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Mediale Vorsorge

Wenn die Ukraine mal vorbei ist …

Der umsichtige Medienlenker denkt an die Zukunft. Und weiss, dass es im heutigen Elendsjournalismus eigentlich immer nur ein einziges Überthema geben kann.

Das war lange Zeit natürlich die Pandemie. Als sich zunehmend Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten, tat Kreml-Herrscher Putin den Medien den Gefallen, tatsächlich in die Ukraine einmarschieren zu lassen.

Fliegender Wechsel, nur noch einsame Corona-Kreischen wie Marc Brupbacher versuchten zunehmend verkniffen und verzweifelt, das komatöse Thema Corona wachzuknutschen. Viele Experten, Spezialisten, Wissenschaftler, Virologen, Epidemiologen wunderten sich, wieso sie weder mit Warnungen noch mit Entwarnungen gross in die Medien kamen.

Der Konsum von Beruhigungsmitteln und Antidepressiva soll in diesen Kreisen in den letzten Monaten deutlich angestiegen sein, aber wir warten noch auf genaue Zahlen.

Jetzt aber das. Der «Blick», das Blatt des Monothemas, zieht neben aller Berichterstattung über die Ukraine das Corona-Thema wieder an.

«Die Schweiz geht in die nächste Welle»,

lautet die unheilschwangere Zeile. Vorteil beim Thema ist natürlich, dass man vieles aus dem Stehsatz nehmen, kurz abstauben und rezyklieren kann: «Corona-Experten wegen steigender Zahlen alarmiert.» Schon wieder, die Armen. Aber während einige der bewährten Fachkräfte einen Fehlstart hinlegen und gar nicht wirklich alarmiert sind, nützt die einschlägig bekannte Isabella Eckerle die Gunst der Stunde und schiebt sich gnadenlos in die Pole Position.

Offenbar sind Frauen schneller als Männer, denn auch dieser verblassende Star der Corona-Hysterie meldet sich wieder zu Wort: «Auch Tanja Stadler (41), ehemalige Taskforce-Leiterin und Leiterin der ETH-Plattform CoV-Spektrum, macht auf die Verdoppelung der Zahlen …»

Man muss allerdings auch dem «Blick» einmal ein Kränzchen winden. Das ist vorausschauendes Thema Setting, damit wird das Blatt garantiert resilient, wenn in der Ukraine gerade mal nicht wirklich was los ist. Zudem pflegt es hier den klassischen Boulevard-Aufbau.

Experten sind (wie eigentlich immer) alarmiert, die nächste Welle kommt, das sagt nicht nur eine Expertin, sondern gleich zwei, dann muss es ja stimmen. Damit wäre sozusagen die Keimzelle gelegt, nun muss das Ganze nur noch abheben und viral gehen.

Wir sind gespannt, ob «Blick» auch diesen Teil des Boulevard-Journalismus beherrscht. Natürlich hofft das Ringier-Blatt dabei auf Unterstützung der anderen grossen Medienkonzerne. Denn man kann sich doch sicher sein, dass inzwischen bei diversen Themensitzungen der Chefredaktor mit gerunzelter Stirne in die Runde blickte und sagte:

Und was haben wir zum Thema? Das können wir doch nicht dem «Blick» überlassen. Nehmt den Finger raus, ich will Experteninterviews, wissenschaftliche Studien, Tabellen, Grafiken, was sagt die Politik, wie sieht’s auf den Intensivstationen aus, müssen wir wieder Maske tragen, braucht es den dritten, vierten und fünften Booster?

Wohin mit dem Geld?

Börse, Krise, Zähneklappern? Die NZZ ist gefordert.

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Die alte Tante ist nunmal das Organ des Kapitals. Also muss sie Kapitalisten gute Ratschläge geben, was die mit ihrem Kapital anfangen sollen. Besonders in turbulenten – Finanzspezialisten bevorzugen den Ausdruck volatil – Zeiten, wo die Anlagemärkte Achterbahn fahren.

Leider verfügt aber nicht einmal die NZZ über eine Glaskugel, mit der sie in die Zukunft sehen kann. Das machte sich schon schmerzlich bemerkbar, als sie beim Grounding der Swissair einen grossen Stiefel voll rauszog.

Aber zurück in die Gegenwart und die Zukunft. Auch in volatilen Zeiten, wo ein Atomkrieg alle Anlagechancen unangenehm beeinflussen könnte, ist in erster Linie Optimismus gefragt:

Lobenswert und viel optimistischer als der Titel auf der Front.

