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Flachzange Binswanger

Die schreibende Schmachtlocke unterbietet sich selbst.

Es gibt gute Gründe, nicht nur wegen Björn Höcke die AfD für unwählbar zu halten.

Auf der anderen Seite ist sie laut allen Meinungsumfragen mit Abstand die beliebteste Partei Deutschlands. Also erhebt sich ein anschwellender Bocksgesang von Westentaschen-Intellellen, die ihr Mütchen an dieser Partei kühlen. Obwohl es eigentlich ihre Aufgabe wäre, den Gründen nachzuspüren, wieso weder Brandmauer noch andere Abwehrmassnahmen ihren Siegeszug aufhalten können.

Oder schlicht die Frage zu beantworten, wieso sie in Scharen Wähler findet. Oberhalb von Erklärungen wie die, dass die halt blöd, braun, verpeilt, verbittert, Prekariatsmitglieder, Arbeitslose und/oder Rassisten und Nationalisten sind.

Das ganze Elend dieser unfähigen Weltdeuter verkörpert Daniel Binswanger geradezu idealtypisch. Der Co-Chefredaktor des Hobby-Organs zweier reicher Erben greift wöchentlich zum Griffel, um der Welt zu erklären, wie sie sei und wie sie sein sollte.

Aber weder die Sprache noch das Denken gehören zu seinen Kernkompetenzen. So beginnt er seine jüngste Kolumne schon mal sehr holprig:

«Der Zufall des politischen Kalenders produziert eine seltsame Engführung: In Deutschland finden die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt statt und ein AfD-Landesverband, der vom Verfassungsschutz als «gesichert rechtsextrem» eingestuft worden ist, könnte dieses Wochenende die absolute Mehrheit der Landtagssitze erobern und die Regierung stellen. Die Schweiz ist derweil mit dem Abstimmungskampf über die Neutralitätsinitiative beschäftigt.»

Hä? Der krampfhafte Versuch, aus denunziatorischer Absicht die AfD in Sachsen-Anhalt und die Neutralitätsinitiative in einer «Engführung» zusammenzuschustern, produziert einen kleinen Sprachmüllberg.

Unweigerlich muss nun die Nazikeule kommen, das ist bei diesem liefergelegten Niveau gar nicht anders denkbar: «Gut 80 Jahre nach dem Ende der Naziherrschaft würde in Deutschland erstmals eine Partei die Macht in einem deutschen Bundesland übernehmen, die man nicht unmittelbar mit der NSDAP vergleichen kann, die aber vom sogenannten völkischen Flügel dominiert wird und deren Wahlprogramm massiv von rechtsradikaler Ideologie geprägt ist.»

Das ist diese typische kleinintellektuelle Verkrampfung, sich mit der linken Hand hinter dem rechten Ohr zu kratzen. Könnte man auch einfacher haben, aber dann käme es nicht so geschwollen daher und stünde in aller Erbärmlichkeit nackt und hässlich da: natürlich will Binswanger die AfD ganz nahe an die NSDAP rücken.

Und was passiert laut Binswanger, wenn der deutsche Stimmbürger in Ausübung seiner demokratischen Rechte eine rechte Partei wählt? «Das ist nicht nur eine demokratiepolitische Katastrophe, sondern auch eine verheerende Niederlage der deutschen Erinnerungspolitik

Nimm das, du dämlicher Sachse und Anhalter. Aber die schreibende Schmachtlocke befürchtet noch Schlimmeres: «Eine nicht bewältigte Geschichte der politischen Gewalt droht wiederzukehren.» Im fistelnden Diskant des Grauens hackt er mit scheckgeweiteten Augen völlig Unverständliches in die Tastatur. Man stelle sich das bildlich vor: wie wohl die Wiederkehr einer nicht bewältigten Geschichte aussieht? Wir wissen nur: so liest sich nicht bewältigte Sprache.

Aber genug des Ausflugs in braune deutsche Gauen des Grauens, eigentlich will sich Binswanger doch die Neutralitätsinitiative zur Brust nehmen: «Die Schweizer Auseinandersetzung um die richtige Neutralitätspolitik ist im Vergleich zur deutschen Schicksalswahl schon beinahe harmlos. Aber auch die Schweiz bleibt die Gefangene ihrer Geschichte.»

Binswanger hingegen ist weitgehend frei von Geschichtskenntnissen. Sonst wüsste er, dass der Begriff «Schicksalswahl» zum Lieblingsvokabular – der NSDAP gehörte. Ups.

Aber auch Sprachbilder sind nicht so seins: «Die Schweiz sitzt heute wie die Made im Speck in der Schutzzone der sie umgebenden EU-Staaten.» Also sie lebt angenehm auf Kosten anderer. Wie das? Da schweigt des Sängers Höflichkeit.

Genug der blassen Gedanken und schrägen Sprachbilder, nun muss die Lieblingsbeschäftigung aller dieser Denkzwerge mit fuchtelndem Zeigefinger her. Genau, die knallharten Forderungen: «Sie muss der Nato nicht beitreten. Aber sie muss offensichtlich die Möglichkeit haben …» Muss sie? Binswanger hat noch ein Donnerwort gegen die Initiative auf Lager: «Das ist weltfremd.» Stattdessen muss sie müssen:  «Wenn die Schweiz ihre Luftverteidigung in Zusammenarbeit mit der Nato aufbauen will – wozu es technologisch kaum eine Alternative gibt –, muss sie über Jahre gemeinsame Systeme, Waffenarsenale und Kommandostrukturen schaffen.»

Überhaupt muss gemusst werden: «Europa muss sich so schnell als möglich … die Schweiz muss ihren Beitrag leisten … gemeinsam in die Hand nehmen müssen …»

Fehlt noch was? Aber sicher, die schwurbelige Verwendung  von Fremdwörtern: «jener voraussichtlich minoritäre Teil der Wählerinnen … Das vermeintliche Kernelement des ewigen Schweizer Sonderfalls will von der SVP affirmiert und gefeiert werden … Das Einzige, was solche Identitätspolitik erzeugt, ist exzessive Polarisierung … Diese neue Pirouette beweist lediglich …»

Nach diesem Feuerwerk der sinn- und zwecklosen Verwendung von Schwulstwörtern will Binswanger der Initiative den Todesstoss versetzen, mit einem ganz originellen Argument: «Eine Annahme der Neutralitätsinitiative ist im Interesse Putins.» Wer hätte gedacht, dass nicht etwa Linke, sondern die SVP und Blocher das Geschäft des Kreml-Herrschers verrichten.

Nun der krönende Aufgalopp am Schluss, vielmehr die Steigerung der Absurdität, als wär’s ein Stück von Ionesco: «Und wie bei anderen europäischen Parteien, ob gesichert rechtsextrem oder nicht, ist die Putin-Kungelei ein verlässliches Zeichen der ideologischen Radikalisierung. Diese Initiative wird deutlich abgelehnt werden. Sie ist so unschweizerisch wie überhaupt nur möglich.»

Scherze mit Namen sind eigentlich auch unschweizerisch und gehören sich nicht. Aber der Mann treibt einen dazu. Nach solchen Stücken aus dem gedanklichen Tollhaus fragt man sich, ob der Ausdruck Binsenwahrheit nicht von König Midas, sondern von Binswanger kommt. Oder gar «das geht in die Binsen»?

 

Die NZZ gurgelt weiter

Wenn Häsler mal Pause hat, kommen andere zu Wort.

Die Methode ist abgefeimt. Man hypt einen medial gewandten Militäranalytiker und Sandkastenspieler zu einem «der besten Kenner der militärischen Lage in der Ukraine» hoch. Das soll er wohl mit seinem Aufsatz «Den Abnutzungskrieg gewinnen: eine realistische Siegesstrategie für die Ukraine» unter Beweis gestellt haben.

