Sergei Gerasimov, der grosse Warner
Der ukrainische Schriftsteller darf sich in der NZZ austoben.
Mit seinem «Kriegstagebuch aus Charkiw» und weiteren Stücken schafft er es seit Februar 2022 auf rund 540 Meinungsartikel in der alten Tante.
Dass er nicht ganz objektiv in seinen Beschreibungen ist, versteht sich von selbst. Dass sich aber sein hemmungsloses Geschimpfe immer wieder unkommentiert über den Leser ergiesst, ist für ein Qualitätsorgan wie die NZZ unverständlich.
Schon im Juli 2022 schrieb er, es gebe «nur einen Weg», Russland müsse militärisch besiegt werden, Putin und seine «Vasallen» müssten vor Gericht gestellt werden. Selenskyj hingegen sei eine Lichtgestalt, «ehrlich, selbstlos, freundlich, tapfer, leidenschaftlich» und selbstverständlich «nicht korrupt». 2025 legte er noch nach, dass der ehemalige Schauspieler inzwischen ein Krieger geworden sei, er allein könne Putin besiegen.
Im Oktober 2025 sah er bereits «die Konturen eines ukrainischen Sieges Gestalt annehmen», neuen Raketen und Drohnen habe «Russland schlichtweg nichts entgegenzusetzen».
Da erhebt sich doch die Frage, wieso die NZZ dermassen häufig einen ukrainischen Propagandisten umfangreich das Wort erteilt, der zwar sicher als Augenzeuge und Schriftsteller seine Meriten, aber als politischer oder gar militärischer Analytiker nicht mal das Format eines Georg Häsler hat.
In seinem neusten Stück echot er eine neue Angstthese, der interessanterweise auch Roger Köppel auf seine Art anhängt: «Werden die Russen bald auch Europa angreifen? Das weiss niemand, doch einiges spricht dafür».
Mit sehr viel schriftstellerischer Fantasie zieht er eine Parallele zwischen drei Ereignissen. Nie fehlen darf da der Molotov-Ribbentrop-Pakt von 1939, mit dem sich Hitler-Deutschland und die UdSSR Polen und andere osteuropäische Länder untereinander aufteilten.
Dann eine kleine Zeitreise zum Besuch des ehemaligen CIA-Direktors William Burns Anfang November 2021 nach Moskau. Da sei die Kriegsgefahr schon unübersehbar gewesen, dazu ein schriftstellerisches Bild:
«Derweil vegetierten wir wie sanftmütige pflanzenfressende Dinosaurier vor uns hin, ohne zu ahnen oder zu realisieren, dass eine Apokalypse im Begriff war, über uns hereinzubrechen.»
Und nun reiste der CIA-Chef John Ratcliffe zu Gesprächen mit Putin nach Moskau. Schlussfolgerung Gerasimov: «Es gibt dieses unablässige schleichende Gefühl, dass etwas Böses auf uns zukommt. Dieses Gefühl überkommt mich immer, wenn jemand seine Absicht bekundet, mit Putin zu verhandeln.»
Das beschleicht einen besonders dann, wenn man Koinzidenz mit Kausalität verwechselt.
Putin sei obsessiv von der Idee beherrscht, als sein Vermächtnis unbedingt die Ukraine erobern zu müssen. Und dann wird Gerasimov zur Kassandra: «Es sei denn, er entfacht noch einen weit grösseren Krieg gegen Europa. Dabei werden ihn kurze Besuche von CIA-Direktoren nicht aufhalten.»
Anschliessend wird er wieder literarisch: «Der Mann glaubt wirklich an seine eigene Mythologie und trägt seine Ideen so, wie Maxim Gorkis Danko sein brennendes Herz trug.» Eine der absurderen Geschichten des grossen sowjetischen Schriftstellers über einen Helden, der im dunklen Wald sein eigenes Herz aus der Brust riss, um seinen Leuten mit seinem Leuchten den Weg hinaus zu weisen. Anschliessend stirbt Danko. Das hat natürlich grosse Ähnlichkeiten mit Putin.
Damals, will uns der Dichter sagen, grasten die Ukrainer friedlich wie Dinosaurier, während sich der Meteor Putin bereits näherte. Und heute? «Friedliche europäische Dinosaurier blicken mit einem vagen und zerstreuten Unbehagen zum Himmel hinauf und senken dann ihre langen Hälse, um weiter zu grasen.»
Das ist alles von überschaubarer analytischer und literarischer Qualität, so als Dinosaurier beurteilt. Aber aus unerfindlichen Gründen hat die NZZ einen Narren an Gerasimov gefressen. Die Frage ist nur, wer da der Narr ist.











