«Fairmedia» wird unfair

Der Verein «Fairmedia» vergreift sich bei der Wahl der Unterstützungsbedürftigen.

Von Adrian Venetz

Wer schon einmal vor Gericht stand oder stehen musste, dürfte vor allem dies in Erinnerung behalten haben: Es ist kompliziert, es ist zeitaufwendig. Und es kann verdammt teuer werden. Mir blieben solche Erfahrungen bislang gottlob erspart. Als Journalist hatte ich den vergangenen 20 Jahren aber dutzendfach mit Menschen zu tun, die – oft gänzlich unschuldig – in die Mühlen der Justiz geraten waren.

Und die daran fast zerbrachen: weil sie den Juristenjargon in den Urteilen nicht verstanden und sich dumm fühlten; weil sie den Ausführungen ihres Anwalts nicht folgen konnten; weil sie nicht verstanden, warum alles so lange dauert und so viel kostet. Und vor allem: Weil sie in ständiger Sorge lebten, dass der finanzielle Aufwand ihnen das Genick bricht.

Dank verschiedenen Institutionen, Stiftungen und Vereinen gibt es niederschwellige Angebote, beispielsweise in Form von unentgeltlicher Rechtsberatung. Auch der Basler Verein «Fairmedia» gehört dazu. Bekannte Gesichter und Namen wie Catherine Thommen und Peter Bertschi finden sich im Vorstand. Mit Spenden und Mitgliedschaften kann der Verein unterstützt werden. Laut eigenen Angaben bildet der Verein mit Geschäftsstelle eine «kostenlose Anlaufstelle für Betroffene von Medienberichten». Das ist rühmlich. Sehr sogar. Zu viele Menschen sind schlicht überfordert, wenn sie es mit Boulevardmedien und der Justiz zu tun kriegen.

Nun ruft der Verein zu einer grossen Sammelaktion auf. Auf der Website von «Fairmedia» wurde sogar extra eine Menüpunkt dafür geschaffen. Noch nie hat der Verein derart offensiv um Unterstützung geworben. Und wem kommt das Geld zugute? Einfachen Menschen, die sich finanziell kaum über Wasser halten können und sich plötzlich mit Medienrecht befassen müssen? Menschen, die niemand kennt und die sich nichts sehnlicher wünschen als eine helfende Hand in einem Rechtsstreit? Nein.

Dieses plötzliche Aufbäumen des Vereins, diese grosse Sammelaktion kommt nicht ihnen zugute, sondern dient als Finanzierung für den Rechtsstreit von Jolanda Spiess-Hegglin. Der neu geschaffene Menüpunkt heisst «Team Jolanda». Das ist weniger löblich. Das ist vielmehr ein Hohn für all jene, die wirklich juristische Hilfe brauchen und sich kaum ein 10-minütiges Gespräch mit einem Provinzanwalt leisten können. Menschen, die niemals einen eigenen Menüpunkt auf einer Website erhalten werden, weil kein Schwein sie kennt und kein Schwein sich für sie interessiert.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Berufung ans Bundesgericht völlig aussichtslos und reine Geldverschwendung ist.

Und genau das, liebe Freunde von Fairmedia, ist nicht löblich, sondern ekelhaft.

Wir fordern, dass weniger gefordert wird

Umso bedeutungsloser die Medien werden, desto lauter krähen sie Forderungen heraus.

Die Taliban haben in Afghanistan die Macht ergriffen, der letzte US-Soldat ist in den letzten Flieger gestiegen, der den Flughafen von Kabul Richtung Rettung verliess. Das lässt der «Tages-Anzeiger» von München aus beobachten, weil man dort die grossen Fernrohre Richtung Kabul stehen hat.

Nun gibt es aber noch eine – eigentlich überflüssige – Auslandredaktion von Tamedia. Wenn’s der langweilig wird, die ß aus den Artikeln der «Süddeutschen Zeitung» zu entfernen und «parken» durch «parkieren» zu ersetzen, «grillen» durch «grillieren», dann schreibt man einen Kommentar.

Nicht man, der Auslandchef Christof Münger höchstpersönlich. Zunächst äussert er einen menschenfreundlichen Wunsch:

«Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn sich IS-Terroristen und die Taliban in einem abgelegenen Tal Afghanistans gegenseitig in die Luft sprengen

Aber, da ist Münger welterfahrener Realist: «Nur wird es nicht so laufen.» Schade auch, aber wie soll man dann mit dieser «islamistischen Brut» umgehen? Einfach ignorieren? Aber nein, meint Weltpolitiker Münger, denn «bereits erheben sich Stimmen, unter anderem der britische Premier Boris Johnson, die fordern, mit Verbrechern wie den Taliban zu verhandeln».

Sprengkommando aus dem Hause Tamedia.

Das geht gar nicht, donnert Münger von seinem Kommandopult an der Werdstrasse oder vielleicht aus dem Homeoffice: «Die Taliban sind und bleiben eine Terrororganisation. Mit ihnen zu verhandeln, ist keine Option, ausser es geht um humanitäre Hilfe für die leidgeprüfte Bevölkerung.»

Verhandlungen sind für den Arsch, meint Münger

Verhandeln ist nicht, meint Münger fundamentalistisch, er hat auch eine putzige Begründung dafür: «Wohin das führen kann, hat das Abkommen von Doha gezeigt, das die US-Regierung an der afghanischen Regierung vorbei mit den Taliban erzielt hat. Donald Trumps Deal hat es den selbst ernannten Gotteskriegern erst ermöglicht, Afghanistan handstreichartig zu erobern.»

Wenn ein Volonteur als Fingerübung so einen hanebüchenen Unsinn absondern würde, würde man ihn darauf aufmerksam machen, dass selbst in einem Kommentar die Vergewaltigung der Wirklichkeit ihre Grenzen hat. Weder der korrupten und weitgehend machtlosen afghanischen Marionettenregierung, noch der Militärmacht NATO war es in 20 Jahren gelungen, eine Art Zivilgesellschaft gegen die Stammeskrieger zu errichten.

Mangels funktionsfähiger Alternative war es nur konsequent, nach Zehntausenden von Toten die Besatzung zu beenden.

Schlimmer noch ist, dass Münger kategorisch jede Verhandlung mit den Herrschern des Landes ablehnt. Gilt das auch für Burma? Für alle gescheiterten Staaten in Afrika? Für Venezuela? Für Saudi-Arabien? Für den Iran? Dort herrschen doch auch entweder Terrororganisationen oder Regimes, die Terrororganisationen unterstützen.

Wenn Münger verhandeln würde …

Was heisst da «ausser es geht um humanitäre Hilfe»? Wie würde das Münger machen, sässe er nicht hinter einem Bildschirm, sondern vor den Taliban?

«Hört mal, ihr islamistische Brut, ich will jetzt über humanitäre Hilfe verhandeln. Könntet ihr euch währenddessen in einem abgelegenen Tal gegenseitig in die Luft sprengen? Danke.»

Aber die Welt kann aufatmen: die Meinung Müngers interessiert wirklich nicht. Ausser den armen Abonnenten eines Produkts von Tamedia, die sogar noch für diesen Stuss etwas bezahlen müssen.

Was Münger recht ist, kann Cavelty nicht unrecht sein

Nur schon aus Gründen der Ausgewogenheit fügen wir ein Beispiel aus dem Hause Ringier hinzu. Dort will man ja den Lead bei der Bekämpfung von sogenannten Impfgegnern nicht aus der Hand geben. Dafür ist die indirekte Bewirtschaftung des Themas geeignet:

So sieht ausgewogene Berichterstattung aus.

Aber auch vor direkten Forderungen, Ratschlägen und Urteilen schreckt man nicht zurück. Der Chefredaktor des «SonntagsBlick» muss sowieso eine Scharte auswetzen, die er sich mit dem Versuch der Berichterstattung über den ehemaligen VR-Präsidenten von Raiffeisen eingehandelt hatte.

Der donnerte doch in einem Editorial:

«Die Impfgegner machen mit dem Virus gemeinsame Sache».

So interpretiert Gieri Cavelty kühn die Aussagen eines Immunforschers: «Die Impfgegner identifizieren sich nicht bloss sprachlich mit dem Virus, sie machen gemeinsame Sache mit ihm und sichern seinen Fortbestand

Unangenehme Unwahrheiten: Editorial von Cavelty.

Impfen als Allheilmittel? Das durchgeimpfte Israel wandelt sich vom Musterknaben zum neuen Brutherd der Pandemie. Wirksamkeit der Impfung? Fehlen eines Impfzwangs? Was kränkeln Cavelty solche Probleme an, für die zusätzlich beschlossenen Staatssubventionen macht er doch gerne das Sprachrohr der Landesregierung.

