Klugscheisser

Was passiert, wenn eine SZ-Journalistin Wolf Biermann interviewt?

Zunächst einmal freut sich Tamedia; schon wieder eine Seite gefüllt ohne eigenes Zutun:

Alles, inklusive Titel, ist von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen. Dazu noch ein Riesenfoto aus der Vergangenheit Biermanns und den trügerischen Titel «Hintergrund» drübergestellt, schon wieder ist ein Produkt hergestellt, das den Tagi-Leser garantiert begeistert zurücklässt, dass er für sowas auch noch Geld ausgeben muss.

Wofür? Dafür, dass ein 86-jähriger ehemaliger Bänkelsänger und Possenreisser immer noch den Troubadour spielt: «Wolf Biermann ohne seine Gitarre – undenkbar. Er bringt sie zum Interview selbstverständlich mit. Immer wieder greift der bald 86-Jährige während des Gesprächs zum Instrument, zitiert nicht nur aus Texten seiner Lieder, sondern trägt die Passagen mit Inbrunst und voller Stimme vor.»

Für die jüngeren Leser: Biermann ist ein Liedermacher, der bis 1974 in der DDR lebte und dann während einer Konzerttournee im Westen ausgebürgert wurde. Vom überzeugten Kommunisten («so oder so, die Erde wird rot») wurde er zum rechtsradikalen Beschimpfer alles Linken, zum Befürworter des völkerrechtswidrigen Eingreifens der NATO im Kosovokrieg und der Invasion des Irak durch die USA. Die Kritik an der grossen Bespitzelung durch die NSA fand er eine «hysterische Propaganda-Idiotie». Inzwischen ein CDU-Wähler, nützte er jede Gelegenheit, die Partei «Die Linke» zu beschimpfen.

Er hat also einen weiten Weg zurückgelegt, ein richtiger Wendehals, aber immer mit Schnauzer und Pathos und für ein scharfes Wort gut. Wenn’s denn noch jemand hören will. Dieses Interview begann sicherlich mit dem Satz in München: «Lebt eigentlich Biermann noch?» Und als dann die stellvertretende Chefredaktorin den Mann mit Klampfe befragte, füllte auch die SZ damit mal eine Seite.

Her darf er zum x-ten Mal die Geschichte von seinem jüdischen, kommunistischen Vater erzählen, der von den Nazis umgebracht wurde. Von seiner Übersiedelung in die DDR mit 16, von seiner Abscheu gegen Hitler und Stalin, als hätte er den dummen Spruch von den roten und braunen Fäusten verinnerlicht: «Stalin wollte von seinem Volk auch so blind geliebt werden wie Hitler von seinem Volk. Deshalb hat er systematisch die Medien erobert und andersdenkende Leute getötet, vertrieben, liquidiert. Das ist eben die Pest der Diktatur. Und die kann links sein oder rechts.»

Dass der eine dem Rassenwahn verfallen war und mehr als sechs Millionen Juden tötete, bis Europa vom anderen von der Nazi-Herrschaft unter den höchsten Opfern aller beteiligten Alliierten befreit wurde, was kümmert’s.

Auch zum Ukrainekrieg hat Biermann eine klare Meinung: «Ich bin natürlich dafür, dass die Ukrainer unterstützt werden, auch mit Waffen, mit möglichst starken Waffen. Uns kostet es nur Geld. Aber die Ukrainer kostet dieser Freiheitskrieg das Leben.»

Kind eines Kommunisten, der wegen der Sabotage an Waffenlieferungen an den Faschisten Franco ins KZ und dort umkam. Selber überzeugter Kommunist, Befürworter und Unterstützer der Anti-Atom- und Friedensbewegung. Von ganz links nach ganz rechts unterwegs. Wen sollen seine Meinungen in der Abendsonne noch interessieren?

Die interessieren nicht mal in Deutschland mehr. Ganz zu schweigen von der Schweiz.

Schleier oder Brett vor dem Kopf

Der Iran und das Burka-Verbot in der Schweiz.

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Wir erinnern uns. Im Zusammenhang mit der gewonnenen Abstimmung über die sogenannte Burka-Initiative gab es von kampffeministischer Seite ein Sammelsurium von absurden Argumenten, wieso das Tragen eines Schleiers, eines Kopftuchs oder sogar eines Ganzkörperpräservativs keinesfalls Ausdruck von Unterdrückung und Mittelalter sei. Sondern im Gegenteil Bestandteil des Selbstbestimmungsrechts von Frauen, die sich damit den lüsternen männlichen Blicken verweigern wollen.

Verdiente Feministinnen wie Alice Schwarzer wurden in der Schweiz übel beschimpft, weil sich die Ikone der deutschen Frauenbewegung schon seit Jahren gegen die Verwendung von Verschleierung als Ausdruck übler Unterdrückung ausspricht. Nehmen wir nur zwei (noch relativ gemässigte) Exponenten von damals beim Wort:

«In der Schweiz sind es vor allem einheimische Konvertitinnen, die freiwillig eine Burka oder einen Niqab tragen. Für sie ist die Verschleierung Ausdruck ihrer religiösen Identität oder ein Statement gegen das sexualisierte westliche Frauenbild.
Natürlich darf man in der Schweiz niemanden dazu zwingen, sich zu verschleiern. Aber darf man im Umkehrschluss Frauen dazu zwingen, sich zu enthüllen?»

Das war Deborah Bischof im «Beobachter». Frauen zwingen, sich zu enthüllen? Auch im «Beobachter» darf leider Unsinn verzapft werden. Aber unangefochten an der Spitze der Schleier-Versteher stand die schreibende Schmachtlocke der «Republik». Sie interviewte eine verpeilte Wissenschaftlerin, die sich zur Aussage verstieg: «Der Nikab ist nicht das Zeichen der Unterwerfung, sondern eine Revolte».

Aber auch Daniel Binswanger höchstselbst führte vor, zu welchen Absurditäten ein Intellektueller in der Lage ist, wenn er sich mit der rechten Hand hinter dem linken Ohr kratzt:

«Nikab-Trägerinnen in Europa sind typischer­weise unabhängige und selbst­bestimmte Frauen, die ihren Fundamentalismus gegen den Willen ihrer Familie praktizieren. Sie gehorchen mit der Vollverschleierung nicht einer Familien­tradition, sondern im Gegenteil, sie affirmieren ihre muslimische Born-again-Identität. Gerade für den Nikab greift also das Argument der Fremd­bestimmung nicht.»

Nun war Binswanger clever genug, das Wörtchen «in Europa» als Verschleierung seiner absurden Ansicht in den Text zu nehmen.

