Roman Brodmann und die heiligste Kuh

Ein grosser Schweizer Journalist, ein Kämpfer, ein Freund.

Roman Brodmann wäre heuer 100 Jahre alt geworden.

Die Furie des Verschwindens ist ungerecht. In der jüngeren Schweizer Publizistik gibt es einige Namen, die fraglos in die Ahnengalerie von allen gehören sollten, die sich in den heutigen, harten Zeiten dem Journalismus verschrieben haben.

Einer davon ist Roman Brodmann, der vor 100 Jahren geboren wurde. Freier Mitarbeiter verschiedener Schweizer Zeitungen, Cabaret-Autor, Filmkritiker beim Schweizer Fernsehen, Chefredaktor der «Elle» und dann der «Zürcher Woche».

Ein eleganter Schreiber, umfangreich gebildet, ein blendender Unterhalter. Auch ein Lebemann, den schönen Dingen zugetan. Und das, was man damals sozialkritisch nannte. Dank ihm hatte ich meinen allerersten Auftritt in einer Zeitung. Nicht als Autor, sondern als Objekt einer Kolumne über meinen damaligen Lehrer an der Bezirksschule Aarau. Ein Militärkopf, der seine tiefe Unsicherheit hinter martialischem Auftreten und drakonischen Unterrichtsmethoden verbarg.

Entlarvende Sanftmut

Aus meinen Erzählungen machte Roman ein kurzes Essay, in seiner sanften Boshaftigkeit viel entlarvender als mein Geschimpfe über diesen Lehrer. Wie es sich damals gehörte, als der Befehl «Moskau einfach» in der Schweiz schnell erschallte, wenn ein «Nestbeschmutzer» sich kritisch über das Land äusserte, geriet Brodmann 1963 mit dem Schweizer Fernsehen über Kreuz und wechselte nach Deutschland.

Er hatte den Dokumentarfilm als neues Medium entdeckt; im grösseren Anwesen seiner damaligen Frau in der Nähe von Heidelberg schlug er sein neues Hauptquartier auf. Bei meinen Besuchen sah ich zum ersten Mal eine noch grössere Bibliothek als bei meinem Vater, von beiden lernte ich zudem so vieles über Lebensart, über Ästhetik, über die Macht der sanften Subversivität, über die Lust am Argumentieren, über die Neugier beim Entdecken der Realität.

Preisgekrönte Meisterwerke

Ich rauchte dann einige Zeit Craven A, die bevorzugte Marke von Roman, deren Rauch er nicht inhalierte, sondern geradezu in sich hineinfrass. Was ihn dann auch nach nur 70 Jahren ins Grab brachte.

Aber vorher zeichnete er sich mit preisgekrönten Meisterwerken des Dokumentarfilms aus. Nicht unparteiisch, aber ganz und gar nicht demagogisch, und ganz sicher nicht einem Gesinnungsjournalismus verhaftet. Sein Film über den Schah-Besuch von 1967, in dessen Umfeld der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde, «Der Polizeistaatsbesuch», wurde wie einige andere seiner Werke mit dem deutschen Grimme-Preis ausgezeichnet.

1984 erschien «Moskau einfach», eine Sammlung seiner Zeitbetrachtungen von 1968 bis 1984. Eigentlich eine Pflichtlektüre für jeden angehenden Schweizer Journalisten, schon längst im Zytglogge-Verlag vergriffen. Genau wie «Der Unschweizer» über den Umgang der Schweiz mit Dissidenten wie Jean Ziegler. Genau wie «Schweiz ohne Waffen. 24 Stunden im Jahre X», 1973 bei Benteli erschienen.

Gab er die Idee für die Armeeabschaffungsinitiative?

War das die Keimzelle der «Gruppe für eine Schweiz ohne Waffen» (GSOA)? Haben sich die Basler Jusos davon inspirieren lassen? Lag es 1982 im Restaurant «Kreuz» in Solothurn auf dem Tisch, als die GSOA offiziell gegründet wurde und sich daran machte, ernsthaft eine Volksinitiative für die Abschaffung der Schweizer Armee zu lancieren? Damals ein ungeheuerlicher Tabubruch. Heute kaum mehr vorstellbar, aber Anfang 80er-Jahre war eine Karriere in vielen Berufen ohne eine Offizierslaufbahn in der Armee undenkbar.

Als es dem Initiativkomitee tatsächlich gelang, im Herbst 1986 über 100’000 gültige Unterschriften einzureichen, japste die Armeeführung, die Regierung, die gesamte konservative Schweiz hörbar nach Luft. War sich aber sicher, dass die Initiative krachend vom Volk abgelehnt würde.

1987 wurde der letzte grosse Dokumentarfilm Brodmanns ausgestrahlt, an dem er von 1982 an gearbeitet hatte: «Der Traum vom Schlachten der Heiligsten Kuh» (hier wenigstens sein Interview mit Max Frisch). Den dafür 1988 verliehenen Adolf-Grimme-Preis konnte er schon nicht mehr persönlich entgegennehmen. Aber er erlebte noch, wie Ende November 1989 ganze 35,6 Prozent für die Initiative stimmten, in Genf und im Jura wurde sie sogar angenommen.

Er wirkte und bewirkte

Gerade war die Berliner Mauer gefallen, der Ostblock befand sich in Auflösung, Gorbatschow versuchte verzweifelt und erfolglos, die UdSSR zu reformieren. In diesem Zeitgeist wurde die heilige Kuh Armee zwar nicht geschlachtet, aber das Resultat schickte Schockwellen durch die politische Schweiz und stiess grundlegende Reformprozesse an.

Am 1. Februar 1990 starb Roman Brodmann in Basel. Er habe sich nur noch bis zum Abstimmungsergebnis durchgeschleppt, sagte er mir in unserem letzten Telefonat, schon schwer gezeichnet vom Krebs. Besuche empfing er keine mehr; es wurde ein stiller Triumph für diesen engagierten Publizisten, dass er tatsächlich und messbar Wirkung erzielt hatte. Das ist nicht manchen vergönnt, für ihn ist’s wohlverdient.

Manchmal betrachte ich ein Schreibwerk, bilde mir ein, als aufgehörter Raucher den würzigen Duft der Craven A in der Luft zu spüren. Ich meine, sein gütiges, schnauzbärtiges Gesicht mit der hohen Stirne und den zwischen Melancholie und Schalk oszillierenden Augen vor mir zu sehen und hoffe auf ein zustimmendes Nicken von ihm.

