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Schlagwortarchiv für: Selenskyj

René Zeyer

Sergei Gerasimov, der grosse Warner

26. September 2026/18 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Der ukrainische Schriftsteller darf sich in der NZZ austoben.

Mit seinem «Kriegstagebuch aus Charkiw» und weiteren Stücken schafft er es seit Februar 2022 auf rund 540 Meinungsartikel in der alten Tante.

Dass er nicht ganz objektiv in seinen Beschreibungen ist, versteht sich von selbst. Dass sich aber sein hemmungsloses Geschimpfe immer wieder unkommentiert über den Leser ergiesst, ist für ein Qualitätsorgan wie die NZZ unverständlich.

Schon im Juli 2022 schrieb er, es gebe «nur einen Weg», Russland müsse militärisch besiegt werden, Putin und seine «Vasallen» müssten vor Gericht gestellt werden. Selenskyj hingegen sei eine Lichtgestalt, «ehrlich, selbstlos, freundlich, tapfer, leidenschaftlich» und selbstverständlich «nicht korrupt». 2025 legte er noch nach, dass der ehemalige Schauspieler inzwischen ein Krieger geworden sei, er allein könne Putin besiegen.

Im Oktober 2025 sah er bereits «die Konturen eines ukrainischen Sieges Gestalt annehmen», neuen Raketen und Drohnen habe «Russland schlichtweg nichts entgegenzusetzen».

Da erhebt sich doch die Frage, wieso die NZZ dermassen häufig einen ukrainischen Propagandisten umfangreich das Wort erteilt, der zwar sicher als Augenzeuge und Schriftsteller seine Meriten, aber als politischer oder gar militärischer Analytiker nicht mal das Format eines Georg Häsler hat.

In seinem neusten Stück echot er eine neue Angstthese, der interessanterweise auch Roger Köppel auf seine Art anhängt: «Werden die Russen bald auch Europa angreifen? Das weiss niemand, doch einiges spricht dafür».

Mit sehr viel schriftstellerischer Fantasie zieht er eine Parallele zwischen drei Ereignissen. Nie fehlen darf da der Molotov-Ribbentrop-Pakt von 1939, mit dem sich Hitler-Deutschland und die UdSSR Polen und andere osteuropäische Länder untereinander aufteilten.

Dann eine kleine Zeitreise zum Besuch des ehemaligen CIA-Direktors William Burns Anfang November 2021 nach Moskau. Da sei die Kriegsgefahr schon unübersehbar gewesen, dazu ein schriftstellerisches Bild:

«Derweil vegetierten wir wie sanftmütige pflanzenfressende Dinosaurier vor uns hin, ohne zu ahnen oder zu realisieren, dass eine Apokalypse im Begriff war, über uns hereinzubrechen.»

Und nun reiste der CIA-Chef John Ratcliffe zu Gesprächen mit Putin nach Moskau. Schlussfolgerung Gerasimov: «Es gibt dieses unablässige schleichende Gefühl, dass etwas Böses auf uns zukommt. Dieses Gefühl überkommt mich immer, wenn jemand seine Absicht bekundet, mit Putin zu verhandeln.»

Das beschleicht einen besonders dann, wenn man Koinzidenz mit Kausalität verwechselt.

Putin sei obsessiv von der Idee beherrscht, als sein Vermächtnis unbedingt die Ukraine erobern zu müssen. Und dann wird Gerasimov zur Kassandra: «Es sei denn, er entfacht noch einen weit grösseren Krieg gegen Europa. Dabei werden ihn kurze Besuche von CIA-Direktoren nicht aufhalten.»

Anschliessend wird er wieder literarisch: «Der Mann glaubt wirklich an seine eigene Mythologie und trägt seine Ideen so, wie Maxim Gorkis Danko sein brennendes Herz trug.» Eine der absurderen Geschichten des grossen sowjetischen Schriftstellers über einen Helden, der im dunklen Wald sein eigenes Herz aus der Brust riss, um seinen Leuten mit seinem Leuchten den Weg hinaus zu weisen. Anschliessend stirbt Danko. Das hat natürlich grosse Ähnlichkeiten mit Putin.

Damals, will uns der Dichter sagen, grasten die Ukrainer friedlich wie Dinosaurier, während sich der Meteor Putin bereits näherte. Und heute? «Friedliche europäische Dinosaurier blicken mit einem vagen und zerstreuten Unbehagen zum Himmel hinauf und senken dann ihre langen Hälse, um weiter zu grasen.»

Das ist alles von überschaubarer analytischer und literarischer Qualität, so als Dinosaurier beurteilt. Aber aus unerfindlichen Gründen hat die NZZ einen Narren an Gerasimov gefressen. Die Frage ist nur, wer da der Narr ist.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/09/Bildschirmfoto-2026-09-25-um-12.57.32.png 421 1037 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-09-26 05:00:292026-09-25 15:15:58Sergei Gerasimov, der grosse Warner
René Zeyer

Somms Sturzflug

13. Juli 2026/9 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Der Mann hat noch Potenzial. Nach unten.

Lässt sich «Amerika, wir danken Dir!» noch unterbieten? Das ist nicht einfach. Dafür muss man völlig skrupellos, schmerzfrei, losgelöst von der Wirklichkeit und vor allem schamfrei sein. Also ein Markus Somm. Der hat bekanntlich auch schon gefordert, dass im Ukrainekrieg endlich mal Moskau bombardiert werden solle. Selenskyj, der vor Bräunlichem in der Geschichte der Ukraine nicht zurückschreckt, hat ihm den Gefallen getan.

Also wendet sich Somm einem anderen Schlachtfeld zu und zeigt, dass sich Kriegsgurgel Häsler in der NZZ noch steigern lässt. Wieso allerdings in der «SonntagsZeitung» alle Sicherungen durchgebrannt sind, bleibt Arthur Rutishausers süsses Geheimnis.

Denn man muss schon den Titel zweimal lesen und dann den folgenden Text, um sich zu vergewissern, dass es sich hier nicht etwa um eine Art abseitigen Humor oder bitterböse Satire handelt. Nein, dem Mann ist das offenbar ernst:

«Selbstredend, was blieb ihm anderes übrig, erklärte Trump den Waffenstillstand für beendet, und um seine vielen Worte, an deren widersprüchliche Diversität und verkürzte Halbwertszeit wir uns mittlerweile gewöhnt haben, auch mit Taten zu unterlegen, liess er wenige Stunden später den Iran wieder bombardieren.»

