Der letzte SRF-Promi

Nach den Abgängen von Nick Hartmann, Reto Scherrer und Patrizia Laeri ist er bald der letzte Promi beim Schweizer Fernsehen. Rainer Maria Salzgeber. Eine kleine Würdigung seines Erfolgs kurz vor seinem 51. Geburtstag.

Nur einer war schlagfertiger und hatte die noch grössere Klappe. Roman Kilchsperger. Doch dieser „wurde quasi eingeschläfert», wie Kilchsperger gegenüber der „Weltwoche“ sagte – und vor zwei Jahren zu Teleclub weiterzog. Auch Reto Scherrer (zu Blick TV), Nick Hartmann (zu CH Media) und Patrizia Laeri (seit Juli 2020 bei CNNMoney Switzerland) kehrten SRF den Rücken. Bleibt Rainer Maria Salzgeber. Er ist Fussballkommentator und Moderator der Sendung „Donnschtig-Jass“ auf SRF. Gerade bei der Jasssendung zahlt sich aus, dass Rainer Mara Salzgeber so ein treuer Arbeitnehmer ist. Herummäkler würden das als Sesselkleber bezeichnen. Aber egal. „Salzi“, wie er von Freunden und Fans genannt wird, rückte nach. Er ist seit 2018 Nachfolger von Monika Fasnacht (1996-2011), respektive von Roman Kilchsperger (2011-2018).

Eine treue Seele – oder ein Sesselkleber

26 Jahre ist Rainer Maria Salzgeber schon beim Schweizer Fernsehen angestellt. Den gebürtigen Briger ist vielen TV-Zuschauern wegen seines kernigen Walliserdialekts und des zweiten Vornamens «Maria» ein Begriff. Die Reporterlegende Gody Baumberger (1918– 2009) habe ihm vor 25 Jahren geraten, seinen Dialekt zu pflegen und keinesfalls auf das Maria zu verzichten. «So kennt man mich, das ist mein Markenzeichen.»  Tatsächlich tut Salzgeber auch einiges für seine Popularität. So ist er sich nicht zu schade, der Glückspost regelmässig Red und Antwort zu stehen.

Doch Salzgeber ist vor allem Sportfan. So hat er sein Idol Gody Baumberger laut eigenen Angaben oft besucht im Altersheim hinter dem «Spirgarten» in Zürich-Altstetten. Dort gab Salzgeber – noch vor Corona und an einem Anlass für Gewerbetreibende – seine Erfolgsrezepte preis, für die man an einem Führungsseminar schnell einmal 1000 Franken bezahlen müsste.

«Salzis sieben Erfolgsfaktoren»

«Bei mir scheint es immer, wie wenn ich alles locker aus dem Ärmel schütteln würde. Aber du musst auch etwas reintun.» Sprich, gute Vorbereitung ist alles. Für Salzgeber gibt es sieben Erfolgsfaktoren. Erstens: die Leidenschaft. «Es braucht dazu eine distanzierte Nähe.» Von Schulterklopfen alleine habe man nicht gelebt. Zweitens: das Fachwissen. «Sonst wäre ich verloren.» Aber man könne nicht der totale Experte sein. «Sonst dürfte nur Roger Federer über Tennis berichten», so Salzgebers Fazit. Drittens: «Sei, wie du bist». Also keine Rolle einnehmen, die nicht zu einem passt. Viertens: «Zuhören statt zutexten. Schweigen kann gut sein, dann spricht der Interviewte.»

Nächster Punkt: Kritik annehmen können. Aber: «Du musst dir ein persönliches Umfeld schaffen für Feedbacks, sonst macht dich die Kritik kaputt.
Sechster Punkt: die Disziplin. Bei Salzgeber heisst das, dass einem der Erfolg nicht in den Kopf steigen sollte. Dazu gehört aber auch die körperliche Fitness, an der Salzgeber stets arbeitet. So radelt er jeweils mit dem Rennvelo an die Drehorte. Letzter Punkt: der Humor. Ja klar. Lachen löst viele Verkrustungen.

Heute käme er bei SRF nicht mehr unter

Salzgeber appelliert: «Gebt Querschlägern mehr Chancen.» Er ist überzeugt: Er käme heute bei SRF bei Stellenbesetzungen nicht mehr über die erste Runde hinaus. «Mut ist wichtig», findet er.
Für alle SRF-Kritiker noch dieser Hinweis: Salzgeber lebt nicht vom SRF-Job alleine. Er verdient ein Zubrot als Moderator von privaten Anlässen, wie das viele seiner SRF-Kollegen tun. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz bei SRF. Man verdient nicht soviel wie in der Privatwirtschaft, doch man darf seinen Namen mit Moderationen vergolden.

Salzgeber hat noch ein drittes Standbein. Er ist seit Mai 2014 «stolzer Mitbesitzer der ‹Baracca Zermatt› in Kloten», wie seiner privaten Website zu entnehmen ist. Rainer Maria Salzgeber ist und bleibt ein Tausendsassa. Übrigens: Maria heisst er, weil er am 15. August geboren wurde, dem katholischen Feiertag Mariä Himmelfahrt. Ein Walliser ist und bleibt ein (frommer) Walliser.

Noch ein Skandälchen

A propos Jassendung: Schon seit 1968 gibt es den Samschtigjass. Zentraler Teil der Sendung sind drei Runden Jass. Am Kartenspiel nehmen prominente und nicht-prominente Studiogäste sowie ein Telefonkandidat teil, der 16000 Schweizer Franken gewinnen kann. Speziell ist, dass der Telefonjasser gar nicht von zuhause aus jasst, sondern am Drehort in einem Nebenzimmer. Dort hält er nicht etwa einen Telefonhörer in der Hand, sondern trägt einen Kopfhörer mit Mikrofon, ähnlich einem Fussballreporter. Publik machte diesen „Skandal“ der Tages-Anzeiger schon 2008. Die Geschichte ist aber immer wieder schön zu lesen.

 

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Der Büttel

Pascal Hollenstein ist ein flexibler Mensch. Ein begabter Imitator.

Publizist Pascal Hollenstein (Screenshot Twitter)

Jeder, der Macht hat, braucht Lakaien und Büttel. Lakaien, um die täglichen Verrichtungen abzunehmen. Büttel, um als Boten, als Sprachrohr die Meinung des Mächtigen herauszutrompeten.

Pascal Hollenstein ist ein perfekter Büttel. Das hat er im ganzen Verlauf seiner Karriere immer wieder unter Beweis gestellt. Als Schreiber für die Kundenzeitschrift einer Elektrizitätsgesellschaft. Als biegsamer Tänzer zwischen Journalismus und PR. Im Dienst der Axa Winterthur. Oder im Dienst des russischen Oligarchen Viktor Vekselberg.

