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Schwurbeln auf tiefem Niveau

Andreas Tobler redet mit Sibylle Berg. Das ist auch verrückt.

Tobler ist der Schmierenfink des Feuilletons. Oder von dem, was bei Tamedia von Kultur noch übrig geblieben ist. Er denunziert und verbellt, was ihm nicht passt. Margrit Sprecher zum Beispiel passt ihm nicht. Alice Weidel passt ihm überhaupt nicht. Geschichtsklitterung liegt ihm hingegen sehr.

Einen Mordaufruf gegen Roger Köppel verharmlost er zum «Theatermord».

Auch Sibylle Berg hat etwas Mühe, mit dem Thema Wahrhaftigkeit in ihrer Biographie und in ihrem Werk umzugehen. Was passiert dann, wenn Tobler Berg interviewt? Nun, es wird immerhin nicht über Dorothee Elmiger gesprochen. Das ist aber das einzig Positive, was man über diese Leserquälerei sagen kann.

Berg weiss wie Lukas Bärfuss, dass die Markenpflege entscheidend ist, wenn man inhaltlich nur Ärmliches zu bieten hat. Also hat er sich auf den grimmigen Blick geworfen, während Berg als Markenzeichen die Pupillen in den Augenwinkeln pflegt.

Wiedererkennungswert, das A und O jedes guten Marketings.

Ach, und das Interview? Lassen wir sie selbst sprechen, denn das sagt alles:

«In der EU haben wir eine steigende Armutsquote. Dort wie auch bei uns in der Schweiz haben viele Angst. Vor Kriegen, Armut, Wohnungslosigkeit, der KI. … Sehr viele Menschen sind am Anschlag. Wenn man den Zahlen Glauben schenkt, dann nehmen die Überlastungsdepressionen und Burn-outs zu. In Zürich, wo ich lebe, gibt es eine wahnsinnige Angst vor der Verdrängung, vor dem Verlust der Arbeit und dem Wohnraum. … Auch in unserem wohlhabenden Land wächst die Unzufriedenheit, der Stress. … Mehr Chaos als es jetzt in der Welt gibt, kann es doch kaum geben. … Im Moment haben wir an vielen Orten weltweit die Vorstufe zu einem Aufstand, den zivilen Ungehorsam, die Demonstrationen, in Ländern Europas, in Amerika, Südamerika. … Ich arbeite weiter gegen Überwachung und Armut, es dauert einfach, bis die Dinge sichtbar werden. … Wenn er (Christoph Blocher, Red.) mir neben der Besichtigung der schönen Bilder einen Kaffee anböte, dann würde ich sagen: «Gerne, mit Hafermilch bitte.» Dann wäre ich wahrscheinlich schon untendurch, denn ein ordentlicher Schweizer trinkt Kuhmilch.»

Wenn eine solche Ansammlung von Flachheiten, Beliebigkeiten, Gedöns, Dummheiten, Allgemeinplätzen und erschreckend Langweiligem in einem Schulaufsatz stünde, wäre die Note ungenügend sicher.

Wenn es bei Tamedia noch so etwas wie eine Qualitätskontrolle gäbe, hätte man Tobler bedeutet, dass dieser Worthaufen es wirklich nicht wert ist, Druckerschwärze oder auch nur kleinste Einheiten elektrischer Energie darauf zu verschwenden. Sondern ihm das Entsorgen dieses Sprachmülls empfohlen.

Vielleicht mal eine klitzekleine kritische Frage zu Ungereimtheiten in Werk und Biographie bei Berg? Aber das hätte ja die Gefahr beinhaltet, dass sie auf ähnliche Besonderheiten im Werk Toblers hingewiesen hätte.

In der Tamedia-Gesinnungsblase werden Gesinnungsblasen geblasen, Fragen dienen lediglich zum Aufpumpen.

Dass sich Berg über jede PR zu ihrem Werk freut, wer kann’s ihr verdenken. Dass der «Leiter des Gesellschafts- und Debattenteams im Ressort Leben» klaglos schluckt, dass Berg dafür plädiert, mit allen zu reden, die Streit- und Debattenkultur zu fördern, während er das niemals zulassen würde – ach, da ist Tartuffe Tobler ganz bei sich selbst.

Fragen ohne Antworten

Was leisten die Qualitätsmedien so?

Die Schweiz hat einen Deal. Mit Trump. Endlich. War nicht leicht, aber es ist geschafft. So schreiben alle. NZZ, Tamedia, «Blick», CH Media.

Wunderbar. Nur: es bleiben ein paar Fragen offen.

– Ist die Absenkung der Strafzölle auf 15 Prozent in trockenen Tüchern, besiegelt und unterzeichnet?

– Neben Investitionen von 200 Milliarden in den USA, welche weiteren Zugeständnisse musste die Schweiz machen?

– Reicht es wirklich, dem US-Präsidenten eine goldene Rolex auf sein Pult zu stellen und ihm einen Goldbarren zu widmen, um mit ihm ins Geschäft zu kommen?

– Wenn der Deal jetzt möglich wurde, wieso nicht schon vorher? War die Heraufsetzung auf 39 Prozent nach dem letzten Telefonat am 31. Juli ein dramatischer Flop, der eigentlich einen Rücktritt nötig machte?

– Sind 15 Prozent mehr Zölle aufgrund absurder Berechnungen ein Erfolg oder eine Niederlage?

– Gelten diese 15 Prozent zusätzlich auf alles, welche weiteren Zölle gibt es weiterhin?

– Gibt es einen Zeitpunkt, ab wann diese neuen Zölle angewendet werden?

– Kommen bis zu diesem Zeitpunkt weiterhin 39 Prozent Zusatzzoll in Anschlag?

– Gibt es eine Laufzeit, eine Zusicherung der Geltungsdauer für diesen neuen Zolltarif?

– An welche weiteren Bedingungen ist dieser neue Zoll geknüpft?

