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Man wird ja wohl noch fragen dürfen …

Obwohl man damit schon in der rechten Hetzerecke verortet wird.

Aber ZACKBUM kennt keine Furcht (und keinen Schmerz, sonst könnten wir uns nicht täglich durch die Medien wühlen).

Also folgende einfach zu beantwortende Fragen:

  1. Was sind die wichtigsten Punkte des Abschlusscommuniqués von der Bürgenstock-Sause?
  2. Wie viele Politiker sind pünktlich angereist und erst am Schluss wieder weg?
  3. Wie viele Politiker haben nur das Familienfoto abgewartet, bis sie sich wieder abtransportieren liessen?
  4. Wieso genau war eine der beiden Konfliktparteien nicht dabei?
  5. Wieso haben alle BRICS-Staaten nicht unterzeichnet?
  6. Wieso wurden Witz- und Winzstaaten eingeladen, auf Kosten des Steuerzahlers?
  7. Was ist aus Selenskyjs 10-Punkte-«Friedensplan» geworden?
  8. Wieso wird der ukrainische Präsident in den wenigen internationalen Meldungen als Organisator bezeichnet?
  9. Wie hiess die Konferenz genau?
  10. Wenn sie ein Anfang war, wo ist die Fortsetzung?

U.A.w.g., wie es so schön heisst.

Bürgenstock geht am Stock

Was ist ausser Spesen gewesen?

Organisatorisch wurde die Aufgabe, 100 VIPs mit Entourage heranzutransportieren, aufzubewahren und wieder wegzuschaffen, mit Schweizer Präzision gelöst. Hat zwar rund 15 Millionen gekostet (Spezialwünsche nicht inbegriffen), aber Chapeau.

Von Zwischenfällen ist nichts bekannt geworden. Kein Staatsoberhaupt fühlte sich beleidigt, niemand wurde von bewaffneten Polizisten der Durchgang verwehrt, wir sind hier ja nicht im Bundeshaus zu Bern. Alle waren pünktlich zum Klassenfoto aufgereiht, nur Italiens Meloni hatte am Samstag Besseres zu tun.

Dass die Vertreter der wirtschaftlich stärksten Staaten, die US-Vizepräsidentin Harris und der deutsche Bundeskanzler Scholz, schon am Samstag wieder abreisten, nun ja, Abendessen können sie auch unterwegs, und nochmal blöd rumstehen, bis der Schlussakt vorbei ist, wozu auch.

Dann ist noch die Sache mit dem Schlusscommuniqué. Alle sollten unterschreiben, das wäre dann als Grosserfolg gewertet worden. War aber nix.

Einerseits unterschrieben von Albanien über Andorra bis USA und Uruguay 79 der anwesenden Staaten. Von Armenien über Brasilien bis Südafrika und die Vereinigten Arabischen Emirate unterschrieben andererseits 13 nicht. Da im Vorfeld alles unternommen worden war, damit man sich auf eine gemeinsame Resolution einigt, ist das eine krachende Niederlage der Diplomatie. Vor allem, da alle BRICS-Staaten nicht unterschrieben.

Auch für die abschliessende Medienkonferenz hat man ein merkwürdiges Prozedere gewählt. Dass Amherd und Selenskyj das Wort ergriffen, verständlich. Schliesslich haben die beiden die Konferenz organisiert und gestaltet. Aber dann kam der Präsident von Chile; wieso das? Ausgelost worden? Dann Ursula von der Leyen, die keine Gelegenheit auslässt, Wahlkampf zu betreiben. Zudem hat die EU gleich dreimal unterschrieben, Weltrekord. Aber ZACKBUM will nicht wissen, mit welchen Tricks und Drohungen sich von der Leyen in diese Pole Position manövriert hat.

Wieso dann noch Justin Trudeau, der Premierminister von Kanada, und Nana Akufo-Addo, der Präsident von Ghana, sprechen dürfen? Und wieso Selenskyj im Anschluss noch einen Soloauftritt vor den Medien hinlegen darf, bevor er wieder in den Flieger steigt?

War das nun ein Erfolg oder Misserfolg? Eine sogenannte Konferenz für den Frieden, an der eine der beiden Kriegsparteien fehlt, weil die andere sie nicht dabeihaben wollte. Wo China ganz fehlt, Brasilien und Indien nicht das Schlusscommuniqué unterschreiben, also alle BRICS-Staaten. Wo selbst die USA nur die zweite Garnitur senden, die zudem gleich wieder abreist. Wo aus Europa nur die grossen Wahlverlierer Präsenz markieren, Italiens Meloni schaute am Sonntag mal kurz vorbei. Wo Witz- und Kleinststaaten wie Palau, Cabo Verde, Fiji, San Marino oder Ost-Timor der Konferenz einen skurrilen Touch geben.

Ach, und der Inhalt des Communiqués und der Reden? Sagen wir so: wenn sich in einer Woche noch jemand daran erinnert, publizieren wir alles ausführlich hier auf ZACKBUM. Bis dahin behaupten wir aber: völlig unerheblich, unwichtig, gequirlte heisse und kalte Luft, Schallwellen und Buchstaben, Halbwertszeit: 3 Minuten max.

Glauben einige Verstockte nicht? Bitte, ein Auszug:

«Wir hatten einen fruchtbaren, umfassenden und konstruktiven Meinungsaustausch über Wege zu einem Rahmen für einen umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden auf der Grundlage des Völkerrechts, einschliesslich der Charta der Vereinten Nationen.»

Ganz besonders erschrecken wird Putin dieser Passus: «Jegliche Androhung oder Verwendung von atomaren Waffen im Zusammenhang mit dem laufenden Krieg gegen die Ukraine ist unzulässig.»

Jemand noch nicht genug? Dann nehmt das, das sollte genügen:

«Wir sind der Überzeugung, dass die Herbeiführung des Friedens die Einbeziehung aller Parteien und den Dialog zwischen ihnen erfordert

Dafür lohnt sich doch der ganze Zirkus, oder nicht? Sehen wir’s von der pragmatischen Seite: immerhin haben 93 führende Politiker 24 Stunden lang nichts Dümmeres angestellt. Ist doch heutzutage schon was.

Und sonst? Tamedia schiebt noch eine letzte Sauerei hinterher. Denn nachdem die Chefs kommentieren durften, darf nun auch der Auslandchef ohne Ausland ans Gerät. Und haut gleich richtig auf die Kacke: «Gerade im demokratischen Westen mit seiner Redefreiheit können Putins willige Helferinnen und Helfer von Sahra Wagenknecht bis Roger Köppel die in Moskau verdrehte Darstellung des Ukraine-Kriegs weiterverbreiten.» Christof Münger hält also Wagenknecht und Köppel für willige Helfer Putins? Hat der Mann sie noch alle?