Brodmann gehörte zu der langsam aussterbenden Gattung des Allrounders. Er konnte von Aperçus bis profunden Analysen alles schreiben. Er konnte über Lebensart oder über Politik schreiben. Er war nie verletzend, aber oft entlarvend. Er war ein Meister der sanften Ironie, er war der festen Überzeugung, dass man mit ruhigem Zureden eher etwas erreicht als mit krachender Polemik.

Als Dokumentarfilmer machte er etwas, was auch eher aus der Mode geraten ist: Er nahm sich selbst zurück, liess die Realität sprechen, beschränkte sich auf sparsame, aber punktgenaue Kommentare.

Verdichtete Realität, darum geht es in unserem Metier, darin war er ein Meister.

 

Dieser Artikel erschien leicht gekürzt in der NZZ vom 29. Juli 2020 (hinter der Bezahlschranke). Mit freundlicher Genehmigung.

Älteste Redaktorin der Schweiz ist tot

Leny Wyss-Steinmann (104) ist vor wenigen Tagen friedlich verstorben.

Die in Buchs bei Aarau aufgewachsene ehemalige AZ-Redaktorin verantwortete 1940 die Beilage «Die Welt der Frau» der damaligen «Neuen Aargauer Zeitung».

1916, also zwei Jahre vor Ausbruch der Spanischen Grippe, kommt Helena Steinmann in Aarau zur Welt. Zwei Jahre später hilft ihre Mutter Rosa Steinmann im Kampf gegen die grassierende Spanische Grippe als Freiwillige. Sie pflegt kranke Soldaten und begibt sich dadurch selber in Gefahr. Doch Mutter wie auch Tochter kommen davon, im Gegensatz zu etwa 25000 meist jungen Soldaten, , die allein in der Schweiz an jenem Grippevirus sterben.

Eigenheim für 30000 Franken

Die schon seit früher Kindheit «Leny» genannte Tochter wächst zusammen mit ihrem Bruder Erwin, heute 97-jährig, in Buchs bei Aarau auf. Vater Robert arbeitet fast sein ganzes Berufsleben als Kondukteur bei den SBB. Er trat dem Unternehmen 1908 bei, sechs Jahre nach der grossen Bahnenfusion. 1930 baut die junge Familie trotz kargem Lohn ein Eigenheim an der Jakob-Bächli-Strasse. Man ist so sparsam, dass man die 4500 Franken für die 900 Quadratmeter Land bar bezahlen kann. Der Quadratmeterpreis beträgt 1930 lediglich 5 Franken, das heute noch stehende Zweifamilienhaus kostete 30’000 Franken.

Handelsdiplom an der alten Kanti

Leny durchläuft ohne Mühe die Bezirksschule und macht das Handelsdiplom an der alten Kantonsschule Aarau. Das war damals für das weibliche Geschlecht eine grosse Ausnahme. Dann folgt der Master, wie man das heute bezeichnen würde, als Hauswirtschafterin. In den 1930er Jahren hiess das noch Hausbeamtin. Dank diesen vielschichtigen Kenntnissen kommt sie zu einem für jene Zeit höchst ungewöhnlichen Job: Redaktorin bei der «Neuen Aargauer Zeitung». Die wöchentliche Beilage nennt sich «Die Welt der Frau». Dabei sind nicht nur Kochrezepte und Haushaltipps die Inhalte. Im Gegenteil: Oft schneidet Leny Steinmann kontroverse Themen an: «In jede Schulpflege eine Mutter», «Debatte über das Frauenstimmrecht», «Reicht unsere Kraft als Frauen aus?», sowie «Die Frauenrechtlerin hat das Wort». Die Artikel zeigen, wie kämpferisch und selbstbewusst Leny Steinmann schon damals agierte.

Die Artikel lesen sich heute noch flüssig und spannend. Steht am Anfang im Impressum noch Frl. Leny Steinmann, heisst es später: Verantwortlich für die Seite: L. Steinmann. Das ist darum bemerkenswert, weil so das Geschlecht der Autorin nicht mehr erkennbar ist. Der Grund ist nicht mehr klar. Der eine oder andere bissige Kommentar gab’s sicher, etwa: «Auf so ein Frauenzimmer haben wir gerade erst gewartet» oder «das geht auch nur, weil alle Männer im Aktivdienst sind». Leny Wyss-Steinmann, wie die Redaktorin seit ihrer Heirat 1942 heisst, weiss lediglich noch, dass sie weit und breit die einzige Frau auf der Redaktion war. Weil sie wenige Wochen vor ihrem Tod noch ihren 104. Geburtstag feierte, war sie wohl die älteste noch lebende Redaktorin – zumindest in der Schweiz.

Die Liebe in Höngg gefunden

Dass Leny die Redaktorenstelle kündigte, hatte nichts mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Bei einem Nebenjob in einem Restaurant in Zürich-Höngg lernte sie den jungen, attraktiven Maschineningenieur Franz Wyss aus Winterthur kennen. Die Liebe schlug sofort ein und 1942 wurde geheiratet.

Weil Peter – so wurde er umgänglich genannt – Wyss einen guten Job hatte und später die Betriebsleitung der Aluminiumwerke in Chippis im Wallis übernehmen konnte, zügelte man nach Sierre. Ganze 73 Jahre sollte Leny Wyss, wie sie nun hiess, in dieser Wohnung bleiben.

2014 näher zur Tochter

Zurück in den Journalismus war für Leny keine Option. Das damals übliche Familienmodell und eine überschaubare Medienlandschaft im Wallis waren Gründe dafür. Zudem war es damals so, dass es beim Staat und bei grösseren Firmen sogar verboten war, dass Ehefrauen einen eigenen Verdienst hatten. Diese Regeln galten bis etwa 1975.

Das Interesse für die Politik, die Kunst und Literatur blieb aber stets im Mittelpunkt. Nach dem Tod des Ehemanns vor 20 Jahren lebte Leny Wyss noch bis 2014 in Sierre. Erst vor sechs Jahren, als ein Augenleiden immer schlimmer wurde, zog sie nach Zürich ins Blindenwohnheim Mühlehalde, keinen Kilometer vom Wohnort ihrer Tochter Christine entfernt. Weil das Lesen immer mühsamer wurde, hörte Leny Wyss viel Radio. Besonders angetan hatte es ihr neben Hörbüchern das Echo der Zeit. Diese Sendung gibt es seit 1945. Schon fünf Jahre vorher war Leny Wyss bei der Aargauer Zeitung tätig. Jetzt ist ihre Stimme für immer verstummt.