Wer hört schon noch auf Journalisten?

Aber auch er trompetet so kräftig, weil er eigentlich weiss: die Meinungsmacht «Blick» ist längst ins Grab gesunken, auch ohne Virus. Die Zeiten, als nicht nur in Bern ängstlich darauf geschaut wurde, ob der «Blick» eine Kampagne für oder gegen etwas führt, sind längst vorbei.

Zu beobachten ist eine allgemeine Verzwergung der Medienhäuser. Den Zusammenschluss von ein paar Mücken jubeln sie zu einem «Digital-Riesen» hoch. Dabei spüren das die wirklichen Riesen nicht einmal. Mangels Möglichkeiten zur Recherche oder fundierter Analyse werden weiterhin ungeniert Forderungen aufgestellt, Behauptungen, unqualifizierte Meinungen geäussert.

Fröstelnd in der Abenddämmerung ihres Bedeutungsverlusts wollen sie sich wie in alten Zeiten an den Flammen der feurigen Meinungsäusserung wärmen. Es den Taliban, dem Virus, den Impfgegnern mal so richtig zeigen. Dabei braucht man schon die Ohren eines Elefanten, um das Gesumme dieser Fliegengewichte überhaupt noch zu hören.

11. September 2001

Afghanistan ist das vorläufige Ende einer fatalen Entwicklung.

Es fehlen noch 11 Tage, dann jährt sich einer der brutalsten Terroraktionen der jüngeren Geschichte zum 20. Mal.

Es sind Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingegraben haben. Jeder weiss noch, wo er war, als er das erste Mal die einstürzenden Zwillingstürme in New York am TV gesehen hat.

Wenn es – innerhalb der perversen Logik dieser religiösen Fanatiker – einen erfolgreichen Anschlag gegeben hat, dann war es dieser. Er führte zwar dazu, dass in Afghanistan die Steinzeit-Taliban von der Macht verjagt wurden, weil sie Osama Bin Laden und vielen anderen Terrororganisationen Unterschlupf gewährt hatten. 

Aber derselbe Bin Laden konnte dann unbehelligt viele Jahre in Pakistan leben. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die USA nicht so leicht an ein Land herantrauen, das die Atombombe besitzt. Also wurde die logistische und sonstige Unterstützung islamistischer Terrororganisationen durch das pakistanische Militär und den Geheimdienst toleriert.

Der irakische Diktator Saddam Hussein hingegen konnte sich zu Recht darüber beschweren, dass er mit falschen Anschuldigungen («the guy who tried to kill my daddy», George W. Bush Junior) von der Macht vertrieben wurde.

Er hatte – unterstützt durch die USA – jahrelang einen mörderischen Angriffskrieg gegen den Iran führen dürfen. Er durfte Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Ungestraft. Er hatte aber weder Osama Bin Laden, noch andere Terrororganisationen unterstützt, geschweige denn Massenvernichtungswaffen in seinem Besitz. Aber mit dieser Begründung wurde er gestürzt.

Chaos durch den Kampf gegen den Terrorismus

Und der Irak ins Chaos gestürzt, kurz darauf die halbe arabische Welt. Libyen, Syrien, eine Blutspur der Verwüstung, Zerstörung, begleitet von der wöchentlich durch den Friedensnobelpreisträger Präsident Obama abgenickten «Kill List», seine Autorisierung für die Liquidation angeblicher Terroristen, meistens mit Drohnenangriffen. Dass dabei Kollateralschäden wie die Bombardierung von Hochzeitsgesellschaften und gar anschliessender Trauerfeierlichkeiten hingenommen wurden, trieben den religiösen Fanatikern scharenweise Anhänger zu.

Die wichtigsten Unterstützer des islamistischen Terrors, die Staaten der arabischen Halbinsel, in erster Linie Saudi-Arabien und Katar, kamen aber immer ungeschoren davon. Verbündete des Westens, wichtige Öllieferanten, Verbündete im Kampf gegen den Iran.

Das Kalifat, der Islamische Staat, das Wiedererstarken einer mittelalterlichen Verliererreligion, all das hatte seinen Anfang im Terroranschlag von 9/11.

Ein Anschlag in dieser Dimension hat sich in den letzten 20 Jahren nicht mehr wiederholt. Das mag an den hochgerüsteten Sicherheitsmassnahmen liegen. Das mag an der Unfähigkeit der Terroristen liegen, eine vergleichbare logistische Leistung nochmal hinzukriegen. Aber vor allem in Europa wurden viele Staaten, darunter Grossbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland, mit brutalen terroristischen Kleinaktionen gequält.

Autos, Bomben, ja Messer kamen dabei zum Einsatz, plus ein Fanatismus entwurzelter Gläubiger einer Verliererreligion. Befeuert durch ihre Wiederauferstehung als vermeintlicher Halt in zerfallenden Staatswesen. Während die Kolonialisten im 19. Jahrhundert wenigstens noch Nation Building betreiben wollten, sorgte der Westen diesmal nur für den Zerfall jeglicher staatlicher Ordnungsmacht.

Nicht mal mehr der Schein …

Nirgends zeigte sich das brutaler als in Afghanistan. Es sollte der Schein gewahrt werden, dass eine Zentralregierung in Kabul das Fortschreiten in eine moderne Gesellschaft leite. In Wirklich beherrschte diese Marionette, korrupt und durch und durch morsch, kaum die nähere Umgebung der Hauptstadt.

Wie selten in der Militärgeschichte erwies sich die afghanische Armee als reiner Popanz, als Showveranstaltung. Teuer ausgerüstet, aber schlecht bezahlt, gut ausgebildet, aber schlecht motiviert. Die Kämpfer der Taliban mussten kaum Waffengewalt anwenden, um diese Karikatur einer Armee in Staub zu verwandeln.

Eine Billion Dollar (das sind 1000 Milliarden) und viele Tausend Tote später wiederholt sich in Afghanistan die Geschichte. Nicht einmal einen anständigen Abzug kriegen die westlichen Alliierten hin. Gedemütigt haben sie Tausende ihrer Unterstützer verraten, die im Vertrauen darauf, am Aufbau einer modernen Gesellschaft mithelfen zu können, unter dem militärischen Schutzschirm der NATO, sich engagierten und nun erkennen müssen, dass der Westen einen Scheiss auf ihr Schicksal gibt.

Strahlende Sieger auf allen Kampfplätzen sind bislang die Taliban. Mit kaum mehr Aufwand, als aufs Gaspedal von ihnen in die Hände gefallenen Militärfahrzeugen der aufgelösten Armee drücken zu müssen, haben sie die Macht in der Hauptstadt übernommen.

Dem kläglichen Rest der Invasionsarmee überlassen sie den Flughafen. Die Elendsbilder von verzweifelten Massen entschädigen die Taliban für den Verlust von ein paar tausend gutqualifizierten Afghanen. Ausserdem ist nun Schluss mit der Scharade,  ein blutiger Anschlag sorgte noch für den letzten Tritt in den Hintern, damit keiner auf die Idee kommt, das Ende der Evakuierung heute noch hinausschieben zu wollen.

Im Elendstal der modernen Medien

Während verzweifelte lokale Helfer zurückgelassen werden, laden die USA gegen deren Willen Journalisten in die letzten Flieger – als wollten sie Hand in Hand mit den Taliban eine weitere Berichterstattung nach Möglichkeit verhindern. Darunter eine Reporterin des «Guardian» und einer des «Spiegel».

Die Elendsgestalten zum Skelett heruntergesparter deutschsprachiger Medien versuchen, die Lage in Afghanistan mit dem Fernrohr oder dem Teleskop zu beobachten. Aus Unkenntnis oder Unfähigkeit geben sie Lautsprechern der Taliban Gelegenheit, von einer neuen Regierung mit menschlichem Antlitz zu schwafeln. Aus Unkenntnis oder Unfähigkeit bieten sie alle Zukunftsperspektiven von «könnte was werden» bis zu «wird grauenhaft».

Über die eigentlich entscheidenden Entwicklungen und Kräfte, also die Atommächte China, Pakistan und Indien und deren Absichten, wird kaum ein Wort verloren.

Kümmert sich jemand um die Frage, ob der Westen zum 20. Jahrestag von 9/11 mit einem neuerlichen grossen Terroranschlag rechnen muss? Nein, all das liegt ausserhalb der intellektuellen Reichweite und hat vor allem nichts mit der Bauchnabelschau zu tun, der sich in Schweizer Medien die meisten Journalisten vornehmlich widmen.