Es bleibt aber dennoch die Frage, was denn alle damaligen Anhänger des Körperschleiers als Ausdruck von was auch immer zu den aktuellen Auseinandersetzungen im Iran sagen. Der Protest gegen das Mullah-Regime hat sich nicht zuletzt daran entzündet, dass die Religionspolizei eine junge Frau verhaftete, weil die nicht ordnungsgemäss gekleidet sein sollte, vor allem habe man einen Blick auf ihr Haupthaar erhaschen können. Nicht als Erste starb sie dann während der Haft.

Seither brennen im Iran die Schleier und Kopftücher. Da sie eben unbestreitbar sowohl ausserhalb wie innerhalb von Europa Symbol eines menschen- und frauenverachtenden religiösen Fanatismus sind.

Natürlich dürfen Frauen Miniröcke tragen. Hohe Absätze oder bequeme Turnschuhe. Sie dürfen sich aufbrezeln oder betont neutral kleiden. Sie dürfen auch das Haupthaar bedecken; sei das mit Perücken, wie das unter orthodoxen Juden der Brauch ist, oder mit einem Stück Stoff. Sobald aber diese Verhüllung klar einen religiösen Symbolgehalt bekommt, ist sie nicht mehr Ausdruck der angeblichen Selbstbestimmung der Frau. Oder gar ihrer Weigerung, Objekt lüsterner männlicher Blicke zu sein.

Diese Auffassung ist genauso absurd wie die Meinung, durch Sprachreinigung und die Verwendung möglichst umständlicher Gender-Formen einen Beitrag zur Entdiskriminierung der Frau, zur Integrierung von Randgruppen zu leisten.

Beides sind Verirrungen von Intellektuellen, die nicht in der Lage sind, ihre Behauptungen, Forderungen und Vorschläge logisch zu durchdenken und an der Wirklichkeit zu messen.

Interessant ist nun allerdings, dass man von den feministischen oder linken Kreisen, die sich damals für das Selbstbestimmungsrecht der Frau in Verhüllungsfragen einsetzten, eigentlich kein Wort zu den Ereignissen im Iran hört. Immerhin, darin ist wohl eine leise Scham über vergangene, öffentlich bekundete Dummheiten enthalten.

Will man hoffen. Im schlimmsten Fall bedeutet das Schweigen aber, dass diese verpeilten Feministen und Nikab-Versteher das Verbrennen dieser Unterdrückungssymbole gar nicht gutheissen. Schliesslich zeigen diese Iranerinnen damit mangelnden Respekt vor religiösen Bräuchen, sind gar Opfer einer kulturellen Aneignung westlicher Gebräuche. Müssten also eigentlich so streng zurechtgewiesen werden – wie ein weisser Rastalocken-Träger. So rein logisch gesehen.

 

Die närrischen Weltverklärer

Brauchen wir nicht alle etwas Halt in haltlosen Zeiten?

Peter von Matt ist der wohl bedeutendste lebende Intellektuelle der Schweiz, der beste engagierte Schriftsteller. In einem NZZ-Interview wehrt er sich gegen solche Etikettierung: «Die Frage können Sie sich sparen. Superlative sind immer verdächtig.» Auf die Frage, ob er eher Optimist oder Pessimist sei, antwortet der weise alte Mann:

«Wer heute den Propheten spielt, ist ein Narr.»

Daher sind die meisten Massenmedien wahre Narrenschiffe, mit Narrentanz und Narrenspiegeln, wie es Sebastian Brant nicht besser hätte einfallen können.

So sah’s Hieronymus Bosch um 1500.

Es ist verblüffend, wie genau die Definition eines Narren auf heutige Medienschaffende zutrifft: «Als Narr wird eine männliche Person bezeichnet, welche sich töricht verhält und auf lächerliche Weise irreführen oder täuschen lässt.» (Wikipedia) In den heutigen Zeiten der political correctness sei erwähnt, dass es natürlich auch die Närrin gibt. Die Variante für d wie divers wurde noch von keinem Narren erfunden.

Mediale Narren lassen sich nicht nur selbst irreführen und täuschen, sondern tun das auch ihren Lesern und Zuhörern an. Dabei ist es den meisten Narren nicht gegeben, ihr närrisches Tun zu reflektieren. Zur grossen Gaudi einiger Beobachter verrichten medialen Narren ihren närrischen Dienst mit tiefer Ernsthaftigkeit, mit geradezu religiöser Inbrunst und mit fanatisch flackerndem Blick, ausgelöst durch das sichere Wissen und die Bürde, mit der einzig seligmachenden Wahrheit und der Fähigkeit zur unfehlbaren Trennung von Gut und Bös die Welt auf den rechten Pfad führen zu müssen.

Nun arbeiten die meisten Mediennarren mit intellektuell eher kleinem Besteck, also muss die Welt in mundgerechte Portionen unterteilt werden. Da ist für Differenzierungen, Widersprüche, Komplexitäten, gar überkomplexe Systeme kein Platz. Das würde das Fassungsvermögen des Schrumpfkopfs sprengen. Ausserdem geben solche Beschreibungen der Welt als recht ungeordnetes, kunterbuntes Chaos keinen Halt.

Halt braucht der Mensch in haltlosen Zeiten, und Halt kann man nur mit Haltung geben. Haltung entwickelt man normalerweise nicht selbst, sondern leiht sie sich aus. Man holt sie aus dem sogenannten Wertesystem, auch bekannt als die «westlichen Werte». Diese westlichen Werte bestehen aus einem kleinen Kanon von abgenützten Allgemeinplätzen: Freiheit, Demokratie, Zivilisation.

Was genau das sei, wird von Narren nicht hinterfragt. Denn dann würde ja die Schwarzweisskartographie der Welt nicht mehr funktionieren. Die Antipoden dieser Begriffe sind Unfreiheit, Autokratie und Barbarei. Es versteht sich von selbst, dass unsere moralisch überlegenen Werte dagegen verteidigt werden müssen. Dafür werden sie närrisch über Situationen gestülpt, die in Wirklichkeit viel komplexer und komplizierter sind. Aber wer hat schon den Nerv, die Ukraine als korrupte Oligarchie anzusehen, die sich in der Auseinandersetzung mit einer militärisch überlegenen korrupten Oligarchie befindet.

Die eine korrupte Führung hat die andere korrupte Führung überfallen und gemeint, militärisch schnell mit der Ukraine fertigzuwerden. Die andere Oligarchie meint, mit Hilfe des Westens militärisch einen vollständigen Sieg erringen zu können. Zwei Narreteien.

Aber die Mediennarren sehen das anders. Hier gehe es um die Verteidigung von Freiheit, Demokratie und Zivilisation gegen ihre Antipoden, letztlich also um den uralten Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Richtig und Falsch, zwischen himmlischen Heerscharen und den Horden des Teufels. So schaut’s aus. Das trifft selbstverständlich auch für Taiwan zu. Oder für jeden beliebigen Konfliktherd der Welt, wenn er die Aufmerksamkeit der Mediennarren erregt.