Kann man so eine diffamierende Frechheit noch steigern? Nur durch Dummheit: «Die Ukraine braucht nicht 15 neue Panzer, sondern 150 oder noch besser 1500.» Wie sagte doch seine Chefin Birrer noch vor Kurzem: auf Diplomatie mit kleinen Schritten solle man setzen. «Wer dies negiert, kann auch direkt für einen Entscheid auf dem Schlachtfeld votieren.» Wie Münger … Ob man das intern klären könnte?

Lob des «Blick»

Hätten wir nie gedacht, ZACKBUM ist aber weise und gerecht …

Auch das Organ mit dem Regenrohr im Logo lebt noch irgendwie, obwohl die oberste Führungsetage mit einem Heads-, Chiefs- und Kopfsalat angefüllt ist, dass sich die Kompetenz- und Meinungsträger gegenseitig auf den Füssen rumstehen.

Aber, Wunder gibt es immer wieder. Hier gab es einige Flachheiten bei der Berichterstattung über den Birkenstock. Aber auch Höhepunkte, einsame Höhepunkte.

Da wäre mal dieser hier:

Hier analysiert Raphael Rauch die auf dem Bürgenstock Abwesenden nach dem Kriterium: kassieren, aber nicht liefern: «Viele Länder, die jedes Jahr Millionen von Schweizer Steuergeldern erhalten, blieben der Friedenskonferenz auf dem Bürgenstock fern, von Aserbaidschan über Bolivien und den Libanon bis Tansania

Nun könnte der Gutmensch schäumen, dass man Hilfe für Arme doch nicht an Gegenleistungen knüpfen dürfte. Einfache Gegenfrage: wieso nicht? Ist eine Teilnahme (alles bezahlt) an einer Konferenz denn zu viel verlangt?

Rauch geht ins Detail: «Bolivien ist ein gutes Beispiel dafür, dass Staaten keine Freunde, sondern nur Interessen haben. Zwar kassierte Bolivien letztes Jahr 5,1 Millionen Franken von der Deza.» Aber: «Zwar kam der bolivianische Botschafter Wilfredo Bernardo Ticona (61) zur Deza-Konferenz nach Basel, um Klinken zu putzen. Auf dem Bürgenstock war der südamerikanische Staat jedoch ebenso wenig präsent wie hundert andere Uno-Mitglieder. Stattdessen beehrte Boliviens Präsident Luis Arce (60) letzte Woche Wladimir Putin (71) am Rande des Wirtschaftsforums in St. Petersburg.»

Noch verblüffender ist geradezu eine Wiederauferstehung als kritischer Journalist. Wir sprechen hier von Reza Rafi. Doch, da ist ZACKBUM gnadenlos objektiv. Vielleicht ein etwas melodramatischer Titel («Der Fluch des Bürgenstocks»), aber der Inhalt ist dann beeindruckend.

Fängt stark an: «Milana nimmt ihr Handy hervor und zeigt ein verstörendes Video. Darin ist zu sehen, wie Männer irgendwo an einem Strassenrand auf ein am Boden liegendes Opfer einprügeln. Immer wieder. … «So werden in der Ukraine junge Männer behandelt, die sich noch nicht für den Krieg registriert haben», sagt Milana. Sie stammt aus Kiew .»

Auch typisch: «Wer es sich leisten könne, kaufe sich mit Bestechungsgeld frei. Die Ukraine belegt im Korruptionswahrnehmungsindex 2022 den 116. Rang und zieht mit El Salvador und Angola gleich.»

Rafi fährt gnadenlos und stark fort: «Selenski ist ein Bel-Ami auf dem diplomatischen Parkett, unermüdlich wirbt er um Rüstung und Geld, mit aller Kraft arbeitet er an einer internationalen Einheit gegen den Aggressor Russland.»

Selenskyj sei bezüglich Schweiz ein Coup gelungen. Er konnte Bundespräsidentin Amherd gewinnen, sich nach einer Pannenserie mit dem «Giga-Anlass» ein Denkmal setzen zu können. So wie der Aussenminister Cassis, politisch immer wieder totgesagt, nun wieder wer.

Aber: «Sie liessen sich vom Charismatiker aus der Ukraine dazu hinreissen, einen einseitigen Gipfel zu organisieren. Es ist ein Klassentreffen der Nato-Mächte und ihrer Freunde

Was verteidigen die eigentlich? Westliche Werte? Auch dazu hat Rafi eine klare Meinung, die er seine Zeugin Milena (die natürlich anders heisst) sagen lässt: «Wie viel Rückhalt Selenski in seiner Bevölkerung geniesst, ist hingegen schwer zu sagen. Im Mai wäre seine Amtszeit abgelaufen, wegen des geltenden Kriegsrechts sind die Wahlen bislang ausgeblieben. «Ich weiss nur, was meine Familie und Freunde sehen», sagt die Geflüchtete Milana. «Es gibt in der Ukraine eigentlich keine Meinungsfreiheit mehr.»»

Wohlgemerkt, das wird hier nicht gelobt, weil es der kritischen Haltung von ZACKBUM gegenüber dieses Gipfels der Peinlichkeit entspricht. Sondern weil es guter Journalismus ist, der nicht einfach im Mainstream mitschwimmt und peinliche Lobesarien erklingen lässt wie der völlig denaturierte «Tages-Anzeiger».

Man muss mit diesen Anmerkungen des «Blick» nicht einverstanden sein. Es ist aber ein Armutszeugnis für die anderen Medienkonzerne, dass man sie nur im «Blick» liest. Tamedia imitiert Nordkorea, die NZZ ist entgleist, CH Media ein Schluck Wasser. Um es im Boulevardstil auszudrücken:

Bravo «Blick», rote Karte für die anderen.

Selenskyj-Festspiele sind eröffnet

Ein Auftritt jagt den nächsten. Nur vom Birkenstock spricht eigentlich niemand.

Der ukrainische Präsident ist mal wieder auf Europatournee. Seinen Zwischenstopp in Berlin arbeitet Hansjörg Friedrich Müller für CH Media auf und ab. Der Mann kommt von der NZZ und hätte also eigentlich was zu sagen.

Könnte man meinen. Da er weiss, was er seinem Schweizer Publikum schuldig ist, haut er das einzige Zitat Selenskyjs zum bevorstehenden Bürgenstock-Gipfel gleich in den Titel:

«Wolodimir Selenski über die Bürgenstock-Konferenz: «Wir wollen der Diplomatie eine Chance geben»»

Das ist nett von ihm, nur: was bedeutet das eigentlich? Wer ist «wir»? Ist das ein Pluralis Majestatis oder sind andere mitgemeint? Man weiss es nicht. Und wie wollen denn er und andere der Diplomatie eine Chance geben? Indem sie verhinderten, dass die zweite Kriegspartei an dieser Konferenz teilnimmt? Diplomatie sei scheint’s die Kunst des Verhandelns. Was wird aber genau auf dem Birkenstock verhandelt?

