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Watschelnde Ente im «Blick»

Wird Putin gestürzt? «Insider» packen aus. Und ein.

Kreml-Kenner, Geheimplan, Enthüllung, Sturz. Im Zentralorgan der Kreml-Astrologen wird ganz exklusiv ganz Brisantes enthüllt. Dem wechselweise kranken, verrückten, wahnsinnigen Verbrecher im Kreml soll es an den Kragen gehen. Auf der Homepage steht noch die Frageform, der Artikel selbst ist dann im Indikativ überschrieben: «Vertraute wollen Putin stürzen».

Solche Pläne schmiedet man, das ist ja bekannt, am besten halböffentlich. Das steigert die Erfolgsaussichten ungemein. Denn sofort sickern die zu Insidern durch, und von denen holt sich dann der «Blick» die heissen News. Da wäre mal «der gut informierte Kreml-Kenner Igor Sushko». In seinem anderen Leben ist er das:

Nämlich ein ukrainischer Unternehmer und Autorennfahrer. Also eine unparteiische, kompetente und gut informierte Quelle für Interna aus dem Kreml. Bislang war ja nur bekannt, dass Wladimir Putin gerne mit nacktem Oberkörper auf einem Pferd sitzt. Aber vielleicht frönt er auch so dem Motorrennsport.

Auf jeden Fall hat dieser «gut informierte Kreml-Kenner» etwas getwittert. Nämlich «Wissen des Menschenrechtlers Wladimir Osechkin. Der Aktivist gilt als sehr gut informiert und lebt aus Furcht vor dem Putin-Regime seit Jahren im Exil». Dort betreibt Osechkin eine regimekritische Webseite. Die strotzt nun auch nicht gerade von sehr gut informierten Exklusiv-Informationen.

Auf jeden Fall plaudert der «Blick» aus: «An der Spitze der Putsch-Bewegung finden sich laut Osechkin zwei Hardliner.» Nicht verwunderlich: «Mit an der Spitze der Putsch-Bewegung soll ausserdem kein Geringerer als Tschetschenen-Anführer Ramsan Kadyrow (45) sein. Der Machthaber wird auch als «tschetschenischer Bluthund» bezeichnet und gilt als äusserst skrupellos.» Und eigentlich als treuester Anhänger Putins, aber man weiss ja nie.

Dann geht die Räuberpistole weiter. Ein inszeniertes Attentat auf Putin, damit sollte ein Keil zwischen den Präsidenten und seinen Unterstützern geschoben werden. Nämlich zum Beispiel der Oligarch Oleg Deripaska. Beweis: «Zudem habe Deripaska nicht geklatscht, als Putin die Bühne betreten habe. Gemäss Kreml-Insider Osechkin hatte das einen einfachen Grund. Der Oligarch nahm gegen seinen Willen an dem Treffen teil. Er sei von Geheimdienstmitarbeitern zum Forum gebracht worden.»

Ein Oligarch klatscht nicht, ein Attentat sei fingiert worden, zwei einem Exil-Russen namentlich bekannte «Hardliner» betreiben den Sturz Putins, ohne dass der bislang etwas dagegen unternimmt.

Vor langer Zeit gab es mal die TV-Sendung «Es darf gelacht werden». Sie ist schriftlich wieder auferstanden.

Nicht vergessen …

Was interessiert mich mein dummes Gequatsche von gestern.

Es gibt verschiedene Autoren dieses schönen Satzes, man kann unter anderen zwischen Konrad Adenauer oder Lenin wählen.

Diesem Prinzip haben sich auch viele meinungsstarke Kommentatoren in den Mainstream-Medien verschrieben. ZACKBUM erinnert daran, was von diesen Kriegsgurgeln schon alles gefordert wurde:

• Flugverbotzone über der Ukraine, durchgesetzt von der NATO

• Eingreifen von NATO-Truppen an der Grenze zu oder gar in der Ukraine

• Gratis-Lieferung von Waffen aller Art, inklusive Offensivwaffen wie Raketen

• Kampf bis zur militärischen Niederlage Russlands

• Schwächung Russlands, dass es zukünftig nicht einmal zu lokalen Kriegen in der Lage sein sollte

• kein Einknicken vor der Drohung, dass Russland Atomwaffen einsetzen könnte

• schärfste Sanktionen ohne Rücksicht auf Schäden an den Volkswirtschaften Europas

• Ächtung und Boykott von allem, was mit Russland zu tun hat. Musik, Literatur, Malerei, Künstler. Längst verstorbene Künstler oder zeitgenössische

• Betonung der verschiedenartigen, barbarischen, inhumanen Mentalität der Russen

• Vollständiger Rückzug und Rückgabe der Krim als Voraussetzung für Verhandlungen

• Bedingungslose Unterstützung des ukrainischen Präsidenten und seiner Oligarchen

• Enteignung reicher Russen auf Verdacht, Verwendung ihrer Vermögen als Wiedergutmachung für die Ukraine

• Schädigung der russischen Volkswirtschaft, Schwächung der Währung und Beschlagnahme von Guthaben der russischen Notenbank im Westen

• Erstellen von Sanktionslisten inklusive Einreiseverbote, ein russischer Nachnahme und die Erwähnung in einer Reichen-Liste genügt

• Strafen für russische Kriegsverbrecher, Präsident Putin sollte vor ein internationales Gericht gestellt werden

• Ächtung aller Medien und Meldungen, die nicht dem Narrativ des Mainstreams entsprechen

• Zensur von prorussischen Medienplattformen

• Putin muss als Verursacher einer weltweit drohenden Hungersnot gebrandmarkt werden

• Verunglimpfung aller abweichenden Meinungen; 300’000 Unterzeichner eines offenen Briefs an den deutschen Bundeskanzler sind Putin-Versteher und Weicheier

• Durchsetzung der Ansicht, dass es sich nicht um einen lokal begrenzten Krieg handle, sondern um einen Kampf zwischen Gut und Böse, Freiheit und Diktatur, moralische Werte und Unmenschentum.

Die Liste ist keineswegs vollständig. Während sich viele Kommentatoren (wir werden dann mal Namen nennen) in der Schweiz und auch in Deutschland mit Forderungen überbieten, möglichst massiv und lange den Krieg fortzuführen, nur einen Sieg der Ukraine als mögliches Ende akzeptieren wollen, werden Stimmen, die eine Verhandlungslösung als einzig sinnvolle Alternative zum Leiden der Zivilbevölkerung und der Zerstörung der Infrastruktur der Ukraine sehen, abgekanzelt.

Und nun das:

«Frieden ist möglich. Die Frage ist nur: Welchen Preis sind (die Ukrainer) bereit, für den Frieden zu zahlen? Wie viel Territorium, wie viel Unabhängigkeit, wie viel Souveränität sind sie bereit, für den Frieden zu opfern?»

Welcher verpeilte Putin-Versteher, welcher Defätist, welcher Kompromissler, welches Weichei säuselt denn so etwas? Wer ist da auf die russische Propaganda hereingefallen, hat gar eine Gehirnwäsche hinter sich?

Es ist besorgniserregend, denn der Autor dieses Zitats ist – Jens Stoltenberg. Das ist immerhin der NATO-Generalsekretär und damit der oberste politische Verantwortliche für das westliche Militärbündnis.

Seine Befugnisse und Aufgaben sind zentral:

«Der Generalsekretär ist der höchste internationale Beamte der Allianz. Er ist verantwortlich für die Steuerung der Beratungen und die Entscheidungsfindung in der Allianz und stellt sicher, dass getroffene Entscheidungen auch umgesetzt werden. Der Generalsekretär vertritt die NATO auch in der Öffentlichkeit und leitet den Internationalen Stab der Organisation, der den nationalen Vertretungen im NATO-Hauptquartier Beratung, Orientierung und administrative Unterstützung bietet.»

Wenn also dieser Generalsekretär völlig richtig zur Einsicht kommt, dass selbstverständlich nur durch Verhandlungen das Elend und Leiden in der Ukraine beendet werden kann, wie steht es dann um die Forderungen aller Kriegsgurgeln, inklusive des Präsidenten der Ukraine, dass nur ein vollständiger Rückzug der russischen Truppen die Voraussetzung für Verhandlungen schaffe?

