ein Protektorat der USA, wo sich seit der Prohibition die Mafia eingenistet hatte. Glücksspiel, Prostitution, Alkohol, Drogen. Und ein korrupter Diktator.

Graham Greene hat die vorrevolutionäre Zeit genial in seinem Roman «Unser Mann in Havanna» ironisch gebrochen beschrieben. Nach dem Triumph der Revolution setzte ein fast zwangsläufiger Mechanismus ein, der die Insel von den USA entfremdete und die Nationalrevolutionäre um Castro in die Arme der einzigen anderen Supermacht trieb. Natürlich liess sich die UdSSR die Gelegenheit nicht entgehen, sozusagen über einen Flugzeugträger im Unterbauch der USA zu verfügen.

Die Geschichte der Oktoberkrise 1962 wäre unvollständig ohne die Vorgeschichte der Invasion in der Schweinebucht. Exilkubaner, unterstützt von der CIA und wohlwollend aufmunitioniert von der Regierung Eisenhower, hatten 1961 den Versuch unternommen, Castro von der Macht zu vertreiben. In völliger Verkennung der Sachlage meinten sie, nach einer Landung auf Kuba würde die Bevölkerung in Scharen zu ihnen überlaufen, man würde ein Stückchen Kuba zur befreiten Zone erklären, von den USA als legitime Regierung anerkannt werden und mit amerikanischer Militärhilfe in Havanna einmarschieren.

In Wirklichkeit war die Landung in der Schweinebucht von Anfang an ein Desaster, Fidel Castro höchstpersönlich führte die Gegenwehr an, und in 48 Stunden war der Spuk vorbei. Hans Magnus Enzensberger beschrieb grossartig, wie der anschliessende Prozess in Havanna gegen die mehr als 1000 gefangen genommenen Invasoren ablief. Castro höchstpersönlich stellte sich ihnen, sicherte ihnen zu, dass niemandem etwas geschehen würde und liess sich auf die Debatte ein, wieso man ihn eigentlich von der Macht vertreiben wollte.

Anschliessend wurden die geschlagenen Konterrevolutionäre – mit wenigen Ausnahmen von Folterknechten von Batista – in die USA zurückspediert. Ein grossartiger erster Sieg Lateinamerikas gegen den US-Imperialismus. Aber nach dieser Invasion, die vom neuen Präsidenten Kennedy nur halbherzig unterstützt worden war, gab es auf Kuba die Befürchtung, dass es zu einem zweiten Versuch kommen könnte, diesmal mit militärischer Rückendeckung der USA.

Wie freigegebene Protokolle belegen, forderte der mutmassliche Kriegsverbrecher Henry Kissinger noch viel später vom damaligen Präsidenten Nixon, dass man Castro nun endlich erledigen müsse. Dieser Plan scheiterte am erzwungenen Rücktritt Nixons. Nachdem Kuba bereits wirtschaftlich vom Ostblock unterstützt wurde, bekam die Insel des Sozialismus nach der Schweinebucht auch massive militärische Hilfe – bis hin zur Stationierung von Atomwaffen.

Die UdSSR stritt das zunächst ab, bis die USA mit Spionageflügen die Existenz von Abschussrampen beweisen konnten. Der damalige Kreml-Herrscher Chruschtschow ging davon aus, dass der immer noch relativ unerfahrene US-Präsident Kennedy nicht wagen würde, es auf eine Konfrontation ankommen zu lassen. Der reagierte aber mit einer Seeblockade um Kuba. Der näherte sich bis auf wenige Kilometer eine russische Flotte, die wohl weiteren Nachschub nach Kuba hätte bringen sollen.

Das war der Moment, als in beiden Kommandozentralen in den USA und in der UdSSR der Finger jeweils nur wenige Zentimeter vom roten Knopf entfernt war, mit dem ein Atomkrieg ausgelöst werden konnte. Erst im letzten Moment drehte die russische Flotte ab. Anschliessend wurde in komplizierten Geheimverhandlungen vereinbart, dass die UdSSR die Atomraketen wieder aus Kuba abzog. Gegen die Zusicherung der USA, keine weitere militärische Invasion zu versuchen – und ihrerseits Atomwaffen aus der Türkei abzuziehen, von denen sich die UdSSR bedroht sah.

Diese Ereignisse sind im Film «Thirteen Days» mit Starbesetzung eindrücklich nachgespielt, wen’s interessiert. Nicht nur in Kenntnis dieses Films ist klar: die aktuelle Bedrohung durch den möglichen Einsatz von Atomwaffen in der Ukraine ist mit der damaligen Situation nicht zu vergleichen.