Könnte das ein Leser spontan beantworten? Sofort, hier und jetzt? Ja, bitte? Tiefes Schweigen in der Runde? Na, dann muss es ja was furchtbar Wichtiges sein. Ach, und zweite Frage, wenn man die verzweifelten Wahlkämpfer aus Europa mal weglässt, welche bedeutenden Staatenlenker werden eigentlich anwesend sein?

Zählen Sie sofort 10 auf. Nein, Kamala Harris zählt nicht. Europäische Politiker, national oder in der EU, auch nicht. Unfair? Bitte, ZACKBUM ist auch eine moralische Lehranstalt im schillerscheu Sinn. Aber das würde hier zu weit führen.

Ach, und was hat Selenskyj eigentlich in Berlin gesagt, da durfte er doch eine Rede vor dem Bundestag halten. Ach so, danke schön, und bitte noch viel mehr von allem, das ist ja nun wirklich nichts Weltbewegendes. Dennoch sollen die Parlamentarier «mit stehenden Ovationen» reagiert haben, «Sahra Wagenknecht und ihre Mitstreiter boykottierten die Rede allerdings, und von der AfD waren nur wenige Abgeordnete anwesend. Selenski wolle die Nato in den Krieg hineinziehen, hiess es von den Wagenknechtlern».

Wagenknechtlern? Ist aber locker drauf, der Herr Müller. Und wieso machte der ukrainische Präsident bei seiner Europatournee eigentlich Halt in Berlin? Na, «um mit rund 2000 weiteren Gästen aus etwa 60 Ländern an der dritten Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine teilzunehmen».

Echt, schon die dritte? Was brachte denn die erste und die zweite; so oberhalb von «schön, haben wir drüber geredet»? Da wird Müller durchaus zurückhaltend: «Konkrete Resultate dürfte das Berliner Treffen, das am Mittwoch zu Ende gehen wird, nur wenige bringen; eher ging es um eine Vernetzung von Akteuren aus Politik, Wirtschaft und internationalen Organisationen.»

Echt jetzt, Vernetzung? Dafür ein Grosshappening mit 2000 Teilnehmern? Haben auf dem Bürgenstock eigentlich überhaupt so viele Platz? Oder muss gezeltet werden? Die wichtigen Fragen lässt Müller mal wieder unbeantwortet.

Und sonst? Flinten-Uschi, die um ihre zweite Amtszeit als Kommissionspräsidentin kämpft, meldete sich auch zu Wort: «Schon Ende dieses Monats, so von der Leyen in Berlin, sollten zwischen der EU und der Ukraine Beitrittsverhandlungen beginnen. Dass sie selbst diesen Prozess gern als Kommissionspräsidentin begleiten würde, war der Subtext, den sich die Zuhörer dazudenken konnten

Also Wahlkampf mit unlauteren Mitteln, toll.

Aber Berlin ist ja nur der Anfang eines tollen Reigens: «Zwei weitere Konferenzen, die sich mit der Zukunft der Ukraine beschäftigen werden, folgen in den nächsten Tagen: Am Donnerstag und Freitag tagen die G7-Staaten in Apulien; dort wird unter anderem über im Westen eingefrorenes russisches Staatsgeld diskutiert werden.»

Daran nimmt übrigens noch der US-Präsident Joe Biden teil, denn wenn es um die Verteilung von rechtststaatswidrig beschlagnahmten Geldern geht, will er natürlich dabeisein. Den Birkenstock überlässt er dann seiner Vizepräsidentin. Die hat so wenig Gewicht, dass er sie nicht einmal im Wahlkampf gebrauchen kann, also ist etwas Beschäftigungstherapie im Ausland doch nicht schlecht.

Aber wie sagte Selenskyj dann noch so weise, nachdem er der Diplomatie eine Chance geben wollte: «Die Ukraine habe nie allein auf die Stärke der Waffen gesetzt.» Das ist nun erstaunlich, weil er ja in seinem Land jegliche Verhandlungen mit Russland ausdrücklich untersagt hat.

Was zur letzten Quizfrage führt: also wenn er der Diplomatie eine Chance geben will, keinesfalls nur auf Waffen vertraut, sich aber verbeten hat, dass Russland an der Schweizer Konferenz teilnimmt und auch bei sich zu Hause alle Kontakte mit Russland, ausser in Form von Waffen, verbietet, ist es dann nicht so, dass er sich diametral widerspricht?

Schade, dass das Müller nicht aufgefallen ist. Schliesslich muss der CH Media-Leser etwas zahlen, wenn er seinen Text lesen will. Bloss: wofür genau? Was steht drin, was nicht gratis überall im Netz zu haben ist?

Undiplomatische Antwort: nix.

Die Birkenstock-Lachnummer

Falscher Ort, falsche Teilnehmer, alles falsch.

Das EDA will über 150 Einladungen verschickt haben. Zur grossen «Friedenskonferenz» im Luxusressort auf dem Bürgenstock. Der Ort ist grossartig gewählt; der Hotelkomplex gehört Katar, einem Staat, der so mittelalterlich wie sonst kaum einer ist, mit Scharia, Frauenverachtung und Diktatur. Westliche Werte, Freiheit, Toleranz? Da lachen die Scheichs. Ausserdem lassen es sich hier einige Führer der Hamas in ihren Luxussuiten gutgehen.

Das schreckt schon mal ab.

Dann nehmen Russland, China, Indien, Brasilien, Indonesien und viele andere nicht teil. Die USA schicken ihre zweite Garnitur, während der Präsident selbst aus Europa in die USA zurückreist; wichtiger Termin mit George Clooney und Julia Roberts. Verständlich.

Was für eine Friedenskonferenz, bei der eine der beiden Konfliktparteien nicht mal eingeladen wird. Mit der hanebüchenen Begründung, dass man Russland so die Unhöflichkeit einer Absage habe ersparen wollen.

Inzwischen hätten aber, je nach Quelle, über 80 oder gar über 100 Länder ihre Teilnahme zugesagt. Die definitive Liste werde aber erst kurz vor dem Gipfel veröffentlicht, sagt das EDA, das über 160 Länder und Organisationen eingeladen habe. Echt jetzt? Die Welt hat rund 200 Staaten, braucht’s da wirklich die Teilnahme von Mikronesien, des Tschad oder Paraguay? Und was könnte wohl Andorra zum Frieden beitragen?

