Werbemüll im Internet

Die Kostenfreiheit fördert Sumpfgebiete.

Mehr als die Hälfte aller E-Mails weltweit sind Spam. Also unverlangter Werbemüll. Das ist ein ziemlich hoher Haufen, denn 2021 dürften rund 320 Milliarden E-Mails versandt und empfangen werden. Pro Tag.

Obwohl sich der Aufwand für das Abfeuern von Spam in überschaubaren Grenzen hält, würde er nicht betrieben werden, wenn es nicht zumindest kostendeckend genügend Deppen gibt, die darauf reinfallen.

Also Produkte zur Penisverlängerung kaufen wollen, angeblich totsichere Geldanlagen ausprobieren möchten. Den Reizen einer Dame erliegen, die sich einfach so und spontan unsterblich in den Empfänger verliebt hat. Natürlich jede Menge Schnäppchenpreise ausnützen wollen, das neue iPhone für 100 Stutz, kein Problem, nur ist die Anzahl beschränkt, sofort zuschlagen. Oder lieber gleich ein Testgerät, selbstverständlich gratis?

Es gibt auch einigermassen cleveren Spam

Es gibt auch aufwendigere, sowie fiesere Lockmails. Der Verwandte eines afrikanischen Potentaten, der ungetreue Buchhalter mit Prokura, der sterbenskranke Reiche, die alle nichts lieber täten, als dem Empfänger einen beeindruckend grossen Geldberg zu schenken.

Nett sind auch die Erpressermails; man habe den Empfänger bei unsittlichem Tun vor seiner Computer-Kamera beobachtet, der Inhalt der Festplatte werde verschlüsselt und anschliessend geschrottet, peinliche Videos an alle Bekannten und Verwandten verschickt, wenn nicht …

Es gibt auch immer wieder Konjunkturwellen, als hätten sich weltweit die Spamer auf Modeerscheinungen geeinigt. So war es eine Weile üblich, dass mit dem Absender eines tatsächlich vorhandenen Mailkontakts ein Hilferuf abgesetzt wurde. Die Person sei im Ausland in einer finanziell prekären Situation, der nur durch die sofortige Überweisung eines vierstelligen Betrags abgeholfen werden könnte, per Western Union oder so, asap.

Adressen sammeln, Spam schleudern, alles fast gratis

Der bedeutendste Kostenfaktor dabei ist das Aufkaufen von E-Mail-Adressen. Wobei sich auch der in überschaubaren Grenzen hält. In trüberen Gewässern des Internets kriegt man solche Pakete, zum Beispiel eine Million Adressen aus Deutschland, für schlappe 25 $.

Will man etwas selektionierter vorgehen, also nach Alter, Kaufkraft oder Affinität zu Online-Käufen unterscheiden, wird’s ein wenig teurer. Das Versenden, wenn man ein Botnet verwendet, also ein Netz von ohne Wissen der Besitzer gekaperten Computern, ist ebenfalls kriminell billig.

Bleibt nur noch der heikelste Punkt, die Geldübergabe. Aber da bietet die schöne, neue Welt der Kryptowährungen ganz ungeahnte Möglichkeiten. Oder aber die immer noch existierenden Bargeldüberweisungssysteme oder Finanzhäuser in den vielen Gegenden der Welt, wo die Rechtsstaatlichkeit nicht wirklich ausgeprägt ist.

Neben Mails gibt es auch Inseratespam

Es gibt auch eine Art Werbe-Spam, der alle Plattformen zumüllt, die sich entschieden haben, Google Ads Plätze zu vermieten. Der grosse Vorteil für den Besitzer der Webseite: er muss sich nicht um Vermarktung, Belegung und alles Administrative kümmern. Besonders für kleinere Plattformen, die nicht über die Möglichkeit einer eigenen Akquise verfügen, ergeben sich hier sehr willkommene Zusatzeinnahmen.

Downside ist aber, dass der Leser gelegentlich mit Müll belästigt wird, der nervt. Auch das sind Wellen, das Grundprinzip einer Form des Werbespams ist immer das Gleiche. Es wird eine bekannte Persönlichkeit genommen, in der Schweiz sehr beliebt Roger Federer zum Beispiel, der habe mit einer neuen Geschäftsmethode unglaubliche Gewinn erzielt; wer sich davon einfangen lässt, wird auf eine Webseite geleitet, die diese Story mit angeblichen Berichten aus seriösen Medien untermauert.

Es gibt auch erheiternde Beispiele

Das nervt und weckert. Ausser bei der neusten Variante. Denn offensichtlich haben die hier verwendeten Algorithmen ausgerechnet, dass ein Schweizer Bundesrat so sehr im Gespräch ist, dass er sich als unfreiwilliger Werbeträger eignet.

So lächelt einem Knutschkugel Alain Berset mit einer verfänglichen Botschaft entgegen:

Das bringt wenigstens etwas Humor in dieses trübe Thema, obwohl mit seinem Foto keine Werbung für Potenzmittel gemacht wird:

Ach, wer sich fragt, wieso die Missbrauchten sich nicht dagegen wehren: viel Spass beim Kampf mit einem schmierigen Server in Usbekistan, Vanuatu oder Kasachstan. Oder mit Google Ads.

PS Das hier ist weder Werbung, noch Spam:

 

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Dilettantenfreiheit

Der Verlegerverband brummt. Vor Unfähigkeit und zum Fremdschämen.