Allerdings fehlt da der Sieg. Noch knalliger ist der Titel seines schmalen Werks (160 Seiten) «Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt».

Franz-Stefan Gady konstruiert ein Szenario Ende der 2020er-Jahre: Nach einem Waffenstillstand in der Ukraine regeneriert Russland seine Streitkräfte, greift das Baltikum an und gerät damit in einen Krieg mit der NATO. Österreich wird trotz seiner Neutralität hineingezogen, weil es als Verkehrs- und Nachschubraum wichtig ist. Cyberangriffe, Sabotage, Drohnen und Marschflugkörper treffen Österreich; schließlich brennt nach einem Drohnenangriff sogar der Wiener Stephansdom.

Bei Somm zerbricht der Pariser Eiffelturm, bei Gady das Wahrzeichen Wiens.

Wow.

Dazu darf er in der NZZ sagen: «Mein Buch basiert auf einem militärischen Planspiel. … Selbst bei einem brüchigen Waffenstillstand kann Russland Hunderttausende Soldaten von der Front abziehen und sich neu strukturieren. Währenddessen läuft die russische Kriegswirtschaft weiter auf Hochtouren, vor allem bei Langstrecken-Präzisionswaffen. Moskau wäre so bald in der Lage, einen begrenzten Angriff gegen ein Nato-Land wie Litauen zu wagen.»

Bevor man ernsthaft auf solche Spielereien eingeht, sollte man ihre Prämissen kritisch hinterfragen. Denn wie jedes «Szenario» bestätigt auch dieses nur seine selbst gesetzten Voraussetzungen. Also nach einer Kette wie:

Russland bleibt revisionistisch → der Ukrainekrieg wird lediglich eingefroren → Russland regeneriert seine Streitkräfte → Moskau ist bereit, einen NATO-Staat anzugreifen → die nukleare Abschreckung verhindert diesen Angriff nicht → die NATO wird militärisch hineingezogen → Österreich wird als logistischer Raum relevant → Russland greift deshalb österreichische Infrastruktur an.

Kann man so fantasieren, muss man nicht. Aber statt solche grundlegenden Fragen zuerst zu klären, gehen die Interviewer Meret Baumann und Selina Berner gleich in medias res. Ohne grosse Fachkenntnisse, notabene. Baumann ist Korrespondentin in Wien, Selina Berner war «im Friedensförderungseinsatz im Kosovo tätig für die Schweizer Armee» und ist seit 2024 Redaktorin im Ressort Inland/Bundeshaus.

Das erklärt wohl solche Fragen: «Was ist das Ziel Russlands? Geht es darum, Territorium zu erobern?» Und das widerspruchslose Hinnehmen solcher Antworten: «Nein. Moskau geht es nicht um Landgewinne, sondern um die Machtordnung in Europa. Das Ziel Putins ist seit je eine Sicherheitsarchitektur mit Russland als zentralem Akteur. Die Hindernisse dafür sind die Nato und die EU. Ein begrenzter Krieg soll beide Institutionen aushebeln

Immerhin wagen die beiden den Einwand, dass Russland mit seinem Angriff auf die Ukraine kaum vorankomme. Das würde doch den Erfolg eines Angriffs auf die NATO sehr zweifelhaft erscheinen lassen. Da stimmt Gady zu:

«Ich schätze die Erfolgschancen auch als gering ein. Aber man darf daraus nicht schliessen, dass Moskau es nicht trotzdem versuchen wird

Tja, bei einem irren Verbrecher wie Putin weiss man halt nie. Aber natürlich treibt die beiden eine viel näherliegende Frage um: «Bleibt die Schweiz verschont

Da weiss Gady, was er seinem Schweizer Publikum schuldig ist: «Das hängt davon ab, wie weit die russischen Pläne reichen. Grundsätzlich unterscheidet sich die Lage der Schweiz nicht von jener Österreichs: Sie ist für Moskau ein strategisches Ziel, weil sie wichtige Infrastrukturen für die Nato und Europa besitzt

Natürlich die Einleitung zum Thema, Überraschung, Neutralität. Wäre denn ein Verweis darauf nutzlos? Auch hier weiss Gady, was als Antwort gut kommt: «Aus meiner Sicht schon, ja.» Denn Kleinstaaten könnten sich im 21. Jahrhundert nicht alleine verteidigen. «Das Neutralitätsbekenntnis wäre deshalb kaum glaubwürdig, weder für Russland noch für die Nato.»

Komisch, für Hitler-Deutschland und die Alliierten war’s das im Zweiten Weltkrieg.

Aber im 21. Jahrhundert ist wohl alles anders: «Die Neutralität ist mit dem ersten Schuss hinfällig. Dann darf man sich gemeinsam mit Partnern verteidigen.»

Dann führt Gady noch einen mehr oder minder geordneten Rückzug auf. Denn er wird gefragt, wie wahrscheinlich denn sein Szenario sei: «Niemand weiss, wie der Krieg in der Ukraine enden wird und was danach passiert.» Nun ja, ausser ihm, wäre man vesucht zu sagen.

Aber eben, wie Häsler und viele andere hat er das Problem, dass man halt nicht auf ihn hört. Dabei hätte er jede Menge Ratschläge parat. Österreich und die Schweiz müssten unbedingt «die Luftverteidigung integriert mit der Nato denken, die dazugehörigen Munitionsbestände so schnell wie möglich vergrössern und bei der Ausbildung stärker auf den Kampf der verbundenen Waffen fokussieren».

Weder die Ukraine, noch Putin und erst recht nicht die Schweizer oder österreichische Regierung hören auf ihn. Selber schuld!

NZZ und Neutralität

Ballade eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam.

Teil 1

Von Philipp Gut*

Wer ist eigentlich der Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ )? Eric Gujer oder Cédric Wermuth? Die Frage mag etwas maliziös klingen, doch sie führt direkt zu des Pudels Kern. In der Beurteilung der schweizerischen Neutralität, über deren Verankerung in der Verfassung das Stimmvolk am 27. September entscheidet, ist zwischen der Gujer-NZZ und der Wermuth-SP kaum ein Unterschied auszumachen. Beide sprechen wahlweise von einer «Putin-» oder «Blocher-Initiative». Der sozialdemokratische Politologe Wolf Linder bemerkt, die SP habe diese Kampfbegriffe gar von der NZZ kopiert, was «unter der Gürtellinie» sei und weitere Argumente offenbar entbehrlich mache, wie er in einem offenen Brief an die Parteiführung schreibt.

Falke von der Falkenstrasse

Tatsächlich ist die NZZ -Berichterstattung über die Neutralität und die Neutralitätsinitiative ein radikaler Bruch mit der eigenen Tradition. Das springt sofort ins Auge, wenn man die Artikel eines Gujer und anderer Redaktoren mit dem vergleicht, was ihre Vorgänger geschrieben haben. Was über 200 Jahre lang granitfest galt, ist plötzlich Makulatur. Dabei gehören die Gedanken zur Schweizer Neutralität, die ein publizistischer Leuchtturm wie Willy Bretscher, NZZ -Chefredaktor von 1933 bis 1967, formuliert und in die Welt getragen hat, zum Klügsten und Klarsten, was man bis heute zum Thema lesen kann.

Doch beginnen wir mit der Gegenwart. Da erklärt Gujer in einem Leitartikel vom 15. August, es sei endlich an der Zeit, «Putin klar als Feind» zu benennen, wohlwissend, «dass die Benennung eines Feindes immer die Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts mit sich bringt». Eine publizistische Kriegserklärung.

