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Reine Panik

Den Gegnern der 10-Millionen-Initiative geht inzwischen der Arsch auf Grundeis.

Das ist ein schöner teutonischer Ausdruck, mindestens so sympathisch für den Schweizer wie «ich krieg‘ dann noch ein Bier».

Die Geschichte wiederholt sich als Farce. Es gab mal eine Kampagne, die an Bescheuertheit schlecht zu überbieten war:

Ein Willy Tell mit dysfunktionaler Armbrust, der nicht etwa die benützt, sondern mit einer Zeitung (!) auf eine Mauer (!) eindrischt, auf die «Fake News» gesprüht wurde. Das und die Geldgier der Medienclans Coninx und Ringier sorgte dafür, dass die schon sicher geglaubte Subventionsmilliarde flöten ging.

Nach anfänglicher, überheblicher Sicherheit breitete sich immer mehr Panik aus, als das Abstimmungsdatum näher rückte.

Genau das gleiche Phänomen lässt sich wenige Tage vor der Abstimmung über die SVP-Initiative zur Begrenzung der Wohnbevölkerung beobachten.

Einmal mehr klafft ein ziemlicher Spalt zwischen der Position der meisten Parteien und Medien und der Meinung der Bevölkerung. Ausser der SVP natürlich sind die anderen Parteien deutlich oder weniger deutlich dagegen. Natürlich ist Tamedia ausgesprochen dagegen, «Blick», CH Media oder NZZ eiern herum, sind aber zumindest chefredaktionell auch dagegen. Vom Schweizer Farbfernsehen ganz zu schweigen.

Auch hier war die Werbekampagne eine ganze Zeitlang eher staatsmännisch:

Plakate müssen plakativ sein und eine Botschaft möglichst einfach transportieren. Dieses Sujet war etwas leblos, also wurde Tell durch Helvetia ersetzt:

Aber mit zunehmender Panik wurde mehrere Gänge hochgeschaltet und ein neuer Kampfbegriff geboren und in den Vordergrund geschoben:

Das folgt dem guten, alten Propagandaprinzip: hau einen möglichst negativen Begriff raus und untermaure ihn mit unbewiesenen, aber Ängste schürenden Behauptungen. Sollte die Initiative angenommen werden, bräche Chaos aus. Keine Behandlung oder Betreuung mehr in Spitälern.

Schlimmer noch:

Dass sich ein Ständerat für den Schwachsinns-Slogan «Unsere Polizei würde blind» hergibt, bedenklich.

Hier versucht man’s mit einem schlechten KI-Bild und dem gleichen Topos. Allerdings, ein Polizist mit Haarproblemen von hinten, der auf einen leeren Bildschirm starrt, statt Verbrecher zu fangen, na ja. Wieso das dysfunktionale Schengen-Regime, das nicht einmal mehr von unserem grossen Nachbarn im Norden befolgt wird, für weniger Kriminalität sorgen sollte, ist allerdings schleierhaft.

Natürlich darf diese Angstmacherei nie fehlen:

Und wer verantwortet diesen Quatsch?

Die ««Allianz «NEIN zur Chaos-Initiative», c/o FDP. Die Liberalen Schweiz». Der ehemals liberalen Kraft scheint es nichts auszumachen, mit der SP und allen linken Kräften im gleichen Boot zu sitzen. Und kräftig gegen die eigene Wählerschaft anzurudern.

Es ist nun möglich, dass diese jämmerliche Kampagne von ausländischen Kommunikationskräften konzipiert wurde. Es ist aber auch möglich, dass Schweizer Nichtskönner am Gerät sind.

ZACKBUM wartet und hofft darauf, dass im Schlussspurt ein Wilhelm Tell hereinströmende Ausländer begrüsst, mit einem Juchzer willkommen heisst und ihnen einen Apfel offeriert. Oder so.

 

Wieder mal ein Zerr«spiegel»?

Ein Medienanwalt nimmt die «Spiegel»-Skandalstory auseinander.

Zunächst der Abbinder: Sollten die Vorwürfe gegen den Schauspieler Christian Ulmen tatsächlich zutreffen, ist er unabhängig von der Strafbarkeit seines Handelns ein mieser und widerlicher Typ.

Auf der anderen Seite zeigt auch diese «Spiegel»-Story – wie ihre Vorgänger – bei genauer Betrachtung, dass sie geschickt hochgezwirbelt wurde und mit Assoziationsketten beim Leser spielt.

In der «Berliner Zeitung» weist der Medienawalt Carsten Brennecke auf solche Propagandaelemente hin. Er ist übrigens Mitglied bei den deutschen Grünen.

Zunächst bestreitet er, dass es in Deutschland eine Verschärfung des Strafrechts brauche: «Tatsächlich sind die gegenüber Christian Ulmen geäußerten Verdachtsmomente, nämlich das Verbreiten sexuell konnotierter Deepfakes, als öffentliche Verleumdung bereits jetzt mit einer Haftstrafe von bis zu fünf Jahren bedroht. Es gibt hier also keine Strafbarkeitslücken, sondern diese sind konstruiert.»

Zur «Spiegel»-Titelstory: «Wenn man sich den Bericht genau ansieht, dann wird deutlich: Bei genauer Betrachtung ist keinesfalls klar, dass Collien Fernandes gegen Christian Ulmen überhaupt den Verdacht geäußert hat, dass dieser sexuell konnotierte Deepfakes von Fernandes hergestellt und verbreitet hat. Es scheint vielmehr so zu sein, das Magazin in seinem Bericht lediglich durch geschickte Insinuierungen und wolkige Wertungen beim Leser den Eindruck erweckt hat, dass Fernandes gegen Ulmen solche Verdachtsmomente äußere, sich das Magazin aber am Ende tatsächlich darauf zurückziehen könnte, man habe solches als Tatsache gar nicht berichtet.»

