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Was alles wegkann

Die spanische Exklave Ceuta bei Marokko wird überrannt, Melilla belagert.

Selbst die linke taz titelt am Freitag: «Über 40.000 sollen Grenze nach Spanien überwunden haben». Andere Organe verwenden Zahlen von bis zu 80’000 Menschen, die nach Ceuta eingedrungen sind. Allein an einem Tag sollen es laut CNN 50’000 gewesen sein.

Es soll bereits mehrere Dutzend Tote gegeben haben; normalerweise hat Ceuta rund 85’000 legale Einwohner. Die Lage scheint weitgehend ausser Kontrolle, die lokale Regierung schimpft auf die Zentralregierung in Madrid, Chaos herrscht. EU-Staaten überlegen sich, aus Schengen auszutreten, weil all das dysfunktional ist.

114 Treffer erzielt man in der Mediendatenbank SMD, wenn man am Freitag nach Ceuta sucht. Es ist in vielen Medien das Thema des Tages. Mit zwei Ausnahmen.

SRF vermeldet zunächst «Hunderte Migranten schwimmen nach Ceuta»  steigert sich dann zu «Zehntausende Migranten». Und nimmt seinen Bildungsauftrag endlich mal ernst: «Ceuta und Melilla: Spanische Exklaven aus der Phönizierzeit».

Der «Tages-Anzeiger» gibt in einem etwas aufgebrezelten New-Ticker einen «ungewöhnlichen Andrang» bekannt, gefolgt von Entwarnung, «aber viele kehrten auch zurück. Die Lage habe sich etwas entspannt, hiess es».

Selbst «20 Minuten» aus dem gleichen Haus widmet diesem krachenden Versagen der Kontrolle der EU-Aussengrenzen eine ganze Artikelsalve.

Aber bei Tamedia ist am Freitag vor dem 1. August wahrscheinlich das C-Team am Gerät. Das arbeitet sich lieber weiterhin an Infantino ab, wo sich Sport-Redaktor Thomas Schifferle in einen wahren Blutrausch schreibt:

«Infantino ist gescheitert – der Fussball möge endlich von ihm erlöst werden. Der 56-jährige Walliser ist einfach untragbar. Sein Gebaren als Sonnenkönig und seine Nähe zu Trump sind für den Fussball zu gefährlich geworden.»

Der Mann scheint fast noch gefährlicher als die Hitzewelle zu sein, die aber auch eine eigene Rubrik «Hitzewelle in der Schweiz» gefunden hat. Aber gemach, Bund, Kantone, Städte und Gemeinden haben extra Webseiten aufgeschaltet, die gute Ratschläge geben, ohne die die Schweizer Bevölkerung wahrscheinlich nicht überleben würde. Pierre Morat macht sich darüber auf «Inside Paradeplatz» köstlich lustig.

Dann ist im Tagi auch noch «Abdul B.» ein Thema. Aber nicht etwa die gesamte islamistische Gefahr, sondern er als Einzelperson, über die der Leiter eines «Deradikalisierungsprogramms» weiss, dass er «zu spät» dazugestossen sei. What a bullshit, würde da nicht nur Präsident Trump sagen.

Ach, und der 1. August im Tagi? Ein bunter Strauss guter Nachrichten: «Nun darf in keiner Gemeinde mehr offenes Feuer entfacht werden», «Kantonspolizei greift durch: Feuerwerksverbot für alle Zürichseegemeinden». Weiteres Gemecker: «Bundesräte fliegen am 1. August quer durchs Land – Beamte müssen sogar nach Brüssel den Zug nehmen». ZACKBUM findet auch, dass selbst Bundesräte innerhalb der Schweiz das Lastenvelo benützen sollten, unseretwegen als Passagier.

Dafür: «Der Cervelat kann mehr als Feuer und Senf – drei Gourmetköche beweisen es».

Die Rezepte sind entweder erschreckend banal («2 Cerevlats, geschält, in kleine Würfel geschnitten, Gruyère, Essiggurken, Tomaten») oder absurd geschwurbelt («Panierte Cervelatroulade mit Kartoffelnage und pikanten Aprikosen») oder gesucht exotisch («Bangkok-Style-Cervelat. Zutaten für den Tom-Kha-Gai-Schaum»). Wie meint ein Kommentator verständlich: «Bei diesen gekünstelten Gerichten wird mir übel.» Natürlich meckert der grün-vegane Leser: «Rezepte mit Fleisch als würden wir nicht in einer existenzbedrohenden Klimakrise stecken.» Dass wir auch in einer Kommakrise stecken, geschenkt.

Wie heisst es so schön: berichten, gewichten, einordnen. Die Nachrichtenlage am Freitag, gemäss dem C-Team bei Tamedia, nach ihrer Wichtigkeit:

  1. Infantino, der muss weg.
  2. Die Hitzewelle, die muss auch weg.
  3. Offenes Feuer und Feuerwerk, muss weg.
  4. Fliegende Bundesräte – müssen auch weg.
  5. Zu spät deradikalisieren, das muss  weg.
  6. Cervelats, müssen weg vom Spiess.

Was in der Auflistung fehlt: Tamedia, kann auch weg.

 

Uups. Sie haben es schon wieder getan

Was Sascha Britsko recht ist, kann Anita Blumer nicht unrecht sein.

Blumer sei «Director, Screenwriter, Editor, Producer», schreibt sie. Und sie schreibt. Das alleine wäre noch nicht schlimm. Aber das ständig neue Tiefen auslotende «Magazin» publiziert es.

Und die Homepage des Tagi präsentiert es unter «Ihre Magazin-Sommerlektüre». Der Sie sich hingeben können, wenn Sie Lust auf eingeschlafene Füsse in ungewaschenen Socken haben. Denn das Stück ist vom 10. Juni, aber immerhin 2026.

So wie oben sah es im Original aus; die Qualitätsredaktion des Tagi will natürlich noch etwas dafür tun, damit der Leser hinter der Bezahlschranke das Gefühl hat, er bekomme etwas für sein Geld. Aber das täuscht.

Da war der Originaltitel doch besser. Aber das ist auch schon das Einzige, was hier positiv erwähnt werden kann. Denn es geht mal wieder im wahrsten Sinne des Wortes um den Bauchnabel der Schreiberin. Sie braucht sagenhaft langweilige 17’300 A, um nochmal eines der banalsten Probleme des Zusammenlebens in einer Wohnsiedlung in Zürich zu beschreiben.

Die Autorin hat drei Kinder und einen Partner. Die Kinder machen Lärm, drunter wohnt ein freundliches, aber ruhebedürftiges Ehepaar, das immer wieder höflich darum bittet, ob es nicht ein wenig leiser ginge.