10 Fragen, null Antworten der Qualitätsmedien. Nichts Genaues weiss man nicht. Kann man das als geldwerte Leistung verkaufen? Und wenn ja, wie viel Geld ist sie wert?

In der Ukraine tobt weiterhin Krieg. Auch hier gibt es mehr Fragen als Antworten.

– Stehen die russischen Streitkräfte vor der Einnahme wichtiger Städte?

– In welche Zustand befinden sich die ukrainischen Streitkräfte?

– In welchem Zustand befinden sich die russischen Streitkräfte?

– In welchem Zustand befindet sich die ukrainische Wirtschaft?

– Welche Auswirkungen hat der jüngste Korruptionsskandal, der ganz nahe an den Präsidenten Selenskjy heranreicht?

– In welchem Zustand befindet sich die russische Wirtschaft?

– Wie lange ist es für Russland möglich, den Krieg fortzusetzen?

– Wie lange ist es für die Ukraine möglich, den Krieg fortzusetzen?

– Wer wird schlussendlich für die Kriegszerstörungen aufkommen?

– Was wären realistische Verhandlungspositionen bei der Aufnahme von bilateralen Gesprächen?

10 Fragen, null Antworten der Qualitätsmedien. Nichts Genaues weiss man nicht. Kann man das als geldwerte Leistung verkaufen? Und wenn ja, wie viel Geld ist sie wert?

Dazu hätte ZACKBUM noch ein paar allgemeine Fragen.

– Ist der Schwund an Kompetenz und Analysefähigkeit durch die jüngsten Sparrunden so dramatisch, dass solche fundamentale Recherchen nicht mehr geleistet werden können?

– Wieso werden «Meinungen» nicht auf ein gesundes Mass geschrumpft, auf vielleicht einen Kommentar pro Woche?

– Wann konnte man zum letzten Mal eine Gegenmeinung zum herrschenden Narrativ und Framing in den Mainstreammedien lesen?

– Wieso ist die Fähigkeit zur Gewichtung, zur Unterscheidung zwischen Wichtigem (Altersversorgung, EU-Verträge, Kriegsgefahr) und Unwichtigem (Mohrenköpfe, Nemo, Bargeldverbot am Weihnachtsmarkt) abhanden gekommen?

– Muss eine «Reportage» über «Lachyoga» hinter der Bezahlschranke versorgt werden?

– Wie verzweifelt muss man sein, um Ex-Botschafter Borer immer wieder zu interviewen?

–Braucht es eine Kolumne «Moderne Wecker lassen die Sonne aufgehen»?

– Warum werden die Magazine von NZZaS und Tamedia nicht sofort eingestellt?

– Wie viele Fehler kann sich Pietro Supino noch erlauben?

– Wann wird das unfähige Medienmanagement der grossen Häuser entlassen, zumindest ausgedünnt?

30 Fragen, 0 Antworten.

Ausser der, die die Leser mit den Füssen geben …

 

Friede, Freude, Eierkuchen

Mit dem Tages-Anzeiger auf Eiersuche.

Von Thomas Baumann
«‹100 Prozent arbeiten geht gar nicht!› Ein Gen-Z-ler bekommt einen Vollzeitjob — und einen Schock», so begrüsste einen der «Tages-Anzeiger» pünktlich zum 1. November.
Gleich darunter das Bild eines jungen Mannes — vermutlich Herr Genzler — der deklariert: «Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass das das Leben ist!» Konkret beschwert er sich, dass er um 7:30 Uhr aus dem Haus muss und erst elf Stunden wieder vor der Haustüre steht. Und deswegen kommt er zum Schluss: «Ich muss auf jeden Fall meine Stunden reduzieren, 100 Prozent geht gar nicht.»
«Dass das das»: schon mal eine reizvolle Art, Worte aneinanderzureihen. Bürgerlich heisst Herr Genzler allerdings Julian Kamps. Julian wie? Nun, der Herr ist — so belehrt uns «20 Minuten», welches über solche Dinge natürlich immer bestens informiert ist — offenbar Influencer und «Germany’s Next Topmodel»-Teilnehmer.
Ein Video von ihm ging kürzlich angeblich «viral» und die dadurch ausgelöste Magen-Darm-Grippe kulminierte offenbar in einem «Shitstorm». Das ist natürlich Grund genug für das ‹Qualitätsorgan› «Tages-Anzeiger», sich dieser ausgesprochen wichtigen Person der Weltgeschichte anzunehmen.
Und weil sich wichtige Personen ja bekanntlich nur zu wichtigen Themen äussern, erhält das Blatt dadurch auch Gelegenheit, sich sehr gewichtigen Themen zuzuwenden.
Zuerst lässt sich die Redaktorin zwar ellenlang über die Befindlichkeiten von Personen aus, denen der normale Arbeitsalltag offenbar zu lang ist, inklusive Zitate in bedenklichem Deutsch: «Man gewöhnt sich ein Stück weit an den Pain, aber eigentlich hassen wir es doch alle. Warum lassen wir das die jungen Leute nicht endlich mal laut aussprechen, statt sie zu shamen.»
Doch dann, harte Recherche sei Dank, findet sie doch noch das Ei des Kolumbus:
«Isländische Betriebe verzeichnen höhere Produktivität und weniger Krankheitsausfälle durch reduzierte Arbeitszeiten.»
Mit einer Bevölkerung von 400’000 und einem BIP von 27 Milliarden Franken ist Island natürlich ein wirtschaftliches Schwergewicht. Aber gut, man muss die Beispiele eben dort nehmen, wo man sie findet. Immerhin handelt es sich dabei um «Forschung», wie die Redaktorin bedeutungsvoll anmahnt.
«Mittlerweile legt die Forschung zum Thema nahe, dass eine 40- oder gar 45-Stunden-Woche keineswegs das Nonplusultra an Produktivität bedeutet. Im Gegenteil, es heisst, dass die Viertagewoche sich häufig sogar profitabel auswirkt, der Absentismus sinkt, Qualität und Output zunehmen.»
Der Ökonom wagt anzumerken: Produktivität bezeichnet (in diesem Fall) den Output per Zeiteinheit, also z.B. pro Arbeitsstunde. Dass dieser zunimmt, wenn die Leute weniger lang arbeiten, leuchtet ein: Wer nur hundert Meter rennt, rennt in der Regel auch schneller als jemand, der einen Kilometer rennt. Output hingegen ist Produktivität multipliziert mit der Arbeitszeit — wenn letztere abnimmt, ist auch bei steigender Produktivität kein höherer Output garantiert.
Das hindert die Redaktorin aber nicht, ihr Loblied auf Island anzustimmen: «Ab 2019 hat Island nach und nach weitgehend auf eine Viertagewoche von durchschnittlich 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich umgestellt. Weniger Burn-outs und sonstige Krankheitsausfälle sprechen eine deutliche Sprache. In Island ist von einer Win-win-Situation die Rede.» 35 Stunden verteilt auf vier Tage, ergibt nach Adam Riese 8 Stunden und 45 Minuten pro Tag.
«Neun Stunden täglich sind zu viel», meint die Redaktorin bloss zwei Abschnitte weiter. 8 Stunden und 45 Minuten aber offenbar kein Problem. «Ab 40 Stunden erhöhe sich das Risiko, ein Burn-out zu erleiden, zynisch zu werden», belehrt sie uns weiter. Obwohl das auf fünf Tage umgerechnet ja ‹nur› acht Stunden pro Tag ergibt. Aber gut, lassen wir die Rechnerei.
Einen Tag später begrüsst uns Matthias Chapmann, stellvertretender Chefredaktor, im Morgen-Newsletter des Tages-Anzeigers. Was zeigt uns das? Offenbar hat man im Konzern derart viele Stellen eingespart, dass jetzt schon stellvertretende Chefredaktoren den Newsletter schreiben müssen.
Chapman hat sich aber offenbar die Lektion von Alexandra Kedves, dass man sich nicht überarbeiten solle, zu Herzen genommen. Empfehlt er der Leserschaft doch einen Artikel, den er selber ganze fünf Tage früher geschrieben hat.
Und nein, es handelt sich dabei durchaus nicht um die grosse Enthüllungsstory der Woche, sondern um einen Text, welcher beschreibt, welche «neun Alternativen gegen den News-Frust» der «Tages-Anzeiger» bereithalte: Ein Newsletter, die Rubrik «Das Wichtigste des Tages», ein E-Paper (sic!), Podcast, Vorlesefunktion, die Rubrik «Redaktion empfiehlt», «das Magazin» (war da mal was?) und die wöchentliche Glückskolumne.
Ob durch das arbeitssparende Wiederaufwärmen solcher Geschichten fünf Tage später wohl «Qualität und Output» zunehmen? Oder versuchte uns der gute Herr Chapman hier einfach ein Ei unterzujubeln? What a chap…

