Obduktion der Scham

Immer wenn man denkt: Dümmer geht nümmer, kommt der Beweis des Gegenteils um die Ecke.

Die Welt ist voller Probleme. Lebensbedrohlichen, herzzerreissenden, Gemüt und Seele marternden. All die Hungernden, Bedrohten, Unterdrückten, Ausgebeuteten, Niedergehaltenen.

Es ist so viel, dass es uns aus Selbstschutz wurst ist, ausser einigen Betroffenheitsheuchlern. Denken wir aktuell nur an eine ganze Generation von jungen Frauen in Afghanistan. Sie konnten rund 20 Jahre lang – nicht überall, aber doch – daran schnuppern, wie ein Leben aussehen könnte. Mit Bildung, Selbstbestimmung, Freiheit, aus seinem Leben machen zu dürfen, was man möchte. Endlich als Mensch mit Rechten respektiert zu werden.

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Nun wird wieder das schwarze Leichentuch der Burka drübergestülpt, oder der Ausdruck freier Selbstbestimmung, wie Dummschwätzer von Daniel Binswanger abwärts schwafeln. Aber eigentlich ist auch das vom eigenen Bauchnabel zu weit entfernt, und das ist ja das einzige, was Schweizer Feministen interessiert.

Gleich schämen sich hier alle.

Besonders sensibel sind sie – das tut nicht weh und macht auch keine Mühe – bei sprachlichen Formen der männlichen Dominanz, des Sexismus, der Frauenverachtung. Das haben wir alles schon durch, und eigentlich meinte man: schlimmer geht nimmer. Um eines Schlechteren belehrt zu werden: schlimmer geht immer.

Denn es gibt ja noch «Das Magazin» von Tamedia, ein 32 Seiten umfassender Schatten seiner selbst. Das beweist mit seiner jüngsten Ausgabe, dass die Latte (Pardon) wirklich immer noch tiefer gelegt werden kann. Denn es macht uns auf ein Problem aufmerksam, unter dem vielleicht nicht die Frauen Afghanistans leiden, die den Taliban zum Opfer fallen. Auch nicht die Millionen von Frauen, die immer noch brutal der Klitorisbeschneidung zum Opfer fallen. Aber zumindest alle des Deutschen mächtige Frauen.

Ein Skandalwort muss weg, dann wird alles besser

Nur wussten es viele vielleicht noch gar nicht. Denn es gibt noch ein Skandalwort in der deutschen Sprache. Ein so schlimmes, abwertendes, frauenfeindliches, einfach übles Wort, dass das «Magazin» diesem Wort das Cover und die Titelgeschichte widmet. Genauer: der «Anregung für eine Umbenennung.» Denn das Wort muss weg.

Schämt euch eins!

Sogar ein Gutmensch und sensibler Mann in einem, also Bruno Ziauddin, gesteht im «Editorial», also in dem Schrumpfgefäss, das früher mal ein Editorial war: «Bis vor kurzem habe ich noch nie über das Wort *** nachgedacht, was bestimmt daran liegt, dass ich ein Mann bin. Das Wort bezeichnete für mich einfach einen Teil der weiblichen Geschlechtsorgane.»

«Bezeichnete», denn inzwischen ist Ziauddin geläutert und will es nie mehr verwenden. Dank des flammenden Appells der «freien Reporterin und Übersetzerin» Tugba Ayaz. Denn die stellt die Frage aller Fragen:

«Warum heissen Schamlippen Schamlippen?»

Was, Sie sagen nun: das ist ungefähr eine so intelligente Frage wie die, warum ein Tisch Tisch oder ein Glas Glas heisst? Vielleicht sagen sie auch: warum heisst es eigentlich DER Gewinn und DIE Pleite? Ist das nicht frauenverachtend genug?

Der Screenshot als Beweis: Wir erfinden nix.

Sie haben ja keine Ahnung. Schamlippen heissen so, weil Männer Schweine sind, so einfach ist das.

Daher lieber die Labien reinigen, von jetzt an

Oder wie das die Autorin mit dem handelsüblichen szenischen Einstieg bewältigt: ««Jetzt noch die Labien reinigen, und fertig sind wir!», sagte meine Schwester zu ihrer Tochter beim Wickeln.» Denn: «Das Mädchen sollte das Unwort «Schamlippen» gar nicht erst kennen lernen.»

Schon wieder ein Mädchen, das viel Geld für eine langwierige Psychotherapie ausgeben muss, um über einen solchen Wahnsinn hinwegzukommen, der ihm in unschuldig-kindlichen Jahren zugefügt wurde.

ZACKBUM versichert: Wir haben keine verbotenen Substanzen zu uns genommen, und das hier ist keine Satire. Bei der Autorin können wir das aber nicht garantieren:

«Warum heissen Schamlippen eigentlich Schamlippen? Inwiefern erzählen uns die Begriffe der Vulva – Schamlippen, Schamhügel, Schamhaare – eine Geschichte über das Schamgefühl?»

ZACKBUM gesteht: uns erzählen unsere Schamhaare keine Geschichten, aber wir sind ja – wie Ziauddin – männlich. Autorin Ayaz hingegen könnte nun einfach nachschlagen oder googeln, wieso das so ist. Weil sie aber prätentiös sein will, muss sie dafür die «Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland» konsultieren. Luise F. Pusch erklärt dann, was in jedem Lexikon steht: Scham und Schamgegend kommt vom lateinischen «pudendum».

Nein, meine Herren, das ist Kunst.

Weil sich christlich die Menschen für diese Körperteile schämen sollten, sind sie gerne mit Feigenblättern verhüllt. Alles trivial, banal, schnarchlangweilig. Aber wozu ist Pusch die Begründerin und eigentlich einzige Vertreterin der weiblichen Linguistik?

«Die Männer mussten sich nur noch bis zum Schamhaar schämen. Ihre anderen Schamteile heissen Penis und Hoden und nicht Schamstängel und Schambeutel»,

weiss Pusch. Das ist wahr, aber die anderen Schamteile bei Frauen heissen Vulva, Vagina, Klitoris, nix mit Scham. Und Hodensack oder Skrotum ist nun auch nicht so toll, ehrlich gesagt, da könnten wir uns mit Schambeutel durchaus anfreunden.

Keine Scherze mehr, es wird noch ernster

Aber Pusch hat bereits 1983 eine Glosse über «Scham und Schande» geschrieben, weiss Ayaz. Sie weiss aber nicht, dass auch der Sexualwissenschaftler Volkmar Siegusch in seinem Essay «Lippen der Scham» schon 2005 darauf hinwies, dass es keinesfalls egal sei, «ob wir von Schamlippen sprechen oder von Labien oder von Venuslippen». Wir wollen nicht rechthaberisch klingen, aber zudem gibt es ja wohl die kleinen und die grossen Schamlippen, nicht wahr?

Aber wir sind Männer, Pusch ist da schon weiter und möchte überhaupt auch den Begriff «Lippen» in diesem Zusammenhang vermeiden. Pusch wird zur Multilinguistin, leitet vom chinesischen «Gebärpalast» für Uterus «Pforten des Palasts» ab. Wem das chinesisch vorkommt, das «spanische vainilla bedeutet kleine Schote (vaina) und geht zurück auf das lateinische vagina. Wir könnten uns also auch Vanille für Wortkreationen nutzbar machen.» Vaina bedeutet allerdings in erster Linie Scheide, wie bei «Schwert in die Scheide stecken»; vielleicht doch nicht so toll.

Wenn man dann noch bedenkt, dass es wohl kaum ein Körperteil gibt (bei Männlein wie bei Weiblein), das mit dermassen vielen Bezeichnungen versehen ist, von Honigtöpfchen, Spältchen, Scheide bis hin zu Loch oder Fotze, der zweifelt verstärkt, ob es wirklich Sinn macht, in einem ganzen Sachbuch zu bemängeln, dass Begriffe wie «Vagina» oder «Scheide» einfach eine Körperöffnung bezeichnen, von den meisten aber «fälschlicherweise für das Genital» verwendet werden, warnt Ayaz und beruft sich auf die «Bestsellerautorin Mithu M. Sanyal», die nicht nur fordert, im Duden das Wort «Vulvalippen» als Ersatz einzutragen. Sie bemängelt auch, dass mit Vagina «das komplexe weibliche Geschlechtsorgan auf ein Loch reduziert» werde.

Falsche Wörter können verstümmeln!

Als ob das bei Schwanz oder Penis anders wäre, muss man doch den männlichen Standpunkt hier einbringen, aber der interessiert natürlich niemanden. Denn es ist ja mal wieder viel schlimmer, so zitiere Sanyal in ihrem «Vulva-Epilog» eine US-Feministin, für die «die falsche Benennung einer «psychischen genitalen Verstümmelung» gleichkomme».

Die Realität. Sie mit «falscher Nennung» zu vergleichen, ist bodenlos.

Fehlt da noch etwas? Ein Detail: «Die deutsche Sprache versteckt Frauen besser als eine Burka», schreibt Pusch und so zitiert sie Ayaz. Können wir diesen Wahnsinn zusammenfassen? Einen Teil des weiblichen Geschlechtsorgans Schamlippen zu nennen, das Ganze Scheide, das sei gleichschlimm wie eine Klitorisverstümmelung. Und die deutsche Sprache im Allgemeinen sei wie eine afghanische Burka.