Das würden Marxisten einen antagonistischen Widerspruch nennen. Das gilt sowohl für Klassen- wie für Nachbarschaftsverhältnisse. Da kann man nix machen. Oder es gilt flüchten oder standhalten. Beide Seiten ertragen’s, einer der Beteiligten sucht sich eine neue Wohnung – oder man lässt es eskalieren mit Geschimpfe, Beschwerde bei der Verwaltung, Polizei und Rechtsanwalt.

So ist das, so war das, so wird das immer sein. Aber Blumer muss ja 17’300 A basteln, begleitet von ausgesucht hässlichen Illustrationen im Stil von Marco Arrigoni. Offenbar wurde die Devise ausgegeben: keiner darf besser zeichnen als er. Und er kann nicht zeichnen. Aber ZACKBUM kennt seine Grenzen, hopeless.

Blumer hingegen dekliniert das ganze Programm durch. Die «Mediatorin». Der «Professor für Sozialpsychologie». Der «Siedlungscoach». Die gut abgehangene Anekdote von Watzlawick über das gescheiterte Ausleihen eines Hammers beim Nachbarn. Und so weiter.

Immer hineingeschnitten das Treten am Ort des Nachbarschaftsproblems. Hineingesteigert in etwas Existenzialismus: «Kann ich an einem Ort leben, an dem jedes Geräusch, das ich mache, registriert und bewertet wird?» Einfache Antwort: ja oder nein, eins von beidem wird’s sein.

Als wäre das nicht genug Bauchnabelbetrachtung, lässt Blumer den Leser ungefragt noch an ihren Erkenntnisprozessen teilhaben: «Eigentlich hält dieser Konflikt eine wertvolle Lektion für mich bereit: Menschen dürfen sich über mich aufregen.» Das ist gut zu wissen, denn ZACKBUM regt sich über solche Texte auf.

Allerdings verblüfft uns doch diese Anekdote der Mediatorin, sie «erzählt von einem Fall, bei dem sich ganz am Ende der Mediation herausstellte, dass der Mann, der in einem Wutanfall den Baum des Nachbarn fällte, kurz davor seine Tochter verloren hatte».

Wahnsinn.

Ach, und gibt’s nun Lösungsvorschläge für ein Problem, das keine Lösung hat? Nein: «An diesem Sonntagvormittag finden wir keine Lösung für unser Problem, doch es hilft, dass wir Verständnis füreinander haben. Wir beschliessen, uns regelmässig auszutauschen. Wir wollen uns von den Beschwerden weniger stressen lassen und sie wollen eher hochkommen, statt Textnachrichten zu schreiben.»

Und ZACKBUM wünschte, dass all diese Egoshooter, diese unerträglichen Präsentatoren ihres ärmlichen Inneren und ihres banalen Lebens das beherzigen würden, was berühmte Kollegen gesagt haben:

«Die Rolle des Journalisten ist nicht, über sich selbst zu berichten, sondern über ein Ereignis, eine Person, einen Anlass.»

Werner D’Inka, langjähriger Herausgeber der FAZ.

«Es geht nicht um uns. Es geht um die Welt, um Berichte über die Welt.»

Jill Abramson, ehemalige Chefredaktorin der New York Times.

«Der Reporter ist die unwichtigste Person in der Story.»

Pulitzer-Preisträger David Halberstam.

Oder Gustave Flaubert:

«Der Künstler soll in seinem Werk sein wie Gott in der Schöpfung: überall gegenwärtig, aber nirgends sichtbar.»

Bloss: Wer kennt die noch? Flaubert? Ist das nicht der falsch geschriebene Erfinder des Flobert-Gewehrs? Und schiesst das nicht mit Luftdruck, so wie diese Artikel? Nein, zweimal falsch.

Zudem gilt noch etwas. Man kann sogar einen Bahnhofwartesaal beschreiben, und der Leser ist fasziniert und hingerissen. Dafür muss man aber Jospeh Roth oder Kurt Tucholsky heissen. Wer das war, erklärt gerne Nora Zukker.

 

Hitzschlag

Wenn Männer Frauen sind. Oder sich so fühlen.

«Die Berner SP-Stadträtin Nadine Aebischer widerspricht: «Es ist falsch, die Sicherheit von cis Frauen – also jenen Frauen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde und die sich auch damit identifizieren – gegen jene von trans Frauen auszuspielen»».

Besser kann man den brüllenden Wahnsinn in der Geschlechterfrage nicht auf den Punkt bringen. Eine Stadträtin disqualifiziert sich selbst, Tamedia zitiert sie, ohne den geringsten Widerspruch anzumelden, und lässt sie weiter nach Absurdistan galoppieren: «Aebischer plädiert dafür, die Geschlechterbinarität von Mann und Frau zu überwinden und die Vielfalt der Geschlechter als neue Normalität anzuerkennen – auch in der Frauenbadi

Der Tagi verlinkt dazu auf die voreingenommene, unwissenschaftliche und parteiische Webseite «Queer Lexikon», als ob es keine seriösen Quellen gäbe. Eine Spitzenleistung von ganzen fünf Journalierenden, die zur Herstellung dieses Artikels nötig waren. Der unter dem Titel «Politik & Wirtschaft» und mit einem riesigen Symbolbild auf eine ganze Seite aufgeblasen wird.

Kurz zurück zu den Fakten. Im für Frauen reservierten FKK-Bereich des Marzilibads zu Bern erregte ein sogenannte Transfrau Unwohlsein bei anderen Frauen, weil die sich an dem zur Schau gestellten Penis im «Paradiesli» störten. Nachdem sich der/die Penisträgerin weigerte, den Frauenbereich zu verlassen, wurde die Polizei geholt.

Während sich andere Frauen mit dem/der/die Person solidarisierten und das Subjekt sich auch weigerte, sich auszuweisen, zudem Widerstand leistete, wurde es in Handschellen abgeführt, um auf der Polizeistation seine Identität festzustellen. Die Stadt Bern entschuldigte sich inzwischen für diesen Polizeieinsatz.

In der Schweiz ist es seit 2022 möglich, für läppische 75 Franken seinen Geschlechtseintrag zu ändern. Eine trans Frau probierte das sofort in der Frauenbadi in Zürich aus – und wurde abgewiesen, weil sie einen Schnurrbart trug und das Personal sie als Mann wahrnahm. Auch ein Journalist, der in Form eines Experiments seinen Geschlechtseintrag auf weiblich änderte, wurde von einer Bademeisterin abgewiesen mit dem Argument: «Ich lese sie männlich

Das kommt davon, wenn man biologische Fakten der persönlichen Befindlichkeit überlässt. In der Schweiz soll es vielleicht 10’000 sogenannte trans Frauen geben, also 0,1 Prozent der Bevölkerung. Schätzungen sind deshalb schwierig, weil es sich um eine Selbsteinschätzung handelt, um eine sogenannte Geschlechtsidentität, also jemand identifiziert sich als weiblich in einem Männerkörper – oder umgekehrt.

