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Wumms: Thomas Schifferle

Der Mann mit Mission: nieder mit Infantino!

Andere haben es als ihre Aufgabe angesehen, Donald Trump wegzuschreiben. Vergeblich.

Andere erteilen ihren Lesern und der Welt unermüdlich Ratschläge, wie sie sich zu verhalten hätten. Auch vergeblich.

«Sportjournalist» Thomas Schifferle von Tamedia fuchtelt mit der roten Karte gegen den Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. Er hat sich in einen regelrechten Blutrausch gefaselt: «Infantino ist gescheitert – der Fussball möge endlich von ihm erlöst werden. Der 56-jährige Walliser ist einfach untragbar. Sein Gebaren als Sonnenkönig und seine Nähe zu Trump sind für den Fussball zu gefährlich geworden.»

Aber oh je, der Mann will trotz dieser Philippika nicht weichen, und Schifferles Wunsch nach Erlösung ist von seiner Glatze abgeperlt. Wenn er es überhaupt zur Kenntnis genommen hat. Aber so nicht mit dem Fussball-Erlöser. Also legt er mit einem Leidartikel, Pardon, Leitartikel nach:

Leider kann er das Werk nicht selbst verrichten, also appelliert er: «Gerade die Uefa ist jetzt gefordert, ihn zu stürzen und so grossen Schaden abzuwenden.»

Der Sesselkleber Infantino hätte doch in Zürich «ein grosszügig geschnittenes Büro». Aber nein, fies wie er ist, hatte er «das Führungspersonal der Fifa zu einer Krisensitzung nach Rabat beordert». Das hat ihm zum grossen Tort von Schifferle einstimmig seine Unterstützung zugesagt. Also nehmt das: «Dabei gibt es nur einen, der die Integrität der Fifa gefährdet oder ihr schadet.»

Nun ja, muss Schifferle zwar einräumen, auch die seinen Rücktritt fordernde Uefa wolle «mit der EM und gerade mit der Champions League so viel Geld wie möglich verdienen». Aber das ist etwas anderes: «Infantino dagegen ist eine Gefahr für den Sport, weil er bereit ist, ihn zu verkaufen, gerne auch zum eigenen Wohl.» Ganz im Gegensatz zur Uefa und ihren Funktionären, versteht sich.

Leider hat Infantino bislang dem Druck von Schifferle, all seinen verbalen Blutgrätschen widerstanden. Dabei gehe es allerdings zu wie im hölzigen Himmel: «Der Ton ist rau. Und Infantino vermutlich jedes Mittel recht, sich an die Macht klammern zu können.» Gut, dass wenigstens Schifferle konziliant und zurückhaltend im Ton ist.

Obwohl er fast verzweifelt: «Die Uefa braucht entweder einen starken Gegenkandidaten, um den Sturz ihres Feindbildes zu erreichen. Oder ein überzeugendes Konzept, wie sie sich künftig die Fifa vorstellt. Beides fehlt noch.»

Denn alleine schafft es der Amok laufende Sportjournalist nicht. Leider hat auch er ausser Gekeife nichts anzubieten, was sein Feindbild stürzen könnte.

Das ist frustrierend. Menschlich verständlich, dass Schifferle seinen Frust verbal ausagieren muss. Sonst gibt das Magengeschwüre, Herzzipperlein und Schnappatmung. Und das wollen wir für einen Mann in seinem Alter wirklich nicht.

Auf der anderen Seite: wieso muss der dafür zahlende Leser des Kopfblattsalats von Tamedia diese Sprachinkontinenz immer wieder über sich ergiessen lassen? Schifferle wüsste doch, wie die Fussballwelt eine bessere würde. Keine Geldgier der Verbände und Fussballclubs mehr, endlich wieder Spass am Sport, ehrlicher Wettkampf, das Runde muss ins Eckige, und nach dem Spiel wäre wieder vor dem Spiel.

Aber nein, die Fussballwelt ist und bleibt schlecht, dabei will er doch nur ein bisschen Frieden. Also schliesst sich ZACKBUM seinem Sirachen an. Einfach, damit die gequälte Seele Ruhe findet. Auch wir fordern den Rücktritt von Infantino. Im Namen von Luigi Scrosoppi. Das wird ihm den Rest geben.

Ach, die WoZ

Das Blatt hat seine Stärken. Und Schwächen.

Wenn der Fluss der medialen Berieselung verelendet, versiegt, vertrocknet, kommen Kieselsteine im Flussbett zum Vorschein, die man gemeinhin übersieht. Zum Beispiel die WoZ.

Sie hat ihre bedauerlichen Schwächen. Wenn ausgerechnet im Organ, wo Mitarbeiter sich noch durchaus daran erinnern können, dass man ihnen «Moskau einfach» zurief, die existenzbedrohenden Sanktionen gegen Jacques Baudrussische Desinformation») applaudiert werden, dann spinnt nicht die Welt, sondern die WoZ.

Wenn nostalgisch «Internationalismus ist ein Überlebensmechanismus» vorgebetet wird, wider alle Realität und Wahrscheinlichkeit, dann löst das nur Bedauern aus. Wenn «Superschurken in Davos» getitelt wird, kann man sich die Lektüre sparen.

Wenn WoZ-Redaktorin Sarah Schmalz über den «Mord in Minneapolis» auf der Frontseite vom Leder zieht, gerät sie dermassen ins Hyperventilieren, dass sie sich gleich zweimal korrigieren (lassen) muss. Ein lässlicher Fehler im Eifer des Gefechts: sie unterschiebt ein Zitat dem «Tages-Anzeiger». In Wirklichkeit stand in der «SonntagsZeitung»:

«Wenn Horden maskierter Beamter in Kampfmontur aufmarschieren und zum Widerstand ausgebildete Bürgerrechtler sie konfrontieren, wird Gewalt unausweichlich.»

An dieser Feststellung ist eigentlich nichts zu meckern. Vielleicht etwas empathielos, vor allem im Licht der zweiten Tötung durch ICE-Beamte, aber das konnte der SoZ-Korrespondent Martin Suter damals nicht wissen.

Dann gibt Schmalz aber Vollgas: «Während in den USA am Wochenende Zehntausende Menschen gegen die Tötung der Frau protestierten, versagen die hiesigen Leitmedien bei der Einordnung der Ereignisse komplett.» Tschakata.