 

Schamloses blowin´ in the wind

Geburtstagsgeschenk zum 80. Für Bob Dylan. Missbrauchsvorwürfe …

Dustin Hoffman soll sich vor einer Frau entblösst und sie anschliessend um eine Fussmassage gebeten haben. Der grosse US-Schauspieler entschuldigte sich hilflos dafür – da er sich nicht mehr an den Vorfall aus dem Jahr 1985 erinnern konnte. Kein Wunder, mit weit über 80 und mehr als 30 Jahre später, als er zum ersten Mal erhoben wurde.

Ein neuer Rekord wird aktuell bei Bob Dylan aufgestellt. Der grosse Sänger und Literaturnobelpreisträger soll eine 12-Jährige sexuell missbraucht haben. Das behauptet sie zumindest in einer jüngst eingereichten Klage vor dem Obergericht Manhattans.

Die Frau ist heute 68 Jahre alt, der Missbrauch soll sich 1965 ereignet haben. Die in der Klageschrift anonymisierte Frau will bis heute unter den Folgen leiden und verlangt Schadenersatz in nicht bezifferter Höhe. Dylan liess mitteilen, dass diese falsche Anschuldigung energisch bekämpft wird.

Das rauschte natürlich durch den Medienwald, «Spiegel», «stern», FAZ, auch «20 Minuten» oder «Blick» schrieben die gleiche Tickermeldung ab und ergänzten sie mit mehr oder minder aktuellen Fotos des Künstlers.

Von «Spiegel» bis «20 Minuten», von «stern» bis «Blick»: gleiche Tickermeldung …

Dabei übersahen die Recherchiergenies dieser Qualitätsmedien allerdings ein kleines, aber entscheidendes Detail. Das mit ganz wenig Aufwand herauszufinden wäre. Aber das würde eine halbe Minute Aufwand bedeuten, plus den Einsatz von minimalem Grips sowie einem Hauch journalistischem Gespür.

Kurze Recherche mit interessantem Ergebnis

Denn eigentlich müsste sich jeder Journalist, der diesen Titel verdient, eine naheliegende Frage stellen:

Wieso wird diese Klage nach so langer Zeit ausgerechnet jetzt eingereicht? Und ausgerechnet in New York?

Als Gratulation zum 80. Geburtstag? Das kann ja wohl nicht der Grund sein.

Ist es auch nicht. Der Grund heisst «Child Victims Act». Das ist ein New Yorker Gesetz, das alle Verjährungsfristen für sexuellen Missbrauch an Minderjährigen aufhebt. Genauer: aufhob. Das sogenannte Lookback-Window, also das Zeitfenster, in dem entsprechende Klagen eingereicht werden konnten, endete am 14. August 2021. Genau zu dem Zeitpunkt, als diese Klage eingereicht wurde.

Das muss nun nicht heissen, dass ein solcher Missbrauch nicht stattgefunden haben könnte. Das muss nicht heissen, dass die Betroffene sich unglaubwürdig macht, indem sie erst 56 Jahre danach Klage einreicht. Das muss nicht heissen, dass sie es deswegen zu diesem Zeitpunkt tat, weil sonst schon längst alle Verjährungsfristen abgelaufen wären. Das muss nicht heissen, dass sie im letzten Moment die Berühmtheit des von ihr Angeschuldigten ausnützen will, um ihre Altersversorgung sicherzustellen.

Qualitätsmedien ohne Qualität

Aber die Berichterstattung zeigt: Selbst bei einer solchen Pipifax-Meldung, die überschattet wird von der Zivilisationstragödie in Afghanistan, sind die deutschsprachigen Medien, die Schweizer Medien nicht mal in der Lage, eine Sekunde Hintergrundrecherche zu investieren.

Das müsste den Unterschied zwischen Gratis-Info via Internet auf allen Kanälen und Bezahl-Info mit Zusatznutzen, aggregierter Qualität, einem wertigen Plus ausmachen. Damit der Käufer einen Grund dafür hat, seine Ausgabe nicht zu bereuen. Schliesslich hat er einen Wert bekommen, der gratis nicht erhältlich war.

So sollte es sein, wenn unsere Medien tatsächlich Qualität produzierten – und sie nicht nur behaupten würden. So müsste es sein, wenn sie verdienen würden, als unverzichtbare Vierte Gewalt mit 400 Millionen Steuerfranken pro Jahr subventioniert zu werden.

Das wäre schön. Aber die Realität ist hässlich: dazu sind sie nicht in der Lage.

Diese Information gibt’s nur auf ZACKBUM, der One-man-Show. Gratis.

 

Corona, weiss noch jemand was?

Hand aufs Herz: dürfen sich mehr als 30 Personen privat versammeln? Der Zustand der Unübersichtlichkeit ist vollkommen.

Sie nehmen bei dieser Frage den Telefonjoker? Oder sagen nichts ohne Anwalt? Gute Antwort; am Schluss dieser Kolumne erfahren Sie die Auflösung.

Fangen wir mit dem weniger Wichtigen an. Wie und wohin dürfen Sie ins Ausland reisen? Ins nähere Umland, also Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich? Ja, nur mit Corona-Zertifikat. Wird das auch kontrolliert? Nein. Dürfen Sie im Ausland in Museen oder Restaurants oder Hotels? Wenn ja, warum nicht?

Kann es Ihnen passieren, dass Sie bei der Rückkehr in Quarantäne müssen, obwohl das bei Ihrer Abreise noch nicht der Fall war? Richtige Antwort: ja.

Planen Sie eine Fernreise? Können Sie sich einfach am Strand von Miami Beach die Sonne auf den Bauch scheinen lassen? Oder in Havanna einen Mojito schlürfen? Oder in Thailand die Rotlichtviertel durchstreifen? Wie steht es eigentlich mit China, wo da Virus schliesslich ausgebrütet wurde? Wissen Sie alles nicht so genau? Willkommen im Club.

Unübersichtlichkeit nah und fern

Kehren wir ins Naheliegende zurück, in die Schweiz. Wo gilt noch Maskenpflicht, und wie lange? Was ist das aktuell ausschlaggebende Kriterium für weitere Lockerungen? Die Inzidenz? Die Fallzahlen? Die Mondphase? Die Temperatur des Vierwaldstättersees? Alles knapp daneben, laut Bundesrat Berset die Auslastung der Spitäler.

Die sind nun aber sehr entspannt unausgelastet. Trotz unablässiger Versuche, ihre demnächst eintretende Überlastung als Menetekel an die Wand zu malen, waren sie noch nie an der Belastungsgrenze. Schon alleine deswegen, weil die Anzahl der Betten mit Intensivbehandlung nicht in Stein gemeisselt ist, sondern gesteigert werden kann.

Damit es mit den Unkenrufen trotzdem klappte, wurde nur die Zahl der offiziell zertifizierten Intensivstation-Betten genommen. Die neu aufgestellten ohne Zertifizierung liess man aus, damit man lauter «buhu» sagen konnte. Das BAG versucht das übrigens weiterhin, etwas schräg zum eigenen Bundesrat in der Landschaft stehend.

Aber immerhin, dass die Fallzahlen nichts mit der Auslastung der Spitäler zu tun haben, diese Erkenntnis hat sich nach bloss anderthalb Jahren bis in höchste Regierungskreise durchgesprochen. Denn zwischen einem positiven Test und der Einlieferung ins Spital besteht kein notwendiger Zusammenhang.

Zwischen der Impfung und dem Abflachen der Kurve der Neuansteckungen übrigens auch nicht, aber diese Erkenntnis ist noch auf dem Marsch durch die Institutionen. Die sind vielmehr damit beschäftigt, immer wieder herunterzubeten: Es gibt keinen Impfzwang in der Schweiz. Niemals. Nur: wer sich nicht freiwillig impft, wird unfreiwillig scheibchenweise von möglichen Aktivitäten ausgeschlossen.

Während in umgebenden Ländern wieder die Trottoirs hochgeklappt und die Schlagbäume an den Landesgrenzen gesenkt werden, verkündet BR Berset fröhlich die Annäherung an den Zustand der «Normalität». Echt jetzt? Alles wird normal? Nun, das kommt natürlich darauf an, was man unter «normal» versteht. Auch da haben wir eine neue Definition: «Normalisierungsphase» heisst, es wird nicht schlimmer. Zurzeit. Ohne Garantie für die Zukunft.