«Korrekturen, Einstiegschancen», so muss man das sehen. Korrekturen hört sich doch viel besser an als Massaker, und wer einsteigen kann, sollte das als Chance sehen – und nicht als Aufforderung, seine Kohle zu verrösten.

Die NZZ wirft gleich drei Fachredaktoren in die Schlacht: Michael Ferber, Lorenz Honegger und Werner Grundlehner. Geballte Kompetenz, grosse Vision, sattelfest, wunderbar. Allerdings: besser ist’s, die Ratschläge sogenannten «Experten» zu überlassen. Denn sollten auch die über keine Glaskugel verfügen, hat man nur berichtet, sollte es in die Hose gehen. Und wer hätte denn ahnen können, dass ausgewiesene Experten wie der «Chef des Research-Bereichs Schweiz bei Vontobel» und ein «Finanzprofessor und geschäftsführender Partner bei Zugerberg Finanz» nicht die Zukunft vorhersehen können.

Zunächst einmal tun sie ihr Mögliches, überlegenes Wissen zu versprühen: «Im Unterschied zum amerikanischen Leitbarometer S&P 500 befinden sich im Swiss-Market-Index weniger Wachstumstitel, daher sind die Kursverluste bei den Standardwerten im Durchschnitt bis jetzt eher verhalten ausgefallen.»

Gut, das ist der Blick in die Vergangenheit, das kann eigentlich jeder. Aber wie sieht’s in der Zukunft aus?

«Die Korrektur an der Börse eröffnet phantastische Einstiegschancen für Leute, die ihr Geld anlegen wollten und bisher von den hohen Bewertungen am Aktienmarkt abgeschreckt wurden.»

Das ist endlich mal eine optimistische Prognose, wunderbar. Schliesslich würden alleine in der Schweiz «700 Milliarden Franken darauf warten, am Aktienmarkt investiert zu werden».

Die wollen wir ja nun nicht weiter ungeduldig im Geldsäckel klimpern lassen. Obwohl, so viel Warnung muss sein: «Natürlich könne die Börse morgen oder übermorgen nochmals 5 Prozent nachgeben, meint der Finanzprofessor.» Das wäre natürlich blöd für die 700 Milliarden, denn  dann wären 35 futsch. Aber: «Wissenschaftliche Studien haben allerdings gezeigt, dass «Market Timing» – also das Ein- und Aussteigen an der Börse zu bestimmten Zeitpunkten – die Anleger im Allgemeinen Rendite kostet und diese nicht etwa verbessert.»

Wissenschaftliche Studien, das hört sich immer gut an, auch wenn man die Aussage nicht wirklich versteht. Aber man ist ja auch kein Wissenschaftler, nicht wahr.

Wohin denn nun mit all dem Geld?

Nun aber Butter bei die Fische, wie der norddeutsche Finanzwissenschaftler sagen würde, wohin mit dem Geld? «Am besten gehalten haben sich im bisher schwierigen Börsenjahr 2022 im SMI die Aktien des Telekomkonzerns Swisscom (+9,4 Prozent), die Titel des Versicherers Zurich (+8,4 Prozent), diejenigen des Pharmakonzerns Novartis (+6,7 Prozent) sowie die Papiere der Grossbank UBS (+3,8 Prozent) und jene des Zementkonzerns Holcim, die mit 0,8 Prozent im Plus notieren.»

Das ist enttäuschend, denn wir blicken in die Vergangenheit. Nun ist aber genau das das Problem jeder Prognose. Entweder hält der Prognostiker den feuchten Finger in den Wind, oder aber, er leitet aus Vergangenem mögliches Zukünftiges ab. Das macht allerdings nur dann Sinn, wenn etwas nicht passiert: das Unvorhergesehene. Aber leider passiert das ständig. Finanzkrise eins, Eurokrise, Ukraine-Krise, da kann man doch gar keine ordentliche Zukunftsprognose abgeben.

Zudem gibt es immer das «einerseits, andererseits»: «Allerdings haben sich nicht alle dieser defensiven Titel in diesem Jahr gut gehalten. Die Genussscheine von Roche haben beispielsweise seit Jahresanfang 16,4 Prozent an Wert verloren. Auch die ebenfalls schwergewichtigen Nestlé-Aktien haben mit 11 Prozent beinahe so stark nachgegeben wie der SMI.»

