Die Ukraine gedenkt

Die Medien strotzen dabei vor Geschichtsvergessenheit.

Die jüngere Geschichte der Ukraine ist voller Widersprüche und Leiden. Sie wurde 1922 als Bestandteil der UdSSR gegründet. Anschliessend litt sie fürchterlich unter Stalin. Ein Grund, um die deutschen Faschisten als Befreier zu begrüssen, als die Wehrmacht 1941 die Sowjetunion überfiel.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) kämpfte schon zuvor gegen die Sowjetunion, auch Pogrome gegen Juden begannen nicht erst nach der deutschen Invasion. Aber danach meldeten sich viele Ukrainer freiwillig als Hilfspolizisten und beteilgten sich am Massenmord an Juden.

Babyn Jar, wo der grösste Massenmord der Wehrmacht an Juden auf ukrainischem Gebiet stattfand, ist ein Tal in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Auch daran waren ukrainische Hilfspolizisten beteiligt.

Das Staatsgebiet der heutigen Ukraine wurde 1944 durch die Rote Armee von der deutschen Wehrmacht befreit. Viele ukrainische Kollaborateure flüchteten danach nach Deutschland oder allgemein in den Westen.

Als Symbolfigur für diese Beteiligung an Untaten des Naziregimes gilt bis heute Stepan Bandera. Wegen seiner Beteiligung an Massenerschiessungen und Pogromen wurde er in der Sowjetunion in Abwesenheit zum Tode verurteilt und 1959 von einem KGB-Agenten in seinem Exil in München getötet.

Gespaltene Ukraine

Der Osten der Ukraine, der keinesfalls so eng mit den Faschisten kollaborierte, führte einen Partisanenkrieg gegen die Nazis, dem sich andere Teile der Ukraine erst dann anschlossen, als es offenkundig wurde, dass die Herrschaft der Deutschen keinesfalls eine Befreiung von Stalins Joch darstellte, sondern seine Ersetzung durch ein neues Unrechtsregime.

Aber im Westen der Ukraine wird Bandera bis heute als Nationalheld mit Denkmälern geehrt.

Das alles macht den Überfall Russlands um keinen Deut besser und liefert keine Rechtfertigung dafür. Wer aber diesen Teil der Geschichte der Ukraine ausblendet, ebenso wie die Tatsache, dass die Feier des Sieges im Zweiten Weltkrieg über Hitler-Deutschland für Russland bedeutet, dass das von keinem anderen Land der Welt mit so grossen Opfern errungen wurde, der betreibt Geschichtsklitterung.

Natürlich ist der Slogan der Entnazifizierung der Ukraine reine Kriegspropaganda. Aber nicht völlig aus der Luft gegriffen, denn auch heute noch sympathisieren nicht nur militärische Hilfstruppen der Ukraine, sondern auch politische Parteien ideologisch eng mit dem Faschismus. Dass Selenskij seinerseits die russischen Truppen mit Faschisten gleichsetzt, ist nur propagandistisch zu verstehen.

Beflecktes Gedenken

Dieser übersteigerte Nationalismus und Patriotismus, gepaart mit Antisemitismus, widerspiegelt das Denken eines nicht geringen Prozentsatzes der ukrainischen Bevölkerung. Auch die Ukraine hat sich nicht aus eigenen Kräften vom Joch der Nazis befreit, sondern das erledigte die Rote Armee unter ungeheuerlichen Opfern.

Dass nun die Nachfolgeorganisation der Roten Armee als Invasor auftritt, ist beelendend. Das befleckt das Angedenken an die 25 Millionen Tote, die der Überfall Hitler-Deutschlands forderte – und die Rückeroberung der von den Deutschen besetzten und zerstörten Gebiete. Es war klar und unvermeidlich, dass die Rote Armee erst nach der Eroberung Berlins und der totalen Kapitulation Deutschlands den Krieg beendete.

Es war ebenfalls unvermeidlich, dass die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, nicht zuletzt in einer Konferenz, die auf der Krim stattfand, Nachkriegseuropa unter sich aufteilten. Sie vermieden damit eine Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs.

Nicht nur die Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg liebäugelte mit dem Gedanken, einen Separatfrieden mit dem Westen auszuhandeln – um dann mit gemeinsamen Kräften nochmals die UdSSR zu überfallen. Diesem Plan stand Hitler im Weg, deshalb sollte er beseitigt werden, nicht etwas als Ausdruck eines Protests gegen den Faschismus und seine Untaten, an denen Stauffenberg tatkräftig teilgenommen hatte.

Steinbruch Geschichte

Geschichte ist nichts Statisches oder Feststehendes. Sie wird immer wieder umgeschrieben, natürlich von den Siegern. Aber nicht nur die Ukraine zeigt, dass einseitiger Triumphalismus, gar das Ausrufen des Endes der Geschichte fatale Folgen haben kann. Wer geschichtliche Faktoren ausblendet, weil sie ihm nicht in sein Narrativ passen, lernt nichts aus der Geschichte und ist häufig dazu verurteilt, sie zu wiederholen.