Selbstredend? Das hat was, irgendwie scheint es, dass etwas in Trump von selbst redet. Allerdings mit gespaltener Zunge. Einmal sind die Führer in Teheran intelligente Leute, mit denen sich verhandeln und ein Deal machen lässt, Dann wiederum sind sie «Abschaum und Lügner». Bloss, weil sie den angeblich grossartigen Dealmaker im Weissen Haus über den Tisch gezogen und vorgeführt haben.

Das quittiert Somm doch tatsächlich – da flimmert selbst der Bildschirm in stummem Protest – mit:

«Gott sei Dank!»

So wie die fundamentalistischen Wahnsinnigen im Iran meinen, im Sinne und Namen Allahs zu handeln, beruft sich der frühere Atheist (denn als Trotzkist konnte man kaum gläubig sein) doch tatsächlich auf den christlichen Gott und bedankt sich bei ihm dafür, dass Präsident Trump wieder Ziele ins Iran in die Luft jagen lässt. Gott sei Dank, dass es endlich wieder Tod und Zerstörung gibt.

«Deus vult» – Gott will es – soll die Menge gerufen haben, als Papst Urban II. 1095 zum ersten Kreuzzug aufrief, zum ersten Blutbad im Nahen Osten, bei dem die beteiligten gläubigen Christen anschliessend direkt in den Himmel kommen sollten. Ob der Historiker Somm das weiss? Man zweifelt, wie überhaupt an fast allem bei ihm.

Als sei er selbst über diesen gotteslästerlichen Spruch erschrocken, kokettiert er anschliessend: «Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich bin kein Freund des Krieges, ich verabscheue Gewalt, ich hasse den Tod». Er hasse den Tod? Interessant, da wird der Tod aber schön beleidigt und betupft sein. Aber das ist ja auch nur das Feigenblättchen vor der Fortsetzung:

«und dennoch war es höchste Zeit, dass Trump wieder auf die Erde zurückkehrt – nach seinem Trip ins Nirwana des Pazifismus. Nur Krieg bringt im Nahen Osten den Frieden. Mit den iranischen Mullahs kann man nicht verhandeln.»

Nirwana des Pazifismus, sagt der Renegat und ehemalige Unterstützer der GSoA. Dann wird es wirklich ganz kurios: «Sie sagen das eine, tun das andere, sie lügen in kürzeren Abständen, als sie atmen.» Das schleudert Somm in Richtung der Mullahs, aber träfe das nicht genauso auf denjenigen zu, für dessen Tun sich Somm bei Gott bedankt?

Aber er hat noch mehr absolut Absurdes auf Lager: «Ein Regime, das auf Lüge und Gewalt beruht, kann nicht anders als zu lügen und Gewalt anzuwenden. Fragen Sie Adolf Hitler, er weiss, wovon ich spreche.» Ähm, ob man Somm schonend beibringen sollte, dass Hitler sogar noch toter als Elvis Presley ist?

Aber das ist höchstens ein Zwischenstopp auf dem unaufhaltsamen Weg nach ganz unten: «Wer den Macho aus Queens so vor aller Welt vorführt, muss sich nicht wundern, wenn dieser ihm eine Bombe an den Kopf wirft. Meine Prognose: Trump wird keinen richtigen Krieg mehr auslösen, sondern je nach Tagesform ein paar Bomben schicken, dann wieder etwas verhandeln, schliesslich wieder Bomben und Blockaden, bis das Regime zerbricht – ohne dass er sich diese Taktik allzu ausführlich zurechtgelegt hätte.»

Ach so, das ist also Trumps Masterplan, den bislang nur ein Einziger durchschaut hat. Er hat auch, Allah sei Dank, einen guten Ratschlag fürs iranische Regime zur Hand. Es sollte «alles tun, um dieses Abkommen in trockene Tücher zu bringen». Aber, offenbar ist weder Allah noch Gott mit denen: «Sie tun es nicht. Warum? Siehe oben. Es fängt mit dumm an und hört mit arrogant auf.»

Äh, was fängt denn mit dumm an und hört mit arrogant auf? Ausser einer Sonntagskolumne? Für die Iraner sei Trump ein «Satan ohne Stamina», geistreichelt Somm, also ein Teufel ohne Ausdauer. Dann verlässt ihn aber Gott sowie Sinn und Verstand: «Gibt es inzwischen in der amerikanischen Hölle nicht auch Airconditioning?»

Das mag verstehen, wer will und kann. Aber auch für Gottesdanker Somm ist mal Ende Gelände mit der Kolumne, also husch, husch noch einen letzten Aberwitz: «Kurz, sie wissen nicht, was sie tun. Und Trump? Mag sein, dass er es auch nicht weiss».

Was weiss Somm selbst denn nicht? Das hier: «doch wie es der britische Staatsmann Winston Churchill einmal ausgedrückt hat: Amerika tut immer das Richtige, nachdem es alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft hat». Ein schönes Bonmot mit einem klitzekleinen Fehler: das wird zwar Churchill zugeschrieben, nachweislich gesagt hat er es aber nicht. Also ein Fake Zitat.

Wenn diese Kolumne auch am besten ungesagt und ungeschrieben geblieben wäre, das wäre wahrhaft ein Grund, sowohl Gott wie Allah zu danken.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/07/Bildschirmfoto-2026-07-12-um-22.15.38.png 322 804 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-07-13 05:00:462026-07-12 22:58:03Somms Sturzflug
René Zeyer

Die blinden Massenmedien

19. Juli 2025/5 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Worin unterscheiden sich deutschsprachige Mainstreammedien von Rodong Simun?

Zunächst einmal dadurch, dass die Parteizeitung ihre Auflage geheim hält. Und dass es in Nordkorea schwierig und gefährlich ist, sich anderer Informationsquellen zu bedienen.

Aber es gibt mindestens vier Themenbereiche, bei denen wenn schon nur alternative Nachrichtenquellen helfen, wenn man nicht die einzementierten Narrative und Framings der Mainstreammedien auf Deutsch sich ins Hirn hämmern lassen will.