Operation am offenen Herzen verpfuscht

Christoph Mörgeli auf dem Kriegspfad: Ein Indianer kennt keinen Schmerz. (Screenshot SRF)

Ins Amt schreiben geht nicht: Prof. Maisano ist’s los.

Der Titularprofessor und Vizepräsident der Europäischen Totentanz-Vereinigung weiss, wie es sich anfühlt, wenn man von einer Stelle als Institutsleiter entfernt wird. Vielleicht liegt darin der tiefere Grund, dass sich Christoph Mörgeli mit drei ausführlichen Artikeln in der «Weltwoche» für den zunächst beurlaubten, inzwischen seines Amtes enthobenen Leiter der Herzchirurgie am Unispital Zürich einsetzt.

«Tumult an der Herzklinik», «Zürcher Herzgeschichten» und aktuell gar «Den Falschen beurlaubt» lauten die Titel der ausführlichen Storys, denen man vieles vorwerfen kann, aber nicht das Fehlen eines klaren Standpunkts.

Wie man sich nicht instrumentalisieren lassen darf

Mit rund 28’000 Anschlägen zieht Mörgeli so ziemlich alle Register zur Verteidigung von Prof. Francesco Maisano, Chefarzt der Herzchirurgie am Unispital Zürich (USZ). Die Kampagne könnte von der PR-Agentur Farner, die Maisano zur Unterstützung beigezogen hat, nicht besser orchestriert worden sein. Man sollte sie als Lehrstück für angehende Journalisten anpreisen. Wie man sich als Journalist nicht instrumentalisieren lassen sollte.

Denn es handelt sich um eine dreistufige Rakete mit voller Feuerkraft und Rauchentwicklung. Die erste Stufe, die Ouvertüre, bestand darin, einerseits dem indirekten Vorgesetzten von Maisano, dem Kardiologie-Chef Frank Ruschitzka, die Beteiligung an einem «äusserst schwerwiegenden Publikationsskandal» nochmal aufs Brot zu schmieren. Der musste tatsächlich einen Bericht in einer angesehenen Medizinzeitschrift zurückziehen, weil die darin verwendeten Daten nicht belastbar waren.

Aber Ruschitzka werde mit Samthandschuhen angefasst, beklagt Mörgeli, während Maisano wegen «Verdächtigungen von ungleich geringerem Gesicht sofort beurlaubt wurde». In einem «vom Spitalrat (dem Aufsichtsorgan über das USZ, Red.) bestellten Bericht» werde die Schuld für Reibereien nur Maisano «in die Schuhe geschoben». Wieso wohl das? Nun, ob das wohl damit zu tun habe, dass der Spitalratspräsident Patient von Ruschitzka sei, fragt Mörgeli unschuldig.

Fataler noch, der deutsche Whistlebower, der die Untersuchung gegen Maisano ins Rollen brachte, sei «Mitbegründer und Mitverwaltungsrat» einer Firma; zusammen mit Ruschitzka. Zudem sei der Whistleblower vom Spital entlassen worden, das habe dann der Spitalrat «unter dem öffentlichen Trommelfeuer aus dem Hause Tamedia» zurückgenommen.

Mörgeli blickt furchtlos in einen Abgrund

Ein selten gelungener Blattschuss. Beziehungskorruption, zweierlei Ellen, Anschwärzung mit bestelltem Bericht, ein Whistleblower mit verborgener Agenda. Schwer, da etwas draufzulegen, aber das schafft Mörgeli locker mit Stufe zwei: die geschlagene Bresche erweitern. So rekapituliert Mörgeli eine Woche später seine Vorwürfe, erwähnt befriedigt, dass sie von den Medien aufgenommen wurden, beklagt nochmals die «butterweiche» Behandlung von Ruschitzka, während der «weltweit anerkannte Experte für Mitralklappen», der Beste von 29’000 Experten weltweit, eben der Prof. Maisano, beurlaubt wurde, obwohl doch die Untersuchung «keine Hinweise auf ein strafbares Verhalten» ergeben habe.

Aber der Präsident des Spitalrats, der die Beurlaubung anordnete, sei nicht nur Patient bei Ruschitzka, sondern auch Tauchkollege von Malcom Kohler. Was insofern von Belang sei, weil Kohler Bereichsleiter und damit auch Vorgesetzter von Maisano sei. Schlimmer noch, kehre Maisano nicht umgehend zurück, «dürfte die internationale Reputation des Herzzentrums Zürich leiden». Während der interimistische Leiter «in einer Blitzaktion ohne eigentliches akademisches Auswahlverfahren berufen» worden sei. Also ein Stümper anstelle einer Weltkoryphäe.

Einer geht noch

Geht da noch einer? Aber sicher, rechtzeitig zum Nationalfeiertag steigert sich Mörgeli zum feuerspeienden Höhepunkt: Der Whistleblower habe lediglich die «schon früher geäusserten Vorwürfe von Frank Ruschitzka gegen Francesco Maisano wiederholt», den «international anerkannten Pionier». Auch aufgrund eines von Maisano bei der Nobelkanzlei NKF bestellten Gutachtens «bleibe kein substanzielles Unrecht am Herzchirurgen hängen».

Dann werden noch Stimmen angeführt, die innerhalb und ausserhalb der Klinik die Beurlaubung kritisieren und die Rückkehr der weltweiten Nummer eins fordern. Es handelt sich um eine Rufmordkampagne gegen einen renommierten Arzt, angezettelt von einem Whistleblower, der finanziell mit einem neidischen Kollegen von Maisano verbandelt ist, und durchgeführt von einer Aufsichtbehörde, deren Präsident möglicherweise parteiisch ist. Eine Riesensauerei also.

Der unter dem Trommelfeuer der Tamedia nicht wankende Professor musste sich sogar Hilfe bei einer PR-Agentur holen und ein sicherlich schwindelerregend teures Gutachten besorgen, um seinen blütenweissen Arztkittel vor Dreckeleien, wie Mörgeli so etwas in eigener Sache damals nannte, zu beschützen. Unglaubliche Zustände.

Das Pech klebt an der «Weltwoche»

Nur, dieses Pech ereilt die «Weltwoche» gelegentlich. Als sie ein Loblied auf die UBS anstimmte, musste die Bank am Erscheinungstag um Staatshilfe betteln. Einen Tag, nachdem Mörgeli seine Trilogie mit der krönenden Folge «Den Falschen beurlaubt» abschloss, gab das USZ bekannt, dass es Maisano seines Amtes enthoben habe.