Heute haben wir einen russischen Präsidenten, der mit seinem Versuch, die Ukraine blitzschnell zu erobern (oder zu «befreien»), krachend gescheitert ist. Statt mit einer «militärischen Spezialoperation» die Hauptstadt Kiew innert weniger Tage einzunehmen, die Regierung zu stürzen und eine Russland genehme einzusetzen, ist Putin inzwischen in einen langwierigen Stellungskrieg verwickelt, der zudem die Schwächen der russischen Militärmacht geradezu peinlich offenbart.

Eroberte Gebiete können nicht gehalten werden, offenbar gibt es dramatische Verluste an Mensch und Material. Immer wieder ist von Versorgungsschwierigkeiten, demotivierten Truppen, korrupten Anführern und schweren taktischen Fehlern die Rede. Ein Autokrat wie Putin kann es sich nicht leisten, selbst verkündete Kriegsziele aufzugeben. Zu hoch hat er bereits gepokert, zu tiefgreifend ist das Verhältnis zum Westen bereits zerstört.

Weder auf dem Schlachtfeld, noch mit seinen wirtschaftlichen Kriegszügen ist Putin sonderlich erfolgreich. Europa ist zwar wirtschaftlich geschwächt, wovon die USA als lachender Dritter profitieren. Aber die über Russland verhängten Sanktionen treffen die dortige Wirtschaft viel nachhaltiger. China ist nicht bereit, bei High-Tech-Produkten in die Bresche zu springen, ganz abgesehen davon, dass auch China – im Gegensatz zu Taiwan – gar nicht über die entsprechenden Produktionskapazitäten verfügt.

Nun hat Putin noch eine Teilmobilmachung angeordnet, womit der Krieg in der russischen Gesellschaft angekommen ist und Tausende von jungen Russen das Land verlassen. Durch die völkerrechtswidrige Annexion von vier Teilrepubliken aufgrund eines lächerlichen Referendums hat Putin die Vorraussetzungen geschaffen, um seine Drohung wahr zu machen, auf Angriffe auf russische Territorien mit allen Mitteln zu reagieren, «und das ist kein Bluff».

Mit diesen Mitteln meint er auch den möglichen Einsatz von Atomwaffen. Das wäre einerseits absurd und militärisch unsinnig. Putin würde im Ernstfall selbst russisches Territorium bombardieren und durch die Verstrahlung unbewohnbar machen. Auf der anderen Seite ist es kitzlig, auf eine solche Drohung adäquat zu reagieren.

Der langsam Amok laufende ukrainische Präsident fordert bereits «Präventivschläge» als Reaktion auf diese Drohung. Denn die schönfärberischen Berichte in den westlichen Medien über ukrainische Erfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Infrastruktur des Landes zunehmend zerstört ist, der Krieg bereits Schäden in der Höhe von wohl über 500 Milliarden Dollar angerichtet hat, der Staat seine Verpflichtungen nur dank ständig neu fliessenden westlichen Krediten nachkommen kann. Genauso, wie die Ukraine militärisch von westlicher Unterstützung abhängig ist.

Also ist nun die Frage, ob der Westen ukrainische Rückeroberungen von annektierten Gebieten mit voller Kraft unterstützen würde. Auch auf die Gefahr hin, dass der andere Amok im Kreml mit einem Atomschlag antwortet. Was er wohl spätestens beim Versuch, die Krim zurückzuerobern, zweifellos tun würde.

Die neue Situation besteht auch darin, dass während der Kubakrise die Militärdoktrin MAD, mad für verrückt, existierte. Mutual Assured Destruction hiess das, oder einfach: wer zuerst atomar angreift, stirbt als zweiter. Im Fall der Ukraine ist die Gefahr nicht allzu gross, dass die Welt in einem atomaren Feuersturm untergehen würde. Denn es ist nicht damit zu rechnen, dass die USA (oder ihre alliierten Atommächte England und Frankreich) atomar auf den Einsatz von taktischen Atomwaffen durch Russland reagieren würden.

Putin wäre damit endgültig zum Paria unter den Staatsführern geworden, nicht einmal China (oder Indien) würde ihn weiterhin unterstützen. Also haben wir zurzeit die Situation eines klassischen Showdowns. Zwei Revolverhelden stehen sich gegenüber, die Hand auf der Waffe. Jeder sucht beim anderen nach Anzeichen, ob der ziehen will. Oder einknickt. Fehlt nur noch die Musik von Ennis Morricone. Leider stehen sich aber nicht Charles Bronson und Henry Fonda gegenüber. Sondern ein leicht seniler US-Präsident und ein in die Enge getriebener Autokrat in Moskau.