Die Realität. Sie verbietet jeden ungehörigen Vergleich.

Wenn dass die Afghaninnen wüssten, die vor dem Regime der fundamentalistischen Wahnsinnigen dort nach Deutschland geflüchtet sind. Weil sie keine Burka tragen wollen. Nun müssen sie eine sprechen. Wenn das die Somalierinnen wüssten, die wie viele afrikanische Frauen nach Europa geflüchtet sind, um der barbarischen Klitorisbeschneidung zu entgehen – nur um hier «psychisch genital verstümmelt» zu werden.

Wir sind uns feministischen Wahnsinn in jeder Form inzwischen gewohnt. Aber wohl nicht einmal die Tagi-Frauen, die einen Beschwerdebrief über unerträglich sexistische Zustände auf den Redaktionen unterschrieben, würden so weit gehen. Hoffentlich.

Bar jeder Vernunft, jeder Relation, jedes Anstands

Nein, es ist nicht frauenfeindlich, wenn man dagegen stellen muss: diese Vergleiche sind fehl am Platz. Sie sind menschenverachtend. Sie sind widerlich. Sie zeugen von einer Haltung, die jegliche Massstäbe, jeden Anstand, jede Vernunft verloren hat.

Wer jeden Furz mit Zuständen wie im Dritten Reich vergleicht, ist ein Idiot. Wer Bezeichnungen oder Sprachgebrauch mit realer Klitorisbeschneidung oder dem Tragen einer Burka vergleicht, ist eine Idiotin.

Was soll man zu einem Organ sagen, das einen solchen Unsinn abdruckt? Vielleicht das: Wieso heisst «Das Magazin» eigentlich «Das Magazin»? Wieso heisst es nicht «Schämt Euch», Abfalleimer, Klosettschüssel, Brechmittel? Das sollte einmal linguistisch untersucht werden.

Knutschkugel Berset

Die WeWo zündet eine Bombe. Die Mainstream-Medien in Schockstarre.

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Das Wochenmagazin wirft dem Bundesrat Alain Berset Unerhörtes vor. Zwecks Bodigung der Folgen einer ausserehelichen Affäre habe der seine Machposition brutal ausgenützt.

Genauer: Der SP-Politiker habe «die Unwahrheit gesagt, Bundesbeamte missbraucht und Steuergelder verschleudert». Happige Vorwürfe; sollten sie sich bewahrheiten, haben wir eine veritable Staatsaffäre.

Was wir jetzt schon haben, ist eine Medienaffäre. Ab Donnerstagmorgen spätestens um 7 Uhr war die «Weltwoche» mit ihrem Cover am Kiosk erhältlich. Mit einer Bombenstory, mitten hinein ins langweilige Grau der Bundespolitik. Ein gefundenes Fressen für alle Medien.

Nur: kein Schwein schaut. Einzig «Inside Paradeplatz» berichtet sofort, was dort die Klickzahlen durch die Decke jagt, über 100’000 Leser hat der Artikel inzwischen. Rekord. Es berichtete noch «Die Ostschweiz» und natürlich ZACKBUM über die Medienresonanz.

Über 100’000 and counting: Klick-Rekord für den Finanzblog.

Was ist aber mit Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SDA? In ihren Verrichtungsboxen in den Newsrooms sind die Kindersoldaten doch darauf getrimmt, jede Meldung sofort aufzunehmen, die Klicks generieren könnte. Denn das ist die Währung im Tagesgeschäft der Newsverbreitung.

Blick in einen Schweizer Newsroom.

Aber Wunder über Wunder: nichts ist. Schweigen herrscht. Man kann nun annehmen, dass es erst Chefentscheide brauchte, ob man der ungeliebten Konkurrenz, dem «SVP-nahen Organ», der Köppel-Postille den Gefallen tun soll, sie zu zitieren. Und Chefs stehen üblicherweise nicht so früh auf wie Roger Köppel, der in aller Herrgottsfrühe bereits die Schweiz mit seinem «Weltwoche Daily» beschallt.

Schweigen im Blätterwald, dröhnendes Schweigen

Aber der Donnerstag geht ins Land, nichts. Nichts am Morgen, nichts am Mittag, nichts am Nachmittag. Die vielen rasenden Reporter von SRF haben es selbst einen Tag später noch nicht für nötig gehalten, den wohl grössten Polit-Skandal seit Elisabeth Kopp zur Kenntnis zu nehmen. Bei der ersten Bundesrätin reichte übrigens das Herumdrucksen wegen eines Telefonats an ihren Gatten, damit sie so unter Druck geriet, dass sie zurücktrat.

SRF-Top News am Tag danach: gut investierte Gebührenmilliarden.

Aber doch nicht bei unserem Gesundheitsminister. Der trägt doch immer so scharf geschnittene Anzüge mit schmalen Krawatten, endlich etwas Clooney-Effekt in Bundesbern. Der hat doch so einen süssen welschen Akzent, und dann diese Augenbrauen unter der Glatze. Eine Knutschkugel halt.

Erst gegen Abend – und wie von seiner Kommunikationsabteilung bestellt – wagen sich CH Media, NZZ, Tamedia und «Blick» an das Thema heran. Allerdings alle mit dem Tenor: ach, alles halb so wild. Die WeWo, typisch Parteiblatt, übertreibt masslos.

Die Pille danach: die alte Tante rafft sich endlich auf.

Anhand des jetzigen Wissensstands werde die Affäre für den Gesundheitsminister kaum politischen Konsequenzen haben, meint die NZZ staatstragend. Sie will immerhin wissen, dass die Geliebte fälschlicherweise Geld für eine Abtreibung einer vom Bundesrat hergestellten Leibesfrucht gefordert habe, es handle sich in Wirklichkeit um die Einnahme einer Pille danach.

Das Recherchierblatt will sogar wissen: «Polizeiliche Ermittlungen legen offenbar den Schluss nahe, dass es sich bei der angeblichen Abtreibung um die Einnahme einer sogenannten Pille danach gehandelt haben dürfte – allerdings mehrere Monate nach Beendigung der Beziehung mit Berset, also im Zusammenhang mit einem anderen Partner. Die Konfrontation mit diesen Fakten soll die Künstlerin dazu bewogen haben, die schriftliche Vereinbarung mit Berset zu unterzeichnen.»

CH Media vermeldet, dass SVP-Nationalrat Alfred Heer in der Aufsichtskommission den Antrag stellen wird, diese Affäre genauer zu untersuchen. Was bedeutet: das wird dauern und das Resultat wird keinen Menschen mehr interessieren, wenn es publiziert wird.

CH Media, aufgewacht nach Tiefschlaf.

Tamedia hat immerhin vier seiner wenigen verbleibenden Journalisten in die Schlacht geworfen, um zu titeln: «Weltwoche» erhebt schwere Vorwürfe gegen Bundesrat.» Eingeschnappt vermeldet der Konzern, dass sich die WeWo auf eine Strafakte beziehe, «die dieser Zeitung nicht vorliegt.

Ob alle Informationen korrekt und vollständig wiedergegeben sind, lässt sich daher nicht verifizieren».

Bei CH Media wird Parteigenossen von Berset natürlich die Gelegenheit zum Zünden der üblichen Blendgranate gegeben: «Parteikollegen von Berset versuchen, die Aufregung als parteipolitisch motiviert darzustellen. Schliesslich stammt die Artikelserie von Ex-SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, und das Magazin wird von SVP-Nationalrat Roger Köppel herausgegeben. Und nun beantragt SVP-Nationalrat Heer eine Untersuchung der GPK.»

Alles easy, alles gut: der «Blick» knutscht den Bundesrat von oben und unten ab.

Den Vogel schiesst aber der «Blick» ab. Der nähert sich dem Halszäpfchen des Bundesrats von unten und knutscht gleichzeitig den Magistraten von oben ab. Muss man mal hinkriegen.

  • Sondereinheit Tigris im Einsatz? Ach, da gab es eben Drohungen aus Deutschland, und wusste man, ob die Erpresserin damit nichts zu tun hatte? «Involvierte sprechen von einer «Gefährdungssituation». Es war unklar, ob das Erpresser-Mail damit in Verbindung stand oder nicht.»
  • Amtsmissbrauch? Ach was, «da die Erpresserin aus Bersets persönlichem Umfeld stammte, schaltete der Innenminister gleichentags privat den Berner Anwalt Patrik Eisenhut ein
  • Missbrauch von Bundesbeamten? I wo, «die Vorwürfe lassen sich kaum stützen. So hat Bruhin (Bersets Stabschef, Red.) wohl etwa zwei Arbeitsstunden fürs Bearbeiten der Erpressung aufgewendet – auch weil man die Verbindung zur Gefährdungslage eruieren musste, sagen zwei Involvierte».
  • Verfahren gegen Berset? Ausgeschlossen, hingegen müsse die WeWo mit einer Anzeige wegen Verstosses gegen das Amtsgeheimnis rechnen, unkt «Blick».

Peinlich ist gar kein Ausdruck, wie die grossen Medienhäuser mit dieser Affäre bislang umgehen. Nur dem Schweizer Farbfernsehen kann man keinen handwerklichen Fehler vorwerfen. Wer die Hände im Schoss hat, macht keinen.