Wir räumen selbstkritisch ein: ZACKBUM.ch ist vielleicht nicht das absolute Highlight der modernsten Plattformtechnologie. Aber sie erfüllt ihren Zweck. Texte, Bilder, Kommentare, Impressum, obligatorischer Hinweis auf Cookies: alles Nötige ist da.

Der Verlegerverband ist «die Branchenorganisation der privaten schweizerischen Medienunternehmen. Der Verlegerverband vereinigt über 100 Medienunternehmen, die zusammen rund 300 Publikationen herausgeben und zahlreiche digitale Newsplattformen sowie über 20 Radio- und TV-Sender betreiben.»

So richtig friedlich geht’s in dieser Vereinigung allerdings nicht zu; Tamedia und Ringier kriegten sich dermassen in die Wolle, dass Ringier beleidigt austrat – inzwischen seine Rückkehr ankündigte, sie aber noch nicht vollzog.

Das sind lustige Szenen einer Ehe; der eine verlässt unter Protest das gemeinsame Lager, dann hat er ein Einsehen und meint reumütig, dass man es doch nochmal versuchen könne. Aber vor der Eingangstüre bleibt er dann stehen und grübelt und grübelt und grübelt.

Gut, kann passieren, sollte es aber in einem Verband nicht. Inzwischen muss man sagen, dass Ringier völlig zu recht seine Mitgliederbeiträge eingestellt hat. Wäre wirklich nur rausgeschmissenes Geld.

Fehler machen, an Fehlern festhalten

Denn der Verlegerverband hat die Webseite «Die-Meinungsfreiheit.ch» ins Netz gewuchtet. Die ist so schräg-lustig, dass hier schon darüber abgelästert wurde.

So sieht ein professionell fotografiertes Unterstützerkomitee aus.

Aber man könnte ja sagen: okay, dass es dem Referendumskomitee gelungen ist, mehr als 50’000 Unterschriften gegen das Mediengesetz zu sammeln (genau 54’409 am 8. September), kam natürlich völlig überraschend. Für den Verlegerverband.

Die Champagnerflaschen steckten noch gehöhlt und kopfvoran in den Eiskübeln, nachdem die zusätzliche Zahlung von einer runden Milliarde aus Steuergeldern an die notleidenden Medien durchs Parlament geschaukelt worden war. Ein Heimspiel. Politiker brauchen Medien wie die Luft zum Atmen. Nun brauchten die Medien die Politiker. Eine Hand wäscht die andere.

Die reichen Medienclans gingen in Sack und Asche

Gezeter und Gejammer, zerrissene Kleider und Asche auf den Häuptern, Wehklagen und Warnung vor dem Untergang: die Medien führten sich auf, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen – wenn nicht dringend und unbedingt nochmal eine Milliarde auf die eh schon sprudelnden Subventionen draufgelegt würde.

Kein Wort darüber, dass die Grossverlage, dank drakonischer Sparmassnahmen, sich seit Corona über genauso sprudelnde Gewinne freuen können wie zuvor. Gut, der Journalismus ist dabei vor die Hunde gegangen, die Meinungsvielfalt wurde durch zwei Einheitssaucen aus Zentralküchen ersetzt. Aber das ist ja ein Kollateralschaden, macht doch nix.

Nun kann aber die Bevölkerung darüber abstimmen, ob man wirklich Yachten, Privatjets, Villen und einen Luxusfuhrpark der Besitzerclans mit Steuergeldern unterhalten soll. Wie es sich für Dilettanten gehört, dachten die Medienclans zuerst, dass so ein Referendum doch sicherlich nicht zustande kommt. Schliesslich fand es in ihren hochklassigen Medien mit Informationsauftrag, Vierte Gewalt und so, faktisch nicht statt.

Kostet halt schon Unterhalt …

Aber dann, oh Graus, kam das Referendum zustande. Krisensitzung, Geschnatter, Geflatter, Notfall, action, sofort.

Immerhin, ein Übersetzungsprogramm kam zum Einsatz.

Tata, es entstand: «die-meinungsfreiheit.ch». Von A bis Z misslungen. Fängt beim Namen an, «meinungsfreiheit.ch» ist natürlich schon besetzt. Aber man hätte ja, da es keine Webseite gibt, mal schauen können, ob sich was machen lässt. Oder man hätte «meinungsfreiheit.swiss» nehmen können. Aber das wäre ja professionell gewesen, also lieber nicht. Verleger kommt offenbar von verlegen.

Fehler am Anfang passieren – aber hier bleiben sie

Sicherlich kann es passieren, dass beim Notstart einer Webseite nicht gleich alles klappt. Aber normalerweise werden die ganz grossen Kopfschüsse in den ersten Tagen ausgebügelt. Nicht bei «die-meinungsfreiheit», das wäre doch zu professionell:

Tote Hose auf Facebook …

… tote Hose auf Twitter.

Normalerweise verfügt eine Webseite über ein Impressum, einen Ansprechpartner, moderne Kommunikationsmittel wie eine Telefonnummer – und Datenschutzhinweise. Aber doch nicht hier, das wäre, okay, wir wissen es inzwischen.

