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Sloterdijk in Hochform

ZACKBUM gesteht: wir halten ihn für aufgeblasen. Aber hier ist er in Bestform.

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Peter Sloterdijk könnte über die Zubereitung eines Eis eine philosophische Abhandlung aus dem Ärmel schütteln, die gleichzeitig eine Zeitreise durch 2000 Jahre Geschichte des Nachdenkens wäre.

Sloterdijk weiss, wie man sich mit wehender Haartracht, sorgfältig auf der Nasenspitze platzierter Brille und edel geknitterten Anzügen (unsere Vermutung: Miyake) gut in Szene setzt. Wer ihn zum Gespräch bittet, weiss, dass er Worte wie Perlenketten aneinanderreihen kann und auf die blödeste Frage noch eine intellektuell-aufgeschäumte Antwort liefert.

Also in einem Wort: Selbstdarsteller. Eitel, sicher im Jargon, Dampfplauderer. Also näherten wir uns dem NZZ-Interview mit ihm vollbeladen mit Vorurteilen. Und wurden angenehm enttäuscht.

Der Mann ist in Hochform, man möchte am liebsten gar nicht aufhören zu zitieren. Aber wir beschränken uns auf ein paar Höhepunkte.

Auf die Frage, was seine Erklärung für die Lage der Welt sei:

«Philosophisch kompetent wäre die Bemerkung, dass die Lösungen nie schlimmer sein dürften als die Probleme

Zum Funktionieren von Verschwörungstheorien: «Ja, was die Erklärungsökonomie anbelangt, sind Verschwörungstheorien optimal gebaut. Sie fungieren als perfekte Gedankensparprogramme. Man erklärt einen Missstand durch den direkten Rückschluss auf einen verborgenen Verursacher, effektiver kann man es sich nicht machen. Wer so erklärt, gewinnt immer. Das wäre sehr schön, wenn nur die «Theorien» auch wahr wären.»

Geradezu genialisch ist diese Passage:

«Ihre Utopie ist ein Art Helvetisierung der Welt. Sehen Sie irgendeine Chance für ihre Verwirklichung?

Nein. Aber Utopien sind nicht dazu da, verwirklicht zu werden. Sie liefern Bilder, die den Menschen ihre gesunde Unzufriedenheit erhalten. Hände weg von der Verwirklichung, zumal was deutsche Ideen angeht. Deutschland ist, als Heimat von Karl Marx, die grösste Exportnation für Irrtümer, die die Welt bewegten. Das möchte man kein weiteres Mal riskieren. Deswegen wäre es mir nicht recht, wenn gesagt würde, ein deutscher Philosoph habe die Helvetisierung der Welt gefordert. Ideen, die aus Deutschland kommen, haben eine gefährliche Neigung zur Verwirklichung.»

Als Absackchen topf Sloterdijk dann noch die Journalisten ein. Anlass dafür gibt ihm die Frage, ob er vor der Vorstellung Angst habe, dass im kommenden Winter die Energie knapp werden könnte: «Ich neige in diesen Dingen zu einer robusten Tonart. Es gibt auch so etwas wie eine berechtigte Verachtung, und mir scheint klar, dass man auch Menschen verachten muss, die den Unterschied zwischen grossen und kleinen Sorgen nicht mehr verstehen. Leider gehören dazu auch viele Journalisten als berufsmässige Betreiber von Verwechslungen.»

Wer sich durch das unsäglich lange und streckenweise langweilige Interview mit einem anderen, etwas älteren Philosophen in der «Weltwoche» quälte, findet hier Labsal und Trost. Hätten wir von Sloterdijk nie erwartet, aber man täuscht sich gerne.

 

Die WeWo hat zwei Probleme

Das eine heisst Tom Kummer.

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Wenn der Cédric Wermuth porträtiert, weiss man nie, was sich tatsächlich so abgespielt hat und was erfunden ist. Also überblättert man die drei Seiten lieber.

Das zweite Problem heisst Roger Köppel. Nein, so kann man das nicht formulieren. Denn es gibt ja viele Köppels in der «Weltwoche». Genau das ist das Problem. Es gibt den Editorial-Schreiber. Den Chefredaktor. Den Verleger. Den Besitzer. Den SVP-Nationalrat. Den Energiebolzen. Und den Interviewer.

Das ist vielleicht der schlimmste Köppel. Denn er findet kein Ende. Diesmal ist er beeindruckt vom deutschen Alt-Philosophen Hermann Lübbe. Dem muss man lassen, dass er für seine 95 Jahre noch ziemlich kregel ist. In dieser Ausgabe scheint es Köppel überhaupt die Philosophie angetan zu haben. In seinem Editorial schwärmt er für den Schwulstschwätzer aus dem Schwarzwald, über den Nazi-Anhänger Martin Heidegger, vor dessen Holzhütte sich Köppel ehrfurchtsvoll begeben hat. Heidegger sei nach dem Krieg «fast wieder rehabilitiert» gewesen, habe ganze Generationen von Denkern und Dichtern beeinflusst.

Das wüsste man aber, wenn das so gewesen wäre. Wer gerne über Krampfbegriffe wie «Gestell» nachsinnieren möchte, bitte.

