Schlagwortarchiv für: SZ

Gujer reitet mal wieder

Zu Höchstform läuft er bei Kollegenschelte auf.

Zugegeben, bei diesen Kollegen ist es nicht allzu schwer, sie in die Pfanne zu hauen. Denn völlig haltlos geworden, widersprechen sie sich selbst am Laufmeter. Hoffen dabei auf das löchrige Kurzzeitgedächtnis des Lesers.

Aber nicht mit Eric Gujer, God Almighty, Geschäftsführer und Chefredaktor der NZZ. Er knöpft sich die Wendehälse bei der Beurteilung des Zustands der US-Demokratie vor.

Da herrschte zunehmend warnendes Raunen. Es wurde eine «unvermeidliche Trump-Diktatur» befürchtet. Die FAZ erinnerte sich an den Sommer 1935 und fragte bang: «Beginnt so eine Diktatur

Und nun das. Ein paar Wahlsiege der Demokraten, und plötzlich heisst es: «Warnsignal, wankt Trump, zivilgesellschaftlicher Widerstand, Referendum gegen Trump». Fertig Diktatur.

Auch aussenpolitisch ist zum Beispiel die «Süddeutsche Zeitung» nicht ganz mit sich selbst einig. Vor Kurzem meinte sie: «Trump war immer ein Isolationist.» Nun höhnt sie, zitiert Gujer maliziös: ««Was ist eigentlich aus America first geworden?» Trump sei die «ganze Zeit mit internationalen Angelegenheiten beschäftigt».

Dann hebt Gujer ins Allgemeine ab: «Trumps Kritiker sind in eine uralte Falle getappt: Menschen überschätzen Menschen und ihre Gestaltungskraft. Nur in Ausnahmesituationen, wenn die Verhältnisse schwimmen und nichts mehr sicher ist, vermögen Individuen die Weltgeschichte grundlegend zu verändern

Um mit einem Loblied der Checks and Balances zu enden:

«250 Jahre Demokratie lassen sich nicht einfach ausradieren.

Wie sehr die Checks and Balances auch heute funktionieren, belegen die Regionalwahlen. Sie genügen, damit die Demokraten Hoffnung schöpfen. In der Demokratie gibt es kein schärferes Schwert als Wahlen, solange sie frei und geheim sind. Sie stutzen zuverlässig Ambitionen und Egos zurecht.»

So luzid seine Argumentation bis hierher ist, nun verfällt er aber in den gleichen Fehler, den er zu recht den von ihm Kritisierten vorwirft.

Er gibt zu viel Gas in eine Richtung, der lieben These willen. Denn er muss dem Titel seiner Welterklärung nachrennen: «Keine Spur von Trump-Diktatur: Der US-Demokratie geht es prächtig».

Geht es ihr wunderbar? Macht sich Trump nicht im zweiten Anlauf energisch daran, eben diese Checks and Balances auszuhebeln, legt sich mit der Justiz an, unterwirft den Generalstab der Armee, indem er altgediente Generäle durch willige Befehlsempfänger ersetzt?

Auch diese These hat natürlich Schlagseite. Aber hier ist eine weitere: Gujer fehlt manchmal, wenn er stilistisch elegant, kenntnisreich und mit gefülltem Bildungssack auf dem Rücken losreitet, die Fähigkeit zum dialektischen Denken.

Knackige Thesen sind immer verführerisch, weil man – wenn man kann – gnadenlos mit ihnen losgaloppieren kann. Ein nachdenkliches dialektisches Ausloten von These und Antithese, die Verwandlung in eine Synthese, die wiederum zur neuen These wird, die auf ihren Antagonisten wartet, das hat nicht diese strahlende Einfalt einer klaren These.

Der US-Demokratie geht es prächtig, Trump-Diktatur ist ein Schreckgespenst, Wahlen beweisen, dass solche Befürchtungen unsinnig sind.

Mit flatternder Fahne ins Ziel geritten, in die Exemplifizierung einer zunächst aufgestellten These.

Nun ist es leicht, den Kollegen ihre Wankelmütigkeit, ihre Widersprüche, ihre Haltlosigkeit vorzuwerfen. Sie glauben mehr an Narrative als an Analysen, selbständiges Nachdenken ist nicht so ihre Sache.

Aber, mit Verlaub, gegen das Geraune einer Trump-Diktatur die prächtige US-Demokratie zu stellen, ist das nicht ein Spur zu sehr «Weltwoche»? Und damit doch etwas flach und vielleicht nicht auf dem gewohnten Niveau.

Was angesichts des Gujer umgebenden publizistischen Elends besonders schmerzt.

Wobei man sich fragt, wann Gujer sich mal die Probleme im eigenen Stall vornimmt. Sie haben einen Namen: NZZaS

 

Wumms: Peter Burghardt

Der erhobene Zeigefinger aus Deutschland im Reich der Tamedia-Qualitätsmedien.

Der SZ-Korrespondent in Washington ist mehrfacher Wiederholungstäter. Unbelehrbar will er der Realität zeigen, wie sie seiner Meinung nach zu sein hätte – und quält seine Leser damit.

Immer wieder unkt und raunt er («So stirbt die Demokratie», «Vielleicht hat Trump einen entscheidenden Fehler gemacht»). Dass seine Prognosen und Wünsche nie eintreffen, was kümmert ihn das. Irgendwann, so seine unerbittliche Hoffnung, muss die Realität, muss Trump doch mal ein Einsehen haben.

Nun sind allerdings zur Abwechslung die Demokraten dran:

«Ende des US-Shutdowns: Die Demokraten knicken wieder vor Donald Trump ein – das wird sie teuer zu stehen kommen».

Zumindest haben sie sich damit wütendes Gezeter von Burghardt eingehandelt. Dem Vernehmen nach ist das Stadtgespräch in Washington, demokratische Parlamentarier lesen sein Werk ehrfürchtig und geloben Besserung, Trump ist bei gemeinsamer Lektüre der Zeilen mit seinem ganzen Familienclan beobachtet worden. «Great guy, huge, I like him», soll er gemurmelt haben.

So sieht das vielleicht in Burghardts Wunschwelt aus. In Wirklichkeit interessiert es dort keinen Menschen, dass er tobt: «Eine Mehrheit der Wählerschaft lehnt Trumps Kurs ab, das zeigen auch Umfragen.» Blöd auch, dass eben diese Wählerschaft Trump zum Präsidenten gewählt hat. Was mal wieder beweist: wer nicht auf Burghardt hört, ist blöd – und selber schuld.