Noch ein kleiner Tipp: Wer als Key-Visual schwarze Flecken nimmt, auf denen einsame Menschen rumstehen, sollte einpacken – oder einen guten Grafiker einstellen.

Oder sagen wir so: wer diese beiden Nasen als Unterstützer auf seiner Seite weiss, kann eigentlich schon heimgehen. Aber der Verlegerverband doch nicht, der muss zuerst noch viele weitere Batzeli dafür verrösten, sich öffentlich zum Deppen zu machen. Traurig. Oder wie Donald Trump sagen würde: «so sad

Werbung, tiefergelegt. Lowered

«Kauf mich, ich bin gut und günstig.» Wenn’s mehr sein soll, wird’s armselig und englisch.

Die neue Werbekampagne von Tally Weijl setzt einen schönen Tiefpunkt für alles: «#fuckexpectations» heisst der Claim des Klamottenherstellers. Damit sollen junge Frauen motiviert werden, «sich von niemandem vorschreiben zu lassen, was man zu tun, zu sagen oder zu tragen hat», schwurbelt Rod Kommunikation, die diesen Kopfschuss zu verantworten hat.

Schon wieder ein Kunde, der von seiner eigenen Werbeagentur aufs Kreuz gelegt wurde. Rebellion gegen Erwartungen, so geht der Stuss weiter. Womit also Tally Weijl damit wirbt, dass man entweder diesen Klamotten den Stinkefinger zeigt – oder ernsthaft meint, durch ihren Kauf ein rebellisches Signal gegen Rollenbilder zu setzen.

Da wollen wir mal hoffen, dass die Protestfrauen von Tamedia – mangels anderer Resonanz auf ihr längst abgelaufenes Ultimatum – nicht alle in Tally Weijl rumlaufen werden.

Bezüglich «fuck» kann noch gesteigert werden

Kann man solchen Schwachsinn noch steigern? Nun, wenn man die Stichworte Corine Mauch, Belästigung, Verschwendung von Steuergeldern mixt, einmal schüttelt, dann kommt heraus: «Zürich schaut hin». Die neue Plattform, sozusagen die Ergänzung zu netzpigcock.ch. Denunziation, leicht gemacht. Anonym, praktisch, auch für Analphabeten geeignet. Jeder kann mitmachen, kostet nichts, tut nicht weh. Ist aber vollbescheuert.

 

Mit idiotensicherer Gebrauchsanweisung:

Auch «Zalando» ist immer vorne dabei, wenn es um Kampagnen im Stil von «schrei vor Glück» geht. Dabei ist eine gewisse Schmerzfreiheit unabdingbar:

Das erinnert etwas an den grossartigen Werbespruch der Parfümeriekette Douglas: «Come in and find out». Was bösartig übersetzt wurde mit: Komm rein und finde den Ausgang. Immerhin, die Zürcher Denunziantenplattform handelt ihr Anliegen auf Deutsch ab. Aber so etwa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und das ist schon ziemlich lange her, haben die meisten Werbeagenturen bis heute nicht kapiert: die Mehrheit der Konsumenten im deutschen Sprachraum spricht Deutsch.

Werbung auf Englisch für Deutschsprachige funktioniert nicht

Seit vielen vielen Jahren belegen entsprechende Untersuchungen, dass rund Zweidrittel der angepeilten Käufer eingestehen, Claims auf Englisch nicht richtig zu kapieren. Weniger als 30 Prozent behaupten, das Anliegen des Werbers auf Englisch richtig zu verstehen. Wer meint, dass das halt nach unten gezogen werde durch die Teilnahme von älteren Säcken: auch bei der Altersgruppe von 18 bis 40 behauptet nur die Hälfte, wenigstens «ungefähr» oder sogar genau zu verstehen, was zum Beispiel «totally you» uns sagen will.

Es spricht natürlich für die Eloquenz der Werber, dass sie nach wie vor, mit oder ohne Begleitung eines in strengem Schwarz gekleideten AD, arglosen Kunden einen neuen englischen Werbespruch aufs Auge drücken können. «Just do it» sei doch einfach knalliger als «tu’s einfach». Und wo sich jeder gehobene Hauswart «Facility Manager» nennen lässt, kann das doch nicht ganz falsch sein.

Doch, ist es aber. Es ist völlig bescheuert, schon von Anfang an sich von mindestens der Hälfte der potenziellen Zielgruppe zu verabschieden. Völlig realitätsfern ist auch, mit den nun endgültig ausgelutschten Begriffen Rebellion oder holprigen englischen Sprüchen zu werben. Vielleicht ein Wort dazu, wie die Produkte von Tally Weijl oder Zalando oder auch von H&M oder Zara hergestellt werden? Ist doch überhaupt nicht megakrass und voll easy, wenn beim Einsturz eines Sklaven-Sweatshops in Bangladesh herauskommt, dass dort auch Klamotten für diese Anbieter hergestellt wurden.

Vielleicht fällt es einigen Kunden auch auf, dass alles Gelaber über Rebellion, Individualität, Einzigartigkeit ziemlich hohl wird, wenn man auf dem Zettelchen liest «made in China». Was nicht bedeuten muss, dass «made in Italy» oder «made in Peru» oder «made in Brasil» unbedingt besser ist.

Aber wie für eine gute Kampfscheidung braucht es auch hier immer zwei. Den Werber, der mit dem ewig gleichen Besteck grösser Budgets aus dem Kunden rausschneiden will. Und den Kunden, der ihm das erlaubt, auch wenn er wissen müsste, dass es schwachsinnig ist.