Aber das ist (glücklicherweise) nur ein Teil seines einseitigen Editorials. Sagenhafte 12 Seiten, immerhin mit Bildanteil, verwendet Köppel aber auf sein Interview mit Lübbe. Auch der war, allerdings erst ab 1944, Mitglied der NSDAP. Später fiel er durch seine Polemik gegen die deutsche Studentenbewegung auf, seit vielen Jahren eigentlich durch nichts mehr.

Nun, wie soll man den Inhalt, den Gehalt von 12 Seiten zusammenfassen? Was soll man zu über 60’000 Anschlägen sagen? Nun, es gibt gewisse Längen. Und Peinlichkeiten:

«Man könnte Ihren Gedanken weiterspinnen und sagen: Je ausgeprägter der Zivilisationsprozess, diese Verflechtung ist, desto leichtfertiger leistet sich der Mensch Feindbilder, weil er weiss, dass er letzten Endes sicher ist. Man wird vielleicht etwas leichtsinniger, auch mit der Sprache. Das ist für den Aufmerksamkeitsgewinn gut, aber man macht es letztlich nur, weil man sich sicher ist, dass die Welt nicht einstürzt.
Lübbe: Ja, besser hätte ich es nicht sagen können. Das halte ich für richtig. Natürlich, die Intellektuellen-Rolle ist eine Rolle für sich.»

Häufig beschränkt sich Lübbe auch auf ein knappes «so ist es», nachdem Köppel seine Frage gestellt hat. Manchmal leistet er auch hinhaltenden Widerstand bei der Beantwortung:

«Wie gross ist die Gefahr, dass bei den sendungsbewussten Amerikanern das Gute ins Böse überschiesst – zum Beispiel jetzt, im Krieg gegen Russland?
Lübbe: Das ist eine sehr harte Frage, und ich zögere, sie ebenso sicher zu beantworten, wie sie von Ihnen gestellt worden ist.
Weltwoche: Es ist ja einfacher, eine Frage zu stellen, als sie zu beantworten.
Lübbe: Ja. Nichtsdestoweniger würde ich, in der Zuversicht, zu der ich nicht gefühlsmässig neige, sondern für die ich Gründe zu sehen glaube, sagen, auch die amerikanische Zivilisation neigt doch im Vergleich zur europäischen eher zum Realismus.»

Aber eigentlich begegnen sich hier zwei Denker auf Augenhöhe, wie Lübbe immer wieder feststellt: «Richtig. … Richtig … Ja, so sehe ich das auch … Exakt … Die Frage ist anspruchsvoll … Ich stimme zu … Genauso war es … Damit bin ich voll einverstanden

An nicht wenigen Stellen sehnt man sich einen Redaktor herbei, der den Mut gehabt hätte, diese und viele andere Stellen zu streichen:

«Weltwoche: Vereinigte Staaten von Europa. Das wird’s nicht geben.
Lübbe: Das wird es nicht geben. Das habe ich auch geschrieben.
Weltwoche: Genau. Den europäischen Superstaat wird es nicht geben.
Lübbe: Ja, das meine ich.»

Ein nicht mehr ganz junger Herr liefert einem ziemlich alten Herrn die Stichworte, damit der sich entweder auf ein knappes «Richtig» beschränken kann oder ohne kritisches Hinterfragen befürchten zu müssen diese oder jene Lebensweisheit von sich geben darf.

Man weiss es nicht, aber vielleicht wäre das Interview um 50 Prozent gekürzt interessant geworden. Vielleicht auch um 75 Prozent gekürzt. Oder aber, ein radikaler Seinsvorschlag im Heideggerschen Sinn: vielleicht wäre ein Kürzung um 100 Prozent sinnvoll gewesen, damit ein Ge-Stell daraus geworden wäre  …

 

Klugscheisser

Was passiert, wenn eine SZ-Journalistin Wolf Biermann interviewt?

Zunächst einmal freut sich Tamedia; schon wieder eine Seite gefüllt ohne eigenes Zutun:

Alles, inklusive Titel, ist von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen. Dazu noch ein Riesenfoto aus der Vergangenheit Biermanns und den trügerischen Titel «Hintergrund» drübergestellt, schon wieder ist ein Produkt hergestellt, das den Tagi-Leser garantiert begeistert zurücklässt, dass er für sowas auch noch Geld ausgeben muss.

Wofür? Dafür, dass ein 86-jähriger ehemaliger Bänkelsänger und Possenreisser immer noch den Troubadour spielt: «Wolf Biermann ohne seine Gitarre – undenkbar. Er bringt sie zum Interview selbstverständlich mit. Immer wieder greift der bald 86-Jährige während des Gesprächs zum Instrument, zitiert nicht nur aus Texten seiner Lieder, sondern trägt die Passagen mit Inbrunst und voller Stimme vor.»

Für die jüngeren Leser: Biermann ist ein Liedermacher, der bis 1974 in der DDR lebte und dann während einer Konzerttournee im Westen ausgebürgert wurde. Vom überzeugten Kommunisten («so oder so, die Erde wird rot») wurde er zum rechtsradikalen Beschimpfer alles Linken, zum Befürworter des völkerrechtswidrigen Eingreifens der NATO im Kosovokrieg und der Invasion des Irak durch die USA. Die Kritik an der grossen Bespitzelung durch die NSA fand er eine «hysterische Propaganda-Idiotie». Inzwischen ein CDU-Wähler, nützte er jede Gelegenheit, die Partei «Die Linke» zu beschimpfen.