Skandalträger links, Hutträger rechts.

Berset-Bombe: Betretenes Schweigen

Schweizer Politik ist langweilig. Ist sie’s mal nicht, wird drüber geschwiegen.

 

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Es war die Ente des Nachrichtenmagazins «Facts». Es berichtete 1999 in Andeutungen darüber, dass sich angeblich ein aus einer Stumpendynastie stammender Bundesrat im Berner Rotlichtmilieu herumtreiben würde.

Selbst wenn man das hätte belegen können: das tut man in der Schweiz nicht. «Facts» krebste zurück, der Chefredaktor entschuldigte sich, die übrigen Medien schäumten über diese Grenzüberschreitung, diesen Tabubruch.

Seither ist das Liebesleben führender Politiker wieder Privatsache. Bis Alain Berset kam. Über ein aussereheliches Techtelmechtel des lebensfrohen Bundesrats wurde mit mehr oder minder langen Fingern berichtet. Und es flugs als seine Privatangelegenheit erklärt, in der nur Schmutzfinken und/oder politische Gegner herumwühlen wollten.

Sogar der Name der Angebeteten machte mehr oder minder verhüllt die Runde, es solle sich um eine Musikerin handeln. Pikant: sie werde von einem der vielen Subventionstöpfe des Schweizer Staates unterstützt. Aber damit entschlief die Story auch selig.

Bis nun die «Weltwoche» eine Bombe platzen liess. Laut Untersuchungsakten habe es tatsächlich eine mit Dokumenten belegte, heisse aussereheliche Liebesaffäre des Magistraten gegeben. Das sei im Jahr 2012 geschehen, im November 2019 habe dann die abgelegte Geliebte von Berset die Übergabe von 100’000 Franken gefordert; zur Begleichung von angeblichen «Schulden» und für die Kosten, die eine Abtreibung verursacht habe.

Ein Skandal? Was für ein Skandal, meinen die Mainstream-Medien.

Damit wurde die pikante Beziehung öffentlich; Berset reichte Strafanzeige ein, die Dame wurde wegen versuchter Erpressung verurteilt. Im Vorfeld hatte der Bundesrat seinen Stabschef damit beauftragt, mit der Erpresserin Kontakt aufzunehmen und sie von ihrem Vorhaben abzubringen, an die Öffentlichkeit zu gehen oder Kontakt mit Bersets Frau aufzunehmen.

Zitate aus brisanten Untersuchungsakten, fröhlich enthüllt

Laut Untersuchungsakten soll die Dame per E-Mail gedroht haben:

«Wenn herauskommt, dass Herr Bundesrat seine Frauengeschichten durch einen vom Staat finanzierten Sekretär abhandeln lässt, könnte sich die Täterrolle wegen Amtsmissbrauchs auf Ihren Chef wenden.»

Da war dann natürlich Feuer im Dach, die Affäre wollte «alles auf den Tisch legen» an die Öffentlichkeit gehen und Strafanzeige wegen Nötigung und Amtsmissbrauch stellen.

Daraufhin wurde die Frau von der Elite-Einsatztruppe «Tigris» der Bundesanwaltschaft verhaftet, ihre Wohnung durchsucht und ihre Computer beschlagnahmt. Am 14. September 2020 wurde sie wegen «versuchter Erpressung» verurteilt. Dann die plötzliche Wende, laut «Weltwoche»:

«Plötzlich nahm sie per vierseitigem zivilrechtlichem Dokument unter Entschuldigung an die Adresse des Ehepaars Berset sämtliche Vorwürfe zurück. Weder habe ihr Alain Berset ein späteres gemeinsames Leben versprochen noch sei sie von ihm schwanger gewesen noch habe er sie zum Abbruch der Schwangerschaft genötigt und dafür 100 000 Franken versprochen.»

Eine Stillschweigensvereinbarung legt den Mantel des Schweigens über die Vorfälle, im Gegenzug soll BR Berset auf alle Forderungen wie Parteienentschädigung verzichtet haben.

Sollten diese Exzerpte von offiziellen Untersuchungsakten zutreffend sein, handelt es sich um einen veritablen Politskandal, käme endlich Farbe in den beamtengrauen Berner Bundesratsalltag. Wäre das Überstülpen eines Treichler-T-Shirts Pipifax dagegen.

So sieht ein Skandal aus – laut Tamedia.

Darüber schüttete Tamedia auf einen Schlag drei Artikel, geschrieben von vier der wenigen überlebenden Redaktoren. Hier wird nun einem Magistraten Amtsmissbrauch und der Einsatz von Herrschaftsmitteln sowie Personal vorgeworfen, um aus einer Liebesaffäre so unbeschädigt wie möglich herauszukommen.

Sollte sich das bewahrheiten, wäre das ein Knaller, der möglicherweise mit einem Rücktritt enden müsste. Also eigentlich DAS Thema des Tages, wenn nicht der Woche.

Vom Treicheln betäubt oder neidisch?

Status im Mediensumpf: dröhnendes Schweigen. Null, nix, nada. Gar nicht erst ignorieren, kein Wort drüber. Was macht eigentlich Bundesrat Maurer, was gibt’s zum Abendessen und wird es am Wochenende wohl regnen?

Erst nach längerem Grübeln erschienen am Donnerstagabend die ersten Meldungen in der NZZ, Tamedia oder auf CH Media. Tenor: alles kein Ding, Privatsache, kein Fehlverhalten des Bundesrats erkennbar.

Geradezu abenteuerlich legt sich der «Blick» für den Bundesrat ins Zeug. Der Einsatz der Sondereinheit «Tigris» habe damit zu tun, dass BR Berset damals mit Drohanrufen belästigt worden und es nicht klar gewesen sei, ob die Erpresserin damit etwas zu tun habe.

Der «Blick» wäscht weisser.

Damit wird der Berset-Skandal noch zu einem Medien-Skandal. Bei allem Neid, bei allem Hass, bei aller Aversion gegen die «Weltwoche»: das ist nun ein Primeur erster Güte, der sofort vermeldet werden müsste. Wenn der Journalismus der Mainstream-Konzerne noch Minimalanforderungen an Qualität und Berichterstatterpflicht genügen würde.

Es sei im Übrigen kein Fehlverhalten Bersets erkennbar, weiss das Boulevardblatt: «Die Vorwürfe lassen sich kaum stützen.» Das Verfahren wegen Erpressung sei abgeschlossen, fügt es mit drohendem Unterton hinzu, aber es «könnte wegen des Artikels ein Verfahren geben».

Nur IP vermeldet sofort – und bricht damit alle Visitors-Rekorde mit über 100’000 Lesern.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass es wirklich keinen Grund gibt, die veranstaltenden Verlegerclans für solche Leistungen mit einer weiteren Milliarde Steuergelder zu unterstützen. Das haben sie wirklich nicht verdient.

Psst! Nicht an die grosse Glocke hängen.

Transparenz bei Spiess-Hegglin? Part II

Transparenz, Fairness: immer, nur nicht bei sich selbst. Da gilt: Häme, Hass und Shitstorm. Typisch Hetzcourage.

Rechtsanwältin Rena Zulauf, «Fairmedia» und Jolanda Spiess-Hegglin bekamen Gelegenheit und genügend Zeit, zu Fragenkatalogen Stellung zu nehmen. Insbesondere interessierte die Behauptung von «Fairmedia», Spiess-Hegglin habe bereits 287’100 Franken für «Prozesskosten» ausgegeben. Dazu ihre eigene Angabe, bereits 300’000 Franken dafür ausgegeben zu haben und die Honorargestaltung von RA Zulauf, die die beiden letzten Prozesse krachend verloren hat.

Schliesslich auch die Antwort auf die Frage, was diese neuerliche Bettelaktion mit der Zweckbestimmung von «Fairmedia» zu tun habe, Medienopfern bei einer Beschwerde vor dem Presserat oder der Durchsetzung einer Gegendarstellung zu helfen.

Aber leider waren zwei dieser drei aufrechten Kämpfer für mehr Anstand und Sauberkeit im Internet nicht dazu bereit, diese naheliegenden Fragen zu beantworten.

«Fairmedia» schon. Spendenaufruf und Zweckbestimmung? «Die Berichterstattung rund um Jolanda Spiess-Hegglin war ein jahrelanger Medienskandal, der seinesgleichen sucht. Fairmedia ist überzeugt, dass die Urteile im Fall Spiess-Hegglin helfen, unfaire und persönlichkeitsverletzende Berichterstattung in Zukunft zu vermeiden und die Medienqualität in der Schweiz zu erhöhen. Fairmedia begrüsst es, dass sich Jolanda Spiess-Hegglin in verschiedenen Verfahren juristisch gegen persönlichkeitsverletzende Berichterstattung und Publikationen wehrt. Die Urteile können unter Umständen wegweisende Bedeutung für Medienbetroffene haben.»

Spiess-Hegglin ist bekanntlich bereits zwei Mal vor dem Obergericht auf ganzer Linie gescheitert. Die erste Niederlage wurde mit einem Crowdfunding von #teamjolanda quittiert, bei dem rund 65’000 Franken zusammenkamen. Wieso soll dafür gespendet werden, dass hier nochmal ein höchstwahrscheinlich aussichtsloser Gang ans Bundesgericht angetreten wird?