Und weiter:

«Umgekehrt bringt der Spiegel in der nachstehenden Passage versteckt zum Ausdruck, dass Ulmen die Herstellung und Verbreitung von Deepfakes bestreitet: Er habe, schrieb er, in den vergangenen zehn Jahren „leider einen sexuellen Fetisch“ entwickelt: Immer wieder habe er auf den Namen seiner Frau Fakeprofile auf sozialen Medien angemeldet, über die Accounts habe er mit Männern gechattet, geflirtet, „bis hin zum Sex-Talk“. Er habe den Gesprächspartnern Videos geschickt, die auf frei zugänglichen Pornoseiten erhältlich gewesen seien und deren Protagonistinnen seiner Frau ähnlich gesehen hätten. Man muss das wohl so verstehen, dass er solche Videos aber nicht selbst erstellt hat.»

Eine toxische Beziehung kann den oder die Beteiligte in einer Art Schockstarre halten, das ist unbestreitbar. Aber es kommen immer mehr Fragezeichen auf.

Wieso dauerte es fast ein Jahr nach dem angeblichen Geständnis von Ulmen, dass seine inzwischen Ex-Frau Fernandes Klage einreichte?

Sie behauptet, die deutsche Staatsanwaltschaft habe bei ihrer Klage das Verfahren eingestellt und nicht mal mit ihr Kontakt aufgenommen. Die Staatsanwaltschaft behauptet, sie habe mehrfach brieflich um weitere Unterlagen gebeten, aber nie eine Antwort erhalten. Nur eine der beiden Versionen kann stimmen.

Die spanischen Untersuchungsbehörden sagen, dass das Verfahren vorläufig sistiert sei, weil Fernandes eine notarielle Beglaubigung nicht beigebracht habe.

Die Anwälte von Ulmen sagen, dass diverse Anschuldigungen unwahr seien, ohne das genauer zu belegen. Sie hätten auf jeden Fall rechtliche Schritte gegen den «Spiegel» eingeleitet.

Der Sänger von Rammstein konnte sich das finanziell leisten, der ehemalige Chefredaktor des «Magazin» nicht, kann es Ulmen?

Was ist davon zu halten, dass Fernandes zunächst eine Teilnahme an einer Demonstration in ihrer Sache absagt, weil sie Morddrohungen erhalten haben will – und dann doch auftritt, unter Hinweis darauf, dass sie eine schusssichere Weste trage?

Unabhängig von der absonderlichen Abscheulichkeit, wenn die Vorwürfe zutreffen: lernen die Medien nie etwas aus vergangenen, peinlichen Flops?

Sollte sich wieder einmal herausstellen, dass hier kein strafbares Verhalten vorliegt, die Unschuldsvermutung einmal mehr mit Füssen getreten wurde, wäre es dann nicht an der Zeit, neue Gesetze zu erlassen, die die Medien zu schmerzlichen Zahlungen an jemanden zwingen, dessen Ruf, Reputation und Karriere wie auch immer schwer beschädigt bis unrettbar verloren sind?

Es gibt unzulängliche Gesetze gegen Falschbeschuldigung, es gibt keine Gesetze gegen eine solche Medienhatz.

Aber vielleicht sollten der «Spiegel» und alle seine Abschreiber das hier ernst nehmen:
«… unzulässige Verdachtsberichterstattung, … von einer Übernahme einseitiger Vorwürfe Abstand nehmen».

Der Propaganda-Journalist

Urs Gehriger ist immer noch stramm auf Trumps Seite.

Er kann zwar meins und deins nicht immer unterscheiden. Aber seit er als Trump-Groupie seinen Helden im Palast der absoluten Geschmacklosigkeit erleben durfte und über Melanias wippenden Rock schwärmen, hat er das Licht gesehen.

«Ein Bote tritt an Trump heran. Der Präsident steht auf, breitet den Arm um den Emissär und gibt ihm mit seinem weiten Jackett Deckung wie Batman mit seinem Cape. Es ist einer jener intensiven Momente, die Trump-Vertraute die «New Yorker Minute» nennen.»

Gehriger ist sicherlich der einzige Journalist der Welt, der Trump mit Batman verglichen hat.

Aber zurück zur bitteren Aktualität. Da zweifeln doch immer mehr (auch in der «Weltwoche», horribile dictu «Tickt Trump noch richtig?», Wolfgang Koydl) an der Weisheit des Mafioso im Weissen Haus.

Aber auf einen Büttel kann sich Trump verlassen. «Umfragen zeigen: Maga steht mit 94 Prozent hinter «Epic Fury»», weiss Gehriger. Woher er das weiss? Das ergebe eine «Studie» der Vanderberg Coalition, die sei «spezialisiert auf Trump-Wähler, bei bisherigen Umfragen konnte sie eine hohe Genauigkeit ausweisen».

Aber wie seriös ist denn diese Quelle? Nicht wirklich. Keine Angaben zur Methode der Umfrage (Stichprobe, Gewichtung, Zeitraum, Teilnehmerzahl, Fehlermarge): typische Anzeichen für Propagandaumfragen. Hier konkret:

Diese «Umfrage» erfüllt gleich mehrere Kriterien für propagandistische oder unseriöse Daten:

  • nicht überprüfbare Grundlage
    politisch selektive Zielgruppe
    keine Transparenz
    starkes Framing

Die Zielsetzung dieser Beeinflussungsgruppe sind klar: «Die Vandenberg Coalition ist eine gemeinnützige, überparteiliche Organisation, die sich für eine starke und stolze amerikanische Außenpolitik einsetzt, die den Interessen der Amerikaner im ganzen Land gerecht wird.» Stark und stolz, könnte direkt von Trump sein.

Damit zeigen also Gehringers «Umfragen», dass sie gar nichts Aussagekräftiges, dafür lediglich propagandistisch Verwertbares beinhalten. Nun ist der Anlass seiner «epic fury», dass immerhin der Terrorabwehrschef der USA zurückgetreten ist. Er könne seine Tätigkeit nicht länger verantworten, bei diesem Präsidenten, schimpft er.