Ein «Blick» ins tägliche Grauen

So sieht «qualitativ hochwertiger Journalismus» aus.

Dazu bekannte sich Ringier-CEO Marc Walder. Der ewige Kronprinz von VR-Präsident Michael RingierWir sehen einen steigenden Bedarf an gutem Journalismus als Chance»), sozusagen der Prinz Charles von der Dufourstrasse, sieht dabei vor allem KI als grosse Chance.

Und übersieht, dass doch kein Leser etwas dafür zahlen will, was er sich gratis aus dem Internet holt. Nach diesen vollmundigen Ankündigungen hat ZACKBUM mal wieder die Qual auf sich genommen, einen Blick in den «Blick» zu werfen.

Die wollen wir mit unseren Lesern gerne teilen.

Zunächst die Meldung über einen weiteren schweren Rückschlag für Elon Musk:

Und tragen sicher den Kleber: Ich habe meinen Tesla gekauft, bevor Musk verrückt wurde.

Dann die Nummer «Experten warnen». Kann man immer mal wieder machen, weder die Leser, noch die Experten werden sich an solche Prognosen erinnern. Und schön, dass eine adäquate Reaktion im Bild festgehalten wird.

Es folgt ein Bericht zum Thema: was die Welt nicht wissen will und wonach sie auch nicht gefragt hat:

Und zwei Rennreifen waren Trauzeugen …

Wenn ein Kommentar mit einem so bescheuerten Sprachbild und einer so beknackten Frage beginnt, könnte man auch schreiben: bitte nicht lesen.

Nun kommen wir zur Abteilung knallharter Recherchierjournalismus:

Es ist zu hoffen, dass ihnen so die gut abgehangenen Scherze zum Fremdschämen von Giacobbo/Müllerdas Seebecken zubetonieren, dann ist das Parkplatzproblem gelöst») erspart bleiben.

Und fällt dir gar nix ein, lass es ein Ratgeber sein:

Besser wäre: Häufigste Fehler beim Entsorgen von Journalisten-Flaschen.

Als Steigerung gibt es noch den angetäuschten Ratgeber in Frageform:

Oder besser: Kann die Airbag-Jacke «Blick»-Leser retten?

Ein «Blick» vor die Kulissen des ESC:

Das wäre dem «Blick»-Leser sonst nicht aufgefallen.

Ein Höhenflug in die grosse weite Welt der Luftfahrt:

Ein echter Beitrag zur Völkerfreundschaft.

Natürlich darf auch ein Beitrag über tragische Schicksale nicht fehlen:

Kilos weg, gut. Lebenslust weg, schlecht. Leselust auch weg. Vielleicht kann die Dame sie sich wieder anfuttern.

Wenn das nicht Altersdiskriminierung ist:

Aber ätsch, nur für die kümmerlichen 25’000 Leser von «Blick+». Und ganz im Gegensatz zu alten schwarzen (Pardon, pigmentös herausgeforderten) Potentaten in Afrika.

Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert:

Allerdings bezahlt von einer fusionierten Versicherung, die von der Baloise geschluckt wurde.