Das widerspreche dann dem «bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht». In einer FKK-Frauenbadi kommt die ganze Absurdität dieses Geschlechtertheaters in aller Nacktheit zum Vorschein. Zum einen gibt es das Schutzbedürfnis von Frauen vor lüsternen Männerblicken. Dem sich aber auch eine trans Frau ausgesetzt sieht, deren körperliche Merkmale wiederum Frauen, bei denen Körper und Identität übereinstimmen, stören.

Das ist die Fortsetzung des Sprachreinigungswahnsinns, dem sich beispielsweise der Mitautor Andreas Tobler seitenlang hingegeben hat. «Gendern, aber richtig», nannte er seinen dreiseitigen Tiefpunkt im angeblichen Kultur-Ressort der «SonntagsZeitung», den er 2021 zusammen mit der Rädelsführerin eines Denunziationspamphlets Aleksandra Hiltmann verbrach.

Insgesamt soll es – je nach unvollständiger Zählung – bis zu 160 verschiedene Gender geben. «Genderfluid, Demiboy, Polygender, Xenogender, Pangender, Neutrois», den absurden Begriffen sind keine Grenzen gesetzt.

Das kommt davon, wenn man sich aus der Welt der klaren Definitionen verabschiedet. Amtlich und biologisch gibt es haargenau zwei Geschlechter. Es ist unbenommen, dass sich nicht alle zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen oder sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen. Aber das sind subjektiv-individuelle Entscheidungen. Das Ausüben beliebiger Sexualpraktiken, solange sie einverständig unter Erwachsenen betrieben werden, problemlos. Das Ausleben auch absurdester Genderidentitäten, solange sie keine klaren Regelverletzungen darstellen, problemlos.

Aber wenn ein biologischer Mann mit entsprechenden Geschlechtsmerkmalen meint, sich in einer FKK-Frauenbadi zeigen zu müssen, sich dort Massnahmen und der Aufforderung zum Vorzeigen eines Ausweises mit Gewalt widersetzt, ist jeder mit dem Klammerbeutel gepudert, der das toleriert, verteidigt, unterstützt.

Ab wann beispielsweise ein lüsterner Blick einen strafbaren Übergriff darstellt, darf nicht ausschliesslich dem subjektiven Empfinden der/des Angeblickten überlassen werden. Damit wäre der Willkür Tür und Tor geöffnet.

Dass das sogenannte Qualitätsblatt Tamedia darauf verzichtet, absurde Meinungsträger, Pardon, Meinungstragende, zur Ordnung zu rufen, ist ein weiterer Tiefpunkt der Berichterstattung. Ach was, ein Bestandteil der Tiefebene, Bestandteil der Leservertreibung, die sich in grosser Mehrheit von Gendersternchen, inkludierender Sprache und solchen Randrandgruppenproblemen abgestossen fühlen.

Immerhin griff hier dann noch die Chefredaktorin Raphaela Birrer ein, was man auch mal lobend erwähnen muss. «Nacktheit im öffentlichen Raum ist kein Menschenrecht», schlaumeiert sie. Aber keiner erwähnt, dass die Transe, die ihren Pimmel zur Schau stellte, sich anschliessend weigerte, einen Ausweis zu zeigen und zu randalieren begann. Das geht nun geschlechtsunabhängig nicht.

Der Tagi ganz unten

Hochtönende Selbstbeschreibung als Fiktion, aschgraues Verhalten als Wirklichkeit.

10 teilweise lachhafte «eiserne Regeln» (die nicht kommentiert werden dürfen), publizistische Leitlinien, Blabla beim «Tages-Anzeiger»: «Mit seiner faktenbasierten und tiefgehenden Aufbereitung nationaler und regionaler Entwicklungen setzt der Tages-Anzeiger Massstäbe – stets ausgewogen und verlässlich.» Noch mehr Blabla: «Unsere Medienschaffenden stehen für Qualität und Vielfalt.»

«Tiefgehend» ist nicht schlecht, wenn damit tiefergelegt, nach unten offen, abwärts gemeint ist.

Und aller schlechten Dinge sind drei: «Der Tages-Anzeiger verbindet Glaubwürdigkeit und Relevanz und bleibt so ein unverzichtbarer Begleiter in einer immer komplexeren Welt.» Das behauptet im Namen der Redaktion Raphaela Birrer.

Zu diesen «Medienschaffenden» (die das unermüdlich tun, daher der falsche Gebrauch des Partizips Präsens) gehören Schmierfinken wie Philipp Loser, Andreas Tobler oder Michael Marti. Der zog unausgewogen und unverschämt über den SVP-Nationalrat Thomas Matter her.

Verborgen hinter der Bezahlschranke behauptete Marti, Matter reihe sich «freiwillig oder unfreiwillig» in diese «Tradition» ein:

«Antisemitische Hetze stilisierte schon im 18. Jahrhundert jüdische Männer zur Gefahr für Mütter und Töchter. In den USA diente der angebliche Schutz weisser Frauen dazu, rassistische Gewalt gegen schwarze Männer zu rechtfertigen.»

Unglaublich, ein Skandal. Jede Redaktion, die noch etwas Ehre im Leib hätte, würde sich, angeführt von ihrer Chefredaktorin, für diesen Absturz ins bodenlos Unanständige vor ihren Lesern entschuldigen und diesen Marti mindestens abmahnen, wenn nicht fristlos entlassen. Stattdessen passierte er alle Kontrollinstanzen und löste dort sicherlich ein hämisches «har, har, gut gegeben» aus.

Erschwerend kam noch hinzu, ein Kollektivwerk des Versagens, dass der Artikel zunächst mit einem Ferienfoto der Familie Matter illustriert war, auf dem auch seine Töchter unverpixelt zu erkennen waren. Offenbar wurde dann interveniert oder wenigstens die Rechtsabteilung mahnte zu Vernunft und Anstand, die Gesichter der Töchter wurden verpixelt. Im dritten Anlauf wurde dann das Foto ausgetauscht.

Offenbar aus Furcht vor drastischeren Massnahmen veröffentlichte der Tagi eine «Meinung: Replik von Thomas Matter». Hier darf sich der Politiker zur Wehr setzen:

«Obwohl der Autor zugeben muss, dass Gewalt gegen Frauen ebenso real sei wie Belästigungen im öffentlichen Raum, behauptet er gleichzeitig, das alles sei bloss ein «Narrativ». Dann stellt er mich in eine Reihe von Tätern, die «antisemitische Hetze» oder «rassistische Gewalt» ausgeübt haben. Und schon sind nicht mehr die belästigten Frauen das Thema, sondern Thomas Matter als verspätetes Produkt der mörderischen Judenhasser und Mitglieder des Ku-Klux-Clans.»