Dass niemals auch nur ein Quadratmeter der Ukraine weiterhin von Russland okkupiert bleiben dürfe? Dass es keinerlei Konzessionen auf diesem Gebiet gebe? Dass die Ukraine siegen müsse?

Wieso wird in den Massenmedien die Illusion befeuert, dass eine Kriegspartei ihre Maximalforderungen durchsetzen werde, die andere den schmählichen Rückzug anzutreten habe, und dass nur dieses Ergebnis ein Ende des Gemetzels bewirke?

Nicht einmal mehr Präsident Putin selbst behauptet noch seine ursprünglichen Kriegsziele. Absetzung der angeblich faschistischen ukrainischen Regierung, Eroberung der Hauptstadt in einem Enthauptungsschlag, anschliessend Säuberung der ganzen Ukraine von faschistischen Elementen. Obwohl er häufig als von der Realität abgekoppelter Wahnsinniger beschrieben wird, ist es ihm offensichtlich klar, dass allerhöchstens die Krim, die Neutralität der Ukraine für einige Zeit und die vorläufige Besetzung des Donbass ein realistisches Verhandlungsziel sein kann.

Dagegen sind die meisten westlichen Kommentatoren von der Realität ziemlich abgekoppelt.

Blick in die Zukunft

«Die Ukraine muss siegen.» Und wie wird’s wirklich?

Beim Blick in die Zukunft herrscht weitgehend Einfallslosigkeit. Geboren aus Schwarzweissdenken kann man sich Prognosen nur in Schwarzweiss vorstellen. Dadurch wird das Zerrbild der Gegenwart in die Zukunft extrapoliert.

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Da aber ein militärischer Sieg der Ukraine doch allgemein als unwahrscheinlich gilt, wird halt gerudert. Der Heldenpräsident Selenskij wird unbedingt mit allen nötigen Waffen versorgt, um den russischen Invasoren möglichst schmerzlich Widerstand leisten zu können – und sie zu guter Letzt aus dem Land zu werfen.

Das führt zwar zu bedauerlichen Kollateralschäden in der ukrainischen Bevölkerung und Infrastruktur, zu unermesslichem Leid und Zerstörung, aber die Alternative wäre nur, wie das ein Historiker in unnachahmlicher Dummheit behauptet, dem Präsidenten zu raten, er solle aufgeben.

Und das wiederum würde den Appetit des wahnsinnigen Verbrechers im Kreml stimulieren, der sich anschliessend noch Transnistrien, vielleicht Moldau, warum nicht Polen unter den Nagel reissen will. Deshalb muss der zur lokalen Militärmacht abgerüstet werden, was dadurch gelingt, dass möglichst viel von seinem Kriegsgerät vernichtet wird.

Das zukünftige Ziel muss unbedingt sein, dass die territoriale Integrität der Ukraine erhalten bleibt und sich Russland völlig zurückzieht, auch von der Krim. Anschliessend wird die Ukraine in die EU und die NATO eintreten, womit weitere Überfälle durch Russland ausgeschlossen sind.

Weiter im rosaroten Bild

Als Zeichen der europäischen Solidarität werden nicht nur Waffenlieferungen getätigt und geschenkt, es werden auch bedingungslos ukrainische Flüchtlinge aufgenommen. Die Schweiz sollte angesichts besonderer Umstände nicht so zickig auf ihrer Neutralität bestehen. Immerhin hat sie sich allen Sanktionen angeschlossen und nimmt auch freiwillig wohl bis zu 200’000 Flüchtlinge mit dem Sonderstatus S auf.

Die werden von der Schweizer Bevölkerung begeistert empfangen, wie nie zuvor zu Hause aufgenommen und fast als Familienmitglieder akzeptiert. Schliesslich handelt es sich um Miteuropäer, hochqualifiziert und überwiegend weiblich, meistens von einer kleineren oder grösseren Kinderschar begleitet. Dem entsprechenden Ansturm muss natürlich das Schul- sowie das Sozialsystem der Schweiz gewachsen sein. Ein Unmensch, der da von Kosten und Sekundärfolgen in der reichen Schweiz spricht.

Sobald der Endsieg über Russland errungen ist, werden grössere Teile der Flüchtlinge wieder in die Ukraine zurückströmen, so wie das ja auch bei den Ungarn und den Tschechen der Fall war. Der Wiederaufbau des Landes wird zu grossen Stücken durch beschlagnahmte Vermögenswerte reicher Russen im Ausland finanziert, zudem muss sich natürlich Russland daran beteiligen.

Als Gegenleistung hat die Ukraine schon versprochen, dass sie dann die letzten Reste von Korruption, Oligarchenherrschaft, pseudodemokratischen Veranstaltungen, willkürlicher Machtausübung beseitigen wird. Selbst Präsident Selinksij wird mit gutem Beispiel vorangehen und seine Millionenbesitztümer im Ausland offenlegen, vielleicht sogar verkaufen, um das Geld dann zu spenden.

Das ist der märchenhafte Ausblick des Mainstreams. Die Wunschvorstellung aller kalten Krieger und Kriegsgurgeln, die dafür grosse Teile der aktuellen Wirklichkeit einfach ausblenden.

Zurück in die realistische Zukunft

Denn das alles wird natürlich nicht passieren. Ein realistisches Zukunftsbild sieht so aus: als ersten Schritt wird es einen Waffenstillstand geben. Umso schneller, desto besser für die Zivilbevölkerung der Ukraine. Danach werden Verhandlungen beginnen, ohne Vorbedingungen. Wie vom Altmeister der amoralischen Realpolitik Henry Kissinger – und nicht nur von ihm – bereits skizziert, werden diese Verhandlungen damit enden, dass die Krim und die beiden Donbass-Provinzen russisch bleiben, sowie ein Landzugang zur Krim. Die Ukraine wird zumindest auf absehbare Zeit nicht in die NATO eintreten und höchstens den normalen, zeitraubenden Weg in die EU einschlagen.

Da Russland mehrfach wortbrüchig geworden ist, was seine Versprechen betrifft, die Grenzen der Ukraine anzuerkennen und zu respektieren, wird die territoriale Integrität der Ukraine von der NATO garantiert werden. Diese Kröte muss Putin schlucken, der sich ohne Not in eine Position manövriert hat, in der er nur verlieren kann. Die Frage ist nur, wo die Schwelle zum für ihn erträglichen Verlieren liegt.

Die anfängliche Begeisterung über und die Solidarität mit ukrainischen Flüchtlingen wird – wie bei früheren Flüchtlingswellen mit Willkommenskultur und allem – schnell nachlassen. Beispiele von Missbrauch, von Ausnützen, von Betrug, von Unwilligkeit, sich zu integrieren und auch bescheidene Angebote zu akzeptieren, werden zunächst als fremdenfeindliche SVP-Propaganda denunziert, sickern aber zunehmend in die öffentliche Meinungsbildung ein. Wie meist hat hier «Inside Paradeplatz» ein feines Näschen für die Vorboten zukünftiger Entwicklungen.

Die Belastungen der Schweizer Solzialsysteme werden diskutiert, die Bevorteilung von Flüchtlingen gegenüber notleidenden Schweizern kritisiert. Absurde Forderungen wie die, dass in der Schweiz Sondersteuern für sogenannte Kriegsgewinner erhoben werden sollen, deren Ertrag dann der Ukraine zugute kommen muss, fachen die kritische Debatte zusätzlich an.

Eine Wende wird sich immer deutlicher abzeichnen

Viele Familien, die gutgläubig Plätze angeboten haben, werden sich immer lautstärker darüber beschweren, dass sie versprochene Unterstützung nicht erhalten und stattdessen im Stacheldraht von Behörden und Bürokratie verröcheln, bzw. selbst in gröbere finanzielle Probleme geraten.

Die Meinungsträger, die von jeglichem Nachgeben abraten und die ewigen schiefen Vergleiche mit dem Appeasement gegenüber Hitler ziehen, werden zunehmend verstummen. Insbesondere, da Russland, in die Ecke gedrängt, immer unverhohlener mit dem Einsatz von zumindest taktischen Atomwaffen droht. Und immer deutlicher macht, dass es die Ausrüstung der ukrainischen Streitkräfte mit westlichem Militärgerät als Annäherung an eine direkte Intervention der NATO in der Ukraine empfindet.