Damit habe er keinen Zugriff mehr auf das spitaleigene Intranet; neu wird ihm auch noch vorgeworfen, dass er während der laufenden Untersuchung auf Daten zugegriffen und sie verändert habe. Er bestreitet auch diesen Vorwurf; da es sich aber wohl nur um Operationsberichte handeln kann, wäre das tatsächlich ein schweres, strafbares Vorgehen.

Und die 132-seitige Rechtfertigungsschrift, die im Vorwurf gipfelt, es werde eine Hetzkampagne gegen ihn geführt, ist das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt wurde. Alle Mitarbeiter der Herzklinik, die sich vor allem auf der Jobplattform Linkedin für ihn und gegen den interimistischen Leiter aussprachen, dürften die sehr bald für eigene Bedürfnisse brauchen.

Mitten im Lauf gestoppt

Dabei war man so gut unterwegs. Die NZZ setzte schon brav Fragezeichen hinter eine mögliche «Vorverurteilung». St. Gallen meldet volle Unterstützung für Maisano, Spitaldirektor und Chef Kardiologie verweigern die Zusammenarbeit mit dem Whistleblower, meldet das «Tagblatt». «Viele Ärzte wollen Maisano zurück», «Unispital verletzt Fürsorgepflicht», nur zwei Titel der Kampagne in «Medinside», einer Medizinerplattform. Selbst aus der fernen Türkei drückt ein Arzt sein Missfallen über die Behandlung von Maisano aus. Alles rausgeschmissenes Geld.

«Gebt mir eine Million, und ich mache einen Kartoffelsack zum Bundesrat», soll der PR-Pionier Rudolf Farner gesagt haben. Aber er ist schon lange tot, einen geschassten Klinikchef kann Farner Consulting nicht wieder ins Amt hebeln. Obwohl alle Register gezogen wurden und vor allem Mörgeli sein Bestes gab. Was leider nicht gut genug ist. So eloquent der Totentanz-Spezialist auch in Sachen Maisano ist, eingeladen zu einer Stellungnahme schweigt er schmallippig. Schade auch, dabei könnte er heute das August-Feuerwerk um «die ins Gesicht explodierende Rakete» erweitern.

Screenshot aus dem 1. August-Video

Ringier: Nicht Number One in Ghana

Schwarz auf weiss, das gilt auch in Ghana.

Am Bundesfeiertag sollte noch eine drängende Frage geklärt werden: Welches ist die beliebteste Online-Nachrichtenplattform in Ghana? Ringier meint: Pulse Ghana. Die Nachrichtenplattform sei die «wichtigste Quelle für Nachrichten und Informationen zu Musik, Filmen, Events, Sport und vielem mehr».

Dazu muss man wissen, dass Pulse Ghana zum Ringier-Konzern gehört. Die wichtigste Nachrichtenquelle Ghanas veröffentlichte kürzlich einen Artikel zum bevorstehenden Bundesfeiertag der Schweiz. Im Video hört man den Schweizer Botschafter Philipp Stalder darüber jammern, dass er dieses Jahr den 1. August nur virtuell feiern könne.

Wird man mit solchen News zur beliebtesten Online-Nachrichtenplattform Ghanas? Wohl kaum. Ein Gradmesser von Beliebtheit ist der Alexa Rank. Das Tochterunternehmen von Amazon sammelt die Daten über Seitenabrufe von Websites.

Ja wo ist denn die Webseite?

Vergebens sucht man die Ringierseite in den Top 50 von Ghana. Otto Normalghanaer ruft lieber andere Nachrichtenportale auf: ghanaweb.com, peacefmonline.com oder modernghana.com. Auch in vielen anderen Bewertungen (hier oder hier) taucht Ringier nicht unter die beliebtesten auf, mit dieser Ausnahme. Aber, Pech aber auch, das ist ein Dienstleister für Marketingmassnahmen.

Ringier sieht sich trotzdem an der Spitze. Auf Facebook und Instagram sei man führend, schreibt die Pressestelle. Aggregiert mit Videoaufrufen und Engagement im Markt sei Pulse Ghana «eine» führende Plattform.

Das hat man in Ghana wahrscheinlich noch nicht mitbekommen. Doch sollte ein Ghanese informationshungrig trotzdem auf Pulse Ghana gelandet sein, hier eine kleine Berichtigung: Den Bundesfeiertag feiert man in der Schweiz nicht wie angegeben seit 1891 am 1. August, sondern erst ab 1899. 1891 wurde er aber immerhin zum Bundesfeiertag erklärt. Und erst seit 1993 lassen die fleissigen Schweizer an diesem Tag überall die Werkzeuge fallen und beziehen einen Freitag.

 

 

Ringiers rassistische Kinderbücher

Als der Neger noch der Neger war.

Die Geschichte geht so: Ringgi, der Abenteurer, und Zofi, sein Hund, retten in Afrika einem Negerkind das Leben (eine Riesenschlange wollte es verzehren). Schon steht aber das nächste Problem an. Die beiden Abenteurer kommen bald in ein Negerdorf. Zofi hat Angst vor den Negern: «Wenn es nun Menschenfresser sind?» Zofi, aber vor allem Ringgi, haben Glück: Die Neger sind gerade satt und gelüsten nicht nach Menschenfleisch. Dafür bietet ihnen ein alter Neger ein schickes Eselfell feil. Ringgi ist scharf darauf. Der dumme Neger will dafür natürlich Bares. Ringgi kramt aus seinem Portemonnaie nicht etwa Geldscheine hervor, wir sind ja in Afrika, sondern zwei Schweizer Briefmarken. «Der Neger sieht sie und ist hell begeistert. Nach zehn Sekunden ist der Tausch vollbracht. Frohlockend trägt der Neger seine Briefmarken in die Hütte.»

Beliebte Kinderbücher aus dem Hause Ringier

Ältere Semester kennen die Geschichten von Ringgi und Zofi noch aus ihrer Kindheit. Der Ringier Verlag gab über Jahrzehnte die beliebten Kinderbücher heraus. Die oben beschriebene Episode stammt aus dem Band «Ringgi + Zofi – Abenteuer in aller Welt». Erstauflage war 1973. Im Buch wimmelt es von Ausdrücken wie «Negerkind», «Negerlein», «Negerdorf» oder «Negerpolizei». Mohrenkopf ist nichts dagegen. Doch nicht nur die Ausdrücke irritieren den Leser, sondern auch die Beschreibungen, die Comics und leider auch die Reimkünste:

Der Freund und Sudanneger gar
Tanzt wie ein wilder Jaguar.