In der Online-Ausgabe des gleichen Kommentars heisst es dann: «... versagt ein Teil der hiesigen Leitmedien bei der Einordnung der Ereignisse komplett». Hoppla.

Nun könnte man meinen, in einem transparenten Blatt wie der WoZ wird eine solche Meinungsänderung transparent ausgewiesen. Nun ja: «** Korrigenda vom 15. Januar 2026: Wir haben in diesem Satz eine Präzisierung vorgenommen.» Präzisierung? Nun, welche hiesigen Leitmedien haben denn zum Beispiel nicht versagt?

Nun aber zu den Sonnenseiten. Präsident Trump eskaliert auch den Konflikt mit Mexiko. Grossraumanalysen allenthalben. Die WoZ schreibt: «Das Ungleichgewicht zwischen den USA und Mexiko hat sich seit Donald Trumps aggressiver Politik verschärft. Die Folgen für die Menschen zeigen sich in der Grenzstadt Ciudad Juárez.» Reporter Anne Haas hat schlichtweg die Grenzstadt Ciudad Juárez besucht. Hingehen, hinschauen, aufschreiben. So ging mal Journalismus.

Mali? Mali? Ist das eines der Shitholes in Afrika, von denen Trump gelegentlich spricht und die es nur ganz, ganz selten in die Spalten der Leitmedien schaffen? Denn in Mali gibt es nicht mal einen Völkermord wie im Sudan oder wie in Äthiopien, also was soll’s. Die WoZ schreibt: «Islamistische Terroristen bedrohen Mali und versuchen, die Hauptstadt Bamako durch eine Benzinblockade lahmzulegen. Viele prophezeiten schon den Zusammenbruch des Landes. Doch sie unterschätzten den Mut der Tankwagenfahrer

Reporter Isso Ehrich ist hingegangen und berichtet aus der belagerten Hauptstadt. Hingehen, hinschauen, aufschreiben. So ging mal Journalismus.

Die WoZ schreibt: «Eigentlich sollte das Zusammenleben in Aleppo Vertrauen zwischen der Regierung und den Kurd:innen schaffen. Stattdessen kam es zu schweren Kämpfen, Vertreibungen und gezielten Angriffen auf Wohnviertel. Nun wächst die Sorge, dass der fragile Frieden ganz kippt.» Reporter Anna-Theresa Bachmann berichtet vor Ort. Hingehen, hinschauen, oder sagten wir das schon.

Selbst der Cartoon in der aktuellen Ausgabe ist ziemlich lustig, was man nicht immer von ihm behaupten kann:

WoZ, 22. Januar 2026

ZACKBUM stimmt daher in den Chor der Rechthaber und Verteiler von wohlmeinenden Ratschlägen ein: mehr Reportagen, weniger Meinung. Zuerst Hirn einschalten, dann losschreiben. Und eine Spur mehr Selbstkritik: so ein Artikel wie über Baud geht gar nicht. Aber Mexiko, Mali, Syrien: das ist die richtige Richtung.

Ach, und an der aktuellen Werbekampagne könnte man auch noch etwas arbeiten, die hat viel Luft nach oben …

Lustig ins neue Jahr

Immerhin: es darf weiterhin gelacht werden.

Diesmal danken wir Matthias Chapman dafür. Unfehlbar, wie ZACKBUM halt ist, haben wir den stellvertretenden Chefredaktor mit dem verkniffenen Gesichtsausdruck wohlweislich von möglichen Sparrunden ausgeschlossen.

Einige unserer Vorschläge wurden bereits befolgt (Kerstin Hasse), bei anderen (Raphaela Birrer, Bruno Ziauddin) steht der Vollzug noch aus. Und ob der Wiederauftritt von Anuschka Roshani, die auf den Chefsessel klettern wollte und darob gefeuert wurde, eine Qualitätsverbesserung darstellt?

Aber zurück zum «Leitartikel zum Jahreswechsel». Den traut sich Oberchefredaktorin Birrer offenbar nicht zu (auch diese Bemerkung wird nicht dazu dienen, dass das Schreibverbot gegen René Zeyer aufgehoben wird).

Also muss Grüssaugust Chapman ans Gerät.

Aber schon der Titel löst eine erste Lachsalve aus. Es «bricht eine neue Zeit an». Ach was. Statt dass sich die alte Zeit wiederholt? Ist morgen nicht immer neuer als gestern? Gibt es statt Anbruch auch Abbruch? Wie wäre es mit «Für unser Land bricht die alte Zeit ab?» Oder, à la Karl Kraus (ChatGPT hilft): bricht eine dicke, dünne, krumme, altehrwürdige, grosse oder kleine Zeit an?

Oder ganz banal: bricht überhaupt nichts an, sondern ist’s einfach 1. Januar geworden, was nach dem 31. Dezember unausweichlich und keinesfalls neu ist?

Nun wäre der Jahreswechsel die Gelegenheit für gute Vorsätze, vernünftige Versprechen, den Willen zur Besserung. Zum Beispiel, indem sich die Schreibtäter des absaufenden Tamedia-Schiffs bewusst werden, dass sie die Reise in die Bedeutungslosigkeit nicht mit markigen verbalen Auftritten begleiten sollten.

«Go down with a smile», das ist die Haltung von Joker in den Batmanfilmen.

Rechthaberei, unverlangte Ratschläge, unqualifizierte Kritiken, das ist die Haltung von Chapman.

In einem Leitartikel zum Jahreswechsel könnte man von einem wohlbezahlten Mitglied der Chefetage doch ein paar Gedanken dazu erwarten, wie es gelingen könnte, den Tagi zu retten. Zum Beispiel, indem man Pietro Supino …, aber diesen Gedanken wagt Chapman nicht mal unter der Bettdecke zu Ende zu führen.

Stattdessen: «Die wirtschaftspolitische Demütigung und die geopolitische Verschiebung haben Folgen für die Schweiz … zwingt auch die Schweiz, sich militärisch für den Ernstfall zu rüsten ... »

Aber damit hat er sich erst warmgelaufen, wir kommen zum ersten wahren Silvesterknaller:

«Jetzt an Silvester kann man es auch so sagen: Nach der (je nach Sichtweise bitteren oder lehrreichen) Erkenntnis im 2025 muss die Schweiz die Weichen für die Zukunft stellen.»

Es ist hingegen eher selten, dass die Weichen für die Vergangenheit gestellt werden, besonders nicht an Silvester.