  1. Ukraine/Russland

    Es ist Konsens: der russische Präsident Putin ist ein autokratisch regierender Verbrecher, höchstwahrscheinlich verrückt, der über ein korruptes Staatswesen regiert, durch Pseudowahlen an die Macht gekommen ist und aus reiner Paranoia die ständige Osterweiterung der NATO als Bedrohung seines Traums empfindet, das sowjetische Imperium wiederherzustellen.
    Dass die Ukraine fast ebenso korrupt ist, Milliarden westlicher Hilfslieferungen versickern oder Anlass zur Bereicherung bieten, dass Präsident Selenskyj, nachdem er von einem Oligarchen finanziert an die Macht kam, längst überfällige Wahlen per Kriegsrecht verhindert, nach Belieben seine Regierung und führende Militärs auswechselt, mit Pressezensur und Ermordung gegen oppositionelle Kräfte vorgeht – und nicht zuletzt mindestens so korrupt ist wie Putin: mag ja sein, aber er ist der Gute. Dass Hundertausende wehrfähiger Ukrainer nach Europa geflüchtet sind, dort von Sozialleistungen profitieren und gerne in ihrem SUV zwecks Ferien in die Ukraine fahren: Berichterstattung über seine Untaten und solche Auswüchse höchstens als Feigenblatt.

  2. Israel/Gazastreifen

    Die Kriegsverbrechen, die Israel im Gazastreifen begeht, die im Zusammenpferchen der überlebenden Palästinenser in Konzentrationslagern (sagt der ehemalige Ministerpräsident Olmert) enden sollen, aus denen es nur einen Ausweg geben darf; Ausreise ins Nirgendwo: verständliche Überreaktion eines ums Existenzrecht kämpfenden Landes. Angeführt von einem Ministerpräsidenten, der sich verzweifelt an sein Amt klammert, weil er sonst wegen Korruption ins Gefängnis wandern würde.
    Der wider jedes Völkerrecht Syrien, den Libanon und den Iran ohne Kriegserklärung bombardiert. Dessen Minister offen dazu aufruft, den syrischen Präsidenten zu ermorden. Wer das kritisiert, ist, inklusive Olmert, Antisemit: Berichterstattung darüber höchstens als Feigenblatt.

  3. USA/Präsident Trump

    Ein einzelner Mann, verurteilter Straftäter, notorischer Lügner, der eine historisch einmalige Selbstbereicherung betreibt, ist daran, mit einer irrwitzigen Zollpolitik (der Zollstick als neuer Big Stick) die Weltwirtschaft und die Ökonomie der USA ins Chaos zu stürzen. Gleichzeitig unternimmt er planvoll alles, die «checks and balances» auzuhebeln. Die Militärführung ist bereits ausgewechselt, die Gerichte werden verleumdet und entmachtet, die unabhängige Notenbank FED soll unter seine Kontrolle kommen, damit die irrwitzige Neuverschuldung durch Niedrigzinsen und eine Entwertung des Dollar abgefedert werden kann. Die Medien werden systematisch eingeschüchtert.
    Dagegen gibt es zwar massive Kritik all derjenigen Journalisten, die sich an Trump ihr Mütchen kühlen wollen. Aber in der deutschsprachigen Presse nur als oberflächliches Gewäffel, als schulmeisterliche Ratschläge und als untauglicher Versuch, ihn «wegschreiben» («Der Spiegel») zu wollen. Wieso fast die Hälfte der Amis ihn zum zweiten Mal gewählt haben: sind halt bescheuert. Mehr Analyse ist da nicht. Berichterstattung über seine Untaten: höchstens als Feigenblatt.

  4. Sudan und andere «Shit Holes»

    Die Massaker im Sudan mit Hunderttausenden von Toten und Millionen von Vertriebenen. Die Verbrechen der saudischen Diktatur (Ermordung eines Oppositionellen in der eigenen Botschaft, schmutziger Krieg gegen den Jemen), die unzähligen Menschenrechtsverletzungen von Regimes, die dem Westen freundlich gesinnt sind: Fussnoten, wenn  überhaupt.
    Eurozentristisch wird übersehen, dass lediglich eine Handvoll Länder die Sanktionen gegen Russland mittragen. Weil der übrigen Welt die Doppelmoral und Heuchelei des westlichen Lagers, der USA, Englands samt dessen ehemalige Kolonien und der EU unerträglich sind. Rund 180 Länder der Welt sind halt nicht auf unserem zivilisatorischen Stand. Blöd nur, dass die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, China und Südafrika, samt Zugängen) vor allem wirtschaftlich (und auch militärisch) aufholen. Berichterstattung darüber: höchstens als Feigenblatt.

Der mündige Staatsbürger in Europa und auch der Schweiz hätte nun die Möglichkeit, sich mit eigener Anstrengung anderweitig zu informieren. Aber wer hat schon die Zeit und die Energie dafür, wer will sich die Mühe machen, wo doch die Dröhnung der Mainstreammedien ihm handliche, einfache Erklärungen für die Weltlage liefert. Dass die Wirklichkeit diesen terribles simplificateurs immer wieder zeigt, dass solche Holzschnitzereien und Schwarzweissmalerien an der Komplexität der Realität zerschellen: je nun, dafür gibt es dann eine neue, holzgeschnitzte Erklärung. Leicht verdaulich und widerspruchsfrei. Obwohl die Welt voller schreiender Widersprüche ist, deren Darstellung eine interessante journalistische Herausforderung wäre.

Aber genauso, wie die lokale Berichterstattung, weil kostenintensiv, von den modernen Elendsmedien zusammengeholzt wird, findet Auslandberichterstattung in Form von Agenturmeldungen oder von vereinzelten Korrespondenten statt, die von einem festen Wohnsitz aus ganz Lateinamerika, ganz Asien, ganz Afrika, den ganzen Osten bestreichen müssen.

Als ob ein Korrespondent in Oslo in der Lage wäre, die Feinheiten spanischer Separationsbewegungen, der italienischen Innenpolitik oder das Handeln des französischen Präsidenten Macron in aller gebotenen Tiefe darzustellen. Von der Schweizer Innenpolitik, alleine schon aus Deutschland beobachtet, ganz zu schweigen.

Lerne, deinen Verstand zu brauchen, hoffte noch Immanuel Kant, der darin den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sah. Aufklärung ade. Heute gilt der Satz, der Sokrates zugeschrieben wird: Der grösste Irrtum des Menschen ist seine Meinung.

Das gilt natürlich auch für diese Meinung …

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/07/Bildschirmfoto-2025-07-17-um-16.49.37.png 1040 1912 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-07-19 05:00:442025-07-17 21:13:36Die blinden Massenmedien
René Zeyer

Wenn Beat Balzli in den Ferien ist …

19. August 2024/0 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

… dann macht die B-Mannschaft ein B-Blatt.