ZACKBUM ist gespannt, welche Weltmächte neben Cabo Verde sonst noch an der Wichtigtuerei teilnehmen werden. Dass diverse europäische Staaten und natürlich die EU mit ihren Spitzen vertreten sein werden, zeugt davon, dass die offenbar nichts Besseres zu tun haben – und einfach gerne am Schaulaufen vor Kameras mit gewichtiger Miene teilnehmen wollen.

Denn nichts macht ein Politiker lieber, als vor einem möglichst grossen Strauss von Mikrophonen aufzutreten, verantwortungsbewusst und friedensbewegt dreinzuschauen und Sottisen abzusondern. Dass hier ernsthaft um den Frieden gerungen werde, dass die freie Welt hinter der Ukraine stünde (dabei nimmt nur eine Handvoll Staaten, wenn man nicht jedes EU-Land einzeln zählt, an den Sanktionen teil), dass es unbedingt ein Ende der Kampfhandlungen brauche, dass sich doch Russland bitteschön zurückziehen möge.

Der ukrainische Präsidentendarsteller wird derweil sein übliches «ich bin zu allem entschlossen»-Gesicht aufsetzen und auf Shoppingtour für mehr Waffen und finanzielle Unterstützung gehen. Und alle werden den wahrhaftigen Satz von Adolf Muschg verdrängen: In der Ukraine gibt es keinen Sieg, nur jeden Tag mehr Tote.

Inzwischen werden grosse Teile des Staatshaushalts des Landes vom Westen bestritten. Die Ukraine würde keine Woche aus eigenen militärischen Kräften überleben. Versager Putin ist in einen Stellvertreterkrieg hineingetrampelt und im Schwitzkasten des Westens.

Um sein Gesicht zu wahren, braucht er etwas, was sich intern einigermassen als Sieg verkaufen lässt, nach dermassen vielen Opfern. Das wollen ihm die Westmächte aber nicht zugestehen. Auch Selenskyj braucht so etwas wie einen Sieg, um nicht aus dem Amt gejagt und wie der israelische Präsident wegen Korruption angeklagt zu werden. Das will ihm aber Putin nicht zugestehen.

Also wird der Krieg unter verantwortungslosem Kriegsgegurgel und Forderungen nach einer Eskalation um die andere weitergehen.

Nachdem der Westen (fast) alles liefert, was er so hat, darf die Ukraine damit nun auch Ziele innerhalb Russlands angreifen. Das droht seinerseits mit Konsequenzen, und vielleicht sollte man den Todeswunsch des kleinen Mannes mit Napoleonkomplex im Kreml nicht unterschätzen.

Schon viele Diktatoren wollten wenn schon mit einem grossen Knall abtreten. Putin ist der Erste, der auch über die dazu nötigen Mittel verfügt …

Aber solche Themen werden auf den Birkenstock nichtmal gestreift werden. Dort wird solidaritätsbesoffen konferiert, getafelt, wichtiggetan, ein nichtssägendes Schlusscommuniqué veröffentlicht – und dann reisen alle unter Hinterlassung viel dreckiger Bettwäsche wieder nach Hause.

What a joke, wie der Ami ganz richtig sagt.

 

Friedenstaube Schweiz

Ihr Ruf als neutraler Staat ist angekratzt. Der Bürgenstock soll’s richten.

Die Schweiz lädt zur grossen Friedenskonferenz in Sachen Ukraine. Dialog, erster Schritt für einen «umfassenden, gerechten und dauerhaften Frieden», behauptet das EDA.

Die öffentliche mediale Meinung dazu ist, gelinde formuliert, durchwachsen. Wie üblich recht staatshörig gebärdet sich mal wieder Tamedia. Da darf Aussenminister Cassis in einem Gastbeitrag für seinen «Friedensgipfel» werben.

«Beitrag leisten, im Geiste unserer Tradition, Verantwortung übernehmen, humanitäre Tradition, zuhören, sich austauschen, voneinander lernen».

Wunderbares Wortgeklingel. Aber vielleicht etwas weltfremd. Ob’s daran liegt, dass der Aussenminister laut eigenem Bekunden «keine Zeitungen mehr liest»? Könnte ihm deswegen entgangen sein, dass ein Friedensgipfel, an dem eine der beiden Kriegsparteien nicht teilnimmt, eher wenig Sinn macht? An den Pariser Friedensverhandlungen zum Vietnamkrieg, die von Kriegsverbrecher Kissinger torpediert wurden, nahmen immerhin Vietnam und die USA teil.

Aber auf dem Bürgenstock wird Russland fehlen. Man sei nicht eingeladen worden, heisst es aus Moskau, und überhaupt sei das eine Farce. Wie hochrangig die USA vertreten sein werden, steht noch in den Sternen. Präsident Biden wird im heraufziehenden Wahlkampf wohl nicht seine Zeit verschwenden, um für einen Grüssaugust-Gipfel in die Schweiz zu reisen.

Nur Ukraines Präsident Selenskyj will gerne anreisen. Aber nicht, um über Frieden zu verhandeln. Sondern um für weitere finanzielle Unterstützung und Waffen zu betteln. Was auch nicht sonderlich friedfertig ist. Zudem wird er wohl seinen «Friedensplan» wiederholen, der als Voraussetzung für Verhandlungen mit Russland den vollständigen Abzug russischer Truppen (inkl. Krim) und die Errichtung eines internationalen Kriegsverbrechertribunals zur ausschliesslichen Aburteilung russischer Verbrechen vorsieht.

Während Russland rundum eine Teilnahme ablehnt, verbrämt China seine Abwesenheit diplomatischer, es sei nicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Das alles erinnert fatal an die «Wiederaufbau-Konferenz» von Lugano im Sommer 2022. Das war im Prinzip eine erfolgreiche Betteltour Selenskyjs, da bei einem in der Ferne liegenden Kriegsende an Wiederaufbau gar nicht zu denken ist. Denn sollte Russland seine Kriegsziele erreichen, will der Westen garantiert nicht die auf eroberten Gebieten entstandenen Schäden heilen.

Nun macht ein Friedensgipfel mit nur einem kriegerischen Teilnehmer, unter Abwesenheit Russlands und Chinas, unter fraglicher hochrangige Beteiligung der USA, schlichtweg keinen Sinn. Schlimmer noch: die Schweiz macht sich damit lächerlich und ramponiert ihr Image als neutraler Verhandlungsort noch mehr, als sie es durch die sklavische Befolgung aller EU- und USA-Sanktionen ohnehin schon tut.

Aber angesichts des elenden Zustands der grossen Massenmedien (vom Schweizer Farbfernsehen ganz zu schweigen) sind solche Erkenntnisse nicht jedem Journalisten gegeben. Offensichtlich wirkt die untertänige Obrigkeitshörigkeit aus der Coronazeit bis heute nach.

