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Hanslis Interview mit Vitali

Auch ein Oberchefredaktor ist nicht in jedem Thema sattelfest.

2012 bestritt Vitali Klitschko seine letzten Kampf als Profiboxer. Er schlug 87 Prozent seiner Gegner k.o., eine beeindruckende Bilanz. 2014 wurde er zum Bürgermeister von Kiew gewählt.

Im Widerstand rund um Euromaiden ging Klitschko ein Bündnis mit der rechtsextremen Swoboda-Partei und Julija Tymoschenko ein. Nach anfänglichen scharfen Auseinandersetzungen mit Präsident Selenskyj ist Klitschkow heute ein wortmächtiger Botschafter ukrainischer Anliegen.

Noch 2019 vermeldeten die Medien: «Kaum hat seine Partei die vorgezogene Parlamentswahl am 21. Juli gewonnen, greift Präsident Wolodymyr Selenskyj gleich einen der bekanntesten Ukrainer weltweit an. Das Präsidentenbüro hat die Regierung gebeten, den Bürgermeister von Kiew und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko als Chef der Stadtverwaltung zu entlassen.» Vergeben und vergessen.

Natürlich waren die Klitschko-Brüder am WEF anwesend, wo es dem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser von Tamedia gelang, ein Interview zu ergattern. Das sind Prestigesachen, wo Chefredaktoren ihren Titel in die Waagschale werfen, um an eine begehrte Person heranzukommen.

Das Problem ist dann allerdings, dass sie relativ unbeleckt von Vorkenntnissen oder Hintergrundwissen durchs Interview stolpern und dem anderen eigentlich Carte blanche geben, seine Kernaussagen einmal mehr zu wiederholen.

Nach einer Liebeserklärung an die Schweiz und höflichem Dank für Flüchtlingsaufnahme und humanitäre Hilfe, kommt Klitschko ohne Umwege zur Sache:

«Aber jetzt stoppen Sie bitte die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Jeder Dollar, jeder Franken und Euro, der nach Russland geht, ist Blutgeld. Dieses Geld nützt Putin nicht zum Wohle seiner Bevölkerung oder für die Weiterentwicklung der Wirtschaft, sondern für Waffen. Es klebt ukrainisches Blut an jedem Franken, den Sie dank dem Handel mit Russland verdienen.»

Also muss man es sich so vorstellen, dass Gasverteiler in der Schweiz metaphorisch gesehen ukrainisches Blut mitverfeuern.

Darauf erwidert Rutishauser lahm, dass die Schweiz aber neutral sein wolle und müsse und sich aus dem Krieg heraushalte.

Das bringt ihm gleich die nächste linke Gerade von Klitschko ein: «Sie müssen sich entscheiden, Schwarz oder Weiss? Unterstützt die Schweiz den Frieden und die Freiheit, oder ist sie auf der Seite des Aggressors, nämlich Russlands?»

Vielleicht versuche die Schweiz tatsächlich gerade, halb schwanger zu sein, zappelt Rutishauser dann in den Seilen, spuckt den Mundschutz aus und fragt, ob die Schweiz denn wirklich anfangen solle, «russische Medien zu zensurieren».

Linker Jab, rechte Schlaghand: «Ja, denn so, wie das jetzt läuft, haben Sie den Krieg im Inneren der Schweiz. Ich sah mir heute Morgen im Hotel die Website von «Russia Today» an. Die erklären, Mariupol sei durch die Ukrainer zerstört worden. Stoppen Sie diese Propaganda!»

Bereits schwer angezählt meint Rutishauser: «Die glaubt hier doch sowieso niemand.»

Um unter einem Schlaghagel zusammenzubrechen: «Unterschätzen Sie die Macht der Medien nicht, unterschätzen Sie die Propaganda nicht. Die Propaganda ist eine grosse Macht. Sogar mächtiger als Waffen. Das sage ich Ihnen als jemand, der in der Sowjetunion gross geworden ist.»

Schon ausgezählt taumelt Rutishauser in seine Ecke und murmelt noch: «Kann die Schweiz irgendetwas tun, um den Krieg zu stoppen?»

Klitschko hat schon beide Arme hochgerissen, um seinen Interviewsieg durch technischen K.o. zu feiern. Aber diese Gelegenheit lässt er sich natürlich nicht entgehen:

«Ja, ich sage es nochmals, es gibt zwei Dinge, die Sie tun können: Stoppt erstens die russische Propaganda und hört zweitens auf, mit den Russen zu handeln.»