Es ist auch wieder zum Mäusemelken: «Aber Trumps Riege hätte einlenken müssen, nicht das Lager seiner Gegner.» Lang lebe der Wunsch-Konjunktiv.

Vergeblich warnt und mahnt die Unke aus München mal wieder: «Dieser Mann mit seinen Kryptodeals und Milliardärsfreunden darf dieses Land nicht kaputtsparen. Doch acht Abweichler haben Trumps Eigensinn abgenickt

Nur Hohn und bitteren Spott hat er für die acht Demokraten, die für einen Zwischenhaushalt für die nächsten Monate stimmten; ihr Argument, «es habe halt nicht funktioniert, ist eine Bankrotterklärung und wird die Partei teuer zu stehen kommen».

Meine Güte, Trump will, aber darf das Land nicht kaputtsparen. Demokraten erklären schon mal Bankrott. Dann lässt Burghardt die Katze aus dem Sack, bzw. gesteht seine Tagträumerei:

«Erstmals seit Monaten hatte man in den vergangenen Tagen den Eindruck, als wackle Trump etwas, als hätten die Demokraten ein Thema, vorneweg Trumps Wirtschaftschaos. Dieses Momentum wurde am Sonntag kaputt gemacht.»

«Man», schreibt er, sich meint er. Für diese Abweichler hat er nur Verachtung übrig: «Der Präsident kommt wieder durch, weil acht demokratisch/unabhängige Senatoren lieber seinen Wünschen nachgeben, als Haltung zu zeigen. Kurzfristig hilft das den USA, langfristig wird es für viele Menschen teuer, auch für die Demokraten.»

Wird es für viele Menschen teuer, wenn Demokraten Bankrott erklären und der Präsident kaputtspart? Das Schöne an Langfristprognosen ist dagegen: sie müssen gar nicht eintreffen, denn sie sind doch langfristig. So im Sinne: spätestens vor der nächsten Eiszeit.

Es ist wie bei der BBC. Dass Burghardt kein grosser Diagnostiker oder Analytiker vor dem Herrn ist, ist sein Problem. Dass die Realität nicht so will, wie er es gerne hätte, ist deren Problem. Dass niemand auf seine ungebetenen Ratschläge hört, ist das Problem Trumps und von US-Parlamentarieren.

Dass aber weder bei der «Süddeutschen Zeitung» noch bei Tamedia jemand verhindert, dass ein solcher Stuss publiziert wird, ist das Versagen aller Kontrollmechanismen.

Dass die damit gequälten Leser scharenweise die Flucht ergreifen, ist allerdings nicht deren Problem, sondern deren Lösung. Ein klares Nein zu Masochismus und Geldverschwendung.

Himmel, der Pimmel

Die Erektionskurve bleibt hoch. Obwohl es völlig gaga ist.

ZACKBUM-Redaktor René Zeyer gesteht, dass er mehr als zwei Frauen kennt. Mehr als zwei Frauen, die von Alter und Äusserem her männliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Im erweiterten weiblichen Bekanntenkreis, dem auch durchaus jüngere Damen angehören, machte ZACKBUM daher eine Umfrage.

Schlaffes Resultat: niemand. Keine. Nicht mal verlangt. Was?

Nun, das, was der ehemalige Stadtammann von Baden aus seinen Amtsräumen zu verschicken pflegte. Genau, ein Dickpic. Für weibliche (und auch männliche) Leser, die noch nie davon gehört haben: damit bezeichnet man die unerwünschte Zusendung des eigenen erregten (oder vielleicht sich auch in Ruhestellung befindlichen) Penis an ein weibliches Wesen.

Wie es diesbezüglich bei der LGBTIQA+-Community steht, ist leider nur ungenügend untersucht. Ebenso wenig wie die Frage, wie viele Männer schon unaufgefordert, aber lassen wir das.

Für einmal ist, das muss lobend erwähnt werden, der Titel des Tagi, der diesen Nonsens von der SZ übernommen hat, besser als das Original: «Form von sexualisierter Gewalt: «Das Dickpic funktioniert als Macht­demonstration – oder auch als Drohung»»

Da erregt sich Kerstin Lottriz nämlich: «Plötzlich ploppt ein Bild am Handy-Bildschirm auf. Ein nackter Penis. Fast jede zweite Frau im Alter von 16 bis 24 Jahren hat schon mindestens einmal ungefragt ein Nacktfoto erhalten.»

Die Redaktorin der Süddeutschen «plant als Chefin vom Dienst die aktuellen Themen im Bereich Kriminalität, Katastrophen, Kurioses und Promi-Klatsch für das Internet sowie die gedruckte und digitale Zeitung». Aber das ist ja auch keine Entschuldigung.

Immerhin, der Erkenntnis, dass das Dickpic «kein Austausch auf Augenhöhe» sei, der kann ZACKBUM noch zustimmen. Ausser, aber lassen wir diese Männerfantasie aussen vor.

Zu diesem ewig rezyklierbaren Thema interviewt Lottriz die Psychologin Sarah Koldehoff. Wer? Also bitte, die Autorin des neusten Buchs zum ewigen Aufregerthema mit dem eingängigen Titel «Dick Pics».

Dabei spricht die Psychologin harte Wahrheiten knallhart aus: «Relativ wenige Männer geben an, dass sie die Bilder aus bewusster Misogynie verschicken, ungefähr jeder Sechste. Der Grossteil gibt bei der Frage nach der Motivation an, dass sie etwas zurückbekommen wollten oder es sie erregt habe.»

Es mag nun durchaus männliche Geschlechtsgenossen geben, für die man sich schämen muss und die wie Geri Müller weiland tatsächlich Fotos des eigenen Gemächts verschicken und meinen, dass das bei der Empfängerin Lustgefühle auslöse.

Auf der anderen Seite: das sei schon fast jeder zweiten Frau im dafür empfänglichen Alter widerfahren?

Nun ist die ZACKBUM-Umfrage keinesfalls repräsentativ, auch wenn die Erweiterung der Frage, ob die Befragte vielleicht eine kenne, die eine kenne, die schon mal so ein Pimmelbild ungefragt bekommen habe, immer noch auf ein schlappes Nein stiess.