Höchste Zeit, wieder etwas Wissenschaft herabregnen zu lassen: «Grundsätzlich gilt: Je weiter das Gewinnwachstum eines Unternehmens in der Zukunft liegt, desto stärker reagieren seine Aktien auf Zinsänderungen

Noch verwirrender ist allerdings: «Einige der grössten Verlierer in diesem Jahr finden sich derweil in der Liste der grössten Gewinner der vergangenen fünf Jahre im SMI.»

Konkret: «Die Aktien des erfolgsverwöhnten Unternehmens Partners Group sind in diesem Jahr bei der Performance das Schlusslicht im SMI und verbuchen ein Minus von rund 34 Prozent. Hart erwischt hat es auch die Titel der Bauchemie-Gruppe Sika (–33 Prozent), des Sanitärtechnik-Unternehmens Geberit (–31,3 Prozent) sowie die Aktien von Lonza und Givaudan mit Verlusten von 29,9 Prozent beziehungsweise 27,4 Prozent seit Anfang des Jahres.»

Was schliesst denn der Experte daraus: «Für die Aktien von Sika, Holcim und Partners Group sieht der Research-Chef eine rosige Zukunft.»

Was lernen wir von den Experten?

Also, lieber anlagewilliger Leser. Wer gewann, verliert. Wer verliert, wird gewinnen. Also einsteigen und sich nicht irritieren lassen, wenn man sofort verliert. Denn anschliessend gewinnt man. Oder umgekehrt. Oder doch nicht. Aber das ist sicher. Wenn nicht, vorausgesetzt, dass. Und ein Atomkrieg würde natürlich alles ändern. Obwohl der, komisch aber auch, nicht ganz unvorhersehbar wäre.

Aber Zukunftsdeutungen sind nun wirklich nur was für Experten. Wie man hier sieht.

Lustige Zeiten bei der NZZ

Wenn die NZZ dem Schwesterblatt NZZaS eine reinwürgt.

Früher war es legendär, wie sich «SonntagsBlick» und «Blick» gegenseitig gehasst haben. Weiterzug einer Story, gemeinsame Kampfbündnisse? I wo, wenn man sich gegenseitig ignorieren oder in den Unterleib treten konnte: sehr gerne.

Das hat sich im Rahmen der Sparmassnahmen und der Skelettierung der beiden Blätter erledigt. Aber im Hause NZZ gibt’s noch Potenzial.

Die NZZaS wartete mit dem Primeur auf, dass sie einen der beiden Hauptbeschuldigten in der Affäre Vincenz kurz vor Prozessbeginn zu einem längeren Interview überreden konnte. Nachdem Beat Stocker eisern die ganzen, quälenden Jahre der Untersuchung geschwiegen hatte.

Immerhin, was man auch vom Inhalt seiner Aussagen halten mag. Da könnte man ja von der NZZ etwas Applaus erwarten.

Könnte man, gibt’s aber nicht. Im Gegenteil. Am Dienstag nach dem Interview meldet sich Lorenz Honegger in der NZZ zu Wort. Die zweite Generation Honegger zieht blank:

Das war wohl nix, daher ist sein vernichtendes Urteil natürlich gepaart mit der unausgesprochenen Frage, wieso sich die NZZaS dafür hergegeben habe.

Nun baut Honegger seine Anklage auf die Aussagen von «zwei führenden Schweizer Litigation-PR-Experten». Darunter versteht man die Benützung der Öffentlichkeit zwecks möglicher Beeinflussung von Richtern.

Der eine Experte ist «Patrick Krauskopf, Professor für Wirtschaftsrecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.» Das Problem: der ist völlig unbeleckt von Kenntnissen über das Strafrecht und auch sonst in der Branche niemandem als Litigation-PR-Experte bekannt.

Aber praktisch, dass er das interview kritisch sieht: «Ich würde den Angeklagten die Botschaft nicht selbst überbringen lassen.» Und: ««Qui s’excuse, s’accuse», sagt Krauskopf.»

Der zweite «führende Experte» heisst «Laurent Ashenden, Gründer und Geschäftsführer der PR-Agentur Voxia». Der ist ebenfalls noch nie öffentlich in dieser Funktion aufgefallen, was wohl auch den eher dürftigen Trackrecord auf seiner Webseite erklärt. Aber auch Ashenden darf zuschlagen:

«Seine Message ist: Ich bin unschuldig. Aber er schafft es nicht, zu überzeugen.»

