Wenn Journalisten über Journalisten schreiben …
… wird der «umstrittene Journalist» Lukas Hässig unfreundlich abgewatscht.
«Tim Wirth schreibt oft Portraits und Hintergründe. Für den «Züritipp» interviewt er zudem internationale und nationale Musikerinnen und Musiker.»
Also geradezu prädestiniert dafür, ein Porträt über den Finanzblog «Inside Paradeplatz» und seinen Herausgeber Lukas Hässig zu schreiben. Ist es das Geld wert, hinter der Bezahlschranke?
Erste Zweifel kommen schon bei der Spitzmarke auf: «Umstrittener Zürcher Journalist». Wer streitet denn um ihn; das ist ein unscharf-wolkiges Adjektiv, das insinuieren soll: zweifelhaft. Unflat bereits im ersten Wort. Es geht so weiter:
«Kontroverser Blog, 150’000 Klicks will der 60-Jährige pro Tag erreichen, der Ton ist dramatisch und gehetzt, er publiziert auch Halbgares und Verletzendes und wurde deshalb schon mehrmals eingeklagt und auch verurteilt. Er musste Entschädigungen bezahlen, Artikel oder Textstellen löschen und Gegendarstellungen publizieren. Wie oft, bleibt unklar, schwammige Trennung von Fakten und Meinungen auf «Inside Paradeplatz», auch männliche Politiker sagen, dass Hässig sie faktenfrei angegriffen habe.»
Eine hübsche Portion Häme, auch mit anonymen Quellen, dazu zitiert er Hässigs ehemaligen SoZ-Chefredaktor Andreas («Duschdas») Durisch, der längst in die Beratung gewechselt hat. Oder entblödet sich nicht, ungeeignete Zeugen wie Jolanda Spiess-Hegglin oder das Mitglied ihres Beirats Martin Steiger zu zitieren, ohne dessen Interessensbindung auszuweisen.
Natürlich gibt es auch eine Portion Lob: «Seine investigativen Recherchen deckten bedeutende Skandale im Schweizer Finanzsektor auf.» Gleich abtemperiert: «Kritiker werfen dem Portal mangelnde Faktentreue sowie diskriminierende Berichterstattung vor.»
Dass angebliche weibliche Opfer weitgehend vor Gericht krachende Niederlagen erlitten, erwähnt er hingegen nicht.
Einen zentralen Punkt umfährt er geflissentlich: wie ist es möglich, dass Hässig als One-man-Show den Vincenz– Skandal aufdeckte, die Millionenentschädigung für den Ex-Novartis-Chef Daniel Vasella, um nur zwei Beispiele zu nennen?
Das hat zwei Gründe. Erstens schnarcht die Wirtschaftsredaktion von Tamedia vor sich hin, trotz des unermüdlichen Arthur Rutishauser. Zweitens wendet man sich zuerst an Hässig, wenn man Interna zu enthüllen hat. Weil man weiss, dass der Mann sich traut, die auch rauszuhauen. Obwohl er damit immer wieder existenzgefährdende Rechtshändel riskiert.
So wie beim Anlass des Artikels. Der rachsüchtige Kompagnon von Pierin Vincenz hat als Privatkläger die Staatsanwaltschaft mehrfach dazu gezwungen, eine absurde Ermittlung wegen einer angeblichen Verletzung des Bankgeheimnis wieder aufzunehmen. Das führte zu einer Razzia bei Hässig. Ein Schlag ins Wasser, denn sein Antrag auf Versiegelung des abtransportierten Materials hatte Erfolg.Auf den Kosten, wie auch in seinem epischen Streit mit der UBS, bleibt er jeweils sitzen. Wie sagt Hässig so richtig:
«Wenn ich eingeklagt werde, kann ich anfangen, 1000er-Noten rauszuschmeissen.»
Dass er allerdings in Überdehnung des Rechts auf freie Meinung seine Kommentarschreiber an der ganz langen Leine hält, was ihm schon schmerzliche Verluste bescherte, das sollte er besser in den Griff kriegen.
Ein Porträt ist immer seine subjektive Sache. Ein guter Porträtschreiber versucht, für den Leser ein möglichst realitätsnahes Bild des Porträtierten zu schreiben.
Da er Herr der Beispiele zur Charakterisierung und der ausgewählten Zitate ist, kann er dem Bild einen Spin geben, eine Färbung. Wenn er ein schlechter Porträtschreiber wie Tim Wirth ist. Ein Lohnschreiber, der nie im Leben auf die Idee käme, ein kritisches Porträt über seinen Big Boss Pietro Supino oder über den geldgierigen Coninx-Clan zu schreiben.
Und seitdem der bei ZACKBUM auf der Shitlist stehende besinnungslose Gesinnungsschreiber Philipp Loser mit einer unsäglichen Rempelei gegen den Konkurrenten Hanspeter Lebrument («Der Alte auf dem Berg») baden ging, er sich dafür entschuldigen musste und der Artikel gelöscht wurde, traut man sich auch nicht mehr an die Konkurrenz heran.
Ausser, sie heisst Hässig. Was bleibt da als Framing? Wilder Typ, frauenfeindlich, haut oft Halbgares und News aus der Gerüchteküche raus, hat’s nicht so mit den Fakten. Obwohl er da und dort einen Primeur landet.
Man könnte genauso unfundiert eine Lobeshymne auf Hässig anstimmen. Journalismus als Jahrmarkt der Beliebigkeit. Wie man ein gutes Porträt schreibt, das lernt man heute offenbar weder am MAZ noch bei einem «Kompaktkurs der Henri-Nannen-Schule». Die immerhin noch so heisst, während der Henri-Nannen-Preis (den auch der «Spiegel»-Fälscher Relotius gewann), inzwischen in «Stern»-Preis umbenannt wurde.
Aber das wäre eine andere Geschichte.
Packungsbeilage: ZACKBUM-Redaktor René Zeyer publiziert regelmässig auf IP.




