Unbarmherzig wie Stalin

Das prädestiniert ihn, in seiner neusten Inkarnation als «Leiter Publizistik» der zwei Dutzend Kopfblätter des Konzerns CH Media seinen Senf zu Wladimir Putin zu geben. Der autoritäre Herrscher Putin, der «einen neuen Thron» für sich baue, sei schon länger an der Macht als Stalin, behauptet der studierte Historiker Hollenstein.

20 Jahre Machtausübung zählt er für Putin, macht ja nix, dass Stalin seit 1922 Generalsekretär der allmächtigen Kommunistischen Partei der UdSSR war, seit 1927 auch faktisch Alleinherrscher. Und das bis zu seinem Tod im Jahre 1953 blieb. Über solche Kleinigkeiten sieht der publizistische Leuchtturm des Hauses CH Media gern hinweg.

Dabei liebt er doch starke Männer und verachtet Schwäche: «Der Westen, diese weinerliche Memme», so polterte er 2018, als Putin angeblich «jede Linie überschritten» habe, «die das Völkerrecht gezogen hat». Also statt feige russische Aggressionen zu dulden, sollte die NATO wohl einen Militärschlag ins Auge fassen. Gut, dass niemand auf Hollenstein hört.

Unbarmherzig wie Stalin keilt Hollenstein gegen Journalisten, wenn die für die Konkurrenz arbeiten. «Jetzt muss sich die Staatsanwaltschaft mit einer «Tages-Anzeiger»-Journalistin befassen», teilt er gegen Michèle Binswanger aus. Denn Hollenstein macht gerne das Sprachrohr für Jolanda Spiess-Hegglin, die nach einer angeblichen Schändung bei einer alkoholseligen Feier im Jahre 2014 auf einem Feldzug gegen alle ist, die sich dieses Vorfalls publizistisch annehmen wollen.

Ein echter Feminist

Hollenstein dagegen ist ein aufrechter Verfechter des Feminismus; zum Thema Lohngleichheit und Vertretung von Frauen in seinem Verlag fällt ihm ein, dass das Thema gleicher Lohn für gleiche Arbeit in den Chefredaktionen immer auf der Agenda bleibe und mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werde. Mit anderen Worten: schön, dass wir darüber gesprochen haben.

Als Inlandchef der NZZ am Sonntag versuchte er, nach dem Abgang von Felix E. Müller den Chefsessel zu besteigen. Das war dann doch eine Liga zu weit oben. Nachdem er schon der publizistische Leiter von rund 15 Blättern im NZZ-Reich war, hat er seit dem Joint Venture NZZ und AZ Medien zu CH Media sein eigenes Königreich ausgeweitet.

Mit dem unsterblichen Vorteil, den auch schon Frank A. Meyer bei Ringier weidlich ausnützte: Als Leiter Publizistik darf man überall reinreden, zu allem seinen Senf geben, wichtig die Weltläufe kommentieren, wohlfeile Ratschläge erteilen und Noten verteilen – aber man ist für nichts verantwortlich.

Nach aussen anders als nach innen

Gegen aussen erhebt Hollenstein, diesmal als Büttel von CH Media, den moralischen Zeigefinger, warnt, fordert, analysiert. Im sicheren Wissen, dass das weder innerhalb der Redaktionen noch ausserhalb irgend jemand ernst nimmt. Würde er sich nur auf diese Funktion als Mietmeinung beschränken, könnte man ihm dazu gratulieren, wie er im Slalom durch seine verschiedenen Positionen und Funktionen gefahren ist.

Aber es gibt auch den Büttel Hollenstein nach innen. Und da muss er den Tarif durchgeben, da muss er verunsicherten Redaktoren gegenüber his master’s voice geben. Denn das Joint Venture, das nun 25 Kopfblätter umfasst, war ja keine Liebesheirat. Sondern der Tatsache geschuldet, dass Newsjournalismus, dass Tageszeitungen immer mehr in die Bredouille kommen. Reine News sind gratis und im Überfluss vorhanden, die Inserateeinnahmen bröckelten schon vor der Pandemie, inzwischen zerbröseln sie.

Die überregionalen Themen werden in allen Blättern bereits von einer Zentralredaktion bespielt. Vor Ort bleibt nur noch das Lokale. Aber eines ist (fast) allen Redaktoren klar: Die Payroll ist überlastet. Es braucht weder in der Zentrale noch vor Ort dermassen viele Journalisten.

Milchkühe und Abfallprodukte

Also stimmt Hollenstein die Redaktionen mit markigen Worten auf ihre Zukunft ein. Regionalausgaben oder selbst traditionelle Titel wie die «Luzerner Zeitung»: Im Print ein Auslaufmodell, ein «Abfallprodukt», das ausgemolken werden muss, solange es genügend Gewohnheitsabonnenten gibt, die noch bereit sind, pro Jahr über 500 Franken zu bezahlen.

Rentiert das nicht mehr, werde die Milchkuh geschlachtet, dann wandere alles ins Internet. Mit diesen Ankündigungen will Hollenstein austesten, wie flexibel die ihm zuhörenden Mitarbeiter sind. Wer aufmuckt, Qualitätseinbussen beklagt, gar diesen Umgang mit treuen Abonnenten kritisiert, hat sich selbst auf die Abschussrampe geschoben.

Praktikanten, die Kindersoldaten, wie Helmut-Maria Glogger selig das nannte, billig und willig, ersetzen erfahrene Redaktoren, die leider zu teuer geworden sind. Deshalb sind Hollenstein auch Lohnunterschiede zwischen Männlein und Weiblein eher schnurz. Teurer Redaktor oder billiger Anfänger, das ist sein Thema.

Mit Heuchelei ins Grab

Mit dieser Haltung, staatsmännisch-getragen gegen aussen, immer mit dem erhobenen Zeigefinger in der Luft, rein geschäftsmässig nur auf Kosten und Nutzen bedacht gegen innen, damit verkörpert Hollenstein diese tiefgreifende Heuchelei, mit der sich der Journalismus sein eigenes Grab schaufelt.

Er behauptet, nahrhafte Qualität zu liefern, die halt auch koste, in Wirklichkeit wird dünne Suppe ausgeschenkt. Gegen aussen salbadert Hollenstein von «Freiheit und Solidarität», die unsere stärksten Waffen gegen die Pandemie seien. Intern gibt er den Tarif durch, wie man den Abonnenten zu sehen habe, und wem das nicht passt, wohlan, der nächste Praktikant wartet schon. Freiheit heisst dann freigestellt werden, für Solidarität mit altgedienten Redaktoren ist leider kein Platz mehr.

