Gujer reitet mal wieder
Zu Höchstform läuft er bei Kollegenschelte auf.
Zugegeben, bei diesen Kollegen ist es nicht allzu schwer, sie in die Pfanne zu hauen. Denn völlig haltlos geworden, widersprechen sie sich selbst am Laufmeter. Hoffen dabei auf das löchrige Kurzzeitgedächtnis des Lesers.
Aber nicht mit Eric Gujer, God Almighty, Geschäftsführer und Chefredaktor der NZZ. Er knöpft sich die Wendehälse bei der Beurteilung des Zustands der US-Demokratie vor.
Da herrschte zunehmend warnendes Raunen. Es wurde eine «unvermeidliche Trump-Diktatur» befürchtet. Die FAZ erinnerte sich an den Sommer 1935 und fragte bang: «Beginnt so eine Diktatur?»
Und nun das. Ein paar Wahlsiege der Demokraten, und plötzlich heisst es: «Warnsignal, wankt Trump, zivilgesellschaftlicher Widerstand, Referendum gegen Trump». Fertig Diktatur.
Auch aussenpolitisch ist zum Beispiel die «Süddeutsche Zeitung» nicht ganz mit sich selbst einig. Vor Kurzem meinte sie: «Trump war immer ein Isolationist.» Nun höhnt sie, zitiert Gujer maliziös: ««Was ist eigentlich aus America first geworden?» Trump sei die «ganze Zeit mit internationalen Angelegenheiten beschäftigt».
Dann hebt Gujer ins Allgemeine ab: «Trumps Kritiker sind in eine uralte Falle getappt: Menschen überschätzen Menschen und ihre Gestaltungskraft. Nur in Ausnahmesituationen, wenn die Verhältnisse schwimmen und nichts mehr sicher ist, vermögen Individuen die Weltgeschichte grundlegend zu verändern.»
Um mit einem Loblied der Checks and Balances zu enden:
«250 Jahre Demokratie lassen sich nicht einfach ausradieren.
Wie sehr die Checks and Balances auch heute funktionieren, belegen die Regionalwahlen. Sie genügen, damit die Demokraten Hoffnung schöpfen. In der Demokratie gibt es kein schärferes Schwert als Wahlen, solange sie frei und geheim sind. Sie stutzen zuverlässig Ambitionen und Egos zurecht.»
So luzid seine Argumentation bis hierher ist, nun verfällt er aber in den gleichen Fehler, den er zu recht den von ihm Kritisierten vorwirft.
Er gibt zu viel Gas in eine Richtung, der lieben These willen. Denn er muss dem Titel seiner Welterklärung nachrennen: «Keine Spur von Trump-Diktatur: Der US-Demokratie geht es prächtig».
Geht es ihr wunderbar? Macht sich Trump nicht im zweiten Anlauf energisch daran, eben diese Checks and Balances auszuhebeln, legt sich mit der Justiz an, unterwirft den Generalstab der Armee, indem er altgediente Generäle durch willige Befehlsempfänger ersetzt?
Auch diese These hat natürlich Schlagseite. Aber hier ist eine weitere: Gujer fehlt manchmal, wenn er stilistisch elegant, kenntnisreich und mit gefülltem Bildungssack auf dem Rücken losreitet, die Fähigkeit zum dialektischen Denken.
Knackige Thesen sind immer verführerisch, weil man – wenn man kann – gnadenlos mit ihnen losgaloppieren kann. Ein nachdenkliches dialektisches Ausloten von These und Antithese, die Verwandlung in eine Synthese, die wiederum zur neuen These wird, die auf ihren Antagonisten wartet, das hat nicht diese strahlende Einfalt einer klaren These.
Der US-Demokratie geht es prächtig, Trump-Diktatur ist ein Schreckgespenst, Wahlen beweisen, dass solche Befürchtungen unsinnig sind.
Mit flatternder Fahne ins Ziel geritten, in die Exemplifizierung einer zunächst aufgestellten These.
Nun ist es leicht, den Kollegen ihre Wankelmütigkeit, ihre Widersprüche, ihre Haltlosigkeit vorzuwerfen. Sie glauben mehr an Narrative als an Analysen, selbständiges Nachdenken ist nicht so ihre Sache.
Aber, mit Verlaub, gegen das Geraune einer Trump-Diktatur die prächtige US-Demokratie zu stellen, ist das nicht ein Spur zu sehr «Weltwoche»? Und damit doch etwas flach und vielleicht nicht auf dem gewohnten Niveau.
Was angesichts des Gujer umgebenden publizistischen Elends besonders schmerzt.
Wobei man sich fragt, wann Gujer sich mal die Probleme im eigenen Stall vornimmt. Sie haben einen Namen: NZZaS …