Immerhin sind die Dummschwätzer verstummt, die noch vor Kurzem die Errichtung einer Flugverbotszone über der Ukraine, garantiert durch die NATO, oder gar ein direktes militärisches Eingriffen des Bündnisses forderten.

Es gibt die Zukunftsprognose, die auf der fantasievollen Weltsicht beruht: wenn Wünsche wahr werden. Es gibt die Zukunftsprognose, die sich nach einer heilen, gerechten, moralisch intakten Weltvorstellung ausrichtet. Es gibt die Zukunftsprognose, die in typisch eurozentristischer Selbstfixierung davon ausgeht, dass die ganze Welt nicht nur den Einmarsch verurteilt, sondern auch bei wirtschaftlichen oder politischen Sanktionen gegen Russland dabei sei. Dabei stehen hier den europäischen Staaten plus USA, Japan, Australien und Neuseeland die überwältigende Mehrheit von über 150 Nationen gegenüber, die sich in keiner Form an Sanktionen beteiligen. Darunter Schwergewichte wie China und Indien.

Medien machen immer wieder die gleichen Fehler

Auch das Denunzieren von realistischen Zukunftsprognosen als zu nachgiebig, feige, gar als Ausdruck der Übernahme russischer Positionen, als Einladung für den Kreml, weitere Eroberungszüge zu riskieren, ist unnütz. Damit werden zwar weiterhin die Mainstreammedien bespielt, aber die machen den gleichen Fehler wie in ihrer Berichterstattung über die Pandemie.

Eine zu einseitige, zu meinungsstarke, zu wenig faktenbasierte, ausgewogene und umfassende Berichterstattung stösst den Konsumenten ab. Muss er dafür noch bezahlen, fragt er sich zunehmend, welchen Gegenwert er in Form von Einheitsbrei, ewig gleichen Kommentaren, markigen Kriegsrufen und unablässigen Verurteilungen Russlands bekommt.

Wie bei der Pandemie übergehen die Mainstreammedien gefloppte Prognosen kleinlaut. Die russische Wirtschaft wird demnächst zusammenbrechen. Der Rubel wird ins Bodenlose fallen. Russland wird schwerste Verluste mit seinen Rohstoffexporten erleiden. Die russische Bevölkerung wird in zunehmendem Leidensdruck beginnen, massiv gegen ihre Regierung zu protestieren. Der Veretdigungsminister ist abgetaucht, vielleicht schon abgesetzt, oder im Straflager. Oder liquidiert. Putin ist nicht nur wahnsinnig, sondern auch krank. Geschwächt. Innerhalb des Kremls wird bereits über seine Nachfolge nachgedacht. Nur ein ausgeklügeltes Sicherheitsdispositiv hat bislang verhindert, dass ein erfolgreiches Attentat verübt wurde.

Früher gab es die journalistische Berufsgattung des Kremlastrologen. Das waren die Kenner und Spezialisten, die aus kleinsten Anzeichen (wer steht wo bei Paraden, hustet der Generalsekretär, wieso wurde das Politbüromitglied schon seit zwei Wochen nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen) die ganz grossen Linien zogen. Nur war damals der Ruf der Medien noch viel weniger als heute ramponiert.

Neben Putin steht nun allerdings schon der zweite Verlierer eindeutig fest. Wieder einmal die sogenannten Qualitäts- und Bezahltitel, die für gutes Geld schlechte Ware liefern.

 

 

Wenn der Teutone tobt

Stefan Cornelius ist ein intransparenter Netzwerker.

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Natürlich bildet sich der Ressortleiter Politik der «Süddeutschen Zeitung» seine Meinung völlig unabhängig. Unabhängig davon, dass er Mitglied bei der «Atlantik Brücke» ist. Der «Deutschen Gesellschaft für ausländische Politik». Der «Bundesakademie für Sicherheitspolitik». Die Satiresendung «Die Anstalt» machte sich mal über seine vernetzte Unabhängigkeit lustig.

Das sind alles innerdeutsche Angelegenheiten. Oder wären es, wenn es Tamedia nicht belieben würde, seinen Lesern grosse Portionen Deutsches aus Deutschland zu servieren. So auch den Kommentar «Putins perfides Spiel». Ein schlecht abgehangenes Stück perfider Polemik. Dümmlicher Demagogie. Kriegshetze im knarrenden Kasernenhofton.

Müsterchen:

«Mit einer Zeitlupen-Strategie der Zerstörung beisst sich die russische Armee im Donbass fest, hinterlässt ausgebrannte Häuserhüllen und blutgefüllte Granattrichter.»

Zu dieser Art Demagogie gehört die Überhöhung des Widersachers als besonders durchtrieben: «Wladimir Putin ist seinen Widersachern immer einen Schritt voraus. Die Fantasie des Kremlpotentaten bewegt sich näher am Unvorstellbaren, der Eskalationswille ist stets höher, die Leidensbereitschaft und die Fähigkeit zur Zumutung erscheinen grenzenlos.»

Dass Putin ein Versager ist, der bislang kein einziges Kriegsziel erreicht hat, dafür die Beziehungen Russlands zum Westen um Jahrzehnte zurückwirft, Finnland und Schweden zum NATO-Beitritt motiviert, nicht nur dem Image, sondern auch der russischen Wirtschaft ungeheuerlichen Schaden zufügt, solche Aspekte stören hier nur.

Jetzt mache der «Meister des richtigen Zeitpunkts» ein «perfides Verhandlungsangebot: Über einen Export ukrainischen Weizens könne gesprochen werden, sofern der Westen im Gegenzug Sanktionen für den Export russischen Getreides aufhebe.» Jemand weniger perfider, also zum Beispiel Cornelius, würde natürlich den Export ukrainischen Weizens ohne Gegengeschäft anbieten, das versteht sich wohl von selbst.

Aber wie kann man diesem Ausbund von Perfidie begegnen? Mit Verhandlungen, Gesprächsbereitschaft, also mit der einzigen Möglichkeit, einen Krieg nicht kriegerisch zu beenden? Ach was: «Entschlossenheit ist aber das Schlüsselwort im Umgang mit Putin. Wenn dieser Mann stets in der Lage ist, einen Schritt weiter zu laufen, eine Brutalität mehr zu begehen, eine zusätzliche Erpressung zu wagen – dann wird man diesen Willenskrieg gegen ihn nicht gewinnen können.»

Um den Willenskrieg zu gewinnen, müsste also der Westen auch einen Schritt weiter laufen, eine Brutalität mehr begehen, eine zusätzliche Erpressung wagen? Logisches und folgerichtiges Denken scheint nicht die Stärke von Cornelius zu sein.

Entschlossenheit ist gut, nur, wie soll sich die denn äussern? Da wird Cornelius dann wolkig, ganz wolkig: «Deshalb ist es bemerkenswert, wie schnell eine prinzipielle Gefahr relativiert werden kann, wenn die Entschlossenheit erst einmal schwindet. Für den Westen entscheidet sich der Willenskampf mit Putin jetzt.»

Willenskampf, welch ein martialisches Wort. Welcher Platzhalter für: Kampf. Krieg. Denn in der Ukraine wird kein Willenskampf ausgetragen, sondern ein echter Krieg. Und da ist jetzt mal wieder der Moment der Entscheidung. Nur: welche Entscheidung? Noch mehr «blutgefüllte Granattrichter»? Oder ein Willenskampf nach teutonischer Art? Denn die Letzten, die hier Granattrichter hinterliessen, waren bekanntlich die Deutschen. Die zudem in der Ukraine wie die Barbaren hausten, die sie ja waren. Die Kriegsverbrechen zuvor ungekannten Ausmasses verübten.