Er hat also einen weiten Weg zurückgelegt, ein richtiger Wendehals, aber immer mit Schnauzer und Pathos und für ein scharfes Wort gut. Wenn’s denn noch jemand hören will. Dieses Interview begann sicherlich mit dem Satz in München: «Lebt eigentlich Biermann noch?» Und als dann die stellvertretende Chefredaktorin den Mann mit Klampfe befragte, füllte auch die SZ damit mal eine Seite.

Her darf er zum x-ten Mal die Geschichte von seinem jüdischen, kommunistischen Vater erzählen, der von den Nazis umgebracht wurde. Von seiner Übersiedelung in die DDR mit 16, von seiner Abscheu gegen Hitler und Stalin, als hätte er den dummen Spruch von den roten und braunen Fäusten verinnerlicht: «Stalin wollte von seinem Volk auch so blind geliebt werden wie Hitler von seinem Volk. Deshalb hat er systematisch die Medien erobert und andersdenkende Leute getötet, vertrieben, liquidiert. Das ist eben die Pest der Diktatur. Und die kann links sein oder rechts.»

Dass der eine dem Rassenwahn verfallen war und mehr als sechs Millionen Juden tötete, bis Europa vom anderen von der Nazi-Herrschaft unter den höchsten Opfern aller beteiligten Alliierten befreit wurde, was kümmert’s.

Auch zum Ukrainekrieg hat Biermann eine klare Meinung: «Ich bin natürlich dafür, dass die Ukrainer unterstützt werden, auch mit Waffen, mit möglichst starken Waffen. Uns kostet es nur Geld. Aber die Ukrainer kostet dieser Freiheitskrieg das Leben.»

Kind eines Kommunisten, der wegen der Sabotage an Waffenlieferungen an den Faschisten Franco ins KZ und dort umkam. Selber überzeugter Kommunist, Befürworter und Unterstützer der Anti-Atom- und Friedensbewegung. Von ganz links nach ganz rechts unterwegs. Wen sollen seine Meinungen in der Abendsonne noch interessieren?

Die interessieren nicht mal in Deutschland mehr. Ganz zu schweigen von der Schweiz.

Beziehungsdelikte

Die Steigerung zu: Journalisten interviewen Journalisten? Enkelin interviewt Grossmutter.

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Es ist eine altbekannte Unart. Wenn Journalisten überhaupt nichts mehr einfällt, dort, wo sie herumstehen, nichts los ist, dann interviewen sie sich gegenseitig. Als würde es den Leser interessieren, wenn Journalist A zu Journalist B sagt, dass er genauso wenig Ahnung hat wie sein Interviewer.

Aber im modernen Elendsjournalismus sind noch Steigerungen möglich. Ist nichts los, berichtet Journalist A über das Innenleben, das Befinden, die Qualen, die Zweifel, die körperlichen Funktionen von Journalist A. Auch das interessiert den Leser herzlich wenig.

Nun gibt es eine weitere Spielart des Selbstbespiegelungsjournalismus. Eines Journalismus, der meint, der Bote sei wichtiger als die Botschaft. Oder der Bote sei gleichzeitig die Botschaft.

Da spielt ein Redaktor, wenn er nicht gerade Elon Musk eintopft, mit seinem Sohn auf der Playstation. Und macht doch tatsächlich einen Artikel draus. Der genauso überflüssig ist wie sein Interview mit Dieter Bohlen.

Andere Kolumnisten lassen sich über Modefragen aus, über ihre Wünsche als Jugendliche, über Restaurantbesuche («war sehr gut»), über bezahlte Reisen, über Kochrezepte oder über ihre Wohnungseinrichtung.

All das, so meint man, sei schwer zu unterbieten. Aber es gibt ja nicht nur das Selbst des Journalisten, seine Sprösslinge oder Lebenspartner oder dramatischen Erlebnisse aus Kindheit, Leben und Krankheit. Es gibt auch noch die Eltern und die Grosseltern.

Da entblödet sich der Qualitätskonzern Tamedia nicht, zu verkünden: «Nina Kunz interviewt ihre Grossmutter». Nina who? Nun, laut Wikipedia ist Kunz eine «Schweizer Journalistin, Kolumnistin und Schriftstellerin». Ihr erstes Buch sei «eine Sammlung ihrer Texte unter anderem zu den Themen Leistungsdruck, Internet und Patriarchat». So wird man von der Kolumnistin zur Schriftstellerin. Der sehr passende Titel des Werks lautet: «Ich denk, ich denk zu viel.» So kann man sich täuschen.

Diese bedeutende Schriftstellerin interviewt nun ihre Grossmutter. Schon die Einleitungsfrage beweist, dass nicht übermässig gedacht wird: «Liebe Oma – du hast im Februar deinen fünfundachtzigsten Geburtstag gefeiert. Wie fühlt sich das an?» Wahrscheinlich wie das Feiern des 85., könnte man denken. Die Grossmutter lässt es bei einem freundlichen «gut» bewenden, gibt aber zu, dass sie mit dem Gedächtnis so ihre kleinen Probleme habe.