«Sie ist entgegen Ihrer Aussage beim «Blick»-Urteil nicht «gescheitert». Das Zuger Obergericht gab ihr in den wesentlichen Punkten recht. Bei dem aktuellen Sachverhalt ist das Urteil desselben Gerichts aus Sicht von Fairmedia problematisch.»

Da zeigt «Fairmedia» leider eine bedenkliche Unkenntnis, dazu muss man allerdings das Urteil vom August 2020 bis zur Seite 65 lesen:

«Urteilsspruch

  1. Die Berufung der Klägerin wird abgewiesen.»

Das bedeutet: Das Obergericht gab Klägerin Spiess-Hegglin in keinem einzigen Punkt, wesentlich oder unwesentlich, recht. Aber vielleicht liegt diese klare Aussage oberhalb des Verständnisvermögens von «Fairmedia».

Der Verein bestätigt weiter, dass in der von ihm genannte Zahl von 287’100 Franken «Prozesskosten» auch die Honorare von Zulauf «inbegriffen» seien. Da die Gerichtskosten bekannt sind, noch rund 100’000 Franken aus der ersten Bettelaktion und vonseiten Ringier dazukommen, kann man Zulaufs Honorar für krachende Niederlagen ungefähr ausrechnen: gigantisch. Schlichtweg gigantisch.

Die um jedes Fitzelchen Aufmerksamkeit kämpfende Spiess-Hegglin nahm auf Twitter immerhin Notiz von der Anfrage.

Allerdings mit einer Fehlinformation. Es war kein «Chefredaktor», der ihr diese Fragen gestellt hat. Aber solche Details sind der «Kämpferin für faire Medien» egal. Natürlich hat sie nicht direkt geantwortet.

Megalustiges von einem «Chefredaktor».

Mit diesem Tweet treibt sie allerdings ihre – überschaubare – Fangemeinde auf Twitter zur üblichen Schnappatmung: «So agiert zum Beispiel #haltdiefressebild immer», «derweil durchwühlt er den abfall nach weiterem dreck», «die telefonnummer des verstorbenen onkels und die rente der eltern offenlegen», «Das Wildeste daran ist: wenn man auf solche unverschämten Mails nicht wunschgemäss antwortet, schreiben sie, was sie wollen», «der hat das Hirn in der Eichel, ekelhaft», «ist er zufällig ein Schreiberling, der obwohl er Schwänzweltmeister ist und die Sessionen verschläft, Geld von den Steuerzahlern erhält, damit er einen Sitz im Nationalrat nicht ausübt? Der Trumparschkriecher und passionierte sich Empörer, der nicht Federer ist?» und weitere Japser. Immer vorne dabei Hansi Voigt oder Franziska Schutzbach, sowie viele meist anonyme Gutmenschen, die mit ihren Hasstiraden aus sicherer Deckung den Kampf gegen Häme und Hetze im Internet unterstützen.

Spiess-Hegglin rempelt und keift gerne mit

Spiess-Hegglin, immer zum Einsatz für Fairness bereit, rempelt gerne mit: «zackdoof» sei der Fragesteller, «altersmässig eher Richtung Gnadenhof», Stuhlprobe und Sexleben hätten auch interessiert, «aber ich habe das einfach unten abgeschnitten». Wer sich mal richtig beelenden lassen will und besorgt mitverfolgen, was passiert, wenn unter Luftabschluss Fäulnisblasen entstehen, der sollte sich diese Dialoge anschauen.

Der kleine Fanclub ist mitschuldig

Diesen verantwortungslosen Fans muss man inzwischen eine grosse Mitschuld daran zuweisen, in was sich Spiess-Hegglin rettungslos verrannt hat. Denn genau das Gleiche passierte nochmal auf Facebook; sie stellte die gleiche Einleitung rein, anschliessend ging auch hier das Gebelfer los, gelegentlich angefeuert von der grossen Vorkämpferin gegen Hass und Hetze.

Auch hier geht’s im humanistischen Sinn hassfrei zur Sache: «Wie arrogant und grössenwahnsinnig kann man sein?», «Spinnt der? So was von lächerlich», «Du musst doch wissen wer dieser Herr ist und ihn auch mit Namen öffentlich bloßzustellen sollte doch kein Problem sein, oder?», «hinterhältg und boshaft. er hat doch überhaupt kein recht, diese informationen zu fordern», «Das ist kein Chefredaktor, sondern nur ein widerlicher Schreiberling», «Was ist das für ein Stümper?», «Flachzange!!!», «Einfach traurig, dass man so Chefredakteur werden kann …..», «Einfach nur hinterhältig und fies».

Wem’s noch nicht richtig übel ist, noch ein Absackerchen:

So geht’s bei den Kämpfern gegen Hass, Häme und Hetze im Internet zu 

Unter den Dutzenden von abfälligen bis grob-beleidigenden Kommentaren gibt es einen einzigen, ein kleines Licht der Hoffnung, der genau das Richtige schreibt:

Die Fragen an Spiess-Hegglin sind naheliegend, höflich formuliert und sinnvoll:

Sie schreiben in Ihrem Hilferuf auf Facebook, dass die Verteidigung Ihrer Privatsphäre Sie bereits rund 300’000 Franken gekostet hätte. Das würden Sie und Ihr Mann «privat, mit unserem Ersparten» finanzieren.

Dazu habe ich folgende Fragen:

  1. Wieso erwähnen Sie nicht, dass Sie bereits einmal ein Crowdfunding gemacht haben, das rund 65’000 Franken von #TeamJolanda einbrachte?
  2. Sie geben diese Summen aus, müssen ja auch von etwas leben, als Familie. Wie bestreiten Sie all diese Ausgaben?
  3. Sie sind in verschiedenen Funktionen in verschiedenen Vereinen oder einer GmbH tätig. Können Sie kurz umreissen, welche Saläre Sie dafür beziehen? Die Gesamtsumme reicht, eine Einzelaufstellung wäre super.
  4. Auch angesichts der staatlichen Förderung ist es sicherlich der Transparenz geschuldet, die Bilanzen von #netzcourage, #netzambulance, #netzpigcock sowie der GmbH «Winkelried & Töchter» offenzulegen. Die Erfolgsrechnung genügt, inkl. Ausweis Ihrer Einnahmen.
  5. Sie regen nach dem Erstatten von Anzeigen an, dass man einen Prozess und einen allfälligen Eintrag ins Strafregister durch eine Spende vermeiden könnte. Wo sehen Sie den Unterschied zu einer Nötigung?
  6. Im Rahmen der Transparenz und als Person des öffentlichen Interesses sind Sie sicherlich bereit, die Einkommensquellen Ihres Mannes und von Ihnen selbst offenzulegen; eine kursorische Darstellung ist ausreichend.

Nebenbei: Wenn man das Crowdfunding und die von Ringier bislang an sie bezahlten Beträge zusammenzählt, kommt man auf insgesamt 400’000 Franken, die Spiess-Hegglin in ihrem Kampf, endlich in Ruhe gelassen zu werden, obwohl sie keine Ruhe gibt, verbraten haben will. Beeindruckend.

Damit schliessen wir die Berichterstattung zu diesem Thema ab. Es soll der Haut schaden, häufiger als einmal pro Tag zu duschen, selbst nach Schlammbädern …

Der Geheim-Pacte

Das Unterstützungsbündnis hat erstmals Gelder verteilt. An wen, das ist geheim.

Ein Lichtblick im zum Skelett niedergesparten Elendsjournalismus. «Le Pacte – Bündnis für Recherche und Reportage» vergibt namhafte Beträge für unterstützenswerte Projekte.

Die Organisation verfügt über immerhin 225’000 Franken, die jährlich verteilt werden können. In einer ersten Tranche wurden von 24 eingereichten Projekten ganze zehn unterstützt – mit insgesamt 52’000 Franken. Die einzelnen Beträge liegen zwischen 1’500 und 10’000 Franken.

Der Vorstand mitsamt Generalsekretär Jean François Tanda wird transparent ausgewiesen, ebenfalls die «Expertenpools», die für die Auswahl förderungswürdiger Eingaben zuständig sind.

Schaut man sich allerdings die deutschsprachigen Vertreter an, kommen einem stärkere Zweifel an Kompetenz und Repräsentativität. Ausser vielleicht Viktor Parma hat keiner bedeutende Spuren mit seinem Schaffen hinterlassen, und was beispielsweise eine Elvira Wiegers als «Vertreterin der Zivilgesellschaft» in einer solchen Jury zu suchen hat, ist völlig schleierhaft.

Als ZACKBUM das erste Mal darüber berichtete, fehlte Parma noch in der Aufstellung, damals wie heute beurteilen diese Koryphäen:

  • Der mehrfache Bruchpilot David Sieber, der zuletzt den «Schweizer Journalist» in den Boden rammte
  • Albina Muhtari, Chefredaktorin «baba news»
  • Adrienne Fichter, Redaktorin «Republik»
  • Marcel Hänggi, Journalist, schreibt «Bücher und Texte für Museen und hält Vorträge, Hühner und Schafe»
  • Alexandra Stark, freie Journalistin
  • Elvira Wiegers, «Vertreterin der Zivilgesellschaft», dazu befähigt als Nationalratskandidatin der AL
  • Nikki Böhler, ebenfalls Vertreterin, dazu Geschäftsführerin bei opendata.ch
  • Giulia Meier, ebenfalls Vertreterin, Staatsangestellte in Bern und zuständig für «Theater, Tanz, Literatur»

Aber immerhin, es ist Geld da, es wird verteilt, was will man mehr. Zum Beispiel wissen: an wen? Da wird dann «Le Pacte» eher zum Schweige-Pakt:

«Die meisten unterstützten Projekte sind noch in der Recherchephase, also noch nicht veröffentlicht.»