Ein Teil der Schweizer Öffentlichkeit habe bereits kapituliert und betreibe Appeasement, behauptet der Falke von der Falkenstrasse, und zielt damit auf Christoph Blocher und alle, die an der umfassenden Neutralität der Schweiz festhalten. Gujer wirft Blocher «Geschichtsklitterung» oder «die bewusste Legitimierung russischer Aggression» vor, wofür spreche, «dass sich die Propaganda des Moskauer Aussenministeriums und Aussagen Blochers verblüffend ähneln». Beide kritisierten unisono, die Schweizer Regierung höhle die Neutralität aus, indem sie die westliche Sanktionspolitik mittrage. Beide plädierten «für eine absolute Neutralität, die keinen Unterschied dabei macht, ob sie einer Diktatur oder einer Demokratie gilt».

Obwohl Blocher vor einem dritten Weltkrieg und vor möglichen weiteren russischen Angriffen auf europäische Staaten warnt und Russland als grösste Gefahr für die Sicherheit der Schweiz und Europas bezeichnet, stellt ihn Gujer als Handlanger des Kremls dar («Hier ist augenscheinlich etwas zusammengewachsen, was zusammengehört»). Für Gujer – wie für einen Wermuth – sind Blocher und die SVP, die als einzige Partei noch eine konsequente Neutralitätspolitik verfolgen, bloss «Claqueure einer Diktatur».

Auf nach Brüssel!

Stattdessen zeigt die Kompassnadel der NZZ nach Brüssel, dem Sitz von Nato und EU. «Die Schweiz bekennt sich zur westlichen Gemeinschaft und leistet einen aktiven Beitrag, dass Putin und Konsorten die Welt nicht nach ihrem autoritären Willen umgestalten können», gab Gujer in einer Rede an der Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung am 13. April 2024 die Richtung vor.

Damals sagte er auch: «Wollen wir uns noch eine autonome Landesverteidigung leisten? Wenn nicht, was folgt daraus: ein Beitritt zur Nato und die Preisgabe der Neutralität?» Unter Gujers Ägide rät die NZZ unablässig zu einem Näherrücken an das westliche Militärbündnis und an den Machtblock namens Europäische Union. Da ist das Abwracken und Niederschreiben der Schweizer Neutralität und einer eigenständigen und unabhängigen Aussenpolitik zwischen den Blöcken und über den Fronten nur logisch: Wer nach Brüssel will, muss die Neutralität wegräumen.

Beispiele? «Die kleine Schweiz ist verletzlich – verbindliche Spielregeln mit der EU sind in ihrem Interesse», schrieb NZZ -Redaktor Tobias Gafafer im April 2024. Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union werde «zu Unrecht schlechtgeredet». Und am 20. August 2026 dekretierte er: «Die Schweiz muss die Chancen des EU-Pakets nutzen.»

Ins selbe Horn bläst Georg Häsler, NZZ -Redaktor, Berner FDP-Politiker sowie Offizier der Schweizer Armee, der auch schon im Kampfanzug an einer Medienkonferenz teilnahm und als so etwas wie der militärstrategische Lautsprecher der Redaktion fungiert. «Ausgerechnet jetzt, wo stabile Beziehungen zu den Nachbarn an Bedeutung zunehmen, verfällt die Schweiz dem Eigensinn. Eine Annahme der jüngsten SVP-Zuwanderungsinitiative würde in Brüssel und allen anderen europäischen Hauptstädten als Vorentscheidung für die neuen EU-Verträge gelesen – die wohl letzte Möglichkeit, gleichberechtigt am Binnenmarkt zu partizipieren, ohne gleich beitreten zu müssen», meinte Häsler im Mai 2026, vor der Volksabstimmung über die Nachhaltigkeitsinitiative. «Die Europäer schliessen die Reihen» – und die Schweiz solle sich gefälligst mit ins Glied stellen. Das ist der Tenor und die aussenpolitische Devise der Redaktion.

Den Vogel schoss Inlandchefin Christina Neuhaus in einem Kommentar vom 25. August 2026 ab. Allen Ernstes nahm sie die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), die immer schon gegen die bewaffnete Neutralität war, als Referenz und Kronzeugin: Sie lehne «Blochers Volksbegehren ohne Wenn und Aber ab». Auweia. Wenn die das sagen. Bretscher würde sich im Grab umdrehen.

«Uneingeschränkt, absolut»

Im Licht der eigenen Geschichte betrachtet, ist das eine Wende um 180 Grad, um nicht zu sagen: ein Verrat am geistigen Erbe, an der NZZ-DNA. Die Belege finden sich im Archiv. Wenn ein Gujer die Vorstellung einer «absoluten Neutralität» in die Nähe von moralischem Versagen und Parteigängertum für das Böse auf der Welt rückt, widerspricht er damit auch frontal dem NZZ-Idol Bretscher. «Die Neutralität der Schweiz ist uneingeschränkt, absolut», erkannte Bretscher in seinem Meisterstück, dem berühmten Leitartikel «Die schweizerische Neutralität» vom 17. Oktober 1939.

Wer die Schuld an diesem Krieg trug und wer der Aggressor war, war vom ersten Kriegstag an sonnenklar. Dennoch verfiel Bretscher nicht der Versuchung, die Neutralitätsmaxime einem wohlfeilen Moralismus zu opfern. Auf die wiederhergestellte, keinen Vorbehalten, keiner Differenzierung mehr unterliegende «uneingeschränkte Neutralität» der Schweiz könne «nicht der Schatten eines Zweifels oder einer Zweideutigkeit fallen». Sie bedeute die «bedingungslos gleiche Behandlung beider Parteien in einem kriegerischen Konflikt durch die neutrale Schweiz», militärisch abgesichert durch die Schweizer Armee, die «die Unabhängigkeit, Unversehrtheit und Sicherheit des Vaterlandes gegen jeden fremden Angriff, komme er, woher immer, mit allen Mitteln schützen» werde, wie der Bundesrat am 30. August 1939 betonte.

Bretscher – auch diese analytische Unterscheidung geht seinen Nachfolgern durch die Lappen – stellte klar, dass die strikt und absolut neutrale Aussenpolitik der Schweiz nicht mit moralischer Indifferenz oder gar einem Maulkorb für den Bürger zu verwechseln sei: «Die unbedingte Wahrung der Neutralität ist für das Schweizervolk eine Selbstverständlichkeit, die durch den Umstand, dass das gleiche Schweizervolk daneben auch seine bestimmten Meinungen über den Krieg hat, gar nicht berührt wird.»

Mit anderen Worten: Gesinnungsneutralität verlangt niemand. Die Neutralität der Schweiz als Lebensversicherung in Zeiten des Kriegs misst sich nicht daran, wie man sich dabei fühlt, sondern daran, was sie bewirkt. Entsprechend verteidigte Bretscher die «unbedingte Neutralität» und wies jede «willkürliche Ausweitung des Neutralitätsbegriffes» als «unstatthaft und gefährlich» zurück.

«Martyrium der Neutralität»

Während heutzutage nicht nur eine NZZ, sondern auch der Schweizer Bundesrat und die Parteienvertreter von links bis Mitte-rechts nach Applaus aus dem Ausland gieren und alles tunlichst vermeiden wollen, was irgendjemandem, vor allem aber den «europäischen Partnern» missfallen könnte, erinnerte Bretscher in einem weiteren Leitartikel vom 2. November 1942 an das «Martyrium der Neutralität». Dieses bestehe wesentlich darin, «dass wir es beim besten Willen keiner der Kriegsparten recht machen können».

Schon damals klangen die Vorwürfe der Neutralitätsgegner und -verwedler wie heute: Man tadle das «Stillesitzen» der Schweiz als nationalen Egoismus, und man drohe den «Abseitsstehenden», dass sich ihre Haltung früher oder später an ihnen rächen werde, beobachtete Bretscher. Inzwischen ist das zum Narrativ nicht bloss der NZZ, sondern der politischen Elite des Landes geworden.