«Paula und die Kollegen stehen für herausragenden Journalismus», behauptete Balzli. Für das Magazin trifft das schon mal nicht zu, und für das Hauptblatt? Da ist der Ständer des herausragenden Journalismus Daniel Foppa am Gerät. Und hebt gleich mal die Eigentherapiesitzung der Chefredaktorin Paula Scheidt aufs Cover:

Übrigens, die fünf politisch korrekt ausgewählten Menschen haben weiter nichts zu bedeuten. Sie sollen bloss die Frage illustrieren, da das Magazin dafür einen scheusslichen Typotitel wählte. Brr.

Sein Editorial missbraucht der stellvertretende Chefredaktor Foppa für Reminiszenzen an (der lebt noch) Wolf Biermann. Der grösste Wendehals aller Zeiten («Die Erde wird rot, so oder so») drischt inzwischen verbittert auf alles ein, was links ist. Und links beginnt für Biermann knapp neben seinem linken Augenwinkel. Obwohl Biermann mal noch linker als Sahra Wagenknecht war, ist sie für ihn (und für Foppa) inzwischen eine «Linkspopulistin».

Was für ein gehaltvoller Beitrag für die anstehenden Landtagswahlen in Deutschland. Aber immerhin, eine gute Nachricht kann Foppa verkünden: «In dieser Nummer ist zudem die letzte Kolumne von Rolf Dobeli zu lesen.»

Was ist sonst noch zu lesen? «Die Zoomer zeigen ihre Kraft». Ungefähr 90 Prozent der Leser dürfte nicht wissen, was das denn schon wieder ist. Auf jeden Fall spiele es sich in Asien und Afrika ab, ein zweiter Grund, weiterzublättern. Dabei gerät man aber vom Regen in die Traufe:

Das ist vielleicht eine demagogische Illustration; es fehlen eigentlich nur noch die Hörner auf dem Kopf …

Dann «trotzt eine blinde Lehrerin Putin», was mutig und edel von ihr ist, aber vielleicht nicht wirklich eine Seite über die russische Opposition wert.

«Gülle vor Geld», ein geschmackvoller Titel über der Story, dass viele Bauern die Pensionskassen-Reform ablehnen wollen.

Erschütternd dann «Report&Debatte». Aufmacherbeitrag: «Keine Jahreszeit passt so gut zum Zeitgeist wie der Sommer». Die ehemalige Volontärin Gina Bachmann hat wohl ihren Schulranzen wiedergefunden, mitsamt «mein liebes Tagebuch». Pennälergedanken in der NZZaS? Au weia. Schon der Anfang wirkt wie eine kalte Dusche: «Wie wir ins Wasser springen und das Boot hinter uns schaukeln lassen. Wie wir nachts im Garten sitzen und die Fledermäuse über unseren Köpfen zählen.» Neben diesem Schulaufsatz-Anfang hätte der Lehrer notiert: Schwülstig. Und seit wann befinden sich Fledermäuse in einem Garten?

Aber man denkt schnell mit Wehmut an dieses Geschreibsel zurück, denn Patti Basler ist aus den Ferien zurück. Leider. Eine irre Volte macht dann Markus Bernath, der Kriegskorrespondent aus dem sicheren Wien. Er konstatiert, dass die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines wohl tatsächlich von Selenskyj höchstpersönlich angeordnet und von der Ukraine ausgeführt wurde. Peinlich für alle Beteiligten, vor allem für die deutsche Regierung. Aber Bernath weiss Rat und Trost: diese Pipelines hätten «vor allem nie gebaut» werden sollen. Ja dann, fort mit Schaden.

Immerhin, die «Wirtschaft» bringt ein wenig Lesestoff, über den Stellenabbau bei der UBS und über die Schmonzette, dass die Schuhfirma On «seit Jahren gratis Garten und Pool der Schweizer Botschaft in den USA für einen Werbe-Event nutzen darf».

Nicole Kopp, die dem Kolumnentitel «Geld & Geist» Hohn spricht, kümmert sich diesmal um die Frage: «Fühlen Sie sich häufig müde? Vielleicht leiden Sie unter sozialem Jetlag». Nein, nur bei der Lektüre überkommt einen ein Schlafbedürfnis, wie man es sonst nie verspürt.

Und die «Kultur»? Sagen wir so: im Vergleich zur Kultur bei Tamedia ist sie ein gewaltiges Ereignis, grosses Kino. Was aber nicht viel heisst.

Wenn Balzli aus den Ferien zurückkommt, wartet ein ganzer Haufen Arbeit auf ihn. Denn God Almighty Eric Gujer ist nicht bekannt dafür, dass er solchem Hallodri und wildem Treiben und ungenierter Nabelschau allzu lange zuschaut.

 

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/08/Bildschirmfoto-2024-08-18-um-12.13.24-e1723976030172.png 492 705 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-08-19 05:30:132024-08-18 22:31:35Wenn Beat Balzli in den Ferien ist …
René Zeyer

Heiteres Kriegerlis-Raten

17. August 2024/5 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Da guckst du. Was macht denn die Ukraine in Russland?

Nun ist’s doch schon einige Tage her, dass ukrainische Truppen in Russland eingefallen sind. Das brachte vor allem die deutsche Regierung etwas in die Bredouille; weil schon wieder deutsche Panzer in der Nähe von Kursk, das erinnert halt fatal ans letzte Mal, als unter Adolf Nazi die deutsche Wehrmacht hier barbarisch hauste.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass sich die Indizien verdichten, dass die Sprengung der Nordsee-Pipeline von Selenskyj höchstpersönlich angeordnet und von ukrainischen Tauchern durchgeführt wurde. Das geht jedenfalls aus einem profunden Recherchierstück des «Wall Street Journal» hervor. Und das wäre dann nicht nett gegenüber Deutschland.

Aber fast noch schlimmer hat’s alle Kriegsgurgeln und Kommentatoren und Analysten und Besserwisser und Schreibtischgeneräle erwischt. Was soll man von diesem Einmarsch halten? Der Leser erwartet Einordnung und Analyse. Serviert bekommt er Gewäsch:

«Zurzeit sei sehr schwer abzuschätzen, ob diese Operation tatsächlich ein strategischer Erfolg wird, sagt der Militärexperte Georg Häsler in dieser Videoanalyse.» Wo ist nur der zackige Oberst Häsler in der NZZ, wenn man ihn mal braucht.