„Ihr dürft nicht selbstgefällig wirken“

Selbstlob stinkt. Aber es tut gut.

Doch die Macher von ZACKBUM.ch wollen nicht nur in einer Blase leben. Deshalb hier eine schonungslose Einschätzung eines Kommunikationsprofis.

David Guggenbühl, Ihr erster Eindruck von ZACKBUM.ch?
Das Ganze kommt lustvoll daher und ist sehr munter. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, etwas aufzugleisen. Zu kritisieren ist immer einfach.

Kritik war auch der erste spürbare Reflex von Journalistenkollegen.
Das ist doch Klagen auf höchstem Niveau. Was wollt Ihr noch mehr, als dass ZACKBUM.ch vom ersten Tag an Schlagzeilen macht?

Trotzdem, wo hat ZACKBUM.ch noch Luft nach oben?
Es scheint alles lässig, aber das Profil müsst ihr noch schärfen.

Warum?
Ersten sagt ihr zuwenig deutlich, warum ihr das überhaupt macht. Das erzeugt Raum für wilde Spekulationen. So gibt mir der Titel «Aussortierte» im Artikel in der «Schweiz am Wochenende»  irgendwie recht.

Und weiter?
Es muss klarer sein, warum es Euch braucht.

Ein Manifest, so wie die «Republik»?
Es muss nicht so pathetisch sein, aber ja. Denn sonst kommt der Eindruck auf, dass ihr euch einfach ins Zentrum spielen wollt und die Dreierschaft zelebrieren wollt.

Aber wir sind doch ein super Team.
Wohl richtig, aber es muss klarer werden: Aha, darum machen die das. Eine kommunikative Hürde ist zudem der Name. Er ist originell und wirkt dynamisch, aber der Name ist nicht Programm. Im Gegensatz etwa zu Insideparadeplatz.

Darum haben wir den Claim geschaffen „ZACKBUM.ch – die Medien-Show“.
Ah stimmt, aber das kommt noch nicht so ganz rüber. Aber nochmals. Gerade wegen solchen Fragen wagt niemand etwas. Man hofft auf Applaus, erduldet aber keine Kritik. Eine Grundeinstellung von vielen Journalisten.

Wir drei Journalisten sind uns aber einiges an Kritik gewöhnt. Wir wachsen oft an Kritik. Das macht uns sogar Spass.
Das ist eine gute Voraussetzung für dieses Projekt. Wichtig ist, dass Ihr nicht selbstgefällig wirkt. Die Rubrik QA wirkt mit den stereotypen Antworten überhaupt nicht raffiniert, sondern senden das Signal aus «Sind wir nicht grossartig?». Dafür ist es noch zu früh.

David Guggenbühl (54) ist Jurist und Inhaber der Firma Kommunikationsfabrik AG. Vor seiner Beratertätigkeit war er im Journalismus tätig, u.a. bei Radio 24.

«Wir sind die Remueurs der Redaktoren»

42 Artikel später: Beni Frenkel, René Zeyer und Lorenz Steinmann (Foto: Rolf Edelmann)

Es gibt uns seit 14 Tagen. Hoch die Flaschen!

Also bitte, in den heutigen schnelllebigen Zeiten ist das allerhand für eine neue Internet-Plattform über Medien.

Es gibt noch viel mehr gute Nachrichten. Wir sind schon weltberühmt geworden. Also in der kleinen Welt der Journalisten. Als «Aussortierte» («Schweiz am Wochenende») belächelt, für unsere «wohltuend klare Haltung» gelobt («Die Ostschweiz»), «Zackbum statt Zackzack heisst es künftig in der Schweiz», weiss «Horizont.at», ein Servus und gschamigster Diener nach Österreich.

Kontrolle ohne Rücksicht

«Zackbum verspricht Kontrolle ohne Rücksicht», behauptet persoenlich.com. Es wird natürlich auch dem Sprichwort nachgelebt, dass Neid die aufrichtigste Form der Anerkennung ist. Die «SonntagsZeitung» will einen kleinen Tiefschlag landen, hat aber lausig recherchiert, muss sich entschuldigen und eine Richtigstellung einrücken.

Auch persoenlich.com gerät etwas in Schnappatmung und will schon nach zwei Tagen bereits eine «Verwirrung um neue medienkritische Plattform» gesichtet haben. War aber nur ein gähnendes Sommerloch, da Kurt W. Zimmermann mit einem Tweet ausprobieren wollte, wie man mit einfachen Mitteln Aufmerksamkeit erregen kann.

Rena Zulauf wird ohne eigenes Verschulden als Mitarbeiterin genannt; weil sie Anwältin ist und sich auch eine Scheibe Aufmerksamkeit abschneiden will, muss CH Media überall richtigstellen, dass sie das nicht sei. Um ehrlich zu sein: Das ist auch gut so. Die «Weltwoche» verwechselt Beni mit seinem Onkel Max Frenkel. Ein Blick ins Impressum hätte genügt, um sich darüber zu wundern, ob Max Frenkel in den Jungbrunnen gefallen ist. Aber macht ja alles nix.

Schon zwei Wochen ohne Bettelaktion

Wir werden fleissig gelesen, für ein brandneues Medium auch schon fleissig kommentiert, schon bald können wir den «Freundeskreis der ZACKBUM.ch-Fans» aus der Taufe heben. Erste ernstgemeinte Angebote für Mitarbeit gibt es auch schon. Allerdings: bereits 42 Artikel veröffentlicht, und noch kein einziges Begehren um Gegendarstellung eingefangen. Wir sind enttäuscht, aber halt einfach gut.

Zudem sind wir noch nicht pleite und bislang ohne Bettelaktion, was uns von anderen Medienorganen wohltuend unterscheidet. Die Rettung der Demokratie ist schon vergeben, also bewerben wir uns für die Rettung des Journalismus.

Eigentlich wollen das ja alle Medienschaffenden wissen, aber keiner traut sich, die Frage zu stellen: Wie geht es eigentlich bei einer Redaktionssitzung von ZACKBUM.ch zu und her? Hier gilt die Omertà, also die klassische sizilianische Schweigepflicht, sonst Beton am Fuss und der im Wasser. Aber wir machen zur Feier des Tages mal eine Ausnahme.

Aus dem Nähkästchen geplaudert

Um schlag 19 Uhr schwingt René Zeyer jeweils eine grosse Glocke und brüllt: «Ruhe jetzt, es gibt viel zu tun.» Sein strafender Blick lässt die freien Mitarbeiter, die sich in Reihe zwei und drei um den Sitzungstisch versammelt haben, verstummen.