Zum Schluss das, was von «sex sells» übrigblieb:

Entweder sagt sich der Milliardär «pfeif drauf», oder das kann noch teuer werden.

Angesichts dieses Elends ist man versucht zu sagen, dass KI tatsächlich helfen könnte. Sie trägt immerhin das Wort Intelligenz im Namen. Bloss: jeder kann ihr die Frage stellen: Zeige mir eine Ansammlung von völlig überflüssigen Meldungen vom heutigen Tage. Dafür muss er weder den «Blick» lesen noch ein «Blick+»-Abo lösen …

Gesinnungs-Journalismus

Was ist nur aus Nick Lüthi geworden?

Der war früher mal ein unabhängiger Journalist, der die «Medienwoche» herausgab. Sie wurde dann ein weiteres Opfer der aussterbenden Spezies Medienkritik.

Seither verdingt er sich auf persoenlich.com als Redaktor. Hier wird meistens mit Wattebäuschen geworfen. Hier aber nicht. Der leicht unrasierte Herr mit gebleckten Zähnen ist «Martin Steiger, Anwalt und Medienrechtler». Also im Prinzip eine valable Figur, um etwas zum Zuger Skandal-Urteil zu sagen, dass Jolanda Spiess-Hegglin für 4 ehrverletzende Artikel eine Gewinnherausgabe von über 300’000 Franken zusprach.

Der Mann sagt für einen Juristen erstaunliche Dinge. Wieso sei Ringier mit seiner Argumentation nicht durchgekommen?

«Das lag aber auch daran, dass das Gericht auf dem Bundesgerichtsurteil zur Gewinnherausgabe in Sachen Willy Schnyder, dem Vater der Tennisspielerin Patty Schnyder, von 2006 aufbaute und auf die rechtliche Lehre verweisen konnte

Damit wäre er bei der Anwaltsprüfung durchgerasselt. Das Bundesgericht hat lediglich den grundsätzlichen Anspruch – im Gegensatz zur Vorinstanz – bestätigt. Es wurde damals, hinter die Ohren schreiben, keine Gewinnberechnung durchgeführt, weil man sich in einem Vergleich einigte.

Dann sollte der Jurist vielleicht die Finger von Finanzrechnungen lassen, denn er hat eine Meinung, aber keine Ahnung:

«Mir erscheint mit Blick auf den begründeten Entscheid plausibel, dass Jolanda Spiess mit ihren finanziellen Forderungen deutlich näher an der Wahrheit lag als Ringier.»

Und was ist mit der abschreckenden Wirkung dieses Fehlurteils? «Nein, ich teile diese Befürchtung nicht.» Dass Verlage damit bedroht sind, dass aufgrund von aberwitzigen Berechnungen Zahlungen in der Region Hunderttausende fällig werden könnten und kritische Berichterstattung unter diesem Damoklesschwert eingeschränkt wäre – nichts Abschreckendes. Da lachen selbst juristisch nicht ausgebildete Hühner.

Aber der Anwalt kann noch mehr, auch inhaltslose Sätze: «Die Medienfreiheit ist kein Freipass für Persönlichkeitsverletzungen.» Hat auch niemand behauptet …

Und dann noch zwei Brüller zum Schluss: «Das Kantonsgericht Zug hat mit seinem Entscheid erst einmal ein bemerkenswertes und lange erwartetes medienrechtliches Präjudiz geschaffen.» Es hat tatsächlich ein Präjudiz geschaffen, das aber so schnell wie möglich korrigiert werden muss, da es auf Luftberechnungen ruht.

Und: «Wenn es alles in allem bei dieser Rechtsprechung bleibt, wird jener Journalismus in der Schweiz, der auf Qualität setzt, erheblich gestärkt.»

Nach diesem juristischen Geplapper kommt allerdings noch eine Fussnote, die genau das Gegenteil beweist. Zum einen, dass Lüthi nicht auf Qualität, sondern auf Gesinnung setzt. Zum zweiten, dass es völlig unter jeder Kanone ist, jemanden als Fachmann zu präsentieren, der mit einer der beiden Parteien verbandelt ist. Es gäbe nun wahrlich genügend Medienanwälte in der Schweiz, die zumindest eine nur fachlich motivierte Meinung abgeben könnten. Aber so?

«Martin Steiger sitzt im Beirat von #NetzCourage, einer Organisation, die Jolanda Spiess-Hegglin gegründet hatte.»  Als die Hassleaks nachwiesen, auf welch üble Art JSH gegen ihre Feindin Michèle Binswanger vorging («Drecksarbeit», die Autorin so fertigmachen, dass sie am besten «auswandern» sollte), gingen die tapferen Beiräte auf Tauchstation.

Die NZZ schrieb damals: «Die zitierten Chat-Wortmeldungen sind teilweise krass und lassen sich mitnichten mit Spiess-Hegglins Ansinnen vereinbaren, Hass im Netz zu bekämpfen

Nur Steiger verstieg sich auf Anfrage zur Antwort: «Als Beiratsmitglied stehe ich dem Vorstand von #NetzCourage weiterhin mit meinem Fachwissen zur Verfügung: Der Vorstand fragt, ich gebe Rat. Meine Beiratstätigkeit erfolgt ausschliesslich gegenüber dem Vorstand und nicht gegenüber der Öffentlichkeit.»

Nun geht er aber an die Öffentlichkeit, und wie …

 

Neues von Langstrecken-Luisa

Die Vielfliegerin findet Zeit für ein Lobhudel-Interview.

Wenn der Qualitätsjournalist Andreas Tobler was nicht mag, dann arbeitet er mit dem Zweihänder und dem Holzhammer. Bei Roger Köppel oder der Bührle-Sammlung zum Beispiel.

Wenn er etwas mag – wie den Genderstern – dann gibt er strenge Anweisungen, was zu tun ist.