Es ist sicherlich einschüchternd, einem 2,01 Meter grossen ehemaligen Boxweltmeister gegenüberzusitzen. Aber Fragen zu stellen und nicht nachzuhaken, als habe Rutishauser zu viele Kopftreffer abbekommen, darauf zu verzichten, sich solche Einmischungen in unsere Presse- und Handelsfreiheit zu verbitten, das hätte der Oberchefredaktor besser das Handtuch in den Ring werfen sollen. Also das Interview im Archiv seiner unveröffentlichten Werke versenken.

 

Dreifacher Harald Schmidt

Alles andere ist Geplauder.

Wenn Harald Schmidt das Opernhaus Zürich beehrt, dann gibt er eines seiner Sternstunden-Interviews, denn Klappern gehört auch bei ihm immer noch zum Handwerk. Normalerweise wächst er dabei an cleveren Fragen.

Auch wenn das nicht der Fall ist, wie beim SoZ-Interview, wirft er doch die eine oder andere Perle vor den Leser: «Meine Lieblingsformulierung ist der heteronormative weisse Cis-Mann», diese Selbstbeschreibung treffe ihn am besten. Wo er das herhabe? «Das lese ich bei Autorinnen, die sich vermutlich für eine lesbische Lebensform entschieden haben und auf Zeilenbasis auf irgendwelchen Blogs schreiben, weil faschistoide alte Männer sie aus den Erfolgsredaktionen rausmobbten. Das ist meine Hauptquelle, um zu lernen, neugierig zu bleiben und wandlungsfähig.»

Schön ist auch der hier:

«Ein Journalist, der mal ein Interview mit mir gemacht hat, wurde vorher von Kollegen gewarnt: «Pass auf, wenn du Schmidt interviewst, er lauert immer auf die nächste Pointe.» Das ist sehr gut, denn das würde ich auch zu Sportreportern sagen: «Achtung vor Ronaldo, der will ein Tor schiessen.»»

Leider hat diese Ausgabe von «nur Schmidt gibt spannende Interviews» ein paar Durchhänger, aber alles in allem ist es das Interessanteste, was vergangenen Sonntag veröffentlicht wurde.

Sehr schön: Auch der SoBli ergatterte ein Interview. Wobei es sicherlich ein typischer Schmidt-Gag ist, dass beide Sonntagsblätter wohl hofften, das exklusiv zu haben.

Geht’s noch schöner? Natürlich, sonst wär’s ja nicht Harald Schmidt. Bereits am Samstag hatten sich die Blätter von CH Media ein Interview mit Schmidt ergattert. Früher hätte da die Sonntagspresse sauer auf die Löschtaste gedrückt. Aber im heutigen Sparjournalismus … Apropos sparen, einige Gags rezykliert Schmidt (wer kann schon dreimal nur originell sein), den hier schenkte er aber exklusiv CH Media: «Seit ich Interviews nicht mehr gegenlese, werden sie immer besser.»

Nur die seriöse NZZaS beteiligte sich nicht an diesem Wettkampf, die hatten schon ein Interview mit Nena im Kasten.

 

Schönsprecher Supino

Der Präsident des Verlegerverbands gewährt nach seiner krachenden Niederlage ein Interview.

Pietro Supino war eher schweigsam in den letzten Wochen. Verständlich, denn er musste einen herben Schlag wegstecken. Die geballte Meinungsmacht aller Mainstream-Medien, mit Ausnahme der NZZ, war für die Annahme des Medienpakets. Zuvorderst auch seine Tamedia, wo er höchstselbst zum Mittel des Leitartikels griff und damit schön unter Beweis stellte, dass die behauptete Trennung zwischen Verlag und redaktionellem Inhalt ein Witz ist, dazu noch ein schlechter.

Ein Sieg an der Urne hätte den angeblich notleidenden Medienclans, den Coninx, Wanner und Ringier, einen grossen Extrabatzen in die Kassen gespült. Dagegen kämpfte nur ein kleines Grüppchen mit sehr überschaubaren finanziellen Mitteln und sehr wenig Sprachrohren.