Dieser Band stellt kein Einzelfall dar. Auch in den späteren Ringier-Büchern wimmelt es von rassistischen Beschreibungen. Das Thema Menschenfresser fasziniert Ringier auch in der Geschichte «Ringgi und Zofi am Amazonas». Diesmal sind es aber nicht gefährliche Neger, die die beiden Ringier-Angestellten kochen wollen, sondern Indianer:

Schon sitzen sie im Suppentopf
doch Ringgi wahrt den kühlen Kopf
Er sagt zum Häuptling: «Eine Schande
ist Gast zu sein wohl hierzulande!»

Heute ist der Verlag in Afrika dick im Geschäft. «Pulse Ghana» soll gemäss Ringier Ghanas beliebteste Online-Nachrichtenplattform sein. Elf weitere Seiten decken Länder wie Kenia oder Tansania ab.

Ringier hat mit seinen rassistischen Kinderbücher auch heute kein Problem. «Zur Zeit ihrer Erstellung galten sie keineswegs als diskriminierend», meint die Mediensprecherin. Als Vergleich zieht sie den Klassiker «Emil und die Detektive» herbei. Der Vergleich irritiert etwas. Erich Kästner schrieb seinen Emil im Jahre 1928. Zudem verzichtete Kästner in seiner Detektivgeschichte auf menschenfressende Neger oder Analogien zur Kolonisation. Auch die «Papa Moll»-Bände, die die Mediensprecherin als Vergleiche erwähnt, beinhalten keine rassistischen Zitate; höchstens bessere Reime.

Die eidgenössische Fachstelle für Rassismusbekämpfung FRB findet für die Aussagen im Kinderbuch von Ringier deutliche Worte: «Diese Aussagen sind  rassistisch.»

Keine Aufarbeitung, kein «sorry»

Auf eine Aufarbeitung will Ringier genauso verzichten wie auf eine Distanzierung. «Würden wir «Ringgi und Zofi» neu auflegen – was nicht geplant ist – würden Passagen, die heute diskriminierende Inhalte vermitteln würden, selbstverständlich korrigiert.» Der Verlag würde es «aufrecht bedauern», wenn «sich Menschen von Aussagen oder Abbildungen in «Ringgi und Zofi»-Büchern diskriminiert fühlen». Wenn ein Schwarzer also Ringiers Kinderbücher liest und sich dabei verletzt fühlt, hätte er Ringiers Ehrenwort, dass der Konzern seine Enttäuschung bedauert.

Die Verlegersgattin Ellen Ringier ist bekannt durch ihr Engagement gegen Rassismus und ihren Einsatz für Kinder. Eigentlich die perfekte Ansprechperson. Auf Anfrage von ZACKBUM.ch teilt sie aber mit: «Meine persönliche Einstellung zu Rassismus ist seit bald einem halben Jahrhundert bekannt, aber auch dieses langjährige Engagement gestattet es mir nicht, Ihnen im Namen des Verlags – übrigens: zu welchem Thema auch immer – zu antworten.»

Im Gespräch erwähnt die Mediensprecherin alte Globi-Bücher, die ebenfalls daneben hauten. Das stimmt, der Schweizerische Nationalfonds hat 2012 die alten Globi-Bücher analysiert und ist dabei auf die wenig überraschende Erkenntnis gestossen, dass «Globi’s Weltreise» aus dem Jahr 1935 rassistische Elemente aufweist. Die kritisierten Texte sind allerdings weniger deftig als die im Ringier-Buch, knapp 40 Jahre später.

Die Fake-Meisterschaft

Der Ball ist rund. Für die Gebrüder Schifferle und den Ringier-Konzern.

Corona-Alarm beim FC Zürich, bei Neuenburg Xamax und beim FC Basel. Trotzdem wird die Meisterschaft fortgesetzt. Auslaugende zwei bis drei Spiele pro Woche sorgen dafür, dass Teams mit Tempofussball wie der FC St. Gallen immer häufiger verlieren. Niemand hinterfragt, warum man dem Trauerspiel nicht einfach ein Ende setzt und die Saison abbricht. Es fehlt offensichtlich die Distanz, eigentlich ein Corona-Gebot der Stunde.

Doch im Schweizerischen Fussball ist das Gegenteil der Fall. Fast alle sind miteinander verbandelt und voneinander abhängig. Ringiersports.ch, das wie der «Blick» zum Ringier-Konzern gehört, vermarktet die Werberechte der Swiss Football League. Kein Wunder, will die Sportredaktion des «Blick» die ordentliche Meisterschaft durchpeitschen. Da spielt sogar der temperamentvolle Ancillo Canepa, der FCZ-Präsident, artig mit. Er lässt ein Nachwuchsteam antreten, um keinen Meisterschaftsabbruch zu riskieren. Und Thomas Schifferle, einflussreicher Sportredaktor bei der TX Group, schreibt als Bruder des umstrittenen Liga-Präsidenten Heinrich Schifferle oft über Fussball und Vereinsbelange. Und selten kritisch.

«Wohl nicht mehr über Fussballbelange schreiben»

A propos Schifferle. Blenden wir zurück. 20. November 2011: Heinrich Schifferle lädt zum Gespräch. Im «Hotel Banana City» in Winterthur, wie die «NZZ» damals vermeldete. Heinrich Schifferle, seit 1999 im Swiss Football League-Vorstand, will in einer Kampfwahl das Präsidium des damaligen Ligapräsidenten Thomas Grimm übernehmen. Und versichert gegenüber der NZZ: Künftig werde Thomas Schifferle, sein Bruder, wohl nicht mehr über Liga-Belange schreiben.

Heinrich Schifferle gewann die Wahl wenige Tage später. Hauptamtlich blieb der neue Präsident Geschäftsleiter der Immobilien-Holding Siska mit einem Immobilienbestand von gegen einer Milliarde Franken. Doch hinter den Kulissen rumorte es gewaltig.

