Peinlich

Qualitätskontrolle war gestern. Ungehemmtes Geschwätz ist heute.

Weil der Qualitätsmedienkonzern Tamedia fast alles von der «Süddeutschen Zeitung» in München rezykliert und seinen Lesern als Eigenleistung präsentiert, für die sie gefälligst happig zahlen sollen, übernimmt er auch sämtlichen Unsinn.

So weiss der «Zentral- und Osteuropa-Korrespondent» Florian Hassel Erstaunliches aus der Ukraine zu berichten: «Die Ukraine lebt vom Export, vor allem von Getreide, Stahl und Eisen. Ihre Bauern brauchen neben ihren fruchtbaren Böden gewöhnlich nur genug Regen.» Verblüffend, überall sonst braucht es auch noch Düngemittel, Herbizide, eine Aussaat und noch so ein paar Kleinigkeiten. Aber wahrscheinlich wird in der Ukraine Stahl einfach fertig aus dem Hochofen gezogen.

Auch aus diesem Bereich vermeldet Hassel Oberflächliches: «Das Kronjuwel der ukrainischen Metallindustrie, zu dem auch eigene Eisenerzgruben gehören, ist Arcelormittal in Kriwi Rih, der Heimatstadt von Präsident Wolodimir Selenski. 2005 verkaufte die Ukraine das Staatsunternehmen an den indischen Stahlmilliardär Lakshmi Mittal». Das ist der, der auch in den indischen Kohleskandal verwickelt ist, was ein Blick in Wikipedia enthüllt hätte. Recherche war gestern.

Aber immerhin widmet sich Hassel einem Thema, das in der Kriegsgurgel-Berichterstattung weitgehend vernachlässigt wird. Wie steht es eigentlich um die ukrainische Wirtschaft? Ums BIP, die Wertschöpfung, die Arbeitsstellen, das Einkommen? Denn nicht jeder Ukrainer ist Multimillionär wie ihr Präsident. Da weiss Hassel: «Doch der Krieg könnte noch Jahre dauern – und damit auch die Notwendigkeit für mindestens Dutzende weitere Milliarden aus dem Westen, Hunderte Milliarden Euro für den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur noch gar nicht eingerechnet.»

Dutzende weitere Milliarden? Der Mann sollte mal einen Grundkurs in Volkswirtschaft besuchen.

Auf ihre Art widmet sich CH Media dem Thema Sparen. Genauer gibt Wirtschaftsredaktor Niklaus Vontobel wertvolle Tipps als «Hilfe zur Selbsthilfe». Zum Beispiel: «So sollten Autofahrende darauf achten, in welcher Region und an welcher Tankstelle sie einkaufen. Denn die Benzinpreise sind in der Schweiz hoch und variieren stark. Tankstellen auf der Autobahn zum Beispiel verlangen oft höhere Preise als kleine Tankstellen.»

Darauf muss man ja erst mal kommen. Aber auch bei der Ernährung gibt es ungeahnte Sparmöglichkeiten: «Wer mehr Gemüse isst, dafür weniger Fleisch, der entlastet sein Budget. Ein Kilo Fleisch kostet im Schnitt an die 21 Franken, Gemüse hingegen weniger als 6 Franken.»

Aber leider muss Vontobel am Schluss noch eine bittere Pille verabreichen: «Bis die Inflation wieder zurück ist auf jenem Niveau, wo sie die Notenbanken haben wollen, wird es noch ein langer Kampf werden.»

Auf höherem Niveau scheitert Bettina Weber in der «SonntagsZeitung». Sie widmet sich dem beliebten Thema: ein Fall, zwei Fälle, eine Welle. Dass der Titel «Der Russinnen-Trick» im diskriminierungssensiblen, vom Genderwahn geplagten Tamedia-Konzern durchging – ein Zeichen nachlassender Kontrolle?

Dann schildert Weber einen dramatischen Einzelfall, um den Aufschwung ins Allgemeine zu wagen. Denn Anwälten und auch dem Chef des Zürcher Migrationsamt sei dieser Begriff bekannt. Dessen Verwendung auch nicht besser wird, wenn Weber erwähnt: «Es geht beim Phänomen mit dem politisch unkorrekten Namen nicht um die Nationalität, nicht einmal zwingend um das Geschlecht, da es auch schon afrikanische Männer gegeben haben soll, die ihre Schweizer Frauen der Gewalt beschuldigten, um auf diese Weise eine B-Bewilligung zu erhalten.»

Allerdings muss Weber dann einräumen: «Wie häufig der «RussinnenTrick» vorkommt, kann niemand sagen. Zahlen fehlen, da die Fälle weder vom Migrationsamt noch von der zweiten Instanz, dem Verwaltungsgericht, nach Artikeln erfasst werden.» Also wenden ihn eine unbekannte Anzahl Russinnen, afrikanischer Männer und ähnlich zwielichtiger Gestalten an.

