Elends-Interview
Was wollte Roger de Weck zwecks Werbung für sein neustes Buch schon immer mal sagen?
Früher, ja früher war das Interview eine Königsdisziplin des Journalismus. Gut vorbereitete Interviewer benützten die Gelegenheit, im offenen Austausch von Argumenten einer Person des öffentlichen Interesses auf den Zahn zu fühlen. Das war unterhaltsam, erkenntnisreich und eine Probe für die Schlagfertigkeit des Interviewten.
Unsterblich Antworten wie die des deutschen Elder Statesman Helmut Schmidt: «Das ist eine ganz falsche Frage.»
Aber in der allgemeinen Degeneration eines einstmals angesehenen Berufs sind Interviews heutzutage Abfrageveranstaltungen, bei denen der Interviewte auch mal ungestraft frech werden darf. Ein weiteres, unappetitliches Exemplar ist das Gespräch in der Gesinnungsblase der beiden Tamedia-Journalisten Sandro Benini und Sofiya Miroshnyk (ZACKBUM übernimmt die misogyne Reihenfolge vom Tagi) mit dem «Ex-SRG-Chef» Roger de Weck.
Statt ihn so zu betiteln, wäre schon mal eine einleitende Frage gewesen, wieso er eigentlich als designierter VR-Präsident der «Republik» Fersengeld gab, bevor er sein Amt angetreten hatte. Aber stattdessen ein lohudelnder Einstieg. Er lege «mit «Glanz und Elend der Konservativen» ein viel beachtetes Buch vor».
Schon den Titel hat er (schlecht) von Balzac geklaut.
Schon der erste Ausflug des Hobbyhistorikers de Weck in die Geschichte hätte kräftiges Kontra verdient. Anlässlich der Wahlen in Sachsen-Anhalt zeige sich eine «wachsenden Minderheit, die sich in preussischer Tradition nach Osten orientiert: nach Russland. Von Bismarck bis Hitler war Deutschland nirgends eingebunden, mit verheerenden Folgen. Es war das epochale Verdienst des konservativen Kanzlers Konrad Adenauer, die junge Bundesrepublik im Westen zu verankern».
Wo soll man anfangen? Dieses angeblich epochale Verdienst war von Anfang an hoch umstritten, weil es die deutsche Teilung zementierte und nahtlos zur Wiederbewaffnung der BRD führte, trotz aller Schwüre, dass es niemals mehr eine Wehrmacht geben solle. Und es gibt eine historische Konstante in der europäischen Geschichte: wenn Preussen (oder andere Ausformungen Deutschlands) mit Russland in Frieden lebte, gab es keinen Krieg.
Daher bemühte sich Bismarck mit Dreikaiserabkommen und dem Rückversicherungsvertrag von 1887 um ein Bündnis mit Russland. Aber he, wer von den Drei hat schon eine Ahnung von Geschichte.
Statt ihm so auf den Zahn zu fühlen, darf de Weck ungehemmt weiter perseverieren: Sollte Deutschland «eines Tages dazu neigen, sich Russland anzubiedern und den Westen gegen den Osten auszuspielen – dann wären neue Katastrophen unausweichlich». Wann hat es sich jemals angebiedert, und welche alte Katastrophen sind dadurch entstanden?
Stattdessen weiter im gemeinsamen Gesinnungsgalopp: «Die AfD ist eine Putin-Partei.» Ob Putin das weiss, was de Weck kühn und belegfrei behauptet? Oder doch ein Argument, oder gar zwei? «Sie will sämtliche Wirtschaftssanktionen gegen Russland streichen und in Sachsen-Anhalt den Russischunterricht fördern.»
Das ist höchstens im Streubereich der Wahrheit. Die lokale AfD fordert die Aufhebung der Sanktionen, wohlwissend, dass das eine Entscheidung auf Bundesebene wäre. Und in diesem Bundesland wird Russisch schon immer als Fremdsprache ganz normal unterrichtet.
Dann äussert sich de Weck mehr als merkwürdig zum Versuch, die AfD auszugrenzen: «Kein einziger Kritiker der Brandmauer hat bisher plausibel dargelegt, wie deren Beseitigung die AfD schwächen könnte. Hingegen würde die CDU implodieren, sobald sie die Brandmauer schleifen würde.»
Eine plausible Begründung wäre, dass ihre Regierungsbeteiligung aufzeigen könnte, dass auch die AfD nur mit Wasser kocht und ihre vollmundigen Versprechen nicht einlösen könnte. Und ob die CDU implodierte, was für haltloses Geschwätz.
Aber es wird noch schlimmer:
«Lassen sich die Christdemokraten auf die AfD ein, in der ein Björn Höcke bewaffnete Neonazis als Mitglieder begrüsst, begehen sie politischen Selbstmord.»
Würde jemand, der nicht ins ideologische Raster der hier Sprechenden passt, solche demagogische Überspitzungen, typische Fake News von sich geben, starker Gegenwind wäre ihm gewiss. Denn das hat Höcke einwandfrei nicht getan.
Korrekt wäre: er setzt sich für die Wiederaufnahme beziehungsweise Wiederherstellung der Mitgliedsrechte konkreter AfD-Mitglieder ein, denen die Bundesanwaltschaft die Mitgliedschaft in einer bewaffneten neonazistischen Terrorgruppe vorwirft. Solange das Strafverfahren nicht rechtskräftig abgeschlossen ist, sollte man ausserdem zwischen dem Vorwurf der Bundesanwaltschaft und erwiesenen Tatsachen unterscheiden.
Mit solchen Dreckeleien gegen politische Gegner disqualifiziert sich de Weck als ernstzunehmender Publizist. Jedenfalls ausserhalb des kleinen Tamedia-Universums.
Aber als Sahnehäubchen wird er sogar noch frech. Denn die Interviewer trauen sich eine einzige etwas kritische Feststellung: «Ein Intellektueller mit Ihrem sozioökonomischen Status ist mit den Aspekten der Realität, welche viele AfD-Wählerinnen und -Wähler umtreiben, kaum jemals konfrontiert.»
Da gibt’s aber einen zurück: «Sie glauben keine Sekunde lang an die Frage, die Sie gestellt haben.» Matte Gegenwehr: «Doch, natürlich.»
Dann halt eins über die Rübe: «Ich verweigere mich dieser Frage und der identitätspolitischen Logik, der Mensch sei dermassen von seiner Herkunft geprägt, dass er Erfahrungen und Denkweise anderer Milieus nicht erschliessen könne. Das ist populistisches Anti-Elite-Denken.»
Statt de Weck darauf aufmerksam zu machen, dass er sich mit solchem Schwulst-Schwurbel selbst entlarvt, wird das gesenkten Haupts hingenommen.
Dabei ist es eines von vielen Problemen de Wecks, dass er als wohlhabender Bonvivant keine Ahnung hat, was ein Prekariatsmitglied in Deutschland umtreibt.
Dann noch seine abschliessende Frechheit: «Bei der Kernkraft oder der Halbierungsinitiative versucht er (Bundesrat Albert Rösti, Red.), sich über Volksentscheide hinwegzusetzen. Die SVP hat sich trotz Regierungsverantwortung nicht etwa gemässigt, sondern radikalisiert – ähnlich wie die US-Republikaner.»
Man kann’s natürlich auch positiv sehen: dank dieses Interviews ist man sicher, dass man dieses Buch bestimmt nicht lesen muss.
