Natürlich hat der ukrainische Präsident Selenskij alles Recht der Welt, sich mit allen Mitteln gegen die russische Invasion zu wehren, und propagandistisch erledigt er einen exzellenten Job, persönlicher Mut ist ihm auch nicht abzusprechen.

Dass er korrupt ist, über bedeutende Besitztümer im Ausland verfügt, wie man spätestens seit den Pandora Papers weiss, schmälert das nicht. Auch nicht, dass sein Wahlsieg von einem ukrainischen Oligarchen ermöglicht wurde, der damit Probleme löste, die ihn ins Exil ins Ausland gezwungen hatten. Auch nicht, dass in der Ukraine die gleiche Medienzensur herrscht wie in Russland.

Aber all das komplettiert die Beschreibung dieser Person. Genauso wie die erwähnten Aspekte der ukrainischen Geschichte hilft ein differenziertes Bild bei einer differenzierten Betrachtung. Beim Verständnis und beim Vermeiden von Irrtümern.

5 KOMMENTARE
  1. Dave V.
    Dave V. says:

    Es wird stets vergessen, dass auch sehr viele Russen unter dem Diktator Stalin ums Leben kamen. Stalin, selbst Georgier, hat es also nicht explizit auf Ukrainer abgesehen, wie das heute oft von ukrainischer Propaganda impliziert wird (Holodomor). Auch in Russland sagt man, jede Familie habe mindestens ein Opfer durch Stalin zu beklagen. Stalin waren die Menschen immer egal, seien es Russen, Ukrainer oder Andere. Ihm ging es um die Macht. Ich vermute selbst die kommunistischen Ideale waren für ihn ein reines Mittel zum Zweck. Diese gingen ihm wohl am A vorbei.

    Antworten
  2. wd
    wd says:

    Ich würde sagen wirr und immer mehr mit Schlagseite:
    Sehr interessant zu lesen: «Auch die Ukraine hat sich nicht aus eigenen Kräften vom Joch der Nazis befreit, sondern das erledigte die Rote Armee unter ungeheuerlichen Opfern». Sie meinen wohl, die Ukrainische Armee hätte das damals 19440 nicht alleine geschafft? – Wow, Geschichtsignoranz vom Feinsten!

    Weiter: «Dass Selenskij seinerseits die russischen Truppen mit Faschisten gleichsetzt, ist nur propagandistisch zu verstehen». Natürlich, Putin ist sicher kein Faschist, nie und nimmer: nicht antidemokratisch eingestellt, keiner der die Russische Identität überhöht, nie Andersdenkende verschwinden lässt, nie seine Gegner vergiftet, nie seine Armee auf Zivilisten schiessen lässt, nie Frauen und Kinder verschleppen lässt, nie Kriegsverbrecher mit Orden auszeichnet; und natürlich einer, der die freie Presse über alles fördert….

    Antworten
  3. Didier Venzago
    Didier Venzago says:

    Jetzt ist es definitiv Zeit sich für immer von diesem Blog zu verabschieden. Bot Herr Zeyer mit seiner Schweizer Medienschelte noch amüsanten Lesestoff eines von den Leitmedien ignorierten „has been Journi“ so driftet der Blog seit dem Ukrainekrieg komplett ins wirre ab. Das ständige Getippe in dem der russische Agressor als unverstandene Grossmacht hingestellt wird und die ukrainischen Verteidiger schlechtgeschieben werden ist unerträglich. Es reicht. Tschüss.

    Antworten
    • René Zeyer
      René Zeyer says:

      Red. Aggressor, wenn schon. Wirr sind hier nur die argumentfreien Behauptungen. Diese Absenz steigert das Niveau der Kommentare sicherlich ungemein.

      Antworten
    • Leni
      Leni says:

      Was Herr Zeyer hier zusammengefasst hat, ist ja nichts Neues, oder wussten Sie das noch nicht? Welche Schlüsse man nun aus diesem Wissen ziehen mag, bleibt jedem selbst überlassen. Für mich verdeutlicht es einmal mehr, dass man eben gut beraten ist, sich ein differenziertes Bild zu machen. Und das kann man tatsächlich auch, obwohl feststeht, dass Putin das Völkerrecht gebrochen und diesen Krieg angezettelt hat und dafür die alleinige Schuld trägt. Sein Vorgehen ist durch nichts zu rechtfertigen oder zu verstehen oder gar zu entschuldigen. Dass dadurch jedoch der Rest der Welt automatisch zu Heiligen mutiert, will sich mir nicht erschliessen.

      Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.