Also entweder muss sich ZACKBUM Gedanken über die Art seines weiblichen Bekanntenkreises machen – oder diese Behauptung ist blanker Unsinn. Auf der Ebene, dass der unkommentierte oder unverhüllte Anblick eines Mohrenkopfs (von seinem Verzehr ganz zu schweigen) Gefühle der Diskriminierung, des Rassismus oder des allgemeinen Unwohlseins auslösen könnte.

Leider ist ebenfalls nicht untersucht, was das Versenden (gefragt oder ungefragt) eines Dubler-Mohrenkopfs beim Empfangenden (wir wollen doch mal woke korrekt bleiben) auslöst.

Gibt es denn irgendwelche verlässlichen Untersuchungen, Umfragen oder was auch immer, die diese immer wieder kolportierte Behauptung stützen? Selbst eine auf Hochtouren arbeitende KI findet nicht mehr als eine englische Umfrage von 2018, bei der 41 Prozent der 2121 befragten Frauen behaupteten, sie hätten mindestens einmal und unaufgefordert ein Penisbild erhalten.

Und sonst? Nix, null, nada. Ausser einer unscharfen Schwemme von Umfragen über sogenannten «image-based sexual abuse», der aber alle Formen, beispielsweise auch das Weiterleiten von erhaltenen Nacktfotos, enthält. Hier ergab eine internationale Studie mit immerhin 16’000 Teilnehmern aus zehn Ländern, dass 22,6 Prozent damit Erfahrungen gemacht hätten. Wohlgemerkt mit irgend einer der vielen Formen.

Wodurch man zur Schlussfolgerung gelangen muss – auch wenn man sich dem Vorwurf aussetzt, ein alter, weisser Cis-Mann, Sexist und Sonst-noch-Was zu sein –, dass diese Behauptung kompletter Schwachsinn ist, auf dem sich aber immer wieder Autorinnen und Journalistinnen und Berufsopfer ihr Süppchen kochen.

Kommentar-Krätze

Kommentare sind Symptome einer Krankheit.

Kommentare unter Artikeln sind meistens wie die Krätze. Unangenehm, ansteckend (ein Kommentator kommentiert den nächsten, der Inhalt des kommentierten Artikels wird nebensächlich), aber eigentlich harmlos.

Auch wenn es beunruhigend ist, wie viel gestörte und kranke Menschen ohne Therapie vor sich hinvegetieren.

Aber die Pest sind die eigentlichen Kommentare in den Massenmedien. Hier nützen frustrierte Journalisten, die noch nicht weggespart wurden, ein Privileg aus, das sie sonst nicht haben. Sie können so lange sie wollen, worüber sie wollen und so unsicher-arrogant wie sie wollen salbadern.

Ohne sich ihrer Lächerlichkeit bewusst zu sein, weil doch wirklich niemand einen feuchten Furz auf ihre Meinung gibt. Dabei ist ihr Leiden einfach zu diagnostizieren: zunehmende Bedeutungslosigkeit. Einerseits wegen abnehmender Reichweite und Einschaltquote. Andererseits wegen abnehmender intellektueller und schreiberischer Potenz. Trotz eifriger Verwendung des Viagras AI als Krähwinkelsteigerung.

«Alles Taktik: Trump steht offen zu seinen Untaten», meint Detlef Esslinger. «Wenn die Europäer diesmal einknicken, sind sie verloren», meint Daniel Brössler. «Der Ukraine droht in Alaska die Unterwerfung», meint Florian Hassel.

Dass alle drei eigentlich in der «Süddeutschen Zeitung» meinen und bei Tamedia nur Mietmeinungen sind, spielt allerdings keine Rolle. Weder dort noch hier kümmert sich jemand um ihre Meinungen. Ausser sie selbst natürlich, die mit stolzgeschwellter Brust herumstolzieren und meinen, verhindert zu haben, dass Trump seine Untaten verbergen könnte, Europa verloren ginge oder die Ukraine in Alaska unterworfen würde.

Natürlich fragt und meint auch die NZZ: «Die Welt hofft auf Amerikas Richter: Stoppen sie Trumps Zölle?» Ob die Welt um diese, ihre Hoffnung weiss? Jürg Meier, ein gestählter Schreibtischunternehmer, steht der Schweizer Wirtschaft bei: «Trumps Zölle haben die gute alte Welt für Schweizer Firmen zerstört: Was es jetzt braucht, um zu überleben». Werden sie auf ihn hören – und nur so überleben?

Wunderbar auch dieser Einerseits-andererseits-aber-dann-doch-Nicht-Kommentar: «Russland und China könnten theoretisch gemeinsam gegen den Westen vorgehen – aber Putin ist zu schwach und kann daran kein Interesse haben». So rein praktisch gesehen.

Auch der «Blick» weiss einiges besser: «Fünf Gründe, wieso Alaska keinen Frieden bringen wird», oder meint er bloss? Auf jeden Fall kostenpflichtig, Gratis ist hingegen die Frage: «Wo war eigentlich Aussenminister Cassis?» Sachdienliche Hinweise an den nächsten Polizeiposten. Eher nervig sind zwei ziemlich blöde Meinungen: «Ich nehme das Wetter persönlich», und «weniger Plastik ist besser», das ist von der fliegenden Nicht-Fliegerin Aline Trede.

Und was meint es so bei CH Media? «Ein Handystopp für Primarschüler – die Eltern sind gefragt». Mit dieser Meinung kann Stefan Schmid nicht falschliegen. Die Meinung im Zeichen des Sommerlochs: «Brot und Spiele, das ewige Sterben und das Zen des Gamens». Tja, wenn das wechselhafte Wetter ausgelutscht ist, bleibt nicht mehr viel, gell, Sascha Erni. Und noch eine pädagogisch wertvolle Meinung: «Lehrerinnen und Lehrer brauchen Freiheiten, nicht mehr Vorgaben

Es wird gemeint, geraten, gefragt, gewarnt, gemahnt und gefordert. Es werden schreckliche Konsequenzen an die Wand gemalt, sollte nicht auf den Kommentator gehört werden.

Nur: Interessieren heute noch diese zwei Wochen alten Meinungen? Wetten, dass selbst der Kommentator sie schon längst vergessen hat?

Wenn wünschen wirken würde

Peter Burghardt schreibt sich mal wieder die Welt zurecht.

