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Schlagwortarchiv für: Patrik Müller

René Zeyer

Die Wanner-Zeitungen

29. Juni 2026/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

CH Media hat den Kopfblattsalat perfektioniert.

CH Media ist in der heutigen Form im Jahr 2018 entstanden. Wenn man die Gesamtauflage Print vergleichen will, muss man also für das Jahr 2000 AZ Medien und NZZ Regionalmedien zusammenzählen. Das ergäbe dann rund 550’000 tägliche Exemplare. Dazu gehören unter anderem die Aargauer Zeitung, die Luzerner Zeitung, das St. Galler Tagblatt usw.; insgesamt sind es heute 18 regionale Blätter.

Im Jahr 2018, Gründung von CH Media, ist die Gesamtauflage bereits auf knapp 370’000 geschrumpft. Heute sind es noch 250’000. Also ein Rückgang um grob 60 Prozent.

Fokussieren wir auf eines der Stammblätter, die Aargauer Zeitung. Sie hatte 2000 eine Printauflage von rund 125’000 Exemplaren. 2026 sind das noch 45’943. Ein Rückgang um 63 Prozent. Damals löhnte man am Kiosk rund 2 Franken für 60 bis 80 Seiten, heute sind es Fr. 5.- für 28 bis maximal 40 Seiten. Also auch hier: halber Umfang, mehr als doppelter Preis.

Eine aktuelle Front sieht dann so aus:

Was sofort auffällt, ist die konsequente Fokussierung auf das Regionale, bzw. Kantonale. Und dass sich der Oberchefredaktor Patrik Müller nicht zu schade ist, sich am Allerweltsthema «ist aber auch heiss heute» zu beteiligen. Das Aufmacherbild, der Aargauer Grosse Rat verpflegt sich mittags im Schlossgarten, ist allerdings an Banalität schwer zu überbieten.

Ansonsten der Pflichtstoff Fussball, irgend etwas ist immer «unter Druck», hier ist’s mal nicht Putin oder Trump, sondern sind es die Schweizer Festivals. Plus natürlich der tote Junge in der Reuss.

Auf Seite zwei überfällt dann Henry Habegger den unschuldigen Leser mit einem Thema von ewiger Gültigkeit:

Die Bundesanwaltschaft habe von ihrer Aufsichtsbehörde diesbezüglich einen Rüffel kassiert, ist der Aufhänger. Soweit, so schlecht. Dass die BA aber vor allem dafür zu kritisieren wäre, dass sie absurde Prozesse um vor vielen Jahren im fernen Ausland angeblich stattgefundene Verbrechen gegen die Menschlichkeit führt und hier Millionen an Steuergeldern verbrät, das ist Habegger keine Zeile wert.

Eine ganze Seite widmet das Blatt dann der welterschütternden Frage: «Gehört Manzambi in die Startelf?» Dazu sagt ZACKBUM: keine Ahnung, wieso auch nicht.

Dann kommt die Seite mit extrem hohem Nutzwert:

Da kann man im Stehsatz in die Vollen greifen, das Thema ist jedes Jahr gut.

Anschliessend, muss man CH Media lassen, eine nicht unlustige Idee, aus dem Schlamassel auf dem Bürgenstock noch eine Sideline herauszumelken:

So nach der Devise: wenn über die Speisen schon alles geschrieben wurde, dann frage doch den Kellner, was er beim Servieren so empfunden hat.

Etwas überraschend ist dann die Wahl der Titelfigur im Ressort «Wirtschaft»:

Immerhin, der Einstige ist nicht unlustig: «Evangelos Eleftheriou ist ein typischer Schweizer – in gewisser Weise.» Aber ausser, dass er für den europäischen Erfinderpreis nominiert ist, gibt es für den Artikel eigentlich keinen Anlass. Oder: immer noch besser als eine leere Seite.

So geht’s auch weiter; fällt dir in der Wirtschaft gar nichts ein, beklage das: «Zu wenig Frauen in der Luft». Noch immer ist die Geschlechterparität nicht überall hergestellt. Wobei die Frage bleibt, ob das überhaupt ein erstrebenswertes Ziel ist.

Einem heissen Thema widmet sich dann «Kultur & Leben»:

Da hat der Recherchierjournalist Bruno Knellwolf knallhart bei Meteo Schweiz nachgefragt. Und die Antwort bekommen, um den länglichen Artikel auf den Punkt zu bringen: ja.

Dann noch ein bissl Lokalpolitik und die übliche Jö-Geschichte:

Da freut sich ZACKBUM, dass es denen vögeliwohl ist.

Es folgen je nach Kopfblatt regionale Geschichten von überall aus dem Einzugsgebiet. Schliesslich auch hier der Sport, und tschüss.

ZACKBUM fasst zusammen. Eine gewisse unaufgeregte Fokussierung auf das Regionale ist das Rezept, mit dem CH Media seine Printprodukte retten will. Immerhin hat es der Wanner-Clan geschafft, bislang seinen Stellenabbau und seine allgemeinen Schrumpfmassnahmen ohne grosses Gebrüll über die Bühne zu bringen, dazu ist er skandalfrei.

Auf der anderen Seite, wir müssen uns wiederholen: halber Umfang, doppelter Preis. Migros oder Coop kämen nicht im Alptraum auf die Idee, einen halben Liter Milch zum doppelten Preis eines ganzen Liters von früher anzubieten. Medienhäuser finden das völlig okay. Weil auch hier dem Management nichts einfällt.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/06/Bildschirmfoto-2026-06-24-um-12.21.17.png 555 1198 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-06-29 05:00:032026-06-26 08:02:31Die Wanner-Zeitungen
René Zeyer

Bis über die Schmerzgrenze

11. Juni 2026/3 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Muss man als Chefredaktor schreiben können?

Die Antworten darauf fallen unterschiedlich aus. Von Raphaela Birrer (Tamedia) hört man ein klares Nein. Patrik Müller von CH Media gibt die Teflon-Version. Beat Balzli (NZZaS) pflegt das Sonderliche bis Absonderliche.

Reza Rafi und Rolf Cavalli (glückliche «Blick»-Familie) können’s, ebenso Arthur Rutishauser («SonntagsZeitung»). Eric Gujer hat sicherlich die eleganteste Klinge, Roger Köppel bewegt seine am häufigsten. Auch wenn er manchmal mit seinen «Republik»-artigen Längen langweilt.

Apropos, da gäbe es noch Daniel Binswanger. Ja, unsere schreibende Schmachtlocke, die im Roshani-Skandal feige schwieg, auch zu allem Mobbing innerhalb der «Republik» – und so still und leise auf die Position des Co-Chefredaktors kletterte.

Dort (und schon vorher) quält er sowohl seine kleiner werdende Gesinnungsblase wie auch alle übrigen Leser seit Jahren regelmässig. Wie heisst es so vollmundig wie falsch:

«Daniel Binswangers Kommentare verbinden das Klein-Klein der Tagespolitik mit den grossen Fragen, den grundlegenden Werten, den umfassenden Theorien.»

Selten so gelacht. Genau an diesem Gestus scheitert der Möchtegern-Weltendenker und -lenker regelmässig, auch und gerade im Klein-Klein.

Gerade haben gleich zwei ehemaligen Genossen seinen Zorn auf sich gezogen. Da wäre zum einen, welch ein genialischer Sprachscherz, der «Unsicherheitsdirektor Fehr». Der betreibe «konfuse Propaganda».