Krauskopf darf dann noch das letzte Wort behalten: «Man wird sich fragen, ob es geschickt war, am zweiten Neujahrstag mit einem solchen Interview herauszukommen.»

Anlass, Honegger ein paar Fragen zu stellen:

  1. Halten Sie es für seriös, mit diesen beiden No-Names Kritik am Interview im Schwesterblatt zu üben?

  2. Aufgrund welcher Kriterien haben Sie die beiden ausgewählt?

  3. Sucht man nach den Begriffen «Litigation, Experte, Schweiz» kommt eine ganze Reihe von solchen Angeboten seriöser Kanzleien. Wieso haben Sie keine der so auffindbaren gewählt?

Trotz grosszügig bemessener Antwortfrist verfiel Honegger aber in finsteres Schweigen, was angesichts des sonstigen Niveaus der NZZ doch überrascht.

Da bleibt Platz für Interpretationen. Wie wär’s damit: die grösste Veränderung in den letzten Monaten war der Antritt des neuen NZZaS-Chefredaktors Jonas Projer. Der versucht, dem Sonntagsblatt etwas mehr Drive zu geben und vor allem die Interaktion mit der Leserschaft zu verstärken.

Projer hat dabei die Hypothek, dass er als TV-Mann abgestempelt ist und zudem von «Blick»-TV kommt. Da schüttelt es jeden alten NZZler durch, der das eigene «Format» als Benchmark für seriöse TV-Mache sieht.

Zudem ist es nicht ganz klar, wie eigentlich die Hierarchie zwischen God Almighty Eric Gujer und Projer aussieht. Bei seinen beiden Vorgängern war klar, wer Herr ist und wer Knecht. Durch die weitgehende Zusammenlegung von NZZ und NZZaS schrumpft ja auch das Königreich des NZZaS-Chefs.

Da ein unbedeutender Redaktor wie Honegger so ein Stück sicherlich nicht ohne Einverständnis aller oberen Chargen veröffentlichen konnte, stellt sich die lustige Frage, ob das ein öffentlicher Warnschuss von der Kommandobrücke des Dampfers NZZ vor den Bug des Beiboots NZZaS war.

Gujer könnte sich die naheliegende Frage stellen, wozu es eigentlich noch einen eigenständigen zweiten Chef im Hause braucht …

 

 

 

 

 

 

 

 

Der helvetische Kuschelkonsens

Der Schweizer (Achtung, Rassismusgefahr) liebt den Kompromiss. Ist kompromisslos gefährdet.

Dem Schweizer ist die deutschen Wesensart (Vorsicht, Rassismus) nicht sehr angenehm. Zu arrogant, grosssprecherisch, eingebildet. «Fräulein, ich krieg’ dann noch‘n Bier», das käme keinem Schweizer über die Lippen.

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Auch in politischen oder geschäftlichen Auseinandersetzung ist der Deutsche mehr auf Krawall gebürstet. Deshalb entfalten deutsche Politdebatten gelegentlich einen gewissen Unterhaltungswert, während sie in der Schweiz meistens nach eingeschlafenen Füssen in ungewaschenen Socken riechen.

Deshalb ist der einzige angriffige Talker der Schweiz als zu aggressiv, zu angriffig, gar als «Pitbull» verschrien ­– und Roger Schawinski hat keinen Nachfolger gefunden.

Das Vermeiden von breiten Rändern in der Gesellschaft

Der Hang zum Kompromiss, zum Abwägen, Ausgleichen, Konsensualen hat durchaus auch seine Vorteile. Der Einbezug möglichst vieler in eine Entscheidung lässt nur kleine Ränder in der Gesellschaft entstehen, die sich nicht verstanden, mitgenommen, berücksichtigt fühlen.

Während es in Deutschland eigentlich nur Sieger und Verlierer gibt, Politiker nur in höchste Not Kompromisse und Koalitionen suchen, bleiben dort viele Ränder unberücksichtigt, was der wesentliche Grund für den Aufstieg der AfD ist. Sicherlich kommt noch hinzu, dass auch dreissig Jahre nach der Wiedervereinigung sich die Bürger der Ex-DDR immer noch nicht als ganz ernstgenommen von den Westlern empfinden.