Auch der ETH-Militärexperte Marcus Keupp «ordnet ein». Unverdrossen, nachdem er schon mal den baldigen Sieg der Ukraine vorhergesagt hatte. Allerdings für den Herbst 2022. Dadurch gewitzt, ist er nun entschieden vorsichtiger geworden und äussert nur noch Brei:

«Die Ukraine führt diesen Krieg als eine Art Testoperation.» Ach was, was wird denn da getestet? «Es gibt kein klares Operationsziel, sondern man versucht eher, Lücken im Gelände ausfindig zu machen.» Und was macht der Russki? «Auch wenn die Russen im Moment ziemlich dilettantisch agieren, wird es ihnen irgendwann schon gelingen, diesen Raum abzusichern.» Raum absichern, das Gummiwort des Tages.

Wie immer völlig sicher in seiner Analyse ist sich der Kriegstreiber am heimischen Herd der «Süddeutschen Zeitung» in München. Der Tagi übernimmt brav, was Stefan Kornelius nicht wieder alles weiss: «Moskau soll sehen, dass es verwundbar ist». Inzwischen hat er auch den Kremlherrscher Putin völlig durchschaut: «Offensichtlich gehört es zu den Mustern des Krieges, dass Putin Muster nicht erkennt.»

Völlig gaga wie immer ist der «Nebelspalter». «Die Ukraine trägt den Krieg nach Russland. Gut so.» Na ja, wenn man einen Chef hat, der schon die Bombardierung Moskaus forderte …

Nur «watson» ist für einmal nachdenklich: «Ukrainer rücken in Russland vor – und haben sich damit womöglich komplett übernommen». Ein Hintertürchen gibt’s allerdings, sollte das nicht der Fall sein: das Zauberwort «womöglich». Und selbst die SDA buddelt etwas im Sandkasten: «Ukraine sieht Kursk als Faustpfand für Friedensverhandlungen.»

Eher fatalistisch gestimmt ist dagegen «20 Minuten»: «Ukraine erobert 1000 km2 Russland – und wartet auf Putins Rache». Und «Cash» schliesslich weiss: «Krisensitzung in Moskau: Putin will endlich Ruhe an neuer Front von Kursk».

Ruhe, wer will das nicht. Der Leser will vor allem seine Ruhe vor all diesen Kommentatoren, die doch Mal für Mal nichts anderes zeigen als: sie haben keine Ahnung. Sie können nichts vorhersehen. Ihre Analysen haben eine Halbwertzeit von einer Flasche Wodka bei einem russischen Umtrunk. Niemand von ihnen hat mit der Möglichkeit gerechnet, dass die Ukraine die Grenze zu Russland überschreitet.

Keiner ist in der Lage, die möglichen Folgen aufzuzählen. Ein Debakel nach dem anderen. Nach wie vor ist völlig unklar, wie sich diese Lage weiterentwickeln wird. Genauso unklar, wann es endlich zu Friedensverhandlungen kommen wird. Denn nur völlig verblendete Kriegsgurgeln rechnen ernsthaft damit, dass die Ukraine Russland zurückschlagen oder gar besiegen könnte.

Wer Sieger wird, steht in den Sternen. Nur die Verlierer sind längst bekannt. Die ukrainischen und russischen Soldaten. Die Zivilbevölkerung. Und der Leser, der sich solchen Quatsch und solches Gequassel anhören muss. Muss? Muss er eben nicht …

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/08/Bildschirmfoto-2024-08-16-um-18.51.36.png 414 843 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-08-17 05:30:102024-08-17 13:21:21Heiteres Kriegerlis-Raten
René Zeyer

Die Orbán-Festspiele

12. Juli 2024/22 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Wenn es keine Checks and Balances gibt …

Die «Weltwoche» bietet normalerweise einmal wöchentlich mehr Brainfood als Tamedia oder CH Media die ganze Woche hindurch.

Umso bedauerlicher, wenn mal wieder keiner den Besitzer, Verleger, Herausgeber, Chefredaktor und Tausendsassa Roger Köppel einfangen kann.

Der durfte bekanntlich als Journi-Groupie den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán begleiten. Von Budapest nach Kiew und zurück, dann nach Moskau und zurück. Nach Peking und nun in die USA fliegt Orbán dann alleine; Köppel muss erst mal öffentlich verdauen, was er alles erlebte.

Also quillt die WeWo online und im Print über vor Orbán. «Friedensmission 4.0», sülzt Urs Gehriger. «Kriegsgezeter gegen Orbán», zetert Köppel. «Russland, der Westen und das Völkerrecht: im Ukraine-Krieg haben alle Konfliktparteien die Uno-Charta gebrochen», sekundiert Michael von der Schulenburg.

«Orbán führt Cassis und die EU vor», schulmeistert wieder Köppel. Oder schlicht und einfach: «Orbán ist ein Held». Natürlich lässt sich nicht nur Orbán seins massieren, auch Köppel selbst steht seinem Mitarbeiter Roman Zeller und dessen überkritischen Fragen Red und Antwort.

Während sich Köppel nicht einkriegt: «… wirbelt für den Frieden durch die Welt … unbeirrt stürmte Orbán weiter … die Berichterstattung über Orbáns Friedensreisen ist peinlich für den Journalismus … zum Glück rettet wenigstens einer noch die Ehre Europas. Gott sei Dank gibt es einen wie Orbán».

Der Friedensnobelpreis wäre wohl fällig, wenn auch eigentlich zu klein als Wertschätzung.

Neun Seiten plus eine Seite Editorial, satte 47’000 A füllen die Print-Ausgabe der WeWo, wo mal wieder niemand dem Schnell- und Vielschreiber Köppel erklären konnte, dass in der Kürze die Würze liege. Und niemand traute sich, ihm das Zitat von Joachim Friedrich vorzuhalten: «Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.»

Natürlich ist die übrigen Journaille grün und blau vor Neid, dass es Köppel gelungen ist, sich auf den Schoss von Orbán zu setzen. Natürlich ist es speziell, dass ein mit allen Wassern gewaschener Politiker einen Journalisten so nahe an sich ranlässt. Das tut er allerdings nur, weil Orbán ein guter Menschenkenner ist und schnell gemerkt hat, dass Köppel in seiner ewigen Suche nach einer Vaterfigur ein neues Objekt seiner Begierde gefunden hat.

Hymnische Verklärung, stolzgeschwelltes «es wurde Geschichte geschrieben, und ich war dabei», der Provokateur Köppel erkennt sich im Provokateur Orbán wieder. Orbán weht im In- und Ausland eine steife Brise entgegen, auch das ist Köppel nicht unbekannt. Orbán ist von sich, seiner Mission und der Richtigkeit seiner Ansichten und Handlungen überzeugt – wie sein eineiiger Zwilling Köppel.