Das militärische Konflikte entweder mit der vollständigen Vernichtung eines der beiden Beteiligten oder mit Verhandlungen beendet werden, diese einfache Wahrheit wollen die Narren ums Verrecken nicht einsehen.

«Es ist kompliziert und komplex, daher spannend und eine Herausforderung für Beschreibungen», das ist ein Satz, den der Narr fürchtet wie der Teufel das Weihwasser. So geht das nicht. Da wird ein grenzseniler US-Präsident lieber zum energiegeladenen Führer der freien Welt hochgeschrieben, sein Vorgänger zum Scharlatan, Lügner, Versager, zum Kriminellen, der kurz vor Verurteilungen steht, heruntergemacht. Dass den allerdings die US-Stimmbürger freiwillig zum Präsidenten gewählt hatten, das verzeihen die Narren den Amis nie. Denn mit ihren krachenden Fehlanalysen und ihrer vorschnellen Gratulation in Richtung der ersten Präsidentin der USA machten sie sich in aller Öffentlichkeit lächerlich. Wie es sich halt für Narren geziemt.

Zur Grundausstattung eines Narren gehören Schellen. Also Lärminstrumente. Im Zeitalter der zunehmend virtuellen Kommunikation hat sie der Mediennarr durch Wortgeklingel ersetzt. Er mahnt, warnt, fordert, kritisiert und weiss grundsätzlich alles besser als die Handelnden. Denn es ist der Vorteil des Mediennarren, dass er völlig haftungsfrei und verantwortungslos drauflosschreiben kann. Und Prognosen absondern. Immer in der berechtigten Hoffnung, dass das Kurzzeitgedächtnis seiner Leser den Quatsch, den er gestern schrieb, heute schon längst vergessen hat.

So segeln also die Narrenschiffe durch die Weiten des Internets. Allerdings wendet sich immer mehr Publikum von der Zurschaustellung solcher Narretei ab, vor allem, wenn für die Betrachtung auch noch ein Entgelt gefordert wird. Als Gipfel der Narretei fordern dann die Schiffskapitäne doch tatsächlich staatliche Unterstützung für ihr Treiben. Zahlt der Zuschauer nicht freiwillig, dann soll halt sein Steuergroschen dafür herhalten.

All das Tun gibt nicht viel Halt in haltlosen Zeiten, närrische Rechthaberei weckert das Publikum ungemein, weder ein Weltuntergang noch Abhilfe ist in Sicht.

 

Der Journalist und der Staat

Darf Quellenschutz alles?

Der Journalist ist auf Informationen angewiesen. Heutzutage ist die übliche Methode, Informationen abzuschreiben. Von einer Nachrichtenagentur, von ausländischen Quellen, auch mal von der Konkurrenz.

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Aber eigentlich wäre die Idee, dass sich der Journalist Informationen beschafft. Durch recherchieren, untersuchen, nachhaken, überprüfen. Das kann sich im legalen Bereich abspielen, also der Journalist konsultiert nur Informationen, die auch öffentlich zugänglich sind. Das ist aber eher der langweiligere Bereich. Richtig spannend wird es, wenn eine Information ans Tageslicht kommt, von der einige meinen, dass sie dort nicht hingehört.

Weil sie geschützt ist. Privatsphäre, Geschäftsgeheimnis, Amtsgeheimnis, Staatsgeheimnis. In solchen Fällen ist der Journalist häufig auf eine Quelle angewiesen, modern-deutsch den Whistleblower. Also jemand mit Zugang zu klassifizierten Informationen, die er – gegen Geld oder aus Überzeugung – an die Öffentlichkeit bringen möchte.

Hier hat der Journalist nun ein Privileg wie der Arzt oder der Anwalt: den sogenannten Quellenschutz. Er muss nicht verraten, wer ihm eine Information gesteckt hat. Im Prinzip.

Konkret will zurzeit ein Sonderermittler wissen, wie es zur sogenannte «Cryptoaffäre» kommen konnte. Kurz gefasst war das der Skandal, dass in eine vielverwendete Schweizer Verschlüsselungsmethode eine Hintertür eingebaut war, durch die befreundete Geheimdienste den Informationsaustausch der Verwender der Verschlüsselung abgreifen konnten. Ziemlich peinlich, da die Schweiz anpries, dass sie als neutraler Staat eben Qualitätsware und einbruchssichere Verschlüsselungsmaschinen liefern könne.

Offenbar half hier eine Quelle innerhalb der Bundesämter, und diese Quelle machte sich damit natürlich des Bruchs des Amtsgeheimnisses schuldig. Und Journalisten, die diese Informationen verwendeten, möglicherweise auch. Wie das genau ablief, will nun Sonderermittler Peter Marti herausfinden. Dafür unterzieht er Journalisten einer Befragung.

Wie persoenlich.com zusammengestellt hat, wurden bereits Marc Walder (CEO Ringier), Res Strehle, Thomas Knellwolf (Tamedia), Kurt Pelda und andere einvernommen. Nun ist es mit dem Quellenschutz eben so eine Sache.

Wenn jemand behauptet, ZACKBUM und sein Herausgeber seien in Wirklichkeit von Nordkorea und Russland bezahlte Influencer, dann ist das einwandfrei strafrechtlich relevant. Sagt dieser Jemand dann, er habe dafür drei voneinander unabhängige und seriöse Quellen, die ihm auch entsprechende Zahlungen gezeigt hätten, er könne die aber nicht nennen – Quellenschutz –, dann geht das natürlich nicht.

Denn entweder erbringt dieser Jemand vor Gericht den Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen, oder aber er wird verurteilt. So einfach ist das. Trotzdem erhebt sich Geschrei in den Medien, mit diesen Einvernahmen werde die Pressefreiheit strapaziert, die Informationsbeschaffung gefährdet, denn Medien seien nun mal auf Quellen angewiesen. Daher sei diese Untersuchung brandgefährlich.

Das ist Unsinn. Ein Journalist, der an einer Geheimnisverletzung beteiligt ist, muss damit rechnen, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Das ist halt sein Berufsrisiko. Durch seine Tätigkeit steht er nicht einfach über dem Gesetz. Es ist vielmehr ein Ausdruck von Feigheit und Drückebergerei, wenn Journalisten gerne Geheimnisverletzungen ausschlachten möchten, aber ohne Folgen.

Das gelingt ihnen auch regelmässig mit sogenannten Papers und Leaks. Das sind in Wirklichkeit gestohlene Geschäftsunterlagen, und was die Journalisten mit ihrem Ausschlachten tun, ist nichts anderes als Hehlerei. Aber die Bestohlenen sitzen meist auf kleinen Inseln im Meer oder in Ländern wie Panama, und von dort aus ist es eher schwierig, gegen diese Verletzung des Geschäftsgeheimnisses rechtlich vorzugehen.