In der Schweiz hingegen, schon alleine gezwungen durch die Mehrsprachigkeit, käme es nicht gut, wenn sich eine gesellschaftliche Gruppe durchsetzen würde. Also die deutschsprachige Schweiz als Mehrheit. Oder Zürich als wirtschaftsstärkster Kanton. In der Schweiz heisst ernsthafter Konflikt, was die Béliers oder Sangliers vor der Abspaltung von Bern machten.

Typisches Beispiel für das Suchen nach Kompromiss.

Für deutsche Verhältnisse Pipifax. Sicher, es gibt auch in der Schweiz so etwas wie einen Schwarzen Block. Aber selbst sein traditioneller Zerstörungszug am 1. Mai in Zürich wurde ihm weggenommen; Zustände wie in Hamburg während des G7-Gipfels wären unvorstellbar in Helvetien.

Aber die aktuelle Pandemie bewirkt, neben unübersehbaren wirtschaftlichen Schäden, auch zum ersten Mal einen gesellschaftlichen Schaden, der in seinen Auswirkungen nicht zu unterschätzen ist.

Schlimmer als im Kalten Krieg

Sicher, zu Zeiten des Kalten Kriegs wurden Linke diskriminiert, ausspioniert, fichiert, «Moskau einfach», die Angst vor Willi Wühler ging um, einer Kunstfigur aus dem «Zivilverteidigungsbüchlein», das vor subversiv-umstürzlerischen Gesellen warnte. Auch wenn das damals für viele nicht sehr lustig war, zu Stellenverlust oder Abbruch einer Karriere führte: es ging vorbei.

Das ist bei Corona anders. Hier kommen bedenklich viele Faktoren zusammen, die eine ungekannte, tiefe Spaltung in der Gesellschaft auslösen.

  1. Vertrauensverlust in die Regierenden. Überforderung, Wackelpolitik, Verlust des Augenmasses, Ersatz von Argumenten durch Arroganz. Der erste Faktor.
  2. Vertrauensverlust der Wissenschaft. Wenn früher eine eidgenössische Task Force (oder Expertengruppe, wie das hiess, als man noch Deutsch sprach) ihre Erkenntnisse bekannt gab, dann war das amtlich. Dann war das EMPA, gesichert, Ende der Debatte. Heute ist es eine wüste Kakophonie sich widersprechender Experten. Faktor zwei.
  3. Die sorgfältige Abhandlung überprüfbarer Fakten wird durch klickgetriebene Panikmache ersetzt. Immer wieder wird vor Zehntausenden von Toten, einem überforderten Gesundheitssystem gewarnt. Es hat sich ein Chor von Corona-Kreischen gebildet, die nur noch durch Übertrumpfen Aufmerksamkeit erzielen. Faktor drei.
  4. Diese Faktoren haben zum Entstehen einer Gesellschaftsgruppe geführt, die den Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie kritisch bis ablehnend gegenübersteht. An ihren Rändern versammeln sich auch Verschwörungstheoretiker, Gestörte und Sonderlinge. So wie es bei jeder gesellschaftlichen Strömung einen Kern vernünftiger Teilnehmer gibt, plus einen Rand von problematischen Mitläufern. Faktor vier.
  5. Immer wieder müssen sich linke Bewegungen davon distanzieren, was gewalttätige Extremisten unternehmen, immer wieder müssen sie sich gefallen lassen, dass man ihnen im politischen Kampf gleiche Denke vorwirft, sie als geistige Brandstifter denunziert, die den Boden für Gewalt gegen Sachen oder sogar Personen bereiten. Das gleiche Modell wird nun auf die Massnahmen-Skeptiker angewendet. Orchestriert und begleitet von einer geradezu einheitlichen Darstellung in den Massenmedien. Faktor fünf.
  6. Die sogenannte Vierte Gewalt, die Kontrollinstanz, die Plattform für öffentlichen Meinungsaustausch, für Debatten, ist denaturiert. Ein Brain Drain ungekannten Ausmasses hat stattgefunden. Durch Massenentlassungen, Einsparungen, Leistungsdruck, Kurzatmigkeit, durch den Ersatz von Argument durch Meinung. Faktor sechs.
  7. Wenn man davon ausgeht, dass trotz vorhandenem Angebot über 30 Prozent der Schweizer Bevölkerung nicht geimpft ist, selbst wenn man medizinische Gründe abzieht, handelt es sich um eine bedeutende Minderheit, nicht einfach um ein paar randständige Spinner. Dennoch wird diese Minderheit so dargestellt, was die Zentrifugalkräfte stärkt. Faktor sieben.
  8. Meinungsstarke Beschimpfungen von Impfgegnern als verantwortungslose und fahrlässige Deppen, grob überzeichnete Meldungen von Ausschreitungen bei Demonstrationen, die Verweigerung jedes Dialogs, jedes Meinungsaustauschs, der zunehmende Eindruck, dass die verbleibenden Medienkonzerne gut Wetter bei den Regierenden machen wollen, von deren Subventionsbereitschaft sie immer mehr abhängen, lässt viele Konsumenten auf alternative Nachrichtenquellen zurückgreifen. Faktor acht.