Deshalb macht ihre Enkelin gleich einen Gedächtnistest: «Vor einigen Monaten hast du mir erzählt, dass dich die jetzige Zeit immer wieder an deine Kindheit erinnere. Kannst du mir nochmals erklären, warum?» Das ersparen wir aber dem Leser. Wie geht’s weiter? Eine kleine Duftmarke soll genügen, bevor wir uns alle die Nase zuhalten:

«Als du in meinem Alter warst – das war dann 1966 –, warst du schon Mutter, verwitwet … – … und Vollzeit im Spital angestellt.  – Eben. Und ich schaffe es ja kaum, meine beiden Orchideen am Leben zu halten

Das ist vielleicht launig und weist darauf hin, dass die Grossmutter altersmilde ihrer Enkelin alles nachsieht. Wird’s auch noch ernster? Unbedingt:

«Warst du auch mal überfordert vom Grundkonzept des Existierens? – Vom was? – Also, dass man ungefragt auf diese Erde geworfen wird … – … und in den meisten Fällen auch ungefragt wieder gehen muss. – Genau.»

Kaum zu steigern, aber Kunz probiert’s:

«Was willst du mir noch mit auf den Weg geben? –Was ich gemerkt habe, ist, dass man im Alter bescheidener werden muss, was das Programm angeht. Ein gelungener Tag ist für mich einer, an dem ich alles geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe.»

Mit 17’388 Anschlägen quält hier das «Magazin» seine Leser. Wir wagen die Behauptung, dass sich selbst die «Republik» nicht trauen würde, eine solche Peinlichkeit auf eine solche Länge auszuwalzen.

ZACKBUM findet, dass unsere Leser mal wieder kräftig spenden sollten, weil wir ihnen den grössten Teil ersparen. Nur weil’s zum Grölen ist, kommt hier noch der Schluss der Quälstrecke. Uns fehlen dafür die Worte:

«Was hast du denn noch vor? – Ich muss Fallen bauen. Die Kirschessigfliege legt Maden in meine Himbeeren, dann schmecken sie komisch. Ich will nicht, dass sie mir die ganze Herbsternte verderben

 

Was wollten Sie immer schon sagen?

CH Media rollt für Cédric Wermuth den roten Sprachteppich aus.

Der Co-Präsident der SP Schweiz und Mitglied des Hobbyflieger-Clubs der Sozialdemokraten hat ein Problem. Trotz seines zarten Altes von 36 Jahren sitzt Wermuth bald einmal seit 12 Jahren im Nationalrat. Um Sesselkleber zu verhindern, hat seine Partei eine Amtszeitbegrenzung beschlossen. Aber es wäre keine sozialdemokratische Position, wenn sie nicht ein «im Prinzip, aber …» enthalten würde.

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Im Prinzip ist Wermuth, wie auch der andere Vielschwätzer Fabian Molina, wie wohl auch deren Bundesrat Alain Berset, gegen unnötige Fliegerei. Aber so im Privaten oder für einen schnellen Besuch bei Genosse Scholz in Berlin …

Auf jeden Fall muss sich Wermuth nun einer Abstimmung der Delegierten der SP Aargau stellen, wo er eine Zweidrittelmehrheit braucht, um den Nordmann machen zu können. Also nochmal vier Jahre dranhängen, sollte er wiedergewählt werden. Das ist für ihn ziemlich existenziell, denn der Familienvater und Zeuger zweier Kinder hat sonst nicht viel gelernt im Leben, ausser Politik.

2005 machte er an der Kantonsschule Wohlen die Matur, zehn Jahre später wurde er «lic. phil./MA in Politikwissenschaft, Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Philosophie an den Universitäten Zürich und Bern.» Jobmässig ist’s eine typische Funktionärskarriere. Zentralsekretär Juso Bern, Mitarbeiter eines SP-Parlamentariers, «Mitarbeiter Kampagnen und Kommunikation», «Beratung Kommunikation und Strategie», Juso-Präsident Schweiz, Vize-Parteipräsident, Co-Parteipräsident.

Sollte er seine Einkommensquelle Nationalrat verlieren, wäre er wohl ein Fall fürs RAV. Aber so weit will er es nicht kommen lassen, also frisst er in CH Media öffentlich Kreide. Dabei hilft ihm Rolf Cavalli mit Fragen nach dem Muster: dazu wollten Sie doch immer schon etwas sagen.

Wie steht es denn nun mit dieser Amtszeitbegrenzung? «Gut, dass wir das klären können – denn es ist eigentlich nicht so kompliziert: Nach 12 Jahren braucht man 2/3 der Stimmen, um nochmals antreten zu können.»

Ach so, das hat also Tradition bei den Genossen: «Es ist kein Zufall, dass die grossen Figuren in der Sozialdemokratie lange Amtszeiten haben: Helmut Hubacher war 34 Jahre im Parlament, Susanne Leutenegger Oberholzer auch 30 Jahre. 80 Prozent der Politik ist Erfahrung.»

Und welche Auswirkungen hat dann diese Erfahrung, diese zunehmende Reife, wie war Wermuth früher?

«Ich war wie die meisten jungen Männer: oft arrogant, oft ein Macho. Ich habe viele Menschen mit dieser Art auch brüskiert und verletzt, gerade auch Frauen. Das sehe ich heute klarer.»