Das gilt halt nicht, wenn eine Information aus der Schweizer Bundesverwaltung tropft.

Zudem werden im Protest zwei Dinge zusammengeworfen, die nicht zusammen gehören. Im Fall des Ringier-CEO Walder untersucht der Sonderermittler offenbar, ob es zwischen dem Ringier-Verlag und dem Departement des Bundesrats Alain Berset eine Art Gentleman Agreement gab. Ringier bekommt exklusive Vorabinformationen und zeichnet dafür ein positives und wohlwollendes Bild des Bundesrats.

Es gibt zumindest Indizien für diesen Verdacht. Die persönliche Nähe von Berset und Walder ist bekannt. Der Bundesrat nahm beispielsweise an der Premierenfeier des neuen Ringier-Produkts «Interview by Ringier» teil. Darin war er als Fotomodel und als Interviewer aufgetreten, eigentlich unerhört für einen amtierenden Bundesrat. Zudem hatte Walder in einem inzwischen berüchtigten Video «nur unter uns» bekannt gegeben, dass er seine Redaktionen weltweit angewiesen habe, die Regierungspolitik in der Bekämpfung der Pandemie zu unterstützen und wohlwollend zu begleiten.

Diese Thematik unterscheidet sich völlig von der Frage, wer allenfalls das Amtsgeheimnis in der Cryptoaffäre verletzt hat. Es ist allerdings ein geschickter kommunikativer Schachzug, das miteinander zu vermischen. Aber darauf fallen hoffentlich nicht allzu viele Journalisten – ausserhalb von persoenlich.com – herein. Oder?

Wir sind so neutral

Lernt jeder in der Schule: die Schweiz ist neutral. Oder so.

Die Schweiz erwartet gespannt die Veröffentlichung des «Neutralitätsberichts» durch das EDA. Darin soll geklärt werden: «Der Bericht wird neben der Aufarbeitung der letzten 30 Jahre auch die aktuelle Krise in der Ukraine beleuchten sowie einen Ausblick auf eine mögliche Weiterentwicklung des Neutralitätsverständnisses geben

Unheil schwant, wenn man die Liste der Mitglieder der «externen Expertengruppe Neutralität 22» anschaut:

  • Yves Daccord (ehemaliger Direktor des IKRK),
  • Martin Dumermuth (ehemaliger Direktor des Bundesamts für Justiz)
  • Renata Jungo-Brüngger (Vorstandsmitglied Mercedes-Benz-Gruppe)
  • Dominik Knill (Präsident Schweizerische Offiziersgesellschaft
  • Christoph Mäder (Präsident economiesuisse)
  • Anna-Lina Müller (Co-Geschäftsführerin Think Tank Foraus)
  • Philippe Rebord (ehemaliger Chef der Armee)
  • René Rhinow (alt Ständerat, Professor Emeritus für öffentliches Recht an der Universität Basel)
  • Sacha Zala (Professor für Schweizer und Neueste allgemeine Geschichte, Direktor der Forschungsstelle Diplomatische Dokumente)

So hat sich Rhinow bereits mehr als abfällig über die bisherige Anwendung des Neutralitätsprinzips geäussert: «Dass die Schweiz immerwährend neutral sein soll, ist verjährt.»

Was in einer solchen Arbeitsgruppe ein VR von Mercedes-Benz zu suchen hat, ein ehemaliger IKRK-Direktor oder gar ein Vorstandsmitglied der Europa-Turbos «Foraus»?

Dabei wäre es doch tatsächlich sinnvoll, den offensichtlich nicht ganz durchdachten Begriff der bewaffneten Neutralität staatsrechtlich zumindest zu definieren. Dafür verfügt die Schweiz doch über genügend Professorenstellen, deren Amtsinhaber sich eigentlich auf Kosten des Steuerzahlers den lieben langen Tag mit nichts anderem als solchen Fragen beschäftigen sollten.

Daher war es dann sicherlich kein Problem, hier wenigstens eine wissenschaftlich fundierte Definition zu bekommen, auf die dann die Debatte aufbauen könnte. Nur: wenn uns nicht Wesentliches entgangen ist, gibt es die nicht.

Unser Aussenminister zog plötzlich den Begriff «kooperative Neutralität» aus dem Hut, andere erklären die Neutralität für überflüssig, sie sollte eigentlich längst abgeschafft werden.

Wieder andere sagen, dass diese Neutralität doch noch nie richtig existiert habe, spätestens seit Ende des Zweiten Weltkriegs sei die Schweiz alles andere als neutral gewesen, sondern hätte sich unter den militärischen Schutzschirm der NATO begeben, mit allen daraus folgenden Abhängigkeiten.

An diesem besinnlichen Sonntag vor dem 1. August soll keineswegs rechthaberisch die einzig richtige Definition der Schweizer Neutralität dem staunenden Publikum präsentiert werden.

Aber schon mit leichter Verzweiflung soll nochmal gefordert werden: ist es denn nicht mehr möglich, selbst über solche fundamentalen Begriffe, über diesen Pfeiler des Schweizer Selbstbewusstseins, der Definition der Schweiz, eine zivilisierte, auf Erkenntnisgewinn ausgerichtete Debatte zu führen?

Statt mit heruntergelassenem Visier im Schützengraben der verfestigten Meinung zu sitzen und rechthaberisch auf alles zu ballern, was der nicht entspricht?

Klar, ein illusorischer, fast kindischer Wunsch zum 1. August. Aber probieren kann man ja.

 

 

 

Übergrosser Bauchnabel

Was ist das wichtigste Körperteil eines Journalisten?

Konsumenten von Medien könnten meinen, dass es sich dabei um den Kopf handle. Vielleicht sehen das männliche Journalisten zum Teil anders, aber das wichtigste Körperteil eines Medienschaffenden ist eindeutig sein Bauchnabel.

Denn diesen betrachtet er nicht nur ausgiebig. Tastet ihn regelmässig ab. Fühlt, spürt, wie es dahinter zu und her geht. Rumpelt der Magen? Verrichtet das Gedärm seinen Dienst? Wandert die Nahrung peristaltisch dem Ausgang entgegen? Wie steht es mit den übrigen inneren Organen? Hält die Leber noch die Alkoholzufuhr aus oder spannt sie schon den Regenschirm auf? Ist die Gallenblase ohne Steine? Schmerzen etwa die Nieren? Was machen denn eigentlich Bauchspeicheldrüse und Blinddarm?