Zuckerbrot und Peitsche 

Da die Impfkampagne etwas ins Stocken geraten ist und immer noch Millionen von Eidgenossen ungeimpft sich selbst und alle ihre Nächsten in höchste Gefahr bringen, fuchtelt der Bundesrat mit einer kleinen Peitsche, nachdem alle Zuckerbrote wirkungslos verspeist wurden.

Corona-Tests sollen nicht mehr gratis sein. Nehmt das, ihr Impfverweigerer. Alleine der Kostenaspekt sei hier bedeutend, runzelt Berset wunderbar die Stirne unter der Glatze und lässt seine dunklen Augenbrauen wirken. Schliesslich kostet so ein Test satte 47 Franken. Das läppert sich; lässt sich einer wöchentlich testen, weil er die Impfung verweigert, belastet das die Krankenkassen mit sagenhaften 200 Franken im Monat.

Das hat ruinöse Folgen, im Gegensatz zu den Impfkosten und Folgekosten. Wobei blöderweise sich herausstellt, dass die berühmte Durchimpfung der Bevölkerung als Königsweg aus der Pandemie eben auch nicht klappt, auch Geimpfte weiterhin das Virus verbreiten.

Aber all das ist entweder völlig fehlender Überblick – oder finstere Absicht. Eine völlige Unübersichtlichkeit herstellen, Orientierungslosigkeit schaffen, Chaos, Wissenschaftler sich ständig widersprechen lassen, ein Wechselbad der Gefühle herstellen, mit den beiden Polen «wir werden alle bald sterben» und «wir haben’s fast hinter uns». Wir sind dafür oder dagegen, am besten dafür, dass wir dagegen sind. Oder dagegen, dafür zu sein. Oder umgekehrt.

In diesem Durcheinandertal kann dann regiert werden, wie’s gefällt, Kritiken an Fehlentscheidungen oder kostspieligen Flops oder ständigen Kurswechseln, die verpuffen im Staubgefäss des Überkomplexen, Undurchschaubaren. Gegen finstere Absicht spricht allerdings in erster Linie, dass das Führungspersonal in der Schweiz, in Europa, zu eiem solch durchdachten Plan gar nicht in der Lage wäre. Das läge oberhalb der strategisch-intellektuellen Kompetenz.

Ach, und noch die Antwort auf die Einleitungsfrage: Natürlich ist es weiterhin strikt verboten, dass sich mehr als 30 Personen bei einem privaten Anlass zusammenballen. Hätten Sie auch nicht gewusst, geben Sie’s zu.

Obduktion von Konzernjournalismus

Hier werden Fundstücke analysiert, um ihre Todesursache zu erkennen. Tamedia, NZZ, CH Media, Ringier: man mag sich nicht. Wirklich nicht.

Ein harmloses Beispiel zum Start. Die schreibende Sparmassnahme, das, was von der einstmals bedeutenden Medienkritik in der NZZ übrig geblieben ist, fuchtelt mit dem Zeigefinger.

Pensionär Felix E. Müller versucht, auf «20 Minuten» einzuprügeln. Dort hätten sich mal wieder in den Kommentarspalten die Nazi-Vergleiche gehäuft; verwendet vor allem von Kritikern der Corona-Politik.

Schliesslich habe sich der Chefredaktor von «20 Minuten» veranlasst gesehen, dazu «Stellung zu nehmen», fabuliert Müller. Daher muss man ihn ganz vorsichtig an die Realität heranführen.

  1. Es ist kein Scherz, sondern mit Untersuchungen erhärtet, dass bei jedem beliebigen Thema, inklusive Häkeln oder Briefmarkensammeln, nach einer gewissen Anzahl von Kommentaren unweigerlich ein Nazi-Vergleich gezogen wird.
  2. Gaudenz Looser hat keine Stellung genommen, sondern sich in einem Gespräch mit dem Generalsekretär des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebundes erklärt.
  3. Am Schluss dieses Meinungsaustauschs sagt Jonathan Kreutner: «Medien sollten möglichst viele Meinungen abbilden. Trotzdem gibt es rote Linien. Diese zu diskutieren, so wie wir es jetzt tun, ist wichtig. Vielen Dank dafür.»

Man kann selbstverständlich über den Ort für solche rote Linien oder über die Argumente Loosers verschiedener Meinung sein. Was nicht geht, ist das hier:  «Zwar verurteilte er solche Äusserungen klar, versuchte dann aber zu erklären, weshalb man diese bis anhin geduldet habe. Das ging gründlich schief.»

Nein, Herr Scharfrichter Müller, redlich wäre es gewesen, dem Leser der NZZaS zu erklären, dass Looser in einem Dialog mit einem jüdischen Vertreter zu begründen versuchte, wieso in den Kommentaren von «20 Minuten» solche Nazi-Vergleiche zugelassen wurden  und inzwischen strenger zensiert werden. Was ausdrücklich verdankt wird.

Den Gipfel an Heuchelei erklimmt Müller dann hiermit: «Wer den politischen Gegner beschimpft, hört ihm nicht zu, was durch die Anonymität, die in diesen Spalten garantiert ist, zusätzlich erleichtert wird.»

Immerhin versteckt sich Müller nicht hinter einem Pseudonym, aber: «Wer den publizistischen Gegner beschimpft, hört ihm nicht zu.» Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um die gesalbten Worte eines ehemaligen NZZaS-Chefredaktors handelt, dem es offenbar nicht bewusst ist, welchen Reputationsschaden er mit diesem Versuch anrichtet, einem publizistischen Konkurrenten an den Karren zu fahren.

Vielleicht könnte Müller mal seine reichliche Freizeit darauf verwenden, nachzuzählen, wie häufig im Hause NZZ Nazivergleiche gepflegt werden. Würde ihn unangenehm überraschen.

Anstatt so unter NZZaS-Niveau zu beckmessern, hätte Müller doch einfach das Gespräch aufmerksam lesen können; vielleicht wäre ihm diese Stellungnahme von Looser aufgefallen:

«Wir machen das Kommentar-Management heute viel besser und aufwändiger als früher, wir haben ein geschultes Freischalterteam, das von einem eigenen Ressort eng betreut wird. Dieses Ressort spielt regelmässig heikle Themen und Fragen an unser Social Responsibility Board weiter, welches dann zusammen mit der Chefredaktion Lösungen und Strategien zum Umgang damit diskutiert. Das ist ein höchst lebendiger, dynamischer Prozess in einem ständigen und teils auch akuten Spannungsfeld. Dazu gehört auch, dass wir von aussen kritisiert werden – und wir lassen uns auch kritisieren und hören zu.»

Aber im Alter wird man bekanntlich harthörig.

 

Konzernjournalismus, Part II

In der NZZaS und in «20 Minuten» erschien am 1. August ein ganzseitiges Inserat des Unternehmers Benard Duzhmani. Darin wirft er, unterstützt von einer PR-Bude, dem «Beobachter» vor, der habe mit einem haltlosen Artikel sein Geschäft geschädigt und auch seine Ehre. Dabei vermutet Duzhmani, dass seine kosovarische Herkunft – obwohl er längst eingebürgert ist – eine wichtige Rolle gespielt habe.

Auffällig an dem Inserat ist –neben dem professionellen Layout –, dass mit keinem einzigen Wort auf die konkret erhobenen Vorwürfe des «Beobachter» eingangen wird. Es wird lediglich gesagt, dass eigene Untersuchungen die nicht bestätigen konnten und dass gegen die Firma keine Strafuntersuchung laufe, sie auch nicht wegen rechtswidrigen Praktiken angeklagt oder gar verurteilt worden sei.

Damit hat Duzhmani durchaus Neuland betreten. Statt den Streit bilateral oder vor Gericht auszutragen, ging er acht Monate nach der Publikation dieses Artikels in die mediale Offensive. Ob ihm das nützt oder schadet, ist zurzeit nicht zu beurteilen.

Aber es ist ihm gelungen, die Aufmerksamkeit der beiden Medienkonzerne zu erlangen, in denen das Inserat erschien. Bei Tamedia hat Rico Bandle neben seinem Schmierenartikel über die Trauerfeier für Peter Buser noch Zeit gefunden, Duzhmani auf einer ganzen Seite in der SoZ zu porträtieren.

Aber nicht um Recherchierjournalismus: Das Porträt in der SoZ.

Wie es heute üblich ist, hat Bandle auf jede Eigenrecherche verzichtet, er gibt schlichtweg die bereits bekannten Fakten wider und lässt Duzhmani seine Position ausführlich erläutern. Gleichzeitig gibt sich Bandle dafür her, dass auf diesem Weg der Unternehmer seine «Millionenklage» gegen den «Beobachter» ankündigen kann. Denn verblüffenderweise hat er das bislang – trotz den vielen vergangenen Monaten und dem angeblich riesigen Schaden – unterlassen.