Judenvernichtung, unterstützt von Teilen der ukrainischen Bevölkerung. Angeführt vom Kriegsverbrecher Stepan Bandera, dem im Westen der Ukraine bis heute Denkmäler gewidmet sind. Sollte das einem Deutschen, auch wenn der gut vernetzt ist, nicht ein wenig Zurückhaltung auferlegen? Sollte ein Mitglied so vieler Denkanstalten nicht etwas weniger geschichtsvergessen sein? Statt von Willenskampf zu schwafeln und echten Krieg zu meinen.

Zumindest eines könnte doch der Schweizer Leser fordern: dass man ihn in den Gazetten von Tamedia mit solchem Gedöns in Frieden lässt. Wenn die Deutschen, angeführt von den rotierenden Wendehälsen grüner Politiker wie Habeck und Baerbock wieder kriegslüstern werden, muss das doch nicht brühwarm in der Schweiz serviert werden. Wenn der bedachte deutsche Bundeskanzler Scholz es als seine wichtigste Aufgabe ansieht, einen möglichen Dritten (und letzten) Weltkrieg zu verhindern, dann wird er dafür lautstark als Zögerer und Weichei verspottet. Aber sollte man diese innerdeutschen Querelen nicht dort lassen, wo sie hingehören?

Tamedia verfügt doch über gleich sechs «Nachrichtenchefs». Über fünf Redaktoren «International». Über angeblich 23 Auslandkorrespondenten. Und all deren geballter Sachverstand reicht nicht aus, einen Kommentar zu Putin oder der Ukraine aus Schweizer Sicht zu basteln? Alleine die 11 Redaktoren kosten doch mit allem Drum und Dran locker 100’000 Franken im Monat. Geld, das Tamedia bei den wenigen Inserenten und den immer weniger werdenden Abonnenten einsammelt. Um als Gegenleistung dieses Gewäsch eines kriegslüsternen Deutschen zu servieren?

 

Das Repetitive

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Nur vertiert er dabei.

Jeder Demagoge weiss: das wirksamste Mittel, um eine Botschaft unters Volk zu bringen, ist die Wiederholung.

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Ja keine Locken auf der Glatze drehen, bloss nicht intellektuelle Übungen am Hochreck. Das ist alles für die Katz, bzw. für die verschwindend kleine Minderheit von Kopfmenschen, die sich seit Jahrhunderten der Illusion hingeben, ihr diskursives Geschwurbel über poststrukturalistische Verwerfungen im kognitiv-transzendentalen Raum würden irgend jemand interessieren – ausser sie selbst.

In der mehrheitsfähigen Meinung, bei der Eroberung der Lufthoheit über den virtuellen Stammtischen, da braucht es den Mut zur Wiederholung. Zur unablässigen, ins Schlafwandlerische absinkenden Wiederholung. Sag’s, sag’s nochmal, dann sag’s schon wieder, und wenn du denkst, es kommt allgemeiner Brechreiz auf, wenn es nochmal gesagt wird, dann tu genau das.

Das zweite entscheidende Kriterium, an dem die meisten Intellektuellen scheitern: sag’s einfach. Schäm dich nicht dafür, als terrible simplificateur beschimpft zu werden. Das halsen sowieso nur Intellektuelle, und wer kümmert sich schon um deren Geschwätz.

Wiederholung ist gut, die Wiederholung eines einfachen Aussagesatzes – Subjekt, Prädikat, ein Objekt, maximal ein Adjektiv, allerhöchstens noch ein Adverbiale – ist besser. Natürlich im Indikativ Präsens, alles andere würde zu weit führen. Und bitte, bitte, ja keine Fremdwörter. Auch keine Wörter, die aus mehr als drei Silben bestehen.

Noch eine letzte Kochanweisung, und die üble Suppe ist fast fertig: bloss keine Begründungen oder Erklärungen. Das lähmt, macht es weitschweifig, stört den eingängigen Verständnisprozess. Fatal sind auch Abwägungen. Tödlich die Darstellung von Widersprüchlichkeiten. Disqualifizierend ist ebenfalls das Äussern von Zweifeln oder Nichtwissen. Das brauchen wir nicht, das verunsichert nur.

Einfache Sätze, eingängige Sätze, die dann ad nauseam wiederholen. Pardon, bis zum Erbrechen. Keine Fremdwörter. Keine Nebensätze. Keine Differenzierungen. Deine Rede sei ja, ja und nein, nein. Nie «vielleicht», nie «könnte sein». Oder sagten wir das schon? Na und, dann sagen wir es nochmal.

Naheliegendes Beispiel

Ein Beispiel? Sicher, liegt doch auf der Hand: «Putin ist ein Verbrecher.» Subjekt, einfaches Prädikat, leicht verständliches Objekt, der Satz rauscht wie ein Zug durchs Auge oder Ohr ins Hirn. Nun muss man sich die Wirkung der Repetition so vorstellen: ihr ist Genüge getan, wenn niemand mehr eine Begründung für diese Tatsachenbehauptung braucht. Dann wird sie zur unbezweifelbaren Tatsache.

Manchmal braucht es allerdings doch eine Begründung; vor allem, wenn eine Behauptung neu ist oder noch leise Zweifel beseitigt werden müssen. Der Klassiker hier ist: «Die Juden sind an allem schuld.» Begründung? Einfach: «Weil sie Juden sind

Intellektuelle Besserwisser mögen nun einwenden, dass das doch keine Begründung sei und der erste Satz reiner Schwachsinn. Davon darf sich der geschickte Demagoge aber keinesfalls verunsichern lassen. Den grössten Fehler würde er begehen, wenn er sich in einen argumentativen Schlagabtausch einliesse. Ganz abgesehen davon, dass dadurch der Nonsensgehalt seiner Aussage offenkundig würde.

Personalisieren statt argumentieren 

Hier kommt nun der nächste Kniff aus dem Nähkästchen des Demagogen. Statt inhaltlich zu argumentieren, muss persönlich auf den Kritiker losgegangen werden. Zum Beispiel: «Wer bezweifelt, dass Juden an allem schuld sind, ist ein Judenversteher.» Da die Juden per Definition schuldhaft sind, ist einer, der sie versteht, selber ein Schädling an der Gesellschaft.

Oder der Kritiker könnte selber Jude sein. Oder von ihnen gekauft. Oder einfach ein Idiot. Indem er Zweifel daran äussert, dass die Juden an allem schuld seien, drückt er zudem nicht einfach eine abweichende Meinung aus. Nein, er zeigt damit eine Haltung. Eine Gesinnung. Natürlich eine falsche Haltung, ein üble Gesinnung. Eine zersetzende Gesinnung. Deshalb muss ihm, bei aller Liebe zur Meinungsfreiheit, das Maul verboten werden. Sonst schädigt er die Gesellschaft der Gutmeinenden, sät Zweifel in unschuldige Köpfe. Verwirrt sich zuvor auf sicherem Boden befindende Mitmenschen.

Immer nahe an der Kernbotschaft bleiben

Damit das Repetitive nicht zu langweilig wird, kann man leichte Varianten dazustellen, aber immer ganz nahe an der Kernbotschaft bleiben. Also zum Beispiel: «Putin ist ein gemeingefährlicher Verbrecher.» Oder: «Putin ist ein verrückter Verbrecher.» Hier kann man dann auch bestens die Denunzierung von Zweiflern anwenden: «Wer Putin verstehen will, ist selber ein Verbrecher.» Oder: «Nur Verbrecher können Verbrecher verstehen.» Natürlich ergänzt durch: «Für Putinversteher ist in der öffentlichen Debatte kein Platz

Wiederholung mit Personalisierung ist immer das Beste. Aber es geht auch mit etwas abstrakteren Begriffen. «Die Ukraine muss siegen. Russland muss geschlagen werden.» Der Einsatz eines Modalverbs verkompliziert die Sache ein wenig, aber das lässt sich leicht mit einer nachgeschobenen Begründung flicken. Dazu braucht es den Aufschwung ins Persönliche des Wirgefühls: «Die Ukraine kämpft für unsere Freiheit. Russland bedroht die Freiheit von uns allen.»