Alles Missverständnisse

Boderline-Journalismus hat so seine Nachteile.

Es ist absurd, wenn Arthur Rutishauser den Besitzer, Verleger, Herausgeber und Chefredaktor der «Weltwoche» als «Putins letzten Freund» verunglimpft.

Es ist peinlich, wenn Rutishauser als Beleg dafür anführt, dass Roger Köppel schreibe, dass die Todesursache von  Nawalny noch nicht feststehe. Dabei ist das eine völlig richtige Feststellung. Ausser, man ist der Ansicht: völlig egal, was sich herausstellt, natürlich hat ihn Putin persönlich umgebracht.

Richtig ist hingegen, dass Putin die volle Verantwortung für den Tod Nawalnys trägt und sich damit ein weiteres Mal als Versager erweist. Das räumt auch Köppel ein, übrigens. Hätte Putin Nawalny in einem Sanatoriumsknast aufbewahrt, mit allen Annehmlichkeiten ausser der Freiheit, hätte der Kremlherrscher höhnisch darauf hinweisen können, wie der Westen Julian Assange behandle, wie in der Ukraine der US-Journalist Gonzalo Lira umgekommen sei. Während man in Russland respektvoll und korrekt mit solchen Gefangenen umgehe.

Aber nein, Putin liess es geschehen, dass Nawalny in immer brutalere Straflager verlegt wurde, viele Tage im Isolator verbrachte, es also immer offensichtlicher wurde, dass seine Lebenszeit begrenzt ist.

Nun schreibt (und redet) aber Köppel nicht nur selbst, wobei er sich zunehmend eines frömmlerischen Tons bedient. Er lässt auch schreiben. Zunächst Wolfgang Koydl, der his master’s voice imitierte und «Der Missverstandene», Teil zwei, absonderte. Nach dem Grosserfolg von Teil eins, der von einem Geschäftsmann mit wirtschaftlichen Interessen in Russland geschrieben worden war, was dessen Objektivität natürlich überhaupt nicht infrage stellte. Beide unverständlichen Missverständnisse erschienen zu einem, nun ja, etwas unglücklichen Zeitpunkt.

Nun noch der Journalist Guy Mettan, der schon länger durch seine prorussische Einstellung auffällt. Die darf er haben, aber Unsinn schreiben sollte er deswegen nicht.

Der chilenisch-amerikanische Journalist Lira sei in «einem ukrainischen Gefängnis gestorben», behauptet Mettan, «weil er Lügen und Schandtaten des Selenskyj-Regimes aufgedeckt hatte». Tucker Carlson behauptet hingegen, dass Lira zwar wegen angeblich illegalen Handlungen verhaftet worden sei, aber in einem Spital an einer Lungenentzündung starb. Was vielleicht nicht ganz das Gleiche ist, wie in einem sibirischen Straflager zu krepieren.

Dann erinnert Mettan an diverse Verurteilungen Nawalnys. Nun ist wohl ausserhalb der «Weltwoche» unbestritten, dass es sich bei Russland nicht um einen Rechtsstaat mit unabhängiger Justiz handelt. Wie korrekt also diese Verurteilungen zustande kamen, müsste untersucht werden. Noch schlimmer, für seine «angebliche Vergiftung» habe es «verschiedene und widersprüchliche Erklärungen von seinen Freunden» gegeben. Wahrscheinlich hat sich Nawalny das nur so massiv eingebildet, dass Russland ihn ausreisen liess und er in der Berliner Charité gesundgepflegt wurde. Der Nachweis von Gift in seinem Körper wurde von unabhängigen Labors bestätigt.

Schliesslich sei Nawalnys aufsehenerregende Streifen «Putins Palast» in Wirklichkeit «eine plumpe Fälschung, die in einem virtuellen Videolabor im Schwarzwald mit amerikanischem Kapital zusammengeschnitten wurde».

Steile Behauptungen, Beweise? «All diese Fakten lassen sich leicht anhand von authentischen Videos überprüfen, die im Netz kursieren, aber den Nachteil haben, dass sie auf Russisch sind.» Ist aber auch blöd, der so gefürchtete Propagandaapparat Putins ist nicht mal in der Lage, die «authentischen Videos» auf Deutsch zu übersetzen? Sind die vielleicht so authentisch wie der tatsächlich existierende Palast, bei dem Putin allerdings bestreitet, sein Besitzer zu sein?

Köppel tut sich mit solchen Fantastereien keinen Gefallen. Es wäre einer seriösen Untersuchung wert, was hier Propaganda und was Wirklichkeit ist. Aber doch nicht so. Damit bewirkt die WeWo, dass ihre Glaubwürdigkeit ganz allgemein leidet, obwohl sie unbestreitbar differenzierte Positionen einnimmt. Unter anderen. Wer so gegen den Strom schwimmt, darf sich keinen falschen Zungenschlag erlauben. Kann doch nicht so schwer zu kapieren sein.

Ukraine am Ende

Ein paar simple Tatsachen über Kriegsführung.

Man kann einen militärischen Zwerg wie die Ukraine mit genügend Militärhilfe zu einem Scheinriesen aufpumpen. Man kann einen ehemaligen Komiker zum Präsidenten aufblasen, der nach seinem gekauften Wahlsieg eine Weile blendend die Rolle als tapferer Kriegsherr spielt.

Man kann Mal für Mal die drohende Niederlage der russischen Invasoren behaupten, von einer Gegenoffensive faseln und einen «Friedensplan» ernsthaft vorstellen, der von Russland niemals akzeptiert würde. Schon alleine, weil er eine Aburteilung russischer Kriegsverbrecher fordert, das aber bei der Ukraine unterlässt. Man kann auch versuchen, in der Schweiz eine Friedenskonferenz einzuberufen, die Russland zu Recht als Farce bezeichnet. Nicht zuletzt deswegen, weil die Schweiz durch das Mittragen der sinnlosen Sanktionen ihre Neutralität aufgegeben hat.

Man kann daran vorbeisehen, dass Präsidentschaftskandidat Donald Trump schon jetzt verhindert, dass die USA ihre Militärhilfe fortsetzen. Man kann daran vorbeisehen, dass die EU nur einen kleinen Teil der versprochenen Waffenhilfe geleistet hat. Man kann darüber hinwegsehen, dass Präsident Selenskyj in der Ukraine eine Autokratie errichtet hat – ohne Opposition, ohne freie Presse, dafür anhaltend hochkorrupt –, die sich immer weniger von der Autokratie in Russland unterscheidet.