Gehriger schimpft zurück: «Wer hat je von einem Mann namens Joe Kent gehört?» Dass das daran liegen könnte, dass Kent in seiner Position nicht gerade das Licht der Öffentlichkeit suchte, geschenkt. Auf jeden Fall behauptet der doch, «es habe «keinerlei Geheimdienstinformationen» über einen unmittelbar bevorstehenden iranischen Grossangriff gegeben. Und: Israel und seine Lobby in den USA hätten Trump in den Krieg geködert».

Damit hat es Kent bei Gehriger verschissen: «Kents faktenfreie Klage, geäussert auf Tucker Carlsons Online-Podcast, klingt eher wie eine antisemitische Verschwörungstheorie als glaubwürdige News», behauptet Gehriger verschwörerisch und faktenfrei.

Sicherlich hat Gehriger die ganzen zwei Stunden (!) dieses Podcasts angehört, in dem sich vor allem Carlson episch über das Problem verbreitert, dass Kritiker der US-Aussenpolitik, die sich im Nachhinein als richtig erwiesen, immer steifen Gegenwind kriegen, das sei schon seit dem Vietnamkrieg so gewesen.

Wer sich die zwei Stunden antun will, hört hier einen kompetent und differenziert argumentierenden Kent. Wer das ist, im Übrigen? Kent war 20 Jahre in der US-Armee mit 11 Kriegseinsätzen bei den Special Forces im Kampf gegen internationalen Terrorismus, mehrfach dekoriert.

Einer, der weiss, worüber er spricht, wenn er sagt:

«Ich kann den andauernden Krieg in Iran nicht guten Gewissens unterstützen. Iran stellte keine unmittelbare Bedrohung für unser Land dar.»

Nicht nur Carlson oder Kent kritisieren Trump dafür, schon wieder eines seiner Wahlversprechen (keine neuen Kriege) gebrochen und sich konzeptlos in einen völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen den Iran geworfen zu haben, der die gesamte Weltwirtschaft bedroht.

Aber Gehriger rückt alles zurecht:

«Gemäss dem Narrativ von der wegbrechenden Basis sei Trump ein «Blindflieger», der von Israel gesteuert werde. Dissidenten wie Kent sind nützliche Figuren, um dieser Kampagne vermeintlich Gravitas zu verleihen. Mit der Wirklichkeit haben sie wenig zu tun, wie die zitierte Umfrage nahelegt

Nützliche Figuren, um den Ausdruck Idioten zu vermeiden, behauptet die Figur Gehriger. Mit der Wirklichkeit hat allerdings die von ihm zitierte «Umfrage» wenig zu tun, auch scheitert sein Versuch, Kent zu diskreditieren. Zudem zeugt sein Rekurs auf diese unbedeutende Propagandaorganisation, die ausserhalb der Politik in Republikanerkreisen kaum bekannt oder von Bedeutung ist, dass er etwas verzweifelt nach Pro-Trump-Stimmen sucht.

Man fragt sich bloss: wieso tut Gehriger das? Ist er immer noch Melanias schwingendem Rock betört und sieht in Trump die Reinkarnation von Batman? Ob ihm mal einer sagt, dass der Fledermausmann eine Comic-Figur ist?

Ein Selbstkommentar

Der «Blick» steigert das Nabelschaulaufen.

«Sara Belgeri ist Redaktorin bei Blick.» Das ist schön für sie. Sie weiss ziemlich viel und eigentlich alles besser. «Wohnungsnot: Expats sind nicht das Problem». «Frauen-Nati im Viertelfinal: Wie wärs mit Freude statt Gemotze?» «Fertig mit dieser Selbstoptimierung». «Warum die Schweiz beim Schutz von Frauen versagt».

Es ginge der Schweiz im Allgemeinen und den Frauen im Speziellen viel besser, wenn man endlich auf Belgeri hören würde.

Aber eben, diskriminierende Männer-Macho-Gesellschaft.

Dem setzt sie ein trotziges Lächeln entgegen und sehr viel Gemeintes. Nun hat sie aber einen Selbstkommentar geschrieben und damit ein neues Genre des Journalismus erfunden:

Damit meint sie die China-Reise des alt Bundesrats Ueli Maurer. China feiert mit einer grossen Militärparade sich selbst und das Jubiläum des Siegs über Japan im Zweiten Weltkrieg.

Eurozentristisch wird gerne übersehen, dass die Invasion und Besetzung durch Japan mindestens so grausam und barbarisch war wie der Russland-Feldzug des Dritten Reichs. Bis zu 20 Millionen Tote, das Massaker von Nanking, Grund genug, dem zu gedenken und die heutige Stärke Chinas zu feiern.

Und zu zeigen, dass China eine ganze Reihe bedeutender Staatenlenker um sich scharen kann. Was Präsident Trump so irritiert, dass er – statt teilzunehmen – etwas von einer Verschwörung gegen die USA motzt.

Dabei könnte man eher von einer Verschwörung gegen China sprechen, da kein europäischer oder angelsächsischer Staatsmann an dieser Feier teilnimmt – ausser Maurer.

Was in China sicherlich wohlwollend registriert wurde und die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen, auf die die Schweiz dringend angewiesen ist, durchaus befördert.

Das sieht Belgeri allerdings ganz anders: «Die Teilnahme an der Militärparade in Peking schadet jedoch eher seinem eigenen Image als dem Ansehen der Schweiz

Zum krachenden Schlusspunkt holt Belgeri den verbalen Morgenstern heraus:

«Das kann man peinlich und problematisch finden – und zwar zu Recht. Doch es geht nicht um mehr als einen alt Bundesrat auf der Suche nach Bedeutung. Deshalb ist Gelassenheit angebracht. Soll Maurer doch mit Autokraten posieren und sich für Propagandazwecke missbrauchen lassen. Am Ende beschädigt er damit eher sein eigenes politisches Erbe als das Ansehen der Schweiz.»