Daher musste auch Supino einen langen Weg zurücklegen. Zunächst als aussichtslos ignorieren. Nach der schnellen und erfolgreichen Sammlung von Unterschriften fürs Referendum immer noch als unangenehm, aber aussichtslos abqualifizieren. Und umso näher die Abstimmung rückte, desto nervöser und hektischer wurde dagegen angegangen. Als Höhepunkt dann eine völlig vergeigte Werbekampagne mit einem lachhaften Tell, der mit einer Zeitung eine Mauer zusammenhaute.

Selten zeigte sich so offenkundig, dass viel Geld haben nicht unbedingt bedeutet, dass man auch viel Grips einsetzen kann. Also kam es, wie es kommen musste: abgelehnt. Dass Supino einen Supergewinn seiner TX Group verkündete, half auch nicht gerade, das Verständnis zu verstärken, dass die Medien dringend Steuergelder bräuchten. Genauso wenig wie die Zusammenlegung der Handelsplattformen mit Ringier, womit ein potenzieller Milliardengewinn entstand.

Aber nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung. In dem Sinn, dass Supino ja alle an die Wand gemalten Schreckensbilder, die benutzt wurden, um doch an die Kohle heranzukommen, nicht einfach abhängen und im Archiv verstauen kann. Das macht es etwas tricky, sich einem Interview zu stellen.

Dabei ist hilfreich, dass Matthias Ackeret nicht dafür bekannt ist, seine Interviewpartner in die Zange zu nehmen. Entweder war das vorher so abgesprochen, oder aber er verzichtete freiwillig auf eine ganze Latte von kritischen Fragen, die man Supino hätte stellen können und müssen.

Die entscheidende Frage ist natürlich auch, wie es nun weitergehe. Was sind also die Folgen der Ablehnung; wird es zu Eimsparungen und weiteren Einschnitten kommen?

«Nicht unmittelbar. Aber wenn die Zustellkosten steigen und die Abopreise nicht erhöht werden können oder wenn Printabonnements nicht erneuert werden, muss das Geschäftsmodell früher adaptiert werden. Auf längere Sicht bleibe ich aber davon überzeugt, dass es in der Schweiz eine Nachfrage und damit eine nachhaltige Geschäftsgrundlage für guten Journalismus gibt.»

Wenn man diese Wortwolken etwas auswringt, bleibt ja nicht viel übrig. Ausser der Frage vielleicht, was denn Supino unter «gutem Journalismus» genau versteht. Zur medialen Behandlung der Pandemie sagt er: «Die Berichterstattung und die Einordnungsleistung waren nicht nur verlässlich, sondern immer wieder hervorragend.»

Das ist nun sehr bedenklich. Denn entweder meint er das wirklich so, oder aber auch das ist Schönsprech. In beiden Fällen zeugt es von einem anhaltenden Realitätsverlust. Denn mit der einseitigen, obrigkeitshörigen, parteiischen und rechthaberischen Berrichterstattung über die Pandemie, mit der Ausgrenzung kritischer Stimmen, mit dem Hang zur Skandalisierung und zu Horrorgemälden haben die Medien einen guten Teil ihrer eh schon angeschlagenen Glaubwürdigkeit verspielt.

Wo bleibt die Manöverkritik, die Analyse der eigenen Fehler?

Das kann in der Hitze des Gefechts vielleicht passieren, aber danach wäre nun doch eine Manöverkritik, eine kritische Analyse des eigenen Verhaltens angebracht. Aber die Corona-Kreische Marc Brupbacher kann als Symbol dafür genommen werden, dass auf dem Gebiet Corona bis heute null Selbstreflexion oder gar Selbstkritik möglich ist.

Inzwischen hat sich die Ameisenmühle der Journalisten einfach auf ein neues Thema geworfen, und letzte Mohikaner wie Brupbacher wirken noch lächerlicher als vorher, weil das Interesse an ihrer kontinuierlichen Aufregung auf Twitter doch deutlich nachgelassen hat.

Aber was Not täte, von Supino abwärts bis Brupbacher, wäre eine kritische Aufarbeitung der Ursachen, die zur Ablehnung des Medienpakets führten. Stattdessen mit «Adaption des Geschäftsmodells» zu drohen, also auf Deutsch mit weiteren Sparmassnahmen und/oder Preiserhöhungen, damit schreitet Supino auf dem Weg ins Nichts weiter voran.

Denn auch er sollte doch eigentlich ein einfaches Grundprinzip der freien Marktwirtschaft verstanden haben: für weniger mehr verlangen, das funktioniert nicht. Weder bei Suppentüten, noch bei Contentprovidern.