Man kann einem Präsidentendarsteller in martialischer Uniform und sorgfältig gestutztem Kriegsbart zujubeln, obwohl der sein Interesse, an der Macht zu bleiben, über die Interessen seines Landes und des Militärs stellt. Denn es gibt ja keinen Grund, einen erfolgreichen Armeechef wie Waleri Saluschni abzusetzen – ausser, dass dessen Zustimmungswerte haushoch über denjenigen des Präsidenten liegen.

Man kann ständig über den ungebrochenen Kampfeswillen, ja eine Reheroisierung in der Ukraine faslen und den Zustand der russische Streitkräfte als desaströs und nahe an der völlige Niederlage beschreiben.

Man kann darüber hinwegsehen, dass Selenskyj von US-PR-Agenturen beraten und von Mitspielern im Showgeschäft gelenkt wird. Sein Stabschef Andri Jermak war zuvor als Wirtschaftsanwalt und Filmproduzent tätig. Nichts davon befähigt ihn, wie den Präsidenten auch, ein Land im Krieg verantwortungsvoll zu führen.

Man kann darüber hinwegsehen, dass die Ukraine längst den Zeitpunkt verpasst hat, mit Russland einen für beide Seiten akzeptablen Frieden auszuhandeln. Nach fast zwei Jahren Krieg zeigt sich, dass die russische Kriegsindustrie auf vollen Touren läuft, die Sanktionen nur marginale Wirkung zeigen und die Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen sprudeln wie nie.

Währenddessen vermeidet die Ukraine nur deswegen den Staatsbankrott, weil immer noch von der EU Mulitmilliarden für das Funktionieren des Staates hineingepumpt werden.

Oder in banalen Zahlen: 831’000 Soldaten gegen 200’000. 4182 Flugzeuge gegen 312. 12’600 Kampfpanzer gegen 1900. Selbstfahrende und geschleppte Artillerie 10’000 gegen 1’800.

Man kann über das Interview herziehen, dass Präsident Putin dem US-Journalisten Tucker Carlson gab, über die Grösse des Tischs oder die Farbe von Carlsons Krawatte perseverieren. Und den Inhalt mit ein paar übellaunigen Nebensätzen abtischen.

All das kann man tun.

Man kann auch behaupten, dass in der Ukraine so ziemlich alle westlichen Werte verteidigt würden, obwohl sie dort nicht existieren. Man kann alte Feindbilder von slawischen Horden, entmenschten russischen Kämpfern, brutalen asiatischen Kriegern wieder aufwärmen. Man kann behaupten, Deutschland müsse sich ernsthaft auf einen russischen Angriff gefasst machen. Obwohl in den letzten Jahrhunderten Russland zweimal von Deutschland und einmal von Frankreich überfallen wurde und selbst niemals Westeuropa überfiel.

All das kann man tun.

Man kann auch jeden Abweichler von dieser Generallinie als Putin-Versteher, Diktatorenfreund, Befürworter von militärischen Überfällen, gar als Landesverräter, Demokratiefeind, nützlichen Idioten, wehrunwilligen Lakaien Moskaus, Opfer feindlicher Propaganda, Defätisten, Diversanten und Befürworter von Diktatur und Unrechtsstaaten denunzieren.

All das kann man tun.

Man kann auch einseitige Kriegspropaganda betreiben wie in den schlimmsten Zeiten der beiden vergangenen Weltkriege, wo die eigene Seite heroisch, blütenweiss, tapfer, menschlich, unerschrocken und siegeswillig dargestellt wird. Die feindliche Seite als verschlagen, dunkelschwarz, feige, unmenschlich, verzagt und wankelmütig.

All das kann man tun.

Man kann aber nicht behaupten, dass damit ein wirklichkeitsnahes Bild der Situation in der Ukraine hergestellt würde. Man kann nicht behaupten, dass so die sogenannten deutschsprachigen Qualitätsmedien auch nur im Ansatz ihrer Aufgabe nachkommen, ihre Konsumenten mit Einordnungen, Analysen und realitätsnahen Beschreibungen zu versorgen, auf dass sich die eine eigene Meinung bilden könnten.

Unabhängig davon, wie der Krieg in der Ukraine ausgeht: eine weitere dramatische Niederlage haben die Massenmedien bereits erlitten. Allerdings nicht durch feindliche Einwirkung, sondern selbstverschuldet.

Interview mit dem Teufel

Wenn die Qualitätsmedien demagogisch berichten.

Die Parallelität liegt auf der Hand. Da hat der autokratisch, ohne Opposition und mit Pressezensur in einem korrupten Staat regierende Wolodimir Selenskyj seinen Oberbefehlshaber gefeuert. Mit der dünnen Begründung, dass er einer «notwendigen Erneuerung» der Streitkräfte im Wege stünde. In Wirklichkeit wohl, weil er ihm zu drohend in der Sonne stand. Denn irgendwann sollte ja mal wieder gewählt werden.

Waleri Saluschi machte den Fehler, seinem Chef zu oft und zu öffentlich zu widersprechen. Wenn der zum Beispiel die letzte Offensive der Ukraine als Triumph feiern wollte, obwohl sie eine bittere Niederlage war. Nun ja, schreiben die Massenmedien, Machtkampf halt. Und loben den neuen Armeechef Alexander Sirski über den grünen Klee.

Fast gleichzeitig veröffentlicht der US-Moderator Tucker Carlson ein Exklusivinterview mit dem russischen Präsidenten Putin. Gelegenheit für den US-Korrespondenten (!) Peter Burghardt, Häme aus den Zeilen tropfen zu lassen. Burghardt fiel zuvor durch schrilles Pfeifen im Wald auf; also durch eine vom Prinzip Hoffnung durchtränkte Berichterstattung über die Präsidentschaftsnomination der Republikaner, bei der für Burghardt nur etwas unumstösslich war: Donald Trump soll hoffentlich, bitte, bitte, nicht gewinnen.

Ähnlich realitätsnah berichtet nun der Russland-Kenner aus dem fernen Washington über ein Interview in Moskau. Mangels vertiefter Kenntnisse über Hintergründe und Zusammenhänge beschreibt er liebevoll Oberflächliches.

Zuerst weiss er weltexklusiv: «Carlson, falls das jemand nicht weiss, war mal der oberste Scharfmacher bei Fox News. Bis ihn der rechtskonservative Kanal feuerte, weil auch den Murdochs seine Propaganda für Donald Trumps Absurditäten zu weit ging.» Für alle anderen ausser Burghardt wurde beiderseitig Stillschweigen über die Gründe für Carlson Abgang vereinbart – und eingehalten. Dass Carlson zuvor mit einem schrägen Interview mit Donald Trump Einschaltquote bolzte, daran will sich Burghardt lieber nicht erinnern. ZACKBUM hat keinen Zweifel daran gelassen, was davon zu halten ist.