Das hätte eigentlich eine viel stärkere Reaktion verdient. Aber je nun. Damit ist das Elend noch nicht zu Ende erzählt. Unter der «Meinung», nein, der «Analyse» von Marti versammelten sich rund 300 Leserkommentare. Unter ihnen viele durchaus kritische. Aber schwups, plötzlich verschwanden sie allesamt. Einfach so.

Bei Matters Replik stand von Anfang an «Die Kommentarfunktion ist deaktiviert». Wieso? «Bei bestimmten Themen erhalten wir wiederholt unangemessene Kommentare, sodass trotz erheblichem Moderationsaufwand kein sachlicher Austausch zustande kommt. Deswegen verzichten wir zum Beispiel bei Berichten über Todesfälle, Straftaten und Unglücke auf die Kommentarmöglichkeit.»

Worum es sich hier aber nicht handelt. Was für ein Unsinn. Tamedia ist trotz KI, Algorithmen und schlecht bezahlten Kommentar-Checkern nicht in der Lage, dieses Gefäss einigermassen sauber zu halten? Was die One-man-Show Lukas Hässig auf «Inside Paradeplatz» locker schafft? Und stellte sich plötzlich heraus, dass die bereits publizierten Kommentare unter Marti doch irgendwie «unangemessen» waren?

Dann kommt noch eine Portion Gesülze, was die verbleibenden Leser extra sauer macht: «Der Dialog mit den Leserinnen und Lesern ist der Redaktion ein zentrales Anliegen und Teil einer funktionierenden öffentlichen Debatte. Die Kommentarspalten bleiben deshalb wo immer möglich geöffnet.» Oder werden nachträglich geschlossen und gelöscht.

Wohl aus diesem Grund hat sich die Anzahl Leser seit 2000 schlichtweg halbiert. Waren es damals noch rund 650’000, sind es aktuell circa 288’000. Minus 362’000 oder 56 Prozent.

Online hatte der Tagi 2020 seinen Höhepunkt erreicht, bis zu 1,1 Millionen User. Das ist inzwischen auf 800’000 monatliche Nutzer abgebröckelt. Minus 27,25 Prozent.

Die Ursachen? Völlig klar. Zum einen das Runtersparen bis zum Skelett, Ausdünnen, copy/paste aus München, aber immer höhere Preise verlangen. Zum anderen die ständige Belehrung und Belästigung des Lesers mit woken und abseitigen Themen; Jubelartikel über ideologisch genehme Künstler, absurde Beschreibungen von angeblicher Gewaltbereitschaft von Männern gegenüber Frauen – und eben solche Schmierereien, einem SVP-Politiker zu unterstellen, er stehe in der Tradition von Judenhassern und weissen Rassisten.

Der Letzte macht dann das Licht aus im Glashaus.

Blödsinn zum Fürchten

Beim Tagi fallen die letzten Schranken.

Die Redaktion des «Tages-Anzeiger» umfasst rund 300 Journalisten. Pardon, Journalierende. Nein, Journalist*Innen***.

Nachdem alleine 2024 90 Redaktionsstellen abgebaut wurden und diverse Schreibkräfte, die noch etwas Ehre im Leib haben, das Weite suchten.

Mindestens 299 von ihnen müssten vor Scham rot anlaufen, wenn sie dieses Elaborat lesen:

Das ist nicht einfach die absurde persönliche Meinung der Autorin Alexandra Aregger. Sondern es handle sich um einen «Leitartikel zum Femizid-Prozess». Nirgends ist der Kalauer vom Leidartikel angebrachter als hier.

«Sie hat die Diplomausbildung Journalismus am MAZ in Luzern absolviert und stiess 2022 über das Förderprogramm für investigativen Journalismus zum «Tages-Anzeiger».» Ein weiteres Beispiel, dass Ausbildung und Förderung für die Katz sein kann.

Sie leitet ihr Pamphlet mit einem Zitat des Richters im Prozess von Muttenz* ein: «Dieser Fall hat unsere Realität verändert.» Am Anfang bereits das Ende der Logik. Denn wenn es ein singulärer Fall ist, kann er schlecht als Anlass für «Lektionen» dienen.

Dermassen eingestimmt, widmete sich Aregger schon der Berichterstattung. Hier aber schurigelt sie gleich «die Schweiz» und will ihr gar «Lektionen» erteilen. Welche Arroganz, welche Überheblichkeit.

Der Mörder seiner Frau wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Nicht nur die Tat war besonders grausam; anschliessend versuchte der Täter, die Leiche seiner Frau zu beseitigen. Wir ersparen dem Leser die abscheulichen Einzelheiten.

Aregger erregt sich über den Versuch der Verteidigung, «das Opfer zu denunzieren». Schlimmer noch: «Der Täter und zeitweise auch die Verteidigung fabrizierten eine krasse Täter-Opfer-Umkehr.» Das mag so gewesen sein und war offensichtlich keine besonders geschickte Strategie. Ob Aregger schon etwas davon gehört hat, dass ein Angeklagter alles tun darf, auch lügen und manipulieren, um sich zu verteidigen?

Aber natürlich sei das kein Einzelfall, sondern ein Muster: «Diese Täter-Opfer-Umkehr ist ein fatales Signal für alle Gewaltbetroffenen, die häufig gedemütigt und für die Gewalt, die ihnen widerfährt, selbst verantwortlich gemacht werden.»

Die Reaktionen darauf seien mehr als verständlich, behauptet Aregger: «Viele waren auch wütend. «Ich glaube nicht, dass man den Täter genug bestrafen kann», sagte eine Freundin des Opfers, während sie sich Tränen aus dem Gesicht wischte. «Er hat noch ein Leben, das er führen kann. Sie nicht.»»

Um im Duktus von Aregger zu bleiben: das ist ein Signal für die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Ein weiterer Aufschwung ins Allgemeine: «Diesem Machtanspruch liegen letztlich traditionelle Rollenbilder zugrunde, die bis heute mitten in der Schweizer Gesellschaft weiterbestehen und durch einflussreiche Politiker und Influencer gar wieder Aufschwung erleben

Ganz abwegig sei die Behauptung, bei Tötungsdelikten an Frauen handle es sich «um Notwehr oder ein Migrationsproblem, als das häusliche Gewalt von gewissen Absendern gern abgetan wird».

Eigentlich erübrigt sich nach diesem abschliessenden Ausflug ins Groteske jede weitere Analyse:

«Es gilt klarzustellen: Ein Femizid ist kein Akt der Liebe.»

Dennoch ist klarzustellen: dieser Mörder ist offensichtlich ein schwer gestörter Mensch, wahrscheinlich ein Soziopath. Ihn als Symbolfigur für Männergewalt in der Schweiz darzustellen, ist ungefähr so sinnvoll, wie Hannibal Lecter als den typischen Mörder von nebenan.