Auch Binswanger kommt nicht umhin, seine Erschütterung über den Messerangriff von Winterthur zu behaupten. Aber das ist nur die Einleitung: «Der irrlichternde parteilose Regierungsrat, der es mit Law-and-Order-Politik und einem auf krude Abschreckung und maximale Härte ausgerichteten Asylwesen zum beliebtesten Politiker der kantonalen Exekutive brachte, übertraf sich nun noch einmal selbst.»

Bei Binswanger könnte man höchstens sagen, dass er regelmässig und erfolgreich versucht, sich selbst zu unterbieten. Denn was hat hier seinen Furor erregt? «Der Sicherheitsdirektor beging eine massive Tabuverletzung und nannte ein paar Stunden nach der Tat den vollen Namen des mutmasslichen Attentäters – ein erratischer Bruch mit den Gepflogenheiten des Schweizer Rechtsstaates.»

Der Westentaschen-Intellektuelle Binswanger hatte schon häufiger Probleme mit Fremdwörtern, hier kommt ihm «erratisch» in die Quere – und überlebt den Zusammenstoss nicht. So wie zuvor «konfus».

Aber die schreibende Schmachtlocke kann noch einen drauflegen; anschliessend wurde es auch noch «trumpesk», genauer «einigermassen». Also doch nicht wirklich. So labert es sich dann über 9600 A dahin, bis auch der letzte Fan ermattet aufgibt.

Da kommt schon der zweite Abweichler von der wahren, linken Linie daher: «Wer hat Daniel Jositsch gecancelt?» Der nicht mit den grundlegenden Werten und umfassenden Theorien vertraute Leser könnte meinen: die Trottel der SP-Delegiertenversammlung. Aber weit gefehlt.

Zunächst konzediert Binswanger, dass Jositsch ein «gewiefter Kommunikator» sei. Immerhin erkennt er einen, wenn er ihn sieht, was ihm beim Betrachten seines Spiegelbilds hoffentlich nicht in den Sinn kommt.

Jositsch hingegen wolle das «Narrativ» beherrschen (wo bleibt Framing, muss man da fragen). «Ein Narrativ zu seinen Gunsten, das lauten muss: Jositsch ist das Opfer. Der Aggressor hingegen ist eine ideologisch immer engstirnigere, intolerantere, linksradikale, von Jusos und Ex-Jusos beherrschte SP.»

Das werde «an verblüffend vielen Stellen in den Schweizer Medien vollkommen kritiklos verbreitet». Verblüffend, wie ein dermassen holpriger Satz von niemandem geglättet wird. Verblüffender, dass es Binswanger nicht auffällt, dass es genauso ist. Aber neben dieser verblüffenden Kritiklosigkeit gibt es einen, der den Durchblick behält: «Mit den Fakten stimmt diese Geschichte nicht überein.»

Denn die lauten in der Wirklichkeit von Binswanger so: «Wenn einer Daniel Jositsch gecancelt hat – dann war es Daniel Jositsch.» Denn: «Er wollte das Bundesratsamt um jeden Preis – wenn es sein muss halt gegen die eigene Partei.»

Kleine Lektion in Demokratie für den Demokratie-Retter Binswanger: jeder Schweizer Bürger kann sich für dieses Amt bewerben, der stimm- und wahlberechtigt ist. Mitgliedschaft in einer Partei oder im Parlament ist keine Voraussetzung.

Statt sich an Fakten zu halten, wird’s nun aschgrau, wir wechseln in den Bereich der üblen Nachrede und der nebulösen Behauptungen: «Die Republik hat mehrere Quellen, die unabhängig voneinander bestätigen, dass Jositsch bereits Anfang 2024, also im Nachgang zu seiner gescheiterten Bundesratswahl vom Dezember 2023, Gespräche mit der FDP aufnahm.»

Ach ja, die berüchtigten voneinander unabhängigen Quellen, natürlich anonym und daher faktisch nicht überprüfbar. Dass der angebliche Gesprächspartner Jositsch das selbst und öffentlich bestreitet, je nun. Ebenso Filippo Leutenegger? Na, dann hat man halt hinterlistig ein Gerücht in die Welt gesetzt und lässt es einfach dort stehen. Das ist Schmierenjournalismus.

Hier dauert es sogar 11’143 A, bis es sich ausgeschmiert hat.

Im Höchstfall dürfte es aber selbst bei den verbliebenen «Republik»-Lesern höchstens eine knappe Mehrheit geben, die das Absägen eines erfolgreichen Ständerats, der normalerweise mit Akklamation für die nächste Kandidatur nominiert wird und sein Ersatz durch die rabiate Heckenschützin Jacqueline Badran als durch Jositsch selbstverschuldet ansehen.

Lustige Volte im Klein-Klein: der Mann wurde nicht gemeuchelt, er hat sich selbst entleibt als SP-Ständeratskandidat.

ZACKBUM hat mehrere Quellen, die anonym, aber unabhängig voneinander bestätigen, dass man selbst auf der «Republik»-Redaktion über solche Ergüsse den Kopf schüttelt und bereits am Stuhl der Schmachtlocke sägt. Soll mal einer kommen und uns das Gegenteil beweisen.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/06/Bildschirmfoto-2026-06-06-um-09.59.28.png 561 1180 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-06-11 05:00:182026-06-10 12:45:26Bis über die Schmerzgrenze
René Zeyer

Möge sie überdauern

19. Mai 2026/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Margrit Sprecher wird 90. Und bleibt neugierig.

Was gab das für ein Gewäffel, als Sprecher Alice Weidel porträtierte. Statt von der Altmeisterin zu lernen, wie man eine Person beschreibt, wurde gemeckert, dass sie nicht das tat, was heute im Elendsjournalismus die Regel ist: zuerst die These, dann die Herrichtung und Hinrichtung.

Heute analysiert sie mit Distanz und kühl: «Ich wurde tatsächlich von einem Geburtstag ausgeladen: «Wir haben deinen Text gelesen – du passt nicht mehr ganz zu uns.» Viele Kolleginnen und Kollegen, vor allem aus dem linken Spektrum, haben sich von mir distanziert. Die «WoZ» schrieb, es sei «zum Kotzen». Kritik lässt mich freilich kalt, wenn ich überzeugt bin, mein Bestes gegeben zu haben. Noch heute würde ich keine Zeile ändern. Journalisten sollen nicht urteilen, sondern berichten. Die Bewertung überlasse ich den Lesern, denn die sind mündig.»

Patrik Müller, der Oberchefredaktor von CH Media, hat die Reporterin besucht und interviewt. Das ehrt beide. Eigentlich müsste man allen Journalisten (und solchen, die sich dafür halten) empfehlen, ihre Antworten auswendig zu lernen und zu beherzigen. Aber das wird nicht passieren.

Während das meiste, was heute publiziert wird, von einer KI billiger, besser und schneller geschrieben werden könnte, wäre das bei ihr nicht möglich: «Schreiben ist die pure Qual, Recherchieren hingegen ein Vergnügen: unterwegs sein, Menschen kennenlernen, neue Welten entdecken. Aber wenn ich zu Hause in mein vollgekritzeltes Notizbuch schaue – ich schreibe alles von Hand –, wird mir fast schlecht.»