Wird von diesem «Wirbel für den Frieden» etwas Nennenswertes übrigbleiben? Mehr als Orbán mit ernstem Gesicht mit Selenskyj, mit Putin, mit Xi, demnächst noch mit Trump? Natürlich nicht. Mit Belustigung werden die wirklich Mächtigen der Welt huldvoll Orbán empfangen haben. Nachdem sie sich zuvor schlau machten: wer ist das schon wieder? Ach so, Ungarn, 177 Milliarden US-$ BIP, weit hinter Tschechien, mit 27’000 Euro pro Kopf weit unter dem EU-Durchschnitt von 35’500 Euro, Staatsdefizit 4,5 Prozent, rund 9,6 Millionen Einwohner. Nur damit der Schweiz vergleichbar (BIP 818 Milliarden US-$, pro Kopf 93’200 US-$).

Also ist sozusagen ein Fünftel Schweiz durch die Welt gedüst. Niemand braucht Ungarn wirklich, niemand würde es vermissen, niemand zuckt zusammen, wenn Orbán richtig böse würde, niemand nimmt ihn wirklich ernst, auch wenn er EU-Ratspräsident ist. Denn die EU nimmt auch niemand wirklich ernst, zerstritten und handlungsunfähig und dysfunktional wie sie ist.

Abgesehen davon unternimmt Orbán seine Welttournee ohne Abstimmung mit oder Unterstützung durch die EU. «I come in peace» heisst ein wunderbares Lied von Joe Cocker selig, das er in seinen späten Jahren grossartig mit einer Wunderband einspielte. Statt all das WeWo-Geschwurbel zu lesen, sollte man sich zurücklehnen, die Lautsprecher auf volle Dröhnung stellen – und geniessen.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/07/Bildschirmfoto-2024-07-11-um-19.31.12.png 578 795 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-07-12 06:00:362024-07-12 08:55:28Die Orbán-Festspiele
René Zeyer

Orbans Schatten

10. Juli 2024/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Wie nahe darf ein Journalist einem Politiker kommen?

Roger Köppel ist gerne Fan. Das hat etwas Jugendliches, manchmal auch ein wenig Infantiles. Und manchmal wird es echt gefährlich für ihn und sein Blatt.

In jüngster Zeit fant Köppel für den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Der sei schlichtweg «ein Held». Dafür darf Köppel ihn ausführlich interviewen. Mit ihm zu Selenskyj nach Kiew reisen. Mit ihm nach Moskau zu Putin reisen. Leider musste Köppel aber bei Orbáns Reise nach Peking und nach Washington zu Hause bleiben.

Aber das tut der Bewunderung keinen Abbruch. Auch Philipp Gut, der Mann fürs grobe Nachbearbeiten, darf nacheifern: «Orbán als Vorbild für die Schweiz und die EU».

Dass Köppel reflexartig Russland verteidigt, wohlan. «Russland dementiert Angriff auf Kinderspital», vermeldet er in seinem «Weltwoche daily». Beweis, Beleg, Begründung? Wozu auch.

Bei Orbán gerät Köppel richtig ins jugendliche Schwärmen: «Eine schwarze Wagenkolonne, zwei Dutzend schwerbewaffnete Elitesoldaten und zwanzig Stunden Fahrt durch die Landschaften der Ukraine: Meine Reise mit Europas neuem Ratspräsidenten Viktor Orban zu Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Kiew.» Wow, und er durfte mitfahren, Wahnsinn. Mit dem «Glücksfall für Europa». Mit der «Alternative für Europa». Mit der Alternative für alternativen Journalismus, wo der animierte Chefredaktor mit bübischen Grinsen aus dem Innern des Kreml berichten darf, nachdem er zuvor die blitzblanken Strassen Moskaus gelobt hat, soweit er das aus der Limousine beobachten konnte.

Lohn der Mühe: «Viktor Orbán in Moskau: Das erste Interview nach dem Putin-Gipfel». Denn Köppel durfte nicht nur in der schwarzen Wagenkolonne mitfahren, er durfte auch neben dem Ministerpräsidenten im Flieger sitzen.

Der Ministerpräsident kann sicher sein, dass er mit keiner kritischen Frage belästigt wird. Dieses Privileg genoss auch schon Wladimir Solowjow. Der «Superstar des russischen Politfernsehens» durfte in der WeWo ungebremst einen Unsinn nach dem anderen raushauen:

«Ich bin die reinste Form eines Journalisten … Ihr (Europäer, Red.) tut uns leid … Europa führt wieder einmal Krieg gegen Russland, zum dritten Mal seit Napoleon und Hitler … Wir sagten Selenskyj, er solle aufhören, Menschen zu töten. Dann begannen wir unsere begrenzte militärische Operation … Gemäss den Verträgen, die wir unterzeichnet haben, war das zu 100 Prozent legal … Alles, was wir tun, tun wir auf der Grundlage des Völkerrechts, auf der Grundlage von Verträgen … Es spielt keine Rolle, wie lange es dauert. Wir werden gewinnen.»

All das hat bei Köppel leider Tradition. Genau in der Woche, als Präsident Putin seinen Überfall auf die Ukraine begann, liess ihn Köppel als den «missverstandenen» Friedensengel abfeiern.

Nun ist die einseitige und voreingenommene Berichterstattung der Mainstreammedien über Putin und Orbán auch kein Ruhmesblatt für den angeblich so freien westlichen Journalismus. Dagegen anzuschreiben, wieso nicht.

Natürlich reisen auch andere Journalisten im Tross von Regierenden mit (eingeladen, im heutigen Elendsjournalismus würde das keine Redaktion selbst bezahlen). Und sicher wird man nicht mehr eingeladen, wenn man zu kritisch über den grosszügigen Regierenden berichtet.

Aber gleich eine ganze Serie? Zuerst einige liebedienerische Interviews mit und Beschreibungen von Orbán. Dann die Belohnung, Köppel in Kiew. Dann die nächste Belohnung, Köppel im Kreml.

Damit schadet der Tausendsassa seinem Blatt, sich selbst und auch der von ihm vertretenen Sache ungemein. Denn die Berichte von Groupies liest man vielleicht bei Taylor Swift gerne (wenn man Fan von ihr ist). Aber mal im Ernst, Orbán als Lichtgestalt, die unermüdlich um die Welt glüht, um endlich Frieden in der Ukraine zu erreichen? Termine mit Händeschütteln mit den Wichtigen und Mächtigen, und im Hintergrund murmelt Köppel Wichtigkeiten in sein Handy, da ist die Grenze zwischen Realität und Realsatire deutlich überschritten.