In der Stille hört man das Glug-glug besonders laut, mit dem drei Champagnergläser gefüllt werden. Ein leises Kling, dann meint Lorenz Steinmann kennerisch: «Der Dom Pérignon war das letzte Mal auch nicht schlecht, aber ein Krug schlägt natürlich alles.» – «Ist dieser Champagner eigentlich koscher?», erkundigt sich Beni Frenkel und nimmt einen grossen Schluck, ohne die Antwort abzuwarten.

Zeyer schenkt sich selbst nach und übersieht die flehentlichen Blicke seiner beiden Mitstreiter. Die freien Mitarbeiter haben sich schon lange daran gewöhnt, dass es für sie nur Hahnenwasser gibt. «Wir sind eigentlich wie die Remueurs», meint Zeyer nachdenklich, um davon abzulenken, dass er erst jetzt den anderen beiden nachschenkt und sich selbst nochmals.

«Hä?», sagt Frenkel und spricht damit allen aus dem Herzen. Zeyer schüttelt nachsichtig den Kopf, «keine Lebensart hier am Tisch», mäkelt er. «Der Remueur heisst auf Deutsch Rüttler. Das ist der, der die Champagnerflaschen rüttelt und dreht, damit der Hefezusatz in den Flaschenhals rutscht. Und etwas Vergleichbares machen wir doch mit den Schweizer Journalisten.»

«Ach so», sagt Frenkel, «verstehe, wir machen was Ähnliches mit den Palästinensern.» Steinmann schüttelt tadelnd den Kopf: «Keine Scherze auf Kosten von Juden oder Palästinensern, wir wissen doch nicht, ob hier alle dichthalten.» Das Kernteam am Tisch blickt misstrauisch zu den freien Mitarbeitern, die aber alle entrüstete Geräusche machen und verneinend mit dem Zeigefinger wackeln.

So entstehen die Storys täglich neu

«Nachdem wir auch das geklärt hätten», sagt Zeyer, «könnten wir vielleicht langsam zu neuen Themenvorschlägen übergehen.» – «Könnte ich ein Blatt Papier haben», fragt Frenkel, «ach, und einen Kugelschreiber, und ist eigentlich noch was in der Flasche?» – «Du bist mir ein schöner Journalist», tadelt Steinmann. «Vorsicht», sagt Frenkel, «ich bin ein jüdischer Journalist, und wenn nichts mehr in der Flasche ist, gibt es keinen Nachschub?»

Zeyer steht seufzend auf und holt eine zweite Flasche aus dem Kühlschrank. «Für die harten Sachen ist es vielleicht noch ein wenig früh», meint er. «Wieso?», fragen Steinmann und Frenkel im Chor. «Da habt Ihr auch wieder recht», lenkt Zeyer ein und stellt die Flasche Nummer 319 des Barbadillo Solera Gran Reserva auf den Tisch.

«Davon gibt’s aber nur ein Glas», sagt Zeyer präventiv, als Frenkel den Brandy mit einem Schluck vertilgt, «habe ich Euch schon mal erzählt, wie wir es schafften, in Havanna den Rumvorrat eines Restaurants auszutrinken?» – «Ja», sagen alle genervt im Chor. «Ach was», sagt Zeyer und schenkt sich selbst nach, bevor er die Flasche zukorkt und in ihren dreieckigen Schutzkarton zurückstellt.

Er schaut auf die Uhr und sagt: «Ich glaube, wir sind heute mal wieder ein schönes Stück weitergekommen; jeder weiss, was er zu tun hat. Dann machen wir wie üblich jeden Tag um punkt 7 morgens die Skype-Konferenz, und hier sehen wir uns dann in einer Woche wieder.»

Die freien Mitarbeiter nicken eifrig, Frenkel legt nach einem strafenden Blick von Steinmann den Kugelschreiber wieder auf den Tisch, den er eigentlich mitgehen lassen wollte, Zeyer schaut schon sehnsüchtig auf den Brandy-Karton. «Ist schon gut, dass das alles unter uns bleibt», sagt Steinmann zum Abschied.

So und nicht anders entstehen all die vielen knackigen Storys, mit denen ZACKBUM.ch Tag für Tag die grosse weite Welt der Journalisten unterhält. Es ist harte Arbeit, gepaart mit Fleiss und dem unablässigen Bemühen, topfnüchtern einen Blick auf die Medienlandschaft zu werfen. Aber das hält ja keiner aus, ohne sich die schönzusaufen.

Hohe Kunst des Einmalnull

Keinmaleins in «20 Minuten»

Normalbegabte Journalisten sollten von der Wahrscheinlichkeitsrechung die Finger lassen. Das gilt auch für «20 Minuten»

Eigentlich wollte «20 Minuten» Anfang August ja nur aufklären: «So gross ist die Ansteckungsgefahr im Flugzeug wirklich». Im Text verwandelte die Autorin aus Zahlen aber eine Horrorgeschichte: «Transportiert ein Flugzeug durchschnittlich 200 Passagiere, sitzt sicher in jeder dritten Maschine eine kranke Person». Kreisch!

Wie kommt die Zeitung zu dieser Aussage? Ziemlich einfach, verdächtig zu einfach: Es seien zurzeit 1942 Menschen in der Schweiz mit dem Virus angesteckt, schreibt die Autorin. Da die Dunkelziffer aber zehnmal höher sei, betrage die Zahl 19’420 Corona-Fälle. «Daraus ergibt sich, dass einer von rund 450 Schweizern Covid-19 hat.» Und wer dreimal in einem Flugzeug sitzt, begegnet also insgesamt 600 Personen. Ergo: Einer davon muss sicher Corona haben!

Nochmals: kreisch! Die Journalistin hat zum Glück zwei Fehler gemacht: in der Mathematik und in der Logik. Christoph Luchsinger, Dozent am Institut für Mathematik an der Uni Zürich, drückt es so aus: «Wenn die Reisenden unabhängig voneinander Einzelreisende sind, und Corona-Infizierte gleich wahrscheinlich reisen wie Gesunde (was unwahrscheinlich ist) gilt: die Anzahl Infizierte pro Flugzeug ist sogenannt binomialverteilt (Bin(200, 1/450)).

Lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Mathematiker

Damit gibt es im Durchschnitt 4/9=0.4444 Infizierte pro Flugzeug. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es in gegebenem Flugzeug keine infizierte Person hat, ist approximativ 0.64, also 64 %. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in drei aufeinanderfolgenden Flügen niemandem mit Corona begegnet ist, beträgt also 0.64*0.64*0.64=0.26, also 26 % und das ist grösser 0.

Im Klartext: Wer dreimal fliegt, sitzt nicht zu 100 Prozent in einem Flugzeug mit einem anderen Corona-Infizierten, sondern zu 74 % (100 %-26 %).