Es ist sicherlich frustrierend, wenn der US-Präsident nicht so regiert, wie er es der Meinung eines Korrespondenten der «Süddeutschen Zeitung» nach tun sollte.

Es ist echt blöd, wenn die blöden US-Wähler ihn demokratisch zum zweiten Mal ins Amt gehievt haben («So stirbt die Demokratie»). Vergeblich hat Burghardt die ganzen Vorwahlen und die ganzen Wahlen lang dagegen angeschrieben.

Niemand hört auf ihn, aber die Leser der SZ und somit des Hauses der Qualitätsmedien Tamedia müssen ihn lesen. Und erst noch dafür zahlen, dass da jemand seinem Unwohlsein Ausdruck verleiht.

Allerdings schafft es die kompetente Auslandredaktion des Kopfblattsalats von der Werdstrasse, noch einen draufzusetzen.

«Vielleicht hat Trump mit der „Big Beautiful Bill“ einen entscheidenden Fehler gemacht», lautet der Originaltitel in der SZ. Daraus macht der Tagi: ««Big Beautiful Bill»: Vielleicht hat Trump einen entscheidenden Fehler gemacht». Das nennt man Redigierkunst at its best.

Es wird aber im SMD-Tagi etwas abtemperiert: «Vielleicht hat Trump mit dem Haushaltsgesetz den Bogen überspannt».

Allerdings gibt der Tagi im Lead dann etwas mehr Gas. Original: «Im Moment sieht es so aus, als sei der Präsident durch nichts und niemanden aufzuhalten. Das könnte sich ändern, wenn Millionen Amerikaner die Folgen seines jüngsten Gesetzes zu spüren bekommen.»

Kopie: «Der Präsident fährt einen harten Kurs – gut möglich, dass ihm das Volk bald die Gefolgschaft verweigert.»

Vielleicht, gut möglich, die Hoffnung stirbt zuletzt, dass sich die Wirklichkeit endlich eines Besseren besinnt und den Wünschen hart geprüfter Journalisten gehorcht. Denn verflixt und zugenäht, es kann doch nicht sein, dass sie sich hartnäckig weigert, den Ordnungsrufen des «Spiegel» («Trump wegschreiben»), aus München und aus Zürich zu folgen.

Denn herrje, jammert Burghardt: «In der zweiten Amtszeit dieses Mannes scheint nur noch einer zu bestimmen: er.» Im Gegensatz zu allen früheren Präsidenten, die ihre Entscheidungen immer im Kollektiv unter Berücksichtigung von Zwischenrufen aus Deutschland und der Schweiz fällten.

Denn es ist unglaublich, was Trump alles kann:

«Er kann nach Belieben Strafzölle erlassen und kassieren, über Nacht Irans Atomanlagen bombardieren lassen und Teheran vorübergehend ruhigstellen. Er kann maskierten Männern erlauben, irgendwie verdächtige Immigranten festzunehmen, manche von ihnen landen in Floridas Sumpf, El Salvador oder Ostafrika.»

Dass die «irgendwie verdächtigen Immigranten» meistens illegal in den USA leben und die Massenimmigration eines der gröberen Probleme darstellt, weswegen Trump nicht zuletzt gewählt wurde – das versinkt im Sumpf der unbelehrbaren eigenen Meinung.

Immerhin – ein Hoffnungsschimmer – muss Burghardt einräumen: «Viele Leute haben ihn allerdings genau deshalb gewählt. Sie wollten, dass er anders als der aus ihrer Sicht schwache Joe Biden sein Programm knallhart durchzieht. Das tut er, muss man ihm lassen.»

Aber der verdunkelt sich schnell wieder: «Für Wirtschaft und Gesellschaft kann der Alleingang übel ausgehen. Doch Trump zieht seine Solonummer durch, vorläufig hält ihn niemand auf.»

Nicht mal Burghardt, und das nimmt er persönlich sehr übel.

So ganz sattelfest bei politischen Begriffen sind aber weder er noch die eigentlich arbeitslose Auslandredaktion an der Werdstrasse. So heisst es am Schluss des Kommentars in der SZ: «Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung dieses Artikels wurden die Zwischenwahlen als Primaries bezeichnet. Es handelt sich aber um die Midterms. Wir haben den Fehler korrigiert.»

Das hat sich allerdings nicht bis nach Zürich durchgesprochen: «Die führungslosen Demokraten hoffen auf die Zwischenwahlen 2026. Diese Primaries könnten die Republikaner viele Sitze kosten».

Meine Güte. In seinem Furor hat Burghardt nicht mal die Begrifflichkeit im Griff. Immerhin wird das in München korrigiert. Aber im Glashaus an der Werdstrasse wurde wahrscheinlich aus Gründen des Umweltschutzes die Klimaanlage ausgeschaltet, und es ist viel zu heiss, um zu arbeiten.

Für einen solchen Schrott aber eiskalt Geld zu verlangen, das lässt sich nur mit einem Hitzschlag erklären.

Tote zählen im Gazastreifen

Ist es möglich, deren Anzahl überhaupt zu erheben?

Bislang war die einzige Quelle die Angaben des von der Hamas kontrollierten Gesundheitsministeriums im Gazastreifen. Israel denunziert sie als «Terrorpropaganda», und tatsächlich sind solche Zahlen bezweifelbar.

Zudem ist es äusserst schwierig, im weitgehend zerstörten Gazastreifen, in dem es zudem No-Go-Zonen gibt und der Zugang ausländischen Journalisten versperrt ist, entsprechende Erhebungen zu machen.

Nun hat eine Gruppe von Wissenschaftler versucht, unabhängig Daten zu erheben und ihre Ergebnisse auf «medRxiv, the Reprint server for Health Sciences» veröffentlicht. Die Studienergebnisse wurden von «Nature» übernommen. Die seit 1869 erscheinende Zeitschrift ist bekannt für ihre hohe wissenschaftliche Integrität.

Diese vorsichtige Einleitung ist nötig, weil die Ergebnisse der Studie schockierend sind und selbstverständlich sofort geframt und bezweifelt werden.

Sie kommt zum Ergebnis, dass die tatsächliche Zahl der Toten, zudem nur erhoben zwischen Oktober 2023 bis Anfang Januar 2025, bedeutend höher liegt als die Zahlen der Hamas. Laut der Erhebung starben in diesem Zeitraum beinahe 84’000 Menschen im Gazastreifen.