Das ist mal eine Selbstkritik, wie man sie auch im Sozialismus nicht besser hinkriegte. War denn der Anfänger Wermuth gar überfordert? «Ja, und ich war ungeduldig. Es ging mir alles zu langsam. Ich fragte mich: Was soll ich da? Aber ich kam zum Schluss: Nein, du kannst nicht nach nur einer Legislatur wieder aufhören. Ich habe mich dann in die Details der Arbeit in der Finanzkommission reingekniet. Da habe ich enorm viel gelernt.»

Wermuth weiss, warum er sich als geläuterten Macho outet. Denn was naheliegend wäre, sich Cavalli aber nicht zu fragen traute: da gab es doch die hässlich Episode, als Frauenversteher und Feminist Wermuth 2019 den Ständeratssitz von Pascale Bruderer erobern wollte – und sich damit gegen die Mitbewerberin Yvonne Feri stellte. Da eierte er dann wirklich belustigend herum: «Ich greife keine Frau an, wir beide bieten der Partei eine Auswahl.» – «Was mich an der aktuellen Debatte stört, ist, dass nur noch die biologische Frage interessiert.» Und nach dem Sieg über seine Konkurrentin:«Ich muss jetzt beweisen, dass ich feministische Themen im Wahlkampf einbringen kann.»

Was sagt der reifere, erfahrenere Wermuth zu Kritikern, die ihm vorwerfen einfach eine grosse Klappe zu haben und noch nie etwas Anständiges gearbeitet? «Ich bin glücklicher Vater zweier Töchter und bis zur Wahl als SP-Co-Präsident habe ich neben dem Mandat als Nationalrat auch in anderen Jobs gearbeitet. Mit 36 vertrete ich heute einen Teil der Bevölkerung, der im Parlament sonst kaum noch abgebildet wird: eine junge Familie, die in einer normalen Wohnung in einem Block in einer Schweizer Kleinstadt wohnt.»

Also der nette Nachbar von nebenan, Familienvater, Blockbewohner, trägt sicher den Abfall selber runter, nachdem er beim Abwasch geholfen hat. Natürlich nur dann, wenn ihn seine zahlreichen Ämter und Ämtchen dafür Zeit lassen. Denn das läppert sich:

 – Mitgründer und Co-Präsident des Komitees «Bahnanschluss Mittelland»
– Organisationskomitee «Fest der Solidarität» im Arbeiterstrandbad Tennwil
– Stiftungsrat Arbeiterstrandbad Tennwil
– Stiftungsrat Solifonds für die SP Schweiz
– Vorstand des Unterstützungsvereins der «Archive der Aargauer Arbeiterbewegung»
– Siedlungskomitee der Wohnbaugenossenschaft Trilogie, Zofingen
– Co-Präsident der Parlamentarischen Gruppen Schweiz-Kosovo (mit Nationalrätin Doris Fiala, FDP und Nationalrat Alfred Heer, SVP) und Schweiz-Suryoye (mit Nationalrat Lukas Reimann, SVP)

– Diverse Patronats- und Unterstützungskomitees, darunter: Swiss Comittee on Reparations for Slavery SCORES; Verein «Doppeltür – lebendig vermittelte Schauplätze jüdisch-christlichen Zusammenlebens in der Schweiz», etc.
– Moderation einer eigenen Radiosendung auf Kanal K «Wermuth fragt»

Also, liebe SP-Delegierte: habt ein Einsehen, ihr wollt doch nicht etwa dieser glücklichen Durchschnittsfamilie schnöde die Existenzgrundlage entziehen?

 

Hanslis Interview mit Vitali

Auch ein Oberchefredaktor ist nicht in jedem Thema sattelfest.

2012 bestritt Vitali Klitschko seine letzten Kampf als Profiboxer. Er schlug 87 Prozent seiner Gegner k.o., eine beeindruckende Bilanz. 2014 wurde er zum Bürgermeister von Kiew gewählt.

Im Widerstand rund um Euromaiden ging Klitschko ein Bündnis mit der rechtsextremen Swoboda-Partei und Julija Tymoschenko ein. Nach anfänglichen scharfen Auseinandersetzungen mit Präsident Selenskyj ist Klitschkow heute ein wortmächtiger Botschafter ukrainischer Anliegen.

Noch 2019 vermeldeten die Medien: «Kaum hat seine Partei die vorgezogene Parlamentswahl am 21. Juli gewonnen, greift Präsident Wolodymyr Selenskyj gleich einen der bekanntesten Ukrainer weltweit an. Das Präsidentenbüro hat die Regierung gebeten, den Bürgermeister von Kiew und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko als Chef der Stadtverwaltung zu entlassen.» Vergeben und vergessen.

Natürlich waren die Klitschko-Brüder am WEF anwesend, wo es dem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser von Tamedia gelang, ein Interview zu ergattern. Das sind Prestigesachen, wo Chefredaktoren ihren Titel in die Waagschale werfen, um an eine begehrte Person heranzukommen.

Das Problem ist dann allerdings, dass sie relativ unbeleckt von Vorkenntnissen oder Hintergrundwissen durchs Interview stolpern und dem anderen eigentlich Carte blanche geben, seine Kernaussagen einmal mehr zu wiederholen.