Und dann gibt es noch den kuschelig-sanften Tobler, wenn er mit einer Gesinnungsgenossin im Interviewbett liegt. Schön, dass Langstrecken-Luisa Neubauer, «Deutschlands bekannteste Umweltaktivistin», neben ihren Fernreisen im Kampf gegen den Klimawandel Zeit für ihn gefunden hat.

Denn vor Kurzem war sie noch in Pennsylvania, um (vergeblich) Wahlkampf für Kamala Harris zu machen. Und schwups, ist sie schon 9500 Kilometer weiter im Osten, Welt-Klima-Gipfel in Baku, das geht natürlich nicht ohne sie. Berühmt ist auch ihr Selbstbespiegelungs-Video aus einem wohlklimatisierten Hotelzimmer (ganz furchtbar fand sie das) in Dubai.

Aber immerhin, ihre Selfies aus Rundreisen durch Afrika hat sie inzwischen gelöscht. Da gäbe es also durchaus Anlass für die eine oder andere kritische Frage, so im Rahmen des Qualitätsjournalismus, wie ihn Simon (wo ist er denn?) Bärtschi unablässig fordert.

Aber oh Schreck, oh Graus, Tobler genügt diesen Kriterien mal wieder überhaupt nicht. Muss man sich Sorgen um seine Zukunft machen? Wackelt sein Stuhl? Ach was, die richtige Gesinnung betoniert ihn im woken Tagi ein.

Also liefert er Neubauer die Steilvorlagen, um ihr Geseier abzulassen: «Ich glaube, man kann nicht überschätzen, welche desaströsen Konsequenzen diese Wahl hat. Ich habe in den Tagen und Wochen zuvor an zahlreichen Formaten in den USA teilgenommen, Podien veranstaltet, Seminare gegeben, Gespräche mit Aktivisten geführt.»

Die Dame kam wirklich rum in den USA:

«Ich habe an der Ostküste, im Mittleren Westen und in Texas mit Menschen gesprochen, für die eine Wahl von Trump lebensbedrohliche Folgen haben kann.»

In erster Linie wohl die von Neubauer mitverschuldete Klimaerwärmung bedroht diese Menschen. Da wäre möglicherweise Gelegenheit gewesen, nachzufragen, was genau denn diese lebensgefährlichen Folgen seien. Aber doch nicht Tobler.

Und was hatte Neubauer eigentlich dort zu suchen, abgesehen davon, dass ihr Einsatz vergeblich war? «Ich bin in die USA gereist, um herauszufinden, wie dort Aktivismus funktioniert. Meine Annahme war: Wenn aktivistische Ansätze in den USA funktionieren, dann sind sie bulletproof.»

Tobler unterbricht Neubauers Redefluss nur gelegentlich mit einem «Ja?»; so führt ein Qualitätsjournalist ein Interview. Während die Dame eine Sottise nach der anderen zum Besten gibt: «Dabei umfasst eine gute und gerechte Klimapolitik alles, was Faschisten hassen.»

Er lässt ihr sogar durchgehen, dass sie seine Frage, ob Neubauer nochmal mit Greta Thunberg öffentlich auftreten würde, weiträumig umfährt: «Ich glaube, die Klimabewegung wird zukünftig mehr und mehr arbeitsteilig vorgehen und verschiedene Geschichten erzählen … mit Spannungen und Widersprüchlichkeiten umzugehen … den Blick nach vorne zu lenken». Jeder Journalist, der etwas auf sich hält, hätte hier nachgefragt. Aber doch nicht Tobler.

Der liest die nächste Frage von seinem Spickzettel; wie hält es Neubauer mit Klimaklebern und mit Farbanschlägen in Museen? «Zunächst einmal würde ich hier wahnsinnig mit der Sprache aufpassen und die Aktionen in den Museen nicht in einem Nebensatz mit Terrorismus gleichsetzen. Kein einziges Bild wurde beschädigt, als es mit Suppe beworfen wurde.»

Aber es geht noch absurder. Neubauer sei in Baku, «es gibt die Kritik, die Konferenz sei ein Greenwashing des Gastgeberlandes Aserbaidschan, also einer Erdöl fördernden Autokratie», fragt Tobler streng.

Die lustige Antwort: «Ich finde diese Kritik total berechtigt. Die Menschenrechtsverletzungen in Aserbaidschan sind eine Katastrophe. Viele Aktivistinnen sind deshalb überhaupt nicht hier. Zu denen gehört unter anderem Greta Thunberg.»

Tobler will ihr noch mehr Gelegenheit zum Greenwashing in eigener Sache geben und legt nochmals eine Schleimspur aus, auf die Neubauer furchtlos tritt: «Das ist hier keine Happy-Family-Veranstaltung. Aber diese Klimakonferenzen sind bis heute der einzige Ort, wo fast alle Staaten der Welt zusammenkommen und eine Augenhöhe herzustellen versuchen … vernetzen uns … hier machen wir Druck … besser werden könnte», Blabla, Blüblü.

Ist das ein Qualität-Interview? Nein, das ist eine peinliche, unkritische, schlecht vorbereitete Veranstaltung, wo einer eitlen Selbstdarstellerin eine Plattform gegeben wird, mit ihrem Gedöns die Umwelt zu verschmutzen. Dabei ist der Stern der «bekanntesten Umweltaktivistin» nach dermassen vielen Fehltritten und Lustreisen schwer am Sinken, ihre Glaubwürdigkeit beschädigt.

Aber das alles ist Tobler egal, wenn es um das Zelebrieren von Einverständigkeit geht. Auf Kosten des Lesers, der sich schon wieder fragt, wieso er für diesen Stuss bezahlen muss – statt Schmerzensgeld zu bekommen.

Was ist Qualitätsjournalismus?

Auch in ZACKBUM steckt ein Lehrer.

Dürfen wir darauf hinweisen, dass Redaktor René Zeyer das Diplom für das Höhere Lehramt hat und – im Gegensatz zu Chefredaktorinnen – auch schon an Gymnasien unterrichtete.

So viel Selbstbespieglung muss sein, denn wir wollen heute auch mal oberlehrerhaft dozieren. Also, liebe Schüler, Handys weggelegt und aufgepasst.