Nachzulesen sind die Gedanken des weitsichtigen Chefredaktors in einem Sammelband seiner wichtigsten Kommentaren zwischen 1933 und 1944. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, legte die NZZ das Buch zum 90. Geburtstag ihres bedeutendsten Angestellten nochmals auf. Im Vorwort schrieb der damalige Chefredaktor Hugo Bütler, die ausgewählten Texte seien «Dokumente eines publizistischen Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz». Man schrieb das Jahr 1987, und ein schweizerisch-deutscher Jungjournalist, aufgewachsen in der Bundesrepublik, machte seine ersten Gehversuche in der NZZ als Praktikant. Sein Name: Eric Gujer.

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Fortsetzung folgt.
*Der Artikel erschien zuerst in der «Weltwoche». Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Nehmt das, Ihr Unschweizer von der SVP

Auf eine solche Idee kann nur Georg Häsler kommen. Aber nur nach einem Hitzschlag.

Man kann der SVP vieles vorwerfen. Aber dass sie, mitsamt ihrem Vordenker Christoph Blocher, nicht urschweizerisch, sondern unschweizerisch und russlandfreundlich sei, das hat bislang noch niemand behauptet.

Der Bundesrat hat gerade seine Befehle von der Kriegsgurgel aus Bern bekommen, also muss sich Häsler anderen Kriegsschauplätzen zuwenden. Denn neben der echten Kriegsgefahr, dass Russland (oder der Iran!) die Schweiz bombardieren, weil sie damit die Energieversorgung Westeuropas zerstören wollen, gibt es auch noch das:

«Moskau unterstützt offen die Neutralitätsinitiative der SVP. Dieser Beeinflussungsversuch ist Teil der hybriden Kriegsführung des Putin-Regimes.»

Sapperlot, das ist ja wieder ein Ding, und nur einer hat’s gemerkt. In der Aufregung verrutschen dem Armen mal wieder die Sprachbilder. Die Sprecherin des russischen Aussenministers setze «den Ton der russischen Staatspropaganda: den Generalbass der hybriden Kriegsführung gegen den Westen». Muss die Dame vielleicht eine tiefe Stimme haben. Wahrscheinlich halt ein russisches Mannsweib, ein weiblicher Iwan Rebroff.

Was tut die? Sie nimmt sich die Schweiz vor, «in einer beispiellosen Unverfrorenheit». Wie das? «Russland unterstützt expressis verbis das Vorhaben der SVP, die Neutralität immerwährend, bewaffnet und integral in der Verfassung zu verankern.»

Ha, damit ist die SVP als Fünfte Kolonne Moskaus entlarvt. Für Blocher muss gelten: Moskau einfach!

Wobei, ist das nicht genau die offizielle Definition seit Menschengedenken, halt nur nicht so in der Verfassung?

Nun, die russische Bärin unterfüttert das mit typisch absurden Argumenten. Die Sprecherin «behauptet, die Schweiz sei kein neutrales Land mehr, weil der Bundesrat seit dem russischen Grossangriff auf die Ukraine 2022 die EU-Sanktionen gegen Russland übernehme». Unverschämtheit, auch das weiss Häsler besser: «Der Bundesrat handelt im Rahmen seiner neutralitätspolitischen Möglichkeiten.» Nimm das, du Generalbass.

Der spielt wilder auf als ein Kasatschok: «Angstmacherei … gezielte Kampagne … europäische Unterstützer der Ukraine buchstäblich zu neutralisieren … überragender Sieg der russlandtreuen AfD vorausgesagt …»

AfD, russlandtreu? Und was hat die AfD mit der SVP und der Abstimmung in der Schweiz zu tun?

Wie auch immer, es geht noch weiter: «Ein wichtiger Einflüsterer der SVP-Führung pflegt einen regelmässigen Austausch mit dem Putin-Regime.» Wahnsinn, nur traut sich der Kalte Krieger nicht einmal einen Namen zu nennen. Vielleicht befürchtet er, damit auf die Todesliste Putins zu geraten. Wenn wir einmal raten dürfen: er meint Roger Köppel.

Aber vielleicht reicht dafür bereits seine Entlarvung dieser hybriden Kriegsführung: «Die Gegner der Vorlage sprechen von einer Putin-Initiative. Moskau gibt ihnen nun recht.» Der Beweis: «Es ist wohl kaum ein Zufall, dass die Kreml-Propaganda semantisch auffällig ähnlich klingt wie Werbung für die Neutralitätsinitiative

Daher hat Semantiker Häsler hier seine Befehlsausgabe für die SVP-Mitglieder parat: «Die Patrioten in der Partei müssen sich fragen, ob sie den russlandfreundlichen Kurs ihrer Spitze mittragen wollen – oder doch die Freiheit und die Souveränität der Schweiz höher gewichten.» Immerhin, er gesteht damit ein, dass es neben der moskauhörigen Fünften Kolonne doch noch senkrechte Schweizer in der SVP gibt.

Aber am Schluss blitzt etwas Optimismus in Häslers düsterer Welt auf: «Tatsächlich dürfte sich der Kreml am Abstimmungssonntag wundern, wie schlecht die Schweizerinnen und Schweizer auf fremde Vögte reagieren.» Auch auf dieses schiefe Bild muss man mal kommen: Putin als Gessler, der Schweizer Patrioten dazu zwingen will, sich vor seiner Uschanka zu verbeugen.

Aber nicht nur die Patrioten in der SVP, überhaupt alle Eidgenossen, die noch etwas Ehrgefühl im Leib haben, sind dazu aufgefordert:

«Wer zur Schweiz steht, wendet sich klar gegen die Einmischung Russlands in den schweizerischen Abstimmungskampf.»

Es ist eigentlich zum Totlachen, dass nun der SVP etwas passiert, was im Kalten Krieg regelmässig den Linken reingewürgt wurde: ihr seid doch nur nützliche Idioten, Helfershelfer Moskaus, Wegbereiter der roten Gefahr. Und daher keine echten Schweizer, sondern Vaterlandsverräter.

Auf so eine irre Idee kann nur einer kommen …

Putin geht’s ganz schlecht

Analysiert knallhart das Qualitätsblatt «Blick».

Boulevard wird meist dann unfreiwillig komisch, wenn Kompetenz vorgegaukelt wird. Entweder holt man sich die mit einem untauglichen Objekt ab:

Der Meister der Fehlprognose äussert gerne seine Meinung dort, wo sie noch gefragt ist. Entweder sind es Banalitäten («Der Krieg bedroht unseren gesamten Wohlstand»). Oder aber, Jan-Egbert Sturm hält sich bedeckt: «Die grosse Frage ist, wie lange die Strasse von Hormus geschlossen bleibt.» Einen Vorteil hat «einer der einflussreichsten Ökonomen der Schweiz». Wagt er eine Prognose, kann man mit grosser Sicherheit vom Gegenteil ausgehen: «Bis Ende Jahr erwarten wir keine Zinserhöhungen in der Schweiz

Aber am liebsten sind ihm watteweiche Konjunktivsätze: «der Krieg, sollte er noch länger andauern, könnte zu einer gewissen Normalisierung an den Börsen führen. Es könnte zu einer Korrektur an den Märkten kommen. Das ist nicht auszuschliessen.» Sollte, könnte, nicht auszuschliessen.

Als Vizepräsident der Swiss National COVID-19 Science Task Force stand Sturm indirekt auch für zahlreiche Annahmen über wirtschaftliche Folgen der Pandemiepolitik. Kritiker werfen der Task Force bis heute vor, wirtschaftliche Kollateralschäden, Inflationseffekte und gesellschaftliche Langzeitkosten unterschätzt zu haben.

Also wagt ZACKBUM eine Prognose: Sturm wird seiner Tradition der Fehlprognosen treu bleiben. Oder wie er es formulieren würde: könnte so sein, ist nicht auszuschliessen.