Eine Ausnahme gebe es; eine «Recherche» von «bajour». In der Tat: «Recherchiert und umgesetzt von Bajour in Kooperation mit dem Recherche-Netzwerk Reflekt und Unterstützung von Le Pacte – Bündnis für Recherche und Reportage.»

 Offenbar reichen hier die Millionen, die bereits von einer superreichen Pharma-Erbin in «bajour» reingebuttert werden, für solche Werke nicht aus.

 Vertraulichkeit – wozu und warum?

Aber was spricht denn genau dagegen, die Öffentlichkeit über die Journalisten zu informieren?

«Die Recherchen/Projekte sollen bis zur Veröffentlichung vertraulich bleiben.

Wir wollen sie auch nicht als erste bekannt machen; das sollen die jeweiligen Journalistinnen und/oder Journalisten tun. Sobald die es tun, schalten wir die Recherche dann ebenfalls auf.
Damit diese Recherchen aber vertraulich bleiben, wollen wir auch nicht sagen, wer denn alles an vertraulichen Recherchen arbeitet, die von uns mitfinanziert werden. Das ist die Überlegung. Finden Sie das wenig sinnvoll?»

Ja, François Tanda, das findet ZACKBUM sogar sehr wenig sinnvoll. Wie das Beispiel «bajour» zeigt, brauchte es hier überhaupt keine Vertraulichkeit bei der Recherche, wozu auch. Selbst wenn es so sein mag, dass andere Journalisten heissere Themen angehen wollen: ihre Namensnennung würde diesem löblichen Ansinnen doch nicht im Wege stehen.

Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, wenn man sich Jury und Vorstand anschaut, dass es sich hier um einen Pakt handelt, der vor Beziehungskorruption nicht ganz gefeit ist. Also die ideologischen Präferenzen der Mitglieder könnten mit den ideologischen Positionen der Geförderten übereinstimmen. Aber ein Nachweis für diesen Verdacht könnte nur erbracht werden, wenn die Namen bekannt gegeben würden.

Was gegen eine solche minimale Transparenz spricht? Eigentlich nichts. Es sei hier auch offengelegt, dass ZACKBUM spasseshalber ebenfalls einen Antrag auf Förderung unseres unermüdlichen Tuns gestellt hat. Daher können wir immerhin ein wenig Licht in diese Dunkelkammer scheinen lassen: unser Antrag wurde nicht berücksichtigt.

Alles andere hätte uns aber auch unglaublich erstaunt und uns zur Frage veranlasst, ob wir vielleicht mit Vorurteilen an diesen Pakt herangegangen sind. Sind wir froh, dass uns diese Verunsicherung erspart geblieben ist.

Denn wie schrieben wir schon damals ganz richtig:

Dieses Gerümpelturnier soll dann über die Vergabe von fast einer Viertelmillion entscheiden. Ganz objektiv und kompetent. Glaubt jemand, dass dieser Haufen einen Antrag von ZACKBUM oder von René Zeyer wohlwollend prüfen und befürworten würde? Wohl nicht mal, wenn er von Hühnern und Schafen begleitet wäre oder als Foxtrott auf offener Bühne dargeboten würde.

 

Die Taliban machen Medien

Wird die Pressefreiheit am Hindukusch verteidigt?

Hohle Solidaritätsadressen, absurde Forderungen, schale Bekenntnisse zu Unterstützung, Interviews mit abgehalfterten, greifbaren, aber kenntnisfernen «Spezialisten».

Das ist eigentlich alles, was die Schweizer Qualitätsmedien zu Afghanistan gebacken kriegen. Plus natürlich das fleissige Abschreiben und Kopieren von Abgeschriebenem und Kopiertem in der angelsächsischen Presse.

Also all das, was auch ein afghanischer Windhund verbellen könnte. Sobald es etwas anspruchsvoller, komplizierter, dafür interessanter und wichtiger wird, schaffen es unsere sogenannten Qualitätsmedien nicht einmal mehr, englische Quellen abzuschreiben.

Eines nach dem anderen verstummen afghanische Newsmedien.

Greifen wir die Themenbereiche heraus, die wohl für die Zukunft Afghanistans entscheidender sind als die ewigen Berichte über die Zustände am Flughafen von Kabul. Garniert mit den wie bei Corona aus allen Löchern hervorkommenden «Experten». Irgend etwas mit Orientalistik, Islam oder einem handgeknüpften Teppich am Hut haben – schon ist man «Spezialist» für Afghanistan.

So konnte man sich täuschen …

Dabei wären doch die wichtigsten Fragen:

  1. Wie finanzieren sich die Taliban und wie stabil sind ihre zukünftigen Einkünfte?
  2. Welche Formen von Widerstand gibt es im Land?
  3. Können auch die Afghanen weiterhin die sozialen Plattformen zur Organisation des Widerstands verwenden?
  4. Wie geschlossen sind die Reihen der Taliban; wie fundamentalistisch ist der Zirkel der Entscheider?
  5. Gibt es diesmal wirklich Taliban light, Fundamentalismus mit menschlichem Antlitz?

Fünf zentrale Fragen, ihre Beantwortung müsste die Aufgabe von Journalismus sein, der noch seinen Namen verdient. Im angelsächsischen Raum ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Aber zumindest kopieren könnten doch Schweizer Medien wesentliche Informationsfragmente, die ja durchaus vorhanden sind.

Etwas Geschick beim Quellen suchen?

Aber einmal googeln, zweimal einen «Spezialisten» anrufen und dreimal auf CNN die ewig gleichen Szenen am Flughafen anstarren, das reicht für den nächsten Artikel in CH Media, Tamedia, im «Blick» und leider auch in der NZZ.

Blick durch den Feldstecher …

Nichts gegen das Bemühen von Andreas Babst aus Delhi, aus einer Distanz von rund 1000 Kilometern die Ereignisse in Kabul im Blick zu behalten. Aber schon eine kurze Recherche in den sozialen Medien fördert eine Unzahl von Berichten, Aufrufen, Informationen zutage, von denen man in der Schweiz nichts liest.

Wohlgemerkt ist das das Ergebnis einer kursorischen Suche; ZACKBUM würde nie behaupten, als Spezialist oder Kenner von Afghanistan qualifiziert zu sein. Aber ZACKBUM hat Helfer und Sympathisanten und kann auch selbst etwas besser als die «Berner Zeitung» recherchieren.

Jordan Bryon ist ein mutiger Journalist, der in Afghanistan ausharrt.

Leider ist das kein Anlass für Stolz oder gespreizte Federn. Es ist Anlass für Besorgnis, Trauer, Beelendung. Wir verfügen über Kommunikationsmittel wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Wer will, kann sogar live miterleben, wie es am Flughafen von Kabul zu und hergeht. Nur: ohne Einordnung, Hintergründe, ohne wenigstens einen Choral von Stimmen aus Afghanistan könnte man auch den Wetterbericht vom Hindukusch betrachten.

Weitere interessante Beiträge …

Zentral wichtig wäre im Moment, ein Netzwerk zu erstellen von solchen Quellen, damit man sich möglichst schnell einen Überblick verschaffen kann, der leider von den zu Tode gesparten Medien in der Schweiz nicht mehr geliefert wird. Unglaublich ist in diesem Zusammenhang auch, dass die SRG trotz ihrem Milliardenbudget ebenfalls nicht in der Lage ist, oberhalb von copy/paste und «es spricht der Kenner» etwas Sinnvolles zu backen; Geld und Manpower wäre doch eigentlich vorhanden.

Way to go für eine Ferndiagnose.

Stattdessen entblödet sich die «Tagesschau» nicht, ihren SRF-Korrespondenten in Amman (!) mit strengem, investigativem Blick zu fragen: «Was hören Sie denn aktuell von der Situation am Flughafen in Kabul?» Nicht einmal die Erdkrümmung verhindert eine Antwort von Jonas Bischoff, der noch zu kurz am Gerät ist, um die einzig richtige Antwort zu geben: «Ich weiss doch auch nicht mehr als Ihr am Leutschenbach.» Aber das traut sich sowieso niemand.

Zwei weitere afghanische Quellen, die noch nicht verstummt sind …

Plus «Arena», «Club» plus Weichspüler Urs Gredig, der dem armen Ulrich Tilgner keine Chance lässt, mal einen zusammenhängen Gedanken zu entwickeln? Allah sei’s geklagt; die Einzigen, die bislang moderne Kommunikationsmittel strategisch geschickt bedienen, sind – die Taliban.

Zumindest in den deutschsprachigen Medien, in den USA und im angelsächsischen Bereich sieht’s schon etwas anders aus, wie die «New York Times» oder die «Washington Post» beweisen.