Mehr als die Hälfte der Getöteten seien Frauen im Alter von 18 bis 64, Kinder oder Menschen über 64.

Wer hinter der wissenschaftlichen Untersuchung steht, kann jeder selbst nachlesen und sich sein Urteil bilden.

Auf jeden Fall sind diese Zahlen um 60 Prozent höher als die vom Gesundheitsministerium angegebenen, während Israel keinerlei Zahlen veröffentlicht.

Selbst Zynikern verschlägt es langsam die Sprache, und nur noch ganz Verpeilte werfen Kritikern der Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Verstössen gegen Völker- und Kriegsrecht der israelischen Regierung vor, sie würden haltlosen Unsinn verzapfen.

So wie ein feige sich hinter Pseudonym versteckender Amok auf «Inside Paradeplatz», als Reaktion auf einen Artikel des ZACKBUM-Redaktors René Zeyer:

«Antisemiten können aber nicht anders, als immer wieder auf ihre rassistische, judenfeindliche Gesinnung zurückzufallen. Zeyer – ein williger Unterstützer von Hamas, Hisbollah, Iran, Nordkorea, Russland & China!»

Immerhin hatte Tamedia den Mut, einen entsprechenden Artikel der «Süddeutschen Zeitung» zu übernehmen. Wohlweisslich ohne Kommentarfunktion.

Quelle: «Tages-Anzeiger».

Sollten diese Zahlen stimmen, widerlegen sie die Behauptung der israelischen Armee, sie bemühe sich möglichst um eine Schonung der Zivilbevölkerung.

Obwohl die Studie bereits vor einer Woche erschienen ist, hat in den deutschsprachigen Medien bislang einzig die SZ (kopiert von Tamedia) diese Ergebnisse aufgenommen.

Medienkritisch geht es hier nicht um eine Diskussion der wissenschaftlichen Grundlage und der Plausibilität dieser Zahlen.

Sondern es geht darum, dass eine Debatte über den Gazakrieg im Sinne eines Meinungsaustauschs, basierend auf möglichen Erkenntnissen, kaum oder nicht möglich ist.

Verteidiger der israelischen Regierungspolitik verweisen auf die Greueltaten der Hamas, auf deren Massaker am 7. Oktober 2023. Da sie diktatorisch die Regierungsgewalt im Gazastreifen ausübt, sei die gesamte Bevölkerung mitschuldig daran – und letztlich selber schuld, wenn sie nun auch massakriert wird. Ein Zahlenvergleich sei obszön und nicht statthaft.

Noch erschreckender als diese Zahlen ist die meist fakten- und erkenntnisfreie öffentliche Debatte. Hilft alles andere nicht, schlägt die Antisemitismuskeule zu und wird an den Holocaust erinnert. Der deutsche Bundeskanzler Merz darf ungeniert davon sprechen, dass Israel hier die «Drecksarbeit» verrichte. In welchen Sprachduktus er sich damit begibt, fällt offenbar weder ihm noch breiten Teilen der Medien auf.

Wer auf der Einhaltung internationaler Regeln besteht, wird mit dem Argument niedergemacht, dass die gegen fundamentalistische Wahnsinnige und die Ayatollen im Iran nicht gelten würden. Wer Opfer eines Terrorangriffs und von den Mullahs in Teheran mit der Vernichtung bedroht wird, darf sich darum foutieren.

Dass sich damit die israelische Regierung und ihre Armee genauso zum Paria machen wie die von religiösen Wahnsinnigen regierten Staaten um das Land herum, genauso wie die Terrororganisationen Hamas und Hetzbollah, wird ignoriert.

Eine zivilisierte Gesellschaft kann sich nicht barbarisch gegen Barbaren wehren. Auch putative Notwehr hat ihre Grenzen. Sonst gilt einfach die Macht des Stärkeren, die alles Recht bricht.

Die Grundlagen zivilisierten Zusammenseins sind spätestens seit Kant bekannt. Wer sich aus Unkenntnis oder wissentlich selbst darüber hinwegsetzt, unterscheidet sich nicht mehr vom Barbaren und verliert jegliche Legitimation für sein Handeln.

 

Leise raschelt das Papier

Und sagt beim Abschied mit Druckerschwärze auf Nimmerwiedersehen.

«20 Minuten», das letzte grosse Schweizer Erfolgsmodell im Print, gibt per Ende Jahr auf. Und erscheint nur noch digital.

Kurt W. Zimmermann singt in der «Weltwoche» die Abschiedsarie auf die gedruckte Zeitung. Auf das weltweit erfolgreichste und profitabelste Modell einer Pendlerzeitung. 40 Millionen Gewinn pro Jahr schaufelte «20 Minuten» in seinen besten Zeiten in die Kassen von Tamedia.

Um sich «20 Minuten» einzuverleiben, griff Tamedia zu einem Kniff. Der Konzern kündigte mit grossem Trara an, dass am Montag, 23. März 2003, ein eigenes Konkurrenzprodukt namens «Express» auf den Markt geworfen werde, um den Eindringling aus Oslo zu killen. Alles parat, 40 Journalisten am Gerät, Kriegsgeschrei.

Am Freitag zuvor wurden die 40 armen Teufel darüber informiert: April, April, «Express» wird nicht erscheinen, Tamedia hat «20 Minuten» gekauft. Blöd gelaufen für euch.

Und später verschob Oberboss Pietro Supino «20 Minuten» in ein eigenes Profitcenter, damit seine Gewinne nicht in die übrigen Printtitel des Hauses flössen. Das ist modernes Management.

Aber nun heisst es Abschied nehmen von bedrucktem Papier für Tageszeitungen. Zwischen Deadline, Druck und Auslieferung vergeht zu viel Zeit; keine Chance gegen das Internet. Der Bombenangriff Trumps Samstagnacht gegen den Iran machte die Berichterstattung der Sonntagszeitungen zu Makulatur. So sad, würde der Amok im Weissen Haus sagen.

Die gedruckte Ausgabe wird es weiterhin geben. Aber nicht mehr als Massenmedium, sondern für die happy few, die es noch gerne rascheln lassen, während sie am Morgen ihr Gipfeli verspeisen. Die werden auch über 1000 oder gar 2000 Franken für diese Gewohnheit zahlen.

Allerdings sind sie, wie die TV-Zuschauer der Gebührensender, überaltert, von 60 aufwärts. Sie werden wegsterben, und es kommen wenige nachher.