Eigentlich sind seine Voraussetzungen banal. Qualitätsjournalismus beinhaltet, dass der Leser (oder Hörer oder Zuschauer) darauf vertrauen kann, dass das ihm Dargebotene ein möglichst korrektes Abbild eines Wirklichkeitsausschnitts ist. Oder einfach ausgedrückt: das Gegenteil von dem, was Claas Relotius oder Tom Kummer betreiben.

Wenn die beschriebene Wand grau ist und bröckelt, wenn das Gegenüber einen Satz gesagt hat, dann muss der Empfänger der Nachricht darauf vertrauen können, dass es so ist. Denn er war ja nicht dabei. Kann er das nicht, ist’s Fiktion, aber das ist eine ganz andere Baustelle.

Die im Ernstfall überprüfbare Faktizität ist das Fundament von Qualitätsjournalismus. Nun besteht die Wirklichkeit nicht nur aus einer Wand und einem Satz. Also ist die Auswahl und die Gewichtung des Beschriebenen der nächste Eckstein des Gebäudes. Man kann jede Situation, jedes Gespräch, jede Wirklichkeit so zurechtschnitzen, dass sie dem Vorurteil des Beschreibers entspricht. Damit bestätigt er zwar seine eigene (und auch die seiner Empfänger) Weltsicht, zur Erklärung oder zum Verständnis der Welt hat er damit aber nicht wirklich beigetragen.

Der dritte Eckstein ist der intellektuell anspruchsvollste. Hier geht es um die Analyse, um die Verarbeitung der Wirklichkeit. Dazu gibt es ein grossartiges Gedicht von Bertolt (der mit t, liebe Tamedia-Kulturredaktion) Brecht, «Der Zweifler»:

Immer wenn uns
Die Antwort auf eine Frage gefunden schien
Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten
Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und
Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der
So sehr zweifelte.

Ich, sagte er uns
Bin der Zweifler, ich zweifle, ob
Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.
Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.
Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa
Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.
Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum
Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein
Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?
Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos.
Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit
Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem
Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:
Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?
Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die
Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?
Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem
Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man
Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?

Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden
Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und
Begannen von vorne.

Schliesslich, damit wären die Eckpunkte aufgezählt, gehört zum Qualitätsjournalismus auch obligatorisch «et audiatur et altera pars». Oder für die Nichtlateiner unter den Kindersoldaten des Journalismus: man höre auch die andere Seite. Feste und vermeintlich richtige Positionen müssen es aushalten, dass ihnen kräftig widersprochen wird.

Ein kräftiges Trump-Bashing macht im Qualitätsjournalismus nur Sinn, wenn es durch eine Würdigung konterkariert wird. Die Beschreibung von Putin als unverstandenen, friedfertigen Staatsmann ist nur dann vollständig, wenn es durch die Aufzählung seiner kapitalen Fehleinschätzungen und verbrecherischen Handlungen ergänzt wird.

Der Tod jedes Qualitätsjournalismus ist aber die Färbung. Die Einfärbung. Das Framing. Die Reduktion der Wirklichkeit auf immer wiederholte Schlagwörter. Der Ersatz der Komplexität und Widersprüchlichkeit der Realität durch binäre Systeme. Ja, nein, gut, böse, schlecht, richtig, falsch. Eigentlich sollten die Journalisten es besser wissen. Ein Mensch ist nicht nur schlecht und böse. Auch nicht gut und weise. Er handelt nicht nur und ausschliesslich aus niederen oder edlen Motiven.

Eigentlich, liebe Schüler – alle noch da und wach – ist das doch gar nicht so schwierig.

So, und als Hausaufgabe bekommt ihr die einfache Frage mit auf den Weg: welche Medienorgane erfüllen diese Kriterien? Bitte eine Liste, und es wird dann abgefragt.

Qualität Zero

Ungleich Cola Zero ist das eine Bankrotterklärung.

«Philippe Zweifel leitet zusammen mit Denise Jeitziner das Ressort Leben», belehrt einen das Impressum des Qualitätsorgans «Tages-Anzeiger».

Dieser Leiter ist der journalistischen Leiter nach unten, dem Qualitätsquäler Simon Bärtschi, nicht unähnlich. Denn wer schon im Titel «Bertold Brecht» schreibt, hat sich als Kulturbanause geoutet. Und dass es all den Qualitätskontrollen dieses Schrottblatts nicht auffiel, dass der berühmte Stückeschreiber Bertolt hiess, ist ein weiteres Armutszeugnis.

Auch den Anfang hat Zweifel vergeigt: «Vor einigen Jahren las ich die Biografie von Bud Spencer. Das war der schwergewichtige italienische Schauspieler, der in seinen Filmen per Faustschlag Dutzende Gegner durch die Luft segeln liess.» Nein, dessen Spezialität war die Kopfnuss, aber was soll’s.

Das ganze, wie sollen wir’s nennen, das Wort Essay würde es schütteln, verwendeten wir es, also das ganze Machwerk strotzt nur so von Banalitäten: «Tennis-Ass Serena Williams erwähnte in Interviews, dass sie sich in schwierigen Momenten auf dem Platz immer wieder sagte: «You can do this.»» Wahnsinn, das erklärt alles.

Auch im Text vergreift er sich nochmal am Namen: «Es gibt Bertold Brechts «Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren»».

Auch das ist allerdings Quatsch; das Zitat wird zwar Brecht zugeschrieben (dem Bertolt), stammt aber nicht von ihm. Der hingegen hat eine ähnliche Idee in einer hübschen Kantate (was das ist, erklären wir Zweifel ein andermal) formuliert:

«Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt
Und läßt andere kämpfen für seine Sache
Der muß sich vorsehen: denn
Wer den Kampf nicht geteilt hat
Der wird teilen die Niederlage.
Nicht einmal den Kampf vermeidet
Wer den Kampf vermeiden will: denn
Es wird kämpfen für die Sache des Feinds
Wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.»