 

WUMMS: Priska Amstutz

Ein Jahr Protestbrief. Man liest halt ZACKBUM. Der Beweis.

Am 9. März wies ZACKBUM darauf hin, dass zwar der Tag der Frau in Tamedia gewürdigt wurde und Aleksandra Hiltmann Kollegen und Leser mit einem feminisitischen Interview quälte.

Am 6. März war ZACKBUM, das Zentralorgan des Feminismus, ganz alleine auf weiter Flur und bedauerte das tiefe Schweigen der 78 erregten Tamedia-Mitarbeiterinnen, die sich vor genau einem Jahr mit herzzerreissenden Wehklagen an die Geschäftsleitung und an Jolanda Spiess-Hegglin gewandt hatten.

Und siehe da, am 9. März  geruht die «Co-Chefredaktorin» Priska Amstutz, die «Leiterin einer internen Arbeitsgruppe», zu diesem Thema ein Interview zu geben. Das letzte Lebenszeichen von ihr war eine zusammen mit Oberchefredaktor Arthur Rutishauser unterzeichnete Entschuldigungsarie wegen eines verunglückten Artikels.

Nun aber, wie wogt der Kampf der Tamedia-Frauen gegen Sexismus, Diskriminierung, Demotivierung und üble Machosprüche weiter? Leider vernittelt Amstutz diese Informationen nicht dem Tamedia-Leser (dabei hätte sich ein Interview durch Hiltmann angeboten), sondern den Beobachtern von persoenlich.com.

Aber item, was ist passiert, was ergab die interne Untersuchung, welche der über 60 Beispiele übelsten Verhaltens konnten verifiziert werden, welche Konsequenzen hatte das für diese Machoschweine?

Wie steht es mit dem jüngsten Protestschreiben bezüglich der fristlosen Entlassung eines Jungredaktors? Alles interessante Fragen, nicht wahr? Leider gibt es keine einzige Antwort.

«Erleben immer wieder anspruchsvolle Phasen, interne Prozesse überprüft und wo nötig angepasst, Abklärung und Aufarbeitung, Brief sehr ernst genommen, wird nicht toleriert, vertiefte Kommunikation, Kulturdialog, viele Massnahmen umgesetzt.»

Das ist nicht mal heisse Luft. Das sind zu Worten geformte Buchstaben, die schlichtweg nichts, einfach gar nichts aussagen. Wurde ein einziger Vorwurf erhärtet? Einer? Bitte? «Zu Einzelfällen kann ich mich aus personalrechtlichen Gründen nicht äussern.»

Wir hätten da einen neuen Einzelfall. Die Literaturquälerin Nora Zukker über die Premiere der neuen «Kassensturz»-Moderatorin: «Die Anwältin der Mäuse». Ob diese Mausi-Verniedlichung den Respekt und den Kulturwandel verkörpert, von dem Amstutz salbadert?

 

Wumms: Alain Berset

«Blick« knallhart: das grosse Berset-Interview.

Bösartige Zungen behaupten, es gäbe spezielle Beziehungen zwischen dem Ringier-Verlag und unser aller Knutschkugel, Bundesrat Alain Berset. CEO Marc Walder soll regierungsfreundliche Berichterstattung befohlen haben, Männerfreundschaft. Dagegen musste sich schon Michael Ringier wehren, die sieben Zwerge in der Chefredaktion der «Blick»-Gruppe griffen gemeinsam zum Griffel und betonten ihre Unabhängigkeit.

Nun liefert «Blick» einen weiteren Beweis, dass das alles Fake News sind. Denn:

Grosses Interview; so gross, dass es in mehrere Video-Schnipsel aufgeteilt wurde.

Da wurde der Gesundheitsminister echt gegrillt. Schonungslose Fragen: «Was war der grösste Fehler?» Aber auch einfühlsam und sensibel: «Wie schwierig war das für Sie?» Seiner Frau seinen Seitensprung zu gestehen? Aber nein, wir sind hier zwar schon im unerschrockenen, meinungsstarken, kritischen, schonungslosen Brutal-Interview, wie es sich für unabhängigen Journalismus gehört.

Aber man merkt der Interviewerin deutlich an – nicht nur, weil sie ständig auf ihre Spickzettel schauen muss -, dass Arbeitsplatzsicherung höchste Priorität hat.