Letzte Lektion: die Verknüpfung. Ebenfalls ein einfaches Schema zwecks Erledigung von störenden Einwänden: «Wer den Einmarsch in die Ukraine nicht eindeutig verurteilt, der ist …» Hier kann man nun ein beschränktes Feld von abqualifizierenden Bezeichnungen verwenden. «Unmensch, selber Verbrecher, blind, gekauft, uneinsichtig, feige, Opfer russischer Propaganda», usw. Wichtig ist auch hier, bei zwei, maximal drei Begriffen zu bleiben.

Mit dieser Handlungsanleitung – und natürlich mit Hilfe der grossen Multiplikatoren, der Mainstream-Medien, der grossen Lautsprecher – ist es problemlos möglich, die öffentliche Debatte zu beherrschen. Und gleichzeitig die Illusion der Meinungsfreiheit aufrecht zu erhalten.

Nts, nts, nts, bum

Wer nicht verurteilt, wird verurteilt.

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Das Suworow-Denkmal im Kanton Uri erinnert an 1799 und wurde 1899 von einem russischen Fürsten errichtet. Seit einem Farbanschlag in Blau-Gelb ist es in Sippenhaft genommen. Wegputzen sollen die Sauerei übrigens die Russen selbst, denn denen gehört das Denkmal.

Russische Künstler, Komponisten, Schriftsteller aus längst vergangenen Zeiten, die zur Weltkultur gehören: weg damit. Selbst im kältesten Kalten Krieg, als sich die Sowjetunion und die USA atomar bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden und überall auf der Welt Stellvertreterkriege führten, las man Tolstoi, hörte man Tschaikowski, betrachtete man Malewitsch, analysierte man Reflexionen von Bucharin, bewunderte man das wohntemperierte Klavier von Richter, und staunte man über Gagarin.

Schlimmer als die christliche Kirche in ihren finstersten Zeiten, als sei die Eigenschaft russisch gleichbedeutend mit des Teufels, satanisch, verderblich, böse, unerträglich, wird nun tabula rasa gemacht.

Schlimmer als Inquisition und Islam

Schlimmer als der Islam, der das Zeugnis abfordert, dass Allah der einzige Gott sei und Mohamet sein Prophet, besteht die einzige Salvation für jeden Russen darin, sich mit Abscheu, deutlich und öffentlich vom Ukrainekrieg und seinem Regime zu distanzieren.

Halbheiten werden nicht geduldet. Behauptungen von im westlichen Ausland lebenden Russen, sie wollten ihre Verwandtschaft in der Heimat nicht gefährden, werden als faule Ausreden zurückgewiesen.

Der einzige Unterschied zu mittelalterlichen Bräuchen: der Putin-Leugner, der Nicht-Verurteiler landet nicht auf der Streckbank oder auf dem Scheiterhaufen. Da sind wir im 21. Jahrhundert immerhin etwas zivilisierter geworden. Die Vernichtung der sozialen Existenz reicht uns. Auch der Entzug der Einkommensgrundlagen. Ob Opernstar, Dirigent, Maler, Künstler: Bekanntheit, gar Prominenz war früher erstrebenswert, weil geschäftsfördernd. Inzwischen ist es zum Fluch geworden. Für Russen.

Und der Irrwitz feiert Urständ.

«Es ist eine Problematik, die bisher eher im Bereich der klassischen Musik zu finden war, wo ein Dirigent wie Waleri Gergijew oder eine Sängerin wie Anna Netrebko nach dem Einmarsch der russischen Truppen in die Ukraine nach ihrer Haltung zum Krieg und zu Wladimir Putin befragt wurden. Doch warum sollten in der Techno-Szene andere moralische Kriterien als in der Klassik gelten?»

«Moralische Kriterien»? Der «Spiegel» weiss wirklich nicht mehr, was er schreibt. Auf jeden Fall hat es jetzt auch die Russin Nina Kraviz erwischt. Die 34-jährige DJane ist eine grosse Nummer in der Techno-Szene, genauer Acid Techno, Minimal Techno und Deep House. Da produziert sie das für Nicht-Kenner ewiggleiche nts, nts, nts.

Damit begeistert sie die Fans – wenn man sie lässt. Denn auch sie stolperte über die inquisitorische Frage, wie sie es denn mit Putin und dem Ukrainekrieg halte. Seit sie es an der geforderten klaren Verurteilung mangeln liess, verliert sie Engagement auf Engagement, wird ausgeladen, ihre Plattenfirma distanziert sich. Keiner zu klein, Grossinquisitor zu sein. Ihre vergangenen und aktuellen Meldungen auf den Social Media werden seziert. Gewogen und für zu leicht befunden.

Verurteilung mit Inbrunst und aus voller Kehle

Ihre Verurteilungen des Krieges und des Regimes in Moskau erreichen leider nicht die geforderte Punktzahl, durchgefallen. Ihre Behauptung, ein unpolitischer Mensch zu sein: feige und untauglich. Auch bei ihr und an ihr muss ein Zeichen gesetzt werden. Denn die Verurteilung des verbrecherischen Putin-Kriegs hat in vorgeschriebener Lautstärke, mit vorgegebenen Worten, aber natürlich auch mit spürbarer innerer Beteiligung zu erfolgen.

Dem Sünder wurde von der heiligen Inquisition nicht einfach vergeben, wenn er ein paar laue und oberflächliche Worte des Bedauerns über seine Sünde verlor. Inbrunst ist gefordert, «ich mag den Teufel nicht», das ist ja nichts.

«Ich hasse ihn aus tiefster Seele, ich bereue abgrundtief, ihn nicht schon früher als solchen erkannt zu haben, ich leiste Abbitte, wandle in Sack und Asche, schultere das Kreuz, umwickle meine Taille mit einem Dornenkranz, kasteie mich und lobpreise den wahren Herrn, den freien Westen, den Helden Selenskij, alle heldenhaften Ukrainer, inklusive ukrainische Oligarchen.»

Das ist ja wohl das mindeste, was man heute von einem anständigen Russen verlangen darf.

 

Wumms: Peter Blunschi

Germanist, Sportredaktor und Weltenlenker. Beim Weltorgan «watson».

Gut, es ist leicht unfair. Aber Blunschi exemplifiziert auf engem Raum perfekt, was über die Meinungsstärke und Denkschwäche der Journalisten im «besinnlichen Sonntag» geschrieben ist.

Da müssen wir nun durch, auch wenn’s schmerzhaft peinlich wird. Denn «Putin schwächelt», schliesst  Schreibtischdiagnostiker Blunschi aus untrüglichen Anzeichen; bei der Siegesparade «wirkte der russische Präsident defensiv, um nicht zu sagen verzagt».

Wahrscheinlich ahnte er, dass Blunschi ihm auf «watson» den Rest geben wird. Also nicht er persönlich, dafür hat er sich die Politikerfloskel geklaut, der Westen und die Ukraine seien «gefordert, den Druck hochzuhalten». Wie, das erklärt Blunschi gleich:

  • Es ist wichtig, die Ukraine mit auch schweren Waffen zu beliefern, selbst wenn die Gefahr besteht, dass Russland sie ausschaltet und die Rüstungsindustrie davon profitiert.

  • Es ist wichtig, dass westliche Geheimdienste die ukrainische Armee über russische Truppenbewegungen informieren, wie zuletzt bei der Zerstörung von Pontonbrücken.

  • Es ist wichtig, an den Sanktionen festzuhalten und sie weiter zu verschärfen, mit einem Embargo auf russische Energiequellen (Gas, Kohle, Öl, Uran).

  • Es ist wichtig, dass westliche Politiker in die Ukraine reisen, ihre Solidarität mit dem geplagten Volk ausdrücken und die Aufklärung von Kriegsverbrechen einfordern.

  • Es ist wichtig, dass die Medien weiterhin über den Krieg berichten, auch wenn die Aufmerksamkeit des Publikums mit zunehmender Dauer nachlassen dürfte.

  • Es ist wichtig, dass Finnland und Schweden den Nato-Beitritt durchziehen. Und andere Neutrale, vor allem die Schweiz, mit der Ukraine solidarisch bleiben.

Leider machten da nicht alle mit, bedauert Blunschi, eigentlich kaum jemand ausserhalb der NATO. Dann benützt Blunschi endlich die Phrase, die uns bislang erspart blieb: «Das aber ist kein Grund für den Defätismus, der im «offenen Brief» von Alice Schwarzer und anderen Pseudo-Intellektuellen  zum Ausdruck kommt.»