Aber das Lieblingsobjekt der «Analyse» ist natürlich der Kreml, genauer Putin. Ältere Semester erinnern sich noch an den Kreml-Astrologen Peter Kux. Im Kalten Krieg war es eine Lieblingsbeschäftigung dieser Sterndeuter, aus kleinen Anzeichen (wer steht wo auf dem Lenin-Mausoleum bei einem Festakt, wer durfte bei Beerdigungen auftreten, in welcher Reihenfolge wurden Namen in der «Prawda» erwähnt), grosse politische Verschiebungen herbeizufantasieren.

Denn im Gegensatz zu jeder US-Administration tropft aus dem Machtzentrum Kreml wirklich nichts raus. Das macht es zum idealen gegendarstellungsfreien Spekulationsraum. Da tobt sich Guido Felder aus: «Putin zittert vor der neuen Strategie der Ukraine». Assistiert wird er von der Kreml-Fachkraft Daniel Macher:

Eigentlich behauptet der «Blick»: «Sein Fokus liegt dabei auf Auslandsthemen, insbesondere auf Berichterstattungen aus den USA.» Aber Washington oder Moskau, Hauptsache Putin. Das ist er schon seiner rotumrandeten Designerbrille schuldig:

Die ist eigentlich eine Röntgenbrille, mit der er durch die dicken Mauern des Kreml sehen kann. Und dort sitzt ein zitternder Putin, der als «Verzweiflungstat» die «gefürchtete Oreschnik-Rakete» einsetzt. Dem geht Macher gnadenlos nach und auf den Grund. Ganze «sechs Entwicklungen» zählt er auf, die beweisen sollen, dass «der Kreml nervöser wirkt denn je». Kein Wunder, bei einem zitternden Präsidenten.

Welche Entwicklungen sind das? «Der Glaube an den Sieg schwindet.» Das weiss der «Chef des estnischen Auslandgeheimdiensts», der sich vielleicht Machers Brille geliehen hat. Ohne Quellenangabe bleibt diese Entwicklung: «Russland gehen Soldaten und Arbeitskräfte aus». Ebenso diese: «Der Krieg destabilisiert Russland im Inneren».

Hier hingegen verlässt sich Macher auf «Experten». Die «beobachten Spannungen innerhalb der russischen Elite». «Kreml-Analysten» hingegen «sprechen bereits von einer möglichen «inneren Spaltung»». Dann: «Wirtschaft und Alltag geraten unter Druck». Sagen das Experten oder Analysten? Nein: «Selbst kremlnahe Stimmen kritisieren inzwischen offen die Einschränkungen.»

Schliesslich: «Putin reagiert mit Kontrolle und Repression». Experten, Kreml-Analysten, kremlnahe Stimmen? Falsch:

«Genau das sehen Beobachter als Zeichen dafür, dass das System nervöser wird.»

All das sollten wir ernst nehmen, denn bekanntlich rüstet sich der Iwan für einen Angriff auf die Schweiz. ZACKBUM weisst aber, dass unsere beste Abwehr darin besteht, dass sich der Iwan totlacht, dass Putin im Kreml vor unterdrücktem Kichern zitterte, wenn er diesen Schwachsinn lesen würde.

Wieso bleibt der «Blick» nicht bei Themen, bei denen er sich auskennt? Dann kann er echte Lebenshilfe geben, denn, Hand aufs Herz, bzw. den Uterus, wussten Sie das?

Schluck.

Der Iwan kommt!

Ist sonst nichts los, warnen die «Experten» vor einem russischen Angriff.

Ein Fragezeichen in einem Artikel ist meist ein Armutszeugnis:

Um ganz auf der sicheren Seite zu sein, quetscht der «Blick» noch ein «wirklich» rein. In die Unwirklichkeit von «sonst ist heute nix los?».

Gina Grace Zurbrügg, ihres Zeichens «Redaktorin News», zitiert: ««Ich gehe davon aus, dass in diesen Tagen in Moskau ernsthaft die Option geplant wird, in Absprache mit China Nato-Staaten militärisch anzugreifen, um die Unterstützung der Ukraine zu schwächen», sagte der deutsche Politologe Joachim Krause

Das Zitat hat sie allerdings nicht mal selbst abgeholt, sondern aus «20 Minuten» abgeschrieben. Krause ist ein seit 2016 emeritierter Professor mit Drang an die Öffentlichkeit.

Und worauf hat es denn der kriegslüsterne Russe abgesehen, den die bitteren Erfahrungen in der Ukraine ja nicht klüger machen? «Als mögliche Ziele nannte er die baltischen Staaten, Polen, Schweden, Finnland sowie Deutschland.» Grossartig. Das wäre das erste Mal in der Geschichte, dass Russland Deutschland überfällt – und nicht umgekehrt.

Aber das Schreckenskabinett wird noch vergrössert: «Militärexperte Thomas Theiner warnt zudem vor der strategischen Bedeutung einzelner Orte: «Fällt Gotland in russische Hände, werden die Russen dort Antischiffsraketen und Luftabwehrsysteme stationieren – damit wäre die gesamte Ostsee für Nato-Schiffe kaum noch nutzbar.»»

Keiner zu klein, Experte zu sein. Beruflich arbeitet bzw. arbeitete Theiner hauptsächlich in der Filmindustrie als Produzent. Er  ist kein aktiver General, kein offizieller NATO-Sprecher und auch kein akademischer Militärwissenschaftler. Aber immer gut für einen verbalen Knaller.

Während also diverse europäische Staaten Pläne für den Ernstfall machen müssen und die Insel Gotland dringend militärisch aufgerüstet werden sollte, gibt es leider auch Defätisten, die abwinken: «Der Chef des estnischen Geheimdienstes, Kaupo Rosin, sieht die Lage deutlich anders. «Derzeit benötigt Russland die meisten seiner militärischen Ressourcen für den Krieg gegen die Ukraine».»

Hm, also einerseits, andererseits. Diese klare Haltung nimmt auch der Geheimdienstchef ein: «Gleichzeitig betont er, dass sich die Lage künftig verändern könne und der Westen seine Verteidigungsfähigkeit weiter stärken müsse

Bleibt noch die Frage, welche Expertin denn die Artikel-Autorin Zurbrügg ist. KI weiss über sie:

Typische Themen von ihr sind etwa:

  • virale Tiktok-Trends und Gen-Z-Phänomene,
  • Wetter- und Alltagsthemen,
  • internationale News mit boulevardesker Zuspitzung,
  • kuriose Gerichts- oder Polizeifälle.

Einige Highlights aus ihrem aktuellen Schaffen: «Täglicher Eierkonsum reduziert Alzheimer-Risiko», «Forschung entkräftet Mythen über Gewichtsschwankungen», «Herrenlose Pferdekutsche kracht in Härkingen SO in Baum» oder «Bis zu 30 Grad an Pfingsten».

Neben der russischen Gefahr sieht sie auch noch andere: «Welche Insekten für Haustiere gefährlich werden können», «Wie gehen Schweizer Airlines mit dem Hantavirus um

Man sieht, eine Allzweckwaffe, um im militärischen Jargon zu bleiben. Böse Zungen mögen hier von einer «unguided missile» sprechen, einem ungesteuerten Flugkörper.

Weiteren Qualifikationen enthält sich ZACKBUM, unter Rücksicht auf die aktuellen Zeiten von Korrektsprech und Diskriminierungsverbot.

Ach, da bliebe ja noch eine mögliche Antwort auf die einleitende Frage, ob Putin nun nach der erfolgreichen militärischen Spezialoperation in der Ukraine weitere Angriffe plane.

ZACKBUM verrät hier weltexklusiv die Antwort, obwohl wir keinesfalls Experten auf diesem Gebiet sind: 42.

Im militärischen Sachbuch «Per Anhalter durch die Galaxis» ist das schliesslich auch die Antwort auf die ultimative Frage nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest. Also muss sie doch auch hier zutreffen.