Wenn jemand von der einsamen Höhe von 90 Jahren auf seine Entwicklung zurückblicken kann, ergeben sich interessante Einblicke. Wenn man über sich selbst so reflektiert sprechen kann wie sie über andere schreibt:

«Als junge Journalistin hatte ich oft spontanere, kreativere Einfälle – überraschende Vergleiche etwa. Das ist weniger geworden. Heute erfasse ich dafür stärker szenische Zusammenhänge und erkenne Details, in denen sich auf exemplarische Weise das grosse Ganze zeigt. Zudem fühle ich auch mehr Verantwortung, nicht zuletzt den Menschen gegenüber, über die ich schreibe. Ich brauche länger, bis ein Text so ist, wie ich ihn haben will.»

Dabei spricht sie auch simple, aber entscheidende Dinge gelassen aus: «Wichtig ist halt, als Reporter oder Reporterin hinzugehen, selbst vor Ort sein.» Da mögen manchem Kindersoldaten in seiner Verrichtungsbox in der Hölle des Newsroom die Tränen kommen. Oder aber, er fragt sich: wieso soll man wohin gehen? Ist doch alles virtuell heute.

Es gibt auch eine kleine Lektion, was Anstand im Journalismus ist: «Ich halte mich strikt an Abmachungen. Und alle Zitate schicke ich stets zur Autorisierung, mit etwas Kontext. Aber nie den ganzen Text.»

Ein weiteres Kleinod ist ihre Definition eines wichtigen Unterschieds:

«Neugier ist Boulevard – ein bisschen Schlüsselloch-Perspektive. Wer aber aus echtem Interesse fragt, gelangt oft auf unerwartete Gebiete – und dort beginnt die eigentliche Geschichte. Dann entsteht etwas Neues, etwas, das Google oder die KI nicht liefern kann.»

Natürlich gelingt ihr auch eine Schlusspointe in diesem Interview. Auf die Frage, wie sie denn ihren 90. feiere: «Ich habe noch nie Geburtstag gefeiert. Warum auch? Ich habe ja nichts dafür geleistet.»

Und natürlich kann man ihrer Aussage über die Qualität ihrer Texte nur zustimmen: «Ich glaube, sie sind zumindest nicht schlechter geworden. Und ich hoffe, das bleibt noch eine Weile so.»

Ist das ein Fan-Artikel? Aber ja, bedingungslos, schamfrei, in tiefer Bewunderung.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/05/Bildschirmfoto-2026-05-18-um-11.51.13.png 553 1022 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-05-19 05:00:172026-05-18 12:27:17Möge sie überdauern
René Zeyer

Patrik Müller wird Chef von allem

1. April 2026/9 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Exklusiv und nur hier: der Rettungsplan des Verlegerverbandes.

Die Tageszeitungen darben, das ist kein Geheimnis. Den überbezahlten und unterqualifizierten Medienmanagern der grossen Verlagshäuser fällt nichts ein, wie das geändert werden könnte.

Ausser, nach Subventionen, nach Steuergeldern zu krähen. Schliesslich seien sie die Vierte Gewalt im Staat, unverzichtbar für das Funktionieren der Demokratie. Oder für ihre Rettung, wenn man die Welt wie die «Republik» sieht.

Besondere Situationen brauchen besondere Massnahmen. In strikter Geheimhaltung wurde daher eine unternehmensübergreifende Rettungsmassnahme beschlossen. Denn der grösste Kostenfaktor ist weiterhin die Payroll der Angestellten. Wobei hier gilt: je höher in der Hierarchie, desto teurer.

Bereits bis anhin gibt es vier Oberchefredaktoren in den vier grossen Verlagen. Eric Gujer bei der NZZ, Raphaela Birrer bei Tamedia (oder Simon Bärtschi oder Jessica Peppel-Schulz, das ist nicht so ganz klar), Rolf Cavalli (oder Sandro Inguscio oder Ladina Heimgartner, das ist auch nicht so klar) beim «Blick», und Patrik Müller bei CH Media.

Daneben gibt es noch Roger Köppel, das Maschinengewehr mit Mission, der Verleger, Herausgeber, Besitzer und Chefredaktor der «Weltwoche». Aber der läuft für sich.

Die acht Nasen bei den grossen Verlagen verdienen zusammen geschätzte 2,5 Millionen Franken im Jahr. Die Teppichetage obendrüber noch viel mehr, aber das ist natürlich unantastbar.

Wie ZACKBUM aus sicheren, voneinander unabhängigen, aber ungenannt bleiben wollenden Quellen erfahren hat, wird hier ab heute, am 1. April, eine Sparmassnahme umgesetzt, wie sie die Schweizer Medienlandschaft noch nicht gesehen hat. Die Verlagshäuser einigten sich auf einen einzigen Oberchefredaktor für sämtliche Tageszeitungen. Erkoren wurde Patrik Müller, der bislang skandalfrei und behaftbar wie eine Teflonpfanne den Wannerclan glücklich machte.

Alle übrigen Führungskräfte wurden in die Frühpensionierung geschickt oder dürfen sich mit dem neuen Titel «besondere Aufgaben» schmücken.

Gleichzeitig werden auch die Redaktionen zusammengelegt, wobei jedes Verlagshaus seine Stärken ausspielt und das jeweilige Ressort beherbergen wird. Also der Sport kommt integral zum «Blick», das Regionale zu CH Media, Ausland und Wirtschaft natürlich zur NZZ, während das Inland weiterhin aufgesplittert bleibt. Bei Tamedia, die sonst leer ausginge, wird Feuilleton und Kultur angesiedelt, allerdings mangels eigenen Kräften durch Zugänge aus den anderen Verlagen.

Gleichzeitig wird ein Gefäss deutlich beschnitten. Pro Organ und Tag darf es maximal einen einzigen Kommentar geben. Nabelschau und Selbstbespiegelung sind dabei verboten.

Mit diesen Massnahmen wollen die Verlage die Weiterexistenz ihrer Tageszeitungen garantieren.

«Ich fühle mich geehrt, danke für das Vertrauen und schaue der neuen Aufgabe optimistisch, aber auch mit Respekt entgegen», wird Müller in der Pressemitteilung zitiert, die später am Tag publiziert wird.

Auf jeden Fall ein gewagtes Experiment, man wird sehen, ob es von Erfolg gekrönt ist oder im völligen Chaos endet.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2026/03/Bildschirmfoto-2026-03-27-um-15.57.48.png 764 1277 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2026-04-01 05:00:432026-03-31 16:29:51Patrik Müller wird Chef von allem
René Zeyer

Wenn der Richtige das Falsche schreibt

29. Juni 2025/13 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Chefredaktor Patrik Müller ist ein cleveres Kerlchen. Darf auch er sich mal verhauen?

Die Publizistik von CH Media flutscht skandalfrei über die Runden. Keine Untaten, keine erregten Mitarbeiterinnen, die haltlose anonyme Anschuldigungen in die Welt setzen. Kein ständiges Stühlerücken, kein Erfinden absurder Titel wie bei Ringier. Keine Schwachsinns-Kommentare, die bei Tamedia die Spalten füllen und die Leser quälen. Nicht zuletzt Müllers Verdienst.

Aber jetzt hat er in der auflagestärksten Wochenendzeitung einen rausgehauen, was an ein Zitat vom Philosophen Theodor W. Adorno erinnert: «Es gibt kein richtiges Leben im falschen.» Oder an Bertolt Brecht: «Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!»

