Kleine Insel der Vernunft

Über 1000 Treffer am Montag für Corona im Medienarchiv. Da muss man sich auf eine Insel retten.

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist auch nicht mehr der Jüngste. Der 82-Jährige macht Zwischenstation in Zürich, wo ihn Tagi-Redaktor Rico Bandle interviewte, weil bei dem die journalistischen Reflexe noch funktionieren.

Entstanden ist ein Gespräch voller Altersweisheit mit einem Schriftsteller, der zu den ganz Grossen der lateinamerikanischen Weltliteratur gehört. «Die Stadt und die Hunde», «Das grüne Haus», «Der Krieg am Ende der Welt», «Das Fest des Ziegenbocks», «Harte Jahre», immer verwob Vargas Llosa Fiktion und Geschichte, sah seine Werke als mögliche Besserungsanstalt für die Welt.

Allerdings gehörte er nie dem linken Mainstream der lateinamerikanischen Literatur an, was ihm die Verachtung der Salonlinken in Europa einbrachte. Dass er ein herausragendes Werk geschaffen hat, mindestens auf der Höhe des anderen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, ist unbestreitbar.

Streitbar ist Vargas Llosa bis heute geblieben, immer wieder mischte er sich in die politischen Geschehnisse seines Heimatlandes Peru ein, kommentierte aus liberaler Sicht die Entwicklungen in anderen lateinamerikanischen Ländern. Zunehmende Distanz hilft ihm auch dabei, seit vielen Jahren lebt er in Madrid.

Natürlich musste das Gespräch auch das Thema Corona enthalten, unvermeidlich. Viel ergiebiger sind aber die Ansichten von Vargas Llosa zur zunehmenden Unfähigkeit zum Dialog über ideologische und weltanschauliche Differenzen hinweg. Das betrifft zum einen ihn persönlich:

«Vor allem an den Universitäten hat sich eine Woke-Kultur durchgesetzt, die alles auslöschen möchte, was nicht der eigenen Ideologie entspricht. Man beschimpft mich als Faschisten. Dabei hasse ich den Faschismus! Ich bin zu hundert Prozent ein Demokrat. Aber ständig verunglimpft man mich als Faschisten. Das ist doch unglaublich. Da ist kein Interesse an anderen Haltungen, man stellt politische Gegner absichtlich falsch dar.»

Dabei hat Vargas Llosa selbst politisch einen weiten Weg zurückgelegt. Er war lange Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei, die in Peru verboten war. Er erinnert sich, dass man damals noch bis hin zu den Christdemokraten miteinander diskutierte: «Man sprach noch miteinander. Heute tut man das nicht mehr. Das ist ein Rückschritt in längst überwunden geglaubte Zeiten.»

Vargas Lllosa hat auch eine Erklärung dafür, wieso das verloren gegangen ist:

«Ich glaube, eine Ursache liegt beim kolossalen Scheitern der grossen sozialistischen Länder. Die Sowjetunion brach zusammen, Chinas Kulturrevolution war ein schrecklicher Flop, Zehntausende von Menschen starben. Mit Vernunft ist der Sozialismus nicht mehr zu verteidigen. Seit Descartes wissen wir aber, dass die Vernunft die Grundlage der Kommunikation ist. Ohne Vernunft bleibt nur die Ausflucht zur Beleidigung und Ausgrenzung. Genau das passiert heute – und das ist sehr gefährlich. Denn ohne Dialog können Ideologien nicht überwunden werden.»

Es bleibt das Bedauern, dass solche Stimmen bald verstummen werden, dass Vargas Llosa in Europa, in der Schweiz nie so gewürdigt wurde wie seine grandios, aber politisch korrekt scheitendern literarischen Kollegen.

Es bleibt die Freude, dass sogar bei Tamedia noch einsame Sternstunden des Journalismus möglich sind. Dazu bräuchte es so wenig. Der Verzicht auf Rechthaberei und das Belästigen des Leser mit der eigenen Meinung. Einen aufmerksamen Blick auf Besucher und Gäste in Zürich. Und einfach ein Gespräch über Gott, die Welt, Aktuelles und Vergangenes. Und schon schafft Journalismus einen Mehrwert, für den der Leser gerne bezahlt.

Wenn man nur drei Bücher von ihm lesen sollte …

(Leider hinter Bezahlschranke)

Interview mit Nobelpreisträger Vargas Llosa: «Ich erachte es als sehr gefährlich, was zurzeit überall auf der Welt geschieht»

Er gehört zu den grössten lebenden Autoren der Welt. Ein Gespräch mit Mario Vargas Llosa in einem Zürcher Hotelzimmer über die neue Intoleranz, das Coronavirus und die Tragödie Südamerikas.

 

2 KOMMENTARE
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Das Stichwort Salonlinke bringt es auf den Punkt.
    Die Linke hat das jämmerliche Scheitern des Realsozialismus bis heute nicht verwunden und geistert unübersehbar weiter durch die Hinterköpfe der Linken.
    Die Gegenposition der radikal sog. Kapitalismus driftet im Nachgang ebenfalls gegen die Wand, die Exzesse und Verwerfungen im Finanzwesen sind der unübersehbare Beleg.
    Die Zeit für eine Aufklärung 2.0 im Geiste und Sinne des Liberalhumanistischen Weitbildes ist überreif.
    Keine einfache Sache, ist doch das Liberalhumanistische Weltbild das anspruchsvollste aller Weltbilder.
    Das ist nicht einfach die Mitte der Extreme, sondern basiert auf ERARBEITETEN Ergebnissen, nach den Kriterien Rationalismus Mass und Verantwortung.

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  2. Robert Müller
    Robert Müller says:

    Was interessiert einen jungen, woken, urbanen Tagi-Journalisten ein Vargas Llosa, die kennen den womöglich gar nicht. Ein alter weisser Mann. Viel wichtiger ist das „belästigen der Leser mit der eigenen Meinung“ wie Sie es schreiben, das ständige demonstrieren der richtigen Haltung.

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