Es ist eine Frechheit, diese Tat als typischen Ausdruck männlichen Kontroll- und Herrschaftswahns falsch zu interpretieren. Es ist ungehörig, die zwar falsche, aber berechtigte Strategie der Verteidigung als fatales Signal für alle zu denunzieren. Es ist brandgefährlich, indirekt die Wiedereinführung der Todesstrafe in den Raum zu stellen. Es ist idiotisch, diesen Mord in angeblich traditionelle Rollenbilder einzufügen. Zu denen auch Achtung, Ehre und Fürsorge für Gattin und Kinder gehören.

Es ist eine putative Notwehr, an diesem Fall zu bestreiten, was offensichtlich ist: Gewaltausübung in der Ehe hat natürlich überproportional häufig einen Migrationshintergrund. Das zu negieren, ist etwa so absurd wie den prozentualen Anteil von Ausländern in Schweizer Gefängnissen wegfabulieren zu wollen.

Der absurde Höhepunkt ist aber der unverständliche Satz, dass ein Femizid kein Akt der Liebe sei. Himmels willen; Herr, lass Hirn vom Himmel regnen: wer sollte denn das behaupten?

Dieser Satz ist ungefähr so bescheuert wie die Aussage: Ein Mord ist kein Ausdruck von Lebensbejahung.

Es bleibt einmal mehr die Frage: Schämt Ihr Euch eigentlich nicht, Ihr Tagi-Journalisten? Traut sich wirklich niemand mehr, aus Angst um den Arbeitsplatz, gegen eine solche Herabwürdigung eines ehemals stolzen Blatts zu protestieren?

*Nach Leserhinweis korrigiert.

Tagi am peinlichsten

Pascal Blum erklimmt den Gipfel der Beknacktheit.

Der Redaktor bei Tamedia ruinierte seinen Ruf schon durch unappetitliches Nachtreten gegen Kevin Spacey. Nachdem der grossartige Schauspieler von allen Anschuldigungen freigesprochen worden war, versuchten noch ein paar Nachzügler, sich ihre 15 Minuten Ruhm zu holen. Was Blum zu einem widerlichen Artikel mit einem widerlichen Titel animierte: «Neue Vorwürfe gegen Kevin Spacey: Wie kann man zu «Saving Private Ryan» masturbieren

Inzwischen ist Blum der König der Schneeflocken, der King der Achtsamkeit geworden, niemand kann ihn beim Thema woker Wahnsinn übertreffen. Zunächst legt ZACKBUM Wert auf die Feststellung, dass das keine Satire ist, höchstens Realsatire:

Hier verabschieden wir uns von unseren nicht-schweizerischen Lesern, denn: «Ungeniertes Anschauen im öffentlichen Raum scheint typisch schweizerisch zu sein. Betroffene erzählen, wie sich der Blick anfühlt – und was er über unsere Gesellschaft verrät.»

Vergesst sexistische Sprüche, vergesst Catcalling, vergesst übergriffiges Verhalten, vergesst frauenfeindliche Bemerkungen, vergesst Populismus, Rassismus und Diskriminierung. Jetzt reden Betroffene über eine bislang unbekannte Form der, nun ja, wovon eigentlich? Virtuellen Vergewaltigung? Nein, das ist eine andere Erfindung. Belästigung? Im Prinzip ja.

Denn es soll den sogenannten «Swiss Stare» geben. Hat den Vorteil, dass es alliteriert, was bei einem sinnentleerten Begriff schon mal gut ist. Woher der kommt? «Im Netz finden sich zahlreiche Beiträge über diese nationale Eigenheit: Wir starren andere Menschen im öffentlichen Raum unaufhörlich an

Ganz schlimm: «Reisende warnen einander in Onlineforen.» Aber auch hier Lebende leiden darunter: «Nelson* erlebt die starrenden Schweizerinnen und Schweizer jeden Tag.» Allerdings traut er sich nicht, mit seinem richtigen Namen zu dieser Behauptung zu stehen. Aber er weiss: «Besonders interessant finde ich den Blick, den ich bekomme, wenn ich im Anzug zur Arbeit gehe oder generell gut gekleidet bin. Da schwingt oft Selbstgefälligkeit mit, aber auch eine Bewunderung für etwas Niedliches – fast so, wie man einen Schimpansen im Smoking anstarren würde

Blum schiebt des Rätsels Lösung nach: «Nelson ist schwarz und lebt und arbeitet in der Schweiz.» Und fühlt sich als Schimpanse im Smoking angestarrt. Hoffentlich braucht er keine therapeutische Unterstützung.

Nach diesem putzigen Beispiel kommt unweigerlich waseliwas? Richtig gestarrt, äh, geraten, die «Psychologieprofessorin Anne Böckler-Raetting an der Universität Würzburg» freut sich, in die Medien zu kommen. Und sei es auch nur in die unterste Schublade beim Tagi. Allerdings sagt sie nichts Nennenswertes, so dass Blum gleich wieder auf «Onlineposts» zurückgreifen muss.

Da kommt es aber knüppeldick:

«Der intensive Blick dringe in die Privatsphäre ein und sei vergleichbar mit einer unerwünschten Berührung.»

Seit Blums Kollege Beat Metzler den Blick-o-Meter erfunden hat, ohne ihn so zu nennen, wurde der übergriffige Gehalt von Blicken nie mehr so brutal entlarvt wie durch diese Schneeflocke. Bei Metzler war’s noch ein Beitrag zu Männer sind Schweine: «Dabei würden viele Männer den Blick, den sie Frauen zumuten, selber gar nicht ertragen.»

Man stelle sich vor, was passiert, wenn sich Männer mit diesem Blick im Spiegel anschauen. Das wäre für sie unerträglich, sie würden ohnmächtig zu Boden sinken oder zu Stein erstarren. Männer als Medusa, auf die Idee muss man mal kommen.

Bei Blum ist das Starren aber geschlechtsunspezifisch, sondern wird am Schweizertum festgemacht. Das hat nun allerdings übel riechendes Rassistisches, ein ganzes Volk pauschal zu Starrern zu erklären.

Diese eidgenössische Unsitte ist gegenüber Nachpfeifen auf der Strasse und solchen Schweinereien noch viel gefährlicher: «Der «Swiss Stare» geht aber weit über alltagssexistische oder -rassistische Muster hinaus. Schweizerinnen und Schweizer starren sich auch gegenseitig an

Für einmal sind nicht nur Frauen (and everybody beyond) Opfer: «Auf den Strassen und Trottoirs wird der ungenierte Blick derweil zum Teil eines Machtkampfs, nicht selten zwischen Männern: Wer als Erstes ausweicht, hat verloren

Vielleicht, aber nur vielleicht, war neben Morgenstern und Hellebarde dieses Starren die Geheimwaffe der alten Eidgenossen, mit der sie die Gegner in die Knie zwangen.