Nun aber munter zu Befehlen und Anweisungen: «Klar ist: Das Land muss … Das heisst einerseits mehr Mittel für die Armee und andererseits …»

Aber es gibt Probleme, bei denen sogar Chapman eingestehen muss: «Kompliziert gestaltet sich die wirtschaftspolitische Neupositionierung

Da verliert sich selbst ein Grossdenker wie er in einem Dickicht von Fragen ohne Antworten.

Doch dann der Durchbruch ins Licht der Erkenntnis: «Ganz zu schweigen von Europa: Mit der EU steht unser Verhältnis erneut auf dem Prüfstand.»

Nun spricht er ein grosses Wort gelassen aus: «Die Wahrheit ist …» Endlich, was ist die Wahrheit? «Der Handel mit den drei Grossen EU, USA und China ist so wichtig, dass die Schweiz ihre Handelsstrategie mit Diversifizieren bestenfalls gut abrunden kann.»

Öhm, dunkel ist die Wahrheit und geheimnisvoll bis unverständlich, um es abgerundet auszudrücken.

Nun, der Platz neigt sich selbst für einen Leitartikel zum Jahreswechsel dem Ende zu, also hurtig noch ein letzter Ratschlag: «In dieser Gemengelage braucht es Weitsicht, Kompromissbereitschaft und natürlich gut eidgenössischen Pragmatismus.»

Endlich spricht einer aus, was sonst niemand zu denken wagt.

Aber leider muss sich Chapman dann noch selbst diesen besinnlichen Schlussakkord kaputt machen:

«Die Bewältigung der Pandemie war – mit all ihren Fehlern – so ein Fall. Es gibt also guten Grund, das neue Jahr optimistisch in Angriff zu nehmen.»

Ob hier Corona-Kreische Marc Brupbacher die Feder geführt hat? Und apropos Bewältigung: gab es so was bezüglich all der Fehler, bezüglich allem hysterischen Gejapse, der Denunziation von Massnahmenkritikern als Schwurbler, Verschwörungstheoretiker und potenzielle Massenmörder, die zwangsgeimpft werden müssten (Forderung eines durchgeknallten Tagi-Politchefs), so etwas wie Selbstkritik, Aufarbeitung bei Tamedia?

Kein Sterbenswörtchen gab’s. Denn neben den gut eidgenössischen Qualitäten, die Chapman aufzählt, gibt es noch andere, weniger schöne: verkniffenes Schweigen, Wegducken, Aussitzen, Verwedeln und Ignorieren. Alles auf Kosten der Glaubwürdigkeit.

Also nichts Neues beim Tagi für 2026.

Da hat ZACKBUM auch eine Prognose: das wird nicht gut enden.

 

Sag Ja zu Nein

Oder nein zu ja. Oder so. Oder Raphaela Birrer. Leserverarsche, Part IV und Schluss.

Es ist die Frage, ob es subversive Absicht ist, dass der Leitartikel der Oberchefredaktorin Birrer unter der Rubrik «Karikatur der Woche» erscheint.

Auf jeden Fall vollbringt sie das intellektuelle Wunder, etwas Unmögliches zu fordern. Nämlich ein vorsichtiges «Ja, aber» zu den EU-Verträgen.

Zunächst darf man sie an Matthäus 5,37 erinnern: «Eure Rede aber sei: Ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel.» Sagt immerhin Jesus.

Aber zurück ins irdische Jammertal, wo vom Tagi-Leser mal wieder Fremdschämen abgefordert wird. «Wegducken geht jetzt nicht mehr – mit dem Ende der Vernehmlassung zu den EU-Verträgen endet auch die Zeit des Lavierens.» Dabei fängt sie im Gegenteil jetzt erst richtig an.

Während «nur» die SVP dagegen sei, seien alle anderen grossen Parteien dafür. «Damit zeigen sie Realitätssinn», behauptet Birrer. Der gehe der SVP ab, impliziert sie.

Dann benützt sie ein Wort, dass schon von Ex-Bundeskanzlerin Merkel zu Schanden geritten wurde: «Die neuen Verträge sind insofern alternativlos». Sind sie natürlich nicht, denn selbstverständlich gibt es immer Handlungsalternativen.

Dann begibt sich Birrer ins weite Reich des Wünschens und Wollens: «Trotz dieser beachtlichen Erfolge bleiben erhebliche Mängel, die es jetzt in der Schweiz zu lösen gilt.» Welche Mängel sollen denn in der Schweiz gelöst werden, wenn es dazu das Einverständnis des Verhandlungspartners EU bräuchte?

Einen gravierenden Mangel sieht auch Birrer in der «zwingenden Rechtsübernahme», deren Ausbleiben mit «Sanktionen» beantwortet werden kann. Was tun?

«Deshalb ist es unerlässlich, dass die Schweiz sich wirkungsstark bereits in den EU-Gesetzgebungsprozess einbringt. In welcher Form dies geschehen soll, ist zum heutigen Zeitpunkt allerdings unklar.»

Die Schweiz soll sich «wirkungsstark» im Bürokratiemonster Brüssel, im dysfunktionalen EU-Parlament, in der jeglicher demokratischer Legitimation ermangelnden EU-Kommission einbringen? Deren Präsidentin an zwei Kandidaten vorbei von Mutti Merkel auf die Position gehievt wurde? Das ist mehr als «unklar», wie das gehen sollte.

Dann wagt sich Birrer aber doch ziemlich kühn in den Gegenwind aller EU-Anhänger: «Ein doppeltes Mehr aus Volk und Ständen an der Urne ist vor diesem Hintergrund zwingend.» Was sie dann wohl sagt, wenn das abgewürgt werden sollte?

Und am Schluss noch etwas Pfeifen im Wald: «Es ist der Schweiz zuzutrauen, dass sie mit ihrem präzisen demokratischen Räderwerk in den strittigen Fragen Lösungen findet – und das Paket damit mehrheitsfähig macht.»

Der Schweiz wäre es vielleicht zuzutrauen – wenn sie mit der Schweiz verhandeln würde. Aber im alles andere als präzisen und alles andere als demokratischen Räderwerk der EU?

Und letztlich, so ist das auch bei 2000-seitigen Vertragswerken, die angeblich ausverhandelt auf dem Tisch liegen: entweder sagt man Ja – oder man sagt Nein.