Wir alle dürfen mit offenen Mündern zuschauen und wieder einmal zur Kenntnis nehmen, dass unsere Meinung, unsere Existenz überhaupt keine Rolle spielen, wenn Grosssmächte Grossmachtspolitik betreiben.

Die WeWo treppab ins Absurde

Wenn das Dagegen krampfhaft wird.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Es sind einzelne Sätze, die mehr entlarven als ganze Abhandlungen über geistige Befindlichkeiten. So schreibt ein Redaktor von «Tichys Einblick», wo man auch in seiner Gesinnungsblase gefangen ist, in der aktuellen «Weltwoche»:

«Berlusconi war damit der letzte demokratisch legitimierte Ministerpräsident.»

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Alle seine Nachfolger, inklusive Mario Draghi, waren also laut diesem Irrwisch von Autor Usurpatoren, durch einen Staatsstreich, durch krumme Touren an die Macht gekommen. Wie verbohrt muss man sein, wenn man die Absurdität einer solchen Behauptung nicht selber bemerkt? Wie betriebsblind muss man sein, wenn man die Unsinnigkeit dieser entlarvenden Bemerkung nicht beim Redigieren sieht – und sie entfernt?

Roger Köppel, im leichten Cäsarenwahn, schreibt eine Rede, die Bundespräsident Ignazio Cassis vor der UNO hätte halten sollen. Von der Perspektive des Rednerpults im Vollversammlungssaal lässt sich der Besitzer, Verleger, Herausgeber, Chefredaktor und SVP-Nationalrat hinwegtragen. Ginge es nach Köppel, hätte sich Cassis mit Sätzen wie diesem lächerlich gemacht: «Wenn alle Staaten auf dieser Welt neutral wären wie die Schweiz, gäbe es keine Kriege mehr.» Diese Sottise müsste eigentlich von Nena99 Luftballons») oder von NicoleEin bisschen Frieden») gesungen werden.

Dass Marco Gallina seinen Artikel mit dem Brüller betitelt «Italien ist der Fels im instabilen Europa», dass er prognostiziert, dass «eine realistische Möglichkeit besteht, dass diese Regierung eine ganze Legislaturperiode lang existiert», das kann nur bedeuten, dass Italien wohl einen Rettungsschirm benötigt und diese Regierung vielleicht nicht einmal die ersten 100 Tage überlebt. Denn so ist das meistens bei Behauptungen und Ankündigungen der WeWo.

Italien als Fels? Turmhohe Staatsschulden, turmhohe Target-2-Schulden, Graben zwischen Norden und Süden, Mafia, Korruption und magere Wirtschaftsleistung – was für ein bröckelnder Fels. Der nur nicht untergeht, was die Wahlsiegerin genau weiss, weil sie nochmals turmhohe Schulden auf die existierenden schaufeln wird. Nach der erpresserischen Devise, der sich auch Orbán verschrieben hat: Ihr könnt es euch gar nicht leisten, dass wir untergehen.

So viel zu einer realistischen Beschreibung Italiens und seiner neuen Regierung. In bester Tradition der WeWo. Man denke dabei nur an die sauber aus der Krise gekommene UBS, an liebedienerische Interviews mit dem Versagerrat Rohner von der CS, an Putin, den Missverstandenen.

Dann bezeichnet Autor Pierre Heumann den Friedensnobelpreisträger, Intriganten, Machtmenschen und mutmasslichen Kriegsverbrecher Henry Kissinger als «Zauberkünstler der Diplomatie». In Wirklichkeit ist er ein Zauberkünstler, der alle zahlreichen schwarzen und roten Flecke auf seiner Weste ignoriert. Der Putsch in Chile, die Verlängerung des Vietnamkriegs (sein vietnamesischer Kollege verweigerte aus Protest gegen ihn die Annahme seines Nobelpreises), der Journalist Christopher Hitchens halt mit aller Kraft – aber leider vergeblich – versucht, dass man Kissinger vor ein Tribunal stellt. Indem er ihm unzählige Untaten nachwies, die nicht nur den Politikwissenschaftler Alfred Grosser dazu brachten, Kissinger als Kriegsverbrecher zu bezeichnen.

Kissinger tat das einzig Clevere: er reagierte einfach nicht auf die zahlreichen Anschuldigungen, strengte keinen Ehrverletzungsprozess an. Sass es einfach aus.