Defätismus, das war neben Patriotismus, Vaterland und Gehorsam eine der Lieblingsvokabeln der Kriegsgurgeln in den Weltkriegen. Aber Blunschi setzt noch einen daruf mit den «Pseudo-Intellektuellen». Was für ein Kläffer, der Schwarzer, Alexander Kluge oder auch Jürgen Habermas so tituliert, weil ihm deren Meinung nicht passt.

Welch ein Mängelexemplar von Journalist, dessen Vorstellung der eigenen Bedeutung und intellektuellen Kapazität umgekehrt proportional zur Wirklichkeit ist.

Alles ist entweder gut oder böse!

Teil 2: Von guten und bösen Kriegsverbrechern

Von Felix Abt

Hier geht es zu Teil 1

Präsident Biden bezeichnete Putin als einen bösen Kriegsverbrecher. Westliche Politiker aller Couleurs und die Medien, die sich auch im Krieg befinden, sind mit ihm natürlich einverstanden. Die U.S. Regierung möchte den Kriminellen am liebsten vor ein Kriegverbrechertribunal stellen. Putin hat wirklich Pech: er hat einen schlechten, russischen anstatt einen guten, amerikanischen Pass, der ihn vor allem Übel schützen würde.

Wenn gute amerikanische Soldaten unschuldige Familien in die Luft sprengen, Spitäler bombardieren oder ein neues My Lai Massaker verursachen, werden sie nie vor ein Gericht wegen Kriegsverbrechen gestellt. Nur Amerikas böse Feinde, wie z.B. Putin, sollen für Verbrechen bestraft werden.

Ein im Westen gefeierter Held (“Winston Churchill unserer Zeit”), der gerade gegen einen Invasoren kämpft, nimmt die Solidaritätsbekundung des früheren amerikanischen Präsidenten George W. Bush, einem berüchtigen Invasoren, gerne entgegen. Im Unterschied zu Putin ist Bush, der Millionen unschuldige Menschen auf dem Gewissen hat, ein guter Kriegsverbrecher.  (Twitter screen shot Felix Abt)

Gute und böse Oligarchen

Alle wissen es: russische Oligarchen sind böse, so böse, dass ihretwegen in westlichen Ländern der Rechtsstaat über den Haufen geworfen werden musste: Die ehemals hehren Prinzipien der Eigentumsgarantie, Unschuldsvermutung und Beweisführung vor Gericht gegen Angeschuldigte gelten nicht für russische Oligarchen. Der einzige sichere Beweis für ihre Verbrechen, den westliche Behörden gegen sie haben, ist die Tatsache, dass sie den gleichen Pass haben oder hatten wie der kriegsführende russische Präsident. Vielleicht gibt es auch noch Bildmaterial, das sie auf einem Foto mit Wladimir dem Schrecklichen zeigt. Das genügt, um ihre Yachten, Flugzeuge, Villen und Geld zu beschlagnahmen. “Beschlagnahmen” ist ausserdem eine gut gelungene Umschreibung von “stehlen”.

Das Recht wurde ersetzt durch eine einfache Verlautbarung des amerikanischen Führers. In seiner viel beklatschten Rede zur Lage der Nation vor dem US-Kongress am 1. März 2022 wandte sich Präsident Biden direkt an die russischen Oligarchen: «Wir werden uns mit unseren europäischen Verbündeten zusammentun, um Ihre Yachten, Ihre Luxuswohnungen und Ihre Privatjets zu finden und zu beschlagnahmen. Wir holen uns Ihre unrechtmäßigen Gewinne.»

Glücklicherweise gibt es neben den bösen russischen Oligarchen auch noch die guten, die vom Rechtsstaat beschützt werden. Dazu gehoeren beispielsweise die ukrainischen Oligarchen, welche politisch mächtiger in ihrem Land sind als die russischen in Russland. Mit massiver Hilfe des umstrittensten Oligarchen der Ukraine schaffte es beispielsweise Volodomyr Selensky, Präsident seines Landes zu werden.

Alle Oligarchen begannen fast bei Null und wurden reich durch Verbindungen zur hochkorrupten, aber demokratisch gewählten Regierung der Ukraine während des Übergangs von der staatlichen zur marktbasierten Wirtschaft. Das war in Russland nicht viel anders: Als unter dem russischen Präsident Boris Jelzin staatliche Ressourcen im grossen Stil an Private verscherbelt wurden, standen seine Kumpane in der ersten Reihe, und haben sich in Windeseile zu Neureichen und Oligarchen gemausert.

Der damalige russische Präsident war ein guter Präsident, weil er Tür und Tor auch für die Konzerne amerikanischer Oligarchen öffnete; amerikanische und russische Oligarchen wurden ausserdem gute Geschäftspartner in Russland. Wladimir Putin, der Nachfolger von Präsident Jelzin, erfrechte sich aber, den Spielraum russischer und amerikanischer Oligarchen einzuschränken. Deshalb betrachtete ihn Washington als Bösen, und begann auf die Schwächung Russlands und einen Regimewechsel in Moskau hinzuarbeiten. Ironischerweise wurden dabei vom Westen sogar die früheren Spiessgesellen des guten Präsidenten Jelzins zu “Putins Oligarchen” umfunktioniert. Dieses Manöver diente Russlands Feinden, die sich im Wirtschaftskrieg gegen Russland befinden, als Rechtfertigung, russischen Oligarchen im neuen Wilden Westen das Eigentum und die Aufenthaltsbewilligungen wegzunehmen, die Bewegungsfreiheit einzuschränken und die Möglichkeit, legale Geschaefte zu tätigen, zu vereiteln.

Das US-Pentagon (Verteidigungsministerium) ist die grösste und mächtigste Organisation der Welt, sowohl jetzt als auch in der Geschichte. Es ist auch der grösste Arbeitgeber der Welt mit 3,2 Millionen Männern und Frauen auf seinen Gehaltslisten; und da diese immer noch nicht ausreichen, heuert es zusätzlich eine grosse Anzahl von Söldnern, “private Auftragnehmer” genannt, für seine Kriege an. Darüber hinaus macht Amerikas massive private Kriegsindustrie 20 % aller Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie (Halliburton, Lockheed Martin, Carlyle Group und viele mehr) der USA aus und sorgt für eine Vielzahl weiterer Arbeitsplätze in sich auch im Besitz von amerikanischen Oligarchen befindenden, hochkarätigen Technologieunternehmen wie Amazon, Facebook, Google, Microsoft und Palantir, die vom US-Militär Aufträge in Milliardenhöhe erhalten. Amerikanische Oligarchen, die an amerikanischen Kriegen kräftig verdienen und Blut an ihren Händen haben, sind aber gute Oligarchen, weil sie die Kriege von Amerika, dem Land Gottes (“God’s own country”) unterstützen und davon profitieren.

Das amerikanische “Center for Responsive Politics” berichtet, dass «in den vergangenen zwei Jahrzehnten das umfangreiche Netzwerk von Lobbyisten und Spendern der Rüstungsindustrie 285 Millionen Dollar an Wahlkampfspenden und 2,5 Milliarden Dollar an Lobbying-Ausgaben zur Beeinflussung der Verteidigungspolitik eingesetzt hat».

Ein seltener und schockierender Moment der Ehrlichkeit von Senator Joe Biden, der hier zugibt, dass «das System korrupt ist»: «Ich denke nicht, dass Sie annehmen sollten, dass ich nicht korrupt bin. Man braucht eine Menge Geld, um in ein Amt zu kommen. Und die Leute mit diesem Geld wollen immer etwas.»

 Anders als die mächtige Kriegsindustrie haben die unzähligen Obdachlosen keine Lobby in Washington. Es ist deshalb nicht überraschend, dass während die USA vor kurzem weitere 3,3 Mrd. USD für tödliche Hilfe (“lethal help”) an die Ukraine überwiesen haben, unzählige Amerikaner, darunter vielerorts ein Viertel der Schüler, gezwungen sind, wie, entschuldigen Sie den Ausdruck, Strassenköter irgendwie zu überleben, anstatt als würdige Bürger in den USA – der reichsten Nation der Welt – sich des Lebens erfreuen zu dürfen.