 

Allerdings: unfreiwillig trifft der Titel des Kommentars auf ihn selbst zu. Diese geschickte Handlung, die Schweiz ist offiziell nicht dabei, aber irgendwie schon, als «peinlich, aber bedeutungslos» abzuqualifizieren, das ist peinlich. Aber glücklicherweise bedeutungslos.

Peinlich, weil es völlig frei von Argumenten dahingeschrieben ist. Das chinesische Regime werde den Anlass «zu Propagandazwecken missbrauchen». Ja Himmelswillen, wozu denn sonst eigenen sich solche Feiern, sind sie dann überall auf der Welt missbräuchlich, oder nur in Peking?

Auf der Gästeliste stünden «Autokraten». Ja Himmelswillen, auf welcher Gästeliste denn nicht? Oder ist Mohammed bin Salman von Saudi-Arabien, der einen Dissidenten in seiner Botschaft umbringen und zerstückeln liess, der im Jemen einen schmutzigen Krieg führt, kein gern gesehener Gast im Westen?

Ist Maurer wirklich auf der «Suche nach Bedeutung»? Oder nicht vielmehr Belgeri?

Aber immerhin, einen Kommentar über den richtigen Umgang mit ihr gibt sie selbst ab: «Deshalb ist Gelassenheit angebracht

Denn nichts altert schneller, nichts zerfällt schneller zu Staub als ein dümmlicher Kommentar von vorgestern. Auch die Seufzer der Leser, die diesen Stuss serviert bekommen, verhallen.

Gesinnungs-Journalismus, Part II

Enver Robelli reitet mal wieder.

Der Tagi lässt ihm halt alles durchgehen:

Der gebürtige Kosovare leistete gegenüber Kroatien einen gewaltigen Beitrag zur Völkerverständigung: «Kroatiens Präsident als Provokateur: Er poltert gerade wie ein Betrunkener – gegen Minister und Bosniaken».

Aber er hat auch den Blick für das Grössere, dafür, dass «Putin den Vormarsch der Autokraten in Europa» unterstütze. Allerdings fängt er sofort an zu eiern. Denn die Beschreibung von Putins angeblichen Essgewohnheiten ist natürlich nichts anderes als «Heldenverehrung im Dienste Russlands». Was daran eine «Fake-News-Kampagne» sein soll? Isst der in Wirklichkeit kein Omelett mit Fruchtsaft, sondern Kaviar mit Wodka? Oder frisst er gar kleine Kinder?

Die Beschreibung der Essgewohnheiten von Donald Trump (Fast Food von McDonald’s, Hackbraten, McMuffins und Coca-Cola light) ist hingegen ein grandioses Stück Recherchierarbeit. Das gilt natürlich auch für Kamala (wer war das schon wieder) Harris (Gumbo), Joe Biden (Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich, Gatorade Orange)  oder Barack Obama (Salat mit Hähnchen, Tee).

Dann liefert Robelli, wäre sonst zu anstrengend geworden, einfach eine Zusammenfassung einer Studie der FDP-nahen deutschen Friedrich-Naumann-Stiftung ab. Daher weiss er:

«Der Balkan, so die Studie, sei gezielt als «Labor und Trainingsfeld russischer Propaganda» ausgewählt worden. Die vom Kreml gesteuerten Propagandainstrumente «Sputnik» sowie «RT-Balkan» (früher Russia Today) fluten von Belgrad aus die Region mit Lügen, Fake News und Verdrehungen, um die Bevölkerung gegen «den Westen» aufzurüsten

Anschliessend frühstückt Robelli das Panoptikum der östlichen «Achse der Autokraten» (analog zur «Achse des Bösen») ab: Serbiens Vucic und natürlich Ungarns Orban; «sein Agieren habe das Zeug, die EU, die Nato und das gesamte euroatlantische Sicherheitssystem ins Wanken zu bringen». Wow, der ist ja fast noch gefährlicher als Putin.

Da kommt der Heimweh-Kosovare richtig in Fahrt: «Alleinherrscher von Budapest» (wer meint, der sei gewählt worden, irrt sich), der mit «seiner kruden Mischung aus Nationalismus und Rechtspopulismus den Staat gemäss seinem antiliberalen Weltbild umgebaut hat, inspiriert auch den linkspopulistischen Premier der Slowakei, Robert Fico, sowie den FPÖ-Chef Herbert Kickl, der bald Bundeskanzler in Wien werden könnte. Fico besuchte kurz vor Weihnachten Putin in Moskau.»

Und noch die Kontaktschuld: war in Moskau, vor Weihnachten, das sagt doch alles. Und so weiter.

Nach der unbelegten Beschreibung der Misere zum Schluss unweigerlich die guten Ratschläge: «Auf die unjournalistische Propaganda müsse eine journalistische Antwort folgen

Alles in indirekter Rede, damit Robelli zur Not sagen kann, er habe ja nur abgeschrieben, und das auf quälend langen 9135 A. Allerdings: wenn die Antwort journalistisch sein soll, dann kann dieses Machwerk ja nicht dazuzählen. Es ist im Grunde genauso propagandistisch-primitiv wie vieles, das aus Russland kommt. Einfach andersrum.

 

Phantom-Soldaten

Der moderne faktentreue Journalismus am Tiefpunkt.

Die Medien überschlagen sich. Nordkoreanische Soldaten kämpfen auf russischer Seite im Ukrainekrieg. Sie erobern ein Kaff, sie werden zurückgeschlagen, sie werden dezimiert, es müssen bereits frische Truppen herangeführt werden.

Die USA bestätigen, die Ukraine bestätigt, nach einigen Wiederholungen ist es inzwischen in den meisten westlichen Medien ein Fakt, dass nordkoreanische Soldaten an der Front kämpfen und sterben. Allein: im modernen, faktenbasierten Real-Life-Journalism, wo Reporter oft schon vor Ort sind, bevor überhaupt etwas passiert: wo ist der Beleg, der Beweis, zum Beispiel das Foto?