Da die Massenmedien es bis heute (mit wenigen Ausnahmen) nicht geschafft haben, ihre Online-Auftritte profitabel zu machen, einen immer magereren Inhalt weitgehend hinter Bezahlschranken verstecken (der grösste Flop auf diesem Gebiet ist «Blick+»), sich von Google & Co. die Werbebutter vom Brot nehmen lassen, wird auch das kein gutes Ende nehmen.

Gemeine Meinung, dazu Artikel, die sich meistens jeder auch gratis im Internet holen kann, Analysen, die eine KI viel besser hinkriegt, kaum geldwerte Gegenleistung für ein Abo, luftdicht von der Wirklichkeit abgeschlossener Gesinnungsjournalismus, fehlende Sachkompetenz, löchrige Korrespondentennetze, in denen Rechthaber ihre persönliche Befindlichkeit zum Besten geben (grauenhaft die von der SZ übernommenen Artikel im Kopfblattsalat von Tamedia), eine einwöchige Recherche ist bereits ein Riesending, eine Reportage vor Ort bekommt Seltenheitswert – das ist der nächste angekündigte Tod.

Nur mühsam und langsam lernen die überbezahlten Verlagsmanager, meistens noch dem Printdenken verhaftet, dass heute Jugendliche ganz andere Informationskanäle benützen, die nur amateurhaft bespielt werden.

Zimmermanns Schlussanalyse ist kaum etwas hinzuzufügen:

«Gratisblätter waren der letzte Rausch der Zeitungsbranche. Sie feierte noch noch einmal. Sie feierte auf einem Sterbebett, von dem noch niemand wusste, dass es ein Sterbebett war.»

Stirbt alles weg? Keineswegs. Die Medien, die nicht nur von Qualität, Einordnung, Analyse quatschen, während sie ihre Redaktionen zu Tode sparen, die werden überleben. Ein «New Yorker», eine «Financial Times», ein «Economist», ein «Guardian», ein «Atlantic». Und einige mehr. Ach, auf Deutsch? Ähm. Hm. Räusper, kopfkratz, augenzwinker, hüstel. NZZ?

Aber es gibt ja tolle Übersetzungsprogramme.

Bombenstimmung

Kaum ist mal kurz weg, dreht die Journaille wieder im roten Bereich.

War es nun der «wohl erfolgreichste Militärschlag aller Zeiten» (Trump) oder ein Flop. Wurde damit Irans Potenzial, eine Atombombe zu bauen, zerstört?

Oder ist es eine üble Verschwörungstheorie von CNN und der «New York Times», daran herumzumäkeln (auch Trump)? Die beiden Medien stützen sich immerhin auf einen Bericht der US-Geheimdienste, dass die Bombardierung von nuklearen Aufbereitungsanlagen im Iran durch gigantische Sprengkörper, über die nur die USA verfügen, diesen Bau höchstens etwas verzögert hat.

Während 400 kg hochangereichertes Uran längst in Sicherheit gebracht wurden.

Da gilt in den Medien mal wieder: wenn man nichts Genaues weiss, hat man wenigstens eine Meinung. Und hat man nicht mal die, hilft der «Experte».

Richtig scheisse lief es für die Sonntagspresse. Der GAU. Alle Werweissereien, ob die USA nun in den Krieg zwischen Israel und dem Iran eingreifen, scheiterten an der Deadline und dem blöden Zufall, dass nach Redaktionsschluss etwas passierte, was nicht bekannt war.

Selten waren die Sonntagszeitungen diesbezüglich so schnell Altpapier wie letzten Sonntag.

Inzwischen hat die erste Aufregung etwas gelegt, also muss der «Nachzug» ran. «Haben die Mullahs Trump ausgetrickst?», fragt sich bang der «Blick». «Achse Moskau–Teheran: warum die israelisch-amerikanischen Militärschläge Putin in eine heikle Lage bringen», wechselt die NZZ den Blickwinkel.

«Es wäre besser gewesen, das iranische Atomprogramm stärker zu zerstören», schulmeistert  Tamedia in typisch deutscher Manier. Kein Wunder, die Leihmeinung stammt von einschlägig als Fehlprognostiker bekannten Tomas Avenarius von der «Süddeutschen Zeitung».

CH Media hat offensichtlich eine Telefonleitung angezapft: «Ein wutentbrannter Trump massregelt Netanyahu und erreicht vorerst eine Feuerpause». Sagt aber eigentlich nur Trump. Also das mit der Feuerpause.

In solchen Fällen, wenn mangels Kompetenz keiner im deutschen Sprachraum was Genaueres weiss, helfen nur die Fragezeichen-Artikel. War’s das nun mit der iranischen Atombombe? Wollen die Ayatollen tatsächlich verhandeln? Kommt es in Teheran zu einem Regimewechsel, und wenn ja, wer übernimmt die Macht? Gar der Sohn des Schah?

Oder verstärken die Mullahs nun ihre Bemühungen, eine Atombombe zu bauen, weil nur sie einem Schurkenstaat wie Nordkorea die Sicherheit vor einer Invasion verschafft? Hat Israel mit der Drohung, sonst die eigenen Atomwaffen einzusetzen, die USA zum Eingreifen gezwungen? Wird die gegenseitige Beschiessung mit Raketen weitergehen?

Werden Bodentruppen eingesetzt? Wird aus dem Iran ein zweiter Irak? Gab es eine unmittelbar bevorstehende Bedrohung, die nach Völkerrecht einzig einen Präventivschlag legitimiert? Reicht die ewige iranische Drohung, den Staat Israel auslöschen zu wollen, dafür aus?

Stimmt mal wieder der Satz von Bertolt Brecht am Schluss vom «guten Mensch von Sezuan»: «Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen»?

Erklärt die Schwarzweissmalerei «Netanyahu gut, Ayatoller böse» die Situation? Darf der Überfall Russlands auf die Ukraine mit dem Überfall Israels auf den Iran verglichen werden?

Bei all dem Gehampel kommt der Journaille etwas entgegen, was in solchen Fällen journalistisches Gold wert ist. Ein näherliegendes, eher hässliches Problem. Kosten die zu einem angeblichen Fixpreis gekauften neuen Flieger doch ein paar hundert Millionen mehr? Und wenn ja, wieso ist in unserer Landesregierung kein Sesselfurzer in der Lage, das Kleingedruckte in den Verträgen richtig zu lesen und zu interpretieren – obwohl es genügend Warnungen gab?