Ganz am Schluss legt sich Bandle noch in die Kurve und referiert kurz die Stellungnahme des «Beobachter», der schliesslich eine «Institution» sei und «nicht bekannt für sensationsgetriebene Schnellschüsse». Der sehe einem Prozess gelassen entgegen, während Duzhmani sich völlig sicher sei, «dass wir gewinnen werden». Daher «freue» der sich «sehr auf diesen Prozess», gibt Bandle ihm das Schlusswort.

Schön für Duzhmani, dass er sich inzwischen Platz in den Tamedia-Gazetten nicht mehr kaufen muss. Büttel wie Bandle öffnen ihm gratis die Spalten für kritiklose Widergabe seiner Positionen.

Auch du, meine NZZ.

Auch die NZZ nimmt die Witterung am 24’000 Franken teuren Inserat auf und legt mit einer Story – ausgerechnet im Feuilleton – nach. Wie es sich für das Blatt gehört, fällt sie eine Idee kritischer aus als bei der SoZ. Nichtsdestotrotz wird auch hier weitgehend die Position Duzhmanis referiert, der sich nur flankiert von David Schärer von der «Bigger bang for the buck»-Agentur Rod interviewen lässt. Zudem hat er sich der Beihilfe der Anwältin Rena Zulauf versichert, die sowohl für ihre gemischten Ergebnisse wie auch für ihre exorbitanten Honorarnoten bekannt ist.

Die NZZ setzt ihre Darstellung unter den Lead:

«Wie weit geht die journalistische Freiheit, und wo beginnt die mediale Anmassung?»

Das ist an und für sich eine hochspannende Frage. Es geht hier um das kitzlige Thema, dass dioe sogenannte vierte Gewalt ihre Funktion nur ausüben kann, wenn sie über Skandale oder Ungereimtheiten oder Kritikwürdiges berichtet, ohne dass bereits strafrechtliche Tatsachen in Form von Urteilen geschaffen wurden.

So hat sich auch die NZZ lebhaft an der Affäre Vincenz beteiligt und ausgiebig aus eigentlich dem Amtsgeheimnis unterliegenden Akten zitiert. Damit zweifellos einen Beitrag zur Vorverurteilung von Vincenz geleistet, dessen Anspruch auf Unschuldsvermutung ja nur noch ein blosser Witz ist.

Nun wirft die NZZ dem «Beobachter» vor, dass der den Begriff «illegal» verwendet habe, obwohl kein entsprechendes Urteil vorliegt. Der «Beobachter» hingegen hält daran fest und sagt:

«Wir stehen zu jedem Satz und haben gute Belege für unsere Vorwürfe».

Hier wäre doch eigentlich die Aufgabe der Mitbewerber, mit eigenen Recherchen zu glänzen. Über die Quellen und die Stichhaltigkeit der Vorwürfe des «Beobachter». Oder über die Firma des Geschäftsmanns. Aber das würde ja in Aufwand ausarten, den der heutige Elends- und Sparjournalismus weder bei Tamedia, noch bei der NZZ mehr leisten kann. CH Media und Ringier halten sich vorläufig eher raus; vielleicht brauchen sie als Motivationsspritze zuerst auch ein Inserat.

10’000 Todesfälle

Jeder Tod eines Menschen ist eine Tragödie. Die Berichterstattung über Covid-19 ist ein Skandal.

Eines ist sicher: Die Auswirkungen des Covid-19-Erregers auf die Medien sind letal. In nur 20 Monaten hat sich die sogenannte vierte Gewalt ihrer überlebenswichtigen Eigenschaften begeben. Um sinngebend und wertschöpfend zu funktionieren, brauchen Informationsorgane unverzichtbare Attribute.

Die sind überschaubar: Vertrauenswürdigkeit, Glaubwürdigkeit, Behaftbarkeit und Transparenz. Der zahlende Konsument eines Newsherstellers will gewisse Sicherheiten. Banaler Art, wie beim Kauf eines Liters Milch. Die Verpackung sollte einen Liter enthalten. Die ausgewiesenen Eigenschaften des Inhalts sollten zutreffen. Wenn es Vollmilch ist, dann sollte der Fettgehalt auch der Definition entsprechen.

Steht oder fällt mit Vertrauen.

Der Konsument sollte auch auf das Haltbarkeitsdatum vertrauen können; darauf, dass ihm kein gesundheitlicher Schaden entsteht und dass er das Recht hat, sollte die Milch wider Erwarten sauer oder ungeniessbar sein, Ersatz gestellt zu bekommen. All diese banalen Voraussetzungen, die Grundlage für ein funktionierendes Angebot mitsamt vorhandener Nachfrage, treffen auf Bezahlmedien weitgehend nicht mehr zu.

Wo Nachricht draufsteht, sollte auch eine drin sein

Angefangen bei so Banalem, dass es geradezu hirnrissig ist, es überhaupt erwähnen zu müssen. Wo Milch draufsteht, sollte auch Milch drin sein. Wo «Nachricht» draufsteht, sollte ein Inhalt vorhanden sein, der dem Bemühen geschuldet ist, verdichtete, kompetent aufbereitete und möglichst wahrhaftig dargebotene Wirklichkeit abzubilden.

Die aktuelle Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit der Pandemie in der Schweiz beträgt 10’906 nach den verfügbaren Statistiken. Das Medianalter der an oder mit Covid-19 Verstorbenen liegt bei der durchschnittlichen Lebenserwartung in der Schweiz. Die Todesfallstatistik weist von Anfang bis heute aus, dass es eine signifikante Zahl von Todesfällen bei Ü-70-Jährigen gibt. In diesem Alter ist es beinahe ausgeschlossen, dass nicht eine oder mehrere Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Rheuma, Arthritis oder Herzinsuffizienz vorhanden sind.

Drei Journalisten treffen sich …

Das sind unbestreitbare Tatsachen. Aus diesen wenigen Zahlen lassen sich die Thesen ableiten, um das Elend der Schweizer Bezahlmedien zu beschreiben.