Lustig dann die Verwurstung online:

Weg ist der Brecht, der Bertold. Und im Lauftext wurde auch geschönt: «Ich schwankte zwischen Brechts «Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren» und Homer Simpsons» Geht doch; wenn man nicht weiss, wie man den Vornamen schreibt, lässt man ihn einfach weg. Homer ist hingegen richtig.

Nach so vielen Irrungen und Wirrungen muss der Versager ja noch zu einem Schluss kommen. Der gelingt ihm grandios:

«Ich muss wohl mottolos durchs Leben gehen. Aber: scheiss drauf.»

Darunter kommt dann noch ein wahrer Brüller: «In dieser Kolumne denken unsere Autorinnen und Autoren jede Woche über das gute Leben nach.»

Da hätte ZACKBUM doch glatt ein Lebensmotto, das nicht nur für Zweifel, sondern für viele Tamedia-Journalisten geeignet ist:

«Wer schlecht schreibt, lebt nicht gut.»

Oder noch besser, allerdings weder von Brecht, noch von ZACKBUM: «Ein Plan ist die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum.» Und nein, das hat nicht Albert (oder Alberd, wie Zweifel schreiben würde) Einstein gesagt.

 

 

Zensur bei Tamedia

Unbedingte Qualität auch beim Umgang mit Kommentaren.

Es geht doch nichts über eine kontradiktorische Auseinandersetzung über ein Thema. Das macht Qualitätsjournalismus im Sinne Bärtschis aus.

Gut, unliebsame Autoren wie René Zeyer haben Schreibverbot, weil die Oberchefredaktorin keine Kritik verträgt und ausrichten lässt, es sei von ihm mehrfach diffamiert worden. Auf die Aufforderung, das mit ein paar Beispielen zu belegen, reagiert sie nicht.

Aber immerhin, der Leser hat doch das freie Wort in den Kommentarspalten, solange er sich an Recht und Ordnung hält. Könnte man meinen. Wird mal gelöscht, weist das die Redaktion transparent aus: «Dieser Kommentar wurde von der Redaktion entfernt.»

Soviel zur schönen Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Viele Leser von ZACKBUM schickten Beispiele von Kommentaren, die zwei Dinge auszeichnen: sie sind absolut anständig und publizierbar – wurden aber allesamt zensiert.

Die Autoren kriegten eine immer gleichlaufende Mitteilung, die übrigen Leser kriegten nicht mit, dass hier fleissig die Aktion «saubere Kommentargesinnungsblase» durchexerziert wurde.

Aber offensichtlich werden auch viele Kommentare einfach stillschweigend gelöscht. Dafür lässt sich ein indirekter Beweis führen. Unter dem Schmierenartikel «Die Gefahr besteht, dass Frauen zu Tode gehetzt werden», reihen sich über 130 Kommentare. Ganz abgesehen davon, dass das Machwerk vom Titel über den Inhalt bis zu den Schlussfolgerungen unter jeder Sau ist: hier spielt sich bei den Kommentaren eine lustige, demaskierte Zensur ab.

Das ist so, wie wenn bei frühen Versuchen der Bildretusche ein Arm oder ein Bein einer missliebigen und gelöschten Person stehenblieb. Hier wurden offensichtlich massenhaft ungelittene Kommentare gelöscht. Aber Kommentare, die sich über sie beschwerten, blieben stehen. Denn mehrere Leser kritisieren sie, dazu drei Beispiele:

«Unter den Kommentierenden scheinen lauter Rechte Sellner Jünger, mit Incel Vibe zu sein zu sein. Erschreckend sowas.»
«Wenn ich hier im Tagi die Kommentarspalte unter gewissen Artikeln lese frage ich mich ab und zu auch, ob die Flut an misogynen und Ausländerfeindlichen Kommentaren koordiniert ist.»
«Die bisherigen wenige Kommentare hier lesen sich grad wieder wie eine konzertierte Aktion rechtsradikaler Natur. Hass- und Bedrohungsposts werden als legitim und harmlos positioniert, indem diese als völlig gerecht und verdient dargestellt werden.»

Lustig nur: solche Kommentare gibt es gar nicht (mehr). Nun geböte es anständiger Journalismus, den beiden Autoren Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. Allerdings geruhten die beiden nicht – im steten Betreben des Tagi nach Qualität und Anstand – auf einen kleinen Fragenkatalog zu antworten. Also lassen wir das zukünftig.

Da wollte ZACKBUM unter anderem wissen:

Sie zitieren das «Handbuch für Medienguerilla», das Ihnen vorliege. Wieso erwähnen Sie nicht, dass es bereits seit 2017 öffentlich einsehbar ist und lediglich einige dürre Plattitüden enthält?
Sie behaupten, Sanija Ameti stehe unter Polizeischutz. Wieso weiss die Polizei nichts davon?
Sie schreiben, dass Ameti auch Morddrohungen erhalten habe. Konnten Sie entsprechende Belege einsehen?

Ein weiterer Schenkelklopfer ist, dass nicht alle Kopfsalat-Blätter das absurde Titelzitat vom Tagi übernahmen. Einigen schien diese abwegige Behauptung, dass in der Schweiz Frauen zu Tode gehetzt werden könnten, doch zu bescheuert. Sie titelten daher neutraler: «Als wäre die ganze Welt gegen sie».

Hier ist wie in einem Mikrokosmos all das versammelt, was letztlich zum Untergang von Tamedia führen wird. Inkompetente Schreiber. Niveaulose Zitate von einseitig ausgewählten und fachlich zweifelhaften sogenannten Expertinnen. Das Präsentieren eines «Handbuchs für Medienguerilla», das «dieser Redaktion vorliegt». Ohne zu erwähnen, dass es uralt ist, nur Flachheiten enthält und seit 2017 im Netz öffentlich einsehbar ist.