Müller schreibt: «Die beiden in Europa weitherum verhassten Präsidenten Trump und Netanyahu haben ein wichtiges Ziel erreicht: die Schädigung des iranischen Atomprogramms. Trump und Netanyahu haben das Richtige getan.»

Schlimmer noch: «Es sind Lichtblicke in einer Region, deren Probleme fast unlösbar scheinen.»

Da sind dem Mann aber sein rechtsstaatliches Koordinatensystem und sein moralischer Kompass abhanden gekommen. Amok-Präsident Donald Trump fordert die Entlassung von Journalisten, weil CNN und «New York Times», gestützt auf Geheimdienstanalysen, es gewagt haben, das Ergebnis seiner «wohl erfolgreichsten Militäroperation aller Zeiten» in Frage zu stellen.

Der nur durch sein Amt vor dem Knast geschützte israelische Ministerpräsident ist verantwortlich für Kriegsverbrechen ohne Zahl. Israelische Soldaten schiessen gezielt auf hungernde Palästinenser vor Nahrungsausgabestationen, wie die renommierte Tageszeitung «Ha’aratz», gestützt auf Militärquellen, enthüllt.

Die fast völlige Zerstörung der Infrastruktur im Gazastreifen mit Tausenden von zivilen Toten und die Vertreibung der Bevölkerung, Bombardements im Libanon, Syrien und nun auch im Iran. Ausgelöst durch ein Massaker der fundamentalistischen Wahnsinnigen von der Hamas, begründet durch die irre Rhetorik der Ayatollen in Teheran, die von der Vernichtung Israels faseln.

Gezielte Tötungen, Massenmord an der Zivilbevölkerung, Ausbau illegaler Siedlungen im besetzten Westjordanland, Bombardierungen ohne Kriegserklärung, das alles sind Verbrechen. Kriegsverbrechen. Dass sich Staaten wie der Iran oder der westliche Verbündete Saudi-Arabien ausserhalb der zivilisierten Gemeinschaft befinden, dass Terrorgruppen wie die Hamas oder die Hetzbollah Verbrecherbanden sind, ist unbestritten.

Sie sind Parias – wie die israelische Regierung. Dass Trump ziemlich erfolgreich darin ist, das System der Checks and Balances in den USA auszuhebeln und dabei am helllichten Tag ungenierte Selbstbereicherung für sich und seinen Clan betreibt (alleine durch Insiderwissen bevorstehender Ankündigungen mit Auswirkungen auf die Finanzmärkte), ist ebenfalls eine Tatsache.

Sind das, was beide im Iran tun, wirklich «Lichtblicke»?

Lichtblick bedeutet, dass im dunklen Tunnel der Ausgang erkennbar wird. Es ist unbekannt, welche Auswirkungen dieses völkerrechtswidrige Bombardement auf die Fähigkeit Irans hat, eine Atombombe zu bauen. Es ist sonnenklar, dass es das Regime dazu motiviert, sich so schnell wie möglich eine oder mehrere zu verschaffen. Denn nur das schützt es – wie den Pariastaat Nordkorea – vor einer möglichen Invasion.

Pardon, vor einer «Befreiung» von aussen. Das hat bereits im Fall Iraks prima geklappt. Der Diktator Saddam Hussein (der niemals Massenvernichtungswaffen besass) ist weg, das Land ist im Chaos, wie Libyen.

Es sind die Falschen, die etwas tun. Darin kann man mit Müller übereinstimmen. Aber tun sie das «Richtige»? Das Richtige sollte ein erkennbares Ziel haben.

Da hat Müller erbärmlich wenig zu bieten:

«Die Hoffnung lebt weiter – auch für Frieden in Gaza. Gestärkt und mit verbesserten Umfragewerten könnte Netanyahu den Krieg beenden und den Austritt der Rechtsextremen aus seiner Regierung riskieren.»

Frieden in Gaza als Friedhofsruhe? Richtige Schritte zu einem friedlichen Zusammenleben mit Jordanien, Libanon, Syrien, Ägypten, selbst dem Iran? Mit den überlebenden Palästinensern? In welcher Parallelwelt lebt, denkt und schreibt Müller?

«Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage», so enden Märchen. Hat Müller in seiner Jugend die Erzählungen aus 1001-Nacht zu intensiv studiert? Oder wollte er sich in Dialektik versuchen, was nur was für Könner und nichts für Meiner ist? Hofft er, dass auch böse Buben Gutes tun können?

Beim Betrachten von Bäumen der irrigen Hoffnung schweigt er über so viele Verbrechen, die von diesen beiden «Falschen» verübt werden.Und lobt eines von ihnen.

Da hilft nur noch Friedrich Schiller: «Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.»

Aber Bildung ist längst nicht mehr eine Kernkompetenz der modernen Journaille im Elendsjournalismus.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/06/Bildschirmfoto-2025-06-28-um-09.27.30.png 728 1568 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-06-29 05:00:072025-06-28 11:41:38Wenn der Richtige das Falsche schreibt
René Zeyer

Dumm, dümmer, Verleger

1. Juni 2025/5 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Messen wir sie an ihrem Output. Und an den Kosten für den Konsumenten.

Am Samstag haben Tamedia, Ringier und CH Media insgesamt 119 Artikel online veröffentlicht. Die NZZ als einzigen Verlag, der ungebrochen auf die Kraft des Journalismus setzt, lassen wir aussen vor.

Für das E-Paper samt «Blick+» will Ringier 300 Franken im Jahr heuschen. Der «Tages-Anzeiger» versucht es mit dem Dumpingpreis von 99 Franken pro Jahr. Der verspricht umlimitierten Zugriff per App & Web und legt sogar noch den Zugang zur «New York Times» drauf. Und die «Carte Blanche».

Die NYT verlangt für die ersten sechs Monate pro Woche den absoluten Dumpingpreis von rund 45 Rappen, da halten sich die Unkosten mit Verlegerrabatt für Tamedia in engen Grenzen.

CH Media hat das Angebot digital zum Beispiel beim «Tagblatt» auf 2.80 Franken pro Woche gesenkt, also 145.60 pro Jahr, plus Zugang zu Guetzli und Spezialangeboten.

Dafür bekam der Konsument in einem Jahr insgesamt 83’889 Artikel auf Deutsch online serviert. Das heisst, wenn man die Gratisangebote mitzählt, sind das 0,007 Rappen pro Artikel Erlös.

Man stelle sich vor, dass Coop oder Migros (oder Aldi oder Lidl) in ihren Läden einen Teil des Sortiments gratis anbieten und im Schnitt für ihre Produkte den Bruchteil eines Rappens kassieren. Oder sie würden sagen: du kannst den Liter Milch im Shop kaufen – wahlweise bestellst du ihn im Internet, dann ist er meistens gratis.

Denn will man auch die Printausgabe, legt man bei Tamedia (inklusive «SonntagsZeitung» und umlimitierter digitaler Zugang) stolze 838 Franken hin. Ringier will für seinen «Blick» im Print ebenfalls heruntergesetzte 498 Franken im Jahr, inklusive E-Paper. Darin dürfte dann «Blick+» nicht inbegriffen sein.

Das ist hier etwas mit Arbeit verbunden, denn wählt man den «Abo-Shop» mit angeblich allen Angeboten an, wird einem nur der «SonntagsBlick» für 229 Franken im Jahr angeboten, mit «Gratis-Zugriff auf das E-Paper».