In diese Richtung denkt auch eine weitere anonyme Angestarrte: «Kali hat ein fast poetisches Verständnis von den Situationen gewonnen, in denen sie angestarrt wird. Manchmal komme es ihr vor, als würden die Vorfahren der Schweizerinnen und Schweizer sie bei den Blicken mitbeobachten, sagt sie. Und dann frage sie sich, ob das in den Blicken auch mitschwingt: Vielleicht ist es ja ein Gruss dieser Ahnen an ihre eigenen Vorfahren

Nein, auf diesen Absatz kann man noch so lange starren, er ist und bleibt unverständlich. Schweizer Ahnen starren über die Jahrhunderte hinweg die Ahnen dieser Kali an? Irr.

Nach diesem Starrkrampf von Artikel gibt es eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Sie betreffen wie geschrieben nur Schweizer Leser, denn wir sind hier in Rassenkunde unterwegs.

Also, guter Ratschlag: hört endlich auf, unangenehm und übergriffig andere Menschen anzustarren. Denn ihr wollt doch sicher nicht selber angestarrt werden.

Oder aber, wenn ihr das Pech habt, dem Autor dieses Schwachsinns zu begegnen, dann starrt ihn in Grund und Boden. Auf dass er erstarre und einen Schreibkrampf erleide. Bevor seine Leser einen Schreikrampf kriegen.

 

Tagi oberpeinlich

Was wollten Sie zum eigenen Versagen schon immer mal sagen, Frau Rickli?

Gleich zwei Journalisten bot das Kompetenzzentrum für Qualitätsjournalismus an der Werdstrasse auf, um Regierungsrätin Natalie Rickli Gelegenheit zu geben, unbehelligt von kritischen Fragen in geradezu obszön-peinlicher Weise Weisswäscherei in eigener Sache zu betreiben.

Was Fabienne Sennhauser und Stefan Häne hier abgeliefert haben, ist an Fremdschäm-Faktor höchstens durch die Schmiere der «Republik» aus dem Jahr 2021 («Zürcher Herzkrise – eine Trilogie») zu übertreffen.

Schon bei der Antwort auf die erste Frage des Tagi, ob man sich mit gutem Gefühl im Unsipital Zürich behandeln lassen könne, tun sich Abgründe auf: «Mein Partner musste sich vor zweieinhalb Jahren einer schweren Herzoperation unterziehen. Diese wurde in der USZ-Herzklinik durchgeführt – ich glaube, das sagt alles.»

Nein, das sagt nichts, müsste da jeder Journalist mit etwas Ehrgefühl im Leibe replizieren, denn zu dieser Zeit war der skandalumwitterte Arzt Francesco Maisano schon längst Geschichte. Also was soll das?

Aber hier wird nicht Journalismus betrieben, wird kein Interview als harte, aber faire Gelegenheit zur Stellungnahme geführt, sondern es wird geschleimt. Denn auch diesen Satz darf Rickli ohne Widerspruch sagen:

«Wir haben alles gemacht, was uns rechtlich möglich war

Das ist nun grob unrichtig. Denn wie alle anderen Beteiligten am Skandal hat auch Rickli entweder nichts getan – oder alles, um den Skandal als Ausdruck von klinikinternen Querelen herunterzuspielen. Sie bezweifelte sogar die Kompetenz des Whistleblowers André Plass, der so unermüdlich wie vergeblich auf die erschütternde Todesrate und das Wirken von Maisano, seine Geldgier, hingewiesen hatte. Das brachte Rickli eine Anzeige wegen Verleumdung ein, auf die die Staatsanwaltschaft aber nicht eintreten mochte.

Statt ihr eine Liste von eigenem Versagen vorzulegen, wird es Rickli gestattet, sich zu wiederholen: «Ja, ich trage die politische Verantwortung für das USZ. Als Gesundheitsdirektorin bin ich die Eigentümervertreterin. Aber ich war erst ab Mai 2019 im Amt, und ich kann sagen: Nachdem ich im Januar 2020 erstmals von den Vorwürfen erfahren hatte, habe ich gemacht, was möglich war

Statt nachzufragen, was denn möglich war, und vor allem, wieso ihr so vieles unmöglich war, schleimt sich der Tagi mit der nächsten Frage wirklich unappetitlich an die Politikerin ran: «Leiden Sie in solchen Tagen wie jetzt an Ihrem Amt

Darauf kann Rickli, ganz Staatsfrau, mit getragenem Pathos antworten: «Als Regierungsrätin verpflichtet man sich, Verantwortung zu tragen. Und ich glaube, dass ich Verantwortung übernehme, das habe ich auch in der Corona-Zeit gezeigt

Statt auch hier nachzuhaken und zu fragen, wie genau Rickli denn in der Corona-Zeit Verantwortung übernommen habe (oder welche Vorwürfe man ihr zu diesem Thema machen könnte), arbeiten die beiden Journalisten einfach ihren Fragenkatalog ab und wechseln ansatzlos zum vom Konkurs bedrohten Spital Wetzikon.

Abgehakt, nächstes Thema: Rickli for Bundesrat? Muss man solche Worthülsen wirklich dem gepeinigten Leser servieren? «Ich habe nie gesagt, dass ich das Bundesratsamt anstrebe. Das tue ich auch jetzt nicht.» Ungeschoren kommt sie auch mit der verklausulierten Fortsetzung davon, mit der sie im Prinzip ihre Kandidatur anmeldet: «Sollte Bundesrat Parmelin eines Tages zurücktreten, würde ich mir das zum gegebenen Zeitpunkt allenfalls überlegen

Im vorherigen Artikel hat ZACKBUM die Arbeit von «Inside Paradeplatz» zum Thema gewürdigt, insbesondere auch die Kritik am mangelhaften und fragwürdigen Verhalten von Rickli. Wieso kommt hier beim Tagi nichts davon zur Sprache?

Es ist natürlich möglich, dass Rickli als gewiefte Politikerin Bedingungen für das Interview stellte, es ist möglich, dass sie oder ihre Kommunikationsabteilung beim Autorisieren kräftig den Weichspüler auf den Text gossen.

Wäre das so, hätte das der Tagi offenlegen – oder am besten auf die Publikation dieses Tiefpunkts in der Geschichte des Interviews verzichten müssen. Alleine das Schamgefühl hätte die beiden Autoren dazu veranlassen sollen, dringlich davon abzuraten, diese Selbstbeweihräucherung einer überforderten Politikern zu publizieren.

Aber eben, im heutigen Elendsjournalismus ist das Elend der Normalfall geworden.

Scheiss drauf

Ohne Rückgrat schreibt und lebt es sich bei Tamedia einfacher.