Das ist genauso wie bei intimen Begegnungen. Da ist ein Nein ein Nein. Und nur ein klares Ja ein Ja. Ein «Ja, aber» würde doch einwandfrei als Nein gewertet werden. Oder sieht das Frau Birrer anders?

 

Birrers Leidartikel

Wenn die Chefredaktorin von Tamedia in die Tasten greift, muss Mann in Deckung gehen.

Prostitution ist bekanntlich das älteste Gewerbe der Welt. Es existiert auch im Geschäftsleben und im Journalismus. Es wird von Frauen und Männern ausgeübt, und wohl auch von allen weiteren Genders, die es heutzutage geben soll.

Schon aus Mesopotamien (ca. 3000 v.u.Z) gibt es Überlieferungen, auch aus dem alten Ägypten (ca. 2000 v.u.Z.), und in Griechenland (ca. 800 v.u.Z.) gab es Hetären, die hochangesehen ihrem Gewerbe nachgingen, wobei viele Männer auch der Knabenliebe frönten.

Es ist ein Aufregerthema, und obwohl die Debatte über ein Verbot nicht ganz taufrisch ist, generiert man (und auch frau) damit fleissig Klicks und Kommentare. Das nennt man dann, eine Leserdebatte angestossen zu haben.

Raphaela Birrer hat eine dezidierte Ansicht: «Frauen für Sex zu kaufen, gehört verboten». Nur ist sie nicht ganz sattelfest, wenn man diesen Ausdruck verwenden darf: «Prostitution zementiert ein frauenverachtendes System. Nur eine Bestrafung der Freier führt zu einem Umdenken in der Gesellschaft

Aufgepasst, ihr Männer und everybody beyond, wie das die «Republik» nennt: wir leben in einem frauenverachtenden System, in dem Prostitution der Zement ist.

Zunächst einmal werden keine Frauen «gekauft», sondern es werden sexuelle Dienstleistungen bezahlt. Von der gehobenen Form der Escort-Services bis zu den Niederungen der Strassenprostitution, wo häufig Zwangsprostituierte zum Anschaffen gezwungen werden. Wer sich hier bedient, ist ein verachtenswertes Subjekt. Dass Frauen, meist aus Osteuropa oder aus Drittweltländern, übel ausgebeutet werden, ist strafbar und verboten.

Bei der Durchsetzung solcher Sanktionen ist noch viel Luft nach oben.

Birrer legt sich zunächst mit den «Linken» an, die lieber von «Sexarbeiterinnen» sprechen und diese Tätigkeit als Ausdruck von Selbstbestimmung sehen. Dabei zeigt sie ein lustiges Frauenbild:

«Mit dem Begriff wird eine in vielen Fällen traumatisierende Tätigkeit normalisiert. Fragen Sie die vermeintlichen «Arbeiterinnen» doch einmal, ob es sich wie kochen, putzen oder pflegen anfühlt, wenn sie ihren Körper verkaufen.»

Frauen kochen, putzen oder pflegen? Offenbar sind sie für Birrer sonst nur für einfachere Tätigkeiten zu gebrauchen. Das riecht streng nach Sexismus.

Auch mit ihren historischen Kenntnissen steht sie auf wackeligem Boden: «Die ersten Prostituierten waren nicht etwa Geschäftsfrauen, sondern Sklavinnen», behauptet sie belegfrei.

Dann wiederholt sie ihre These: «Nur ein Verbot, Sex zu kaufen, schützt die Frauen effektiv.» Dabei ist es offenkundig,  ähnlich wie bei Drogen, dass solche Verbote in erster Linie bewirken, das dieser Handel weiter in die unkontrollierte Illegalität getrieben wird, wo Schwerkriminelle Reibach machen, weil mehr Risiko immer höhere Preise bewirkt.

Dann widerspricht sie sich gleich selbst: «Schon heute spielt sich der Sexmarkt meist im Verborgenen ab.» Und ein Verbot sollte das Treiben dann ans Tageslicht befördern und ihm Einhalt gebieten?

Schliesslich schwingt sie sich zu einem Satz auf, an dem sie sicherlich lange gearbeitet hat: «Die Unfreiheit der Gezwungenen muss höher gewichtet werden als die Freiheit der Freiwilligen.» Kann man locker variieren: Die Gezwungenheit der Unfreien muss man höher gewichten als die Freiwilligkeit der Freien. Oder: Die Ungezwungenheit der Freiwilligen muss man niedriger gewichten als die Unfreiheit der Unfreiwilligen. Macht dann genauso wenig Sinn, hört sich aber alles irgendwie nach tiefer Denke an.

In ihrem Bedürfnis, einen schönen Aufreger als Leidartikel, Pardon, Leitartikel, zu produzieren, ist ihr leider ein fundamentaler Fehler unterlaufen, der ihrem ganzen Argumentationsversuch einen schalen Beigeschmack gibt. Sie schreibt von Misogynie, sie beklagt das Schicksal der Frauen, sie fordert, dass der «Kauf» von Frauen verboten gehört.

Aber wie steht es denn mit den Männern? Mit Strichern, Callboys, Gigolos, Escorts? Von all den vielen weiteren Genders ganz zu schweigen. Soll das dann nicht verboten werden? Gibt es hier keine Zwangsprostitution, keine kriminellen Zuhälter? Wird hier niemand gezwungen, wird hier kein Profit aus Elend oder Drogenabhängigkeit geschlagen?

Wenn ZACKBUM Birrer richtig versteht, und das ist gar nicht so einfach, gehört Männer «für Sex zu kaufen», nicht verboten. Weil Männer Schweine sind? Oder weil ihr das – nun wird es frauenfeindlich – gar nicht in den Sinn kam, als sie ihren Kommentar absonderte? Auf jeden Fall ist das dann Misandrie, aber das ist dann schon ein Fremdwort. Vielleicht auch für Birrer.

Wie auch immer: ist das peinlich.

 

Wumms: Raphaela Birrer

Als hätten wir’s geahnt: Sie macht wieder den Leitartikel zum Leidartikel.

Tiefes Nachdenken über ein längst beschriebenes Phänomen könnte sich lohnen. Könnte. Aber schon der Lead lässt Schlimmes ahnen:

«Seit Präsident Pfisters Rücktritt bricht in der Partei etwas auseinander. Was ist da los? Und warum will niemand Bundesrat werden?»