Kritisches Nachfassen, Festnageln, Widersprüche verfolgen? Ach was. Sonst ruft noch Berset bei Marc an und beschwert sich. Droht damit, dass er für die nächste Ausgabe von «Interview» nicht mehr als Dressman und Mitarbeiter zur Verfügung stünde. Und das wollen wir doch alle nicht.

Wumms: Rafaela Roth

Vielleicht wieder zurück zu «watson»?

Sie ist eine Allzweckwaffe. Medien, Bundesräte, Schriftstellerinnen, Crystal Meth, Afghanistan, Spielbankenkommission, Zocker: kein Thema zu klein, nicht beschrieben zu sein. Nicht immer sehr akkurat, nicht immer ausgewogen.

Schon im Oktober 2020 warnte ZACKBUM vor ihren Recherchierkünsten, als Rafaela Roth unfiltriert sich die recht einseitige Sichtweise eines Zockers zu eigen machte:

«Wie ein solcher Unfug von Rafaela Roth durch alle Kontrollinstanzen flutschte und üppig illustriert den Leser auf einer Doppelseite angähnt – unverständlich und beunruhigend.»

In letzter Zeit häufen sich die Flops von Roth. Ein lobhudelndes Porträt über eine umtriebige Medienanwältin, bei der nur Positives vorkommt und alles Negative sorgfältig ausgeblendet wurde.

Wäre das ein bezahltes Inserat, Pardon, ein «Sponsored Content» gewesen, hätte es Sinn gemacht – und die NZZaS hätte wenigstens etwas daran verdient, sich den Ruf zu bekleckern.

Ziemlich dreist ist allerdings, dem NZZaS-Leser auf einer Doppelseite ein Interview zu servieren, das inhaltlich verblüffend ähnlich mit der gleichen Psychiaterin genau drei Monate vorher in der «SonntagsZeitung» erschien.

Das Thema ist beide Male – feine Ironie – Dummheit. Hier muss man allerdings Roth in Schutz nehmen. Sie macht einfach ihren Weg, von «watson» über «Tages-Anzeiger» zum «Hintergrund» der NZZaS. Dumm, wer sich ein Interview mit der gleichen Person zum gleichen Thema drei Monate später als die Konkurrenz aufschwatzen lässt.

Die Lektüre von ZACKBUM hätte genügt, diese Doublette zu vermeiden. Wir kritisierten schon damals die Plattitüden, die Heidi Kastner in ihrem Buch und in Interviews von sich gibt. Wie sagte sie damals so richtig: «Die Dummheit hat aufgehört, sich zu schämen.»

Ob der Leiter «Hintergrund» geistig schon schamfrei bei seinem neuen Arbeitgeber weilt?

Dass Kastner gerne und ohne Aufwand doppelte PR für ihr neues Werk («Dummheit») macht – wer wollte ihr das vorwerfen. Aber vielleicht hätte sich Michael Furger wenigstens eine Plattitüde aus dem Roth-Interview zu Herzen nehmen sollen: «Wie merken wir, dass wir etwas Dummes tun?» – «Nachdenken ist immer gut.»

 

Wumms: Helge Timmerberg

Wenn ein Imitator alt wird, wird’s ätzend.

Helge Timmerberg weckerte schon, als er in Zeitgeist-Postillen seinen Hunter S. Thompson-Abklatsch veröffentlichte. Gonzo-Reportagen, zu Recht eine vergessene Phase von Schrott-Journalismus.

Alle wollten sich anhören wie William S. BurroughsNaked Lunch»), keiner schaffte es in seine Nähe.

Nun wird Timmerberg 70, ist in St. Gallen greifbar und wird vom «NZZ am Sonntag Magazin» interviewt. «Ich habe LSD im Kühlschrank. Wollen Sie? – Meine wahren Vorbilder sind Hermann Hesse und Charles Bukowski. – Ich muss kiffen, um zu schreiben.»

Gehabe als Haltung verkaufen, mit 70 immer noch den Wilden spielen, zwei Fragende mit offenen Mündern dasitzen lassen: wo bleibt hier die Qualitätskontrolle?

Peinlicher ist nur, wenn Tamedia einen Tag später mit einem weiteren Interview nachklappert …

Sternstunde des Interviews

ZACKBUM ist bekennender Schmidt-Fan. Danke, NZZ.

Für einmal ist der Lead nicht zu hoch gegriffen: «Das Harald-Schmidt-Interview gilt längst als eigenes journalistisches Genre.»