ZACKBUM hofft natürlich, dass wir nach diesem Verrat eines russischen Staatsgeheimnisses nicht selbst von einer Drohne getroffen werden.

Hier irrt Köppel

Der Vielschreiber vergaloppiert sich. Und keiner merkt’s.

Der Verleger, Besitzer, Herausgeber und Chefredaktor der «Weltwoche» hat ein neues Lieblingsthema gefunden. «Narrenschiff Europa», poltert er: «Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten entlarven die Dummheit unserer Politiker».

Da ist was dran. «Tod, Feuer und Zorn werden über sie hereinbrechen», keift Kriegsverbrecher Donald Trump gegen den Iran, fordert dessen «bedingungslose Kapitulation». Halten wir ihm zugute, dass er nicht weiss, was das ist.

Währenddessen Kriegsverbrecher Netanyahu auch den neuen Religionsführer des Iran mit dem Tod bedroht, ausser Rand und Band umliegende Staaten bombardieren lässt. Die US-Bombardierung einer Mädchenschule mit über 160 Toten im Iran, angeblich wegen veralteten Karten, macht ungefähr so viel Schlagzeilen wie der Tod eines Kindes in der Ukraine durch den Kriegsverbrecher Putin.

Dazu sagt Köppel: «Es gibt unter Staaten kein Recht.» Denn: «Recht gibt es nur dort, wo es eine rechtsdurchsetzende Instanz gibt.» Das sei auch gut so, zumindest besser, als wenn es einen «Weltpolizisten» gäbe. Das wäre «die ultimative Despotie». Das ist der kleinere Irrtum in seiner Philippika.

Ob er wohl weiss, dass er den Titel und die Metapher von Sebastian Brant entlehnt hat? Der wollte mit seiner 1494 erschienenen Satire moralische Verirrungen anprangern – und zur Umkehr mahnen.

Da niemand Trump in seiner Raffgier und ungehemmten Selbstbereicherung (oder die seines Clans) stoppen kann, bei diesem Raubzug am helllichten Tag, wie es die «Financial Times» nennt, könnte man alle Gesetze gegen Betrug, Entwendung, Korruption in die Tonne treten, wollte man Köppel Logik folgen? Welch grandioser Unsinn.

Unbestreitbar ist das blutige Unrechtsregime der Ayatollen im Iran ein Schandfleck der Menschheit. Aber erlaubt es das, jede regelbasierte Ordnung über den Haufen zu werfen? Auch grausamen und unmenschlichen Verbrechern gegenüber gibt es Regeln, sie haben Rechte. Auch für den Kindsmörder gilt die Unschuldsvermutung, bis er rechtsgültig verurteilt ist. Würden wir das durch Lynchjustiz ersetzen, wären wir nicht weiter, sondern zurück im finsteren Mittelalter, wo die Ayatollen leben.

Grausame Taten, eines Einzelnen wie eines Verbrecherregimes, provozieren den Wunsch nach grausamen Reaktionen. Auge und Auge, Zahn um Zahn. Wenn die zivilisatorische Schicht, die uns davon abhält, bröckelig wird, sollte man sie nicht ganz abkratzen, sondern schützen.

Köppel legt noch einen drauf und macht einen dreifachen Axel ins Absurde und ohne sichere Landung. Er lobhudelt mal wieder die «immerwährende, bewaffnete, umfassende Neutralität» der Schweiz, «einst umverhandelbarer Schutzschirm in stürmischer Zeit».

Dabei übersieht er in seinem Lauf, dass ja genau diese Neutralität nicht aus sich selbst besteht, sondern aufgrund eines Appells an supranationale Übereinkünfte und Regeln. Die wurden sogar – horribile dictu – von Hitler und Mussolini respektiert. Denn gäbe es, im Gegensatz zur Meinung Köppels, kein Völkerrecht, gäbe es auch keine Neutralität der Schweiz, an die er so inbrünstig appelliert.

Dass auch diese Regeln, wie im Fall Belgiens im Ersten Weltkrieg, ignoriert wurden, sind eben Ausnahmen. Diese Rechtsbrüche werden auch im Nachhinein als solche wahrgenommen und nicht als rechtskonformes oder überrechtliches Handeln schöngeschwatzt.

Was empfiehlt nun der Irrläufer der Schweiz? Die Pflege ihrer Interessen, «das bedeutet Rückkehr zur integralen Neutralität». Welch putziger, grandioser und die Lachmuskeln strapazierender Irrtum.

Die Schweiz könnte noch so laut und unterstützt durch den Tiefdenker Köppel Neutralität krähen – gäbe es keine internationalen Übereinkünfte, gemeinhin Völkerrecht genannt, würde ihr das einen alten Dreck nützen.

Trump würde nicht nur wie ein Berserker immer neue Gründe erfinden, um Zölle gegen die Schweiz zu erheben. Er würde sagen: I give a fuck for your neutrality, stellt euch gefälligst an meine Seite.

Denn der tiefste Sinn des Rechts, national wie auch international, ist der Schutz des Schwachen gegen den Starken, des Kleinen gegen den Grossen.

Dass Recht gebrochen wird, dass Recht manchmal vergeblich eingefordert wird, ist noch lange kein Grund, seine Existenz zu negieren oder zu behaupten, es existiere gar nicht.

Auch Moral ist etwas Übergesetzliches. Sie existiert ohne Weltpolizisten, müsste aber von allen vernünftigen Menschen verteidigt werden.

Dass unsrer Schutzwall, unser letzter Schutzwall gegen Willkür, Faustrecht und Barbarei unter einem Ansturm von Barbaren leidet, wäre Grund genug, zu seiner Verteidigung aufzurufen. Nicht, seine Existenz zu leugnen.

Das wäre im besten Interesse der Schweiz, die Köppel doch zu verteidigen vorgibt.

Wie viel Verlogenheit verträgt der Mensch?

Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe.

Selten war dieser Satz wahrer als heute. Da überfällt der russische Präsident Putin die Ukraine und versucht, ihre Regierung mit einem Enthauptungsschlag zu entfernen. Das Land müsse entnazifiziert werden, die Anhänger des Kriegsverbrechers und Antisemiten Stepan Bandera, der im Westen der Ukraine bis heute mit Denkmälern geehrt wird, müssten in die Schranken gewiesen werden.

Das geschah unter dem Bruch verbindlicher Zusagen, gegen die Rückgabe sowjetischer Atomwaffen, die in der Ukraine stationiert waren, die territoriale Integrität des Landes zu garantieren. Die auf einige Tage geplante militärische Spezialoperation geht ins fünfte Kriegsjahr, ausser vielen Toten und etwas Geländegewinn hat Putin nichts erreicht.

Durch ganze acht Staaten, wenn man die EU als Ganzes nimmt, wurden Sanktionen verhängt, von den übrigen 187 nicht. Insgesamt wurden bislang rund 400 Milliarden Euro als Unterstützung an die Ukraine bezahlt. In westeuropäischen und angelsächsischen Medien wird Russland regelmässig als Staat bezeichnet, der Kriegsverbrechen begeht und sich zum Paria in internationalen Beziehungen gemacht hat.

Israel hat den Gazastreifen in eine Trümmerlandschaft verwandelt, mindestens 70’000 Menschen (zum grössten Teil Zivilisten) dabei umgebracht, unzählige Kriegsverbrechen begangen und als besonders widerliches Detail gezielt Journalisten getötet und untersagt bis heute jegliche unabhängige Berichterstattung aus dem Gazastreifen.

Israel verübt völkerrechtswidrige Bombardements in Jordanien, Syrien und im Libanon.

Die USA und Israel haben gezielt militärische und zivile Führungskräfte von Ländern liquidiert, die ihnen feindlich gesinnt sind.