«Etwas bricht auseinander»? Ja was denn? «Was ist da los?» Genau, auf diesem Niveau möchte man geistreich unterhalten werden. Aber sagen wir mal so: immerhin ist der Leitartikel nicht von Andreas Tobler. Das ist aber auch schon der einzige Trost.

Schon den Einstieg muss man überwinden wollen: «Es ist gerade die spannendste Serie der Schweiz. Sie läuft nicht auf SRF oder bei Netflix. Sondern unter der Bundeshauskuppel.»

Hallo, ich habe eine Metapher gefunden, als reite ich sie zu Tode: «Die Serie spielt in der Mitte-Partei … Der Plot ist rasant … Augenblicklich und unaufhaltsam

Dann auch hier der klare Durchblick: «Klar: Bundesratswahlen sind Zeiten der Intrigen und Gerüchte. Alte Rechnungen werden beglichen.» Also nichts Neues unter der Bundeshauskuppel, würde Birrer vielleicht formulieren. Stattdessen stellt sie eine rhetorische Frage: «Was also tritt hier derart eruptiv an die Oberfläche?» Magma, Lava?

Nein, es geht hier um das hohe C. Beziehungsweise um die Fusion mit der BDP: «In der Urabstimmung sprachen sich zwar 60 Prozent der CVP-Basis für den Namenswechsel aus. Aber eben auch 40 Prozent dagegen. 40 Prozent, die Pfister mit dem identitätsverändernden Projekt nachhaltig verstört haben dürfte

Das ist sehr wahr, muss aber immer wieder gesagt sein. Wenn 60 Prozent dafür sind, dann sind, Moment, wir rechnen, 40 Prozent dagegen. Heureka.

Und was schliesst Politik-Analystin Birrer daraus? «Doch es scheint plausibel, dass der nun aufbrechende Konflikt auch eine Spätfolge dieser tiefgreifenden Reformen ist.» Sie will sich aber nicht zu sehr auf die Äste rauslassen. «Scheint plausibel», abwattiert, schallgedämpft, kann sein, muss nicht sein.

Nun versucht sie sich mit einer kleinen Bilderflut, dass es dem Leser die Fussnägel hochrollt: «Wenn keiner mehr den Deckel draufhält, droht sie sich im Flügel- und Konkurrenzkampf zu zerreiben

Dazu käme noch die Absage von Kandidaten; der Stress im Bundesrat sei halt schon gross, findet Birrer. Ausserdem fände ja auch Viola Amherd «besorgniserregend, wie das Klima verroht». Dabei war besorgniserregend, wie sie im Amt versagte.

Nun noch ein wenig Slalom zum Schluss: «Auch sie war persönlichen Verunglimpfungen ausgesetzt. Das muss zu denken geben. Trotzdem bleibt das höchste politische Amt ein Privileg.» Was soll daran zu denken geben, dass Versager im Amt wie Berset oder Amherd auch persönlichen Angriffen ausgesetzt sind? Wie heisst es doch: wer die Hitze nicht verträgt, soll die Küche verlassen.

Schliesslich Schussfahrt ins Ziel. Auf diese Ratschläge muss die sich im Flügelkampf unter dem geöffneten Deckel zerreibende Partei hören:

«Darum muss sich die Mitte-Partei jetzt rasch zusammenraufen: Sie muss erstens überzeugende Kandidaturen bringen. Und zweitens der Bevölkerung statt interner Konflikte Visionen für die Landesregierung präsentieren. Noch-Präsident Gerhard Pfister braucht einen Notfallplan.»

Wichtiger Bestandteil dieses Notfallplans sollte allerdings sein: ja nicht auf Birrer hören. Oder soll es ihm wie dem Tagi gehen, mit Leser-und Auflagenschwund?

Wumms: Tomas Avenarius

Es gibt doch noch intellektuelle Lebenszeichen aus der SZ.

Tomas Avenarius hat sich schon mehrfach als Klugscheisser hervorgetan. Bereits 2023 sah er das Ende Putins nahen. Auch für den Gazastreifen hatte er eine duale Lösung:

«Wer die Hamas zerschlagen will, muss entweder den Gazastreifen mit Bomben endgültig unbewohnbar machen oder eine politische Lösung des Palästinenserproblems finden

Gut, das war dann alles nix, aber ZACKBUM ist begeistert, mitteilen zu können, dass Avenarius tatsächlich dazugelernt hat. Nun titelt Tamedia, das mal wieder seine Meinung in Form eines Leitartikels von den Kollegen aus München übernimmt:

Das ist schon mal interessant und wird die verbliebenen «Israelis sind die Guten, wer sie kritisiert, ist Antisemit»-Kreischen zu lautem Getöse animieren.

Aber Avenarius geht diesen Weg unbeirrt weiter, was ihm garantiert da Etikett Judenfeind ankleben wird. Denn seine Schlussfolgerung ist so bitter wie wie realistisch:

«Es gilt nur noch das Recht des Stärkeren. Diplomatische Phrasen und Moralappelle bewirken überhaupt nichts mehr. Knallharter, unparteiischer Druck auf Israelis, Palästinenser und Iraner – das ist das Einzige, was vielleicht noch Aussicht auf Erfolg hätte

Allerdings bleibt er einem kleinen Denkfehler treu. Knallharten Druck auf Israel wird es nicht geben. Der israelische Ministerpräsident Netanyahu hat schon zur Genüge gezeigt, dass er auf Ratschläge oder gar Druckversuche der USA pfeift. Nicht zuletzt möchte er so lange wie möglich dem Knast entgehen.

Und gerade im Wahlkampf um die Präsidentschaft wird es kein Kandidat wagen, es sich mit der mächtigen Israel-Lobby in den USA zu verscherzen. Und die regierende Lame Duck wir auch nichts tun, was auf die Kandidatur seiner Vizepräsidentin negative Auswirkungen haben könnte.

Bis hierher als ein eingeschränktes Bravo für Avenarius. Vielleicht hätte man, aber man will ja nicht zu viel aufs Mal, von ihm noch erwarten können, dass er ein paar klare Worte zu den israelischen Terrorangriffen im Libanon sagt. Aber wahrscheinlich traut er sich nicht, weil dann auch die SZ (und Tamedia) den heiligen Zorn aller Fans von israelischen Kriegsverbrechen entzünden würde.