Nachdem die WeWo schon stolzgeschwellt vermeldete, dass Köppel nach seinem «was wollten Sie schon immer mal sagen?»-Interview mit dem serbischen Ministerpräsidenten in der serbischen Presse wohwollend bemerkt wurde, kommt nun noch das Gleiche aus Ungarn:

«Schweizer Renaissance-Mann». Massierst du mir meinen, massier ich dir deinen. Ist das peinlich.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/07/Bildschirmfoto-2024-07-09-um-08.13.29.png 350 755 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-07-10 05:00:012024-07-09 09:41:11Orbans Schatten
René Zeyer

«Blick», reloaded

24. Juni 2024/0 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Das enteierte Bunt-Blatt hat doch seine Sternstunden und labt den Leser mit Oasen.

ZACKBUM vermutet, dass einzelne Leistungen gegen den Widerstand des Head-, Chief- und Führungssalats auf oberster Leitungsebene stattfinden, wo man sich gegenseitig auf der Leitung steht.

So ist es Raphael Rauch offenbar gelungen, einige Vorfassungen des Schlusscommuniqués der Birkenstock-Konferenz zu behändigen.

Und sie zeigen, dass auch hier kräftig enteiert wurde:

«Blick liegt eine Entwurfsfassung des Abschlusskommuniqués vor. Demnach sollten künftig «Vertreter der Russischen Föderation einbezogen werden». Und weiter: «Wir kamen überein, den zweiten hochrangigen Friedensgipfel in [***] abzuhalten.» Doch der Abschnitt musste umgeschrieben werden. Statt von Russland war nun von «allen Parteien» die Rede; der Ort für die Nachfolge-Konferenz fiel ganz weg.»

Gnadenlos zählt Rauch dann nochmal die Absagen auf – und den Ersatz. So sprang Kolumbien kurzfristig ab, dafür kam Mauretanien. Im letzten Moment liessen sich Jordanien, Irak und Ruanda (nach allen BRICS-Staaten) von der Unterzeichnerliste streichen.

«Hinzu kamen dafür das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, Antigua und Barbuda, die Organisation Amerikanischer Staaten, Sambia, die Republik der Marshallinseln und Barbados. «Lauter Schwergewichte, die Einfluss auf Putin nehmen könnten», lästert ein erfahrener EDA-Diplomat.»

Schliesslich habe es sogar eine «Operation Desperados» (Verzweifelte) gegeben, also verzweifelte Versuche in letzter Minute, Schwergewichte zur Teilnahme zu bewegen – vergeblich.

Und Chef Reza Rafi kam auf die originelle Idee, den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz zu interviewen. Der sich allerdings sicherlich alle Fragen zu seinem Rücktritt und laufenden Verfahren gegen ihn verbat.

Aber das wird überstrahl von einem Editorial Rafis, das sich wohltuend vom Gesülze in anderen Mainstreammedien abhebt, nicht zum ersten Mal.

Rafi nimmt sich vor, dass Selenskyj verkündete, dass die EU bereits diese Woche Beitrittsgespräche mit Kiew beginnen werde. Ha, ein Schlag in die Fresse für den Kremlherrscher. Oder nicht?

«Ist sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen der Risiken bewusst, wenn sich die Union dereinst bis zum Kaukasus erstreckt? Wenn ein Flächenstaat mit 38 Millionen Einwohnern und einem gravierenden Korruptionsproblem, der bis an den Osten des Schwarzen Meers reicht, zum Gebilde gehören wird?»

Das zudem mit einer Unzahl von Problemen zu kämpfen hat, auch ohne die Ukraine. Rafi vermutet, dass sich Beton-Uschi damit ein Denkmal setzen will. «Die negativen Auswirkungen einer solchen Übung werden jeweils den nächsten Generationen überlassen.»

Ach, und Frank A. Meyer echauffiert sich darüber, wo der Gipfel stattfand. Der Bürgenstock sei die «Freiheitskanzel im Herzen der Eidgenossenschaft». Allerdings: «im Besitz Katars». Grimmige Schlussfolgerung: «Geld hat auf dem Bürgenstock den Geist gekauft – Schweizer Geist!»

Und das bittere Fazit Meyers: «Hätten die sonst so tapferen Vaterlandsverteidiger da nicht sagen müssen: «Katar auf dem Bürgenstock? Kommt gar nicht infrage! Das Resort dort oben machen wir selbst. Das gehört zur Eidgenossenschaft – das i s t die Eidgenossenschaft.» Leider, leider steht der Bürgenstock für die Käuflichkeit der Schweiz.»

ZACKBUM ist flexibel, gerecht und lernfähig. Offenbar gibt es doch Leben in der Wüstenlandschaft «Blick». Kleine Oasen mit Quellen der Erbauung und Leserbefriedigung.

Wir werden ihn selektiv wieder in unser Lektüreprogramm aufnehmen; es gibt andere Organe, bei denen wir dafür weniger quälen lassen werden.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/06/Bildschirmfoto-2024-06-23-um-11.38.20.png 419 848 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-06-24 06:00:312024-06-24 07:39:27«Blick», reloaded
René Zeyer

Man wird ja wohl noch fragen dürfen …

18. Juni 2024/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Obwohl man damit schon in der rechten Hetzerecke verortet wird.

Aber ZACKBUM kennt keine Furcht (und keinen Schmerz, sonst könnten wir uns nicht täglich durch die Medien wühlen).

Also folgende einfach zu beantwortende Fragen:

  1. Was sind die wichtigsten Punkte des Abschlusscommuniqués von der Bürgenstock-Sause?
  2. Wie viele Politiker sind pünktlich angereist und erst am Schluss wieder weg?
  3. Wie viele Politiker haben nur das Familienfoto abgewartet, bis sie sich wieder abtransportieren liessen?
  4. Wieso genau war eine der beiden Konfliktparteien nicht dabei?
  5. Wieso haben alle BRICS-Staaten nicht unterzeichnet?
  6. Wieso wurden Witz- und Winzstaaten eingeladen, auf Kosten des Steuerzahlers?
  7. Was ist aus Selenskyjs 10-Punkte-«Friedensplan» geworden?
  8. Wieso wird der ukrainische Präsident in den wenigen internationalen Meldungen als Organisator bezeichnet?
  9. Wie hiess die Konferenz genau?
  10. Wenn sie ein Anfang war, wo ist die Fortsetzung?

