Zahlenzauber

Wie steht es eigentlich um den Verdienst im Pflegesektor? Gute Frage.

Die Medien haben ja die vornehmste Aufgabe, gerade bei strittigen Themen Basisinformationen zu liefern. Damit sich der mündige Staatsbürger informieren kann, bevor er beispielsweise über die Pflegeinitiative abstimmt.

Also gibt es doch sicher eine einfache Antwort auf die einfache Frage: wie steht es denn um den Verdienst im Pflegeberuf? Sagen wir mal, um es etwas einzugrenzen, im Spital. Und wenn wir schon dabei sind: gibt es genügend Pfleger (ja, damit ist auch die weibliche Mehrheit gemeint), haben wir die zukünftigen Entwicklungen im Griff?

Fangen wir oben an. Die NZZ stellt die Frage: «Obwohl es zu wenig Pflegepersonal gibt, steigen dessen Löhne nicht – wieso?» In echt liberaler Manier betet die alte Tante kurz das Credo der Marktwirtschaft runter: «Wenn ein Gut knapp ist, steigt der Preis.» Allerdings muss das Blatt wieder einmal konstatieren, dass das halt doch nicht so ist, denn die Löhne der Pflegekräfte sind zwar seit 2007 um 15 Prozent gestiegen – das ist aber gutschweizerischer Durchschnitt.

Wundersame Zahlenzauberei

Aber wie steht es nun mit dem Einkommen? Am Unispital Zürich

«verdienen diplomierte Pflegefachleute brutto zwischen 73 000 und 105 000 Franken und Pflegende mit einer Berufslehre als Fachangestellte Gesundheit (Fage) zwischen 62 000 und 83 000 Franken. Anhand von Spitaldaten hat Salärexperte Urs Klingler einen durchschnittlichen Bruttolohn in der Pflege von 83 000 Franken errechnet. Dies entspricht etwa dem Medianlohn in der Schweiz, der bei 85 000 Franken liegt.»

Wir widersprechen dem Kompetenzzentrum NZZ nur ungern, aber laut Bundesamt für Statistik (BfS) liegt der monatliche Medianlohn bei 6538 Franken, womit im Jahr die Hälfte der Schweizer Bevölkerung mehr, die andere Hälfte weniger als 78’456 Franken verdient.

Ein mit Diplom ausgestatteter Pfleger verdient im Schnitt 5600 Franken im Monat. Laut Schweizerischer Lohnstrukturerhebung (LSE) des Bundesamts verdient eine spezialisierte und diplomierte Pflegefachkraft ein Anfangsgehalt von 6600 Franken (Schnitt von Frauen und Männern, wobei Frauen 6538.- verdienen, Männer 6937.-). Mit zehn Jahren Erfahrung steigt das auf gigantische 7441 Franken.

Unqualifizierte Pfleger verdienen deutlich weniger

«Sonstiges Pflegepersonal» beginnt mit 4729.- und steigert sich nach zehn Jahren auf 5103 Franken. Der Durchschnittslohn aller Pflegekräfte, unabhängig von der Qualifikation und Erfahrung, beträgt 6538 Franken.

Wie angesichts dieser Zahlen ein Bruttolohn in der Pflege von 83’000 Franken «errechnet» werden kann, muss wohl höhere Mathematik sein. Schon vor ziemlich genau einem Jahr präsentierte die NZZ die Mär von diesem Bruttolohn. Um triumphierend festzuhalten:

«Es ist eine Schande, wie schlecht die Schweiz ihre Pflegenden bezahlt. Das ist eine beliebte Erzählung – aber stimmt sie auch? Wer in der Pflege arbeitet, verdient im Schnitt 83 000 Franken im Jahr. Es handelt sich also grundsätzlich nicht um Jobs im Niedriglohnsektor.»

Dabei wird nicht einmal berücksichtigt, dass das durchschnittliche Pensum in der Spitalpflege bei 75 Prozent liegt. Denn es soll sich scheint’s um einen emotional, psychisch und physisch anstrengenden Beruf handeln.

Das Gehalt ist nur ein Teil des Skandals

Weitere Faktoren kommen hinzu. Es fehlen aktuell rund 12’000 Pfleger, Tendenz deutlich steigend. Durch zunehmende Beanspruchung ohne finanzielle Kompensation, ohne sinnvolle Perspektive, dass das schnell einmal anders wird, steigt die Fluktuation, beziehungsweise häufen sich die Abgänge.

Wer in der Pflege arbeitet, tut das nicht in erster Linie wegen des Gehalts, sondern aus Berufung. Damit wird ein Schindluder getrieben, das es keine Art ist. Es wäre – gerade nach Annahme der Pflegeinitiative – dringlichstes Gebot für alle Verantwortlichen, sämtliche Finger aus dafür nicht vorgesehenen Körperöffnungen zu nehmen und in die Gänge zu kommen. Stattdessen gibt es weiterhin wohlfeile Worte, Bedenkenträgerei und Hinweise auf die langsam mahlenden Mühlen der Demokratie, des Parlaments und der Gesetzgebung.

Zur Schande der mangelnden Rechenkünste kommt die Schande der mangelnden Sensibilität, Verantwortlichkeit und Haftbarkeit.

Stattdessen der Rauchvorhang, dass es halt zu wenig Intensivbetten gebe, eine Naturkatastrophe, in erster Linie durch Ungeimpfte verursacht. Man kann es nicht oft genug wiederholen: auch die ewige Repetition macht das nicht richtiger.

2 KOMMENTARE
  1. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Hervorragende und erst noch faktenbasierte Analyse einer hausgemachten Misere durch Hr. Zeyer. Danke.
    So unschuldig, wie sich die Insider und deren Vorgesetzte gerne geben sind sie nämlich nicht. Spitäler die nicht fähig sind die korrekte Vorgehensweise beim Spitaleintritt (auch im Notfall) durchzusetzen und tolerieren, dass in den nötigen Formularen einzelne Fragen einfach willkürlich oder nicht ausgefüllt werden, haben ein ernstes Führungsproblem.
    Wenn Politikern nur selber ausgewählte Zahlen verwenden, um höchst zweifelhafte Massnahmen als Königsweg zur von oben verliehene Freiheit (verstehe: garantierte Sicherhei!), welche nicht den wirklich erforderlichen Daten entsprechen, sondern den gelieferten (weil angeblich nicht lieferbaren), dann sind solche Politiker sinn-, nutz- und hirnlos.
    Krank ist nur das Gesundheitswesen als Ganzes! Das weiss man nicht erst seit 2020, sondern war das Resultat aller Studien und (leider oder absichtlich viel zu wenigen) gross angelegten Stresstests der letzten Jahrzehnte.
    Da hat Schweden einzigartig reagiert: Ein Griff in die Schublade und das vorbereitete Konzept – nach vergangenen Herausforderungen wie SARS – wies den Weg zu einer Strategie, die durchaus verbesserungswürdig, aber zumindest logisch, kreativ und mit dem nötigen Selbstvertrauen umsetzbar war.
    Und bei uns? Nichts von alledem, sogar die externen Berater konnten sich ultimativ anbiedernd selber legitimieren und dafür sorgen, dass keinesfalls auch Querdenker zum Einsatz kamen. Warum wohl?
    Richtig: es ging nicht um Problemlösungen oder gar Krisenmanagement, sondern um Anrechte, Pfründe, Komplizenschaften und Freundschaftsdienste. Das ist die Grundlage für ein krankes Gesundheitssystem ohne Genesungschance mit heuchlerischen Berufspolitikern und eitlen Eliten der angeblichen Wissenschaften.

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