Die Print-Ausgabe des «Tagblatt» aus dem Hause CH Media kostet (inkl. abo+ und E-Paper) zunächst 9.25 pro Woche, nach 6 Monaten 13.70, also im Jahr knapp 600 Franken.

Oder man geht an den Kiosk, dann legt man für den «Blick» 3 Franken, für das «Tagblatt» 4.50 und für den Tagi 5.20 hin. Wären insgesamt für rund 300 Ausgaben pro Jahr stolze 3’810 Franken.

Das ist so, wie wenn die Migros für einen Liter Milch, gekauft im Laden, 1.85 verlangt. Schliesst man aber ein Abo mit Hauslieferung ab, fällt der Preis auf einen Bruchteil runter. Oder er wird sogar ab und an gratis geliefert.

Selbst im jetzigen Zustand der Migros würde ein Manager, der solche Zahlmodelle vorschlüge, fristlos entlassen.

In den grossen Medienhäusern der Schweiz herrscht zwar im Maschinenraum das grosse Rausschmeissen, aber in der Teppichetage wuseln weiterhin Scharen von überbezahlten Managern herum.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Führungsfiguren, also bei Tamedia Pietro Supino, darunter Jessica Peppel-Schulz samt plapperndem Avatar, bei Ringier Marc Walder und darunter Ladina Heimgartner, lange Routine darin haben, all ihre Flops den Untergebenen in die Schuhe zu schieben – und die zu feuern.

Bei CH Media ist es etwas anders, Patrik Müller erweist sich seit Jahren als geschickter Verwalter, der seinen Vorgesetzten, den unsäglichen Pascal Hollenstein, elegant abservieren liess und auch die zweite Generation des Wanner-Clans auf Distanz hält, was den Tageszeitungen guttut.

Wird eine neue «Strategie» vorgestellt, wie letzthin bei Tamedia, nach immerhin einjährigem Brüten, lachen selbst analphabetische Hühner und die verbliebenen Redaktoren rollen stumm die Augen nach oben und fragen sich, ob es noch bis zur Frühpensionierung reicht – und ob das die Leber aushält.

Man muss gar nicht das Fehlen eines nachhaltigen Plans beklagen, wie das denn wenigstens kostentragend, wenn schon nicht gewinnbringend, weitergehen soll. Dazu gibt es ausser dem üblichen Bullshit Bingo nichts Nennenswertes zu hören.

Alleine eine solche Verkaufspolitik ist dermassen aberwitzig, dass das selbst im verblichenen kommunistischen Lager Stirnrunzeln ausgelöst hätte.

Ein Jahresabo digital der internationalen Ausgabe der kubanischen Parteizeitung «Granma», immerhin auf Deutsch übersetzt, kostet knapp 20 Franken.144 Ausgaben der russischen Zeitung «Prawda» kosten digital rund 540 Franken, wenn man sie ergattert. Das dürfte kostendeckend sein.

Aus welcher Perspektive man das unseligen Wirken der Medienmanager in der Schweiz auch anschaut, man kommt immer auf die gleiche Steigerung: dumm, dümmer, Verleger.

Die machen ihrem Namen alle Ehre, indem sie nie um eine Ausrede verlegen sind. Und unermüdlich nach Staatssubventionen krähen.

Weil sie sonst ihrer staats- und demokratietragenden Funktion nicht weiter nachgehen könnten. Kriegen sie dann die verlangte Milliarde nicht, weil sie es selbst versemmelt haben, krähen sie einfach weiter, diesmal gleich nach 1,4 Milliarden.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/05/Bildschirmfoto-2025-05-31-um-10.06.39.png 1002 1930 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-06-01 05:00:132025-06-01 09:38:53Dumm, dümmer, Verleger
René Zeyer

Lob des Gujers

14. April 2025/0 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Der Mann kann denken. Und schreiben. Selten, heutzutage.

Wenn heute ein Editorial erscheint, dann wird geistiges Kleingeld unter die Leute gebracht. Raphaela Birrer, Patrik Müller, Reza Rafi, plus die Zwergenschar der Reichsverweser von Kopfblättern der grossen Medienkonzerne («Blick» kann man ja nicht mehr ernst nehmen): meistens im Sinne des Konzerns Gehampeltes. Nicht mal für den Tag geschrieben. Schneller vergessen als gelesen.

Oder erinnert sich jemand an ein einziges dieser Editorials? Eben.

Bei Eric Gujer sieht das etwas anders aus. Beansprucht er am Samstag den Platz oben in der NZZ, dann kommt durchaus etwas Lesenswertes heraus, wird der Leser auf eine andere Flughöhe mitgenommen. Zum einen, weil der Mann geschliffen schreiben kann. Das unterscheidet ihn schon mal von den gestolperten, sich verhaspelnden, unter erkennbarem Zeitdruck geschriebenen Werken seiner Kollegen.

Dazu hat er einen Bildungsrucksack, der wohlgefüllt ist; ein zweiter Unterschied, auch wenn Rafi, der Gerechtigkeit halber sei’s erwähnt, manchmal erstaunliches Wissen aufblitzen lässt.

Und schliesslich bemüht er sich in einer Tageszeitung, den Blick über den Tag hinaus zu erheben. Daraus entstehen dann Editorials wie «Torheit ist in der Politik normal».

Gujer beschäftigt sich mit der durchaus interessanten Frage: «Warum agieren die Inhaber hoher Ämter so oft in einer Weise, die der Vernunft und dem aufgeklärten Eigeninteresse zuwiderläuft?» Zur Beantwortung nimmt er das Buch der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman zu Hilfe: «Die Torheit der Regierenden».

Es ist schon vor vierzig Jahren erschienen, also bevor die meisten Kindersoldaten in den Newsrooms auf der Welt waren. Ihre Schlussfolgerungen: «Als Gründe nennt Tuchman Selbstüberhebung, Unfähigkeit, Dekadenz oder Starrsinn, kurz: das Mängelwesen Mensch. Gegen Torheit ist niemand gefeit. Nur weil wir künstliche Intelligenz besitzen, ist die natürliche Intelligenz nicht gewachsen.»

Dann lässt Gujer eigenes Wissen aufblitzen und salbt seinen Rückgriff in die Geschichte mit leichter Ironie: «John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, erklärte: «Während alle anderen Wissenschaften vorangeschritten sind, tritt die Regierungskunst auf der Stelle; sie wird heute kaum besser geübt als vor drei- oder viertausend Jahren.» Die Einsicht gilt von Troja bis Trump. Der 47. Präsident der Vereinigten Staaten ist keine Ausnahme, keine Monstrosität in sonst so aufgeklärten Zeiten. Er ist eine historische Konstante. Wem das zu fatalistisch klingt, der mag sich damit trösten, dass die Welt trotzdem nicht zugrunde gegangen ist.»

Dann dekliniert Gujer die Begrifflichkeit durch; Torheit sei keineswegs ein Privileg der Populisten oder von Menschen mit niedrigen Absichten wie Trump. Auch Lichtgestalten wie John F. Kennedy ritten die USA verblendet in den Vietnamkrieg, während ein Schurke wie Richard Nixon ihn beendete. Zudem nützt das Gegenteil, nämlich vernünftige Entscheidungen treffen, auch nicht unbedingt.