Das Elend in 11 Thesen
  1. Was vor allem am Anfang – teilweise bis heute – an Horrorszenarien in den Medien herumgeboten wurde, grenzt an Straffälligkeit. Oder ist es keine Schreckung der Bevölkerung, wenn von bis zu 100’000 Toten, einem zusammenbrechenden Gesundheitssystem, schrecklichen Szenen vor überlasteten Intensivstationen, ja sogar einem Faustkampf um Beatmungsgeräte berichtet wurde?
  2. Prognosen sind immer mit Unsicherheit behaftet, niemand hat eine Glaskugel, in der er in die Zukunft schauen kann. Aber wäre es nicht Ausdruck von Redlichkeit und Anstand gewesen, sich für krachende Fehlprognosen zu entschuldigen – statt sie einfach durch neue zu ersetzen?
  3. Mit der falschen Behauptung, dass nur Unmenschen einen Zusammenhang zwischen einem Menschenleben und Kosten zu seiner Erhaltung sähen, wurde versucht, jede Debatte über die ungeheuerlichen finanziellen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Bekämpfung abzuwürgen. Damit wird den folgenden Generationen – ungefragt – ein Schuldenberg in der Höhe von schätzungsweise 200 Milliarden Franken aufgebürdet. Diese Verantwortungslosigkeit wird in den Medien kaum thematisiert.
  4. Die Newsmedien verloren schnell jede Distanz zum Handeln der Regierenden. Wenn der Ausdruck Gleichschaltung nicht historisch vergiftet wäre, wenn der Vergleich mit Staatsmedien im ehemaligen Ostblock mangels Ostblock nicht verfehlt wäre: selten war der Unterschied zwischen SRG und Privatmedien in der Schweiz und Staatsfunk oder dem «Neuen Deutschland» oder der «Prawda» kleiner als heute.
  5. Eine freie Gesellschaft konstituiert sich über eine freie Debatte. Die nur Sinn macht, wenn sie öffentlich ausgetragen wird. Trotz Social Media, Blogs und allen Multiplikatoren im Internet finden solche Debatten weiterhin in den klassischen Medien statt. Fänden statt, wenn nicht selbst ernannte Zensoren, Inquisitoren und Besitzer der guten und richtigen Wahrheit mit mittelalterliche Strenge zwischen richtig und falsch, gut oder böse, erlaubt oder verboten entscheiden würden.
  6. In einer offenen und modernen Gesellschaft ist man sich bewusst, dass jede Form von Entscheidung multifaktorielle Auswirkungen hat; Rückkoppelungen, Spiegelungen, Dinge beeinflusst, an die man gar nicht gedacht hat. Nicht nur im Materiellen. Die psychischen Auswirkungen in allen Formen, auf Kinder, Heranwachsende, Ehepaare, Kleinunternehmer, die Veränderung der Ursachen für Suizide, die Kosten für steil ansteigenden Bedarf an psychologischer Beratung oder Behandlung – alles Themen, die im Tunnelblick der Monokausalität weitgehend untergegangen sind.
  7. Ein Journalist ist meistens ein Mensch, der meint, über alles alles zu wissen. Ein Generalist, der gestern über einen Naturschutzpark, heute über interne Vorgänge in der EU-Kommission und morgen über die Folgen des Attentats auf den haitianischen Präsidenten berichten kann. Dabei auch selbstverständlich zum Epidemiologen, Virologen, Seuchenspezialisten herangereift ist. Rechthaberisch, arrogant, beratungsresistent.
  8. Es hat sich eine fatale Komplizenschaft zwischen einzelnen Wissenschaftlern und den Medien ergeben. Seuchenspezialist ist normalerweise keine akademische Betätigung, mit der man sich im Scheinwerferlicht sonnen kann. Ausser bei einer Seuche. Karriere, Forschungsgelder, Geltungsdrang trifft auf Unkenntnis und der Suche nach Steigerungen in den Medien. Daraus entstand ein absolut unbekömmliches Gebräu, zum Schaden des Ansehens der Wissenschaft, der Medien und auch der Regierenden. Denn die liessen sich von den resonanzverstärkten Fachleuten vor sich hertreiben. Ohne zu berücksichtigen, dass ein Virologe wohl von Viren Ahnung hat. Aber von Wirtschaft, Gesellschaft, Psychologie, gesamtheitlichem Denken – null.
  9. Wer regiert, muss handeln. Wer handelt kann Fehler machen, schuldig werden. Muss mit Auswirkungen umgehen, die zum Zeitpunkt seiner Entscheidung gar nicht absehbar waren. Für die er aber dennoch harsch kritisiert wird. Denn Politik ist nicht gerecht oder nett. Sondern ein Kampf um Wählerstimmen, Macht und Posten. Völlig befreit davon sind – Medien und Wissenschaftler. Die einen dienen als willfährige Multiplikatoren, die anderen geben wohlfeile Ratschläge. Beide fordern, kreischen, überbieten sich in der Erregungsbewirtschaftung mit immer absurderen Extremen. Verantwortungslos, zum Schaden ihrer Metiers.
  10. Es gibt keine andere Berufsgattung, bei der die Fähigkeit und der Wille zum Austeilen, zum Kritisieren, zum Rechthaben in einem derartigen Missverhältnis zur Einsicht in eigene Fehler steht. Zur Fähigkeit, Kritik zu vertragen, nicht Besserwisser zu sein, sondern besser zu wissen – als bei Medienschaffenden. Das Eingeständnis eines Irrtums, das Zeigen von Lernfähigkeit, das Beschränken auf Wissensgebiete, über die der Journalist tatsächlich Kenntnisse hat – nur unter Folter denkbar.
  11. Die Darstellung der Wirklichkeit in all ihrer Widersprüchlichkeit, Komplexität, Unüberblickbarkeit – das bräuchte Mut und die intellektuelle Fähigkeit zum «ich weiss doch auch nicht, aber ich beschreib’s halt mal». Ausgeschlossen, wer nicht aus dem Stand bereit ist, dem US-Präsidenten, der Bevölkerung jedes beliebigen Landes der Welt, der Wissenschaft, der Autoindustrie oder der Klimaforschung ungefragt Ratschläge zu erteilen, deren Fehler zu kritisieren, masslose Forderungen aufzustellen – der scheint den Beruf verfehlt zu haben und sollte besser nicht als Journalist tätig bleiben.
Summa summarum: Das sind die wirklichen Krankheitssymptome des Journalismus. Nicht etwa wegbrechende Inserate, schrumpfende Auflagen, flüchtende Abonnenten. Da kann auch Staatshilfe nichts Positives bewirken. Sie gleicht dem Versuch, den Komatösen rote Bäckchen zu verpassen – während die Gehirnaktivitäten gegen null tendieren.

Zu Tode gesparter Journalist betrachtet sich selbst.

Aber keine Panik, das Bedürfnis nach Information über das Nahe und das Ferne, das ist ungebrochen vorhanden. Dafür wird auch in Zukunft Geld ausgegeben. Für die Medien des Duopols in der Schweiz sieht es allerdings aschgrau aus. Zappenduster. Schwarz wie Druckerschwärze. Arme Hungerkünstler, die noch einmal wichtig tun wollen, als klappernde Skelette um die verglimmenden Lagerfeuer der öffentlichen Meinungen tanzen. Umso überzeugter von ihrer Wichtigkeit und Bedeutung, desto deutlicher sie fröstelnd spüren, wie der Nachtwind sie in die Vergänglichkeit weht.

Journalist (früher, nur für Gebildete).

Kette der Belanglosigkeiten

Früher generierten Journalisten ihre Storys durch Mithorchen am Stammtisch oder einen anonymen Hinweis per Briefpost. Heute krallen sie sich zusammen, was sie auf Instagram und Co. finden. Zum Leidwesen der Leser.

Von Stefan Millius

«Angepöbelt, weil er Männer liebt»: Die Schlagzeile auf dem Lokalportal stgallen24.ch verspricht Drama. Gab es da wieder eine dieser inakzeptablen Hetzjagden auf einen Homosexuellen? War Gewalt im Spiel?

Nicht ganz. Der Artikel dreht sich nämlich um folgendes Ereignis: Ein 20-jähriger Mann, der offenbar durch eine Perlenkette auffiel, befand sich mit einem Kollegen in einem Fast-Food-Lokal. Zwei junge Männer begannen, sich tuschelnd und lachend über die beiden zu unterhalten. Was im Spruch gipfelte: «Schau dir mal diese hässliche Schwuchtel an.» Ende.

Anpöbeln ist anders

Nun ist das zwar nichts, was man über andere Leute hörbar sagen sollte und es deutet nicht auf eine nachhaltig erfolgreiche Erziehungsarbeit hin. Es entspricht aber nicht dem Wortsinn von «anpöbeln», es gab keine direkte Konfrontation, keine Bedrohung, nichts. Es geschah das, was Übergewichtigen, Pickligen oder allgemein aus der Norm stechenden Leuten bedauerlicherweise täglich passieren kann: Andere Leute starren und tuscheln.

Und das wird ernsthaft auf 7300 Zeichen ausgebreitet. Wie um das zu rechtfertigen, liefert der 20-Jährige ein weiteres Beispiel nach. Im letzten Winter habe ihm ein Mann auf Albanisch «Schwuchtel» nachgerufen. Wieso das im Artikel mit «Nick» benannte Opfer das überhaupt verstand, bleibt offen. Aber es geht in die Richtung der Fast-Food-Begegnung: Nicht schön, nicht richtig, aber kein öffentliches Ereignis.

«Pride Month» wird ausgewalzt

Denn so daneben es ist, mit einem Schimpfwort bedacht zu werden oder mitzukriegen, wie zwei andere abwertend über einen reden: Ist das echt eine Titelstory von halbepischer Länge wert? Die Auflösung kommt am Schluss: Anlässlich des «Pride Month» hat sich die Redaktion von stgallen24.ch vorgenommen, bis Ende Juni regelmässig Artikel rund um Homosexualität zu publizieren. Da muss ein dahingeworfenes «Schwuchtel!» in einer Fremdsprache wohl reichen, um Inhalte zu generieren.

Damit ordentlich Text zusammenkommt, weist die Autorin im Text auch gleich noch auf die Abstimmungsvorlage «Ehe für alle» hin und stellt «Grindr», ein Datingportal für Schwule vor. Weil das ja direkt zusammenhängt mit Anpöbeleien im öffentlichen Raum.

Nur Negatives schafft es weiter

An die Öffentlichkeit drang das Ganze schliesslich, weil Nick das jüngste Vorkommnis auf Instagram veröffentlichte und sich die Redaktion des Lokalportals drauf stürzte – juhu, einer aus unserer Gegend, das füllt! Das Problem der Zusammenhangskette «Von den sozialen Medien in die ‹richtigen› Medien» ist, dass die Perspektive des Publikums verzerrt wird. Hätte Nick auf Instagram berichtet, wie er freundlich auf seine wunderschöne Perlenkette angesprochen wurde und sich daraus ein konstruktives Gespräch über Homosexualität entspann: Da hätte man bei einer Redaktion höchstens müde gegähnt, aber garantiert nichts geschrieben. Den Weg in die Schlagzeilen finden nur Negativerlebnisse. Was in der Summe den Eindruck vermittelt, Nick und Co. würden täglich ein Spiessrutenlaufen erleben.