Diese unbekannte Menge von Gesocks versucht, sich mittels eines Gutmenschen-Gesetzesartikels das Aufenthaltsrecht in der Schweiz zu erkämpfen, wenn eine Ehe mit einem Schweizer schnell in die Brüche geht, was normalerweise zur Ausweisung führt. Das Benutzen eines Gesetzes ist nicht strafbar; allerdings macht ein solcher Missbrauch die entsprechende Bestimmung fragwürdig.

Doch darauf geht Weber nicht weiter ein, sie erzählt lieber ein tragisches Einzelschicksal in allen Details aus. Wobei sie naturgemäss nur die Position des betroffenen Schweizer Mannes unkritisch übernimmt. Offenbar hat sie nicht einmal den Versuch unternommen, die andere Seite, also die der Frau, zu hören. Eine unselige Tradition bei Tamedia.

Qualität war gestern, heute wird an ungefiltertem Flachsinn nicht gespart.

 

4 KOMMENTARE
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Aktuell ist das Kriegsgeschehen voll nachvollziehbar, ganz vorne im Focus.
    Egal welche Seite als Sieger aus diesem Krieg hervorgeht, dem Sieger oder demjenigen dem der Löwenanteil zufällt‚ dem fällt auch eine Megakostspielige Beute in den Schoss.
    Nach dem Ende der UDSSR konnte sich die Ukraine nicht aus dem Volldesaster der UDSSR herausarbeiten. Dieser Hintergrund hat massgeblich zur aktuellen Lage geführt.
    Dabei zählte die Ukraine zu den am besten aufgestellten Teil- Republiken der jämmerlich abgesoffenen UDSSR.
    Einen weiteren teuren Kostgänger für die EU? Das wird deutlich Kostspieliger als die Übernahme
    der Volgekosten für Tschrnobil durch den Westen.
    Ob die eh schon hoch gefährlich an der Geldpumpe laufende hochverschuldete EU das noch verkraftet?
    Die aktuelle Energiekriese treibt die die Verschuldung der EU Staten weiter nach oben
    potenziert durch eine bald rasende Inflation.
    Die Ukraine droht zum letzten Sargnagel der EU zu werden.

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    • Tim Meier
      Tim Meier says:

      Interessanter Gedanke. Der Russe zieht sich zurück, hinterlässt verbrannte Erde und die EU bezahlt den Wiederaufbau. Also, D soll den indirekt bezahlen, so wie D in der EU immer alles bezahlen muss. Wenn jedoch kein Gas mehr nach D kommt, dann sieht die Lage ganz anders aus.

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  2. René Küng
    René Küng says:

    Qualität ?
    Nun, da hat zbz wirklich noch lange Augias-saumässig viel zu denken und schreiben, bis die jetzigen Sesselgeklebten Täter und -innen aus den Schreibzellen hinaus trolen.
    Und bevor der letzte Schweizer Kriegsreborter von seiner nächsten weich gebetteten Städtereise aus Kiew zurück kommt und uns im CH-Media Reich die Lage erklärt, hier ein Stück Qualität von ganz oben: John Pilger.

    Eine Rundumsicht vom Besten, was es auf ‘Verschwörungs’ Plattformen in letzter Zeit zu lesen gab.
    Es kann einer dann immer noch mir oder Pilger ans Bein brünnerlen, dass nichts mit nichts zu tun habe.

    Ein Beispiel für innovative, indirekt-investigative Informations-Arbeit eines eher neu geborenen CH-Mediums. Gut gehasst, noch besser verpöntes und geframtes Internet-Portal von solchen ‘Meinungsbildnern’, die es weder lesen noch verstehen. Wollen.

    uncut-news präsentiert seit über 2 Jahren eine intelligent & clever gemachte Auswahl an journalistischen Arbeiten von hellen Köpfen aus der ganzen Welt. Manchmal auch Knallköpfe mit ‘fake news’. Aber in Relation zu dem, was uns die bezahlten Schlampen täglich anlügen, betrügen, im Auftrag oder eigener Unterzeugtheit manipulieren, ist die Zahl an Fehlleistungen bei uncut ein Mehrfaches kleiner als bei ALLEN kommerziellen Schweizer Starr-Medien.

    Dieser Artikel von John Pilger als herausragendstes Beispiel, das für jeden kritischen Geist ein Muss und Genuss ist:
    https://uncutnews.ch/john-pilger-die-laemmer-zum-schweigen-bringen-wie-propaganda-funktioniert/

    Kraftvoller und kompetenter kann es nicht geschrieben werden.
    Ein Geschenk von einem grossen JOURNALISTEN an die Menschheit, von uncut in der Schweiz zugänglich gemacht, gereicht es auch zackbum zur Ehre, dieses Dokument durch die Hintertüre zu zu lassen.

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