Wenn Oberboss Pietro Supino seine Meinung äussern will, dann tut er das. Trennung von Verlag und Redaktion? Scheiss drauf. So weibelte er für die Ablehnung des Referendums, das den Verlegerclans die schon sicher geglaubte Steuersubventionsmilliarde vor der Nase wegzog.

Trennung von Verlag und Redaktion? Aber doch nicht, wenn Supino 17’000 A verwendet, um zu erklären, dass die SRG auch mit 200 Franken ihre Aufgaben erfüllen könne. Hingegen sei der «Ausbau der indirekten Presseförderung von existenzieller Bedeutung für die Zukunft der gedruckten Zeitung».

Nachtigall, ick hör dir trapsen, sagt da der Berliner; welche Uneigennützigkeit. So hat Tamedia auch als einziger Grossverlag das Abkommen des Schweizer Verlegerverbands mit der SRG nicht unterzeichnet. Ein Schmierentück; klare Ablehnung der Initiative gegen minimale Zugeständnisse der SRG. Wobei natürlich die angeschlossenen Redaktionen völlig frei in ihrer Meinungsbildung sind.

Es darf gelacht werden.

Tamedia hingegen hat klare Prozesse, wie es mit einer Positionierung bei politischen Abstimmungen abzulaufen hat. Dem ist Nick Lüthi auf persoenlich.com nachgegangen. Denn nicht nur ihm fiel auf, dass der Tagi zur SRG-Initiative ein «Pro & Kontra» veröffentlichte. Das passiert normalerweise, wenn in der Redaktionen geteilte Meinung herrscht.

Laut Lüthi ergab aber die interne Abstimmung, dass die Redaktion in diesem «demokratischen Verfahren» mit 20 zu 2 Stimmen gegen die Initiative ist. Was ja bei der Linkslastigkeit keine Überraschung ist.

Die besteht aus etwas ganz anderem, wie Lüthi schreibt: «Das wäre ein klarer Fall für einen Nein-Kommentar gewesen. Doch Chefredaktorin Raphaela Birrer ergriff daraufhin das Veto und übersteuerte kraft ihres Amtes das übliche Vorgehen.»

Scheiss drauf, oder vornehmer formuliert: Birrer wolle «der speziellen Rolle als Branchenmitbewerberin gerecht werden». Was immer dieses Geschwurbel bedeuten mag. Birrer selbst verfasste übrigens den Kontra-Initiative-Kommentar, Kollege Andreas Kunz durfte sich dafür ins Zeug legen.

Damit aber nicht genug. In ihrem Beritt darf Birrer das. Und die Reaktion kuscht natürlich, Arbeitsplatzsicherung statt Haltung. Der erhobene Zeigefinger der moralischen Forderungen wackelt nur gegen aussen.

Aber erstaunlicherweise entschied sich auch die «Basler Zeitung», die «Berner Zeitung» und der «Bund», dieses Pro & Kontra zu bringen. Eben nach der Devise: scheiss drauf, wenn auch deren Redaktionen das anders sehen.

Das taten die Blätter selbstverständlich völlig freiwillig und in der Wahrnehmung ihrer speziellen Rolle oder so. Lüthi behauptet aber: «Angestellte der Berner Redaktion berichten gegenüber persoenlich.com von Druck des publizistischen Leiters. Simon Bärtschi habe gefordert, nicht nur einen Nein-Kommentar zur Halbierungsinitiative zu publizieren, sondern auch eine befürwortende Stimme. Bärtschi verfügt anders als Raphaela Birrer über Weisungsbefugnisse gegenüber den regionalen Tamedia-Redaktionen

Das war dann sicherlich ein weiterer Beitrag zur Qualitätssicherung dieser publizistischen Leiter nach unten.

Trifft das alles zu, dann sieht es mit der demokratischen Mitbestimmung bei Tamedia so aus: die Redaktion darf gerne demokratisch abstimmen. Das Resultat wird selbstverständlich respektiert. Wenn es mit der Meinung des Big Boss Supino übereinstimmt. Sonst gilt: scheiss drauf.

Während aber Tamedia-Redaktoren (und Redaktorinnen und everybody beyond) nicht müde werden, allen und jedem von überlegen rechthaberischer Warte aus die Einhaltung von Benimm- und anderer Regeln einzufordern und unablässig der ganzen Welt Zensuren zu erteilen, notfalls Besserung zu verlangen und sich über Fehlverhalten zu echauffieren, herrscht hier ängstliches Schweigen.

Einzig sichtbarer Protest war das Ansteigen des Alkoholkonsums in der Helvti und anderen Lokalen rund ums Glashaus an der Werdstrasse. Sowie in den einschlägigen Beizen in Basel und Bern.

Tamedia antwortete auf einige präzise Fragen von ZACKBUM mit einem allgemeinen Statement:

«Publizistische Leitung und Chefredaktoren tauschen sich regelmässig zu inhaltlichen Themen aus. Insbesondere im Vorfeld solch relevanter Abstimmungen mit derlei Tragweite für die ganze Medienbranche. 
Die Tamedia-Titel stehen für eine ausgewogene Berichterstattung mithilfe derer sich unsere Leserschaft ihre eigene Meinung bilden kann.
Der Tages-Anzeiger ist mit den überregionalen Themen unsere Mantelredaktion für die anderen Deutschschweizer Titel. Den Titeln steht es frei, diese Inhalte zu übernehmen oder nicht. Im Zusammenhang mit der Halbierungsinitiative hat sich die publizistische Leitung für die Übernahme des Formats «Pro & Kontra» ausgesprochen. Verleger und VRP-Präsident Pietro Supino war in dieser Diskussion nicht mit involviert.»

 

Brechreiz

So lässt sich die Berichterstattung über Crans-Montana beschreiben.

Täglich fragt der Chefredaktor: was haben wir als Nachzug? Bei den Klickraten müssen wir unbedingt nachlegen.

Und so schaut’s dann beim «Blick» aus:

Dann hätten wir noch das hier:

Wer sagt da, dass «Blick+» keinen Mehrwert böte.

Noch etwas Olfaktorisches.

Schliesslich der klassische Nachnachnachzug:

Natürlich macht auch das Blatt der Qualitätsberichterstattung fleissig mit:

Gleich eine eigene Rubrik gönnt der Tagi dem Inferno, der Katastrophe.

Auch «20Minuten», obwohl nur noch digital, macht weiter mit. Allerdings eher im unteren Bereich der Homepage:

Hier ist’s die «Katastrophe», bzw. die «Silvester-Katastrophe», und E-Promi Yara Buol darf sich über Gratis-Werbung freuen.