Wie Kanzler Schröder erfahren musste, der zwar die Wirtschaft reformierte, zum Dank dafür aber abgewählt wurde.

Gujers Conclusio, um es gewählt zu formulieren, verdient es, vollständig zitiert zu werden:

«Politische Torheit basiert nur selten auf schlichter Dummheit oder Borniertheit. Sie ist die Folge eines Kalküls, das Chancen und Risiken abwägt, auch wenn es am Ende irrig ist. Politik entsteht im Wechselspiel zwischen den Emotionen der Regierenden und denen der Regierten. Da verspricht die Unvernunft nicht selten mehr Ertrag als die Vernunft. Die Herrschenden handeln im Augenblick. Die wenigsten besitzen eine echte Strategie, die auch den übernächsten Spielzug vorhersieht. Der Historiker hat es da einfacher als der Politiker. Er ist der Prophet der Vergangenheit und nicht der Spielball der Gegenwart.»

Der Historiker als der Prophet der Vergangenheit, alleine dafür verdient Gujer ein anerkennendes Kopfnicken und eine leichte Verbeugung. Mindestens.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/04/Bildschirmfoto-2025-04-13-um-17.38.52.png 638 1590 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-04-14 05:00:172025-04-13 20:26:12Lob des Gujers
René Zeyer

Raubtier gegen Sozialarbeiter

26. Januar 2025/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Wenn Eric Gujer zum anderen Blick ansetzt, dann scheppert es.

Wie erbärmlich Tamedia ist, lässt sich auch am Gefäss Leitartikel festmachen. Beim Qualitätskonzern an der Werdstrasse darf ein Schmierfink wie Andreas Tobler den Leitartikel missbrauchen, um davor zu warnen, die Politikern Alice Weidel als Mensch zu porträtieren. Unsäglich, müsste mit sofortiger Entlassung oder mindestens Schreibverbot geahndet werden.

Und wenn Chefredaktorin Raphaela Birrer zum Griffel greift, erinnert sich schon während des Lesens niemand mehr daran, was sie eigentlich im Leitartikel sagen will. Hand aufs Herz: was war ihr letzter, und worum ging es da? Eben.

So in einer Mittelliga schwebt Patrik Müller von CH Media. Immer schön fluffig, geschrieben, als hätte er auch noch den Schwiegermuttertraumsohn-Charme von Christian Dorer geerbt. Und Reza Rafi, nun, da herrscht Bandbreite. Von exzellent bis schwachsinnig. Ach, Steffi Buchli? Leitartikel? Es darf gelacht werden.

Ganz anders bei Eric Gujer. Welch Oase der eleganten Schreibe, der komplexen, aber heruntergebrochenen Denke. Man muss nicht mit seiner Meinung oder Analyse einverstanden sein: lehrreich und erhellend ist es alleweil.

Aktuell vergleicht er zwei Weltmächte so: «Trump ist ein Raubtier, und die Europäer sind Sozialarbeiter. Es ist klar, wer da gewinnt». Natürlich ist die Wirtschaft dabei im Zentrum:

«Der Kontinent kommt nicht vom Fleck. Wirtschaftliche Dynamik findet sich in Asien und den USA, während die EU einen bürokratischen Albtraum nach dem anderen gebiert: Nachhaltigkeitsrichtlinie, Lieferkettenrichtlinie oder die Lasche, die den Deckel mit der Plastikflasche verbindet. Nichts ist zu gross, um reguliert zu werden, und nichts zu klein.»

Was von Befürwortern eines EU-Beitritts der Schweiz gerne verdrängt wird: «Deutschland befindet sich seit zwei Jahren in der Rezession, Frankreich türmt rekordhohe Schulden auf. Der Niedergang erfolgt schleichend. Es ist wie bei einem Autoreifen, aus dem unmerklich die Luft entweicht. Irgendwann fährt man auf der Felge.»

Und noch ein weiteres schlagendes Beispiel:

«Auch der Sozialstaat hat die Inklusion auf die Spitze getrieben. Deutschland gibt jährlich 37 Milliarden Euro für Sozialhilfe aus, kann aber inmitten einer Rezession 700 000 Stellen nicht besetzen.»

Dann wechselt Gujer auf die politische Ebene und stellt ein Versagen der Zentrumsparteien fest: «Die etablierten Parteien hingegen sind paralysiert. Der Brandmauer-Fimmel macht eine Zusammenarbeit mit dem rechten Rand unmöglich, bis die Realität wie in Österreich ein Umdenken erzwingt.»

Allerdings schreckt er dann doch vor letzten Konsequenzen zurück. Es ist offenkundig, dass der Aufstieg rechter Parteien wie AfD, FPÖ, Fratelli d’Italia oder Rassemblement National nicht an der überlegenen Strahlkraft ihrer Parteiprogramme festzumachen ist. Da steht, wie ZACKBUM schon belegte, mehr oder minder die ähnliche Sosse wie bei allen anderen Parteien.

Nein, es ist deren krachendes Versagen, das den Wähler verzweifelt nach Alternativen Ausschau halten lässt. Die Wurzel des Versagens liegt darin, dass die überwiegende Mehrheit der Wähler inzwischen Anspruchsgruppen sind, die auf die eine oder andere Art am Staatstropf hängen. Aber keine Partei traut sich, zum Beispiel dem Wählerblock Rentner zu sagen, dass die Renten deutlich gekürzt werden müssen, wenn der Raubzug an jungen Beitragszahlern nicht einfach weitergehen soll. Auch in der Schweiz handelt es sich hier jährlich um Milliarden.

Aber wer das sagt – und auch Rechtsparteien trauen sich nicht –, der kann auch gleich die Parteiauflösung beschliessen. Die deutsche FDP mit ihren zaghaften Versuchen ist ein warnendes Beispiel.

Woran sich dann auch Gujer nicht traut: damit kommt die Mehrheitsdemokratie an ihre Grenzen. Denn welche Anspruchsgruppe stimmt schon gegen ihre Interessen. Welche politische Bewegung will es sich mit grossen Wählermassen verderben.

Ist da, laut einem Bonmot Churchills, die Demokratie wirklich die schlechteste aller Herrschaftsformen, abgesehen von allen anderen? Das wäre doch mal einen anderen Blick wert.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2025/01/Bildschirmfoto-2025-01-25-um-10.38.19.png 533 890 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-01-26 05:00:242025-01-25 10:46:10Raubtier gegen Sozialarbeiter
René Zeyer

«Unfassbar»

16. Dezember 2024/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Die Bachelorette is back.

Patrik Müller, der ansonsten zurechnungsfähige Oberchefredaktor bei CH Media, hat es in ein gültiges Wort gefasst: «unfassbar». Allerdings meinte er es leider nicht so, wie es angebracht gewesen wäre.

Die Bachelorette der Politik hat es geschafft, wieder von null auf hundert zu kommen. Oder auf fast 90 Treffer in der Mediendatenbank seit Samstag. Obwohl sich die Sonntagspresse vornehm zurückhält; abgesehen von einem etwas verunglückten Beitrag von Alain Zucker in der NZZaS: «Was Sanija Ameti von Donald Trump lernen könnte». Was das genau wäre, enthüllt Zucker allerdings nicht. Und in der Reihe seiner Beispiele von gefallenen Politikern fehlt der wohl allergrösste Heuchler der Schweiz: der stramm katholische («heilige Werte der Ehe») Ex-CVP-Präsident Christophe Darbellay.