«Unverfroren und selbstherrlich»

Juli 2020: Heinrich Schifferle ist immer noch Präsident der Swiss Football League und will es gemäss Interview mit Radio SRF bis 2021 auch bleiben. Aber er ist mittlerweile verurteilt wegen mehrfacher ungetreuer Geschäftsbesorgung. Bestraft wurde er mit einer bedingten Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 800 Franken (was happige 144 000 Franken ausmacht). «Er agierte unverfroren und geradezu selbstherrlich», heisst es in der Urteilsbegründung. Schifferle war 2014 fristlos entlassen worden als Geschäftsführer der Siska. Siska, das ist das Familienunternehmen Heuberger aus Winterthur mit gut 2000 Wohnungen im Portfolio. Und der Aktienmehrheit von Radio und Tele Top. Die Anklagepunkte lassen auf eine gewisse kriminelle Energie von Heinrich Schifferle schliessen. Oder zumindest auf ein abgehobenes Weltbild à la Sepp Blatter. Einfach zwei Ligen tiefer. Schifferle hat private Fahrzeugversicherungen für seinen Aston Martin über die Firmenkasse abgerechnet. Zudem hat er «einen dubiosen Deal» (NZZ) mit seinem Zahnarzt abgeschlossen. Im Stil von: «Ich mach Dir die Buchhaltung, Du mir die Zähne». Dumm nur, dass Schifferle diese Arbeit von der Siska-Buchhaltung erledigen liess. Das erstinstanzliche Urteil hat Heinrich Schifferle nun ans Obergericht weitergezogen. Damit kommt es zu einem zweitinstanzlichen Prozess – frühestens nach den Sommerferien. Bis zu einem rechtsgültigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

Reputationsschaden wegen Verurteilung?

Das Blätterrauschen zu diesem Gerichtsurteil vom Herbst 2019 war lau – verdächtig lau. Die NZZ stellte immerhin die Frage in den Raum, ob Heinrich Schifferle noch tragbar sei oder nicht in den Ausstand treten soll, bis das Verfahren beendet sei. Stichwort Reputationsschaden für den Schweizer Fussball. Derweil dozierte Redaktor Thomas Schifferle im Tagesanzeiger vom 30. April 2020 frischfröhlich darüber, ob Geisterspiele – also Meisterschaftsspiele ohne Zuschauer – sinnvoll seien. Sein Fazit: wegen der Finanzen (die vierte Finanztranche an die Clubs in der Höhe von 7,5 Millionen Franken) ist der Saisonabschluss nötig. Und das sollen keine Ligabelange sein?

Die Fussballmeisterschaft in der Schweiz gleicht seit Wochen einer Operettenliga, um das Lieblingswort von Sportjournalist Klaus Zaugg zu benutzen. Aber es hängt zu viel Geld am Meisterrennen. Die letzte Tranche à 7,5 Millionen Franken für die Übertragungsrechte bekommen die Clubs nur, wenn die Meisterschaft zu Ende gespielt wird. Kein Wunder, will sich auch von den Medien, zumindest von den Sportressorts, beim Thema Schweizer Fussball niemand die Finger verbrennen.

Globalisierter «Schweizer Journalist»

David Sieber hat auch ein Pech. Und dann kommt noch Ungeschick dazu

Eigentlich könnte David Sieber sich selbst als Beispiel nehmen. Für das Elend des aktuellen Bezahl-Journalismus. Denn nach immerhin sechs Jahren gab er angeblich auf eigenen Wunsch die Chefredaktion der Südostschweiz ab. Anschliessend gab er nach nur zwei Jahren nicht auf eigenen Wunsch die Chefredaktion der Basellandschaftlichen Zeitung ab.

Und dann als Nachfolger von Kurt W. Zimmermann in doch eher grössere Fussstapfen als neuer Chefredaktor des «Schweizer Journalist». Ach, der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Sieber stolzer Besitzer der Texterei Sieber GmbH ist. Hier hat er «auf Mandatsbasis» dieses Blatt übernommen.

Nun wollte es das ungnädige Schicksal, dass auch am «Schweizer Journalist» die Pandemie nicht spurlos vorüberging. Als Sparmassnahme gab es eine sozusagen globalisierte Ausgabe für Deutschland, Österreich und die Schweiz insgesamt. Das war Pech.

Dr. Media hat sich entleibt

Ungeschickt war es aber, die gern gelesene Rubrik «Dr. Media» weiterzuführen. Die ist inzwischen gespült, in der neusten Ausgabe Nr. 3/2020 kommt sie nicht mehr vor. Dafür aber eine Berichtigung und Entschuldigung. «Dr. Media» muss einräumen, dass er trotz Dementi ein blödes Gerücht über die Gründe des Abgangs des stellvertretenden Chefredaktors der «Weltwoche» verbreitet habe.

Da das zudem «mutmasslich persönlichkeitsverletzend» sei, «entschuldigt sich Dr. Media in aller Form für die Falschmeldung». Offenbar hat sich der Medienkenner auch gleich noch selbst entleibt, weil er vielleicht mit dieser Schande nicht mehr weiterleben wollte.

Aber nach der Spar-Ausgabe 2 ist nun Nummer 3 wieder randvoll mit Schweizer Inhalt. Könnte man meinen. Bei genauerer Betrachtung sind aber von den 98 Seiten Heftumfang rund ein Dutzend über Schweizer Themen; das meiste in der billigsten journalistischen Form, dem Interview.

Medienlandschaft in Ostfriesland

Auf den übrigen Seiten bringen uns Journalisten aus Deutschland und Österreich fremde Gebräuche und Sitten bei; wir wollten im Schweizer Journalist zum Beispiel schon immer gerne etwas über die Medienlandschaft in Ostfriesland lesen.

Ach, dann gibt es noch fünf Seiten über Schweizer Tourismus. Sauber aufgeteilt in drei Seiten Interviews und eine Doppelseite «Entgeltliche Einschaltung». Also ein Inserat, das täuschend ähnlich wie redaktioneller Text daherkommt. Es ist auch eher selten, dass der gleiche Journalist, der auf dem Cover abgefeiert wird, dann auch noch selber einen Zweiseiter zum Blatt beiträgt.

Denn wenn dir gar nichts einfällt, dann mach eine Auswahlstrecke. 10 Journalisten ohne dritte Zähne. 20 Sportjournalisten, die überlebten. Oder eben: «30 unter 30, junge Talente 2020». Es sei schwierig gewesen, auszuwählen, behauptet Sieber, fast 100 seien zur Auswahl gestanden. Verzeihlich, dass auch einer reinrutschte, der die 30 schon überschritten hat. Oder zwei «Autodidakten», die ohne Rücksicht auf Verluste oder journalistische Standards eine Miniplattform für Hardcore-Linke herausgeben.

Aber um solche Details ging es natürlich nicht; es ging einfach darum, 9 Seiten abzufüllen. Ob allerdings der Schweizer Medieninteressierte weiterhin bereit ist, 15 Franken dafür auszugeben, dass ihm mediale Blickpunkte aus Deutschland oder Österreich nähergebracht werden, garniert mit ein paar Seiten Belangloses aus der Schweiz, muss bezweifelt werden.