Der Journalist kümmert sich auch um abstraktere Belastungen im Umfeld seines Bauchnabels. Halten seine Innereien die nötige Portion Opportunismus aus, den Widerspruch zwischen persönlichen Überzeugungen und dem, was der Medienschaffende in Erfüllung der Generallinie seines Organs als seine feste Meinung zu verkaufen hat? Bleibt das Gedärm ruhig, wenn er wieder mal einen Auftrag fasst, ein übles Stück Konzernjournalismus zu verfassen? Entwickeln sich gar Blähungen, wenn er wieder mal Stücke in seinem Medium lesen oder hören muss, die intellektuell unterirdischen Flachsinn beinhalten?

Kommt er ohne Schluckauf davon, wenn eine neue Runde «gendern für Anfänger und Zurückgeschrittene» ausgerufen wird? Fügt er sich in sein Schicksal, wenn die Untervertretung von weiblichen Führungskräften durch Quotenfrauen kompensiert wird, was dem männlichen Mitarbeiter klarmacht, dass seine unermüdlichen Anstrengungen, durch herausragende Leistung die Karriereleiter zu erklimmen, vergeblich waren?

Noch wichtiger: woran leidet der Journalist gerade? An der Welt insgesamt, am Krieg in der Ukraine, an Trennungsschmerz, an Kopfweh? Wie steht es überhaupt um seine Befindlichkeit? Ist er einsam, muss er Weltenlenker zurechtweisen, fernen und nahen Ländern oder Regierungen Bescheid stossen, was sie eigentlich zu tun hätten? Befürchtet er einen neuen Corona-Ausbruch, viele Tote, gar den Weltuntergang? Müsste man Putin nicht endlich mal stoppen? Bremsen? Wegputschen? Und wieso, verdammt noch eins, folgt eigentlich niemand seinen Ratschlägen?

Das sind alles Gedankengänge, die dem Journalisten beim Betrachten seines Bauchnabels durch den Kopf gehen. Damit könnte die Welt ja noch leben. Aber leider, leider hat er die Möglichkeit, all diese Gärungen und Verarbeitungen seines Metabolismus der Umwelt mitzuteilen. Genauer den armen Konsumenten seines Organs, die sogar noch Geld dafür zahlen müssen, um akkurat über die Befindlichkeit des Lohnschreibers informiert zu werden.

Das ist eine einsame Spitzenleistung an öffentlicher Nabelschau. Das gibt es in keinem anderen Beruf. Ein Kellner käme nicht im Traum auf die Idee, ein Bier mit der Bemerkung zu servieren, dass er heute in recht melancholischer Stimmung sei. Einer Verkäuferin käme nicht über die Lippen, während sie die Ware abkassiert, den Kunden darüber zu informieren, dass sie an der Verantwortungslosigkeit der Ungeimpften schwer leide.

Selbst Taxifahrer oder Coiffeure geben normalerweise erst dann ihre Ansichten und Einsichten kund, wenn der Kunde offenbar nach einem Dialog verlangt. Auch Staatsbeamte halten sich zurück. Niemals käme der Steuerkommissär auf die Idee, die Steuerrechnung mit ein paar Bemerkungen über seinen Seelenzustand zu ergänzen.

Denn eigentlich ist es bei Dienstleistungen ganz einfach. In welchem körperlichen oder geistigen oder seelischen Zustand sie erbracht werden, ist dem zahlenden Konsumenten ziemlich egal. Normalerweise wäre er befremdet, wenn der Metzger das Kalbskotelett mit der Bemerkung über den Tresen reichen würde, dass die Massentierhaltung seiner Meinung nach sofort zu unterbinden sei. Und wieso der Kunde nicht besser zum Biofleisch greife, statt verantwortungslos und kaltherzig tierisches Leiden zu verspeisen.

Aber der Medienschaffende ist immer gerne bereit, nicht nur seine persönliche Stimmungslage mit dem Konsumenten zu teilen, sondern dem auch noch ungefragt Ratschläge, geradezu Befehle zu erteilen. Putin verstehen, das sei ganz schlecht. Sich nicht nochmals boostern lassen, das sei verantwortungslos. Ein warmes Vollbad sei ein Schlag ins Gesicht gegen alle Energiesparmassnahmen. Kohlekraftwerke seien doch keine so schlechte Sache, die Raumtemperatur müsse im kommenden Winter deutlich gesenkt werden.

Mit all diesen Dingen belästigen Medienschaffende ihre Konsumenten. Kein Wunder, dass für die eigentliche Dienstleistung, das professionelle Berichten über Ereignisse aus der ganzen Welt, immer mehr in den Hintergrund tritt. Kein Wunder, dass sich immer mehr Konsumenten fragen, wieso sie für diese Selbsterforschung, diese Egotripps, diese arrogante Rechthaberei, diese ungefragten Ratschläge, Zurechtweisungen, Einordnungen oder Narrative auch noch etwas bezahlen sollten.

 

Wumms: Michèle Widmer

Nachtreten ist in. Aus der geschützten Werkstatt.

Michèle Widmer ist Redaktorin bei persoenlich.com. Das sei das «Online-Magazin für Entscheider und Meinungsführer». Seine Grundhaltung ist: ja keine Lämpen mit niemandem. Denn wir müssen ja vom Wohlwollen der Entscheider und Meinungsführer leben.

Als Meinungsventil führt perssoenlich.com einen Blog. Hier äussern sich Entscheider und Meinungsführer im Westentaschenformat. Auch Redakteure dürfen ganz gelegentlich zum Griffel greifen, wenn Matthias Ackeret mal gerade nichts zu sagen hat. Daher kaut Widmer ein Stück Konzernjournalismus aus dem Hause Tamedia wieder:

Die beiden Lohnschreiber Andreas Tobler und Sandro Benini hatten versucht, aus dem Abgang des Kolumnisten Henryk M. Broder bei der «Weltwoche» eine Massenflucht herbeizufantasieren. Aber wie es bei den Rechercheriesen von Tamedia und «Republik» üblich ist: steile These, beinharter Haltungsjournalismus – aber nichts dahinter.

Das wäre sicherlich Anlass für ein paar kritische Worte einer Redaktorin, die sich professionell mit Kommunikation und Medien befasst. Kritische Bemerkungen fallen tatsächlich, allerdings:

«Im Falle der Weltwoche lassen sie sich von einem Medium bezahlen, das Partei für Wladimir Putin ergreift. Sie verhelfen mit ihren Texten einem Medium zu Reichweite, das den Krieg in der Ukraine verharmlost. Ihre Kolumnen erscheinen nicht im luftleeren Raum, Leserinnen nehmen die Schreibenden als Weltwoche-Autoren wahr. Sie sollten sich die Frage stellen: Wo liegt meine Schmerzgrenze?»