Auch aus Australien kommt Berichterstattung, die man in der Schweiz nicht mal ignoriert.

Eine der Zeitschriften, die in einer eigenen Liga spielen, lässt schon mit dem Cover alles hinter sich, was dieser Tage im deutschsprachigen Raum erscheint:

 

Dreht Molina im roten Bereich?

Müsste er als Sozialdemokrat natürlich. Aber wir machen uns Sorgen.

Die Corona-Kreischen haben’s schwer zurzeit. Vierte Welle, neue Mutationen, Weltuntergang oder endlich Besserung? Interessiert zurzeit niemanden so wirklich; im Vergleich zur Menschheitstragödie in Afghanistan.

Obwohl das Land sehr weit weg ist, sich eigentlich niemand so wirklich dafür interessierte, ist seit der Machtergreifung der fundamentalistischen Gotteskrieger doch vielen bewusst geworden: hier legt sich ein schwarzes Leichentuch über die Hoffnungen so vieler Afghanen, endlich mittelalterlichen Stammesstrukturen und steinzeitlichem religiösem Wahnsinn entrinnen zu können.

Hoffnung, Aufbruch, Kunst, Ausbildung, Gleichberechtigung, Bildung für Frauen; wenn menschliche Hoffnung wie Wasser wäre, könnte man zuschauen, wie sich ein grosser See in Wüste und Stein verwandelt.

 

Afghanische Fotografen*: wohin führt diese Strasse?

Selbst wenn es nicht ganz so grauenvoll wie 1996 – nach der ersten Machtergreifung der Taliban – wird, es wird aschgrau, lebensfeindlich, freudlos und drakonisch streng werden, kein Zweifel. Es wird nicht nur all diese Hoffnungen durch Angst ersetzen, es wird auch scheitern. Denn fanatischer Islam ist eine Verliererreligion; nirgends, wo sie herrscht, geht es der Bevölkerung gut. Deren Wohlergehen ist den Gotteskriegern im Übrigen scheissegal, genau wie den korrupten Eliten in den arabischen Staaten oder im Iran.

 

Schicksalhaft, aber zukünftig mit Burka?

Nun ist der Westen krachend gescheitert, nachdem die UdSSR ebenfalls krachend scheiterte, in Afghanistan. Aber weder der Rückzug der sowjetischen Truppen, noch der Rückzug der NATO-Truppen ist ein Grund für Triumph – ausser für die Taliban.

 

Wird das noch erlaubt sein?

Für die Taliban und für einen amoklaufenden Exponenten der Schweizer SP. Dass Fabian Molina letztes Jahr ernsthaft die Welt aufforderte, es sollten alle kriegerischen Auseinandersetzungen eingestellt werden, um gemeinsam die Pandemie zu bekämpfen – das könnte man noch als jugendliche Torheit, die sich nicht um Lächerlichkeit schert, durchgehen lassen.

 

Das wird sicherlich nicht mehr erlaubt sein.

Dass Molina mit den absurden Forderungen, die Schweiz müsse sofort 10’000 Afghanen Asyl gewähren, strenge Sanktionen erlassen und eine Friedenskonferenz organisieren, seine fünf Sekunden Ruhm in der «Tagesschau» und in Massenmedien abholt – nun ja, jeder so seriös, wie er halt kann.

Dass er nur verkniffen und verzögert auf journalistische Anfragen reagiert («habe auch noch anderes zu tun, als auf Ihre unqualifizierten Gehässigkeiten zu reagieren»), nun ja, jeder hyperventiliert, wo er kann.

Sieht so die Zukunft aus der Vergangenheit aus?

Aber auch für Molina gilt: Wenn man keine Steigerung mehr für möglich hält, dann beweist er das Gegenteil:

Bedenklich aufgelöst: Tweet von Molina.

Man kann sicherlich über Sinn und Zweck der NATO geteilter Meinung sein. Man kann auch mit guten Gründen ihre aggressive Ost-Erweiterung kritisieren.

Aber echt jetzt? «Gewalttätiger Sonderbund des Westens»? Vielleicht kann man Molina zugute halten, dass er keine Ahnung hat, was der Sonderbund war. «Gehört endlich aufgelöst»? Vielleicht kann man Molina zugute halten, dass er nicht weiss, dass die Schweiz kein Mitglied der NATO ist. Vielleicht weiss er auch nicht, dass es sich die Schweiz unter dem Schutzschild der NATO seit deren Gründung bis zum Zusammenbruch des sozialistischen Lagers gutgehen liess.

«Sie ist das Hindernis zur kollektiven Sicherheit auf unserem Planeten.»

Da kann man ihm nichts mehr zugute halten. Ohne NATO würde dann die kollektive Sicherheit von Russland und China gewährleistet, während sich die USA mal wieder auf sich selber zurückzögen? Wer würde die Sicherheit der Schweiz garantieren? Die Schweizer Armee? Die die Linke ja abschaffen wollte und will? Die Supermacht Deutschland? Oder Frankreich? Gar Italien?

Geht noch einer? «Wie viel Afghanistan braucht’s noch?» Molina ist also dafür, dass man das wahnreligiöse Terrorregime der Taliban nicht hätte stürzen sollen? Molina ist also dafür, dass alle Afghanen, die nicht von religiösem Wahnsinn umnebelt sind, die letzten 20 Jahre unter durchgeknallten Mullahs hätten leben sollen?

Hat die NATO in Afghanistan versagt? Aber ja, krachend. Ist der Zusammenbruch der Regierung, der Abzug und der Versuch der Rettung lokaler Helfer eine skandalöse Katastrophe? Unbestreitbar.

Was ist dann von den Forderungen von Maulheld Molina zu halten? Könnte es sein, dass sich hier Wahnvorstellungen spiegeln, die einen ähnlichen Realitätsverlust zeigen wie bei den Taliban? Oder eine Nummer kleiner formuliert: Wann merkt die SP, dass sie dringend etwas unternehmen muss, bevor ihr öffentliches Ansehen jedesmal tiefer in den Keller geht, wenn Molina sich zu Wort meldet?

Er tut das ja nicht als Molina, sondern als SP-Nationalrat, um Himmels und Allahs willen.

 

  • *Fotografien von Ajmal Omanis, Ishaq Ali Amis, Asghar Noor Mohammadi, Barialai Khoshhal, Jafar Rahimi, Najiba Noori, Kiyanosh Shiwa und Tahmina Saleem, Mitglieder der Afghanistan Photographer Association (APA). Bald nicht mehr …

Genervter Molina

Sein Wunsch nach Weltfrieden wurde nicht erhört. Kritischen Nachfragen wollte er sich zunächst nicht stellen.

In einer ersten Schweigerunde verzichtete SP-Nationalrat Fabian Molina auf die Beantwortung zweier höflich formulierter Fragen, da wir bei ZACKBUM immer allen Gelegenheit zur Stellungnahme geben:

Sie fordern, dass die Schweiz «sofort 10’000 Geflüchteten aus Afghanistan Schutz gewähren» müsse.

Zudem müssten «die Taliban mit Anreizen und Sanktionen» dazu gebracht werden, «die Menschenrechte zu respektieren».

Dazu habe ich zwei Fragen:

  1. Wie sieht bei Ihnen persönlich die Hilfsbereitschaft aus? Wären Sie zum Beispiel bereit, ein, zwei Afghanen Schutz zu gewähren?

  2. Im Fall von Venezuela haben Sie sich vehement gegen Sanktionen ausgesprochen, obwohl dort auch die Menschenrechte nicht respektiert werden. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Gar nicht erst ignorieren, sagte sich der Nationalrat. Unverdrossen schob ZACKBUM eine weitere Frage nach:

Inzwischen habe ich auf ZACKBUM den Hilferuf eines afghanischen Journalisten veröffentlicht, der seit drei Jahren ohne Asylantenstatus in der Schweiz lebt.

Halten Sie es für möglich, statt vollmundig Forderungen aufzustellen, sich konkret für diesen Menschen einzusetzen?

Ismael Shahamat ist ein Mensch, in erster Linie, erst danach Afghane, Flüchtling, Vater, Ehemann, Journalist. Er ist seit drei Jahren in der Mühle der Schweizer Asylgewährung und kann über die ewigen Politikerfloskeln der unbürokratischen Behandlung angesichts der Katastrophe in Afghanistan nur bitter lachen.

Gestern bekam er ein Schreiben des Bundesverwaltungsgerichts, wo sein Fall liegt. Und liegt. Und liegt:

Wenn der richterliche Amtsschimmel wiehert und labert.

Shahamat fürchtet nicht nur um das Leben seiner Frau und Töchter in Afghanistan. Er möchte auch gerne wissen, ob er in der Schweiz eine berufliche Perspektive bekommt, sich nach drei quälenden Jahren mit seiner Familie wiedervereinigten kann. Dazu meint das BVG zunächst einfühlsam:

«Den Wunsch nach einem baldigen Verfahrensabschluss haben wir zur Kenntnis genommen.»

«Verständnis, grosse Sorge um Ihre Familie, angesichts jüngster Entwicklungen, berufliche Perspektive», blabla.