Wir nehmen, was wir kriegen

Werbende Redaktion: die durchlöcherte Trennung.

Völlig unabhängig: Links die Lieblingsbrote der «Watson»-Redaktion. Rechts: reiner Zufall?

Die Erklärungen werden immer abenteuerlicher. Der Chefredaktor von «watson» räumt ein, dass seine Journalisten auch Werbetexte absondern müssen. Vornehm umschrieben als «Paid Content», «Publireportage», «native Ad» oder wie auch immer.

Dadurch sei keine Beeinflussung des redaktionellen Inhalts möglich, da die Redaktoren nicht wüssten, für welche Firma sie als Werbetexter in die Tasten griffen, behauptet er. Da lachen ja die Hühner. Bei diesem Beispiel hier haben kritische und völlig unabhängige «Watson»-Schreibknechte ihre Lieblingsbrote vorgestellt, mitsamt Rezept. Wunderbar, wir wussten doch, dass «Watson» was mit Teig zu tun hat. Und rechts? Nett von der Migros, noch ein paar Backtipps zu geben.

Der Laie und der Fachmann fragt sich: Wie nennt man denn das? Eingebackene Werbung? Altes Brot? Wer keine Ahnung hat, fragt den Chefredaktor von «Watson», Maurice Thiriet. Der weiss es: «Dieses Produkt heisst Content Bridge.» Wunderbar. Wenn also James Bond das nächste Mal auf seine Omega schaut oder einen Bollinger bestellt, dann kann man kennerisch murmeln: Ah, eine Inhaltsbrücke. Dabei hatte Dom Pérignon viel mehr Stil, aber da scheint die Inhaltsbrücke zusammengebrochen zu sein. Denn Bond säuft, wofür er bezahlt wird.

Das Versprechen einer Zeitungsredaktion – ob online oder im Print – lautet: Lieber Leser, du bekommst hier nach allen journalistischen Regeln erarbeitete Artikel serviert, die den Kaufpreis wert sind. Stichwort Qualitätsjournalismus.

Da leider dein Abonnement oder dein Kauf eines Exemplars nicht ausreicht, um alle unsere Unkosten zu decken, servieren wir dir auch Werbung. Die kannst du lesen, überlesen oder dich von ihr verführen lassen.

Treuherziges Geschwurbel

Aber dann legt die Redaktion die Hand aufs Herz, übt ihren besten, treuherzigen Blick und sagt: Aber niemals vermischen wir redaktionellen Inhalt und Werbung. Niemals lassen wir uns von Werbung dazu verführen, unsere strikte Objektivität im redaktionellen Teil aufzugeben. Niemals servieren wir dir Werbung als redaktionellen Inhalt. Auch da lachen die Hühner.

Schon ein einziges Mal einen kritischen Bericht über ein neues Auto gelesen? Zur Kenntnis genommen, dass Autoimporteure, neben Detailhändlern, die letzten grossen Inserenten sind? Schon mal geglaubt, dass die von der Beauty-Redaktion ausgewählten Cremes und Wässerchen völlig unabhängig vom Inserat eines Beauty-Discounters empfohlen werden?

Früher nannte man es Schleichwerbung

Nun kann man sagen, dass der Kaufentscheid für eine Antifalten-Creme oder einen Neuwagen nicht wirklich von umwerfender Bedeutung ist. Auch wenn die Glaubwürdigkeit der redaktionellen Unabhängigkeit angekratzt ist. Genauso wie durch Reiseberichte, die man nicht Reportage nennen sollte, weil verschämt am Schluss erwähnt wird, dass er durch Airline XY und Hotelkette YZ ermöglicht wurde.

Richtig abgründig wird es allerdings mit immer neuen Formen der Werbung, die man nicht mal mehr als Schleichwerbung bezeichnen kann. Und bei der es auch um politische Entscheidungen geht. Zum Beispiel bei der Konzernverantwortungsinitiative. Das ist etwas anderes, als dass bei Tamedia beispielsweise Kochseiten täuschend ähnlich wie redaktionelle Beiträge daherkommen. Aber bezahlte Werbung sind.

So flatterte neben einem redaktionellen Beitrag zur Initiative rechts eine Ankündigung, die versprach, nach der Lektüre zu «unserem Faktencheck» innerhalb eines «Dossiers» zum Thema zu leiten. Faktencheck, Dossier, das sind Begriffe, die Redaktionen gerne verwenden.

Was ist Kontextuelles Zielen?

Nur handelte es sich hier um ein bezahltes Inserat, von einer PR-Agentur aufgesetzt. Im Dienste von Gegnern der Initiative.

Das sei «Contextual Targeting», schwurbelte Tamedia zur Verteidigung, ausserdem sei es dem Leser doch klar, dass Tamedia niemals ein «animiertes Werbebanner» als Verweis zu einem selber gebastelten Inhalt verwenden würde.

Dennoch rügte der Presserat den Konzern zum wiederholten Male, er sei «beunruhigt über die zunehmend feststellbare Verschleierung von kommerziellen Inhalten». Das hat natürlich auch damit zu tun, dass immer mehr Journalisten die Flucht in PR oder Firmenkommunikation antreten. Bevor sie auch noch weggespart werden.

Der Vorwurf, dass der redaktionelle Inhalt auf der Rückseite von Inseraten stattfindet, ist so alt wie die Newsmedien. Daran hat auch das Internet nicht viel geändert. Richtig ist, dass mit solchen Unschärfezonen der überschaubare finanzielle Ertrag mit einem gewaltigen Verlust an Glaubwürdigkeit und Vertrauen erkauft wird. Wenn das fehlt, ist das Organ zum Untergang verurteilt.

Und hat natürlich jeden Anspruch verwirkt, als angeblich unverzichtbare vierte Gewalt Staatssubventionen zu kassieren.

Der Agent im Dienste ihrer Majestät und von Labels und Marken darf das. Er wird dafür bezahlt. Wer dann so blöd ist, einen Bond-Champagner für 185 Franken zu bestellen, ist selber schuld. Okay, wer «Watson» liest, auch. Ist immerhin gratis.

 

Blabla hat eine meditierende Wirkung

Zappelseibt

 

Ich rutschte sofort in den Geburts­kanal, meine Mutter musste ohne Wehen weiter pressen (aus Folge 8, ADHS-Kolumne)

Ein grosses Stück Mutterkuchen für  die «Republik» : Der Starjournalist Constantin Seibt hat eingewilligt, eine regelmässige Kolumne zu schreiben. Vielen Abonnenten der Republik war Seibt der eigentliche Grund, das Abo zu erneuern. Zu ihrem Glück befindet sich der Maestro gerade in der Spätphase der Geschwätzigkeit.