Nach einer Liebeserklärung an die Schweiz und höflichem Dank für Flüchtlingsaufnahme und humanitäre Hilfe, kommt Klitschko ohne Umwege zur Sache:

«Aber jetzt stoppen Sie bitte die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Jeder Dollar, jeder Franken und Euro, der nach Russland geht, ist Blutgeld. Dieses Geld nützt Putin nicht zum Wohle seiner Bevölkerung oder für die Weiterentwicklung der Wirtschaft, sondern für Waffen. Es klebt ukrainisches Blut an jedem Franken, den Sie dank dem Handel mit Russland verdienen.»

Also muss man es sich so vorstellen, dass Gasverteiler in der Schweiz metaphorisch gesehen ukrainisches Blut mitverfeuern.

Darauf erwidert Rutishauser lahm, dass die Schweiz aber neutral sein wolle und müsse und sich aus dem Krieg heraushalte.

Das bringt ihm gleich die nächste linke Gerade von Klitschko ein: «Sie müssen sich entscheiden, Schwarz oder Weiss? Unterstützt die Schweiz den Frieden und die Freiheit, oder ist sie auf der Seite des Aggressors, nämlich Russlands?»

Vielleicht versuche die Schweiz tatsächlich gerade, halb schwanger zu sein, zappelt Rutishauser dann in den Seilen, spuckt den Mundschutz aus und fragt, ob die Schweiz denn wirklich anfangen solle, «russische Medien zu zensurieren».

Linker Jab, rechte Schlaghand: «Ja, denn so, wie das jetzt läuft, haben Sie den Krieg im Inneren der Schweiz. Ich sah mir heute Morgen im Hotel die Website von «Russia Today» an. Die erklären, Mariupol sei durch die Ukrainer zerstört worden. Stoppen Sie diese Propaganda!»

Bereits schwer angezählt meint Rutishauser: «Die glaubt hier doch sowieso niemand.»

Um unter einem Schlaghagel zusammenzubrechen: «Unterschätzen Sie die Macht der Medien nicht, unterschätzen Sie die Propaganda nicht. Die Propaganda ist eine grosse Macht. Sogar mächtiger als Waffen. Das sage ich Ihnen als jemand, der in der Sowjetunion gross geworden ist.»

Schon ausgezählt taumelt Rutishauser in seine Ecke und murmelt noch: «Kann die Schweiz irgendetwas tun, um den Krieg zu stoppen?»

Klitschko hat schon beide Arme hochgerissen, um seinen Interviewsieg durch technischen K.o. zu feiern. Aber diese Gelegenheit lässt er sich natürlich nicht entgehen:

«Ja, ich sage es nochmals, es gibt zwei Dinge, die Sie tun können: Stoppt erstens die russische Propaganda und hört zweitens auf, mit den Russen zu handeln.»

Es ist sicherlich einschüchternd, einem 2,01 Meter grossen ehemaligen Boxweltmeister gegenüberzusitzen. Aber Fragen zu stellen und nicht nachzuhaken, als habe Rutishauser zu viele Kopftreffer abbekommen, darauf zu verzichten, sich solche Einmischungen in unsere Presse- und Handelsfreiheit zu verbitten, das hätte der Oberchefredaktor besser das Handtuch in den Ring werfen sollen. Also das Interview im Archiv seiner unveröffentlichten Werke versenken.

 

Dreifacher Harald Schmidt

Alles andere ist Geplauder.

Wenn Harald Schmidt das Opernhaus Zürich beehrt, dann gibt er eines seiner Sternstunden-Interviews, denn Klappern gehört auch bei ihm immer noch zum Handwerk. Normalerweise wächst er dabei an cleveren Fragen.

Auch wenn das nicht der Fall ist, wie beim SoZ-Interview, wirft er doch die eine oder andere Perle vor den Leser: «Meine Lieblingsformulierung ist der heteronormative weisse Cis-Mann», diese Selbstbeschreibung treffe ihn am besten. Wo er das herhabe? «Das lese ich bei Autorinnen, die sich vermutlich für eine lesbische Lebensform entschieden haben und auf Zeilenbasis auf irgendwelchen Blogs schreiben, weil faschistoide alte Männer sie aus den Erfolgsredaktionen rausmobbten. Das ist meine Hauptquelle, um zu lernen, neugierig zu bleiben und wandlungsfähig.»

Schön ist auch der hier:

«Ein Journalist, der mal ein Interview mit mir gemacht hat, wurde vorher von Kollegen gewarnt: «Pass auf, wenn du Schmidt interviewst, er lauert immer auf die nächste Pointe.» Das ist sehr gut, denn das würde ich auch zu Sportreportern sagen: «Achtung vor Ronaldo, der will ein Tor schiessen.»»

Leider hat diese Ausgabe von «nur Schmidt gibt spannende Interviews» ein paar Durchhänger, aber alles in allem ist es das Interessanteste, was vergangenen Sonntag veröffentlicht wurde.

Sehr schön: Auch der SoBli ergatterte ein Interview. Wobei es sicherlich ein typischer Schmidt-Gag ist, dass beide Sonntagsblätter wohl hofften, das exklusiv zu haben.

Geht’s noch schöner? Natürlich, sonst wär’s ja nicht Harald Schmidt. Bereits am Samstag hatten sich die Blätter von CH Media ein Interview mit Schmidt ergattert. Früher hätte da die Sonntagspresse sauer auf die Löschtaste gedrückt. Aber im heutigen Sparjournalismus … Apropos sparen, einige Gags rezykliert Schmidt (wer kann schon dreimal nur originell sein), den hier schenkte er aber exklusiv CH Media: «Seit ich Interviews nicht mehr gegenlese, werden sie immer besser.»