Ach ja, laut «Google Translator» heisst «Schwuchtel» auf albanisch übrigens «fanatik». In der Rückübersetzung wird dann aber das neudeutsche «Freak» ausgespuckt. Immerhin liefert die Nullstory noch einen Hauch Allgemeinwissen.

Schämt Ihr Euch gar nicht?

Ihr üppig verdienenden Nulpen an der Spitze Schweizer Medienkonzerne. Oder seid ihr wirklich schamlos indolent?

Pietro Supino ist VR-Präsident von Tamedia, bzw. von TX Group, formerly known as T. Hat irgendwas mit dem «Tages-Anzeiger» zu tun. Supino kassiert im Jahr rund 2 Millionen Franken. Ein Klacks gegen das, was seine Familie Coninx über die Jahrzehnte abgeräumt hat.

Was hat Supino eigentlich für all diese Kohle bislang geleistet? Publicitas beerdigt, ein Interview im eignen Blatt im letzten Moment zurückgezogen. Jede Menge Geld durch den Ankauf von Handelsplattformen verballert (Fashionfriends, jobs.ch, ricardo.ch). Die werden dann alle von Amazon, Facebook, Google und schliesslich Alibaba abgeräumt.

Viel von Qualitätsjournalismus geredet, noch mehr dafür getan, ihn totzusparen, Skelettredaktionen herzustellen, dann Zentralredaktionen, die alles versorgen und bestreichen sollen. Klargestellt, dass an Ertragszielen sicher nicht gerüttelt wird, es auch keine Quersubventionen gibt, wenn bspw. der Stellenanzeiger fast vollständig ins Internet abgeschwirrt ist.

Wenn Supino, die kalte Seele der Profitmaximierung, in die Harfe greift (oder greifen lässt), um mit Res Strehle, der sich nun wirklich für überhaupt nichts zu schade ist, ein «Handbuch Qualität in den Medien» zu schreiben, dann muss der Leser einen kugelsicheren Magen haben, damit es ihm nicht übel wird. Beim Lesen eines solchen Geschwurbels:

«Weil das Herstellen von Öffentlichkeit im Konflikt mit dem Interesse von Betroffenen stehen kann, erfordert unsere Arbeit Unabhängigkeit und ein hohes Verantwortungsbewusstsein. Wir streben Fehlerfreiheit, Wahrheit im Sinne der Vollständigkeit der massgeblichen Fakten, Fairness und Transparenz auch über Korrekturen an, die im schnelllebigen Medienalltag kein Mangel, sondern ein Qualitätsmerkmal sind.»

Inzwischen zeigt Tamedia jeden Tag, wie man diesen grossartigen Prinzipien nicht nachlebt.

Krise? Hektik, Panik, Abtauchen

Schliesslich hat Supino eine ganz schlechte Falle beim Protestschreiben von 78 erregten Mitarbeitern bei Tamedia gemacht. Betroffenheit geheuchelt, es dann dem armen Arthur Rutishauser überlassen, damit fertigzuwerden. Der toppt ihn allerdings (ausser im Salär). Der Oberchefredaktor des Hauses, also der Verwalter all des Elends, der Verkünder von immer neuen Sparrunden. Der gleichzeitig das Niveau in den Keller fährt (Affaire Vincenz, Publikation von gestohlenen Geschäftsunterlagen, schöngeschrieben als Leaks oder Papers).

Schlechte Stimmung in den Zentralredaktionen, schlechte Stimmung in der verbleibenden Aussenredaktionen. Mit ausschliesslich anonymen Beispielen unterfüttert, behaupteten Mitarbeiterinnen, unter unerträglichen Zuständen zu leiden. Sexismus, Diskriminierung, dumme und anzügliche Sprüche. Das wurde dann gleich an die Öffentlichkeit durchgestochen, mittels eines anrüchigen Absenders.

Die Gelegenheit, endlich etwas für sein Geld zu tun. Stattdessen liess sich Rutishauser vorführen. Entschuldigte sich mal präventiv (für durch nichts und bis heute nicht bewiesenen Behauptungen von Fehlverhalten). Dann setzte er im Ernst eine der Unterzeichnerinnen, die selber in mehr als fragwürdige Recherchemethoden verwickelt ist, als Untersuchungsrichterin über die Stichhaltigkeit der Anschuldigungen ein. Dann stuhlte er sie zur «Ansprechperson» runter, schliesslich wurde sie zu «20 Minuten» entsorgt.

Im Fall Vincenz, wo sich Rutishauser immer wieder von interessierten Kreisen anfüttern und mit Unterlagen versorgen liess, schuf er ein einseitiges tendenziöses, den Ruf von Vincenz längst vor einer Verhandlung oder gar Schuldspruch restlos ruinierendes Werk, das in jeder Journalistenschule als Beispiel verwendet werden kann, wie man es ja nicht machen sollte.

Nabelschau statt Weltenschau

Und das alle in einem Verlag, wo Nabelschau wichtiger als Weltenschau geworden ist. Wo die Vergewaltigung der Sprache wichtiger als ihre Beherrschung geworden ist. Wo fast alles Publizierte von Meinung trieft. Unablässig Fanale und Zeichen gesetzt werden müssen. Die Welt nicht erklärt, sondern belehrt werden soll. Also ein Medienkonzern auf dem Weg nach unten. Bravo.

All die anderen? Nichts anderes

Ringier? Auch hier läuft sich die nächste Generation warm. Marc Walder zeigt währenddessen, dass man es mit Tennisspielen fast so weit wie Roger Federer bringen kann. Nämlich zum CEO und Mitbesitzer des Verlags. Leistungsausweis? Umbau zum Gemischtwarenladen, Wertschöpfungsketten mit Promis, die es in diesem Ausmass in der Schweiz noch nie gab.

Mehr Haare als Argumente: Meyer (l.), Walder 2013.

Wenn sich Marc Walder «auf einen Espresso» mit seinem Vordenker Frank A. Meyer über die 1:12-Initiative unterhielt, lacht man sich heute noch kaputt. Meyer ist dagegen, Walder hält sich bedeckt, beide hätten empfindliche Einkommensverluste hinnehmen müssen, wäre sie angenommen worden. Titel wie Format ist übrigens geklaut. Pardon, adaptiert. Nachempfunden. Ausserdem war’s bei Helmut Schmidt ein Zigarette. Ausserdem ist Meyer nicht Schmidt.

Ach, und auch da gibt es ja einen Oberchefredaktor. Christian Dorer ist der Name. Der steht dem vor, was mal eine machtvolle Meinungsmachmaschine war. Und bringt das Kunsstück fertig, die «Blick»-Familie Stück für Stück zu entmannen, auflagemässig in nie gekannte Tiefen zu fahren – und lächelt sich mit seinem Traumschwiegersohncharme durch alles durch. Während unter ihm ein munteres Gehen (weniger ein Kommen) herrscht. Auch das für ein Gehalt, das sicherlich bei einer halben Kiste liegen dürfte.

Lassen wir den Wanner-Clan (CH Media) für einmal aus; dort reicht es offenbar, von Beruf Sohn zu sein, um zu zeigen, dass man von elektronischen und digitalen Medien keine Ahnung hat.

Schliesslich die NZZ, angeführt vom meinungsstarken, nachtragenden und schneidend scharfen Eric Gujer. Der aber kein Problem damit hat, zusammen mit seiner Gattin sich in einem Wellness- und Diäthotel in Österreich zu erholen, dem Hotel-Newsletter huldvoll ein Interview zu gewähren, während seine Gattin auf zwei Seiten NZZ über Hotel, Diät und alles schwärmen darf. Sicher hat er selber bezahlt, sicher wurde damit nicht gegen hausinterne Regeln verstossen.

Wo bleibt das Gespür für Anstand?

Aber ein Chefredaktor, der nicht mal persönlich dazu Stellung nimmt, leises internes Gemurmel mit eisigem Blick zum Verstummen bringt, auch kein Problem damit hat, dass seine Göttergattin gleichzeitig seine Untergebene ist, die wiederum kaum auf Widerstand stossen dürfte, welchen Quark sie auch immer schreibt, darf das in einer NZZ sein? Ein Chefredaktor, der das bejaht, ist deutlich überbezahlt. Aber ganz deutlich. Wie viel der CEO der NZZ kassiert? Ebenfalls für einen Mann am Fenster, für einen Grüssaugust viel zu viel.