Auch in die heiligen Hallen der alten Tante findet die «Brandkatastrophe» weiterhin Eingang:

Da capo, findet die NZZ, wozu hat man denn ein abgebrauchtes Symbolbild:

Die Lieblingsformulierung des kritischen Journalismus à la Falkenstrasse: «… wirft erneut Fragen auf».

«Inside Paradeplatz» hingegen zeigte und zeigt, was ein kritischer Ein-Mann-Journalismus auf einem Gebiet, das nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört, leisten kann. Dagegen wirkt die Konkurrenz ermattet und schlapp.

Es gäbe noch ein paar Nachzüge, auf die wir sehnlichst warten:

Eine Leiche erzählt

Exklusiv: jetzt redet das Feuer

Bei welcher Temperatur schmelzen auch Zähne?

Überlebenstipps in 1000 Grad

Was sollte man bei einem zukünftigen Barbesuch beachten

Darf man den Anmachspruch noch verwenden: hast du mal Feuer?

ZACKBUM fügt ermattet hinzu: wenn wir nochmal das Wort «unfassbar» hören oder lesen, bekommen wir einen Blutrausch.

Serientäter

ZACKBUM möchte vom Tagi lassen. Aber der lässt es nicht zu.

Das Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) nennt es «News-Deprivation». Und die nehme immer mehr zu. Bereits 46 Prozent der lesefähigen Bevölkerung der Schweiz informiere sich nicht mehr über die klassischen Newsquellen.

Eigentlich heisst das News Avoidance, aber das FÖG ist nach dem Tod von Kurt Imhof auch nur noch eine Schatten seiner selbst. Denn Deprivation ist natürlich gaga: das bezeichnet den Zustand der Entbehrung, des Entzuges, des Verlustes oder der Isolation von etwas Vertrautem sowie das Gefühl einer Benachteiligung.

Auf jeden Fall bemüht sich Tamedia nach Kräften, diese Zahl zu steigern. Mit einer unbekömmlichen Mischung aus Alarmismus, Rechthaberei, erhobenem Zeigefinger, Selbstbetrachtung und Abkehr von klassischem News-Journalismus.

Michael Marti fragt sich im Tagi völlig zu recht: «Wer sich also vor den News-Deprivierten gruselt, sollte sich zuerst fragen und dann verstehen, wovor viele dieser News-Deprivierten sich gruseln.» Allerdings vermeidet er tunlichst die naheliegenden Antwort: vor dem Tamedia-Journalismus.

Die Sopranistin Netrebko singt im Opernhaus? Ja schon, aber weil ein verlorenes Dutzend ein paar ukrainische Flaggen schwenkt, kam es dabei angeblich zu Misstönen. Ganz abgesehen davon, dass sich die Primadonna assoluta angeblich nicht deutlich genug von Putin und dem Ukrainekrieg «distanziert» habe. Unglaubliches Kulturbanausentum.

Dann der Alarmismus:

Marc Brupbacher, ehemals bekannt als Corona-Kreische und Beschimpfer von Bundesräten, hat umgesattelt. Klima ist schliesslich nachhaltiger als so ein flüchtiges Virus.

Der ehemalige Bundesrat Ueli Maurer gehört zu den Lieblings-Watschenmännern des Tagi. Kaum hat eine reingekriegt, weil er den Leonhard-Kreis präsidiert, der für Meinungspluralismus eintritt (was ist das, fragt sich fassungslos der Tagi-Redaktor, es gibt doch nur eine Meinung, nämlich die richtige, also meine), bekommt er schon wieder einen Kübel Häme übers Haupt geschüttet:

Für Tagi-Redaktorin Nicoletta Gueorguiev, eine Allzweckwaffe («Disney einigt sich im Rechtsstreit mit US-Schauspielerin Gina Carano», oder «Walliser sollen ihre Weihnachts­beleuchtung um 1 Uhr nachts abschalten»),wird eine freie Debatte gleich mit «umstritten» gelabelt. Obwohl Streit doch der einzig sichere Weg zu neuer Erkenntnis ist.

Sie beschwert sich: «Weder auf der Website noch im Programm ist indessen ersichtlich, welche Beiträge wissenschaftlich fundiert sind und welche nicht.» Bevor sie solche unfundierte Beschwerde erhebt, sollte sie sich vielleicht mal informieren, was man unter «wissenschaftlich fundiert» versteht. Nämlich Beobachtung, Experimente, Datenerhebung, Hypothesenbildung, Überprüfung und Veröffentlichung in Fachkreisen.

Dazu ein Beispiel: wenn der Tagi behauptet, er  betreibe «Qualitätsjournalismus», möchte ZACKBUM mal gerne eine wissenschaftlich fundierte Beweisführung dafür sehen. Sonst muss man das zumindest als «umstritten» bezeichnen …

Dann kommen wir zur Abteilung «wenn Wünsche wahr werden sollen»:

Meint Claudia Franziska Brühwiler. Angeblich «die meistgesuchte Forschende der HSG». Allerdings mit eher spärlichen Veröffentlichungen, während sie auch für den Tagi zu zu «den profiliertesten USA-Kennerinnen der Schweiz» gehöre. Was sie von Fehlprognosen aber noch nie abgehalten hat.

Dann hätten wir noch die Pflege von Randgruppenproblemen:

Wie viele lesbische Paare es in der Schweiz gibt und wie viele von ihnen vor diesem Problem stehen, ist schwer eruierbar. Im Jahr 2022 haben rund 350 lesbische Paare geheiratet. Wie viele das mit einem Kinderwunsch verbinden? Alle? Die «Ehe für alle» trat am 1. Juli 2022 in Kraft. Nehmen wir an, dass es seither 1000 Heiraten gab. Selbst wenn alle diese Paare einen Kinderwunsch verspürten und per Adoption befriedigen wollen, so wären das rund 0,01 Prozent der Wohnbevölkerung …

Schliesslich noch ein Beitrag zu «die Welt ist schlecht und wird immer schlechter»:

Woher kommt diese Zahl, wie wird sie eruiert, wie verlässlich ist sie? Alles journalistische Fragen, auf die das Qualitätsorgan Tagi nur rudimentäre Auskünfte erteilt. Bzw. einfach abschreibt, was die NGO «Save the Children» behauptet. Diese Organisation ist auf vielen Gebieten in schwerer Kritik, interner Kultur, Führungsstruktur, Kommunikation und politischer Stellungnahme. Plus wie meist bei solchen NGO die Saläre der Führungsschicht. Aber das soll doch eine knackige Schlagzeile nicht kaputtmachen.

Das ist von einem beliebigen Tag das gesammelte Bemühen von Tamedia, den Leser davon zu überzeugen, dass es rausgeschmissenes Geld ist, dafür auch noch etwas zu bezahlen. Ausser natürlich für Masochisten, Anhänger einer strengen Belehrung oder für Menschen, die gerne testen wollen, ab wann sie depressiv werden.