Die Veröffentlichung von Räuberpistolen, die eine gescheiterte Bachelorette der Politik präsentiert – ohne den geringsten Faktencheck. ZACKBUM versuchte bereits vergeblich, sie dazu zu bewegen, Belege für ihre wilden Behauptungen über angebliche Hassmails vorzulegen. Schliesslich die Weigerung, auf eine höfliche Medienanfrage zu reagieren. Und dann die unsichtbare Zensur von Leserkommentaren, wobei die Zensoren so blöd sind, nicht alle Spuren zu verwischen.

Die nachträgliche Stilisierung einer dummen Provokateurin zur Märtyrerin, die von einem rechten Hetzmob verfolgt wird und in Gefahr stehe, «zu Tode gehetzt» zu werden – wieso wanderte das nicht in den Papierkorb?

Da bleiben nur zwei Fragen:

Gibt es im Journalismus irgend ein Qualitätskriterium, gegen das hier nicht verstossen wurde?

Gibt es irgend einen Grund, wieso jemand für den hinter der Bezahlschranke versteckten Schrott etwas löhnen sollte?

Wer länger als eine Zehntelsekunde über die Antworten nachdenken muss, hat ein Tagi-Abo redlich verdient.

Chefredaktor sucht Zeitung

Wie geht’s dem Qualitäts-Irgendwas am Sonntag?

Was macht Arthur Rutishauser, ein Chefredaktor ohne Redaktion, mit seiner SoZ? Er erfüllt tapfer eine Mission impossible. Denn er muss ja sein Blatt mit dem Angebot füllen, das eine demotivierte und vor der nächsten Entlassungswelle (wen’s trifft, ist immer noch nicht bekannt) zitternden Redaktion herstellt. Also Artikel von der Restenrampe. Wo alle, die noch Marktwert haben und etwas können, die meiste Zeit damit verbringen, Fühler auszustrecken und Bewerbungen zu schreiben.

Oder wie Simon Bärtschi das nennen würde: die Weichen für mehr Qualität stellen.

Also gibt’s halt eine «Liebeserklärung an die Kartoffel», ein Skistar rede «so offen wie noch nie», rasend originell sei man in London «unterwegs mit den Locals», weil das vom Touristen überhaupt nicht touristisch ist.

Immerhin, ein respektvolles Interview mit Kurt Aeschbacher über sein Politik-Engagement, dann aber aufgewärmter kalter Kaffee über einen russischen Spion, weil Thomas Knellwolf sein neustes Werk promoten möchte und darf. Immerhin, nach seinem erschütternden Enthüllungsroman «Die Akte Kachelmann» nun ein ewiges Thema, Spionage.

Dann auch, da schäumt die woke Gutmenschenredaktion beim Tagi sicher wieder, «Flüchtlingsfrauen sind sechsmal häufiger von Missbrauch betroffen als Schweizerinnen». Ausser, Schweizerinnen sind mit Menschen mit Migrationshintergrund aus arabisch-fundamentalistischen Ländern verheiratet, mag man hinzufügen.

Aber das ist natürlich eindeutig unsensibel. Schürt Vorurteile. Berücksichtigt den sozio-kulturellen Hintergrund und die Traumatisierung durch Flucht nicht genügend, ist überhaupt diskriminierend und gibt rechtspopulistischen Hetzern Munition in die Hand.

Von einem kläglichen Füller auf «Blick»-Niveau muss man hier sprechen:

Echt jetzt, eine SDA-Meldung, basierend auf einem Polizeibericht? Das soll Qualität sein? Was sagt Bärtschi dazu?

Ähnlich verstörend ist dieser Ganzseiter:

Ist das nicht ein klarer Fall, dass Journalisten Menschen vor sich selbst schützen, statt öffentlich zur Schau stellen sollten? Aber Chris Winteler kennt offenbar solche Hemmungen nicht, und Rutishauser war wohl froh, dass wieder eine Seite gefüllt ist. Aber auch hier hat Bärtschi als publizistische Leiter nicht eingegriffen. War er immer noch ausgelastet, die neuen Werbemöglichkeiten beim Tagi schmackhaft zu machen? Was ja ungemein viel mit publizistischer Qualität zu tun hat.

Auch einem gewichtigen Thema widmet sich die «Wirtschaft»-Neuredaktorin Edith Hollenstein:

Echt jetzt? Geworden? Werbung war doch immer «noch besser und billiger», abgesehen von ein paar wenigen Highlights. Werbung war immer «kauf das, und du hast Freunde, scharfe Frauen und bist glücklich». Naheliegender wäre doch eine andere Frage gewesen: Warum sind die Medien so trivial geworden? Vielleicht, weil die Redaktionen zu Tode gespart werden und dann solche Artikel auf die Front des Wirtschaftsbunds kommen, der mal eine Reputation hatte.

Da helfen selbst die Fleissarbeiten eines Rutishausers nicht, der sich an seinen Lieblingsthemen Vincenz und Ermotti abarbeitet.

Danach hat der Leser wirklich nicht verdient, dass sich Nina Kobelt («sie bildet sich derzeit in Kräuterkunde weiter») der Kartoffel widmet. «Sie kann alles – wirklich alles». Wenn man das von Tamedia-Journalisten nur auch sagen könnte.

Aber es gibt auch Lichtblicke. Echt. Zunächst einmal für Liebhaber fliegender Tiere:

Offenbar war gerade auf keinem Luxus-Liner und in keinem Luxus-Ressort oder -Zug ein Plätzchen frei. Aber nun noch der Höhepunkt der Ausgabe; etwas, was ZACKBUM schon gar nicht mehr erwartet hätte. Etwas Bezahlbares und Volkstümliches auf der Autoseite:

Gut, für die SoZ war das auch kostengünstig; schön im Lead verpackt: «Wir waren mit Chef Klaus Zellner in einem Vorserienmodell auf Probetour.» Auf Deutsch; Skoda übernahm gerne die gesamten Spesen, und der Autor Dave Schneider hätte selbstverständlich auch einen kritischen Bericht schreiben dürfen. Kicher. Nur wäre er dann niemals mehr eingeladen worden.