Liegend besser als manche stehend: Harald Schmidt. (Screenshot NZZ)

Am 3. Januar wurde das neue Jahr mit einem solchen Glanzlicht durch die NZZ erhellt. Wenn man meckern will, und wann will man das nicht: es ist gemein, dass das hinter der Bezahlschranke versteckt ist. Diese Perlen hätten es verdient, von allen genossen zu werden …

«Ein guter Interviewer kommt erst einmal mit einer Frage, die einen völlig in Schlagsahne bettet. In meinem Fall wäre der ideale Einstieg: «Für mich sind Sie eine Art Frank Sinatra, der Nietzsche zu Ende denkt.» Dann denke ich, da ist einer, der mein Lebenswerk kennt.

Und dann fängt man an, sich um Kopf und Kragen zu reden.

Die tödlichste Kombination ist es, wenn der alte Hase, dessentwegen man zugesagt hat, einen jungen Kollegen mitbringen muss, der vor Ehrgeiz strotzt und als Erstes fragt: «Was macht das mit Ihnen, dass Sie beim vierten Sender rausgeflogen sind und keiner Sie mehr sehen will?» Der will natürlich abends im Klub oder in der Patchwork-Hölle sagen können: Dem hab ich gleich mal einen eingeschenkt.»

«Ja, ich bin jetzt Privatier, aber – Achtung, neue Pointe, die ich noch nicht verheizt habe – Fernsehen kann ich mir finanziell nicht mehr leisten. Ich bin gespannt, wie der Satz nach draussen wirkt. Meine Maxime war immer: Ihr könnt froh sein, dass ich überhaupt auftrete.»

«Als Gläubiger brauche ich keine Theologie. Ich glaube einfach. Ich kenne Frauen in den Neunzigern, die gehen jeden Sonntag in die Kirche und beten täglich den Rosenkranz. Die wissen nicht einmal, dass es überhaupt Theologieprofessoren gibt.»

Harald Schmidt, alles andere ist Dampfplaudern.

 

 

 

 

Doppel-Verwertung

Wie man aus einem Interview eine Fortsetzung saugt.

Das nennt man Arbeitsteilung. In der NZZaS erscheint ein ausführliches Interview mit dem in der Causa Vincenz Mitangeklagten Beat Stocker.

Ein kleiner Donnerschlag, denn obwohl so ziemlich alle Details, vor allem unappetitliche, in der jahrelangen Strafuntersuchung an die Öffentlichkeit durchgestochen wurden, haben die beiden Hauptbeschuldigten eisern geschwiegen.

Pierin Vincenz bis heute, abgesehen von einer kurzen Meldung, nachdem er aus der U-Haft entlassen wurde. Er sei unschuldig und werde das auch beweisen. Stocker hingegen, von der «Bilanz» auch schon als «Schattenmann» auf den Titel geklatscht, meldete sich nun kurz vor Prozessbeginn ausführlich zu Wort.

Er wolle sich erklären, er sei unschuldig, das wollte er offensichtlich rüberbringen. Natürlich nicht im SoBli und auch nicht in der Tamedia Muppet Show.

Nun zieht die NZZ nach und lässt zwei Litigation-Spezialisten die Absichten von Stocker in die Pfanne hauen:

«Justiz auf Amerikanisch hat im Fall Vincenz wenig Erfolgschancen», lautet das Verdikt.

«Ich würde den Angeklagten die Botschaft nicht selbst überbringen lassen», kritisiert einer der Fachleute: «Qui s’excuse, s’accuse». Der zweite sekundiert: «Seine Message ist: Ich bin unschuldig. Aber er schafft es nicht, zu überzeugen.»

Schliesslich sei dann das Strafmass und die Beurteilung der Reputation Stockers der Massstab, um den Erfolg – oder Misserfolg – dieser Strategie zu bewerten:

«Man wird sich fragen, ob es geschickt war, am zweiten Neujahrstag mit einem solchen Interview herauszukommen.»

Das war allerdings für Stocker – und das Schwesterblatt NZZaS – keine Frage.

Lustige Zeiten im Journalismus. Mehr oder minder offene Kollegenschelte greift immer mehr um sich.

 

 

Kleine Insel der Vernunft

Über 1000 Treffer am Montag für Corona im Medienarchiv. Da muss man sich auf eine Insel retten.

Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist auch nicht mehr der Jüngste. Der 82-Jährige macht Zwischenstation in Zürich, wo ihn Tagi-Redaktor Rico Bandle interviewte, weil bei dem die journalistischen Reflexe noch funktionieren.