Gaudenz Looser, Chefredaktor «20 Minuten», nimmt seine Mitarbeiterin in Schutz: «Unsere Redaktorin hat die Formel von Dieter Scholz, Professor für Flugzeugbau in Deutschland, auf die Schweiz angewendet.» Das stimmt – fast. Die falsche Wahrscheinlichkeitsrechnung stammt von der Journalistin.

Wir und die Autorin lernen daraus: Man muss keine Angst vor Zahlen haben, nur etwas Kontrolle. Und wenn man unsicher ist, am besten nachfragen

Alles Rassisten!

Henry Dunant: Muss das weg?

Teil zwei: Keiner zu bedeutend, um nicht Rassist zu sein.

Der Dominikanermönch de Las Casas war einer der Ersten, der sich für die Indios einsetzte, ihnen beistand, forderte, dass sie als Menschen anerkannt und behandelt würden. Diesem Anliegen widmete er von 1515 an sein ganzes Leben. Unermüdlich, ohne Rücksicht auf persönliche Gefahren. Aber, nach der sich pervertierenden neuen Definition von Rassismus, war de Las Casas natürlich Rassist.

Denn obwohl er sich später umbesann, nahm er an Kriegszügen gegen Ureinwohner teil und hielt selber welche als Sklaven. Aber das ist nicht einmal das Schlimmste. In seinem Bestreben, das Aussterben der Ureinwohner zu verhindern, regte er an, dass man an ihrer Stelle doch Sklaven aus Afrika importieren könnte. Da dort Sklaverei allgemein üblich und schwarze Sklaven sicherlich widerstandsfähiger als Indios seien, wäre das für alle zum Vorteil.

Fataler Widerspruch statt platte Eindeutigkeit

Welch fataler Widerspruch. Zutiefst humanistisch und christlich geprägt, wollte de Las Casas den Indios helfen. Und trug damit zum Beginn des Sklavenhandels mit Afrika bei. Erst später verurteilte er auch das und kämpfte unermüdlich dafür, gegen den erbitterten Widerstand des spanischen Klerus, dass sowohl Indios wie Schwarze, dass schlichtweg alle vernunftbegabten Wesen als Menschen anerkannt werden sollen. Unabhängig von Herkunft oder Hautfarbe.

Ist also de Las Casas Rassist? Weg mit seinen Denkmälern überall auf der Welt? Müssen seine Werke mit einem warnenden Vorwort versehen, am besten gleich ganz verboten werden? Geschichtsvergessene Dummköpfe fordern das bereits. So wie in der Schweiz die Ächtung des grossen Wissenschaftlers Louis Agassiz gefordert und teilweise schon praktiziert wird. Ebenso wie beim grössten Mäzen der Stadt Neuenburg. David de Pury hinterliess seiner Geburtsstadt nach heutigem Wert rund 600 Millionen Franken.

Andenken weg, Geld bleibt

Aber er besass Aktien einer portugiesischen Handelsgesellschaft, die unter anderem mit Sklaven handelte. Also weg mit ihm, mit seinem Denkmal. Aber natürlich nicht mit seinem gespendeten Geld.

Weg mit Agassiz, weil der neben seiner internationalen Reputation als Forscher auch ein paar der damaligen Zeit geschuldete Dummheiten über die angeblich minderwertige schwarze Rasse sagte. Ein völliger Unsinn, natürlich. Was aber sein übriges Werk keinesfalls abwertet. Flugs wird er zu einem der «führenden Rassentheoretiker» umgebogen. Weil wahrscheinlich die tapferen Kämpfer gegen Rassismus in der Schweiz noch nie etwas von Arthur de Gobineau gehört haben. Der mit seinem «Versuch über die Ungleichheit der Rassen» (1855) tatsächlich einer der Begründer von modernem Rassenwahn ist.

Ein nervenkranker Menschenfeind, der es nicht verwandt, dass seine Skulpturen als mittelmässig abgelehnt wurden und der vergeblich versuchte, seinen Familienstammbaum auf den Gott Odin zurückzuführen. Dagegen ist und bleibt de Las Casas natürlich eine Lichtgestalt. Ein Kämpfer gegen Rassismus, der im Gegensatz zu den «Black Lives Matter» grölenden Schweizer Manifestanten tatsächlich sein Leben dafür riskierte.

Ein gültiges und vorbildhaftes Vermächtnis hinterliess. So wie Gandhi und Dunant. So wie Agassiz, de Pury und Escher. So wie viele Gestalten der Gesichte, die neben alle Zeiten überdauernde Leistungen auch fehlten, Schwächen hatten, unsinnige Ansichten vertraten. Das macht sie menschlich, aber sicher nicht zu Rassisten als einzige Definition ihres Wirkens.

An den Pranger gestellt

Als eine Art moderner Pranger soll in der Schweiz die «Datenbank» der NGO «Cooperaxion» dienen. Hier seien auf «einzigartige Weise die Geschäfte der verschiedenen Schweizer Akteure während des transatlantischen Sklavenhandels des 17. bis 19. Jahrhunderts dokumentiert». Es gebe schon 260 Datensätze. Meistens aus Sekundärliteratur gefischt gibt es hier ein wildes Durcheinander. So taucht zum Beispiel Auguste de Stael auf, wie seine berühmte Mutter ein unerschrockener Kämpfer gegen den Sklavenhandel. Macht ja nix, wahrscheinlich war er doch Rassist.

Dabei ist es ganz einfach, die Sache mit dem Rassismus. Rassisten sind Menschen, die individuellen Mitgliedern von Gruppen nur wegen dieser Zugehörigkeit eine – meistens negative – Eigenschaft zuschreiben. So gesehen, sind wir alle Rassisten, und solche Art von Antirassismus ist absolut und damit totalitär. Wer nur schon einmal «der Schweizer ist zuverlässig, der Deutsche ist pünktlich, der Italiener liebt das dolce far niente» gesagt hat, ist Rassist. Womit das Thema erledigt wäre.

Zum ersten Teil: hier klicken.

Karl Lüönd (Copyright: Christian Lanz)

Karl Lüönd: «Zackbum ist ein fürchterlicher Name»

Der Doyen des Journalismus sieht nicht alles schwarz. Vor allem Fachzeitschriften hätten eine Zukunft, da der Streuverlust gering ist. Aber: Ohne Fachkompetenz funktioniert ist es nicht. Im Gespräch mit einem der letzten grossen Journalisten.

Karl Lüönd, Sie haben die Spezialzeitschrift «Jagd & Natur» gegründet und geleitet: Wie erlegt man am besten einen Hirsch?

Den Hirsch muss man ersitzen, nicht erlaufen. Stundenlang warten, bis er kommt; dann genau prüfen, ob er den Vorschriften entspricht, und abdrücken, wenn er breit steht.