Nur die seriöse NZZaS beteiligte sich nicht an diesem Wettkampf, die hatten schon ein Interview mit Nena im Kasten.

 

Schönsprecher Supino

Der Präsident des Verlegerverbands gewährt nach seiner krachenden Niederlage ein Interview.

Pietro Supino war eher schweigsam in den letzten Wochen. Verständlich, denn er musste einen herben Schlag wegstecken. Die geballte Meinungsmacht aller Mainstream-Medien, mit Ausnahme der NZZ, war für die Annahme des Medienpakets. Zuvorderst auch seine Tamedia, wo er höchstselbst zum Mittel des Leitartikels griff und damit schön unter Beweis stellte, dass die behauptete Trennung zwischen Verlag und redaktionellem Inhalt ein Witz ist, dazu noch ein schlechter.

Ein Sieg an der Urne hätte den angeblich notleidenden Medienclans, den Coninx, Wanner und Ringier, einen grossen Extrabatzen in die Kassen gespült. Dagegen kämpfte nur ein kleines Grüppchen mit sehr überschaubaren finanziellen Mitteln und sehr wenig Sprachrohren.

Daher musste auch Supino einen langen Weg zurücklegen. Zunächst als aussichtslos ignorieren. Nach der schnellen und erfolgreichen Sammlung von Unterschriften fürs Referendum immer noch als unangenehm, aber aussichtslos abqualifizieren. Und umso näher die Abstimmung rückte, desto nervöser und hektischer wurde dagegen angegangen. Als Höhepunkt dann eine völlig vergeigte Werbekampagne mit einem lachhaften Tell, der mit einer Zeitung eine Mauer zusammenhaute.

Selten zeigte sich so offenkundig, dass viel Geld haben nicht unbedingt bedeutet, dass man auch viel Grips einsetzen kann. Also kam es, wie es kommen musste: abgelehnt. Dass Supino einen Supergewinn seiner TX Group verkündete, half auch nicht gerade, das Verständnis zu verstärken, dass die Medien dringend Steuergelder bräuchten. Genauso wenig wie die Zusammenlegung der Handelsplattformen mit Ringier, womit ein potenzieller Milliardengewinn entstand.

Aber nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung. In dem Sinn, dass Supino ja alle an die Wand gemalten Schreckensbilder, die benutzt wurden, um doch an die Kohle heranzukommen, nicht einfach abhängen und im Archiv verstauen kann. Das macht es etwas tricky, sich einem Interview zu stellen.

Dabei ist hilfreich, dass Matthias Ackeret nicht dafür bekannt ist, seine Interviewpartner in die Zange zu nehmen. Entweder war das vorher so abgesprochen, oder aber er verzichtete freiwillig auf eine ganze Latte von kritischen Fragen, die man Supino hätte stellen können und müssen.

Die entscheidende Frage ist natürlich auch, wie es nun weitergehe. Was sind also die Folgen der Ablehnung; wird es zu Eimsparungen und weiteren Einschnitten kommen?

«Nicht unmittelbar. Aber wenn die Zustellkosten steigen und die Abopreise nicht erhöht werden können oder wenn Printabonnements nicht erneuert werden, muss das Geschäftsmodell früher adaptiert werden. Auf längere Sicht bleibe ich aber davon überzeugt, dass es in der Schweiz eine Nachfrage und damit eine nachhaltige Geschäftsgrundlage für guten Journalismus gibt.»

Wenn man diese Wortwolken etwas auswringt, bleibt ja nicht viel übrig. Ausser der Frage vielleicht, was denn Supino unter «gutem Journalismus» genau versteht. Zur medialen Behandlung der Pandemie sagt er: «Die Berichterstattung und die Einordnungsleistung waren nicht nur verlässlich, sondern immer wieder hervorragend.»

Das ist nun sehr bedenklich. Denn entweder meint er das wirklich so, oder aber auch das ist Schönsprech. In beiden Fällen zeugt es von einem anhaltenden Realitätsverlust. Denn mit der einseitigen, obrigkeitshörigen, parteiischen und rechthaberischen Berrichterstattung über die Pandemie, mit der Ausgrenzung kritischer Stimmen, mit dem Hang zur Skandalisierung und zu Horrorgemälden haben die Medien einen guten Teil ihrer eh schon angeschlagenen Glaubwürdigkeit verspielt.

Wo bleibt die Manöverkritik, die Analyse der eigenen Fehler?

Das kann in der Hitze des Gefechts vielleicht passieren, aber danach wäre nun doch eine Manöverkritik, eine kritische Analyse des eigenen Verhaltens angebracht. Aber die Corona-Kreische Marc Brupbacher kann als Symbol dafür genommen werden, dass auf dem Gebiet Corona bis heute null Selbstreflexion oder gar Selbstkritik möglich ist.

Inzwischen hat sich die Ameisenmühle der Journalisten einfach auf ein neues Thema geworfen, und letzte Mohikaner wie Brupbacher wirken noch lächerlicher als vorher, weil das Interesse an ihrer kontinuierlichen Aufregung auf Twitter doch deutlich nachgelassen hat.