Die Medien bieten ein Bild des Elends. Mit unwürdigem Gebettel und Gebuckel haben sich die Privatkonzerne happig Subventionen erquengelt. Jammern kann die Chefetage. Kassieren auch. Schamfrei money for nothing kriegen: kein Problem.

Keine Idee haben, die auch nicht ausdrücken können. Kein Geschäftsmodell für die Zukunft. Sparen, rausschmeissen, abschmelzen, ausdünnen, weniger Angebot für gleich hohe oder sogar noch höhere Preise. Das mit markigen Worten über bedingungslose Qualität zusossen wollen. Das können sie.

Zuschauen, wie ein ehemals angesehener Beruf ruiniert wird. Verzwergt. Das können sie. Mal was tun für ihr Geld; Rettungsplan, originelle Ideen, Führungsqualitäten zeigen? Das können sie nicht. Scham? Kennen sie nicht.

Träumerei

Darf auch mal erlaubt sein: wir erträumen uns guten Journalismus. Wie es wohl war, als es den noch gab?

Keine Nostalgie, kein Dummvergleich früher (alles besser) mit heute (alles schlechter). Als der Besitz von Druckmaschinen eigentlich das Gleiche war wie die Lizenz zum Gelddrucken, wurde auch jede Menge Unsinn angestellt.

Wir konnten Info-Honorare von bis zu 100’000 anbieten. Ob das die Wahrheit verbog oder beförderte? Für schlecht gefälschte Hitler-Tagebücher wurden Millionen bezahlt, der Ruf einer angesehenen Illustrierten für Jahrzehnte ruiniert.

Faker, Erfinder, Hochstapler gab es schon immer. Auch gnadenlose Vorgaben wildgewordener Chefredaktoren, eine Story unbedingt hinzuwürgen. Meist mit legitimen, aber unverhältnismässigen Mitteln. Manchmal auch mit Tricks und Untergriffen.

Wir sassen morgen im Flieger, wenn heute eine besonders saftige kleine Meldung irgendwo erschien. Kinderhandel in Honduras, Arbeitssklaven in Afrika, Ausbeutung wie auf dem «Totenschiff» von B. Traven. Den hatte übrigens der gleiche Journalist aufgespürt, eine Riesenleistung, der dann mit den Hitler-Tagebüchern unterging.

Es gab noch Tugenden

Begleitet wurden solche Auswüchse aber von ein paar Tugenden. Witwenschüttler wurden von allen verachtet. Man rutscht nicht über das Leid eines Menschen in die Schlagzeilen. Agents provocateurs auch. Die brachten den Zündstoff selber mit, um dann zuzuschauen, wie was in die Luft flog – und um darüber exklusiv zu berichten. Einen cleanen Drögeler wieder auf den Drogenstrich zu schicken, um eine Reportage drüber zu machen, widerlich.

Passierte auch alles, aber der Mainstream war: die Aufgabe eines Journalisten ist, zu schauen, aufzuschreiben, verstehen zu versuchen. Verstehen, nicht verurteilen. Wenn damals bei der Themenfindung einer gefragt hätte: und was ist unsere These, was ist die Storyline? Er wäre auf völliges Unverständnis und die Antwort gestossen: Woher soll ich das denn wissen, ich habe ja noch gar nicht angefangen.

Es herrschte verdientes Vertrauen. Wie im angelsächsischen Journalismus bis heute wäre niemand auf die Idee gekommen, ein Interview zu autorisieren. Man vertraute dem Journalisten, dass der in de Lage und willens ist, das gesprochene Wort zu respektieren. Man war selbstbewusst genug, um die Banalität zu verstehen: gesagt ist gesagt. Wozu redet man sonst miteinander, wenn man’s anschliessend alles umschreibt?

Die Fakten, die Ergebnisse einer Recherche hatten meistens ein Gewicht, das kurz hinter einer amtlichen Feststellung lag. Wer früher auf dem Boulevard spazierte und Einblicke in seine Intimssphäre gewährte, wäre nie auf die Idee gekommen, sich zu beschweren, wenn das nicht für, sondern gegen ihn verwendet wurde.

Der Unterschied zu heute liegt im Kern des Geschäfts

Vor allem liegt aber der Unterschied zu heute in der Sache selbst. Der Fotograf fängt die Realität in einen Rahmen – und gibt sich eine Heidenmühe dabei. Der Journalist verdichtet und übersetzt die Realität in Buchstaben. Auch er gibt sich eine Heidenmühe dabei. Sucht nach dem treffenden Wort, dem richtigen Aufbau, der gerechten Gewichtung. Beide wissen um ihre Macht. Man kann jeden Menschen fotografisch fertigmachen, verschönern oder sein Wesen abbilden. Man kann jeden Menschen schriftlich hinrichten, zum Monster niederschreiben, schöner machen, als er jemals sein könnte. Oder versuchen, ihm gerecht zu werden.

Kann man gesehen haben. Ist aber unwahrscheinlich.

All das fehlt heute. Deshalb jauchzen wir, wenn wir eine gelungene Reportage lesen. Bei der nicht die Befindlichkeiten des Reporters im Zentrum stehen. Wie der sich fühlt, was das Erlebte bei ihm auslöst, ganze Zickenkriege, die zur Langeweile des Lesers geführt werden. Diese unselige Nabelschau der heutigen Kindersoldaten, die die Welt nur durch den Filter ihres narzisstischen Ichs sehen können – weil ihnen Kenntnisse, Methode und nicht zuletzt die Intelligenz fehlt, sich auf die überkomplexe, verwirrliche Wirklichkeit einzulassen.

Statt auch mal Brocken mit Kanten und Brüchen, die durchaus beim Lesen wehtun dürfen, gibt’s meistens Brei. Noch verdünnt und verwässert, wenn er zudem angeblichen Korrektheiten entsprechen soll.

Alle die, die mangels anderen Fähigkeiten stellvertretend für Unterdrückte, Schwarze, Frauen, Menschen aus anderen Kulturen und Zeiten geklautes Leiden feilbieten, sind die ewige Pandemie des modernen Journalismus. Totschläger des Widerspruchs, sie missbrauchen und vergewaltigen die Sprache, die sie gerechter machen wollen. Dafür verwenden sie nicht ganz verstandene Begriffe wie inkludiert oder diskriminiert. Mitgemeint oder mitgenommen.

Erwischt: der moderne Journalist bei der Arbeit.

Brei kann ich selber, sagt sich immer lauter der Leser; getretner Quark wird breit, und nicht stark, sagt sich der gebildete Leser, wenn er die Sprachdurchfälle der «Republik» liest. Nichts gegen lange Stücke. Man kann auch in der Dimension von «Krieg und Frieden» schreiben (Achtung, Nora Zukker, das ist so ein dicker Wälzer eines Russen, sollte man auch gelesen haben, übrigens ebenso «Leben und Schicksal», das ist ein anderer dicker Wälzer eines Russen).

Man sollte nur dann, wenn man kann

Aber nur, wenn man’s kann. Heutige Schreibstars (die sich selbst aber unter dem Mikroskop betrachten müssen, um Grösse zu vermuten) wollen Picasso oder Richter oder Pollock bieten. Sie wollen eine Kuh in drei Perspektiven gleichzeitig, hyperrealistisch und gekleckst darstellen. Aber nicht, weil sie schon längst über die naturalistische Kuh hinaus sind. Sondern weil sie nicht mal das malen oder schreiben könnten.

Wer aus dem Traum eines Journalismus in der Liga Kurt Tucholsky, Lincoln Steffens, Joseph Roth oder auch eines Tom Wolfe aufwacht, ist im Alptraum des heutigen Journalismus angekommen. Wo gestolpert, geholpert wird, schiefe Bilder zusammengenagelt, dummdreiste Ratschläge erteilt werden, viele Erkenntnisse laut gackernd als neu präsentiert. Nur, weil der Schreiber so ungebildet ist, dass er nicht weiss, dass das schon längst – und viel besser – formuliert wurde.

Nein, besser nicht träumen. Einfach abwarten, bis intelligente Textprogramme diese Bagage ersetzen. Schriftsteller und ein paar Ausnahmekönner für die happy few (so nannte Stendhal seine Leser, Nora Zukker, das war ein französischer, aber lassen wir das, hopeless) wird es auch immer geben. Nur nicht mehr diese Banalität des Blöden, die sich tagtäglich zu Buchstaben formt.