Die Schmerzgrenze gegenüber Widmer liegt da, wo sie bereits eingangs mit einem Falschzitat arbeitet. Der Kolumnist Broder habe sich «zum Abschied öffentlich von den «Russlandverstehern» in der Weltwoche distanziert». Er verwendete aber das böse Wort von «Putinverstehern». Wobei beides absurd ist, denn der Versuch, etwas verstehen zu wollen, ist der Offenlegung wie bei Widmer, dass sie nicht viel versteht, deutlich überlegen.

Im Qualitätsmedium persoenlich.com darf Widmer unkontrolliert behaupten, die WeWo ergreife Partei für Putin, verharmlose den Krieg in der Ukraine. Beide Anwürfe erhebt sie ohne den geringsten Beleg dafür. Sie übernimmt einfach unreflektiert das Narrativ der Verleumdung. Auch ihr fällt nicht auf, dass die WeWo, die nun wirklich Diversität der Meinungen lebt, von Konzernjournalisten kritisiert wird, die nicht mal im Alptraum daran denken würden, in ihren Organen von der vorgegebenen Linie abweichende Meinungen zu veröffentlichen.

Bevor die Lohnschreiber von Tamedia sich mal trauen, ihren Big Boss Supino zu kritisieren, weil der Profitdenken und die Aufteilung des Konzerns in unabhängige Profitcenter über alles stellt, bevor sie mal ihren Oberchefredaktor Rutishauser wegen seinen kriegerischen Tönen im Ukrainekrieg kritisieren, sollten sie einfach etwas kürzer treten, wenn sie gegen ein Magazin austeilen, in dem man sogar dem Verleger und Chefredaktor mit Anlauf Contra geben kann.

Wir sind gespannt, wann Widmer mal einen Blogbeitrag verfasst, in dem sie harte Worte zu Blocher TV findet … Aber das liegt sicherlich deutlich unterhalb ihrer Schmerzgrenze.

Schräge Vergleiche

Pazifismus und internationale Brigaden.

Oberhalb des anschwellenden Bocksgesangs, der jeden Zweifel an der binären Weltsicht «Putin böse, Selenskyj gut» niederbrüllen will, selbst wenn er von einer linken Grünen kommt, macht man sich in der NZZ Gedanken über linken Pazifismus oder Vergleiche zwischen den Internationalen Brigaden in Spanien und ausländischen Kombattanten in der Ukraine.

Exemplarisch für das Wendehalsmanöver in der Frage des Pazifismus stehen die Grünen im Speziellen und die Linke im Allgemeinen. Bis vor Kurzem wurde von einigen Exponenten sogar die Abschaffung der NATO gefordert, als der grösste Kriegstreiber und die grösste Gefahr für den Weltfrieden. Es ist auch noch nicht so lange her, dass die GSoA, die «Gesellschaft für eine Schweiz ohne Armee», einen Achtungserfolg mit der Initiative zur Abschaffung der heiligen Kuh in der Schweiz einfuhr.

Der Einmarsch Russlands in der Ukraine ist der Lackmustest für alle unreflektierten Maulhelden, die wie weiland Nicole einfach «Ein bisschen Frieden» wollen. «Stoppt Putin», «Bekämpft den Hunger in der Welt», «Rettet das Klima», «Nie wieder Krieg», das sind Slogans von einer strahlenden Dummheit. Wer wäre nicht dafür. Aber weil nicht allzu viele diesen Forderungen nachleben, vor allem nicht die, die sie skandieren, bleiben sie schal und hohl.

Es gibt eine illustrative Anekdote. Als der chinesische Steuermann Mao darüber informiert wurde, dass Martin Luther King, der grosse amerikanische gewaltfreie Kämpfer für die Gleichberechtigung der Schwarzen, ermordet worden war, sagte er: «So lernt man aus dem Leben.» Gewaltfreier Widerstand gegen Gewalt ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Pazifismus ist ein schöner Schein, eine Haltung, die sich Zeitgenossen leisten können, die auf einer der wenigen Inseln der Welt leben, wo nicht Willkür, Faustrecht und Rechtlosigkeit herrschen.

Im Ukrainekrieg kämpfen auch ausländische Unterstützer auf der Seite der ukrainischen Regierung. Für viele Kommentatoren liegt der Vergleich mit den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg nahe. Sie zeigen damit einmal mehr eine gravierende Unkenntnis der Geschichte. Die wird bekanntlich nicht nur immer wieder umgeschrieben. Sondern auch immer wieder für untaugliche Vergleiche missbraucht.

Genauso wie die Denunziation von Forderungen nach einer Verhandlungslösung in der Ukraine durch den Vergleich mit der Appeasment-Politik gegenüber Hitler reine Demagogie ist, entehrt der Vergleich mit den Kämpfern auf Seiten der Spanischen Republik den damaligen Heldenmut.

Auch Schweizer schlossen sich mit der Waffe in der Hand dem Kampf zur Verteidigung der gewählten spanischen Regierung gegen den Faschisten und späteren Diktator Franco an. Sofern sie diesen Einsatz überlebten, wurden sie in der Schweiz später verurteilt und geächtet. Wenn heutige Linke wie der Zeusler Fabian Molina den damaligen Schlachtruf «no pasarán» – sie werden nicht durchkommen – als Spruch gegen angebliche faschistische Attacken in Zürich missbraucht, sollte er dafür geächtet werden.

Mit «no pasarán» zeigten die ersten Interbrigadisten bei der Verteidigung der Hauptstadt Madrid gegen die anbrandenden faschistischen Horden Francos einen internationalistischen Heldenmut; sie waren die ersten bewaffneten Kämpfer gegen die braune Brut in Europa, denn Franco wurde sowohl von Hitler wie von Mussolini unterstützt. Auf der Seite der Spanischen Republik stand einzig, und auch sie nur zögerlich, die Sowjetunion.

Wer sich den internationalen Brigaden anschloss, stand links, war meistens Kommunist oder zumindest Sympathisant mit der UdSSR. Oder er war ein fragloser Gegner des Militärputschs von Franco. Die Entscheidung von insgesamt rund 35’000 Kämpfern, die Solidarität von Schriftstellern wie Ernest Hemingway, Arthur Koestler, Ilja Ehrenburg oder George Orwell, das war ein Heldenepos, das keinesfalls mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine zu vergleichen ist.

Zweifellos hat Russland die Ukraine überfallen und damit alle bindenden Vereinbarungen über die Unantastbarkeit der territorialen Integrität der Ukraine, die Russland unterzeichnete, zur Makulatur werden lassen. Damit hat Putin, neben vielem anderen, die Glaubwürdigkeit seines Regimes ruiniert. Denn wer verlässt sich noch auf einen Vertragspartner, der gezeigt hat, dass ihm die Einhaltung von internationalen Verträgen egal ist, wenn er meint, dass sie seinen Interessen im Wege stünden.