Losgelöst von jeder Aktualität schreibt Seibt nun so lokal, wie es nur geht, nämlich über sein Gehirn, und warum das nicht so gut funktioniert. Seibt hat nämlich von Onkel Doktor die Diagnose ADHS erhalten. ADHS, auch bekannt als Zappelphillipp-Syndrom, ist eine gefährliche Krankheit. Wie überhaupt alle Krankheiten mit vier Buchstaben: AIDS, ABBA, Kopf(weh).

Wer unter ADHS leidet, wird selten 100 Jahre alt. Leute mit ADHS fahren in Kontinentaleuropa häufig rechts auf der Strasse und nicken bei Texten über 5000 Zeichen ein. Ausser, sie schreiben selber Zeichenungetüme.

Krankheit ADHS

Seibt, vor Kurzem Vater geworden, leidet aber nicht nur unter ADHS. Er leidet auch unter einem falschen Körper. Normalerweise schreiben eher Frauen Blogs über ihren Körper. Zum Beispiel, wenn sie unter Schwangerschaft oder Menopause leiden.

Schon zehn Folgen hat er geschrieben, und es kommen noch viele mehr, hoffentlich. Seibt schreibt, was ihm durch den Kopf geht. Und das ist ziemlich viel. Zum Beispiel, wie er durch den Geburtskanal vom Mami durchgeflutscht ist und dass er beim «Tagi» mehr verdient hat als 99 Prozent der Menschheit.

Eigentlich gibt es bei der «Republik» bereits diverse Kontrollinstanzen. Für die Artikel von Seibt bräuchte es aber noch einen Papagei im Redaktionszimmer, der alle zehn Sekunden kräht: «Nicht lustig, nicht spannend, nicht relevant.» Denn was mit Seibt geschehen ist, macht nur traurig. Der ehemals nicht untalentierte Autor hat keinen Rahmen mehr. Der Esprit ist verloren gegangen. Wenn Seibt heute schreibt, ist das nur noch ein zäher Monolog mit ein paar Aphorismen.

Nun, ich wünsche Seibt viel Geduld mit seiner Krankheit und rate ihm zu Computerspielen, Schnapps oder Ritalin. Die beruhigen ungemein. Ich weiss das, weil ich auch ADHS habe. Seit 43 Jahren.

Das grosse Bibbern im Internet

Endlich Profit im Jahr 2020. Das war die Ansage. Millionenverluste ist die Realität.

News-Plattformen im Internet. Keine Distributionskosten, überall auf der Welt gibt es Zielpublikum, das muss doch laufen. Schaut Euch nur die Huffington Post an. Als persönlicher Blog von Ariane Huffington gestartet, dann zu einer einflussreichen Stimme in den USA gereift, schliesslich für Multimillionen verkauft.

The sky is the limit, wie der Ami gerne sagt, bei dem die Träume immer sehr hoch steigen. Meistens aber vor der Bruchlandung. Die deutsche Ausgabe der HuffPost wurde 2013 zusammen mit Burda Medien mit viel Trara gestartet, 2019 ohne grosses Begräbnis beendet.

BuzzFeed und Vice Media gehören auch zu den grossen Internet-Stars mit vielen Ablegern in verschiedenen Sprachen. Sie erhofften sich 2020 endlich schwarze Zahlen. BuzzFeed kündigte – zum ersten Mal seit Gründung – einen Gewinn von 30 Millionen Dollar an für dieses Jahr. Inzwischen, schreibt die «Financial Times» (Artikel hinter Bezahlschranke), hofft man, die Verluste auf unter 20 Millionen zu drücken.

Geld verdienen statt verbrennen

BuzzFeed und Vice hatten schon 2019 tiefe Einschnitte in die Kosten gemacht und rund 15 Prozent der Mitarbeiter entlassen. Wir sprechen hier von Hunderten von Stellen weltweit. In diese beiden Platzhirsche wurden bereits Milliarden investiert, in der steten Hoffnung, dass doch irgendwann einmal nicht mehr Geld verbrannt, sondern verdient werden kann.

Das sind Giganten, gegen die alles, was in der Schweiz im Internet kreucht und fleucht, selbst unter der Lupe nur Zwergengrösse erreicht. Vice machte letztes Jahr einen Verlust von 50 Millionen Dollar, bei Einnahmen von 600 Millionen. Dabei ist völlig klar, dass es im Werbemarkt nur einen Gewinner gibt: online. Einnahmen aus Online-Marketing steigen und steigen, in den nächsten fünf Jahren wird ein weiterer Sprung von 300 auf 400 erwartet. Milliarden Dollar.

Print, TV, Radio, Plakate und Direct Marketing dagegen stagnieren oder schrumpfen und schrumpfen. Auch in den USA passiert das Gleiche wie in der Schweiz. Die Einnahmen kommen nicht in erster Linie bei den Content Providern an. Sondern bei den Platzhirschen Google und Facebook. Die schneiden sich zusammen 54 Prozent vom Werbekuchen ab.

Google, Facebook, dann lange nichts

Dann folgen schon abgeschlagen Amazon, YouTube, Twitter und Snapchat. Die Pandemie hat nun noch für eine weitere Verschärfung der Lage gesorgt. Querbeet sind die Werbeeinnahmen eingebrochen. Nur Qualitätsmedien wie die «New York Times» (oder die «Financial Times») mit konsequenter Bezahlschranke im Internet können sich zurzeit einigermassen halten.

Keine good news für «Watson» in der Schweiz. Das einzige grössere Online-Only-Magazin, das sich nur aus Werbung finanziert. Alle übrigen, von der «Republik» aufwärts und abwärts, bedienen jeweils nur eine verschwindend kleine Randgruppe. Wer dabei – wie die «Republik» – auf Werbeeinnahmen verzichtet, ist dafür dem Wohlwollen seiner Klientel völlig ausgeliefert. Wird deren Filterblase nicht bedient, straft der Abonnent schnell mit Abbestellung.

Also sind die News ohne Blabla oder Bullshit auch in der Schweiz: Wer kein tragfähiges Finanzierungsmodell hat, wer sich von Google & Co. die Werbebutter vom Brot nehmen lässt, ist zum Untergang verurteilt. Das gilt für Grosse und Kleine, aber natürlich nicht für ZACKBUM.ch.