Am 28. Februar, während noch Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA liefen, haben Israel und die USA ohne vorherige Kriegserklärung den Iran angegriffen. Mit Enthauptungsschlägen ist es ihnen gelungen, den obersten Führer und einige Mitglieder der obersten Landesführung zu töten. Offenbar gab es dabei auch Kollateralschaden wie die Bombardierung einer Mädchenschule, bei der nach iranischen Angaben über 100 Menschen getötet wurden.

Gegen Kuba haben die USA ein totales Ölembargo verhängt, unterbinden jegliche Lieferung auf die Insel und üben massiven Druck auf alle Länder wie Mexiko aus, die anfänglich erklärten, als souveräner Staat weiterhin diesen Rohstoff nach Kuba liefern zu wollen. Dadurch versinkt die letzte Insel des real existierenden Sozialismus im Chaos, brechen immer mehr grundlegende Dienstleistungen zusammen, zeichnet sich eine Hungersnot ab.

Wenn man die Berichterstattung alleine schon in deutschsprachigen Medien über all diese Ereignisse Revue passieren lässt und die Beurteilung der Invasion Russlands und der Invasionen der USA und Israels miteinander vergleicht, muss man, ohne für irgend eine Seite Partei zu ergreifen, eine unglaubliche Verlogenheit, Verluderung aller journalistischen Sitten und Gebräuche feststellen.

Auf der einen Seite scharfe Kritik, auf der anderen Seite Verständnis und Erklärungen. Alles, was Russland als Verteidigung seiner Handlungen anführt, wird in der Luft zerrissen. Alles, was Israel und die USA als Begründungen anführen, wird wohlwollend berichtet.

Gelegentliche, verschämte Hinweise darauf, dass es sich hier ebenfalls um den ständigen Bruch des Völkerrechts und um eine Abfolge von Kriegsverbrechen handelt, werden damit wegerklärt, dass im Kampf gegen das Böse doch eigentlich alles erlaubt sei.

Obwohl der Irak (oder Afghanistan) ein abschreckendes Beispiel ist, was mit einem Land passiert, das von den USA von seinem Diktator «befreit» wird, wird gegenüber dem Iran wieder behauptet, dass dieser Krieg doch eine gute Chance böte, die Schreckensherrschaft der Mullahs zu beenden und den Iran in eine demokratisch-freiheitliche Zukunft zu führen.

In den entsprechenden Echokammern und Gesinnungsblasen erzählen verantwortungslose Journalisten ihrem indoktrinierten Publikum diesen Unsinn und kritisieren gleichzeitig, wie die gelenkten Staatsmedien in Russland und anderswo die Wirklichkeit verzerrten.

Wie viel Verlogenheit verträgt der Mensch? Offensichtlich beliebig grosse Portionen.

Langer Weg zum Artikelende

Roger Köppel bewirbt sich bei der «Republik».

Zugegeben, das ist eine Fake News. Aber als Interpretation zulässig. Denn es zeigt sich wieder einmal, was passiert, wenn es auf einer Redaktion keine Checks and Balances gibt.

Es kommt einem vor, als habe der Chefredaktor, Verleger, Herausgeber, Besitzer und eigen- sowie allmächtige Vielschreiber und Vielredner Köppel alle 84 Seiten der «Weltwoche» alleine gefüllt. Dabei sind es «nur» sieben plus eine Seite Wort zum Donnerstag, plus eine Spalte «Übernimmt Schweiz neue EU-Sanktionen

Das Hauptstück «Langer Weg zum Frieden» dauert mehr als 34’000 A lang. Zu lang. Dabei rezykliert Köppel seinen Artikel «Langer Weg zum Frieden» vom 20. Februar in der neusten Ausgabe der WeWo. Damals brauchte er «nur» knapp 20’000 A, um sich von einem Tolstoi-Zitat («schrieb in «Krieg und Frieden» …», kleiner hat’s Köppel nicht) bis zum Schluss zu mäandern.

Vielleicht kopierte er den Titel auch vom «Meininger Tagblatt», denn das schrieb am 19. Februar vom «langen Weg zum Frieden». Da brauchte es nur 1445 A, um die Story zu erzählen.

Aber Köppel ist offenbar der Ansicht, dass die 20’000 A nur ein Warmlaufen war, um mit einer seiner Lieblingsmarotten den Leser in den Tiefschlaf zu wiegen: «Die Rückkehr zu sachlichen Beziehungen mit Moskau bleibt Pflicht.» Für wen und warum?

Nun, auf jeden Fall hülfe da eine regelmässige Lektüre der «Weltwoche», meint überraschungsfrei ihr Machthaber: «Darum ist es so wichtig, dass Zeitungen wie die Weltwoche nicht einfach nur nachbeten und andächtig beklatschen, was unsere Regierungen verlautbaren.»

Wenn er allerdings von der WeWo spricht, meint er natürlich sich selbst: «Meine Einschätzungen beruhen auf Lektüre und Gesprächen, mehreren Besuchen in Russland und in der Ukraine über mehrere Jahrzehnte.» Also DIE Koryphäe für eigentlich alles, was mit Russland und der Ukraine zu tun hat.

Kleine Zwischenfälle wie ein lobhudelndes Porträt über Putin, seine Darstellung als «Der Missverstandene», dem man doch absurderweise zutraue, die Ukraine zu überfallen. Je nun, auch Koryphäen können sich mal irren. Das hatte die andere Koryphäe Thomas Fasbender verbrochen. Die Story erschien just an dem Tag, als Putin mit der kurzen militärischen Spezialoperation begann. Künstlerpech wie bei «la crise n’existe pas».

Damals jubelte die WeWo über «UBS und CS wieder auf dem Vormarsch», als die UBS genau am Erscheinungstag um Staatshilfe winselte.

Aber gut, zurück zum Eigenlob eines Chefs, bei dem sich niemand traut, ihm zu sagen: lass mal gut sein, in der Kürze liegt die Würze. Aber hallo, wenn Köppel nun mit dem grossen Pinsel auf der Leinwand der Weltbühne den Werdegang Putins nachmalt, dann kennt er kein Halten.

Nato-Osterweiterung, George Kennan, George W. Bush, «uraltes Schlachtfeld der Imperien», «in den historischen Zwischenschichten abgelagerte Sprengkörper», «bedrohlich brodelte das Giftgebräu voll übelriechender Substanzen», unermüdlich stapelt Köppel eine hochglanzpolierte Worthülse auf die andere. Maidan, Krim, «Gaunerwort «Zeitenwende»», auch wieder mit Tolstoi-Zitat, ein unverschämtes Adjektiv «… ist der Überfall vermutlich ein Bruch des Völkerrechts». Vermutlich, echt jetzt?

Dann der rhetorische Schlenker, den man ruhig als die Köppel-Pirouette labeln darf Zuerst der Absprung: «Natürlich hat kein Staat Anrecht auf eine Sicherheits- und Einflusszone in seiner Nachbarschaft.» Dann die Drehung und die Landung: «Doch die Russen sind beileibe nicht die erste und einzige Grossmacht, die auf ein Vordringen anderer Grossmächte in ihr Revier allergisch reagiert

Fritzli, der mit den Fingern in der verbotenen Keksdose erwischt wird, reumütig sein Fehlverhalten einräumt, aber zu bedenken gibt, dass Hansli das doch auch täte, also sei es dann schon nicht so schlimm. Womit Fritzl wenigstens seine Eltern zum Schmunzeln bringt. Aber als ernsthaftes Argument bei einem ernsten Thema?

Als Vergleich zerrt Köppel die Kuba-Krise aus der Mottenkiste der Geschichte. Bei der Stationierung sowjetischer Atomraketen sind die USA bekanntlich damals  in der Insel einmarschiert und haben Castro und seine Mannen in einem jahrelangen Krieg niederzuringen versucht. Oder so.