Und bevor auf ZACKBUM der Kommentarschreiber wieder im roten Bereich dreht: Angriffe auf Flüchtlingslager und Beiruter Wohngebiete, bei denen Zivilisten ums Leben kommen, sind schlichtweg Kriegsverbrechen. Wer’s nicht glaubt, lese halt mal die Definition nach. Und wer behauptet, die seien halt alle selber schuld, weil sich unter ihnen Terroristen eingenistet haben, der kann gerne erklären, wie er mutig diesen fundamentalistischen Wahnsinnigen entgegentreten würde.

Israel behauptet inzwischen, Belege dafür zu haben, dass die Hetzbollah zum Jahrestag des Massakers vom 7. Oktober 2023 plante, diesmal am anderen Ende Israels ein Massaker anzurichten. Man ist auf diese Belege gespannt. Mindestens so gespannt auf eine endgültige Antwort, wie es denn dieser gnadenlos effiziente Geheimdienst, der die Hetzbollah zu Kleinholz zerlegt und offenbar besser als deren Führungsclique weiss, wo sich wer wann aufhält, wie dieser gnadenlos effiziente Geheimdienst, der Pager mit Sprengladungen versehen kann und offensichtlich alles abhört, wie dieser herausragende Geheimdienst die mehr als ein Jahr andauernden Vorbereitungen auf den 7. Oktober 2023 übersehen haben kann.

Aber eigentlich meinen die Zyniker, die Israels Wüten im Libanon verteidigen, ohne sich das eingestehen zu wollen: wer in Beirut oder so lebt, hat halt Pech gehabt. Hätte ja auch in der Schweiz geboren werden können. Oder nein, noch besser: kann doch in die Schweiz flüchten, wenn er dort Angst um sein Leben haben muss.

Im Tagi bärtschiet es überall

So viele Redaktoren ahmen die publizistische Leiter nach unten nach.

CH Media hatte auch einmal eine publizistische Leiter nach unten. Pascal Hollenstein liess sich als Sprachrohr von Jolanda Spiess-Hegglin missbrauchen, beschimpfte seine Leser als Milchkühe – und wurde von einem Tag auf den anderen entsorgt. Wanners war es zu viel geworden.

Seit der letzten Reorganisation hat Tamedia (oder «Tages-Anzeiger», man weiss nicht einmal genau, wie der Haufen aktuell heisst) einen publizistischen Leiter. Simon Bärtschi ergriff die erste grosse Möglichkeit, sich unsterblich zu blamieren, indem er das nächste grosse Rausschmeissen als «Weichenstellung für Qualitätsjournalismus» hochschwurbelte. Seither gibt es die Bärtschi-Skala, mit der Peinlichkeit gemessen wird. Seine eigene Benchmark liegt bei 10 Bärtschis.

Die ganze «Bschiss»-Sause arbeitet sich daran ab und erklimmt neue Höhen; zurzeit liegt sie bei einer 13. Die 12 erreichte sie schon, als sie den «Campaigner» Daniel Graf interviewte, der schwere staatspolitische Bedenken äusserte und über seine Konkurrenz herzog. Was der Qualitäts-Tagi zu erwähnen vergass: auch Graf ist im Geschäft des Unterschriftensammelns unterwegs.

Aber nachdem man diverse Kreisch-Artikel zum Thema brachte, den Fachmann interviewte, sogar hübsch geframt die Stellungnahme der Bundeskanzlei in die Pfanne haute, was bleibt da noch, um die Mähre weiter zu Schanden zu reiten? Natürlich, der Kommentar.

Veredelt zum «Leitartikel» stellt Thomas Knellwolf eine knallharte Forderung auf:

Schon im Lead arbeitet er mit allen Triggerwörtern: «massive Fälschungen», «Skandal», «spielen Ernst der Lage herunter», «dringend Massnahmen».

Nur hat das Getobe ein kleines Problem: es ist beweisfrei. Es ist Vermutungs- und Unterstellungsjournalismus. Der Tagi ist auch nicht aus eigenen Kräften auf diesen angeblichen Skandal gestossen. Er wurde angefüttert mit einer Strafanzeige.

Um die herum schlingt er gewagt Girlanden. Die Bundeskanzlei habe das schon lange gewusst, «aber sie schlug nicht Alarm». Immerhin wird ihr nicht mehr unterstellt, sie habe nichts getan. Dass sie sich erklärte, was soll’s. Umhüllt von tropfender Häme durfte sie mal kurz zu Wort kommen:

«Das Amtsgeheimnis, die Unschuldsvermutung, die laufenden strafrechtlichen Verfahren sowie der Schutz der Abstimmungsfreiheit gebieten es der Bundeskanzlei, die bestehenden Verdachtsfälle diskret zu behandeln.»

Zudem: «Solange die laufenden Strafuntersuchungen nicht abgeschlossen sind, kann die BK (Bundeskanzlei, Red.) keine gesicherten Aussagen machen über das Ausmass mutmasslicher Unterschriftenfälschungen. Doch ihres Erachtens liegen keine belastbaren Indizien vor für die Vermutung, dass über Vorlagen abgestimmt wurde, die nicht rechtmässig zustande gekommen sind.»

Aber das ist natürlich für den Tagi nur blödes Gedöns, sonst könnte er ja nicht weiter «Skandal» rufen. Während also die Bundeskanzlei «herunterspielt», weiss Knellwolf: «Kontrolleurinnen und Kontrolleure wissen: Es fliegen nur die besonders dreisten oder dummen Fälscherinnen und Fälscher auf.»

Sich einfach an Recht und Gesetz halten, die Unschuldsvermutung gelten lassen, die Ergebnisse von Strafverfahren abwarten – ach was. Damit wäre es doch kein schön knackiger Skandal mehr. Deshalb stellt Knellwolf auch gleich noch ein paar knallharte Forderungen auf, was nun getan werden müsse. Dass sie allesamt untauglich oder illegal sind, was soll’s:

«Damit das Vertrauen in die direktdemokratischen Prozesse erhalten bleibt, müssen die Bögen von Abstimmungen, die anstehen, zumindest stichprobenweise nachkontrolliert werden – und zwar indem die Personen, die angeblich unterschrieben haben, abtelefoniert werden. Sollte es für solche Kontrollen keine rechtliche Grundlage geben, muss diese schnellstens geschaffen werden.
Zudem muss langfristig ein weniger anfälliges System installiert werden. Sicherer gemacht werden kann der bisherige Sammelprozess durch ein Unterschriftenregister bei den Gemeinden oder durch E-Collecting, also elektronisches Sammeln, zum Beispiel über das Handy. Will man das nicht, bleibt nur noch ein Verbot des kommerziellen Sammelns – was ohnehin die einfachste Lösung wäre

E-Collecting, die Lieblingsidee von Graf, mit der er seine beeindruckende Adresskartei noch wertvoller machen könnte, obwohl es hier gewichtige datenschützerische Probleme gibt.