Damit läuft die Schweiz Gefahr, einen Schaden zu erleiden, der viel nachhaltiger wirken wird als eine Pandemie. Denn im Gegensatz zu vielen Unkenrufen wird auch dieser Seuchenzug vorrübergehen. Wie alle vorher. Er wird vielleicht einige Verhaltensweisen ändern, vielleicht muss man sich an Maskentragen in der Öffentlichkeit gewöhnen. Aber viel gefährlicher als jede Virusmutation ist der Verlust der Konsensfähigkeit.

Die Deutschen beneiden die Schweizer

Der (deutsche) Wutbürger.

Schon längst haben die konfliktbegabten Deutschen aufgehört, die putzigen Schweizer mit ihrem komischen Dialekt zu belächeln. Stattdessen herrscht Neid, Erstaunen darüber, wie es denn die Eidgenossen auch ohne Bankgeheimnis und die Aufbewahrung von Blutgeldern aus aller Welt schaffen, eine funktionierende Infrastruktur aufrechtzuerhalten, die Schulhäuser in Schuss sind, die Staatsverschuldung überschaubar, die Notenbank in Geld schwimmt und Wohlstand herrscht.

Der Deutsche fühlt sich verarscht.

Das Konsensuale spielt dabei offensichtlich eine bedeutende Rolle, denn arbeitsam, pünktlich und genau sind sowohl Deutsche wie Schweizer. Aber sollte das Ausgrenzen, das Verwenden verbaler Zweihänder, das Beschimpfen ganzer Bevölkerungsgruppen, das Fuchteln mit Morgenstern und Hellebarde gegen Abweichler anhalten oder gar zunehmen, dann könnten durchaus deutsche Zustände in der Schweiz ausbrechen. Und das sollte doch niemand wollen.

Insiderhandel in der Schweiz

Was ist das, wer macht das, darf man das?

Die Mainstream-Medien haben es immerhin geschafft, mal der Frage nachzugehen, wie viel Big Pharma eigentlich an der Pandemie verdient. Beziehungsweise an der Herstellung und dem Verkauf von Impfmitteln. Das ist ein schön grosses, weltweites Thema, daher kann man da per copy/paste gut arbeiten.

Etwas anstrengender wäre es, der Frage nachzugehen, ob jemand in der Schweiz Insiderhandel im Zusammenhang mit der Pandemie betrieben hat. Dazu müsste man wissen, was Insiderhandel ist, wie und von wem der verfolgt und bestraft wird. Die Definition ist der einfache Teil: das Ausnützen der Kenntnis von vertraulichen und kursrelevanten Tatsachen beim Börsenhandel.

Der Klassiker: ein Geldonkel empfiehlt ein «strong buy» bei einem kleineren Aktientitel. Hat er seine Fangemeinde, dann schlägt die zu. Hat er sich schon vorher eingedeckt und vielleicht sogar gehebelt, ist das ein sure win. Ungefähr so schwierig zu erzielen wie ein Gewinn am Roulettetisch, wenn man vorher weiss, wohin die Kugel fallen wird.

Darf man das in der Schweiz? Seit 1988 im Prinzip nein. Inzwischen ging die Untersuchungskompetenz von den Kantonen an den Bund über. Das bedeutet, dass in erster Linie die Finanzmarktaufischt (Finma) zuständig ist. Die Börsenaufsicht muss ihr, wie Banken beim Verdacht auf Geldwäsche, bei suspekten Transaktionen Meldung machen.