Der kam sogar mit einem Seitensprung mit Nachwuchs und einer nicht wirklich gut auf ihn zu sprechenden Seitensprungmutter davon. Damit sei er im katholischen Wallis wohl erledigt, vermuteten wir. Völlig falsch, er wurde problemlos zum Staatsrat gewählt.

«Strategie Kniefall», nennt das Zucker. Verblüffend ist hingegen, dass niemand, wirklich keiner auf die vielen Widersprüche in der tränen- und rührseligen Geschichte der Dame hinweist – ausser ZACKBUM. Wir tun’s gerne nochmal und erläutern die Bestandteile dieser Räuberpistole.

  • Nicht die Dame selbst hat die Fotos geknipst. Also kann sie sie auch nicht von Schmerz überwältigt selbst beim Hinausstürzen gepostet haben.
  • «Ich konnte den Schmerz nicht alleine tragen und wollte ihn abschalten. Und wusste offenbar nicht anderswo hin damit, als es zu posten.» Den Schmerz? Der sie bei Schiessübungen plötzlich überfallen hat? Weg damit ins Internet? Wie lachhaft ist das denn? Wie kann man dem widerspruchslos lauschen?
  • «Aber ich schwamm da in einem Meer des Schmerzes, der Kopf war … nicht mehr da. Ich war nicht fähig, irgendetwas zu überlegen, ich konnte nur noch tun. Das Handy war da, und so tat ich, was ich mit etwas Überlegen nie getan hätte.» Und derjenige, der die Fotos geknipst hatte, war nicht in der Lage, mit dem Handy in der Hand die Dame davon abzuhalten?
  • Der Tod des Bruders: «Ich habe es ein Leben lang verdrängt. Im Nachgang zu jenem Abend begriff ich, welche Dimension das hat. Ich habe mir dann professionelle Begleitung geholt.» Die Dimension tauchte bei Schiessübungen auf ein Marienbildnis auf, echt jetzt? Und wenn sie das schon als unglaubwürdige Entschuldigung (oder «Kontextualisierung») nimmt, dann möchte man auf die Frage «wann geschah der tragische Tod ihres Bruders?» schon eine genauere Antwort als «in den 90er-Jahren, aber ich möchte nicht darüber sprechen». Die Dame wurde 1992 geboren …
  • «Ich bezeichnete mich in den Medien mehrfach als Atheistin, wenn ich danach gefragt wurde. Ich habe eine muslimische Herkunft, aber ich bin Atheistin.» Sie bezeichnete sich in den Medien auch schon als Muslima. Als ZACKBUM sie fragte, was es denn nun sein dürfe, schwieg sie.
  • Sie machte auch schon mit der Behauptung Schlagzeilen, dass sie bis zu 100 Hassmails am Tag bekomme. Als ZACKBUM bat, doch eine anonymsierte Auswahl zu zeigen, schwieg sie.
  • Sie stellt munter weiter wilde Behauptungen auf: «Ich solle «verschwinden», hiess es öffentlich. Das war eine orchestrierte Hetze, die einem Manual der Identitären Bewegung folgte.» Wow, ein Manual der «Identitären Bewegung». Ob sie das zufällig zur Hand hat?
  • «Sich allein zu fühlen, bricht einen Menschen. Ich hätte all das nicht durchgehalten, wenn mir nicht meine Freunde, Verbündete in der Partei und bei der Operation Libero – und so unglaublich viele Fremde – geschrieben und mich unterstützt hätten. Und wenn nicht Tausende diese Petition unterschrieben hätten. Ich las jeden einzelnen Namen. Meine Familie und mein Umfeld liessen nicht zu, dass ich mich allein fühlte.» Ob die Dame wohl bereit wäre, eine kleine Auswahl dieser Unterstützungsschreiben anonymisiert zur Verfügung zu stellen?
  • «Noch bevor es Medienberichte gab, löschte ich meinen Post, entschuldigte mich und bat um Vergebung.» Das ist im Streubereich der Wahrheit; der Post war auf jeden Fall stundenlang online, bis ZACKBUM anfragte, was es damit auf sich habe – und keine Antwort erhielt.
  • «Beim Anblick des Bildes an der Wand sah ich gar nichts. Ich fühlte nur einen Schmerz. Einen Schmerz, der keinen Anfang und kein Ende kennt. Nach dem Schiessen rannte ich raus. Der Schmerz war immer noch da, irgendwie war er unterbewusst immer da, stärker seit dem Ukraine-Krieg.» Wie können zwei erwachsene Journalisten ohne Gegenwehr einen solchen Stuss anhören? Niemand formuliert so aus dem Stegreif. Das sind alles wohlvorbereitete, überlegte, auf ihre Wirkung hin abgeklopfte Narrative.

Was auch immer mit der Bachelorette der Politik geschehen wird, sie hat die Medien mal wieder um den Finger gewickelt. Tamedia hat sich sogar nicht entblödet, alte, peinlich gestellte Fotos zwecks Illustration seiner Nacherzählung wieder aus dem Archiv zu holen.

Vielleicht war es wirklich ein Fehler von Farner, die Dame zu entlassen. Sie ist ein Naturtalent, eine Wiedergängerin von Tartuffe im 21. Jahrhundert. Um ihre Kunstfertigkeit zu beschreiben, bräuchte es wahrlich einen Molière.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-15-um-15.13.33-e1734272059363.png 520 919 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-12-16 05:30:482024-12-15 21:33:47«Unfassbar»
René Zeyer

Unerträglich

15. Dezember 2024/29 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Patrik Müller lotet schamfrei Tief- und Sumpfgebiete aus.

Die Bachelorette der Politik hat’s mal wieder geschafft. Alleine auf Deutsch verzeichnet die Mediendatenbank SMD an einem Tag 66 Treffer. «Exklusiv-Interview», trompeten Patrik Müller und Thomas Wegmann und verschwenden fast 19’000 Anschläge, um einem politischen Leichtgewicht Bedeutungsschwere zu verleihen.

Natürlich hat sich die Dame, deren Namen wir hier nie mehr nennen wollen, sorgfältig überlegt und ausgesucht, wo sie ihren Rückweg ins Scheinwerferlicht und die Öffentlichkeit antreten wird. Mit ihrer eigenen Partei, mit ihrem Parteichef spricht sie kein Wort und lässt sich verleugnen. Aber da ihr die mediale Aufmerksamkeit wie dem Gummibaum die Büroluft fehlte, konnte sie nicht länger an sich halten. War sie vorher krank, sei sie nun wieder gesund geworden.

Und CH Media bietet ihr willig die grosse Bühne. Riesen-Aufmacherfoto auf der Front der «Schweiz am Wochenende», immerhin das auflagenstärkste Wochenendblatt. Dann eine Doppelseite (!) Interview, geschickt getimt in der Adventszeit, mit einem Titelzitat, das vor schleimiger Scheinheiligkeit nur so tropft:

«Ich fühlte einen Schmerz, der kein Anfang und kein Ende kennt».

Die «GlücksPost» muss grün und blau vor Neid sein, so ein Geheuchel kriegt nicht mal die Herz-Schmerz-Postille hin. Auch die Fragen bewegen sich auf diesem Niveau:

«Wie geht es Ihnen? Wie haben Sie die letzten Wochen verbracht? Wie reagierten die Menschen, denen Sie begegneten?» Ein Therapeut hätte nicht einfühlsamer fragen können. Und die Antworten? Sorgfältig gescriptet; die Dame hatte ja genug Zeit, sich alle passenden Worthüslen bereitzulegen, hat sie sicherlich auf ihre Wirksamkeit hin professionell abklopfen lassen, hat da und dort noch etwas Schleim draufgeschmiert oder weggenommen.