Sodann fantasiert der Flugmeilenweltmeister, ewige Wahlbeobachter und früherer GSoA-Aktivist (man wollte ernsthaft die Schweizer Armee abschaffen) Andreas Gross davon, dass man einen neuen Krimkrieg vermeiden könne, indem man in «einem sorgfältig ausgestalteten Referendumszyklus» die Bürger der Krim selbst entscheiden lassen sollte, zu wem sie gehören wollen. Schon wieder eine Chance für Nena oder Nicole, in die Harfe zu greifen.

Dann darf der real existierende Verschwörungstheoretiker Oliver StoneJFK») seine Erlebnisse mit Wladimir Putin zum Besten geben. Allerdings ist der Text von Urs Gehriger, der bekanntlich schon mit Leuten gesprochen hat, mit denen er gar nicht gesprochen hat.

Schliesslich gibt Christoph Mörgeli den philosophischen Überflieger und lobhudelt «sechs Helden der Neutralität». Darunter zählt er Niklaus von Flüe, Huldrych Zwingli, Carl Spitteler – und Christoph Blocher. Amen.

«Wenn das Gehirn überhitzt». Dieser Titel ist vielversprechend, darunter steht aber kein Text über die WeWo-Redaktion, sondern über Migräne. Dann behauptet ein ansonsten verhaltensunauffälliger Republikaner in seinem Blog «Stockman’s Contra Corner»: «Eine diplomatische Lösung des Ukraine-Krieges wäre jederzeit möglich gewesen. Stattdessen riskieren die USA die Weltkatastrophe.» Interessant, und wir Dummys dachten, dass Russland unter Bruch aller internationalen Verträge in die Ukraine einmarschiert sei und nun mit Atomschlägen droht.

Dann sind wir aber wieder beruhigt, wer wohl den Kontakt zur Realität weitgehend verloren hat, wenn wir von Stockmann solche Sätze lesen, zur schnellen Rückeroberung ukrainischer Gebiete durch Regierungstruppen: «Das betreffende Gebiet war nämlich grösstenteils von den nur leicht ausgebildeten freiwilligen Kämpfern der Republik Luhansk besetzt und verteidigt worden, nicht von den geschulten Profis der russischen Streitkräfte.» Geschulte Profis der russischen Streitkräfte? Der Mann will wohl, dass sich deren Gegner totlachen.

Damit wollen wir den Mantel des Schweigens über den Restinhalt breiten.

 

Bombenstorys

Da macht man mal eine Woche Pause im Aburteilen der Sonntagspresse …

Schon regnet es Bombenstorys:

Eine genauso riesige wie hässliche Illustration auf der Front plus Editorial plus 5 Seiten widmet die NZZaS der Frage, ob Putin tatsächlich Atomwaffen einsetzen könnte, und wenn ja, warum nicht, und wenn nein, wieso doch, und überhaupt, und die Schweiz. Im Editorial schafft es Inland-Chefin Anja Burri tatsächlich, zunächst das Überangebot an Bombenstorys zu begründen, um dann versöhnlich die weinenden und Händchen haltenden Tennisstars Federer und Nadal anzuhimmeln: «Sie gehören nicht nur für ihr Tennis gefeiert, sondern auch dafür, wie sie allen zeigen, was männliche Stärke heisst.»

Ja was heisst sie denn, wenn wir der etwas merkwürdigen Formulierung der Autorin (Frauensprache?) folgen können. Öffentlich weinen und Händchen halten? Echt? Also diese Geste (aber bitte ohne weinen) ist höchstens bei solchen Gelegenheiten angebracht:

Verdun, Mitterrand, Kohl. Das war stark.

Ganz anders gewichtet die SoZ:

Federer, milder Winter, Macarons und sexuelle Revolution.

Nochmal anders geht’s der «SonntagsBlick» an:

Vielleicht ein Wort zum Faktischen. Putin hat angeordnet, 300’000 Reservisten einzuberufen. In Russland leben rund 68 Millionen Männer. Davon sind 43,5 Millionen im Alter von 15 bis 65, also potenziell mobilisierbar. Also werden zurzeit 0.69 Prozent aller waffenfähiger Männer mobilisiert. Etwas mehr als einer von 200. Für jeden, den’s trifft, eine Tragödie. Aber «Putin holt sich Russlands Söhne»? Nicht mal im Streubereich der Wahrheit.

Genauso wenig wie das Editorial: «Warum läuft Russlands Krieg gegen die Ukraine unter dem Buchstaben Z? … Z steht für da Ende des Schreckensregimes von Waldimir Putin. Zumindest ist der Verbrecher im Kreml am Ende seines Alphabets angelangt …» Oh je, Gieri Cavelty.

Man kann versuchen, ein schiefes Bild zu retten. Aber dafür grosszügig darüber hinwegsehen, dass das kyrillische Alphabet kein Z kennt?