Durch die zunehmende Elektronisierung des Handels sollte die Verfolgung von Insiderhandel eigentlich leichter geworden sein. Die Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache. Pro Jahr werden in der Schweiz rund 300 Verdachtsfälle untersucht. Seit 1988 kam es zu rund – zwei Dutzend Verurteilungen. Das ist lachhaft. Aber immerhin, seitdem Verwaltungsräte für gewisse Vorfälle in Regress genommen werden können oder haftbar gemacht, gab es noch – keine einzige Verurteilung.

Alles sauber oder alles verhüllt?

Nun sind Schweizer Börsenhändler vielleicht sauber und korrekt, niemals käme ein VR auf die Idee, sein Vorwissen finanziell auszunützen. Oder ein Bundesbeamter, der Vorkenntnisse über dramatische Entscheidungen hat, bevor die verkündet werden. Wer damals wusste, wann die Untergrenze für den Euro kommt, dieses Wissen ausnützte, konnte sehr schnell sehr reich werden. Dito bei der Aufhebung. Selbst der damalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank stolperte über dieses Thema.

Obwohl die Finma auch hier ganz energisch tut, sind schon mal die gesetzlichen Grundlagen arg verstreut und nur für Insider verständlich. Oder haben Sie schon mal etwas vom «Bundesgesetz über die Finanzmarktinfrastrukturen und das Markverhalten im Effekten- und Derivatehandel» (FinfraG) von 2015 gehört? Auch nicht von der entsprechenden Verordnung (FinfraV)? Von einschlägigen Orientierungsschreiben der Finma? Vom Kotierungsreglement der Schweizer Börsen?

Macht ja nix. Ab einer Million so erworbenes Geld geht’s ins Gefängnis; für bis zu 5 Jahre. Und der Gewinn wird eingezogen. Soweit die Theorie. Dazu kommen noch Vorschriften zur sogenannten Ad-hoc-Publizität und der Transparenz von Management-Transaktionen. Es wird also einiges unternommen, um das Ausnützen von Vorwissen oder Kursmanipulationen zu verhindern. Auf dem Papier.

Der Insider Daniel Senn, Ex-KPMG.

Wie meist allein auf weiter Flur nimmt Lukas Hässig die Spur auf, dass die Finma Deals von Covid-Experten untersucht, zum Beispiel beim Handel mit Lonza-Aktien. Im Zusammenhang mit Spekulationen über eine Beteiligung des Bundes an der Impfstoffherstellung fuhren deren Aktien hübsch Achterbahn.

Nachweis der Kausalität ist das grosse Problem

Jeder, der zu Beginn der Covid-19-Hysterie auf fallende Aktienkurse setzte und mit Leerverkäufen gross einstieg, hatte ausgesorgt. Jeder, der vorher weiss, dass eine Pharmabude eine frohe Ankündigung machen wird, kann das Wissen in Gewinn umsetzen. Man muss sich dabei aber recht blöd anstellen, so wie ein ehemaliger KPMG-Kadermann, damit man dabei auch erwischt wird.

Der Insider Hans Ziegler, Ex-Firmensanierer.

Denn der Nachweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen Vorwissen und Effektenhandel, das ist der Knackpunkt – und sehr schwer. Hat der Infekteologe X, der Virus-Forscher Y, der Pandemie-Experte Z Insiderwissen ausgenützt und Titel deswegen rechtzeitig gekauft oder verkauft? Oder hatte er einfach den richtigen Riecher? Ziemlich aussichtslos wird der Nachweisversuch, wenn der Insider einen Treuhänder, eine Briefkastenfirma auf Virgin Islands oder Ähnliches dazwischenschaltet.

Dass die Finma auch bei Covid-Transaktionen mit «diversen Akteuren im Austausch» sei, dazu seien «auch diverse Abklärungen in die Wege geleitet», hört sich energisch an. Wird aber genauso im Dickicht verröcheln wie Hunderte von Untersuchungen zuvor.

Obwohl man diesen «Experten» mit ihrer übergrossen Gier nach öffentlicher Aufmerksamkeit ohne weiteres auch Geldgier unterstellen kann. Passt doch irgendwie zusammen.

 

Ein Ranking der Lebensexperten

Ratgeberexperte ist kein geschützter Titel. Das merkt man.

Expertenantworten zu Lebensfragen werden gierig gelesen wie die Lottozahlen. Es ist eine Mischung aus Voyeurismus und Mitgefühl. Und ja, bei manchen Antworten kann man dann doch etwas lernen. Und sei es nur für den nächsten Smalltalk oder gar die sich anbahnende Ehekrise. Emma Amour (natürlich ein Pseudonym) auf watson.ch nimmt die FragestellerInnen ernst und spricht offen über Tabuthemen. «12 Tipps, wie Du einen Mann oral befriedigst (dankt mir später)» ist ein anschauliches Beispiel.