(Twitter screen shot Felix Abt)

Eine politikwissenschaftliche Studie der renommierten amerikanischen Princeton-Universität aus dem Jahr 2014 hat gezeigt, dass das Handeln der Regierung fast immer den Wünschen der wohlhabenden und mächtigen US-Eliten entspricht. «Unser zentrales Ergebnis war folgendes: Wirtschaftseliten und Interessengruppen können die Politik der US-Regierung beeinflussen – aber Amerikaner, denen es weniger gut geht, haben im Wesentlichen keinen Einfluss auf das, was ihre Regierung tut», schreiben die Koautoren Martin Gilens und Benjamin Page. Soviel zur vorbildlichen Demokratie Amerikas.

Jeff Bezos ist einer der reichsten Oligarchen Amerikas und der Welt. Er baute sein Amazon-Imperium auf seiner Fähigkeit auf, Produkte online zu verkaufen ohne Umsatzsteuern zu bezahlen, im Unterschied zu seinen Konkurrenten, die Läden betrieben. Er bezahlte auch niedrige Löhne, und fast keine Steuern, im Unterschied zu seinen Angestellten sowie vieler, von ihm aus dem Wettbewerb gedrängten Ladenbesitzer.

Bezos profitiert auch massiv vom gigantischen militärisch-industriellen Komplex, von dem er Milliardenaufträge erhält. Ausserdem unterstützt er die Spionageorganisationen: Kürzlich erhielt er einen Auftrag von 10 Milliarden US$, um ein grosses Cloud-Projekt zu realisieren. Sein Auftraggeber ist NSA, die amerikanische Regierungsorganisation, welche nicht nur französische Präsidenten und deutsche Bundeskanzler, sondern auch Sie und mich, aushorcht. NSA braucht riesige Cloud-Speicherkapazitäten, um die Weltbevölkerung im Auftrag der amerikanischen Regierung wirksam überwachen zu können, und diese werden nun vom guten Oligarchen Bezos für sie entwickelt.

Besuch von Amazon-Chef Jeff Bezos bei Verteidigungsminister Ash Carter, einem Grosskunden, im Pentagon am 5. Mai 2016. (Bild: Department of Defense/Senior Master Sgt. Adrian Cadiz)

Natürlich gibt es kaum einen amerikanischen Oligarchen, der nicht von der U.S. Regierung profitierte. So hat beispielsweise Elon Musk Milliarden an Subventionen und Verträgen für seine Automobil- und Raumfahrtprojekte erhalten. Oder Bill Gates hatte einen Regierungsvertrag und einige aggressive Patentstrategien in seinen eigenen oligarchischen Status umgemünzt.

Twitter warnt systematisch vor Twitter-Konten, welche für das böse Russland, das böse China und andere echte oder vermeintliche Feinde Amerikas Propaganda verbreiten und löscht auch viele. Westliche Propaganda wird selbstverstaendlich geduldet. Twitter, selbst im Besitz eines Oligarchen, weist auch nie auf die Natur der wichtigsten und am meisten meinungsbildenden amerikanischen Twitterer hin. (Tweet von einem Twitter-Kritiker auf Twitter. Screenshot von Felix Abt)

Die antirussische CancelCulture des Westens verbietet nicht nur berühmte russische Schriftsteller, Musiker und andere Künstler, die lange vor der Geburt Putins gelebt hatten, sondern auch zwei Jahrhunderte alte russische Bäume!

Was und wer gut ist und was und wer schlecht ist, wurde schon lange bestimmt: in Washington!

Interessanterweise, der Autor dieses sieben Jahre vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine erschienenen Buches, hat die kriegerische Entwicklung fast prophetisch vorausgesehen. Anstatt die NATO nach der Auflösung ihres sowjetischen Gegenstücks aufzulösen, wollten der frühere U.S. Sicherheitsberater Brzezinski und andere sehr einflussreiche US-Falken die NATO nutzen, um die weltweite Vorherrschaft der USA auszuweiten und die Waffenkäufe und -verkäufe nicht nur aufrechtzuhalten, sondern zu beschleunigen. So verkündete Brzezinki, dass «eine erweiterte NATO sowohl den kurzfristigen als auch den längerfristigen Zielen der US-Politik gut dienen wird.» Bezeichnenderweise “bestimmte” er die Ukraine als das zentrale Land, um Russland zu besiegen. Es scheint, dass genau dieser Plan jetzt tatkräftig umgesetzt wird.

Als Komiker zu der Zeit, als Obama Präsident der USA war, hallte Volodimyr Selensky diese bittere Wahrheit wider: «Heute hat unser Präsident – der wichtigste, Barak Obama – versprochen, dass wir der NATO als amerikanischer Handlanger beitreten werden. Bitte schickt Exemplare von ‹Mein Kampf›, es ist hier ausverkauft.» Die Ironie der Geschichte ist, dass ausgerechnet er als heutiger Präsident der Ukraine die Rolle als Handlanger Amerikas zu spielen hat.

Handelt es sich hier um einen bösen Papst mit politisch sehr unkorrekten Überzeugungen, der zur legitimen Zielscheibe eines Attentates oder Umsturzversuches des CIA werden könnte?

Jahrzehnte vor dem Ukraine-Krieg haben führende amerikanische Politiker vor der NATO-Osterweiterung und der deshalb von Russland zu erwartenden heftigen Reaktion gewarnt. Dazu gehörte Robert McNamara, welcher als Verteidigungsminister während des Vietnamkrieges den traurigen Rekord erzielte, Vietnam zum am meist bombardierten Land der Menschheitsgeschichte zu machen. Mindestens drei Millionen Vietnamesen und 58,000 Amerikaner verloren dabei ihr Leben. Geteilter Ansicht war auch Henry Kissinger, der etwa das Pol Pot Regime in Kambodscha, eines der blutrünstigsten der Menschheitsgeschichte, unterstützte. Sie besudelten ihre Hände mit Blut für Ruhm und Ehre des amerikanischen Imperiums und sind sicher unverdächtige amerikanische Patrioten, die nicht als Verräter verdächtigt werden können, weil sie die NATO-Osterweiterung ablehnten.

(Twitter screen shot von Felix Abt)

Der heutige U.S. Präsident Joe Biden hat den russischen Einmarsch in der Ukraine als “unprovoziert” scharf verurteilt und deshalb massive Vergeltung angekündigt und losgetreten. Dabei  gehörte er zur gleichen Gruppe amerikanischer Politiker, welche vor der desaströsen amerikanischen Russland- und NATO-Erweiterungspolitik gewarnt hatten.

Bereits 1997 sagte Senator Joe Biden, ranghöchstes Mitglied des Ausschusses des Senats für Auslandsbeziehungen, voraus, dass eine Ausweitung der NATO bis zu den baltischen Staaten eine «energische und feindselige» russische Antwort provozieren würde. Anstatt diese Reaktion mit einer kostengünstigen und schmerzlosen Sicherheitsgarantie für Russland zu verhindern, hat er sie proaktiv herausgefordert!

Was soll ich da noch hinzufuegen, wenn der kriegstreiberische demokratische Joe Biden selbst von seinen republikanischen Rivalen als “der beste Mann, den Gott je geschaffen hat”, gerühmt wird?

 

 

 

 

War da was?

Dank der Roten Armee gibt es ein freies Europa und die Schweiz. Na und?

Der Hitler-Stalin-Pakt konnte den Beginn des Zweiten Welthriegs nur hinauszögern. Stalin verrechnete sich allerdings, was Hitlers Entschlossenheit betraf, einen Zweitfrontenkrieg zu riskieren und am 22. Juni 1941 mit dem «Unternehmen Barbarossa» den Versuch zu unternehmen, den Bolschewismus zu zerstören.

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Obwohl der seine Partei NSDAP genannt hatte, war Hitler ein strammer Antikommunist und sah in dieser Ideologie – neben den Juden – den grössten Feind seiner Allmachtsgelüste. Der Krieg gegen die UdSSR war, entgegen aller anderslautenden Geschichtsumschreibungen, von Anfang an als Vernichtungsfeldzug geplant. Für die Bevölkerung in den eroberten Gebieten waren keinerlei Vorkehrungen fürs längerfristige Überleben getroffen worden.