Der nächste journalistische Tiefpunkt wird mit dem Interview mit dem EU-Botschafter Petrus Mavromichalis erreicht. Der darf unwidersprochen jede Menge Unsinn verzapfen: «Wir unterstützen sie mit Geld, Material und humanitärer Hilfe. Und zwar so lange, bis die Ukraine diesen Krieg gewinnt.» Mit der Hilfe der EU zum Endsieg über Russland? Was für ein Traumtänzer.

Schmallippig wird er aber, wenn er nach der Unterstützung von Deserteuren aus Russland gefragt wird. «Wir schützen Dissidenten aus allen Ländern. Aber wir müssen sorgfältig prüfen, ob Schutzbedürftige oder zweifelhafte Personen kommen.» Auf Deutsch: Die EU konnte sich noch nicht darauf einigen, wie sie Asylsuchenden aus Russland begegnen will. Während der Diplomat dann meint, dass die EU überhaupt nicht mit der aktuellen russischen Führung verhandeln könne, behauptet er nassforsch, dass die Schweiz schon noch mehr tun könnte: «Leider hat es der Bundesrat kürzlich abgelehnt, dass ausländische Staaten Waffen aus Schweizer Produktion an die Ukraine liefern können. Das ist eine verpasste Gelegenheit, etwas Gutes zu tun.»

Das kann man so sehen. Allerdings nur, wenn man keine Ahnung von der Schweizer Gesetzgebung bezüglich Waffenexporte in Kriegsgebiete hat. Sehr vage wird der Botschafter dann, was die Beziehungen der Schweiz zur EU betrifft: «Es gibt, wie gesagt, weiter Unklarheiten.» Auch mit dieser Antwort lässt ihn das Interview-Duo Danny Schlumpf und Gieri Cavelty davonkommen.

Daher darf der Botschafter auch zum Abschluss noch richtige Flachheiten absondern: «Die Schweiz und die EU sind Freunde und werden es immer bleiben. Freundschaft ist aber nicht dasselbe wie die Teilnahme am Binnenmarkt der anderen Seite.» Das ist wohl wahr, aber die Gültigkeit eigener Gesetze im anderen Land zur Voraussetzung für dessen Teilnahme am Binnenmarkt zu machen, auf diese Idee kommt weltweit ausser der EU niemand. Hätte man nachfragen können, aber dann wär’s kein Weichspüler-Wohlfühl-Interview geworden.

Zurück zum Organ der besseren Stände und wohlgeborenen Kreise. Die NZZaS wartet mit einer journalistischen Merkwürdigkeit der Sonderklasse auf:

Der Wirtschaftsbund beginnt mit einem Knaller. An der skandalgeplagten HSG hat offenbar ein Professor Mühe, zwischen seiner professoralen Tätigkeit und seiner Funktion als Mitbesitzer einer GmbH zu unterscheiden, die genau die gleichen Themengebiete beackert. Zudem ist seine Frau sowohl an der HSG als «Office-Managerin» wie auch in der GmbH als «Vorsitzende der GL und Miteigentümerin» tätig. Ein neues, saftiges Stück aus dem Fundus dieser Merkwürdig-Uni. Nur: obwohl das Tätigkeitsgebiet des HSG-Instituts ziemlich genau beschrieben wird, handelt es sich um «Herbert Künzle». Der heisse «in Wirklichkeit anders, es gilt die Unschuldsvermutung». Natürlich auch für seine Frau, «nennen wir sie Zita Bergmann».

Ds ist nun Borderline-Journalismus in seiner reinsten Form. Jeder Insider weiss sofort, wer gemeint ist. Aber die NZZaS versteckt sich hinter Pseudonymen. Wunderlich, sehr wunderlich.

Wir haben schon so ausführlich und so notwendig auf dem «NZZaS Magazin» herumgeprügelt, dass es die ausgleichende Gerechtigkeit verlangt, einen Artikel ausdrücklich zu loben:

Ds ist eine singuläre Leistung. Der Autor Daniel Etter ist zwar kein NZZ-Redaktor, aber es gereicht dem Magazin zur Ehre, diese Reportage veröffentlicht zu haben. Dafür verzichten wir auch auf eine kritische Würdigung des Rests des Inhalts …

 

Loser labert

Wir müssen uns schon wieder mit dieser Schande des Journalismus befassen.

Konzernjournalist und Mietschreiber Philipp Loser hat zwei Themen. Artikel im Interesse seines Arbeitgebers schreiben – oder gegen die SVP poltern. Beides ist so unappetitlich wie vorhersehbar.