Nun ja, so sieht der «Beweis» auf CNN aus:

Das sollen nordkoreanische Soldaten sein, die sich an einem nicht näher definierten Ort auf ihren Einsatz an der Front vorbereiten sollen. Dazu ein Artikel, in dem ukrainische Quellen behaupten, dass 30 nordkoreanische Soldaten «bei den Kämpfen getötet oder verwundet wurden und drei gelten bei Zusammenstößen in der Nähe der Dörfer Plekhovo, Vorozhba und Martynovka nahe der Grenze als vermisst».

Dazu: «Pentagon-Sprecher Generalmajor Pat Ryder bestätigte am Montag, dass es in der Region Kursk Verluste bei nordkoreanischen Soldaten gegeben habe

Die «Times of India» liefert dieses Video als «Beweis» für die Anwesenheit nordkoreanischer Soldaten:

Hier haben zur Abwechslung Nordkoreaner ukrainische Soldaten getötet, nicht umgekehrt.Der britische Soldatensender BFBS trägt mit diesem Video zur Aufklärung bei:

Die dunklen Gestalten sollen eindeutig nordkoreanische Truppen sein, die in dieser Version der Realität wiederum von ukrainischen Kampfdrohnen massakriert wurden.

Ohne jeden Beweis kommt diese Meldung von «The Guardian» aus:

NBC News vermutet, dass Nordkorea bereits mehr als 3000 Soldaten an die russische Front geschickt habe und untermauert das mit Satellitenaufnahmen des südkoreanischen Geheimdienstes, während das von russischer Seite dementiert wird:

Ds sollen Trainingslager der nordkoreanischen Soldaten in Russland sein. Irgendwo.

Sehr gerne werden auch die zahlreichen Fotos von Militärparaden in Pjöngjang als «Beweis» dafür verwendet, dass nordkoreanische Truppen in Russland kämpfen:

Natürlich echot auch die gesamte deutschsprachige Presse diese Meldungen: «Nordkoreanische Soldaten getötet, bei Kämpfen in der Region Kursk» («Der Standard»), «Laut Ukraine neue nordkoreanische Soldaten im Kursk-Einsatz» («nau.ch», SDA), «Erstmals Nordkoreaner im Angriff» (NZZ), «Russland setzt verstärkt auf nordkoreanische Soldaten» (bluewin.ch), «Nordkorea hat bereits über 10’000 Soldaten nach Russland geschickt» («Tages-Anzeiger»), usw, usf.

Wohlgemerkt: ZACKBUM behauptet keineswegs, dass keine nordkoreanische Truppen in Russland seien, ZACKBUM behauptet auch nicht, dass keine solche Soldaten im Ukrainekrieg kämpften.

Aber: es gab einmal Zeiten im seriösen und faktenbasierten Journalismus, wo etwa nicht zum Fakt wurde, weil es unablässig wiederholt wird. Während bis heute jeder belastbare Beweis fehlt. Bei Tausenden von Soldaten, bei Dutzenden von Toten, es gibt keinen einzigen Gefangenen? Es gibt kein einziges Bilddokument, dass diese Behauptung über jeden Zweifel erhaben stützt?

Eine Lüge so oft wiederholen, bis sie als Wahrheit geglaubt wird. Das ist einer der ältesten Propagandatricks der Welt, immer wieder gerne angewendet von repressiven Regimes, die Mühe mit dem Umgang mit der Wirklichkeit und der Wahrheit haben. Aber die angeblich so freie und unabhängige und seriöse westliche Presse?

Es gibt Satelliten, die können sogar Nummernschilder von Autos lesen, aber eine glaubwürdige Fotografie eines oder mehrere nordkoreanischer Soldaten an der Front, das ist nicht möglich?

Wer sich über Kreml-Propaganda beschwert und jede abweichende Meinung als Sabotage von Diversanten denunziert, wer alles, was «Russia Today» oder «Al Jazeera» ausstrahlt, als Fake News, plumpe Fälschungen, Lügen und Verdrehung der Wirklichkeit beschimpft – der sollte schon selbst ein Beispiel dafür geben, wie man es richtig, wie man es besser macht.

Aber dazu sind offensichtlich die westlichen Medien in ihrem Kriegstaumel auch nicht mehr in der Lage.

 

Brandstifter

Georg Häsler ist wirklich gefährlich.

Animiert von seinem Interview mit einem «Panzermann», einer Art Wiedergänger von Rommel, legt Häsler die Lunte an den möglichen nächsten und höchstwahrscheinlich letzten Weltkrieg, inklusive atomarem Schlagabtausch.

So wie die europäischen Herrscher und Regierungen wie Schlafwandler in den Ersten Weltkrieg stolperten, entwickelt Häsler beängstigende Zukunftsszenarien.

Sein Drehbuch für den nächsten Schritt ins militärische Desaster:

«Polen, Grossbritannien und andere Partner dehnen ihre Luftverteidigung auf den Westen der Ukraine aus. Die ukrainische Armee kann sich bei der Abwehr russischer Lenkwaffen und Drohnen auf die Hauptstadt Kiew und die frontnahen Gebiete konzentrieren. Zudem rücken die Koalitionstruppen unter dem eigenen Luftschirm in die Ukraine ein, um unter anderem im rückwärtigen Raum logistische Aufträge zu übernehmen.»

Dann macht Häsler einen halben Schritt zurück: «Das ist noch nicht die Realität, aber eine Option, die derzeit im Nordosten Europas diskutiert wird.»

Wieder einen Schritt nach vorn, näher an den Abgrund: «Eine ähnliche Vorstellung von einer «Koalition der Willigen» präsentierten vergangeneWoche auch die Aussenminister Polens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands bei einem Treffen in Warschau, allerdings weniger konkret.Es sind Zeichen der Resilienz in einer Zeit grösster Verunsicherung.»