Es braucht immer zwei, um Geld zum Fenster hinauszuwerfen

Immerhin kann sich der angepeilte Konsument dieser Werbefalle einfach entziehen. Wer nicht mal kapiert, was er kaufen soll und warum, der spart ungemein. Besonders nassforsch wird’s allerdings, wenn man am normalerweise heiligen Logo eines Medienorgans rumschrauben darf. Auch hier trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Hier herrscht Mut zur Hässlichkeit, aber das Wissen, dass jede «Modernisierung» ein Verbrechen wäre; teuer und fatal:

Ungefähr so intelligent wie der nach vielen Jahren erfolgreiche Versuch, den unsterblichen Marlboro-Cowboy zu x-en. Vorher hob ihn höchstens der Lungenkrebs aus dem Sattel. Aber wenn eine neue Verantwortliche, die noch nie etwas gebacken kriegte in ihrer Karriere, ein Zeichen setzen will, dann darf am bewährten, ikonischen «Blick»-Logo rumgefummelt werden. Dass dann neu mit Regenrohr, sinnlosem Strich und als separierte Kästchen wieder auferstehen darf.

Es spricht für den Werber Frank Bodin, dass er damit die nächste Bruchlandung sicherlich verhindert hat und seine neuste Metamorphose Bodin.Consulting ein Weilchen weiterleben wird. Sein fürstliches Honorar hat er schon alleine damit verdient, dass er es geschafft hat, ein paar erwachsenen Personen bei Ringier diesen Pfusch als neues Ei des Kolumbus zu verkaufen.

Nun hängt es allerdings alleine vom «face value», vom «feedback» ab, natürlich aus der «community», wann dieses Geld abgeschrieben und das alte Logo wieder hervorgeholt wird.

Gurkentruppe «Fairmedia»

Theorie und Praxis. Die neue Präsidentin spuckt grosse Töne. Die Praxis ist viel kleinkarierter.

«Fairmedia» legt die Latte für sich und andere ziemlich hoch: «Wir helfen auch Journalisten dabei, sich medienrechtlich und -ethisch korrekt zu verhalten. Der unabhängige Verein versteht sich als Kompetenzzentrum in Medienrecht und Medienethik und gibt zu diesen Themen auch Kurse und Trainings an Institutionen und Schulen.»

Catherine Thommen doppelt zum Amtsantritt nach:

«Fairmedia mischt sich aktiv in die Debatte ein und setzt sich für die Einhaltung der journalistischen Grundregeln ein.»

Das ist ja alles wunderbar, volltönend, genau das, was Journalismus heutzutage braucht. In den Kursen verwendet «Fairmedia» sicherlich auch abschreckende Beispiele. Warum nicht aus eigenem Schaffen?

Auf Twitter spielten sich Jagdszenen gegen eine Flugbegleiterin ab, die von Michèle Binswanger porträtiert worden war. Durch häufige Corona-Tests ist sie erkrankt, was gravierende Auswirkungen auf ihre psychische und physische Gesundheit hat.

Zudem engagiert sie sich gegen Kinderhandel und -ausbeutung. Zweiteres hat mit dem Thema der Reportage nichts zu tun. Die Reportage selbst ist fehlerfrei, was den Sympathisantensumpf um Jolanda Spiess-Hegglin sehr frustriert hat. Denn Spiess-Hegglin ist auf Binswanger nicht gut zu sprechen, weil die es gewagt hat, die Darstellung von JSH der Zuger Affäre zu bezweifeln.

Muckrakers nennt man diese Gattung auf Englisch

Wunderbar, dass ein Anonymus eine Wortmeldung der Flugbegleiterin in den Social Media ausgrub. Hansi Voigt, der schon lange jeden Anspruch aufgegeben hat, als seriöser Journalist zu gelten, kräht sofort los, macht sich über die Flugbegleiterin und über Kinderhandel lustig und empfiehlt, solche Artikel zu canceln.

Das lässt dann einen weiteren anonymen Dreckspatz nicht ruhen, der verbreitet, die Flugbegleiterin sei Anhängerin der Verschwörungstheorien von QAnon. Wir bewegen uns hier wohlgemerkt im belegfreien Raum, in einer Jauchegruppe von Twitter, wo sich Verschwörungstheoretiker und Fanatiker gegenseitig hochschaukeln. Unter völligem Realitäts- und Luftabschluss, was einen sehr unangenehmen, fauligen Geruch auslöst, wenn man in diese Blase hineinsticht.

Die Erkrankung der Frau ist ärztlich attestiert, sie ist kein Einzelfall, auch ihr Problem, angepöbelt zu werden, weil sie durch ihre Erkrankung keine Maske tragen sollte (ärztlich attestiert). Das sind die Fakten, die absurden Verdrehungen haben wir bereits beschrieben.

So, und nun kommt «Fairmedia» und zeigt es allen, wie ethisch hochstehender, fairer, korrekter Journalismus geht, der ja scheint’s nötiger denn je sei. Wie das «Fairmedia» macht? So:

In seinem Tweet nimmt es den Schwachsinn der Berner Reitschule für bare Münze. In der ausführlicheren Beschreibung auf seiner Webseite geht «Fairmedia» noch ein paar Schritte weiter. «SonntagsZeitung» porträtiert QAnon-Sympathisantin – ohne das im Text zu erwähnen.»