Nun aber zum Wesentlichen, der Sitzordnung: zwischen beiden sei nur «ein kleiner, eckiger Tisch» gestanden, beobachtet Burghardt – wie das jeder Zuschauer auch kann. Dann fährt er fort: «Kein Tisch von der Länge der Transsibirischen Eisenbahn wie während mancher Politikerbesuche in dieser Burg. Auf dem kleinen Tisch ein Wasserglas für Carlson und ein Becher für Putin, daneben bei Putin ein Handy und ein Stift, wenn der Anblick nicht täuscht. Und bald auch Putins Uhr.»

Ist das vielleicht komisch und erhellend; Putin hat seine Uhr ausgezogen. Was will er der Welt damit sagen? Hat er einen Werbevertrag? Man weiss es nicht, Burghardt weiss selber nicht, wieso er solchen Mumpitz erwähnt. Aber damit hat es sich noch nicht mit seiner Berichterstatterpflicht: «Die Uhr schnallt er in den ersten Minuten vom rechten Handgelenk ab und legt sie mit leichtem Klirren auf die Platte. Sicher ein Hinweis, dass er Zeit hat, es werden am Ende um die 120 Minuten. Der Fragesteller aus Amerika trägt eine Krawatte mit goldgelben Streifen und einem zu dunklen Blau, um als ukrainisches Banner durchzugehen.» Ist es wirklich nötig, den Bericht mit so einem unwichtigen Nonsens zu verwässern?

Carlson steigt direkt ein, das muss ihm Burghardt zubilligen, und Putin fetzt gleich zurück: «Ist das hier eine Talkshow oder ein ernsthaftes Gespräch?» Natürlich willkommener Anlass für Burghardt, nachzutreten: «Das bleibt zwei Stunden lang unklar.» In Wirklichkeit wollte Puntin damit sagen, dass er etwas weiter ausholen möchte und dafür um Geduld und Nachsicht bitte. Aber wieso sich damit eine billige Pointe kaputtmachen.

Ach, und der Inhalt? «Es folgen ausufernde Ausführungen und Rechtfertigungen, die ins 9. Jahrhundert zurückgehen. Putins Geschichtsstunden, hat man schon mal irgendwo gehört.»

Wozu auch sie dann wiedergeben, nicht wahr? Als Carlson fragt, ob sich Putin vorstellen könne, dass US-Soldaten auf Seiten der Ukraine mitkämpfen, zeigt sich Putin schlagfertig: ««Haben Sie nichts Besseres zu tun? Sie haben Probleme an der Grenze, Probleme mit der Migration, Probleme mit der Staatsverschuldung. 33 Billionen Dollar», hat er parat, die Zahl. «Wäre es nicht besser, mit Russland zu verhandeln?»»

Könnte also eigentlich interessant sein, den Inhalt des Gespräch zusammengefasst zu bekommen. Einen kleinen Schnipsel gibt es dann: «Joe Biden mache mit der Unterstützung der Ukraine einen historischen Fehler, erzählt Putin. Man habe kein Interesse, in Polen, Lettland oder sonst wo anzugreifen und wolle auch keine Atomwaffen einsetzen. Mit solchen Szenarien solle Steuerzahlern in Europa und den USA Geld aus der Tasche gezogen werden. Ein globaler Krieg würde die Menschheit doch nur an den Rand der Vernichtung bringen.»

Hört sich nicht ganz unvernünftig an, obwohl es aus dem Mund des Gottseibeiuns in der Kremlburg stammt. Aber das erscheint auch Burghardt als viel zu positiv, also muss er wieder draufhauen:

«Am Ende seiner Monologe ist noch mal Putins Welt mit Historie angesagt, Nato, 1991, 2008, 2014, Ukraine. Russland sei auf dem Schlachtfeld nicht zu besiegen, das Übliche. Von so etwas würden sich die Amerikaner nicht beeinflussen lassen, hatte schon vorher ein Sprecher aus dem Weissen Haus gesagt. «Denken Sie daran, Sie hören Wladimir Putin zu», empfahl er vorher. «Sie sollten nichts für bare Münze nehmen, was er zu sagen hat.»»

Reicht das? Das reicht noch nicht: «Nachher steht Tucker Carlson im sanften Schneefall und moderiert sein folgendes Interview an, hinter ihm die Zwiebeltürme. Bilderbuchmoskau. Man weiss nicht, ob man anschliessend erleichtert oder beunruhigt sein oder einfach nur schlafen soll.»

Man sollte beunruhigt sein. Wenn das Qualitätsjournalismus sein soll, für den die Leser der «Süddeutschen Zeitung» und ihres Abklatsches Tamedia etwas bezahlten sollen – statt Schmerzensgeld zu verlangen, dann sind die dort Verantwortlichen wohl noch weiter von der Wirklichkeit entfernt als Putin.

Ob es diesen Demagogen passt oder nicht, die «Weltwoche» macht mal wieder das, was den Basics des Journalismus entspricht: sie dokumentiert kommentarlos das Interview mit deutschen Untertiteln. Daneben und darüber und darunter kommentiert das Blatt, auch die peinliche Berichterstattung in den deutschsprachigen Medien …

Auch Carlson selbst kommentiert den einleitenden, sehr langen Ausflug Putins in die russische Geschichte, der nun nicht jeden interessieren muss. Ausser diejenigen, die sich dafür interessieren, welche Motive den zweit- oder drittmächtigsten Mann der Welt antreiben. Was doch immer eine sinnvolle Sache ist, oder?

Natürlich fehlen Fragen, wie die, warum Putin dann vor dem Ukrainekrieg unverhohlen mit seinem Atomwaffenarsenal gedroht habe. Oder wieso er sämtliche Staatsverträge gebrochen hat, die die territoriale Unversehrtheit der Ukraine russischerseits garantieren. Aber ein paar Zugeständnisse musste Carlson sicherlich für dieses Exklusivinterview machen.

Eigentlich ist es mal wieder ein Armutszeugnis für die Mainstreammedien, dass ausgerechnet einem Aussenseiter wie Carlson etwas gelingt, worauf alle Medien scharf sind: ein ausführliches Interview mit Putin. Da sind da aber die Trauben sehr, sehr sauer für die anderen.

By the way: glaubt jemand ernsthaft, dass Joe Biden oder gar Donald Trump in der Lage wären, einen solchen Abriss über die amerikanische Geschichte zu geben? Ohne ihn vom Teleprompter abzulesen, of course.

Vorsicht, Tiefflug

Früher war ein Kommentar noch was.

Heute ist Beatrice Bösiger. Sie wurde bereits in ihrer Berichterstattung übers WEF verhaltensauffällig. Jetzt darf sie noch den grossen Schlusskommentar für Tamedia in den  Sand setzen.