Verunsichert ist in erster Linie Häsler, der immer noch am liebsten Panzer in Sandkasten rasseln lassen will und Artilleriegeschosse zählt. Moderne Formen von hybrider, virtueller Kriegsführung, Cyberwar, die Drohnentechnologie, das Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag von Kriegsmaterial, das ist ihm alles viel zu modern und abstrakt. Bei ihm muss es richtig krachen.

Realitätsferne gehört zur Grundausstattung solcher Kriegsgurgeln: «Der russische Präsident Wladimir Putin nutzt das Vakuum, um den Krieg zu eskalieren.» Welches Vakuum? Die Entscheidung des Noch-Präsidenten Joe Biden, den Einsatz von amerikanischen Atacms-Lenkwaffen auch auf russisches Gebiet zu autorisieren, ist keine Eskalation? Langsam muss man sich überlegen, ob nicht doch Kanzlerkandidat Olaf Scholz unterstützt werden sollte, der sich tapfer gegen den Einsatz von deutschen Taurus-Marschflugkörpern durch die Ukraine wehrt.

Aber der Iwan, heimtückisch wie er ist, führt natürlich auch propagandistisch Krieg: «Das Narrativ lautet: Wer die Ukraine mit effektiven Waffen unterstützt, riskiert den dritten Weltkrieg. Die Propagandisten formulieren ihre Drohungen zwar im Konjunktiv, radikalisieren aber die Rhetorik. Es ist ihnen nicht entgangen, dass sich in den letzten Wochen in unüberlegte Schlagzeilen westlicher Medien die russische Perspektive eingeschlichen hat.»

Ha, diese nützlichen Idioten in westlichen Medien, machen unüberlegte Schlagzeilen und merken nicht, wie sich da Russisches einschleicht, wie eine Fünfte Kolonne Moskaus, wie man früher gerne sagte. Während Häsler wohlüberlegt zum Kriege ohne Grenzen trommelt.

Dabei schwirrt er aber bedenklich ins Reich der reinen Fantasie ab. Russland wolle Deutschland aus der Nato lösen, was für ein hanebüchener Unsinn. Aber er kann  sich noch steigern: «Nach dem faktischen Kriegseintritt Nordkoreas auf russischer Seite haben sich die Konflikte in Europa und im Fernen Osten miteinander verschmolzen Sagen wir eher so: nach dem faktenfreien Eintritt Nordkoreas … und wenn hier was am Schmürzeln ist, dann Häslers Synapsen.

Und was ist denn nun los mit all den Weicheiern in Europa, für die Militarist Häsler nur Verachtung übrig hat: «uneinig und insbesondere im deutschsprachigen Raum eingeschüchtert – oder im Fall der Schweiz ignorantIgnorant ist nicht schlecht, nur falsch angewendet. Aber Selbstreflexion war noch nie Häslers starke Seite.

Dann träumt Häsler wieder wie weiland der irre General Buck in Kubricks Geniestreich «Dr. Seltsam» davon, wie man den Iwan fertigmachen könnte: «Entscheidend für den Erfolg wäre nicht die Zahl der Soldaten, sondern die Schlüsselfähigkeiten im Bereich Aufklärung, Führung und Vernetzung, um überhaupt gemeinsam kämpfen zu können.» Die Fähigkeit, nukleare Verstrahlung zu überleben, hat er allerdings vergessen.

Zum Schluss wird Häsler dann ziemlich wirr und dunkel: «Wer zögert wie Biden oder sich anpasst wie der deutsche Nochbundeskanzler Scholz, animiert den Kreml zum KriegBiden zögert? Scholz gar passt sich an? Dieser Putinversteher, dieser Defätist. Und der Kreml führt keinen Krieg, sondern muss dazu animiert werden? Gaga.

Würde Häsler endlich verstummen,  dann können wir alle ruhiger schlafen. Auf der anderen Seite: wer hört schon auf die kriegerischen Kampfschreie mit Brustgetrommel, die er aufführt.

 

Erregungsbewirtschaftung

Hurra! Nordkoreaner dürfen jetzt Pornos schauen – in Russland.

Von Felix Abt*

Die westlichen Medien sind genauso erregt wie die nordkoreanischen Soldaten, weil sie in Russland in den Genuss von Pornos kommen und so erleben können, wie geil die Freiheit ist.
Die Nordkoreaner sind an die allgegenwärtige Propaganda in ihrem Land gewöhnt und durchschauen sie, weil sie leicht zu durchschauen ist.

Im Westen ist die Propaganda weniger aufdringlich, aber ebenfalls allgegenwärtig.

Die Medienkonsumenten im Westen glauben wirklich, dass sie gut informiert sind, weil sie die subtilere und raffiniertere Propaganda nicht erkennen können. Das ist nicht verwunderlich, denn die Propaganda im Westen ist tatsächlich viel schwerer zu durchschauen als in Nordkorea. (In diesem Zusammenhang empfehle ich dieses Video-Interview mit einem deutschen Journalismus-Veteranen, der sehr gut erklärt, wie Propaganda hierzulande betriebent wird).

Nehmen wir also das Beispiel der pornohungrigen nordkoreanischen Soldaten. Westliche Medienkonsumenten glauben zu wissen, dass Nordkorea von der Aussenwelt abgeschottet ist, weshalb Pornos, die dort verboten sind, gar nicht erst ins Land gelangen können, abgesehen davon, dass der Besitz und Konsum von Pornos eine sofortige Abschiebung in den Gulag oder eine sofortige Hinrichtung zur Folge hätte.

Ich habe sieben Jahre in Nordkorea verbracht und mit unzähligen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und aus städtischen und ländlichen Gebieten zu tun gehabt, und ich war überrascht, wie gut sie über die Aussenwelt informiert waren. Sie wussten viel mehr über andere Länder als die Menschen im Westen über Nordkorea.