Leider wird ihm auch nach dem abrupten Abgang des «Magazin»-Chefredaktors Finn Canonica (wieso schreibt keiner bei Tamedia über die Gründe?) weiterhin eine Kolumne zur Verfügung gestellt. Dort lässt er sich «über rechte Putin-Versteher» aus. Schon alleine die Verwendung dieses Begriffs legt das Niveau auf Höhe Bordsteinkante. Wer etwas oder jemanden verstehen will, ist per Definition ein intelligenterer Mensch als derjenige, der nichts verstehen will.

Loser versteht nichts. Aber er raunt: «Verdeckte Kriegsführung, Destabilisierung der Gesellschaft, Propagandaschlachten, Manipulation, Sabotage.» Wäre Loser gebildeter, würde er sich sicher ans «Zivilverteidigungsbuch» erinnern. Dort tritt ein Adolf Wühler auf, der sich genau solchen Tätigkeiten widmet. Auch im Solde des Ostens, allerdings damals noch der kommunistischen UdSSR. Wovor rechte Kreise Angst hatten und warnten.

Heutzutage ist alles anders: «Dazu kommen: verquere Fake News, die von russischen Diplomaten auf sozialen Medien verbreitet werden. Ein russischer Verein, der den Krieg ausgerechnet im Umfeld des Eidgenössischen Schwingfestes propagierte und dafür jetzt die Lehrerlaubnis an Basler Schulen verloren hat. Russische Propaganda. Für all das braucht es Kräfte im Innern, die ein ungut wohlwollendes Verhältnis zu Russland und seinem Herrscher haben.»

Der intelligente Leser muss nicht zweimal raten, welche Kräfte Loser wohl meint: «Die Schweizer Russland-Versteher stehen weit rechts der Mitte und sind meist bei der SVP. Ihr Forum ist die «Weltwoche», wo Verleger und SVP-Nationalrat Roger Köppel den grössten Putin-Versteher von allen gibt.»

Diese Kräfte hätten, diagnostiziert Irrwisch Loser, «jede Orientierung verloren». Aber letztlich ist es wie zu Zeiten von Adolf Wühler: «Was für eine Gesellschaft zersetzend ist, kommt selten von aussen. Sondern von innen.» Wäre Loser gebildet, wüsste er, wer zuletzt von einer Zersetzung der Gesellschaft, von Schädlingen und Parasiten am gesunden Volkskörper gesprochen hat.

Laut Loser zersetzen also die SVP und Köppel die Schweizer Gesellschaft. Dass ein angeblicher Qualitätskonzern solches Gerüpel, die Verwendung dieses Vokabulars zulässt, ist ein weiteres Armutszeugnis.

Bombenstimmung

Auch Kriege werden global. Kiew ist auf dem Landweg rund 2100 km von Bern entfernt.

Am 26. April 1986 begann die Atomkatastrophe im Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Das ukrainische AKW liegt auch rund 2100 km von Bern entfernt. Für diese Distanz braucht Radioaktivität kaum 24 Stunden.

Tschernobyl war der bislang schwerste Reaktorunfall der Geschichte. Er ereignete sich wegen menschlichen Fehlern, des Verstosses gegen Sicherheitsvorschriften und wegen einer gefahrenanfälligen Technologie.

Saporischschja ist das grösste AKW Europas. Es ist knapp 2600 km Landweg von Bern entfernt. Russland und die Ukraine beschuldigen sich gegenseitig, es gelegentlich unter Artilleriefeuer zu nehmen. Hier kann sich Tschernobyl jederzeit wiederholen; die Auswirkungen wären wohl noch verheerender.

Zum bislang einzigen militärischen Einsatz von Atomwaffen kam es 1945. Die USA zündeten über Hiroshima und Nagasaki in Japan zwei Atombomben. Rund 200’000 Menschen starben sofort; die Nachwirkungen der radioaktiven Verstrahlung halten bis heute an.

Der russische Präsident Putin hat während seiner Rede zur Ankündigung einer Teilmobilmachung nochmals klargestellt, dass sich Russland «mit allen Mitteln» gegen einen Angriff auf sein Territorium verteidigen würde, und «das ist kein Bluff». Damit meint er, dass er bereit ist, in diesem Fall auch Atomwaffen einzusetzen.

In den sogenannten autonomen Teilrepubliken im Osten der Ukraine werden «Referenden» durchgeführt, die darüber entscheiden, ob sich diese Gebiete Russland anschliessen und analog der Krim dann als russisches Territorium gälten.