U.A.w.g., wie es so schön heisst.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2021/10/Frage3.jpeg 543 823 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-06-18 06:15:572024-06-17 13:24:29Man wird ja wohl noch fragen dürfen …
René Zeyer

Bürgenstock geht am Stock

17. Juni 2024/13 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Was ist ausser Spesen gewesen?

Organisatorisch wurde die Aufgabe, 100 VIPs mit Entourage heranzutransportieren, aufzubewahren und wieder wegzuschaffen, mit Schweizer Präzision gelöst. Hat zwar rund 15 Millionen gekostet (Spezialwünsche nicht inbegriffen), aber Chapeau.

Von Zwischenfällen ist nichts bekannt geworden. Kein Staatsoberhaupt fühlte sich beleidigt, niemand wurde von bewaffneten Polizisten der Durchgang verwehrt, wir sind hier ja nicht im Bundeshaus zu Bern. Alle waren pünktlich zum Klassenfoto aufgereiht, nur Italiens Meloni hatte am Samstag Besseres zu tun.

Dass die Vertreter der wirtschaftlich stärksten Staaten, die US-Vizepräsidentin Harris und der deutsche Bundeskanzler Scholz, schon am Samstag wieder abreisten, nun ja, Abendessen können sie auch unterwegs, und nochmal blöd rumstehen, bis der Schlussakt vorbei ist, wozu auch.

Dann ist noch die Sache mit dem Schlusscommuniqué. Alle sollten unterschreiben, das wäre dann als Grosserfolg gewertet worden. War aber nix.

Einerseits unterschrieben von Albanien über Andorra bis USA und Uruguay 79 der anwesenden Staaten. Von Armenien über Brasilien bis Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate unterschrieben andererseits 13 nicht. Da im Vorfeld alles unternommen worden war, damit man sich auf eine gemeinsame Resolution einigt, ist das eine krachende Niederlage der Diplomatie. Vor allem, da alle BRICS-Staaten nicht unterschrieben.

Auch für die abschliessende Medienkonferenz hat man ein merkwürdiges Prozedere gewählt. Dass Amherd und Selenskyj das Wort ergriffen, verständlich. Schliesslich haben die beiden die Konferenz organisiert und gestaltet. Aber dann kam der Präsident von Chile; wieso das? Ausgelost worden? Dann Ursula von der Leyen, die keine Gelegenheit auslässt, Wahlkampf zu betreiben. Zudem hat die EU gleich dreimal unterschrieben, Weltrekord. Aber ZACKBUM will nicht wissen, mit welchen Tricks und Drohungen sich von der Leyen in diese Pole Position manövriert hat.

Wieso dann noch Justin Trudeau, der Premierminister von Kanada, und Nana Akufo-Addo, der Präsident von Ghana, sprechen dürfen? Und wieso Selenskyj im Anschluss noch einen Soloauftritt vor den Medien hinlegen darf, bevor er wieder in den Flieger steigt?

War das nun ein Erfolg oder Misserfolg? Eine sogenannte Konferenz für den Frieden, an der eine der beiden Kriegsparteien fehlt, weil die andere sie nicht dabeihaben wollte. Wo China ganz fehlt, Brasilien und Indien nicht das Schlusscommuniqué unterschreiben, also alle BRICS-Staaten. Wo selbst die USA nur die zweite Garnitur senden, die zudem gleich wieder abreist. Wo aus Europa nur die grossen Wahlverlierer Präsenz markieren, Italiens Meloni schaute am Sonntag mal kurz vorbei. Wo Witz- und Kleinststaaten wie Palau, Cabo Verde, Fiji, San Marino oder Ost-Timor der Konferenz einen skurrilen Touch geben.

Ach, und der Inhalt des Communiqués und der Reden? Sagen wir so: wenn sich in einer Woche noch jemand daran erinnert, publizieren wir alles ausführlich hier auf ZACKBUM. Bis dahin behaupten wir aber: völlig unerheblich, unwichtig, gequirlte heisse und kalte Luft, Schallwellen und Buchstaben, Halbwertszeit: 3 Minuten max.

Glauben einige Verstockte nicht? Bitte, ein Auszug:

«Wir hatten einen fruchtbaren, umfassenden und konstruktiven Meinungsaustausch über Wege zu einem Rahmen für einen umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden auf der Grundlage des Völkerrechts, einschliesslich der Charta der Vereinten Nationen.»

Ganz besonders erschrecken wird Putin dieser Passus: «Jegliche Androhung oder Verwendung von atomaren Waffen im Zusammenhang mit dem laufenden Krieg gegen die Ukraine ist unzulässig.»

Jemand noch nicht genug? Dann nehmt das, das sollte genügen:

«Wir sind der Überzeugung, dass die Herbeiführung des Friedens die Einbeziehung aller Parteien und den Dialog zwischen ihnen erfordert.»

Dafür lohnt sich doch der ganze Zirkus, oder nicht? Sehen wir’s von der pragmatischen Seite: immerhin haben 93 führende Politiker 24 Stunden lang nichts Dümmeres angestellt. Ist doch heutzutage schon was.

Und sonst? Tamedia schiebt noch eine letzte Sauerei hinterher. Denn nachdem die Chefs kommentieren durften, darf nun auch der Auslandchef ohne Ausland ans Gerät. Und haut gleich richtig auf die Kacke: «Gerade im demokratischen Westen mit seiner Redefreiheit können Putins willige Helferinnen und Helfer von Sahra Wagenknecht bis Roger Köppel die in Moskau verdrehte Darstellung des Ukraine-Kriegs weiterverbreiten.» Christof Münger hält also Wagenknecht und Köppel für willige Helfer Putins? Hat der Mann sie noch alle?

Kann man so eine diffamierende Frechheit noch steigern? Nur durch Dummheit: «Die Ukraine braucht nicht 15 neue Panzer, sondern 150 oder noch besser 1500.» Wie sagte doch seine Chefin Birrer noch vor Kurzem: auf Diplomatie mit kleinen Schritten solle man setzen. «Wer dies negiert, kann auch direkt für einen Entscheid auf dem Schlachtfeld votieren.» Wie Münger … Ob man das intern klären könnte?

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/06/Bildschirmfoto-2024-06-16-um-17.50.11.png 339 537 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-06-17 06:15:182024-06-16 18:06:57Bürgenstock geht am Stock
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