Westliche Medienkonsumenten erfahren, dass die Grenzen vom „bösen Diktator“ im Eremitenreich hermetisch abgeriegelt wurden und wissen nicht, wie durchlässig sie sind. Sie wissen auch nicht, dass hunderttausend Nordkoreaner in China arbeiten und dass jedes Jahr Tausende ein- und ausreisen. Schon vor zwanzig Jahren zirkulierten südkoreanische Dramen, Hollywood-Filme und Pornografie auf USB-Datenträgern in Nordkorea. Sie alle kamen über China ins Land. Und wenn man damals einen Nordkoreaner glücklich machen wollte, schenkte man ihm einen leeren USB-Stick, weil er schon wusste, wie man ihn füllt. Wenn ich Nordkoreaner fragte, ob sie jemals Pornografie gesehen hätten, antworteten sie oft mit einem schallenden Lachen und dachten: „Wie können diese Westler nur so naiv sein!


*Felix Abt ist der Autor der Bücher „A Capitalist in North Korea: My Seven Years in the Hermit Kingdon“ und „A Land of Prison Camps, Starving Slaves and Nuclear Bombs?”. Sein Amazon-Autorenprofil finden Sie hier.

 

Feiges Filmfestival

Was für ein Wackelpudding ist Christian Jungen.

Es gibt einen Dokumentarfilm über «Russians at War». Festivaldirektor Jungen hatte noch vor Kurzen getönt: «Filme sollen zu Diskussionen anregen. Und wir verstehen diesen Film als Antikriegsfilm.»

Die russisch-kanadische Filmemacherin Anastasia Trofimova hatte während sieben Monaten russische Soldaten im Ukrainekrieg begleitet. Sie sagt, es handle sich dabei um eine menschliche Momentaufnahme von Soldaten, die sich in einem sinnlosen Krieg befinden; sie selbst verurteile die Invasion als ungerecht und illegal.

Der Streifen war bereits an den Internationalen Filmfestspielen von Venedig gezeigt worden – ohne Zwischenfälle. In Toronto war seine Vorführung allerdings zunächst wegen Drohungen abgesagt worden.

Am Zurich Film Festival (ZFF) laufen zudem zwei Dokumentarfilme, die die ukrainische Seite zeigen. Alleine die unverschämte Intervention eines Sprechers der ukrainischen Regierung hätte in einem Land, in dem Meinungsfreiheit hochgehalten wird, scharfe Zurückweisung erfahren müssen:

«Wir fordern die Organisatoren des ZFF dringend auf, die Reputation des Festivals nicht durch die Aufführung von «Russians at War» zu ruinieren. Das ist ein Propagandafilm, der Kriegsverbrechen weisswäscht. Wirkliche Russen sind Invasoren, Kriegsverbrecher und Vergewaltiger. Das zu überdecken macht jeden zum Komplizen.»

Dagegen hielt zunächst der pseudomutige Jungen, dass er sich auf ein «veritables Filmfest mit Substanz und Glamour» freue. Wer sich den Trailer der Dokumentation anschaut, sieht, dass es sich um alles andere als einen Jubel-Propagandafilm handelt. Er zeigt etwas, was ukrainischen Kriegsgurgeln und ihren dümmlichen Apologeten in der Schweiz nicht in den Kram passt: russische Soldaten als Menschen.

Am Donnerstagabend dann die Kehrtwende: «Die Sicherheit unseres Publikums, der Gäste, Partner und Mitarbeitenden steht für das ZFF an oberster Stelle.» Daher wird die Aufführung abgesagt, die angekündigte Podiumsdiskussion mit der Regisseurin, zu der auch der ukrainische Botschafter in der Schweiz eingeladen wurde, ebenfalls. Die Regisseurin wird nicht in die Schweiz reisen.

Das heisst also, dass die Leitung des ZFF einknickt, wenn Antidemokraten und Feinde der Meinungsfreiheit nur genug Lärm machen. Da hierzulande niemand den Film gesehen hat, kann keiner sich eine Meinung darüber bilden, ob es russische Propaganda sei oder nicht. Aber das ist nicht einmal entscheidend.

Entscheidend ist: in Russland und in der Ukraine herrscht Zensur. Kann von Meinungsfreiheit und freier Meinungsbildung keine Rede sein, werden oppositionelle Meinungen unterdrückt, auch mit drakonischen Mitteln. So hat das ukrainische Kulturministerium die Regisseurin Trofimova zu «einer Bedrohung der nationalen Sicherheit» erklärt. Echt jetzt?

In der Schweiz ist das anders. Im Gegensatz zur EU kann man hier auch Russia Today weiterhin empfangen, und das ist gut so. Wer mündige Staatsbürger für so blöd hält, dass sie sich von russischer Staatspropaganda einseifen liessen, sägt an den Fundamenten einer freien Gesellschaft. Wer einen Dokumentarfilm als «russische Propaganda» kritisiert, wie das auch Schweizer Journalisten tun, ohne ihn gesehen zu haben, ist ein Dummkopf und sollte die Lizenz zum Schreiben verlieren. Das wäre mal eine sinnvolle Zensur.

Immerhin schreibt die NZZ, deren Abgesandter nach Venedig den Film offenbar gesehen hat: «Dass sich das ZFF mithin gezwungen sah, die Filmvorführung zu streichen, ist erschreckend.»

Schon der ukrainische Botschafter in Deutschland benahm sich dermassen unmöglich, dass er von seinem Posten abberufen werden musste. Was sich hier die ukrainische Regierung erlaubt, ist ebenfalls unerhört und müsste sowohl vom ZFF wie auch von der Zürcher Regierung genauso scharf beantwortet werden.

Jungen ist es gelungen, den Ruf des ZFF mit leichter Hand zu ruinieren. An der Einladung eines Roman Polanski wird festgehalten, aber ein Dokumentarfilm wird zensiert, wenn genügend Rüpel dagegen protestieren, wenn es gar Drohungen gibt? Überlässt man also dem Pöbel die Entscheidung, was wir anschauen dürfen und was nicht?