Die Tätigkeit für eine Fachzeitschrift setzt Fachkenntnis voraus. Ist das so?

Sicher. Erfolgreiche Macher von Fach- und Spezialzeitschriften sind in ihrem Bereich sattelfest, zugleich sollen sie journalistische Reflexe haben und mit dem Besteck des Blattmachers umgehen können.

Angenommen, damals hätten sich auf ein Inserat nur ein Jäger und ein Journalist beworben. Beide gleich sympathisch – wer hätte bei Ihnen mehr Chancen gehabt?

Sympathie hat bei meinen Personalentscheiden immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Im Zweifel habe ich mich häufig für Kandidatinnen oder Kandidaten entschieden, die neben der Kernkompetenz noch auf einem zweiten, dritten Gebiet qualifiziert waren.

Man hat den Eindruck, den Fachzeitschriften gehe es besser als den übrigen gedruckten Medien. Stimmt das?

Wir sollten unterscheiden zwischen Fachzeitschriften – für beruflichen Gebrauch und wirtschaftliche Sparten – und Spezialzeitschriften – grob gesagt: für Hobbies aller Art. Unter diesen Oberbegriffen sehen wir in der Schweiz über 2500 Titel. Es gibt für diese Gattung kaum verlässliches Zahlenmaterial. Wir haben es mit einem ganzen Höhlensystem von Marktnischen zu tun. Einen generellen Trend für alle abzuleiten wäre mir bei dieser Datenlage zu gewagt. Was man aber sicher sagen kann, ist: Die Entwicklungen verlaufen in diesem Bereich weniger dramatisch als in den exponierteren Bereichen der gedruckten Medien. Dies vor allem, weil die meisten Titel weniger an Inserenten abhängig sind als zum Beispiel Tageszeitungen und weil viele Inserenten die Fach- und Spezialzeitschriften brauchen, um ihr Zielpublikum mit möglichst wenig Streuverlusten zu erreichen.

Haben Sie ein konkretes Erfolgsbeispiel?

Tatsächlich gibt es erstaunlicherweise immer wieder Platz für neue Nischen. Das wohl prominenteste Erfolgsbeispiel ist die «Landliebe» von Ringier, der die uralten Ratgeber-Themen Kochen, Wohnen, Einrichten, Basteln, Handarbeit usw. unter einer zeitgeistig genialen neuen Dachmarke versammelt und mit schöner Sinnlichkeit abhandelt.

Die Tageszeitungen haben in den letzten Jahren manche Spezialinteressen (Reisen, Auto, Wissenschaft etc.) entweder abgebaut oder an andere ausgelagert. Ein Fehler?

Manche sind halt in einer verzweifelten Lage und haben keine andere Wahl. Sie müssen inhaltlich abbauen und zugleich von den Leserinnen und Lesern immer mehr Geld verlangen, weil die Anzeigenerträge fehlen. Noch schlimmer als den Abbau finde ich den faktischen Verkauf dieser redaktionellen Inhalte. Eine direkte negative Rückkoppelung dieses Abbaus auf die Fach- und Spezialzeitschriften sehe ich nicht.

Laut WEMF-Zahlen haben 2019 auch die Fachzeitschriften in der Auflage abgegeben. Warum trifft’s nun auch diese?

Weil immer mehr Firmen ihre Marketingkommunikation umstellen, d.h. digitalisieren. Was die WEMF nicht erfasst hat, sind die Nutzerzahlen und Einkünfte aus den vielen kleinen, zum Teil tagesaktuellen digitalen Angeboten, die manche Fach- und Spezialtitel aufgebaut haben, und aus den mannigfachen Nebengeschäften, die manche Anbieter im Fach- und Spezialbereich erfolgreich betreiben. Hier werden nach wie vor gute Geschäftsfelder bespielt, ja, sogar mit Stellenanzeigen, aber auch mit allen erdenklichen anderen Angeboten: Kursen, Ferien, Reisen, Produkten.

Wie sehen Sie den heutigen Journalismus im Vergleich zu einige Jahrzehnte zurück?

Auch kleine Objekte sind vom Einprodukte-Unternehmen Zeitschrift zu Gemischtwarenläden geworden. Sie bieten Internet-Portale, Podcasts, Apps, Bücher, Sonderhefte an sowie viele nahe beim Fachbereich angesiedelte Produkte und Dienstleistungen. Journalisten und Verleger, die in diesem Umfeld bestehen wollen, müssen bereit sein, immer Neues auszuprobieren und gnadenlos wegzuwerfen, was nicht funktioniert («Kill your darlings!») Marktforschung gibt es nur im Massstab 1:1 auf dem Markt und vor den Augen der Konkurrenz.

Was halten Sie von der Kompetenz heutiger Journalisten?

Ich liebe solche zur Verallgemeinerung verführende Fragen nicht. Zur Kompetenz gehören auf alle Fälle Begeisterung für sein Spezialgebiet, Neugier und eine hohe Frustrationstoleranz.

Wird man ein Modell finden, mit dem man Internet-Auftritte finanziell lukrativ macht?

Viele haben es schon gefunden, aber sie hängen es nicht an die grosse Glocke, und, wie gesagt: Die Branchenstatistik ist in diesem Bereich besonders schwach. Auf der Suche nach Ideen würde ich mich mal intensiv im internationalen Markt der wissenschaftlichen Zeitschriften umschauen, zum Beispiel bei der RELX-Group (früher Reed Elsevier).

Welche Chancen geben Sie Zackbum.ch?

Da sich unsere Branche gern mit sich selbst beschäftigt, wird es an Beachtung nicht fehlen. Aber davon leben wird man wohl nicht können. Mich freut, dass die bisher gezeigte inhaltliche Qualität bedeutend besser ist als der Name, den ich fürchterlich finde.

Zur Person: Karl Lüönd (geb. 1945) hat nach einer bewegten Karriere als Journalist, Chefredaktor und Verleger («Blick», «Züri Leu», «Züri Woche») auch Spezialzeitschriften gegründet (z.B. «Jagd & Natur») und etwa ein halbes Dutzend Fach- und Spezialzeitschriftenverlage z.T. über Jahre hinweg als Berater und Coach begleitet. Heute beschäftigt er sich vor allem mit Sachbüchern zu wirtschaftshistorischen Themen. Im Schweizer Bibliothekskatalog (www.nebis.ch) sind unter seinem Namen ca. 60 Buchtitel in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Chinesisch verzeichnet.

Hilfe! Alles Rassisten

Gandhi in Genf: Muss das weg?