Sollte die Ukraine versuchen, diesen Teil ihres Staatsgebiets zurückzuerobern, wäre das dann aus der Sicht des Kremlherrschers ein Angriff auf russisches Territorium. Nachdem sich die russische Armee bislang während dieser «militärischen Spezialoperation» als weitgehend unfähig erwiesen hat, es ukrainischen Streitkräften in wenigen Tagen gelungen ist, Gebiete zurückzuerobern, für deren Besetzung Russland Monate brauchte, ist mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Das ist nun kein Grund, auf alte Gewohnheiten wie den Verzehr von Rösti oder Fondue zu verzichten. Der Bissen muss einem auch nicht im Hals steckenbleiben, wenn man diese Lageanalyse liest.

Aber das Unvorstellbare hat immer den Nachteil, dass es unvorstellbar ist. Bis es eintritt. Heisst das nun, dass der wehrhafte Schweizer seinen Luftschutzkeller wieder in Betrieb nehmen sollte, überprüfen, ob die Türe noch luftdicht schliesst, der Notvorrat bereitsteht und genügend Jodtabletten in Griffweite sind?

Eher nicht. Denn bei aller Wehrhaftigkeit im Rahmen der bewaffneten Neutralität der Schweiz gibt es in einer globalisierten Welt mit globalisierten Kriegen kein Entkommen, wenn eine Atommacht darin verwickelt ist.

US-Militärs spielten mindestens zweimal ernsthaft mit dem Gedanken, Atomwaffen einzusetzen. Während des Korea- und während des Vietnamkriegs. Und dass die Welt den Kalten Krieg überlebte, als sich zwei Atommächte hochgerüstet gegenüberstanden, grenzt an ein Wunder.

Damals rettete die Welt wohl nur ein Prinzip, das die schöne Abkürzung MAD trägt. MAD wie verrückt, MAD wie mutual assured destruction. Die gegenseitig garantierte Vernichtung bedeutete nichts anderes als: wer zuerst auf den roten Knopf eines Atomschlags drückt, stirbt als Zweiter. Also wurde immerhin kein Krieg begonnen, in dem es keinen Gewinner geben konnte.

Nun ist die Lage in der Ukraine anders. Die ehemalige Sowjetrepublik hat ihre Atomwaffen nach dem Zusammenbruch der UdSSR an Russland zurückgegeben. Gegen die Zusicherung, dass seine territoriale Integrität nicht in Frage gestellt wird. Oder einfacher: dass es nicht von Russland überfallen wird – unter welchem Vorwand auch immer.

Nun hat in diesem asymmetrischen Krieg die eine Seite das grösste Atomwaffenarsenal der Welt – die andere direkte Kriegspartei dagegen hat nur konventionelle Waffen. Die Ukraine steht auch nicht, mangels Mitgliedschaft, unter dem atomaren Abschreckungsschirm der Nato. Und es ist kaum vorstellbar bis ausgeschlossen, dass Atommächte wie die USA, England oder Frankreich die Ukraine mit Atomwaffen ausrüsten werden.

Eine potenziell fatale Situation. Soll man wünschen, dass es Russland gelingt, mit konventionellen Waffen die eroberten Gebiete gegen ukrainische Gegenoffensiven zu verteidigen? Soll man hoffen, dass es auch im Kreml noch genügend vernünftige Menschen gibt, die den Einsatz von taktischen Atomwaffen verhindern würden?

Mit der Teilmobilmachung ist der Ukrainekrieg in der russischen Gesellschaft angekommen. Soll man hoffen, dass die Reaktion Putin aus dem Amt fegen könnte? Oder soll man befürchten, dass ein in die Ecke gedrängter Autokrat lieber mit einem grossen Knall untergehen will statt mit Gewinsel?

Letztlich tröstet der Gedanke auch nicht, dass es völlig egal ist, was Schweizer in der Schweiz in Bezug auf die Ukraine hoffen, denken, wünschen. Die Entscheidungen werden in Moskau, Kiew, Washington und Brüssel gefällt. Nicht in Bern und auch nicht in Zürich. Also bleibt eigentlich nur, das Geschnetzelte und das Leben so intensiv wie möglich zu geniessen. Solange noch das Lämpchen glüht.

 

Die Teilmobilmachung

Netterweise hat Putin gewartet, bis die Queen unter der Erde war.

Sehr selten in Friedenszeiten: Obwohl es sich beim Ukrainekrieg offiziell weiterhin um eine militärische Spezialoperation handelt, ordnete Russlands Präsident Putin eine Teilmobilmachung an. Eigentlich bräuchte er dafür zuerst die Zustimmung des Parlaments (die er natürlich kriegen würde). Aber wo kein Krieg ist, muss auch nicht zugestimmt werden.