Schnurstracks zur guten Nachricht: «Wir können Ihnen mitteilen, dass das Verfahren in Bearbeitung ist.» Breaking News, würde CNN oder BBC aus dieser Ankündigung machen. «Baldigen Abschluss, bemüht, viele Verfahren, seit längerer Zeit hängig

Aber: «Wir können Ihnen deshalb keine verbindlichen Angaben über die voraussichtliche Dauer bis zum Urteilszeitpunkt machen. Freundliche Grüsse, Instruktionsrichterin.»

Auf Deutsch: Ja, ja, schlimm das mit Afghanistan, dumme Sache mit Ihrer Familie und Ihrer Zukunft. Aber wissen Sie was: Das Verfahren dauert doch erst drei Jahre, zwar haben nun die Taliban wieder die Macht ergriffen, aber kein Grund zum Hyperventilieren. Wir tun halt mit peristaltischen Bewegungen, was wir können. Schliesslich liegt doch alles in Gottes, Pardon, Allahs Hand.

Zurück zum solidarischen, fordernden, aber leicht angepissten SP-Genossen. Den machte unsere absichtsvolle Ankündigung bei der zweiten Frage hellhörig: «Gerne werde ich über Ihre Reaktion berichten

Als junger, aber dennoch schon abgewetterter Poltiker befürchtete Molina einen möglichen Reputationsschaden, sollte er weiterhin verkniffen schweigen. Also raffte er sich zu einer Antwort auf, nicht ohne zunächst ein talibanartiges Verständnis von Pressefreiheit zu zeigen:

«In der Tat habe ich auch noch anderes zu tun, als auf Ihre unqualifizierten Gehässigkeiten zu reagieren.»

Obwohl ihn diese Gehässigkeiten daran hindern, die Welt, Afghanistan und die Schweiz zu retten, holte er immerhin drei Antworten aus dem Stehsatz. Und schloss mit der Bemerkung: «In der Hoffnung, dass Sie meine Ausführungen zur Kenntnis nehmen und in ihrem Blog entsprechend berücksichtigen.»

Mindestens so nett wie die Taliban: Fabian Molina.

Aber natürlich, Herr Nationalrat, machen wir gerne. Hier seine Originalantwort, ungekürzt und unzensiert. Packungsbeilage: der Leser möge Schäfchenzählen als Einschlafhilfe vergessen, das hier wirkt viel besser:

«1) Das Recht auf Asyl ist ein grundlegendes Menschenrecht, zu deren Gewährung alle Staaten auf Grund der Genfer Flüchtlingskonvention verpflichtet sind, wenn eine Person an Leib und Leben bedroht oder aufgrund einer persönlichen Eigenschaft verfolgt ist. Das Recht auf Asyl ist auch in der Europäischen Menschenrechtskonvention und der Bundesverfassung verankert. Menschenrechte sind Rechte gegenüber Staaten. Sie werden sicher festgestellt haben, dass ich kein Staat bin. Entsprechend kann ich auch niemandem Asyl und Schutz gewähren. Bereits letztes Jahr haben sich aber 16 Schweizer Städte bereit erklärt, mehr Geflüchtete aufzunehmen. Die Justizministerin hat diese humanitäre Geste bisher erfolgreich verunmöglicht. Kurz: Ihre Frage stellt sich nicht. Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass staatliche Verpflichtungen durch Staaten eingehalten werden sollten. Sollte die Schweiz nicht mehr in der Lage sein, ihre internationalen Verpflichtungen zu erfüllen, bin ich selbstverständlich bereit zu helfen, wie ich es bereits heute mit der finanziellen Unterstützung von Menschenrechts- und Asylorganisationen tue.

2) Gerne verweise ich Sie in diesem Zusammenhang auf diesen Beitrag. Ich bin und war nie grundsätzlich gegen Sanktionen im Falle Venezuelas. Sanktionen sind ein wichtiges Instrument zur Durchsetzung der internationalen Rechtsordnung. Ich setze mich deshalb für eine Rechtsgrundlage für eigenständige Smart Sanctions ein. Die aktuelle venezolanische Regierung hat ihre internationalen Verpflichtungen, insbesondere zum Schutz der Menschenrechte, zweifellos mehrfach verletzt, so wie es auch die Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte festgestellt hat. 2018 habe ich mich gegen die neuen Schweizer Sanktionen ausgesprochen, weil sie den damals laufenden Verhandlungsprozess zwischen Regierung und Opposition sabotierten und einer eben verabschiedeten Resolution im Uno-Menschenrechtsrat widersprachen. Gegen gezielte Sanktionen gegen venezolanische Funktionäre, wie sie heute in Kraft sind, spricht aber nichts.

3) Der tragische Fall von Herrn Shahamat ist mir bekannt. Als Mitglied des Parlaments habe ich auf Grund der Gewaltenteilung keinen Einfluss auf Einzelfälle. Die SP fordert aber die unbürokratische Familienzusammenführung für alle Afghan:innen, die sich bereits in der Schweiz befinden. Auch haben wir uns stets für den grosszügigen Schutz von Afghan:innen in der Schweiz eingesetzt. Nach der heutigen Kommunikation des Bundesrats ist leider nach wie vor unklar, wie die Schweiz mit der Frage der Familienzusammenführungen umgeht. Ich stehe dazu aber in Kontakt mit dem SEM und werden gegebenenfalls entsprechend parlamentarisch aktiv werden.»

 

 

 

 

 

 

 

Afghanischer Journalist bittet um Hilfe!

Ismael Shahamat war viele Jahre BBC-Korrespondent in Kabul. Er braucht Hilfe.

Shahamat lebt seit drei Jahren in der Schweiz ohne Anerkennung als Flüchtling. Mit dem folgenden Schreiben hat er sich an die «Reporter ohne Grenzen» gewandt, die zumindest behaupten, sie würden sich für Journalisten in Not einsetzen. Da er bislang keine Antwort erhielt, bat er mich, in seinem Namen bei der Organisation nachzuhaken und sein Schreiben hier auf Deutsch zu veröffentlichen.

Das tue ich gerne. Wer sich mit ihm in Kontakt setzen will, kann sich bei ZACKBUM melden; solche Anfragen werden an ihn weitergeleitet. Benützen Sie dazu zeyer@zackbum.ch.

 

Ismael Shahamat ist unverdrossen weiterhin als Journalist tätig.

Hilferuf an «Reporter ohne Grenzen»

«Ich bin ein afghanischer Journalist, der in der Schweiz Asyl beantragt. Meine ganze Familie lebt jedoch in diesen schwierigen Zeiten des Taliban-Aufstiegs, der Massenmorde an Zivilisten, die für die Regierung/NGOs arbeiteten, Journalisten, Zivilaktivisten und Soldaten, die sich ihnen ergeben haben, in Afghanistan.
Ich habe 15 Jahre für nationale und internationale Medien in Afghanistan gearbeitet. Die meiste Zeit arbeitete ich für BBC World Service und vor meiner Flucht aus Afghanistan arbeitete ich als Leiter von BBC Persian in Kabul; das bedeutet, ein großes Team aus TV, Radio, Online und Social Media zu leiten und für alle in Afghanistan produzierten Berichte und Inhalte verantwortlich zu sein. Aufgrund der ernsthaften Bedrohungen meines Lebens musste ich jedoch im November 2018 aus Afghanistan fliehen und habe noch im selben Jahr Asyl in der Schweiz beantragt.

Mein Fall:
Ich entkam zwei Entführungsversuchen in Kabul durch unbekannte Männer und erhielt viele Drohungen von Taliban und anderen extremistischen Gruppen in Afghanistan. Natürlich habe ich auch Berichte veröffentlicht, die auch die afghanische Regierung ins Visier genommen haben.
Darüber hinaus stand ich aufgrund der Art meiner Arbeit und meiner Verantwortung unter ständigem Druck und Drohungen von Taliban. Als leitender Korrespondent der BBC für Persien trat ich mehr als jeder meiner Kollegen auf der Leinwand auf und auch aufgrund meiner Online-Beiträge und -Berichte erhielt ich eine beträchtliche Popularität bei Journalisten, Politikern und unserem Publikum.
Wenn Sie meinen Namen speziell in Farsi googeln, finden Sie eine riesige Menge von Berichten von mir. In den meisten Berichten geht es um den Kampf gegen Terrorgruppen, darunter die Taliban.

In der Schweiz:
Ich mache weiterhin meinen Job als Journalist, der über internationale Konferenzen in Genf und Brüssel berichtet und mit afghanischen Fernsehsendern über die aktuelle Situation in Afghanistan, die Situation von Migranten in Griechenland und den europäischen Ländern spricht.
Außerdem wurde mein eigenes Facebook und Twitter zu einer Plattform für die neuesten Nachrichten über Afghanistan und die Brutalitäten der Taliban.
Wie oben erwähnt, habe ich aufgrund der ernsthaften Bedrohung meines Lebens Afghanistan verlassen und in der Schweiz Asyl beantragt. Es ist jedoch fast drei Jahre her, dass ich in Unsicherheit von meinen Kindern und meiner Frau getrennt lebe.