Der Schmierfink von «Fairmedia» geht gleich in die Vollen. Die Frau behaupte, gravierende Folgen erlitten zu haben. Das habe ihr ein Arzt bestätigt, räumt Jeremias Schulthess ein. Aber: «Ist das medizinisch plausibel? Gibt es eine zweite Meinung dazu von anderen Ärzten? Darauf geht der Text nicht ein. Dabei gäbe es Gründe anzunehmen, dass nicht alles stimmt, was die Frau erzählt.»

Ein selbst gemachtes abschreckendes Beispiel

Die da wären? Dass sie Verschwörungstheorien der US-Sekte QAnon verbreite, zitiert Schulthess einen Text, der von einem anonymen Dreckspatz namens «Megaphon Reitschule Bern» verbreitet wird. Und folgert daraus: «Dass eine QAnon-Sympathisantin über Verletzungen bei Corona-Tests spricht, mag für eine Redaktion vielleicht sogar vertretbar sein. Es kann ja sein, dass die Kritik in der Sache stimmt. Es sollte aber in jedem Fall möglichst transparent gemacht werden, wer die Quelle ist – die Verbreitung von Verschwörungstheorien gehört da dazu.»

Die geschäftsführende Gurke Jeremias Schulthess.

ZACKBUM ist sich sicher: Dieser Text kann als abschreckendes Beispiel, wie man es ja nicht machen sollte, bei jedem Kurs oder Training von «Fairmedia» verwendet werden. Damit der Verein, der damit offenbar Mühe hat, nicht zu viel selber erarbeiten muss, eine kleine Amtshilfe:

  1. Ob diese Flugbegleiterin Anhängerin von Verschwörungstheorien ist – oder nicht, hat niemand eruiert. Also ist die Unterstellung absolut unstatthaft, widerspricht den primitivsten Regeln des Journalismus und Anstands.
  2. Wenn das anonyme Schmierfinken oder der Amok Hansi Voigt tun, ist das deren Sache. Wenn das «Fairmedia» unbesehen übernimmt, entzieht sich der Verein damit die Existenzgrundlage und sollte sich auflösen.
  3. Eine Frau ist erkrankt, belegt das mit dem Zeugnis des sie behandelnden Arztes. Das soll nicht glaubhaft sein, weil sie vielleicht merkwürdige Tweets oder Posts absetzt? Was soll diese Gesinnungsschnüffelei? Wenn der Autor des «Fairmedia»-Textes mit dem Schwarzen Block sympathisieren würde, würde das die Glaubhaftigkeit seiner belegten Aussagen über Briefmarkensammeln relativieren?
  4. Wer die Quelle ist, solle transparent gemacht werden, fordert Schulthess. Dass sie mit Foto und Name zu ihrer Geschichte steht, genügt ihm nicht. Er hätte gerne bei einem Thema, das absolut und null mit Verschwörungstheorien oder (real existierendem) Kinderhandel zu tun hat, gerne eine ideologische Unbedenklichkeitserklärung für die Quelle. Spinnt der Mann eigentlich?
  5. Braucht es von jetzt an wieder Gesinnungsprüfungen, bevor ein Opfer porträtiert werden darf? Wäre die Flugbegleiterin Mitglied von Amnesty International, der Freundschaftsgesellschaft Schweiz – Palästina oder Sympathisantin einer linksterroristischen Vereinigung, hätte das auch gestört? Im Artikel, der auch damit nichts zu tun, «transparent» gemacht werden müssen?
  6. Am schlimmsten ist aber: Warum hat wenigstens Schulthess nicht das gemacht, was der primitivste Anstand und Grundregeln des Journalismus verlangen, die jeder Anfänger beherrschen sollte? Nämlich der Flugbegleiterin Gelegenheit gegeben, zu all diesem Schlammbad Stellung zu nehmen? Dass Schlammschmeisser auf Twitter das nicht tun, okay. Aber ein Vertreter von «Fairmedia»?
  7. Im Gegensatz zu seinem haltlosen Kopieren unbelegter Behauptungen, ohne der kritisierten Person Gelegenheit für eine Reaktion einzuräumen: Natürlich hat ZACKBUM Schulhess mit ein paar Fragen konfrontiert. Darunter die nach Grundlagen von Ethik, Anstand, Gehör geben, nicht ungeprüft Behauptungen aus trüben und anonymen Quellen übernehmen.
  8. Das bewirkte einen Anruf von Schulthess, aus dem er aber nicht zitiert werden möchte. Sondern nur mit seiner schriftlichen Stellungnahme: «Den Vorwurf, wir würden Falschmeldungen verbreiten, kann ich leider nicht nachvollziehen. Alle Aussagen in unserem Beitrag werden sehr klar und transparent belegt.»
  9. Wenn «Fairmedia» zu beurteilen hätte, wie man eine solche Antwort qualifizieren sollte, zu welchem Ergebnis käme dieser Trümmelverein? Super Antwort, lässt nichts offen, macht eine Korrektur überflüssig?