Pacta sunt servanda, Verträge sind einzuhalten, das ist nicht nur im Geschäftsleben, sondern insbesondere bei internationalen Verträgen Pflicht. Wer sich nicht daran hält, wird zum Paria, welche Gründe er auch immer für sein Verhalten anführen mag.

Dieses verächtliche Vorgehen des russischen Regimes macht aber die korrupte Regierung um die Oligarchen-Marionette Selenskyj nicht mit der Regierung der Spanischen Republik in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts vergleichbar. Manuel Azaña war ein Staatsmann von ganz anderem Format und intellektuellem Zuschnitt als der begabte Schauspieler Selenskyj.

Nur der allgemeinen Sittenverwilderung und historischen Unkenntnis ist es zuzuschreiben, dass solche untauglichen Vergleiche überhaupt gezogen werden. Aber wer in der saturierten und durch Faschismus absolut ungefährdeten Schweiz «no pasarán» grölt, macht sich ebenso lächerlich wie Publizisten, die internationale Kombattanten in der Ukraine mit den Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg vergleichen.

Sie ist eine Echse!

Die «Republik» glaubt an Science Fiction.

Man sieht doch das Böse im Gesicht dieser Frau. Oder nicht? Angeblich soll es sich um die Schauspielerin Jane Badler handeln. Offenbar erinnern sich einige Mitarbeiter der «Republik» an die SciFi-Serie «V – die ausserirdischen Besucher kommen». In den 1980er-Jahren erschreckte dieses Weltraummärchen so manchen Zuschauer.

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Die Story: über der Erde erscheint eine Flotte von UFOs. Die Besatzung behauptet, man käme in friedlicher Absicht. Das humanoide Aussehen der Ausserirdischen täuscht aber. In Wirklichkeit haben sich eklige Reptilien so verkleidet, und diese Kommandantin Badler wird dabei beobachtet, wie sie gelegentlich eine Maus verspeist – die sie mit ihrer gespaltenen Reptilienzunge fängt. Brr.

Badler, immer noch mit Maske, im Jahr 2014.

Ein Redaktor der «Frankfurter Rundschau» erinnert sich schreckensbleich an sein TV-Erlebnis als Jugendlicher: «Die Aliens im feschen Dress verstehen sich gut auf das Manipulieren der Medien, gründen gar eine Jugendorganisation, reißen immer mehr Menschen in ihren Bann, die die Besucher und ihr Symbol frenetisch feiern.»

Aber glücklicherweise entsteht auf der Erde tapferer Widerstand, ihr an Hauswände gespraytes «V» für Victory wird zum Symbol der menschlichen Resilienz gegen solche Verführung.

Daran haben sich offensichtlich die Verschwörungstheoretiker von der «Republik» erinnert. Das Organ zur Rettung der Demokratie eröffnet nochmals den Kampf gegen Raubreptilien. Genauer gegen Menschen, die an solche Reptilien glauben. Und gegen Menschen, die sie daran glauben lassen wollen. Vielleicht wird diesmal der Buchstabe R an Wände gesprayt. R wie Reptilien. Wie Resilienz. Wie «Republik».

Das ist die dialektische Weiterentwicklung des Serien-Plots. Dank der «Republik» wissen wir nun, dass finstere Verschwörer wie Roger Köppel, Markus Somm oder Stefan Millius den Glauben an solche Echsenmenschen befördern. Nicht etwa jeder für sich. Sondern alle zusammen ziehen da am gleichen, nun ja, Echsenschwanz.

Am Schluss dieser abstrusen Behauptung will die «Republik» noch einen Funken Hoffnung versprühen, nachdem sie den schreckensbleichen Leser auf eine zweiteiligen «Reise ans Ende der Demokratie» mitgenommen hat. Aber immerhin, Echsen müssten sich gelegentlich häuten, weiss die «Republik». Lasst uns also Ausschau halten nach Reptilienhäuten in der Umgebung dieser Verschwörer.

Allerdings hat das Hauptquartier der Reptilienrecherche für den riesenlangen Riemen über angeblich konspirierende «Infokrieger» zwar rund 30 namentlich genannte Reptilien-Verführer und ein gutes Dutzend ihrer Organe denunziert, dafür aber lediglich mit einem einzigen solchen Krieger gesprochen.

Wieso wiederholen wir das? Ganz einfach: damit hat die «Republik» die Reise ans Ende des Journalismus absolviert. Ihre früheren, geplatzten Versuche, mit angeblichen Skandalen Aufmerksamkeit zu erregen, ihre Drohungen mit Selbstmord, das ist alles Pipifax im Vergleich zu diesem brüllenden Wahnsinn.

Journalismus hat als Fundament Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Das erwirbt man sich, indem man anständig, so faktentreu und so akkurat wie möglich berichtet. Dabei sorgfältig auf eine Trennung von Faktenbeschrieb und Kommentar achtet. Zum Anstand gehört auch, namentlich Kritisierten und Denunzierten die Möglichkeit zur Replik zu geben.

Wer all das nicht tut, hat sich von der Welt des ernstzunehmenden Journalismus verabschiedet. Damit wurden schon wieder viele Millionen zum Fenster rausgeschmissen. Damit ist die «Republik» zu einem Sektenorgan für gläubige Haltungsmenschen verkommen, die keine «Expeditionen in die Wirklichkeit» lesen wollen, sondern fiktionale Märchenerzählungen, wo die Welt hinter Wille und Wahn verschwindet.

Kein Anlass für Frohlocken, denn das ist ein Trauerspiel.

Weltsicht

Die grosse Illusion des Weltverständnisses.

Es gibt viele Länder auf der Welt, wo grössere Teile der Bevölkerung keinen Zugang zu Informationsmedien haben. Die Schweiz gehört nicht dazu. Es gibt viele Länder auf der Welt, wo Informationen gefiltert, gelenkt, zensuriert werden. Die Schweiz gehört nicht dazu. Es gibt viele Länder auf der Welt, wo ein bedeutender Prozentsatz der Bevölkerung nicht über die intellektuellen Fähigkeiten verfügt, Informationen über die Welt richtig einzuordnen oder zu verstehen. Die Schweiz gehört nicht dazu.

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Die grosse Freiheit der freien Informationsbeschaffung im freien Westen bedeutet nicht, dass sie zu einer breiteren Weltsicht verhilft, zu einem Weltverständnis. Selbst der US-Präsident Biden ist nicht in der Lage, die Schweiz und und Schweden voneinander zu unterscheiden. Selbst im einigermassen zivilisierten Kalifornien kann es einem passieren, wenn man bekannt gibt, dass man Besucher aus Europa sei, dass man gefragt wird, ob man eigentlich mit dem eigenen Auto rübergefahren sei.