Warnhinweis und Packungsbeilage für empfindliche und gendersensible Leser: ab hier wird es leicht toxisch. Das liegt aber nicht am Schreiber, sondern am zu Beschreibenden.

Denn wenn ein Kleingeist versucht, die grosse Welt in Worte zu fassen, dann wird es eher peinlich; das Wort fremdschämen stösst in neue Bedeutungsdimensionen vor.

Bösiger kommt zunächst zur umwerfenden Erkenntnis, dass «viele Teilnehmende Aufmerksamkeit statt Austausch suchten». Dabei war das WEF doch bislang dafür bekannt, dass niemand, vielleicht mit der Ausnahme von Donald Trump, hier nach Aufmerksamkeit giert, sondern alle haben früher ihr Ego zu Hause gelassen und sich in den Dienst der Sache gestellt.

Das WEF war und ist schon immer ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, auf dem jeder Teilnehmer nur zwei Pendenzelisten abarbeitet. Wie bekomme ich grösstmögliche Performance in den Medien, und wie viele Kontakte kann ich in den wenigen Tagen knüpfen. Ist schliesslich ein sauteurer Spass.

Bösiger hingegen scheint nur eine Pendenzenliste zu haben: wie mache ich mich mit möglichst wenig Worten maximal lächerlich. Das fängt schon mit der mangelhaften Sprachbeherrschung an: «Davos hat seinen normalen Aggregatzustand zurück.» Fest, flüssig, gasförmig oder als Plasma?

«Zu unterschiedlich ging es auf der Bühne zu und her.» Unterschiedlich zu was? Meint sie vielleicht kontrovers, verschiedenartig? Man weiss es nicht, sie weiss es nicht. Wie ging es denn auf der Bühne zu und her? «So warnte der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski zwar eindringlich vor dem russischen Aggressor.» Zwar, aber? «Zuvor hatte er … einen Friedensgipfel für die Ukraine angekündigt.» Wir üben den Gebrauch des Adverbs «zwar». Oder nein, wir lassen es, hoffnungslos.

«Und auch der israelische Präsident Isaac Herzog verdammte bei seinem Auftritt den Terror der Hamas.» Wir üben den Gebrauch der Konjunktion «und auch». Oder nein, wir lassen es.

Das war dann doch recht kontrovers, oder nicht? Nicht: «Zwischendurch wurde es jedoch deutlich kontroverser.» Noch kontroverser? Ach ja, Auftritt Lieblingsfeind von Bösiger, Präsident Milei aus Argentinien. Der habe seine erste Reise ins Ausland dazu genutzt, «den Sozialismus im grossen Saal des Kongresszentrums nach Kräften zu verdammen und sämtliche staatlichen Eingriffe zu verteufeln.» Nach den Fake News über seinen Auftritt nun eine hochklassige Zusammenfassung des Inhalts seiner Rede.

Dann noch der polnische Präsident, also genauer der «rechtskonservative Duda» und der abstreitende iranische Aussenminister. «Ob derartige Auftritte dem Motto des Forums entsprechen, darf getrost bezweifelt werden.» Tja, auch wenn die Kommentatorin nicht recht bei Trost ist …

Aber immerhin, das scheint doch eine klare Position zu sein. Selenskyj und Herzog gut, Milei und iranischer Aussenminister Amir-Abdollahian schlecht. Das dürfte auch Bösiger unangenehm aufgefallen zu sein, also verwedelt sie: «Dass es in Davos Platz für unterschiedliche Ansichten und Positionen geben muss, ist klar.»

Das ist ein edler Gedanke; noch schöner wäre es, wenn die Berichterstatterin in der Lage wäre, diese unterschiedlichen Ansichten wenigstens korrekt wiederzugeben. Aber lieber mäkelt sie: «Doch das Agenda-Hopping macht das Forum beliebig. Im Kongresszentrum folgt Rednerin auf Redner, die Themen wechseln andauernd. Echter Austausch kommt bei einer solchen Übungsanlage schwerlich zustande.»

Ähm, ist es nicht Sinn der Sache, dass bei einer solchen Veranstaltung Redner auf Redner folgt? Sollte es zwischendurch Momente geben, in denen sich alle auf der Bühne umarmen? Gemeinsam den «Schacher Sepp» singen? Oder «Freude schöner Götterfunken»?

Aber gut, nun zum Wesentlichen, also zur Schweiz. Auch da hat Bösiger vielleicht eine klare Ansicht, die kann sie aber nur unklar formulieren: «Der Schweiz ist es gelungen, während des  Forums wieder eine stärker wahrnehmbare Rolle zu spielen als auch schon. Im vergangenen Jahr geriet die Schweiz wegen ihrer Haltung, die Weitergabe von Munition in die Ukraine zu ermöglichen, in die Defensive.» Ähm, mit der Ankündigung einer Friedenskonferenz, an der höchstens ein Kriegsteilnehmer anwesend sein wird? Und war es nicht die Haltung der Schweiz, die Weitergabe nicht zu ermöglichen, mit der sie in die Defensive geriet? Beziehungsweise sich gegen Anschläge auf die Rechtsstaatlichkeit und Einhaltung Schweizer Gesetze zur Wehr setzen musste?

«Gegen den Friedensgipfel, den die Schweiz für die Ukraine organisieren will, kann zumindest öffentlich niemand anreden.» Ähm, doch, Russland bezeichnet ihn als «Farce», China und die USA sagen überhaupt nichts dazu, und die Schweiz ist schon längst als neutraler Ort für Konferenzen ausgefallen, weil sie sich ohne Not an den absurden Sanktionen gegen Russland beteiligt.

Nach diesen Ritten durch holpriges Sprachgelände, bei denen die Reiterin mehrfach vom Pferd fiel, kommt nun noch die grosse Schlussbilanz, Posaunen und Trompeten, schmettert los: «Es zeigt sich, dass das Forum – auch ohne genuin wirtschaftliche Themen ganz oben auf der Agenda – ein kommerzieller Anlass ist und bleibt. Andere Erwartungen sind da schlicht zu hoch gegriffen.»

Mit dieser originellen, tiefschürfenden und geradezu vernichtenden Analyse entlässt Bösiger den verwirrten Leser. Der fragt sich nur, ob er hier absichtlich gequält wurde – oder aus Unfähigkeit. ZACKBUM ist gnädig und plädiert fürs zweite.

Qualitätskontrolle? Sprachbeherrschung? Niveau? Originalität? Widerspruchsfreiheit? Verständlichkeit? Flughöhe? Auf alle diese Fragen gibt es leider bei Tamedia eine einfache Antwort: Frau.