Dass der Geschäftsführer «Fairmedia» Schulthess so einen Stuss zusammenwürgt, das mag ja noch angehen. Dass er aber auf keine einzige sich daraus ergebende Frage konkret antworten mag; sich zwar mündlich ausführlicher zu Wort meldet, aber die Verwendung untersagt: will sich «Fairmedia» wirklich mit aller Macht lächerlich machen?

Hat Schulthess hier, nach seiner Bruchlandung mit der «TagesWoche», wirklich eine Stelle gefunden, der er gewachsen ist?

Frau Thommen, übernehmen Sie! Handlungsbedarf! Lassen Sie Ihren gesalbten Worten Taten folgen. Nicht bei anderen, im eigenen Laden. Wir werden an der Sache dranbleiben …

 

 

 

Rappenspalter im Nebel

Links und rechts sind sich in einem einig: Geld ist der Treibstoff der Welt. Also her damit, oder: lost in the cloud.

Investition in Medien? In ein neues Projekt? Das ist eigentlich nur noch etwas für Multimillionäre. So nach der Yacht, dem Hotel und der Privatinsel.

Jeff Bezos kauft sich die «Washington Post». Macht Spass. Gleich drei Oeri-Schwestern sind Mäzeninnen. Beatrice Oeri* liebt es, Multimillionen in scheiternden Zeitungsprojekten zu verrösten. Die «TagesWoche» war wohl der teuerste Flop der jüngeren Schweizer Geschichte. Aber sie gibt nicht auf, aktuell verpulvert sie drei Millionen Franken in «bajour.ch».

Die Gebrüder Meili knattern Millionen in die «Republik». Milliardär Hansjörg Wyss hatte von Anfang an Pech. Sein Projekt «Vorteil Schweiz» müsste eigentlich umbenannt werden in: Vorteil für alle Pfeifen, die viel Geld für nix kriegten.

Andere Millionäre sind sehr knausrig. Die Familien Coninx, Ringier oder Wanner zum Beispiel. Griff in den eigenen Geldbeutel, ach was, Geldspeicher, wenn’s den Medien dreckig geht, die ihre Milliardenvermögen erwirtschafteten? I wo.

Auch hier betritt der «Nebelspalter» Neuland

Ein eigenes Finanzierungmodell hat sich der «Nebelspalter» ausgedacht. Finde 70 Wohlhabende, denen Ideologie und Positionierung 100’000 Franken wert ist. Gesagt, getan.

Lassen wir inhaltliche Fragen weg und schauen mal, was die «Republik» für Werbemöglichkeiten bietet. Ah, ausser Gesinnungstäterschaft keine. Der «Nebelspalter»? ein hübsches variantenreiches Angebot.

Nichts ist unmöglich, nichts ist neu.

Da hat sich der Online-Ableger fast mehr Mühe gegeben als bei den Startartikeln. Vom Advertorial (auf Wunsch inklusive Schreibhilfe), über Sponsoring, Tags, Unterbrecherwerbung in allen Kanälen zum «rundum-glücklich»-Paket «Generelle Packages», wie man im Managerdeutsch so sagt. Das kostet dann 30’000 Franken pro Jahr.

Ein «Themen-Owner» hingegen kann sich ein Thema als Sponsor krallen. Zum Beispiel «Satire». Damit wird er zwar nicht grosse Aufmerksamkeit erzielen, dafür kostet es auch nur 1500 im Monat oder – halb geschenkt – 15’000 Franken im Jahr.

Klare Prioritäten: «Inserieren» steht im obersten Navigationsbalken in der Mitte.

Hier sprechen Sie mit dem CEO persönlich

Ein weiterer, spezieller Service: bei Fragen, Wünschen oder Unklarheiten: nur Kontakt aufnehmen. Nicht etwa mit einem Marketing-Fuzzi oder so. Nein, hier schüttelt Ihnen noch der CEO als oberster Einwerber persönlich die Hand. Davon könnte sich zum Beispiel Pietro Supino wirklich eine Scheibe abschneiden. Der Klarsicht-CEO Christian Fehrlin entwickelt sich zum Multitasker.

Wollen Sie diesem sympathischen Mann ein Inserat abkaufen?

Als Gründer und CEO von Deep Impact zeichnet er für den Internet-Auftritt verantwortlich. Kein Meisterstück, aber das wäre ein anderes Thema. Als CEO schmeisst er wirtschaftlich den ganzen Laden und steckt hierarchisch irgendwo zwischen dem VR und dem Chefredaktor.

Und nun auch noch Inseratekeiler. Wahrscheinlich übernimmt er demnächst noch den Service der Kaffeemaschine, den Wareneinkauf und die Organisation der Take-away-Angebote für den Mittagstisch.

Wie lange er das tut, ist allerdings die Frage. Denn nicht nur bei der Frage, wie man den Relaunch am besten inszeniert, hat sich die Führungscrew des «Nebelspalter» nicht wirklich mit Ruhm bekleckert.

Marktwirtschaftlich vernünftige Preise?

Eigene Wege geht man auch bei der Preisgestaltung für Werbung. Durchgesetzt hat sich hier CPC (cost per clic), TKP (Tausenderkontaktpreis) oder – sehr selten – ein Festpreis. Denn schliesslich will der Werbetreibende (meistens) kein politisches Statement abgeben, sondern einen Return on Investment für seine Zahlung kriegen.