Die meisten Schweizer wissen, dass das nicht möglich ist. Das Weltverständnis eines durchschnittlichen Schweizers ist demjenigen eines Bewohners des Bible Belt in den USA fraglos überlegen. Das bedeutet aber nicht, dass der durchschnittliche Schweizer in der Lage ist, einen Satz mit zwei Nebensätzen auf Anhieb zu verstehen. Das ist nicht etwa eine despektierliche Behauptung. Es gibt inzwischen Plattformen wie «info easy», die «News in Leichter Sprache» aufbereiten.

Das gleiche Prinzip wenden allerdings – wenn auch nicht so ausgewiesen – viele Newsplattformen an. Sie wollen Rücksicht darauf nehmen, dass der Leser nicht verwirrt werden will. Sich dann richtig zu Hause fühlt, wenn seine Urteile, Vorurteile und Meinungen bestätigt, nicht in Frage gestellt werden. Dabei helfen festgefügte Narrative, die durch stetige Wiederholung zur Gewissheit verdichtet werden. Dabei helfen Schwarzweiss-Darstellungen, bei denen der Konsument problemlos zwischen dem Bösewicht und dem Helden unterscheiden kann.

Diese Möglichkeit der einfachen Unterscheidung nutzten schon frühe Western, als sie noch in Schwarzweiss gedreht wurden. Um von Vornherein klar zu machen, wer der Gute und wer der Böse ist, ohne dass gross Worte verloren werden mussten, hatte der eine einfach einen weissen Hut, der andere einen schwarzen auf. Und alle, die stattdessen Federschmuck trugen, waren sowieso böse, zumindest minderwertig.

Solche einfachen Schablonen helfen der Leserblatt-Bindung ungemein. Denn nichts macht den Newskonsumenten zufriedener, als wenn er nach dem Konsum seiner Newsquelle sagen kann: genauso sehe ich das auch, haargenau, wie ich es mir vorgestellt habe. Nichts verunsichert den Newskonsumenten mehr, als wenn er Dinge zur Kenntnis nehmen muss, die seinen Schablonen widersprechen. Das macht ihn recht ranzig.

Schlimmer ist eigentlich nur, wenn eine Darstellung mit dem Satz beginnt: es ist kompliziert. Kompliziert geht gar nicht, kompliziert riecht nach möglicher Überforderung, kompliziert hört sich nach Denkarbeit an, kompliziert bedeutet, dass man verwirrt werden könnte. Kompliziert hört sich nach Kriegstänzen von Intellektuellen um ihre Lagerfeuer an, wo die meisten Zuschauer kurz mit offenem Mund danebenstehen, um sich dann schulterzuckend abzuwenden.

Einerseits ist die Weltsicht seit Internet um unendlich viele mögliche Quellen erweitert worden. Andererseits stellen immer mehr Nutzer fest, dass ihnen das weder mehr Orientierung, noch mehr Verständnis verschafft. Diese Nutzer müssen auch immer wieder frustriert feststellen, dass Schwarzweiss und Schablone zwar Halt und Ordnung simuliert, oftmals aber an der eben komplizierten realen Welt zerschellt. Wenn zum Beispiel Putin nur böse und Selenskyj nur gut ist, dann weiss man zwar, woran man ist.

Wenn Russland ein autokratisch regierter korrupter Oligarchenstaat ist, wo strikte Zensur herrscht, während die Ukraine nach den Prinzipien einer modernen Demokratie regiert wird und freie Medien als Wächter funktionieren, kann man problemlos Partei ergreifen. Muss man dann aber zur Kenntnis nehmen, dass Selenskyj nicht nur gut, Putin nicht nur böse ist, auch die Ukraine ein autokratischer und korrupter Oligarchenstaat ist, in dem strikte Zensur herrscht, dann empfindet man das nicht als bereichernde Erkenntnis, sondern als störende Verwirrung.

Ob mangels intellektueller Fähigkeiten oder um das Publikum wunschgemäss zu bedienen, viele Journalisten neigen auch zu solchen Vereinfachungen  und wollen weder sich selbst noch ihre Konsumenten mit Komplexitäten, Widersprüchlichkeiten, kunterbunten Beobachtungen verwirren.

Nun darf der Mensch, also auch der Journalist, ein festgelegtes Weltbild haben und der Überzeugung anhängen, dass er und nur er die Dinge richtig sieht. Und würde man auf ihn hören, wäre die Welt viel besser.

Aber eigentlich müsste es die Aufgabe von Newsplattformen sein, neben dem Versuch, die Wirklichkeit so getreu wie möglich darzubieten, Rede und Widerrede zuzulassen. Denn der möglichst freie Austausch von Argumenten galt lange Jahrzehnte als der Königsweg zu besseren Erkenntnissen. Und bessere Erkenntnisse bewirken bessere Handlungen, bessere Handlungen machen das Leben und die Welt besser. So sah man das.

Das ist vorbei. Spätestens seit Corona haben die Welterklärmedien gewaltig an Glaubwürdigkeit und Vertrauen verloren. Da es eine zunehmende Konzentration der Newstitel in der Schweiz gibt, versagen diese wenigen Kopfblattproduzenten darin, den früher zwischen konkurrenzierenden Medien ausgetragenen Meinungskonflikt fortzuschreiben.

Geradezu entlarvend ist dabei der Ausdruck «Zentralredaktion». Zentralredaktion bedeutet Zentralisierung, nicht Diversifizierung. Eigentlich bestimmen lediglich vier Männer die Botschaften der Schweizer Privatmedien. Das sind die Oberchefredaktoren Arthur Rutishauser (Tamedia), Patrik Müller (CH Media), Eric Gujer (NZZ) und Christian Dorer («Blick» Gruppe). Alle vier sind eher weniger durch des Gedankens und des Zweifels Blässe angekränkelt, sondern starke Meinungsträger. Inwieweit das ihren eigenen Überzeugungen entspricht oder ob sie sich als Sprachrohr ihrer Besitzer verstehen, spielt eigentlich keine Rolle.

Auf jeden Fall ist das aufklärerische Modell «möglichst freie Rede und Gegenrede, möglichst offener Schlagabtausch von Argumenten  als kürzester Weg zur Erkenntnis und zu besserem Verständnis» völlig ausser Mode geraten. Repetitive Bestätigung nicht hinterfragbarer Meinungen und Positionen ist an seine Stelle getreten.

Hier wiederholt sich die Geschichte wahrlich als Farce. Denn genau gegen solche Setzungen der Kirche trat die Aufklärung erfolgreich an und riss damit das Leichentuch der Erkenntnisfeindlichkeit und des blinden Glaubens an angebliche geoffenbarte Worte einer höheren Macht von Europa. Nun senkt es sich wieder über uns.