Muss nun die sauknapp ausgegangene Volksabstimmung wiederholt werden? Ist es nicht ein neues Trauerspiel, wie die Linken, einerseits durchaus aufrüstungswillig, das lauthals fordern? Während SVP, die Mitte und die FDP herumeiern?

Da wäre der zahlende Konsument durchaus dankbar, wenn er eine geldwerte Leistung für sein Abo kriegen würde. Statt Gedöns und weitgehend faktenfreie Meinung. Denn die hat er schon selber, und erst noch gratis.

Wahn und Wirklichkeit

Die bekannte Unke Peter Burghardt sieht wieder einmal ein Ende nahen.

Der Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» sah schon das Ende der Demokratie in den USA kommen. Und versuchte verzweifelt, gegen den damals drohenden Wahlsieg von Donald Trump anzuschreiben. Vergeblich.

Aktuell übernimmt das Haus der Qualitätsmedien Tamedia seinen Stuss via München und setzt ihn seinen Lesern zahlungspflichtig vor.

«Weil sich «Post»-Besitzer Jeff Bezos dem US-Präsidenten beugt, laufen der einstigen Bastion für furchtlosen Journalismus Redaktoren und Abonnenten davon. Der frühere Chefredaktor Martin Baron findet deutliche Worte für den Verfall.»

Koinzidenz mit Kausalität verwechseln, ein beliebter Fehler.

Als Kronzeugen für sein Untergangsszenario hat er sich einer sehr glaubhaften Quelle versichert. Des ehemaligen Chefredaktors Martin Baron. Der leitete die WaPo von 2013 bis 2021. «Ich hatte mit dem Schlimmsten gerechnet, aber es ist noch schlimmer», jammert Baron ins Mikrophon. Der Besitzer Jeff Bezos (Amazon) sei vor Trump eingeknickt, indem er der Redaktion untersagte, eine Wahlempfehlung für die gescheiterte Kandidaten Kamala Harris abzugeben. Seither seien «mehr als 300’000 Abonnemente inzwischen bei der «Washington Post» storniert» worden, «genaue Zahlen gibt es nicht». Dafür ist das aber eine ziemlich genaue Zahl.

Die Lage sei furchtbar, unkt Burghardt: «Fast täglich fragen jetzt ehemalige «Post»-Kollegen Martin Baron um Rat. Gehen? Bleiben? Baron spricht mit ihnen die Möglichkeiten durch.» Er erinnert an die glorreichen Zeiten, als zwei mutige Journalisten den damaligen Präsidenten Richard Nixon mit dem Watergate-Skandal zum Rücktritt zwangen.

Das ist Nostalgie, aber die Wirklichkeit sieht mal wieder ganz anders aus, als sie Burghardt beschreibt, der lieber in seiner Gesinnungsblase leben möchte.

Die reale Entwicklung der Abonnentenzahlen sieht so aus:

  • 1993: Die Washington Post erreichte ihren Höhepunkt mit einer durchschnittlichen werktäglichen Auflage von 832.332 Exemplaren und einer Sonntagsauflage von über 1,15 Millionen.

  • 2012: Die werktägliche Auflage sank auf 484.385, was einem weiteren Rückgang von 8,4 % gegenüber dem Vorjahr entspricht.

  • 2016: Die Auflage lag bei 507.615 Exemplaren.

  • 2023: Die durchschnittliche werktägliche Printauflage betrug 139.232 Exemplare.

Digital sieht es so aus:

  • 2018: Über 1 Million digitale Abonnenten.

  • 2023: 2,5 Millionen digitale Abonnenten.

Trotz dieses Wachstums verlor die Zeitung seit Ende 2020 etwa 500.000 Abonnenten und verzeichnete 2023 einen Verlust von rund 100 Millionen US-Dollar. So viel zum erfolgreichen Wirken von Baron.

Das Blatt war am Abserbeln, als es Bezos 2023 für 250 Millionen Dollar in Cash kaufte. Er verpasste ihm den Slogan «Democracy dies in darkness» und investierte seither viele weitere Millionen. Unter Bezos‘ Führung erlebte die «Washington Post» eine umfassende Digitalisierung und Modernisierung. Dazu gehörten der Ausbau des Entwicklerteams, die Optimierung für mobile Endgeräte und die Einführung neuer Einnahmequellen wie Softwarelizenzen und Partnerschaften mit anderen Medienhäusern.

Ohne diesen Investor gäbe es die WaPo nicht mehr, sicherlich nicht in der heutigen Form. Trotz Abgängen und Sparmassnahmen beschäftigt die Zeitung immer noch rund 940 Redakteure. Der «Tages-Anzeiger» hat dagegen noch rund 300 Mitarbeiter, die SZ ungefähr 450. Wobei es schwierig ist, bei den ganzen Rausschmissen den Überblick zu behalten.

Es ist aber keinesfalls so, dass die WaPo erst neuerdings Abonnenten verliert. Gleichzeitig steht Bezos für die Verluste gerade, die die Zeitung immer noch produziert.

Von den 940 Mitarbeitern verliessen eine Handvoll das Blatt unter grossem Getöse. Dennoch bemüht sich eine dreimal so grosse Redaktion wie beim Tagi, rund um die Uhr News zu produzieren, ohne dabei sehr viele Inhalte von einer anderen Zeitung im Ausland zu übernehmen.

Darunter ein Stück wie das von Burghardt, das an Realitätsferne nicht zu überbieten ist, wo Wille und Gesinnung wichtiger sind als eine nüchterne Betrachtung der Wirklichkeit. Es wäre für den Journalisten ein Leichtes gewesen, sich über die wirklichen Zahlen zu informieren und sie seinen Lesern zu präsentieren.

Stattdessen verliert er sich in solchen Nebensächlichkeiten: «Es ist neun Uhr morgens, Martin Baron, den die meisten einfach nur Marty nennen, beugt sich über seinen Laptop. Er wohnt inzwischen die meiste Zeit in Massachusetts. Hemd, Brille, grauer Bart – 70 Jahre ist er alt, einer der renommiertesten Journalisten der USA.»

Schön, dass wir das nun wissen. Aber wie es wirklich um die finanzielle Situation des Blatts steht, welche Bedeutung die Rettungsaktion von Bezos und seine tatkräftige Hilfe bei der Umstellung aufs Digitale hat, das unterschlägt Burghardt seinen Lesern.