Sie sollte durch Zwangsarbeit vernichtet werden, um Platz für den deutschen Herrenmenschen zu schaffen. In diese Verbrechen ist auch die deutsche Wehrmacht zutiefst verwickelt, was alle Behauptungen Lügen straft, dass das deutsche Heer halt Befehlen gehorcht und im Übrigen von der Judenvernichtung nichts mitbekommen habe.

Stalin schlug alle Warnungen seiner Spione in den Wind, die sogar, wie Richard Sorge aus Tokio, den genauen Zeitpunkt des Überfalls gemeldet hatten. Das sei gegnerische Propaganda zur Verwirrung von Dummköpfen, befand Stalin.

Das führte zu Beginn des Überfalls zu ungeheuerlichen Verlusten bei der Roten Armee, von der Zivilbevölkerung ganz zu schweigen. In einigen Teilen der UdSSR begrüssten Teile der Bevölkerung zudem die Nazis als Befreier von Stalins Joch, und Antisemitismus samt Pogromen war dort zuvor auch nicht unbekannt.

Widerstand unter ungeheuerlichen Verlusten

Erst vor Moskau, vor Leningrad und vor allem vor Stalingrad gelang es den Sowjets, unter unvorstellbaren Verlusten den deutschen Vormarsch zu stoppen. Was sie bei der Rückeroberung der von deutschen besetzten Gebiete sahen, erklärt das Verhalten sowjetischer Soldaten, als es ihnen gelang die Grenzen des Deutschen Reichs zu überschreiten.

Glücklicherweise war der Gröfaz, der grösste Feldherr* aller Zeiten, ein unfähiger Heerführer. Der Überfall hatte viel zu spät begonnen, bald schon versanken die deutschen Truppen im Herbstschlamm, anschliessend litten sie unter dem strengen russischen Winter, auf den sie nicht vorbereitet waren, da der Gröfaz gehofft hatte, mit der Sowjetunion ähnlich schnell wie mit Frankreich fertigzuwerden.

Es gibt die Generation 90 Prozent in der UdSSR, nur zehn Prozent überlebten als Soldaten den deutschen Überfall. Insgesamt hatte die Sowjetunion rund 10 Millionen Tote in der Armee und 15 Millionen unter der Zivilbevölkerung erlitten. Bis heute gibt es keine russische Familie, die nicht den Verlust eines engen Verwandten durch die Nazis zu beklagen hätte.

Die Feiern zum «Grossen Vaterländischen Krieg», wie ihn Stalin propagandistisch geschickt nannte, sind ein Erinnern an die letzte und unbestreitbare Grosstat der UdSSR. Obwohl sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Einflussphäre auf ganz Osteuropa ausdehnte, zur Atommacht wurde, als erste mit der Eroberung des Weltraums begann, fing gleichzeitig ihr unaufhaltsamer Niedergang an.

Der Sieger wird zum Verlierer

Nicht nur die gewaltigen Zerstörungen durch das Wüten der deutschen Barbaren, auch eine untaugliche Wirtschaftspolitik und die kostspielige militärische Aufrüstung leiteten den Zusammenbruch ein; Anfang der 90er-Jahre löste sich die UdSSR auf. Immerhin ohne durch einen Atomkrieg die Welt mit in den Abgrund zu reissen.

Auch wenn heute das Ereignis von Putin propagandistisch benützt wird. der Grund für die Feier sollte jedem Respekt und Hochachtung abnötigen.

Jedem? Die NZZ berichtet in ihrer Printausgabe kein Wort davon. Eine Gedenkfeier auf dem Friedhof Hörnli in Riehen kann nur unter starkem Polizeischutz stattfinden. Der «Tages-Anzeiger» konzentriert sich weiterhin auf die Ukraine. Der «Blick» referiert lediglich Putins Aussagen zum Ukrainekrieg. CH Media titelt: «Putins perverse Parade» – wenn die Alliteration über den Verstand siegt. «watson» wiederum interviewt einen unparteiischen ukrainischen Propaganda-Experten.

Alles in allem: kläglich, schändlich, respektlos und geschichtsvergessen. Also nichts Neues.

*Nach Leserhinweis korrigiert.

Münger hat kein Reputationsproblem

Aber er befürchtet eines für die Schweiz. Mal wieder.

Der Auslandchef von Tamedia fürchtet keinen Atomkrieg. Da steht er drüber. Aber er befürchtet sofort einen «Reputationsschaden», wenn irgend eine Dunkelkammer im Dunstkreis des US-Parlaments mal wieder über die Schweiz schimpft.

Die «U.S. Helsinki Commission» behauptet,  die Schweiz sei «bekannt als Zielland für Kriegsverbrecher und Kleptokraten». Noch härter ist der Vorwurf, sie sei «eine führende Förderin des russischen Diktators Wladimir Putin und seiner Kumpane»», referiert Münger, um entrüstet fortzufahren:  «Das ist ein Schlag ins Gesicht der Schweizer Regierung, die die westlichen Sanktionen, trotz innenpolitischen Widerstands, übernommen hat.»

Daher kriegt Münger gleich einen kleinen Mutanfall:

«Die Diffamierung der Schweiz als «Förderin Putins» ist unangebracht.»

Nimm das, Biden-Administration.

Hätte es Christof Münger dabei belassen, hätte er endlich mal einen einigermassen vernünftigen Kommentar geschrieben. Aber eben, geht nicht: «Denn ein Teil der Kritik ist berechtigt, und das wegen einer Gesetzeslücke: So sehen sich Anwälte und Anwältinnen in der Schweiz angeblich nicht dazu verpflichtet, Meldung zu erstatten, wenn ihr Klient die Sanktionen verletzt. Sie unterstehen zudem nicht dem Geldwäschereigesetz, wenn sie nur als Berater agieren.»

«Sehen sich angeblich nicht»? Hier zeigt Münger ein recht lockeres Verhältnis zu in der Schweiz geltenden Gesetzen. Ob die einem passen oder nicht: bevor sie nicht geändert werden, gelten sie. Punkt.

Dann holt Hobbyhistoriker Münger aus und erinnert an den Skandal um die sogenannten «nachrichtenlosen Vermögen». Worin der allerdings tatsächlich bestand, das hat er bereits vergessen. Unvermeidlich auch der Hinweis auf den «Imageschaden, als sich die Schweizer Grossbanken während der Finanzkrise 2008/09 ans Bankgeheimnis klammerten».

«Klammerten»? Sie wehrten sich dagegen, dass die USA mit dem Recht des Stärkeren imperialistisch ihre Gesetze in der Schweiz durchsetzten. Unter bedauerlicher Mithilfe des Bundesrats. Obwohl Schweizer Banken in der Schweiz gegen keinerlei Gesetze verstossen hatten, wurden sie zur Zahlung von Milliardenbussen und zur Auslieferung von Kundendaten gezwungen.

Nicht auf rechtsstaatlichem Weg, sondern einfach mit der Drohung: Ihr könnt’ schon dagegen vor Gericht gehen – nur seid ihr dann am nächsten Tag tot, wenn wir Euch den Handel mit US-Dollar verbieten.

Auch vom Bankgeheimnis kann man halten, was man will. Aber ein Imageschaden entstand damals in erster Linie dadurch, dass die USA ihre Position als grösste Geldwaschmaschine und grösster Hort von kriminellen Geldern und Schwarzgeld weiter ausbauen wollten und sich dabei eines lästigen Konkurrenten entledigten.

Nach all diesen Irrungen und Wirrungen kommt Münger zu einer Handlungsempfehlung: «Jedenfalls ist die Schweizer Regierung gut beraten, die Kritik ernst zu nehmen. Denn das Reputationsrisiko ist real.»

Die Schweizer Regierung ist besser beraten, diesen Kommentar einfach zu ignorieren. Was sie glücklicherweise auch tut.

Denn die Schweiz hat überhaupt kein Reputationsproblem. Münger allerdings auch nicht