Teil eins: Aufgeschäumte Erregungsbewirtschaftung gegen alle

Mehr als 5200 Treffer erzielt man in der SMD, wenn man den Begriff «Black Lives Matter» eingibt. Ungefähr gleich viele mit «Rassismus in der Schweiz». Etwas mehr als 3000 Treffer erzielt «Wirtschaftskrise in der Schweiz». Man muss ja Prioritäten setzen. «Genf stellt sich der Gandhi-Frage», rauschte vor Kurzem durch die Medien. Denn der gewaltfreie und erfolgreiche Kämpfer für Indiens Unabhängig wird in Genf mit einem Denkmal geehrt. Aber er sei Rassist gewesen.

De Pury, Agassiz? Sklavenhändler oder Rassisten. Alfred Escher gar? War der Gründer der Credit Suisse und Erbauer des Gotthard-Tunnels etwa auch Rassist? Bislang ist das noch nicht entdeckt worden, aber ein Onkel von ihm soll auf Kuba sein Vermögen mit Sklavenhaltung gemacht haben. Dafür kann nun Escher irgendwie nichts, und dass schon sein Vater – erfolgreich – vor Gericht ging, als ihm das ebenfalls unterstellt wurde, was soll’s.

Es wimmelt von Rassisten

Henry Dunant, bekannt als Humanist, auf dessen Ideen die Gründung des Roten Kreuzes zurückgeht, und die Genfer Konvention? Der Friedensnobelpreisträger «war als Kolonialhändler in Tunesien tätig», weiss das Schweizer Zentralorgan des Antirassismus. Obwohl die «Republik» hier «die Fakten» liefern will, sagt sie leider nicht, was daran anrüchig sein soll. Aber so ist es halt bei «Nachhilfe», wenn der Lehrer dümmlich und ungeprüft nachplappert.

Mangelnde historische Kenntnisse bei allen Antirassisten schützen noch nicht enttarnte Übeltäter.

Einer der ältesten in der europäischen Geschichte bekannten Rassisten war zweifellos Bartolomé de Las Casas. Wohl 1485 im spanischen Sevilla geboren, wurde er Dominikanermönch und brach 1502 nach Hispaniola auf, heute Dominikanische Republik und Haiti.

Dort nahm er an Feldzügen gegen die Ureinwohner teil, 1511 an der Seite von Diego Velázquez als Konquistador in Kuba. Nach der Niederwerfung der Indios wurde de Las Casas zum Landbesitzer, das er mit den ihm zugeteilten Indiosklaven bewirtschaftete, die er auch in eine ihm gehörende Mine jagte.

1515 ungefähr begann ein Umdenkprozess im Dominikanermönch, er begann zu bezweifeln, ob das Halten von Sklaven richtig sei. Er gab in diesem Jahr seine Indios an den spanischen Gouverneur Kubas zurück, wie man es mit geliehenen Sachen halt so tut, und verliess die Insel.

Anschliessend bereiste er die Karibik und Südamerika, schliesslich wurde er 1453 zum Bischof von Chiapas in Mexiko ernannt. 1546 kehrte er endgültig nach Spanien zurück und starb 1566 in einem Dominikanerkloster bei Madrid.

Kämpfer für die Rechte der Indios

Er gelangte zu unsterblichem Ruhm durch seine Werke. Vor allem die dreibändige «Historia general de las Indias». Denn es dauerte lange, bis man vom Irrglauben Abstand nahm, der mit Kolumbus begonnen hatte, dass man einen westlichen, bislang unbekannten Teil von Indien entdeckt habe. In diesem Werk schildert de Las Casas die Conquista von 1492 und Kolumbus an, die Eroberung Mittelamerikas und Perus.

Vor allem aber überdauert sein «Kurzgefasster Bericht von der Verwüstung der westindischen Länder» die Zeiten. 1552 wurde diese flammende Anklageschrift klandestin im Ausland veröffentlicht, denn in Spanien stand sogar die Todesstrafe darauf, ohne höchste Erlaubnis sich zu den Kolonien zu äussern.

Noch 1660 wurde dieser Bericht in Spanien verboten, er schade dem Ansehen. Als er 1966 von Hans Magnus Enzensberger frisch übersetzt auf Deutsch herauskam, behielt er seine Wirkung wie am ersten Tag. De Las Casas beschreibt eindrücklich und ungeschminkt die Greuel, die die Kolonisatoren, die rücksichtslosen Eroberer der Urbevölkerung antaten, immer auf der Suche nach Eldorado, dem sagenhaften Goldland.

De Las Casas listet all die Gemetzel, die gebrochenen Versprechen, die Versklavung, das schnelle Sterben der Indios in Minen oder wegen den unmenschlichen Arbeitsbedingungen unter den Grossgrundbesitzern, ohne Beschönigung auf. Es ist die Geschichte eines Völkermords. Begangen auch im Namen der christlichen Kirche, was allen Kämpfern gegen Rassismus in der Schweiz wohl entgangen ist.

Dafür durchstöbern sie die Geschichte mit heutigen Massstäben, um überall Rassisten und Sklavenhändler zu enttarnen.

Fortsetzung folgt.

 

 

17 Vollzeitstellen für SRG-App «Play Suisse»

SRG-App soll Sprachbarrieren abbauen.
Die SRG will ab Oktober mit der neuen Plattform «Play Suisse» an den Start gehen. Das Teil soll die Sprachregionen der Schweiz abdecken und ausgewählte SRG-Sendungen in allen Landessprachen untertiteln. Für SRG-Generaldirektor Gilles Marchand ist die App «mehr als eine Mediengeschichte», wie er in einem Interview mit der Weltwoche schwärmte.
Als Beispiele von sprachübergreifenden Sendungen nannte SRG-Mediensprecher Edi Estermann gegenüber Zackbum.ch Beispiele wie: «Wilder», «Quartier des Banques», «Der Hamster», «Station Horizon», «L’Ecole des Philosophes» oder «Amur senza Fin».
17 Vollzeitstellen seien aktuell an der Entwicklung der App involviert, so Estermann. Auf die Frage hin, ob die Produktionen die Zuschauer der anderen Sprachregionen überhaupt interessieren, weist die SRG erstmals entsprechende Zahlen aus: So guckten auf RSI durchschnittlich 31’000 Zuschauer die sechste Staffel von «Der Bestatter», was einem Marktanteil von 12.5% entspricht. Die erste Staffel der RTS-Serie «Quartier des Banques» erzielte auf RSI einen durchschnittlichen Marktanteil von 17.1%, während die erste Staffel von Wilder bei RTS durchschnittlich 183’000 Personen erreichte, was einem Marktanteil von knapp 20% entspricht.

Ein ehrenwerter Mann?

Pascal Hollenstein hat zwei Gesichter.