Diese Drohungen richten sich nicht in erster Linie gegen das ZFF. Sondern gegen die Meinungsfreiheit. Feige einzuknicken, das ist unehrenhaft, unanständig und desavouiert Jungen als Windfahne ohne Rückgrat.

Nach dieser erbärmlichen Vorstellung müsste er eigentlich seinen Rücktritt erklären. Was er aber nicht tun wird. Das Publikum sollte sie eigentlich mit Buhrufen und Pfiffen quittieren und unter Protest den Saal verlassen. Was es auch nicht tun wird, denn dabei könnte man ja das Cüpli verschütten oder den Auftritt auf dem grünen Teppich versauen. Anstatt sich im Glanz von Hollywoodstars zu sonnen, sollte die Stadtpräsidentin Corine Mauch und jeder Politiker, der sich am ZFF rumtreibt, seine Missbilligung ausdrücken. Was keiner tun wird.

Und wo bleibt der Protest der mutigen Mannen (und Frauen) von Tamedia, vom «Blick», von CH Media?

Erbärmlich.

Ich sage nicht, Sie sind ein Arschloch

Einer der ältesten demagogischen Tricks, immer wieder gerne verwendet.

Der «Stellvertretende Chefredaktor SonntagsBlick», das Ein-Mann-Recherchierteam Fabian Eberhard hat wieder zugeschlagen. Das ist der Crack, der nicht einmal die Büroräumlichkeiten des Internetradios Kontrafunk fand und daraus eine Enthüllungsstory bastelte.

Jetzt hat er neuen Heuler. Dem bayerischen Verfassungsschutz sei es gelungen, «neue Erkenntnisse über die Vorgehensweise von Putins Online-Armee zu gewinnen». Die benutzen nämlich fies westliche Medien für ihr übles Geschäft:

«Der Bericht, den der Verfassungsschutz kürzlich auf seiner Internetplattform aufschaltete, nennt mehrere Medien namentlich. Neben rechtsextremen Seiten und Blogs aus dem Verschwörermilieu gehören auch die «Berliner Zeitung» und die Schweizer «Weltwoche» dazu

Dazu sammelt Eberhard fleissig weitere «Beweise»:

«Tatsächlich verbreitet das Blatt von Roger Köppel seit Russlands Angriff auf die Ukraine immer wieder plumpe Putin-Propaganda. Vor etwas mehr als einem Jahr besuchte der ehemalige SVP-Nationalrat Moskau und traf dort Wladimir Solowjow, den Chefhetzer des russischen Machthabers, der eine Atombombe auf London werfen will, der Schweiz mit Invasion droht – und dafür mit Sanktionen belegt wurde. Köppel aber schwärmte: Solowjow sei «blitzgescheit», «lustig», «Russlands Woody Allen». Im vergangenen Juli war der «Weltwoche»-Chef schliesslich im Kreml selbst zu Gast – als Hofjournalist des ungarischen Autokraten Viktor Orban.»

Also, die Sachlage ist sozusagen erstellt. Was beim Leser bleibt, ist: Putins Internet-Trolle, Missbrauch westlicher Medien, dabei ragt allerdings eines besonders heraus, das auch höchstselbst den Propagandadienst für Putin (und Orban) verrichtet.

Das dementiert – logisch – Chefredaktor Köppel und weist darauf hin, dass auch die «Weltwoche» wie alle anderen Organe, nicht dafür verantwortlich gemacht werden könne, wer wie ihre Inhalte verbreite.

Da nicht nur die WeWo ziemlich angefasst auf diese Unterstellungen einer deutschen Staatsbehörde reagierte, legt sich der SoBli-Mann schon mal selbst in die Kurve:

«In der Tat ist das Vorgehen der bayerischen Staatsschützer heikel. Sie bringen die «Weltwoche» direkt mit Moskaus Propaganda-Operation in Verbindung, obwohl Köppel und seine Mannschaft kaum einen Einfluss darauf haben, welche Artikel die russischen Trollfabriken verbreiten.» Kaum?

Und am Schluss zitiert Eberhard dann eine «überarbeitete Version» dieses Berichts: «Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz unterstellt explizit nicht, dass die Verantwortlichen der hier aufgelisteten Webseiten russische Propaganda verbreiten oder in Kenntnis darüber sind beziehungsweise es gutheissen, dass ihre Inhalte im Rahmen der Kampagne weiterverbreitet werden.»

Daher lautet dann der vollständige Aufmacher:

Also, die Schlagzeile lärmt: «Russland nutzt «Weltwoche» für Propaganda-Operation». Im Kleingedruckten heisst es dann, «Der Bayerische Verfassungsschutz stellte die Zeitung deshalb an den Pranger – nun muss er zurückkrebsen».

Das ist die demagogisch leicht abgenutzte Anwendung des alten Tricks: Ich sage ausdrücklich nicht, dass Sie ein Arschloch sind. Trotz der gegenteiligen Aussage bleibt natürlich das Wort Arschloch haften, und genau das ist die Absicht.

Man kann nun von Köppels Fehlanalysen der Weltlage halten, was man will. Im Gegensatz zu vielen Schreibtischgenerälen kommt er immerhin etwas in der Welt herum und schaut vor Ort nach. Wie selektiv seine Sicht dabei auch sein mag, sie entspricht einem längst vergessenen journalistischen Prinzip: hingehen, anschauen, aufschreiben. Aber seit Egon Erwin Kisch ist diese Methode genauso in Vergessenheit geraten wie dieser grosse Reporter.

Stattdessen nun Schreibtisch-Heros, die schon bei Ausflügen in die nähere Umgebung ins Hyperventilieren geraten.

Dann machen wir’s doch auch so: ZACKBUM sagt ausdrücklich nicht, dass Eberhard die Karikatur eines Reporters und ein Vollpfosten ist. Niemals nicht.