Normalerweise, das kennt man von x Wiederholungen bei den Leaks und Papers, wird Tamedia noch ein Weilchen nachjapsen, bis dann alle Qualitätsjournalisten sich trollen (falls sie nicht vorher gefeuert wurden).

Umrahmt wird das mit einem faktenwidrigen Interview mit dem «deutschen Ökonomen Holger Schmiedin», der kühn behauptet: «Leute wie Sahra Wagenknecht liegen völlig falsch», denn der Westen, also Europa, befinde sich keineswegs im Niedergang. Das wird den deutschen Mittelstand aber freuen zu hören. Nur dürfte ihm der rechte Glaube fehlen.

Zwecks Messung an der Bärtschiskala führt ZACKBUM noch die Höchstleistung des «Magazin» an: «Fragebogen zu Liebe, Sex & Partnerschaft». So eine billige Nummer trauen sich selbst Boulevardmedien immer seltener.

Und schliesslich verdreht Daniel Schneebeli mit seinem woken Kommentar «Migranten Stipendien zahlen – und Sozialhilfe sparen» auf absurde Weise die Wirklichkeit, um Stimmung für eine Zürcher Abstimmung zu machen. Auch hier erspart der Tagi dem Leser Verwirrung durch Gegenmeinungen.

Das läppert sich alles zu einer beeindruckenden Zahl von 18 Bärtschis in einer einzigen Ausgabe.

Lieber Tages-Anzeiger, liebe Tages-Anzeigerin, da geht noch was. 20 Bärtschis ist in Reichweite. Gebt nochmal alles, bevor Eure Reihen gelichtet werden. Wobei, mit rund 100 Nasen weniger kommt ihr auch auf 20 Bärtschis. Man muss nur wollen.

 

 

 

Schlichtweg bravo

Dass wir so eine Schlagzeile auf der Front der NZZ noch erleben dürfen …

Wie sich die Zeiten doch ändern. Im Kalten Krieg schrieben in der NZZ die kältesten Krieger gegen die rote Gefahr an. Gegen Fünfte Kolonnen in der Schweiz, gegen alles, was nach Kommunismus roch. Unermüdlich warnten die NZZ-Redakteure, sahen hinter jeder roten Rose eine Verschwörung, die den Bestand der Schweiz bedrohte.

Und jetzt das.

Die NZZ überlässt den angestammten Platz von Eric Gujer dem Wirtschaftsredaktor Gerald Hosp, der verdienstvollerweise ein paar Dinge zurechtrückt.

Zunächst liefert er den heute obligatorischen Obolus ab, wenn man einen Shitstorm dauererregter Gutmenschen vermeiden möchte:

«Der russische Angriffskrieg in der Ukraine ist eine Tragödie. Er bringt menschliches Leid in enormem Ausmass und gewaltige Zerstörungen mit sich. Die wirtschaftliche Grundlage der Ukraine wird ausgehöhlt.
Russland ist der Aggressor, das steht fest. Der russische Staat solle auch für die Schäden zahlen, wird zu Recht gefordert

In diesem Sinne hat der US-Kongress ein Gesetz verabschiedet, das «den Präsidenten dazu ermächtigt, russisches Staatsvermögen in den USA beschlagnahmen zu lassen.»

Wunderbar, endlich, da jubiliert Volkes Stimme. Recht geschieht’s dem Putin-Regime, genau, reich, Russe, das reicht schliesslich auch für Beschlagnahme von Vermögenswerten. Super, dass das in den USA nun auch endlich auf russisches Staatsvermögen angewendet wird. Da müssen dann die europäischen Marionetten, Pardon, die EU-Länder schleunigst nachziehen, und wo bleibt die Schweiz?

Aber was schreibt Hosp denn da?

«Wenn die Gelder direkt eingestrichen würden, würde dies die in den Entwicklungs- und Schwellenländern weitverbreitete Ansicht verstärken, dass sich der Westen nur um das Völkerrecht schert, wenn es ihm gerade passt. Der Vorwurf der Heuchelei und des Diebstahls wäre schnell bei der Hand, zumal die USA und die EU-Staaten nicht direkt mit Russland im Krieg sind. Eine Enteignung der russischen Gelder ist deshalb ein Fehler. Was wäre der Unterschied zum Vorgehen Russlands, ukrainische Weizenfelder zu plündern

Aber was denn, hat nicht auch der Europarat beschlossen, dass einem «Kompensationsmechanismus» konfiszierte Gelder russischer Privatpersonen, Unternehmen und des russischen Staates zur Verwertung übertragen werden sollen?

Auch da setzt Hosp ein Fragezeichen: «Gleichzeitig gilt es laut Europarat, «die Prinzipien des Völkerrechts aufrechtzuerhalten und die privaten Eigentumsrechte zu respektieren». Das ist der springende Punkt. Es ist mehr als nur zweifelhaft, dass dies erfüllt werden kann.»

Dann weist er auf etwas hin, was im Furor schnell vergessen geht:

«Laut dem Völkerrecht gilt prinzipiell Immunitätsschutz: Staaten können nicht einfach auf das Vermögen eines anderen Landes zurückgreifen, was Verlässlichkeit auf internationaler Ebene bringt.»

Und dann zieht er nochmals die feine rote Linie, wo rechtlich noch knapp Haltbares in Illegales umschlägt: «Der Westen reagierte auf die russische Invasion mit einer Blockade von Notenbankgeldern, was zwar auch ungewöhnlich war, aber diesen Vorgaben entspricht. Eine Konfiskation und Weiterverwendung würde aber bedeuten, dass die Massnahme nicht mehr umkehrbar ist, das Geld wäre weg.»