Aber was Not täte, von Supino abwärts bis Brupbacher, wäre eine kritische Aufarbeitung der Ursachen, die zur Ablehnung des Medienpakets führten. Stattdessen mit «Adaption des Geschäftsmodells» zu drohen, also auf Deutsch mit weiteren Sparmassnahmen und/oder Preiserhöhungen, damit schreitet Supino auf dem Weg ins Nichts weiter voran.

Denn auch er sollte doch eigentlich ein einfaches Grundprinzip der freien Marktwirtschaft verstanden haben: für weniger mehr verlangen, das funktioniert nicht. Weder bei Suppentüten, noch bei Contentprovidern.

 

WUMMS: Priska Amstutz

Ein Jahr Protestbrief. Man liest halt ZACKBUM. Der Beweis.

Am 9. März wies ZACKBUM darauf hin, dass zwar der Tag der Frau in Tamedia gewürdigt wurde und Aleksandra Hiltmann Kollegen und Leser mit einem feminisitischen Interview quälte.

Am 6. März war ZACKBUM, das Zentralorgan des Feminismus, ganz alleine auf weiter Flur und bedauerte das tiefe Schweigen der 78 erregten Tamedia-Mitarbeiterinnen, die sich vor genau einem Jahr mit herzzerreissenden Wehklagen an die Geschäftsleitung und an Jolanda Spiess-Hegglin gewandt hatten.

Und siehe da, am 9. März  geruht die «Co-Chefredaktorin» Priska Amstutz, die «Leiterin einer internen Arbeitsgruppe», zu diesem Thema ein Interview zu geben. Das letzte Lebenszeichen von ihr war eine zusammen mit Oberchefredaktor Arthur Rutishauser unterzeichnete Entschuldigungsarie wegen eines verunglückten Artikels.

Nun aber, wie wogt der Kampf der Tamedia-Frauen gegen Sexismus, Diskriminierung, Demotivierung und üble Machosprüche weiter? Leider vernittelt Amstutz diese Informationen nicht dem Tamedia-Leser (dabei hätte sich ein Interview durch Hiltmann angeboten), sondern den Beobachtern von persoenlich.com.

Aber item, was ist passiert, was ergab die interne Untersuchung, welche der über 60 Beispiele übelsten Verhaltens konnten verifiziert werden, welche Konsequenzen hatte das für diese Machoschweine?

Wie steht es mit dem jüngsten Protestschreiben bezüglich der fristlosen Entlassung eines Jungredaktors? Alles interessante Fragen, nicht wahr? Leider gibt es keine einzige Antwort.

«Erleben immer wieder anspruchsvolle Phasen, interne Prozesse überprüft und wo nötig angepasst, Abklärung und Aufarbeitung, Brief sehr ernst genommen, wird nicht toleriert, vertiefte Kommunikation, Kulturdialog, viele Massnahmen umgesetzt.»

Das ist nicht mal heisse Luft. Das sind zu Worten geformte Buchstaben, die schlichtweg nichts, einfach gar nichts aussagen. Wurde ein einziger Vorwurf erhärtet? Einer? Bitte? «Zu Einzelfällen kann ich mich aus personalrechtlichen Gründen nicht äussern.»

Wir hätten da einen neuen Einzelfall. Die Literaturquälerin Nora Zukker über die Premiere der neuen «Kassensturz»-Moderatorin: «Die Anwältin der Mäuse». Ob diese Mausi-Verniedlichung den Respekt und den Kulturwandel verkörpert, von dem Amstutz salbadert?

 

Wumms: Alain Berset

«Blick« knallhart: das grosse Berset-Interview.

Bösartige Zungen behaupten, es gäbe spezielle Beziehungen zwischen dem Ringier-Verlag und unser aller Knutschkugel, Bundesrat Alain Berset. CEO Marc Walder soll regierungsfreundliche Berichterstattung befohlen haben, Männerfreundschaft. Dagegen musste sich schon Michael Ringier wehren, die sieben Zwerge in der Chefredaktion der «Blick»-Gruppe griffen gemeinsam zum Griffel und betonten ihre Unabhängigkeit.

Nun liefert «Blick» einen weiteren Beweis, dass das alles Fake News sind. Denn:

Grosses Interview; so gross, dass es in mehrere Video-Schnipsel aufgeteilt wurde.

Da wurde der Gesundheitsminister echt gegrillt. Schonungslose Fragen: «Was war der grösste Fehler?» Aber auch einfühlsam und sensibel: «Wie schwierig war das für Sie?» Seiner Frau seinen Seitensprung zu gestehen? Aber nein, wir sind hier zwar schon im unerschrockenen, meinungsstarken, kritischen, schonungslosen Brutal-Interview, wie es sich für unabhängigen Journalismus gehört.

Aber man merkt der Interviewerin deutlich an – nicht nur, weil sie ständig auf ihre Spickzettel schauen muss -, dass Arbeitsplatzsicherung höchste Priorität hat.

Kritisches Nachfassen, Festnageln, Widersprüche verfolgen? Ach was. Sonst ruft noch Berset bei Marc an und beschwert sich. Droht damit, dass er für die nächste Ausgabe von «Interview» nicht mehr als Dressman und Mitarbeiter zur Verfügung stünde. Und das wollen wir doch alle nicht.