Emmenegger und Fux

Caroline Fux vom Blick führt weiter, was die «Liebe Martha» Emmenegger ab 1980 erfunden hatte. Eine Enttabuisierung sexueller Themen in der Schweiz. Schon vorher, 1969, startete eine ähnliche Rubrik im «Bravo». Generationen von Jugendlichen lasen die Fragen und Antworten von «Dr. Sommer». Erster «Dr. Sommer» war der Düsseldorfer Psychotherapeut Martin Goldstein. 15 Jahre leitete er die Rubrik. Gegenüber rtl.de sagte Sozialpädagoge Klaus Mader kürzlich, noch heute bekomme das «Dr. Sommer»-Team immer noch 200 bis 250 Anfragen in der Woche.

Schneider, Fischer, Ihde

Beim Tages-Anzeiger beantwortet Psychoanalytiker Peter Schneider regelmässig Leseranfragen. Es geht selten um Sex, sondern mehr um Verhaltenstipps, um Zwischenmenschliches, um Kniggefragen. Hin und wieder mit einem Augenzwinkern, aber durchaus ernsthaft beantwortet.

Nach wie vor betreibt der Tagi auch eine monatliche Ratgeberseite über das Arbeits, Sozial- und Familienrecht. Verantwortlich ist hier die Juristin Andrea Fischer. Ganz oben in der Kaiserkategorie bei Rechtsproblemen steht aber der Beobachter. Seitenlang werden Fragen übers Erben, Bschiss bei Online-Bestellungen oder das Arbeitsrecht beantwortet. Zudem hat Facharzt Thomas Ihde (Psychiatrie und Psychologie) eine ganze Seite zur Verfügung, um einfühlsam und umfassend zu helfen. Aktuelles Thema: «Ich habe 70 Jahre als Mann gelebt und merke, dass ich eigentlich eine Frau bin. Was kann ich tun?»

Verspotten als Auftrag

Schon ein bisschen schwieriger wird’s bei der Rubrik «Fragen Sie Dr. M./ Der Experte für alle Lebenslagen» in der Weltwoche. Es sind eindeutig freihändige, subjektive Antworten, die oft eine politische Einfärbung haben. Aber egal. Nur schon die Illustration mit einem überzeichneten Psychologen zeigt die «Unernsthaftigkeit» der Antworten. In diese Kategorie fallen auch die nächsten Beispiele. Michèle Roten und Thomas Meyer. Beide sind als Lebensfragenbeantworter tätig. Thomas Meyer (Autor der beiden Wolkenbruch-Bücher) ist seit 2014 beim Sonntags-Blick. Er gibt Antworten auf «alle möglichen und unmöglichen Lebensfragen». Eine Frage lautet beispielsweise, was man einem Freund antwortet, der zum Verschwörungstheoretiker geworden ist. «Ein Affront, auf den nur mit dem totalen Bruch zu antworten ist», so das Zitat, das dem Leser am meisten bleibt. Die Antwort ist virtuos formuliert, geht aber am Kern der Frage vorbei. Sie ist ein wenig gar herzlos und lebensfremd. Es scheint, wie wenn für den Schriftsteller einfach ein Betätigungsfeld erfunden wurde.

Vollends Nonens ist die Rubrik «Helpdesk», mit der Michèle Roten beim Tages-Anzeiger reaktiviert wurde. Für das Magazin schrieb die mittlerweile 41-Jährige zwischen 2005 und 2014 die Kolumne Miss Universum. Damit sorgte sie schweizweit für Furore. Seit wenigen Wochen ist sie nun als Lebensberaterin beim Züri-Tipp tätig. Am Donnerstag ging sie auf die Frage eines Baslers ein, der sich fragt, warum er jeden Tag auf seinen Dialekt angesprochen werde.

Sie gibt zehn Kurzantworten zum Auswählen, natürlich eine origineller als die andere. Etwa die: «Weil wir hoffen, dass Sie gleich ein Piccolo aus dem Ärmel zaubern und uns was vorflöten.» Für die Leserschaft ein Gaudi, für aufrichtige Ratgeber-Experten etwas daneben.