Meine familiäre Situation:
In diesen fast drei Jahren haben meine Frau und meine Kinder sehr gelitten. Sie können sich nicht vorstellen, wie sie diese schwierigen Zeiten mit Ängsten und Alpträumen überstanden haben! Aufgrund der Sicherheitsbedrohungen mussten sie ihre Adresse von Zeit zu Zeit ändern, nicht von einer Ecke der Stadt in eine andere, sondern von Kabul nach Ghazni und zurück. Ghazni ist meine Heimatstadt.
Meine Frau hat bereits ihre Gesundheit verloren. Mein Sohn und der Rest der Kinder leiden an psychologischen Problemen. Sie sind schwer depressiv und isoliert, weil ihnen der normale Kontakt zu den Kindern ihres Alters lange Zeit vorenthalten wurde und sie kein normales Leben wie andere führen.

Aktuelle Bedrohungen:
Da die Taliban die volle Kontrolle über die Hauptstadt Kabul haben, sind die Ängste vor Vergeltungsmaßnahmen und Tötungen der Menschen, die gegen sie gekämpft haben, besonders bei Journalisten so groß, dass Ängste, Chaos und Panik entstanden sind. Es hat jedem meiner Kinder den Schlaf geraubt. Jeder Moment ist ein Albtraum für mich und meine Familie. Ich habe Informationen erhalten, dass sie anfangen, nach Leuten zu suchen, die für die Medien und Regierungsbeamte arbeiten.
Ich befürchte, dass sie zu meiner Familie kommen und sie unter Druck setzen, mich nach Kabul zurückzubringen, wie sie es bei den Familien einiger Militärkommandeure getan haben, um sie zu zwingen, ihre Waffen niederzulegen und sich den Taliban zu ergeben. Zusammen mit meiner Frau leben drei meiner Töchter über jeweils 12, was sie der Gefahr einer Zwangsheirat aussetzt, die als «Jihad u Nikah» bezeichnet wird! Meine Töchter haben solche Angst und rufen mich an, etwas für sie zu tun.

Es hat mir das Herz gebrochen, sie um Hilfe schreien zu hören …

Ich bin Journalist und habe mich in den letzten 20 Jahren der Förderung von Menschenrechten, Freiheit und anderen Werten verschrieben, die von den Taliban und anderen extremistischen Gruppen als westliche Werte angesehen werden!

Bitte helfen Sie mir, etwas für meine Familie zu tun, bevor es zu spät ist!»

Bleibt nur hinzuzufügen: Wieso unterstützt sonst niemand aus der Schweizer Journaille diesen Mann? Wieso hilft keiner der linken Maulhelden von Molina abwärts und aufwärts?

Afghaninnen: achtlos

Solidarität mit Frauen in Afghanistan? Ach was, nicht mal verbal.

Die Aufgabe von Journalisten ist es, die Wirklichkeit abzubilden. Die Aufgabe von Journalistinnen ist es auch, auf Missstände hinzuweisen, sie anzuprangern. Mehr als 75 Mitarbeiterinnen von Tamedia haben das diesen Frühling getan.

Sie unterzeichneten ein Protestschreiben und sorgten dafür, dass es via einen anrüchigen Absender an die Öffentlichkeit gelangte. Sie beschwerten sich darin über demotivierende Zustände auf den Tamedia-Redaktionen. Dort herrsche Sexismus, Diskriminierung und Unterdrückung von Frauen. Unerträgliche Zustände.

Es ist jedem Mitarbeiter freigestellt in unserer offenen Gesellschaft, sich über alles zu beschweren. Selbst über seinen Arbeitgeber, selbst mit unbelegten Behauptungen, selbst mit geschäftsschädigenden Auswirkungen. Selbst mit Klagen über Phantomschmerzen.

Erziehungsmassnahme in Afghanistan.

Vom Genuss selbstverständlicher Rechte

Dazu sind diese Frauen in der Lage, weil sie selbstverständliche Rechte geniessen. Sie konnten zur Schule gehen, sich ausbilden lassen, mehr oder minder frei ihre Berufswahl treffen. Sie sind sich gewöhnt, öffentlich aufzutreten, ihre Meinung mündlich und schriftlich, in Bild und Ton kundzutun. Unverschleiert, unzensiert, ohne deswegen um Leib und Leben fürchten zu müssen.

Schülerinnen in Afghanistan. Historische Aufnahme.

Seit sich das schwarze Leichentuch des islamischen Fundamentalismus über Afghanistan gelegt hat, seit religiöse Irre wieder die Macht ergriffen haben, sieht es dort anders aus. Da die Demokratie nicht mehr länger auch am Hindukusch verteidigt werden muss, hat der freie Westen alles und alle verraten. Alle Werte, die er den Afghanen vorgebetet hat. Alle armen Afghanen, die darauf vertrauten.

Alle, die sich kenntlich gemacht haben, indem sie moderne, zivilisatorische Werte verteidigten, sind lebende Tote, Zielscheiben mit aufgemaltem Fadenkreuz. Sie können nur, wohl vergeblich, auf ein schnelles Ende hoffen. Ohne vorangehende Vergewaltigung, Folterung, Entwürdigung.

Die Taliban haben dazugelernt

Selbst die Taliban sind nicht völlig verstockt und dumm. Sie haben, im Gegensatz zur letzten Machtübernahme, bei der Bedeutung von Bildern, Symbolen und von PR dazugelernt. Sie schaffen es sogar, einzelne Beobachter einzulullen. Die ihnen abnehmen, dass sie auch die Rechte der Frau respektieren wollen, sie nicht am Schulbesuch hindern, keinesfalls einzig im Vollpräservativ auf die Strasse lassen werden. Sie nicht als dem Mann völlig unteränige, zweitklassige Wesen betrachten werden, völlig der Willkür, der Herrschaft, den Launen ihres Gebieters, Herrn und Dominators ausgesetzt.

1996: So erging es dem damaligen Präsidenten Najibullah. Der aktuelle ist lieber geflohen.

Offenbar alles auch nur Phantomschmerzen, wenn sich afghanische Frauen, die sich exponiert haben, darüber beklagen, dass der Westen sie den Wölfen zum Frass vorwirft.

Ob es daran liegt, dass von den mehr als 75 Frauen von Tamedia, die sich so eloquent gegen Sexismus und Unterdrückung aussprachen, allerdings nur in eigener Sache, hier nichts zu hören ist?

Scherze sind völlig unerwünscht bei den Taliban.

ZACKBUM wollte es genauer wissen. Im Gegensatz zu immer mehr Medien halten wir eisern an einem journalistischen Prinzip fest: audiatur et altera pars. Man höre auch die andere Seite. Das wird zwar von «Republik» bis Tamedia, von «Blick» bis NZZ immer seltener eingehalten.

Wir hätten wieder ein paar Fragen an die Tamedia-Protestfrauen

Wir aber haben, ungeachtet der Tatsache, dass wir noch nie einer Antwort gewürdigt wurden, den erregten Tamedia-Frauen wieder Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Konkret haben wir ihnen diesen offenen Brief geschickt:

Sie gehören zu den Unterzeichnern des Protestschreibens im Hause Tamedia, in dem Klage geführt wird über Sexismus, Diskriminierung und Unterdrückung gegenüber Frauen.

Seither haben Sie sich in dieser Sache nicht mehr zu Wort gemeldet.

Sie haben als Medienschaffende sicherlich die tragischen Ereignisse in Afghanistan zur Kenntnis genommen. Wie immer, wenn fundamentalistische Taliban die Macht ergreifen, bedeutet das vor allem für Frauen Knechtschaft, Unterdrückung, die Missachtung grundlegender Menschenrechte und Schlimmeres wie sexuelle Ausbeutung.

Dazu hat ZACKBUM ein paar Fragen:

  1. Wieso raffen Sie sich zu keinem Protestschreiben als Ausdruck der Solidarität mit den afghanischen Frauen auf?
  2. Wieso kündigen Sie nicht an, sich in der Schweiz intensiv um die Brüder im Geist zu kümmern, die mehr oder minder offen ähnliches Gedankengut wie die Taliban in Afghanistan verbreiten?
  3. Wieso zeigen Sie nicht tätige Solidarität, indem Sie das tun, wozu Sie eigentlich angestellt sind: journalistische Recherchen betreiben, um in diese Dunkelkammern hineinzuleuchten?
  4. Wann kann man mit den ersten Ergebnissen dieser gelebten Solidarität rechnen?
  5. Haben Sie bereits ein entsprechendes Protestschreiben vorbereitet, wenn ja, können wir das auf ZACKBUM veröffentlichen?

Gerne erwarten wir Ihre Reaktion bis Mittwoch, 18. August 2021, 10.00 Uhr und bedanken uns im Voraus dafür.

Bislang haben wir nur die üblichen Ferienabwesenheitsmeldungen gekriegt. Wetten, dass bis 10 Uhr keine weitere Reaktion eintreffen wird?

Strafe für Ehebruch muss unter den Taliban sein.

Denn, Hand aufs Herz, es liegt doch nicht an ZACKBUM, dass diesen Tamedia-Frauen nur ihr eigenes Schicksal nicht scheissegal ist. Wenn es über wohlfeiles Maulheldinnentum mit Solidaritätsadressen usw. hinausgehen müsste, also in Arbeit ausarten würde, dann herrscht Ruhe, dann verstecken sie sich hinter ihrer Art von Vollverschleierung. Schamlos schamvoll, feige und heuchlerisch.

GI, verloren in Afghanistans Labyrinth.