Was bedeutet nun die Entscheidung der USA? «Dadurch wird die Einsicht genährt, dass auf internationaler Bühne das Recht des Stärkeren noch mehr zunimmt als ohnehin schon.
Nun gibt es aber das Problem, dass nur rund zwei Prozent der weltweit gesperrten russischen Staatsgelder in den USA liegen. Rund 200 Milliarden liegen in der EU, «genauer gesagt: bei der zentralen Verwahrungsstelle Euroclear in Belgien».

Und hierzulande?

«Für die Schweiz sind aber aus Gründen der Rechtsstaatlichkeit und des Eigentumsschutzes weder Konfiskationen wie in den USA noch die Verwertung der Erträge wie in der EU ein gangbarer und wünschenswerter Weg. »

Und dann weist die NZZ noch auf einen Präzedenzfall aus dem Jahr 2021 hin: «Die USA konfiszierten nach dem chaotischen Rückzug aus Afghanistan die Währungsreserven der Zentralbank des Landes, was wenig Beachtung fand.»

Man muss diesen Kommentar so ausführlich zitieren, weil er so erfrischend ist wie eine Oase in der Wüste der alle Prinzipien eines Rechtsstaats vergessenden Krakeeler, die Konfiszieren der beschlagnahmten Gelder und ihre Verwertung für die Ukraine fordern. Ohne zu merken, dass sie damit etwas Fatales tun.

Ein Rechtsstaat kann sich mit allem Recht gegen unrechte Handlungen zur Wehr setzen. Dazu ist er legitimiert. Verwendet er aber selbst rechtsstaatlich fragwürdige Methoden – nach der Devise «der gute Zweck heiligt auch böse Mittel » – dann begibt er sich auf eine ganz schiefe Bahn, an deren Ende er sich selbst mehr schadet als demjenigen, der Unrecht tut.

Zu dieser einfachen Erkenntnis sind immer weniger Kommentatoren in der Lage.

Tagi neu mit Ton

Aber wenn der Inhalt gleich bleibt …

Tamedia versucht’s mit einer neuen Dienstleistung für seine Leser. Die können jetzt auch zu Hörern werden. Denn jedem Artikel ist ein Audioschnipsel vorgeschaltet. Wie meist beim Tagi ist’s eine halbe Mogelpackung. «Hören Sie diesen Artikel», verspricht sie, dabei sind es jeweils nur Teile des Artikels, die von einem Chatbot vorlesen werden. Kommen englische Ausdrücke vor, bekommt der Roboter plötzlich einen englischen Akzent. Mehr Unterhaltsprogramm also.

Bei Silke Bigalkes «Leitartikel» im Tagi ist es sogar nur die Einleitung, danach sollte man sich einloggen; also auch noch dafür zahlen, dass das Qualitätsmedienhaus aus Zürich mal wieder die Meinung der Moskau-Korrespondentin der «Süddeutschen Zeitung» mietet und übernimmt.

«Im Lande Putin» lautet der Originaltitel, der war dem Tagi offenbar nicht knackig genug:

Man könnte diesen «Leitartikel» schnell abhandeln, indem man einfach darauf hinweist, womit er sich die Seite teilt:

Offenbar hat der/die/das Kim seinen Schreibstau überwunden. Auch das noch.

Aber widmen wir uns nicht seinem Gestammel, sondern demjenigen obendrüber. «Der grössere Teil der Bevölkerung steht nicht mehr hinter dem Präsidenten», weiss Bigalke. Das ist eine steile These. Sie ist ungefähr so realistisch wie die Behauptung, eine Wahlbeteiligung von 46,6 Prozent in der Schweiz bedeute, dass mehr als die Hälfte der Stimmbürger «nicht begeistert hinter der Schweizer Demokratie» stünde, «sondern sie läuft eher passiv mit». Nur schrieb Bigalke natürlich Putin statt Schweizer Demokratie.

Aber Bigalke blickt noch tiefer in die Seele Russlands: «Auch russische Wähler gehen eher nicht wählen, wenn sie wissen, dass ihre Stimmen ohnehin nichts wert sind – und nie waren sie wertloser als jetzt.»

«Auch»? So wie die Schweizer Wähler? Sie beweist damit, dass eine Berufsgattung unkaputtbar ist: die des Kremlastrologen. Nur hat sich dessen Fokus verschoben. Früher konzentrierte er sich auf das Deuten der hermetisch abgeriegelten Prozesse innerhalb des Entscheidungszirkels der KPdSU und schloss beispielsweise aus leichten Umstellungen auf der Tribüne beim Abnehmen der Parade zum Ersten Mai auf Machtverschiebungen innerhalb des Politbüros. Krachte es dort dann tatsächlich mal, waren die Astrologen regelmässig überrascht, denn das hatte ihnen die Glaskugel nicht gezeigt.

Nun stellt Bigalke wilde Vermutungen auf. Wie die, dass «der grösste Teil» der Bevölkerung aus passiven Mitläufern bestehe. Das ist allerdings ein Phänomen, das weltumspannend nicht unbekannt ist. Und woran sie das bei Russland festmacht; irgend ein Indiz, der Hauch eines Arguments, das fehlt völlig.

Aber dieses wackelige Konstrukt ist nur das Sprungbrett für einen Abflug in die Zukunft. «Die Militarisierung der Gesellschaft wird zunehmen, die nationalistische Erziehung umfassender werden.» Prognosen haben den grossen Vorteil, dass sie zwangsweise aus reinen Vermutungen bestehen. Von  denen hat Bigalke jede Menge zu bieten: «Die Opposition wird völlig verschwinden. Gelegenheiten für Andersdenkende, sich gefahrlos öffentlich zu zeigen, werden seltener werden.»

Solche Wahrsagereien haben noch einen zweiten Vorteil. Schon morgen wird sich niemand mehr daran erinnern. Auch nicht an den dunklen Schluss dieses Leitartikels: «Die Frage ist, wann es nicht mehr reicht, einfach nicht dagegen zu sein.» Hä?

Was will uns die Russland-Kennerin damit sagen? Die Mehrheit der Russen sei nicht für Putin, sondern einfach nicht gegen ihn, bestehe aus Mitläufern. Aber irgendwann reiche das nicht mehr? Wieso, wofür, warum?

Wenn der Tagi schon meinungslos Gequatsche von der SZ übernimmt, könnte er doch wenigstens für teures Geld seiner Leser dafür sorgen, dass der einen Leitartikel auch versteht. Aber das ist offenbar zu viel verlangt, heutzutage.