Der Kotau geht bis an den Boden: «... Fehler gemacht, einen groben und dummen Fehler … schäme mich … Verantwortung übernehmen …» Blabla. Ein US-TV-Prediger, dem man einen Seitensprung mit Fruchtfolge vorwirft, könnte keine bessere Show hinlegen. Selbst Christophe Darbellay, als katholischer Familienvater genau dabei ertappt, war ein Waisenknabe dagegen.

Richtig dünn wird es allerdings, wenn die Dame zu erklären versucht, wie es denn zu diesem dummen Vorfall gekommen ist, dass sie ein Foto von sich in Kampfmontur mit Pistole und das zerschossene Marienbild mit Kind postete. Das hat nun schon fast literarische Qualitäten, hätte Molière seinem Tartuffe problemlos in den Mund legen können. Es hat etwas Genialisches, muss man zugeben. Und es sich auf der Zunge zergehen lassen:

«Ich war an jenem Freitagabend überarbeitet, nach mehreren Nachtschichten völlig übermüdet. Ich hatte eine Frist. Mein Kopf war so voll und laut, ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren. In solchen Situationen hilft mir Sportschiessen. Man fokussiert sich auf einen kleinen Punkt und hat dann seinen Kopf wieder zusammen. Also ging ich an jenem Abend in den Keller. Vor der Tür war ein Stapel Altpapier, zuoberst der Katalog des Auktionshauses Koller. Ich riss irgendeine Seite heraus, steckte sie an die Wand, ohne etwas zu überlegen, es hätte auch eine andere Seite sein können …»

Welche Komposition. Ein überarbeiteter Mensch, übermüdet, Nachtschichten. Jö. Will den Kopf freikriegen, aber ja. Da liegt ein Katalog herum, natürlich, man reisst irgend eine Seite heraus, klar doch. Aber das ist nur die Einleitung zu einer oscarreifen Nummer:

«Ich machte meine Schiessübungen. Beim Schiessen passierte etwas in meinem Kopf. Etwas, was mich aus der Bahn warf. Ich musste an meine Mutter und an meinen Bruder denken. (Sie pausiert.) Mein Bruder wurde umgebracht, bevor wir geflüchtet sind.(Sie kann nicht weitersprechen.)»

Müller und Wegmann heulen sich hier gegenseitig ins Hemd und wischen tapfer die Tränen ab: «Ihr Bruder wurde erschossen?»
(Nickt.)
Unfassbar.
(Fährt nach längerer Pause fort.) Ich habe lange und immer wieder versucht, dieser Erinnerung aus dem Weg zu gehen. Beim Anblick des Bildes an der Wand sah ich gar nichts. Ich fühlte nur einen Schmerz. Einen Schmerz, der keinen Anfang und kein Ende kennt. Nach dem Schiessen rannte ich raus. Der Schmerz war immer noch da, irgendwie war er unterbewusst immer da, stärker seit dem Ukraine-Krieg. Ich hatte all das verdrängt, und in dem Moment brach es aus, wie ein Vulkan. Ich konnte den Schmerz nicht alleine tragen und wollte ihn abschalten. Und wusste offenbar nicht anderswo hin damit, als es zu posten. Das war impulsiv und unüberlegt.»

ZACKBUM ist hin und weg. Ist das gut, ist das grossartig. Ist das widerwärtig, heuchlerisch, so echt wie ein angeblich blinder Bettler, der heimlich in die Schüssel blinzelt, wenn jemand etwas hineinwirft.

Aber die Nummer ist noch nicht zu Ende gespielt:

«Dass Sie das durchlöcherte Bild auf Instagram stellten: Das war ein Teilen des Schmerzes mit anderen?
An einem normalen Tag hätte ich mit jemandem darüber gesprochen oder ich hätte mich eingeschlossen und den Schmerz vorbeigehen lassen. Aber ich schwamm da in einem Meer des Schmerzes, der Kopf war … nicht mehr da. Ich war nicht fähig, irgendetwas zu überlegen, ich konnte nur noch tun. Das Handy war da, und so tat ich, was ich mit etwas Überlegen nie getan hätte.
Ist das eine Rechtfertigung?
Nein. Es ist eine Kontextualisierung von dem, was vorgefallen ist, keine Rechtfertigung. Es tut mir nach wie vor unendlich leid, was ich getan und damit ausgelöst habe.»
Kontextualisierung, einfach grossartig. Wir nähern uns unaufhaltsam dem Finale, sozusagen dem Gipfel des Schleimbergs:
«Darf ich fragen: Wann geschah der tragische Tod Ihres Bruders?
In den 90er-Jahren, aber ich möchte nicht darüber sprechen.»

Wow. Das ist mindestens so ergreifend, wie wenn auf der Opernbühne der Held gemeuchelt wird und liegend zu seiner Todesarie ansetzt, während die Umstehenden ihr Haupt verhüllen. Das Publikum greift gerührt zu den Taschentüchern und tupft sich die Tränen ab; nur ein ganz Unsensibler schneuzt sich vernehmlich.

Dann lässt das Interview emotional schwer nach, der Dame werden die üblichen Fragen souffliert, wie’s denn so weitergehen soll politisch. Aber welch eine Show, was für eine begnadete Schauspielerin und Manipulatorin, diese Dame. Dämlich nur, dass zwei gestandenen Journalisten nicht die einzig richtige Frage einfällt, die diese Show wie einen Luftballon platzen lassen würde:

Die Dame hat bekanntlich die Fotos nicht selbst gemacht, sondern machen lassen. Also war das keine spontane, schmerzerfüllte Aktion, Trauerarbeit für den erschossenen Bruder, (schluchz, heul). Also rannte sie auch nicht hinaus, griff auch nicht spontan zum Handy, das ja jemand anders bediente. Sondern es war wie alles zuvor eine eiskalt geplante Provokation, bei der sicherlich aus verschiedenen Schnappschüssen die richtigen ausgewählt wurden, von denen sich die Beteiligten die grösste Wirkung versprachen. Dass die dann übergross wurde, Künstlerpech.

Die beiden betroffenen und ergriffenen Interviewer («unfassbar») vergessen auch, Ameti nach dem angeblichen Polizeischutz zu fragen, mit dem sie hausieren ging, von dem man aber nicht weiss, ob er wirklich stattfand. Schliesslich bestätigte die Polizei ZACKBUM nur, dass man mit der Dame in Kontakt sei.

Die Dame hat zum Start ihres Comebacks alles richtig gemacht. Sie ist und bleibt zwar peinlich, hat nun aber darin zwei Bundesgenossen gewonnen. Einer ist immerhin der Oberchefredaktor von CH Media.

Das löst mehr als fremdschämen aus. Diesen Text zu lesen, das ist so, wie wenn man eine Büchse öffnet ohne auf das Ablaufdatum zu achten, und der Inhalt explodiert einem ins Gesicht.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/12/Bildschirmfoto-2024-12-14-um-10.18.13.png 525 764 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-12-15 05:00:302024-12-14 18:50:09Unerträglich
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