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«Hauptstadt»? Bern.

27. Juli 2023/4 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Eben. Weitere Folge der Serie «Unsere Leichen leben noch».

Die Idee war naheliegend. Als Tamedia mal wieder eines seiner Versprechen brach und die Redaktionen von «Berner Zeitung» und «Der Bund» weitgehend zusammenlegte (die beiden Organe unterscheiden sich heute durch den Abopreis und dass in der BZ Hebeisen schreibt), sollte eine Alternative entstehen.

Schon ein Jahr später war es so weit. Am 7. März 2022 ging’s mit der «Hauptstadt» los. Der hohe Anspruch: mit zehn Nasen pro Tag einen Artikel rauspusten. Kleiner Dreisatz: wie viele Mitarbeiter bräuchte die «Hauptstadt», um auf den Output von ZACKBUM zu kommen?

Heute sind es auf jeden Fall 13 Mitarbeiter, Pardon, Mitarbeitende, die sich nach wie vor 5 Vollzeitstellen und ein Praktikum teilen. Sie ist nach wie vor werbefrei und «mehrheitlich leser*innenfinanziert». Das Online-Magazin ist im Netzwerk von we.publish. Dort trifft es sich mit «bajour», «Tsüri» und «Kultz». «Kultz» bettelt gerade um 300 neue Zahler, sonst sei dann mal Ende Gelände. «bajour» wird von einer reichen Mäzenin ausgehalten. Passt.

Nach vier Jahren soll keine «Anschubfinanzierung von Stiftungen und Privaten» mehr nötig sein. Falls doch, «bajour» fragen. «Kultz» eher weniger fragen.

Aber wichtiger als all das ist natürlich der Inhalt. Nun ist das gerade ein etwas blöder Moment dafür:

Verständlich, dass nach der übermenschlichen Anstrengung, pro Tag die Welt mit einem Artikel zu überraschen, mal drei Wochen Füssehochlegen angesagt ist. Hoffentlich ohne Flugscham.

Aber zuvor, mit welchen heissen News vermochte die «Hauptstadt» zu punkten? Nebenbei: Das Organ ist ja nicht ganz alleine auf dem Platz, es gibt das «Megafon» und «Journal B». Aber die haben natürlich nicht solche Hammerthemen:

Da hat einer in Wabern einen Verlag gekauft, der das Gratisblatt «Könizer Zeitung» herausgibt. Und will «hinter Bund und BZ zur Nummer drei werden». Diesen Anspruch hat die «Hauptstadt» realistischerweise nicht.

Womit punktet sie denn noch so?

Ba, Ba, Ballenberg. Immer wieder gut, wenn Not herrscht. Jetzt aber mal ernsthaft, wo ist denn der Content?

Nein, hier versteckt er sich auch nicht. Dann vielleicht «SP legt Finanzen offen»? Nun ja, die News haben andere herausgekitzelt, hier wird einfach nachgeschrieben. Oder dann das hier? «Abgewiesene Asylsuchende können im Kanton Bern bei Privaten wohnen. Eine Gesetzesänderung sollte ihre Situation verbessern. Doch Gäste und Gastfamilien erleben das Gegenteil.» Gut, das kann man gelten lassen.

Aber so als monatlicher Ausstoss, für 120 Franken Jahres- oder 240 Franken Gönnerabo? Oder gar das «Gönner-Abo Plus» für 600? Oder doch lieber «Ich kann mir das Abo nicht leisten, möchte aber gerne nach meinen Möglichkeiten für das Abo bezahlen»? Da kann man immerhin mit 1 Franken anfangen, das scheint eine realistische Einschätzung des Gegenwerts zu sein.

Man sei inzwischen bei knapp über 4000 Abos, vermeldete die «Hauptstadt» nach neun Monaten. Nach einem Jahr waren es dann noch 2650 «aktive Abos». Leider betrage die Erneuerungsrate nur 55 Prozent. Frohgemut wurde verkündet, dass man «weiter und nachhaltig wachsen wolle». Das nennt man wohl negatives Wachstum, das ist nie nachhaltig. Es wurde auch eingeräumt, dass man «leicht unter dem Businessplan» liege.

Das ist schönster Business-Bullshit. Eigentlich will man 6000 Abos nach vier Jahren. Nach einem Jahr hat man die Zahl fast halbiert. Läuft also super. Da kann man beruhigt mal in die Ferien gehen. Hat man nach dem Start schliesslich auch schon gemacht. «Nume nid gsprängt», sagt man zu Bern gerne. Auch auf dem Weg zum Friedhof.

 

Schlagworte: Abozahlen, Bern, Ferien, Friedhof, Halbierung, Hauptstadt, News
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https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2023/07/Bildschirmfoto-2023-07-25-um-09.37.11.png 402 929 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2023-07-27 05:30:412023-07-26 08:35:00«Hauptstadt»? Bern.
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4 Kommentare
  1. Peter Herzog
    Peter Herzog sagte:
    30. Juli 2023 um 0:10

    Hebeisen schreibt in beiden Blättern, kommt aber vom Bund. Ab da nicht mehr weitergelesen, was soll da noch seriöses kommen?

    Antworten
  2. René Küng
    René Küng sagte:
    27. Juli 2023 um 11:20

    Tut schon weh, so ein Artikel.
    Aber haben die Jungen das nicht bei den Alten gelernt, der Wahrheit lieber nicht ins Gesicht zu blicken?

    OK, die Taktik läuft schon besser, solange alles ziemlich geschmiert lief.
    Wir hatten Dussel, in Jahrzehnten mit gut getönten Designerbrillen leben zu dürfen.
    Und klar, ‚wir‘ haben noch hart gearbeitet.

    Antworten
  3. Beth Sager
    Beth Sager sagte:
    27. Juli 2023 um 9:30

    Wunderbar formuliert: „Bajour wird von einer reichen Mäzenin ausgehalten“.

    Folgedessen: Die Frau Wohltäterin weicht nicht von den Strapazen, Belastungen, dem Hunger und den Schmerzen.

    Antworten
  4. Peter Bitterli
    Peter Bitterli sagte:
    27. Juli 2023 um 9:25

    Dass Sie „Kultz“ zur Kenntnis genommen haben! Mehr nassforscher Pubertätshumor, mehr Nabelschau, mehr Surfen auf allem woken Schwachsinn von Flinta bis Korintha, mehr dummdreiste Irrelevanz sind ja gar nicht möglich.

    Antworten

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