Schein und Sein: Intern zeigt Hollenstein offen, was er von seinen Brötchengebern hält. Genauer: Von den treuen Abonnenten der Printausgaben wie der «Luzerner Zeitung» und ihren Regionalablegern. Nicht viel. Das seien «Abfallprodukte», reif für den Abdecker, wenn sie nicht mehr wie Milchkühe gemolken werden können.

Gegen aussen neigt der «Leiter Publizistik» von CH Media zum Salbadern. In gesalbten Kommentaren säuselt er, «man möchte all jenen danken, welche auch dieser Zeitung ihr Vertrauen schenken». Zugleich ist er ein unerschrockenes Sprachrohr für Jolanda Spiess-Hegglin; man erinnert sich, bei einer Feier 2014 geriet einiges ausser Kontrolle.

Tapfer verbellt Hollenstein den Plan einer Tagi-Journalistin, ein Buch über diese Affäre zu schreiben. Denn er befürchtet Ungemach: «Klar ist: Binswanger hat sich in der Sache früh klar positioniert und Spiess-Hegglin angegriffen.»

Hier betrat Hollenstein allerdings journalistisches Neuland; er ist sozusagen der Erfinder des publizistischen Präventivschlags und weiss schon bevor eine einzige Zeile zu Papier gebracht wurde, dass dieses geplante Buch nicht gut werden kann.

Gerne gibt Hollenstein ungefragt gute Ratschläge: «Keller-Suter muss das Heft in die Hand nehmen». Und auch die ganz staatstragenden Töne sind seine Sache: «Freiheit und Solidarität sind unsere schärfsten Waffen gegen das Virus», belehrt er den staunenden Leser.

Nach aussen spielt der den Weltenlenker

Er tut auch alles, was er halt so kann, um die Welt in geordnete Bahnen zu lenken; zum 70. Jahrestag der Ausrufung der Volksrepublik China doziert er: «Die westliche Welt muss robust, aber fair, ohne Hybris und Illusionen auftreten.» Gut, dass das die westliche Welt jetzt weiss.

In einem Wort: Ein Staatsmann, einer, der im Kleinen und im Grossen zeigt, wo’s langgeht. Ein Vorbild, wie er das als «Leiter Publizistik» ja auch sein sollte. Allerdings würden sich doch manche Leser von Produkten aus dem Hause CH Media wundern, wenn sie wüssten, wie sich der feine Herr intern über sie äussert.

Alte Milchkuh und Abfallprodukt

Da spricht er nämlich von der «Luzerner Zeitung» und ihren Regionalausgaben von CH Media als «Abfallprodukt». Diese «alte Milchkuh» müsse man noch solange melken, bis die Leser ausgestorben seien. Und auf keinen Fall den Abopreis senken, obwohl der Inhalt immer dünner wird. Denn die Gewohnheitsleser würden klaglos zahlen. Und wenn sich das Produkt nicht mehr rentiert, dann sei es Zeit, diese Milchkuh zur Schlachtbank zu führen.

Denn in einem Joint Venture mit der NZZ hat CH Media mit den früheren zur NZZ-Gruppe gehörenden Lokalzeitungen in der Innerschweiz und in St. Gallen ein faktisches Duopol mit Tamedia aufgebaut. Was nicht zu einem Verlag gehört, gehört zum anderen. Daneben gibt es nur noch die NZZ und Ringier. Durch diesen Zusammenschluss samt Zentralredaktion ist es klar, dass viele Journalisten überflüssig werden. Mitsamt Printausgaben, wenn die nicht mehr rentieren.

Diese gar nicht mehr staatstragenden Aussagen sorgten für Konsternation und Befremden bei den Zuhörern. Der ebenfalls anwesende CEO von CH Media, Axel Wüstmann, soll sich aber nach Aussagen von Ohrenzeugen köstlich über diese Formulierungen amüsiert haben. Und der Häme über treue Abonnenten keinen Einhalt geboten, als der Leiter Publizistik des Hauses unverblümt zu erkennen gab, was er von seinen Zeitungslesern hält. Zeitungen sind Abfallprodukte für Gewohnheitsleser, die man noch solange am Leben erhält, wie sie etwas abwerfen. Und dann ab zum Schlachthof.

Die treuen Abonnenten von CH Media-Titeln wie der «Luzerner Zeitung» wissen nicht, welches Ansehen sie im Hause geniessen. Aber die anwesenden Journalisten fragten sich bang, was diese zynische Ankündigung eigentlich für ihren Arbeitsplatz bedeutet. Nichts Gutes, vermuten viele zu Recht. «Möglichst schnell und möglichst billig», beschreibt ein Mitarbeiter die neue Linie des Hauses.

Und steht der Publizist zu seinen Worten?

Dass diese Redaktoren aus Angst um ihren Arbeitsplatz auf Anonymität bestehen, ist verständlich. Aber was sagt denn der Leiter Publizistik zu seinen Aussagen? Erklärt er sie, verteidigt er sie, dementiert er, entschuldigt er sich gar? Und wie steht es mit CEO Wüstmann; hält er solche Formulierungen mit dem Amt eines publizistischen Leiters für vereinbar?

Gerne hätten wir beiden Gelegenheit gegeben, ihre Sicht der Dinge darzulegen und auf diese und andere Fragen zu antworten. Aber so eloquent Hollenstein auch ist, wenn es darum geht, anderen Ratschläge zu erteilen und vom hohen Ross herunter Noten obendrauf, so schmallippig wird er, wenn es darum ginge, zu seinen Äusserungen Stellung zu nehmen. So hält es auch Wüstmann. Statt wenigstens persönlich zu antworten, verstecken sich beide hinter dem «Leiter Unternehmenskommunikation», der die sicherlich angenehme Aufgabe zu erfüllen hat, an Stelle seiner Vorgesetzten zu antworten: «Bestimmt haben Sie Verständnis dafür, dass wir Interna nicht kommentieren.»

Da fehlt leider jedes Verständnis

Aufwand, Ertrag, melken, solange die Kuh noch Milch gibt, und dann ab in die Tonne. Da scheint es doch ein arges Missverhältnis zwischen den öffentlichen Wortmeldungen und den internen zu geben.

Es bleibt nur noch eine Frage: Was würde Pascal Hollenstein wohl sagen, wenn ihm eine solche Aussage eines Leiters Publizistik eines grossen Schweizer Medienhauses vorgelegt und er um seine Beurteilung gebeten würde? Es steht zu vermuten, dass er in gewählten Worten seinen Dissens zum Ausdruck brächte und sich sicherlich nicht enthalten könnte, personelle Konsequenzen wegen Nicht-Eignung für den Posten zu fordern. Da sind wir gespannt, ob er das bei sich selbst auch so hält. Oder ob er nicht doch lieber weiterhin Milchkühe melkt. Als ehrenwerter Mann.