Entstanden ist ein Gespräch voller Altersweisheit mit einem Schriftsteller, der zu den ganz Grossen der lateinamerikanischen Weltliteratur gehört. «Die Stadt und die Hunde», «Das grüne Haus», «Der Krieg am Ende der Welt», «Das Fest des Ziegenbocks», «Harte Jahre», immer verwob Vargas Llosa Fiktion und Geschichte, sah seine Werke als mögliche Besserungsanstalt für die Welt.

Allerdings gehörte er nie dem linken Mainstream der lateinamerikanischen Literatur an, was ihm die Verachtung der Salonlinken in Europa einbrachte. Dass er ein herausragendes Werk geschaffen hat, mindestens auf der Höhe des anderen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez, ist unbestreitbar.

Streitbar ist Vargas Llosa bis heute geblieben, immer wieder mischte er sich in die politischen Geschehnisse seines Heimatlandes Peru ein, kommentierte aus liberaler Sicht die Entwicklungen in anderen lateinamerikanischen Ländern. Zunehmende Distanz hilft ihm auch dabei, seit vielen Jahren lebt er in Madrid.

Natürlich musste das Gespräch auch das Thema Corona enthalten, unvermeidlich. Viel ergiebiger sind aber die Ansichten von Vargas Llosa zur zunehmenden Unfähigkeit zum Dialog über ideologische und weltanschauliche Differenzen hinweg. Das betrifft zum einen ihn persönlich:

«Vor allem an den Universitäten hat sich eine Woke-Kultur durchgesetzt, die alles auslöschen möchte, was nicht der eigenen Ideologie entspricht. Man beschimpft mich als Faschisten. Dabei hasse ich den Faschismus! Ich bin zu hundert Prozent ein Demokrat. Aber ständig verunglimpft man mich als Faschisten. Das ist doch unglaublich. Da ist kein Interesse an anderen Haltungen, man stellt politische Gegner absichtlich falsch dar.»

Dabei hat Vargas Llosa selbst politisch einen weiten Weg zurückgelegt. Er war lange Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei, die in Peru verboten war. Er erinnert sich, dass man damals noch bis hin zu den Christdemokraten miteinander diskutierte: «Man sprach noch miteinander. Heute tut man das nicht mehr. Das ist ein Rückschritt in längst überwunden geglaubte Zeiten.»

Vargas Lllosa hat auch eine Erklärung dafür, wieso das verloren gegangen ist:

«Ich glaube, eine Ursache liegt beim kolossalen Scheitern der grossen sozialistischen Länder. Die Sowjetunion brach zusammen, Chinas Kulturrevolution war ein schrecklicher Flop, Zehntausende von Menschen starben. Mit Vernunft ist der Sozialismus nicht mehr zu verteidigen. Seit Descartes wissen wir aber, dass die Vernunft die Grundlage der Kommunikation ist. Ohne Vernunft bleibt nur die Ausflucht zur Beleidigung und Ausgrenzung. Genau das passiert heute – und das ist sehr gefährlich. Denn ohne Dialog können Ideologien nicht überwunden werden.»

Es bleibt das Bedauern, dass solche Stimmen bald verstummen werden, dass Vargas Llosa in Europa, in der Schweiz nie so gewürdigt wurde wie seine grandios, aber politisch korrekt scheitendern literarischen Kollegen.

Es bleibt die Freude, dass sogar bei Tamedia noch einsame Sternstunden des Journalismus möglich sind. Dazu bräuchte es so wenig. Der Verzicht auf Rechthaberei und das Belästigen des Leser mit der eigenen Meinung. Einen aufmerksamen Blick auf Besucher und Gäste in Zürich. Und einfach ein Gespräch über Gott, die Welt, Aktuelles und Vergangenes. Und schon schafft Journalismus einen Mehrwert, für den der Leser gerne bezahlt.

Wenn man nur drei Bücher von ihm lesen sollte …

(Leider hinter Bezahlschranke)

Interview mit Nobelpreisträger Vargas Llosa: «Ich erachte es als sehr gefährlich, was zurzeit überall auf der Welt geschieht»

Er gehört zu den grössten lebenden Autoren der Welt. Ein Gespräch mit Mario Vargas Llosa in einem Zürcher Hotelzimmer über die neue Intoleranz, das Coronavirus und die Tragödie Südamerikas.