Obwohl natürlich jeder Werbeträger wie ein Wald von Affen angibt, wie qualifiziert, konsumfreudig und Anhänger von Spontankäufen seine User seien, dazu noch viele Opinion Leaders, Influencers, Leitfiguren sich darunter befänden, haben sich gewisse Benchmarks für alle Formen der Kostenberechnung einer Online-Werbung entwickelt.

Ohne hier in Details gehen zu wollen: Solange der «Nebelspalter» dank konsequenter Bezahlschranke nach der ersten Neugier noch jeden neuen User per Handschlag begrüssen kann, sind das Mondpreise.

Kein Marketing-Manager einer Firma würde es überleben, bei diesen Preisen den «Nebelspalter» in sein Werbebudget aufzunehmen. Abgesehen davon, dass die traditionell immer noch in der zweiten Jahreshälfte für das ganze Folgejahr festgelegt werden.

Tscha, dumm gelaufen bis jetzt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

 

* mehrere Adleraugen haben bemerkt, dass es natürlich Beatrice Oeri heissen müsste. Pardon.

Sich selber in die Fresse hauen

Newsmedien und das Internet: dümmer geht ümmer. Selbst Banker haben niemals so versagt.

Für viele Medienmanager ist das Internet immer noch ein Buch mit sieben Siegeln. Nach 25 Jahren haben sie mühsam gelernt, dass es vielleicht doch keine gute Idee war, mit Kosten verbundene Inhalte gratis reinzuhängen.

Viel weiter sind sie aber bis heute nicht gekommen. Ausser, dass sie nach wie vor wie der Esel vorm Berg stehen. Bezahlschranke, dann wird nichts mehr weggeschenkt. Aber der Traffic geht in den Keller. Reichweitenmodell, dann flutschen die Werbeeinnahmen auf der Gleitschicht Content.

Aber auch das ist fragwürdig. Bezahlschranke, das beweisen Blätter wie die «New York Times» oder «Financial Times», das geht nur, wenn dahinter auch wirklich attraktiver Content geboten wird, der das Portemonnaie des Konsumenten öffnet. Und Reichweite, das ginge nur, wenn der Content Provider auch was von den Werbeeinnahmen hätte.

Die Butter vom Brot und auch das Brot

Aber nicht nur in der Schweiz lassen sich die Medienhäuser von Google, Facebook und & Co. die Butter vom Brot nehmen. Und auch das Brot, eigentlich bleiben nur Krümel. Genauer: nachdem die Giganten die Online-Werbung abgeräumt haben, bleiben noch knapp 10 Prozent übrig.

Das schafft nur der durchschnittlich bescheuerte Medienmanager. Das ist so, wie wenn der Hersteller von Büchsenravioli, mit denen sich dann der Detailhändler schmückt, mit dem zusammen knapp 10 Prozent der Einnahmen teilen würde, während der Mittelsmann, der Distributeur, sagenhafte 90 Prozent abräumt. Darüber würde ausserhalb der Newsmedien nicht mal gelacht werden.

Ganz pervers wurde es, als diverse grosse Medienhäuser zuliessen, dass sich Google und Facebook mit ihrem Content schmücken konnten, der ihnen gratis überlassen wurde. Das pusht die Reichweite ungemein, sagten die Online-Stümper auf der Teppichetage, win-win, muss man heutzutage so machen.

Es dauerte eine Weile, bis sie herausfanden, dass es vielleicht doch keine gute Idee ist, eigentlich vom Verkauf von Büchsenravioli leben zu wollen, dafür aber die ganze Produktion gratis ins Schaufenster von Verkäufern zu stellen. Und dabei zu behaupten: das rentiert sich dann schon.

Sind Facebook und Google wirklich nett?

Diese Medienmanager sind so verblödet, dass sie nicht einmal wissen, wieso Facebook eigentlich Facebook heisst. Okay, bei Google wissen sie es auch nicht. Aber immerhin haben einige von ihnen zur Kenntnis genommen, dass der Fall Australien zeigt, dass weder Google noch Facebook nette Firmen sind, die rein aus Menschenfreundlichkeit beim Suchen im Internet und beim Austausch mit Freunden helfen wollen. Dass sie dabei noch Milliarden verdienen, ist ihnen eigentlich eher peinlich.

Nein, im Internet gilt so brutal wie sonst nirgends im Kapitalismus: the winner takes it all. Nummer zwei heisst: Abgang, vergiss es, gibt auf. Nummer eins wird man allerdings nicht mit einer Mischung aus Humanismus und Brüderlichkeit. Sondern mit noch härteren Methoden, als ein Banker anwenden muss, um CEO zu werden.

Gleichzeitig müssen solche Giganten immer auf der Hut sein, dass der grosse Haifisch im Becken plötzlich von einem Schwarm Piranhas angeknabbert wird. Rechtzeitig plattmachen oder aufkaufen, ist hier die Devise. Und die Marktmacht brutalstmöglich ausnützen. Das zeigt sich am anderen Ende der Welt geradezu exemplarisch.

Etwas abgeben? Freiwillig nicht

Da wollte immerhin die Regierung Facebook dazu zwingen, wenigstens ein paar Scheibchen der Riesenwurst abzugeben, die Facebook mit der Verwendung von News-Content verdient. Darauf passierte das, was man «a slap in the face» nennt:

Kommt ihr uns frech, dann habt ihr das davon.