Ebenso jede Erwähnung des aktuellen Inhalts. Da muss der Leser schon selber nachforschen, wenn er des Englischen mächtig ist. Dann wird er sehen, dass die WaPo keineswegs lauter Lobeshymnen auf Trump oder seinen Sidekick Elon Musk anstimmt.

Aber Burghardt schreibt lieber nach der Devise: was nicht passt, wird passend gemacht. Oder einfach weggelassen.

Dabei gehört es eigentlich zum Ehrenkodex jedes zurückgetreten Chefredaktors (wie auch jedes anständigen Politikers), dass er vom Altenteil aus nicht seine Nachfolger mit Kritik und launigen Bemerkungen überzieht.

Blöd auch, dass ihm sein Kronzeuge sogar selbst ins Knie schiesst: «Er» (Baron, ZACKBUM) «überfliegt während des Videocalls die aktuelle Ausgabe. Und? «Sieht ziemlich normal aus», sagt er. Da ist an diesem Tag unter anderem ein kritischer Artikel über Donald Trumps Strafzölle.»

Aber immerhin, ein gewünschtes Quote konnte er Baron entlocken: «Meine Sorge gilt dem Verhalten des Eigentümers. Das untergräbt den Ruf der Zeitung.» Das wird dann in einer Bildlegende hochgejazzt zu: «Der Eigentümer untergräbt den Ruf der Zeitung.» Eine solche Schludrigkeit würde man in der WaPo nicht durchgehen lassen.

Aber Burghardt schreibt halt in einer anderen Liga. Seine Art zu schreiben ist in Wirklichkeit Anlass zur Befürchtung, dass so der Journalismus stirbt, sich überflüssig macht, nichts zur Erkenntnis des Lesers beiträgt. Aber das merkt die Unke natürlich nicht.

 

 

 

Wem der Geruch der Worte egal ist

Schon wieder ein geschichtsvergessener SZ-Autor.

Sebastian Gierke «weiss, was schlechte Popmusik ist». Der Politredaktor der «Südeutschen Zeitung», degradiert vom Posten des stellvertretenden Ressortleiters, macht sich als Schreibtischgeneral so seine Gedanken über die Ukraine. Da weiss er eher wenig.

Das ist nun für den Kriegsausgang, die Welt und vor allem die Leser von Tamedia, die sich das Geseier auch zu Gemüte führen können, völlig unerheblich.

Der Schnösel Gierke (Jahrgang 1978) will aber ungebührlich von der Ungnade der späten Geburt und des Nichts-aus-der-Geschichte-Gelernt profitieren.

So fabuliert er in seinem Meinungsstück «Noch ist die Ukraine nicht verloren» ohne Rücksichten auf historische Parallelen seiner Aussagen. Fängt beim Titel an, eine Anspielung auf «noch ist Polen nicht verloren». Das geht ja noch, stammt allerdings von Tamedia. Denn der Originaltitel des Originaltexts in der SZ lautete: «Militärisch unbesiegt».

Anrüchiger wird es schon im ersten Absatz: «Aber die Ukraine ist nicht verloren. Sie ist militärisch nicht besiegt.» Genau das war der Kern der Dolchstosslegende nach dem Ersten Weltkrieg. Mit dieser Geschichtsfälschung versuchte die deutsche Oberste Heeresleitung, ihr eigenes Versagen zu kaschieren. Es habe sich um einen Hochverrat feiger Politiker (natürlich vor allem jüdische) gehandelt, während die tapfere Armee unbesiegt geblieben sei. Die Folgen sind bekannt, allerdings nicht Gierke.

Denn die Lage ist natürlich ernst: «Es sei vorbei, der Diktatfrieden – den der US-Vorschlag aus der vergangenen Woche de facto bedeutet – komme unweigerlich.» Das Wort Diktatfrieden ist auch aus dem Ende des Ersten Weltkriegs bekannt. So wurde der Friedensvertrag von Versailles bezeichnet. Dieses Schimpfwort benützten rechte Nationalisten, um der damaligen deutschen Regierung die Schuld an den wirtschaftlichen Folgen des verlorenen Weltkrieg in die Schuhe zu schieben. Die Folgen sind bekannt, allerdings nicht Gierke.

Nun begibt sich der Politstratege in weitere Sumpfgebiete: «Die Stärke des russischen Präsidenten wächst proportional in dem Mass, in dem der Defätismus bei den Unterstützern (von der Ukraine, R.Z.) steigt.» Auch das Wort Defätismus kam im Ersten Weltkrieg auf. Damit wurde Mutlosigkeit und Schwarzseher denunziert, die Vermutung, dass ein Krieg militärisch verloren sei. Wer öffentlich des Defätismus beschuldigt wurde, musste mit Gefängnisstrafen und Schlimmerem rechnen. Die Folgen sind bekannt, allerdings nicht Gierke.

Deshalb müsse Europa seine Unterstützung für die Ukraine deutlich steigern, behauptet Gierke, denn unsere westlichen Werte müssen bekanntlich auf Kosten der ukrainischen Bevölkerung verteidigt werden. Dumm auch, dass der Popmusik-Kenner Gierke da nur vom Schreibtisch in München aus aufmunternde Worte rüberrufen kann.

Dann wird er, aus sicherer Distanz zum bösen russischen Bären, noch nassforsch: «Putin ist, wie jeder Verbrecher, zum ewigen Erfolg gezwungen – befindet sich deshalb aber ständig in Gefahr, zu scheitern.» Gierke ist, wie jeder Maulheld, zu ewigen Steigerungen gezwungen, befindet sich dabei aber nicht nur in der Gefahr zu scheitern.

Wie schon im Ersten Weltkrieg fehlt es in Deutschland einfach mal wieder an einem: «Woran es fehlt, sind Entschlossenheit und Einigkeit.» Woran genau mangelt es? «Nur wenn sich das ändert – erste Erfolge, etwa bei der Produktion von Artilleriemunition, werden gerade sichtbar –, wird Putin zu ernsthaften Friedensgesprächen bereit sein. Das ist die Chance der Ukraine.»

Früher sagte der Deutsche: «Jeder Schuss ein toter Russ.» Die moderne Version ist: Wenn die Granate explodiert, der Russ den Kopf verliert.