Und noch ein Beispiel für eine solche Köppel-Pirouette: «Putins Angriff war keine «full scale»-Invasion, wie die Briten schreiben. Er liess nur 190 000 Soldaten einmarschieren. Als die Wehrmacht Polen überfiel, betrug die Truppenstärke 1,5 Millionen.» Na dann …

Wer es schafft, bis zum bitteren Ende durchzuhalten, wird nicht belohnt, sondern bestraft. Mit Banalitäten wie

«Kriege sind schlimm. Das ist nichts Neues.»

Oder: «Europa, die Welt kann sich keinen Krieg mit Russland leisten.»

Köppel in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Wäre aber für die Welt besser, wenn er nicht jede Woche ihr kurz oder länglich den Tarif durchgäbe.

Diesen Sprachdurchfall könnte man ohne Imodium auf einen Satz eindicken: Putin ist gar nicht so schlimm, man sollte halt mit ihm reden.

Wer stoppt Häsler?

Die Überkriegsgurgel hyperventiliert wieder in der NZZ.

 

Der Oberst der Schweizer Armee erscheint auch schon mal im Kämpfer zu Pressekonferenzen. Auf LinkedIn präsentiert sich Georg Häsler so:

Ob er den schwarzen Helikopter fliegt oder Schiss davor hat, von einem solchen entführt zu werden? Andere murmeln «the end ist near» und warnen vor dem bevorstehenden Armageddon. Häsler warnt unermüdlich vor dem Iwan. Und vor der gelben Gefahr. Fordert kriegerische Manneskraft im verweichlichten und schwächlichen Europa.

Sieht er nicht gerade einen Atomkrieg am Horizont, beobachtet er mit zu Sehschlitzen verkniffenen Augen den Fürsten der Finsternis im Kreml. Der ist nämlich kriegslüstern wie nie. Das sähe auch das westliche Verteidigungsbündnis so: «Die Nato geht davon aus, dass ab 2028 die Wahrscheinlichkeit einer direkten Konfrontation mit dem Kreml steigt

Aber Häsler weiss mehr: «Die rhetorische Offensive des Kremls hat sich in den letzten Wochen allerdings verschärft.» Was folgt nach einer rhetorischen Offensive? Bei Häsler nichts, beim Moskauer Potentaten der Einsatz des Militärs.

Und was passiert im Westen? Da lässt man die Fünfte Kolonne Moskaus, die Diversanten hüben und drüben ungeniert ihr defätistisches Werk verrichten und aufrechte Warner wie Häsler ins Eck stellen:

«Wer vor dem Krieg warnt, ist ein «Kriegstreiber». Wer die Ukraine unterstützt, «greift Russland an». Wer die demokratischen Gepflogenheiten schützen will, der «behindert die freie Rede». Diese Formeln der russischen Propaganda in den sozialen Netzwerken spielen stets mit einer Umdeutung der Realität.
Die kognitive Kriegsführung Russlands setzt dort an, wo die europäische Argumentation schwächelt, sie missbraucht das kritische Denken der Bürgerinnen und Bürger der liberalen Demokratien – und benutzt die gesunde Skepsis gegenüber dem Staat als Einfallstor zur Unterwanderung der Institutionen.»

«Kognitive Kriegsführung», das ist Krieg ohne Waffen, Krieg in der Fantasie, Krieg als Alptraum eines hilflosen Warners. Denn sieht denn ausser ihm niemand, was der Iwan, der Russe, der Untermensch aus dem finsteren Osten, in Wirklichkeit tut? Häsler weiss: «Nach einer Phase einlullender Friedensbotschaften aus Moskau folgen nun wieder offene Drohungen gegen Staaten, die sich dem neuen Geist von Machtpolitik und Einflusssphären entgegenstellen.»

Schlimm: «Ein Zielgebiet der russischen …» Raketen, Minenwerfer, Panzer? Nein, bloss «Giftpfeile sind die Niederlande». Finster geschickt, wie der Russe halt ist, droht er nicht etwa mit Angriff, im Gegenteil: ««Konfrontation, Konfliktrausch und unverantwortliche Kriegstreiberei scheinen die Eckpfeiler der niederländischen Politik gegenüber Moskau zu sein», kommentierte die russische Botschaft Anfang Februar in Den Haag auf der Plattform X in passiv aggressivem Ton: «Wir nehmen das so zur Kenntnis.»»

Passiv aggressiv und hinterlistig wird hier das mögliche Opfer zum angeblichen Täter umgebogen: «Einige Länder der EU würden «die Vorbereitungen für einen grossangelegten Konflikt mit Russland faktisch vorantreiben»», behauptet dieser russische Botschafter.

Geradezu poetisch wird Häsler dann bei der Einführung des Oberschurken: «Den Generalbass dieser vielstimmigen Propagandaoffensive hat – wie immer – Präsident Wladimir Putin angelegt: «Wir haben nicht die Absicht, Krieg gegen Europa zu führen, aber wenn Europa dies will und damit beginnt, sind wir ab sofort bereit», sagte er am 2. Dezember in Moskau vor Journalisten.»

Angelegt? Zu seinem grossen Bedauern kann Häsler allerdings noch keine militärischen Kampfhandlungen beklagen oder beschreiben. Aber sein kriegerisches Vokabular lässt er dennoch aufmarschieren: «Seit Anfang Jahr verschärft sich die russische Offensive im sogenannten Informationsraum – dem militärischen Operationsfeld zur Beeinflussung der Öffentlichkeit

«Offensive im Informationsraum … Einschüchterungsversuche … Oreschnik-Überschallrakete … Russland kann auch den Westen Europas treffen … hybride Kriegsführung … Sabotageakte ...». Eigentlich sind wir bereits im Krieg, eigentlich werden wir bereits von Russland angegriffen. Zumindest in der Alptraumwelt von Häsler.

Denn man weiss ja eins: «Je mehr der Kreml mit dieser Methode erreicht, desto dreister wird er sie anwenden.» So schaut’s aus: «Europa muss sich selber wehren – oder gerät unter russischen Einfluss.»

Ukraine, Naher Osten, Pazifik, der Geostratege Häsler sieht überall dräuende Gefahren und schaufelt mit der grossen Schippe in seinem militärischen Sandkasten.

Wie stoppt man nun die Kriegsgurgel im Kreml, fragt sich (und den Leser) die Kriegsgurgel Häsler. Eigentlich wäre es einfach: Europa muss eine ««Abschreckungslücke» verhindern». Lücke, komm heraus und ergib dich, du bist umzingelt. Allerdings: «Doch das funktioniert nur, wenn Europa zusammen steht, gemeinsam erstarkt – und sich nicht spalten lässt: weder vom Trump noch von Putin.»

Oh je. Am Schluss seines 16100 A umfassenden Lamentos (man kann den Gegner vielleicht auch zu Tode quatschen) lediglich dieser fromme Wunsch, der kaum in Erfüllung gehen dürfte. Genauso wenig wie die absurden Kriegsängste des Oberst, der wirklich ernsthaft glaubt, dass Putin so verrückt wäre, einen Atomkrieg zu riskieren.

Vielleicht könnte Häsler statt in den Sandkasten mal einen Ausflug in die Geschichte machen. Russland wurde von Polen-Litauen, Schweden, Napoleon und zweimal von Deutschland überfallen, dazu mischten sich die Westmächte blutig in den Bürgerkrieg nach der Russischen Revolution ein. Russland hingegen hat Westeuropa niemals angegriffen.

Und der Versuch, die im Zweiten Weltkrieg vom Hitlerfaschismus befreiten Länder ins eigene politische System einzugemeinden, scheiterte 1990 kläglich.

Kleine Denksportaufgabe, die selbst ein Oberst bewältigen könnte: welche Eintrittswahrscheinlichkeit ist höher? Dass der Westen Russland überfällt – oder umgekehrt?