Daraufhin einigte man sich in hartem Fingerhakeln darauf, dass Facebook tatsächlich ein Scheibchen abgibt. Google macht es etwas geräuschloser, nach der Devise: divide et impera. Teile und herrsche. Mit dem Giganten Murdoch hat Google einen Vertrag geschlossen, dass für Inhalte des Medienkonzerns bezahlt wird. Als Lockstoff und Köder für die anderen Mediengiganten.

Aus dem Reputationsschaden in Australien lernend, hat Facebook gerade mit Pauken und Trompeten angekündigt, dass es beispielsweise in Deutschland ein spezielles Gefäss schaffen wird, in das Medienhäuser ihre Inhalte verlinken können. Dafür gibt es sogar Batzeli. Geradezu lachhaft ist die grossmäulige Ankündigung, dass Facebook «in den kommenden drei Jahren weltweit eine Milliarde Dollar in die Medienindustrie investieren» werde.

30 Milliarden Gewinn bei einem Umsatz von 86 Milliarden. Der feuchte Traum jeder Firma.

Dieses Trinkgeld verteilt Facebook, weil es zurecht befürchtet, dass sonst die Gefahr steigt, dass sich die Medienkonzerne noch schneller und tiefer das eigene Grab schaufeln. Und in der Schweiz? Mit Abstand am meisten gefährdet ist hier Tamedia. Einerseits hungert der Konzern brutal sein Content-Angebot aus und ernennt die meisten Medienorgane zu eigenen Profitcentern mit happigen Gewinnvorgaben. Während Einkommenssäulen wie Stellenanzeiger oder Immobilieninserate längst ausgelagert und ins Internet verschoben wurden.

Freiwillig mit Milliarden von Daten gefüttert.

Im Internet zählt nur der erste Platz, sonst nichts

Dort rentieren sie – noch. Man erinnert sich: the winner takes it all. Sobald Google, Facebook oder Amazon mit Macht in den kleinen, aber lukrativen Schweizer Markt mit eigenen Plattformen drängen, ist Ende Gelände für einheimische Gewächse. Und dann kommt noch Alibaba und macht alle anderen platt.

So ist das Internet, so ist der Kapitalismus.

Eigentlich ist es gerecht, dass Dummheit und Unfähigkeit bestraft wird. Aber leider trifft es, wie so oft, die Falschen.

Wann soll 20 Minuten brummen, wenn nicht jetzt?

Die Printausgabe von 20 Minuten serbelt auch nach den Ladenöffnungen dahin.

Am Montag waren die Läden wieder geöffnet. Ein Run der Konsumenten auf all die Winterkleider-Aktionen voraussehbar. Tauwetter eigentlich auch für das Gratisblatt «20 Minuten». Endlich wieder Kunden in den Läden, auf den Strassen, im öffentlichen Verkehr.

Inserattarife als «Ansatzpunkt zum Dealen»

Doch das Blatt blieb dünn wie seit vergangenem März im ersten Lockdown. 16 Seiten Umfang, 26 Gramm Papiergewicht und erschreckend wenig Inserate. Konkret eine Viertelseite lokale Kleininserate (Benedict Sprachschule, ILG Mietautos, Hilfe bei Schulden) und eine halbe Seite Honda-Inserat. Macht Inserate-Einnahmen gemäss Tarifunterlagen von 5900.- (lokale Inserate) und 24’300.- für das Hondainserat, wenn es denn in allen Deutschschweizer Ausgaben geschaltet ist. Hinzu kommt zwar die Mehrwertsteuer von 7,7 Prozent, dafür wohl sicher Rabatte. In Erinnerung ist in diesem Zusammenhang die schonungslos offene Aussage von Philipp Mankowski, Managing Director bei Goldbach Publishing, an der Verlegertagung vom 6. Januar 2021. Der Werbevermarkter der TX Group sagte damals, Inserattarife seien «der Ansatzpunkt, um zu dealen». Der Preis gelte als Grundlage.

Eigeninserate und Partnerschaften, die kein Geld bringen

Wenn nun jemand «Stopp» ruft und auf die eineinhalb zusätzlichen Inserateseiten hinweist? Die eine Seite ist von «Deal.ch». In deren Impressum wird die Medienpartnerschaft mit 20 Minuten hervorgehoben. Wer die Branche kennt, weiss, Partnerschaften beruhen immer auf Gegenseitigkeiten. Geld fliesst selten bis nie. Dasselbe gilt also für das halbseitige Inserat, in dem den Swiss-Music-Awards-Gewinnern (sic! Von Gewinnerinnen war keine Rede) gratuliert wird.

Mit anderen Worten: Mehr als 20000 Franken hat 20Minuten gestern nicht eingenommen mit seinen Printausgaben, zumindest nicht in der Deutschschweiz. So kommt das TX-Group-Unternehmen «20 Minuten» auf keinen grünen Zweig mehr. Man darf gespannt sein auf den Jahresabschluss der TX Group, der am Donnerstag, 11. März, veröffentlicht wird.

Vergangenen Herbst fragte ZACKBUM bei «20 Minuten» nach, ob es Pläne gebe, «20 Minuten» nur noch online erscheinen zu lassen. Die Antwort von Mediensprecherin Eliane Loum-Gräser damals: «Nein!» Wir fragen nach dem Jahresabschluss nochmals nach.