Hoffen aufs Vergessen

Djokovic Superstar. Lobhudeleien heute, Häme gestern.

Nach seinem Sieg in Wimbledon kriegen sich die Sportjournalisten kaum ein: «Novak Djokovic schwebt am Hochzeitstag im siebten Himmel – und jagt Roger Federer und Rafael Nadal», jubiliert CH Media. «Er wird einfach nicht satt», kümmert sich die «Süddeutsche» um den Appetit des Tennisspielers. «Djokovic macht Kyrgios platt», hämmert der «Blick». «Djokovic im 7. Wimbledon-Himmel», stimmt René Stauffer bei Tamedia Schalmeiengesänge an.

Nur «watson» erwähnt schon im Titel ein früheres Problem: «Langer, frustrierender Sommer – Djokovic zahlt hohen Preis für konsequente Impf-Haltung». Aber was inzwischen «konsequente Impfhaltung» ist – der Weltklassespieler verweigert aus Überzeugung eine Corona-Impfung –, das hörte sich noch vor Kurzem ganz anders an.

Stauffer hofft dabei wohl auf das löchrige Kurzzeitgedächtnis seiner Leser, denn vor nicht allzu langer Zeit holzte er noch:

«Der Weltranglistenerste ist zum Symbol der Egozentrik, der Uneinsichtigkeit, der Ungleichheit und zu einem weltweiten Anführer der Impfgegner geworden.»

Der ungeimpfte Djokovic war damals trotz ordentlicher Einreisebewilligung an der australischen Grenze aufgehalten worden und hatte dagegen von seinen rechtlichen Möglichkeiten Gebrauch gemacht. Noch schlimmer für Rechtskenner Stauffer, ein Richter hatte zunächst seine Einreise bewilligt; das sei «wie ein Schlag ins Gesicht.» Denn das Urteil sei «brandgefährlich für Melbourne und Australien». «In der Stadt drohen nun Tumulte … Sollte er tatsächlich als Spieler in die Rod Laver Arena schreiten, ist ein Aufruhr garantiert.»

Das blieb dann Australien erspart, und Stauffer frass kiloweise Kreide. Aber nicht nur er hatte sich mit unqualifizierten Rüpeleien blamiert. Damals war es üblich, solche demagogischen Fotos zu veröffentlichen:

Die Fachkoryphäen des Filzballs, die Spezialisten für Serbien und Serben, waren sich einig: Der Mann rennt in ein «Fiasko» (SoZ). Er spielt «Russisches Roulett» (CH Media). Die «Chefredaktorin Sport» des «Blick» wusste: «Die Pointe in der Aussie-Open-Geschichte ist, dass Djokovic am Flughafen festsass und offenbar das Land wieder verlassen muss.» Zwischenzeitlich rettete Steffi Buchli nur ein vorsichtiges «offenbar» vor der völligen Peinlichkeit.

«Und täglich grüsst der Drama-King», verballhornte die «Blick»-Fachkraft den Titel eines schönen Films, der das nicht verdient hätte. Ein Vollpfosten aus dem Hause Tamedia sah schon den «tiefen Fall eines grandiosen Tennisspielers» voraus. Und die Serben? «Wer in diesen Tagen die serbische Krawallpresse liest, der wähnt sich kurz vor einem Weltkrieg.» Typisch für diese -itsch. Unzivilisiert, aggressiv, grössenwahnsinnig, gefährlich halt.

Den Vogel schoss allerdings ein durch Abstammung vorbelasteter Schmierfink bei Tamedia ab: Richtig auf die Kacke haute wie meist bei solchen Themen Enver Robelli. Vielleicht sollte Tamedia die Berichterstattung über den Balkan nicht einem Mitarbeiter mit, nun ja, Migrationsgeschichte, überlassen. Denn Robelli geht es offensichtlich weniger um die Aufklärung der Leser, mehr um die Abarbeitung eigener Vorurteile.

Über die Abschiedsreise der deutschen Ex-Bundeskanzlerin durch den Balkan zeigte er sich «irritiert», denn: «Merkel umarmt die Autokraten». Da war er aber noch sanft gestimmt. Der gebürtige Kosovare leistet gegenüber Kroatien einen gewaltigen Beitrag zur Völkerverständigung:

«Kroatiens Präsident als Provokateur: Er poltert gerade wie ein Betrunkener – gegen Minister und Bosniaken».

Ein besoffener Präsident, da hat die nüchterne Merkel Schwein gehabt. Auch die Sache mit dem Osmanischen Reich hat Robelli nicht vergessen: «Der Westen darf vor Erdogan nicht einknicken.»

Aber zur Höchstform läuft Robelli bei der Affäre um Djokovic auf. «Serbische Krawallpresse», schimpft Krawallant Robelli, «Belgrader Hetzblatt», hetzt Robelli. «Selbstverständlich hätten die aufopferungswilligen Serben 1389 in der Amselfeld-Schlacht gegen die Osmanen die ganze westliche Zivilisation gerettet», behaupte ein verpeilter «ultranationalistischer Pseudohistoriker» in seinen «Machwerken», die Djokovic promote.

Dabei sollte Robelli wissen, das die historische Wahrheit über dieses Gemetzel – wie meistens – viel komplexer ist, feststehende Tatsache hingegen, dass die Serben tatsächlich aufopferungsvoll gegen das Osmanische Reich in die Schlacht zogen.

Dann diagnostiziert Robelli bei den Serben «Grössenwahn», «verletzten Stolz» und überhaupt «krude Ansichten». Kein Wunder:

«Schwurbler Djokovic geniesst eine ungewöhnlich grosse Narrenfreiheit.»

Leider traf das aber in erster Linie auf den Demagogen Robelli zu.

Im heutigen Armenhaus-Journalismus ist Anstand oder Einsicht in eigene Fehler Mangelware. Mitglieder der Journaille wie Stauffer oder Robelli hoffen einfach darauf, dass sich keiner mehr an ihr dummes Geschwätz von gestern erinnert. Dabei übersehen sie allerdings, dass das bei ihnen auch für heute und morgen gilt …

4 KOMMENTARE
  1. Oskar
    Oskar says:

    Immerhin rangieren, so habe ich gelesen, die Journalisten im Reputations-Ranking noch hinter den Investment-Bankern und den Zuhältern. Das lässt hoffen auf Besserung – von zugegebenermassen eher tiefem Niveau.

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  2. Werner Frei
    Werner Frei says:

    50 Jahre lang schrieb ich fast wöchentlich in den unterschiedlichsten Rubriken einer Regionalzeitung. Auch nach 50 Jahren gab es Leser und Leserinnen, die meinen Namen nicht kannten. Die wenigsten Leserinnen und Leser schauen auf die Namen der Autorinnen und Autoren.

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  3. René Küng
    René Küng says:

    Nicht vergessen, Robelli, Knallwolf, oder ‹Stauffer› (klingt besser für brave Schweizer), war ‹Mehrheit› diese letzten 2 Jahre und mehr.
    Bin mal gespannt, was die Immungeschwächten im Herbst wieder posaunen, wenn sie die nächste Grippewelle schlecht vertragen. Wieder die Maske auf, die Djokos aus Beizen aussperren, Kinder und Alte terrorisieren, die selberDenker als Idioten diffamieren?
    Und weiterhin hoffen, glauben, teubelen, dass die Dritte oder der zweite buuster, beziehungsweise die BundesratMedienExperten sie ganz bestimmt vor einem schweren Verlauf schützen….
    Gottlos verlaufen diese Mehrheit.

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