300’000 russische Reservisten sollen nun aktiviert werden, um die gelichteten Reihen der Roten Armee in der Ukraine aufzufüllen. Natürlich sollen auch weitere Geländeverluste vermieden werden, möglicherweise will Russland zur Gegenoffensive ansetzen. Damit beginnt eine neue, noch blutigere Phase des Kriegs.

Gleichzeitig ist es eine eindeutige Eskalation, zumal Putin nicht müde wird zu beteuern, dass sich Russland im Ernstfall «mit allen Mitteln» verteidigen werde, und das sei «kein Bluff». Mit anderen Worten: Die Welt ist einem Atomkrieg wieder ein Stückchen nähergerückt. Vor allem auch durch Putins Plan, mittels «Referenden» Teile der Ukraine Russland zuzuschlagen. Und Angriffe darauf wie einen Angriff auf russisches Kerngebiet zu betrachten – und notfalls mit Atomwaffen zu beantworten.

Während Russland gleichzeitig zum ersten Mal eine gewisse Gesprächsbereitschaft signalisiert hat, lehnt die Ukraine Friedensgespräche zurzeit prinzipiell ab. Zu gross ist offensichtlich der Triumphalismus nach den überraschend grossen und schnellen Terraingewinnen durch die Gegenoffensive.

Mit dieser Teilmobilisierung setzt Putin die Verzwergung Russlands konsequent fort. Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Europa und den USA sind dermassen zerrüttet, dass es lange Jahre dauern wird, sie wieder zu normalisieren. Zudem hat sich Russland als unsicherer Kartonist erwiesen; gerade auf internationalem Gebiet müssen Verträge und Vereinbarungen eigentlich konsequent eingehalten werden. Tut das ein Handelspartner nicht, dann dauert es sehr lange, bis man wieder in ihn Vertrauen fasst.

Da Russland trotz allen gegenteiligen Anstrengungen weiterhin im Wesentlichen ein Zweit-Welt-Land mit Rohstoffen und Atomwaffen ist, hängt seine Industrie bedeutend von westlichem High-Tech ab. In modernen Gerätschaften kann schon ein fehlender Chip Riesenapparate lahmlegen. Deshalb schmerzen die westlichen Sanktionen zunehmend.

Dass Russland unter Bruch internationaler Verträge, inklusive die zugesicherte und beschworene Akzeptanz der territorialen Unverletzlichkeit der Ukraine, in sein Nachbarland eingefallen ist, macht die russische Regierung als verlässlicher Gesprächspartner ebenfalls unglaubwürdig. Das erschwert auch den möglichen Abschluss eines Friedensvertrags. Wie soll man da russischen Zusicherungen glauben, wenn die in der Vergangenheit schonmal gebrochen wurden?

Nun kommt auch noch ein militärisches Desaster dazu. Offensichtlich hat die russische Armee der vom Westen hochgerüsteten Ukraine nur wenig an Mensch und Material entgegenzusetzen. Das gibt natürlich all den Staaten zu denken, die sich von Russland militärisch beschützt wähnen. Ausserdem ist dieses Versagen Gift für russische Waffenexporte in alle Welt. Wenn die eigene Armee mit dieser Ausrüstung krachende Niederlagen einfährt, wozu soll es dann dienen, sich russische Waffen zu kaufen?

Schliesslich trägt diese Teilmobilmachung für diese «Spezialoperation», die angeblich nur ein paar Tage dauern sollte, den Krieg mitten in die russische Gesellschaft.

Auf der anderen Seite sind die Folgen für die europäische Wirtschaft noch nicht abzusehen. Es ist klar, dass es zu einem Wohlstandsverlust kommen wird. Wie dramatisch der ausfallen wird? Das kommt wohl darauf an, in welchem Bereich des Mittelstands der Betroffene lebt. Am unteren Rand wird es sicherlich bitter werden. Wenn zum Beispiel eine Verdreifachen der Stromrechnung in ernste Probleme stürzt, wer bei einer Verdoppelung der Heizkosten anfängt, im Wintermantel in der Stube zu sitzen, der wird’s schwer haben.

Die offiziellen Inflationszahlen widerspiegeln nur sehr ungenügend die sogenannte gefühlte Inflation, also was in der Lebenswirklichkeit des Konsumenten ankommt. Dort liegt die Inflationsrate bereits locker im zweistelligen Bereich. Auch das wird kein schnell vorübergehender Zustand sein. Und wie lange der Staat noch in der Lage ist, die Folgen der Sanktionspolitik mit Geld zuzuschütten, steht ebenfalls in den Sternen.

Also rundum unfrohe Aussichten …