Zum Beispiel Viviane Joyce

Wie Karriere verformen kann. Ein bedauerliches Lehrstück.

Viviane Joyce war sozusagen die Tätschmeisterin bei der BaZ. Bei der alten «Basler Zeitung», als unter der Leitung von Markus Somm noch Journalismus mit Hand und Fuss und Herz betrieben wurde.

Als Debatte grossgeschrieben wurde, keine Meinung zensiert und deshalb auch das mit Millionen unterfütterte Gegenprojekt «TagesWoche» kläglich verröchelte. Da hatten auch Externe mit eher konfliktiven Beiträgen problemlos Platz. Natürlich sprechen wir hier von René Zeyer.

Joyce sorgte damals dafür, dass alles seinen geordneten Gang ging und kümmerte sich um die vielen grösseren oder kleineren Probleme, die das Zusammenschreiben doch nicht ganz pflegeleichter Charaktere so mit sich brachte.

Dann schaffte Joyce als eine der ganz Wenigen der BaZ den Sprung in den Tamedia-Konzern, als der die Zeitung übernahm und begann, mit seiner Zürcher Einheitssosse abzufüllen. Seither hat die BaZ nur noch nominell einen Chefredaktor, der ängstlich darauf verwies, dass solche Entscheidungen nur in Zürich getroffen werden können, als ich ihm ein Stück mit Schwerpunkt Basel anbot.

Viviane Joyce, Überlebenskünstlerin.

Karriere war auch schon einfacher

Das ist nun alles verständlich, man muss heutzutage im Journalismus schauen, wo man bleibt. Ausserhalb von ZACKBUM gilt die Devise: ja nicht unangenehm auffallen, das könnte nicht nur die Karriere, sondern gleich den Job gefährden. Denn nach der Sparrunde ist immer vor der Sparrunde, nach dem grossen Rausschmeissen ist vor dem nächsten Rausschmeissen.

Immerhin blieb der BaZ das Schicksal der «Berner Zeitung» und des «Bund» erspart. Allerdings verfügt Tamedia am Platz auch nur über die BaZ, da kann nicht sonderlich zusammengelegt und gespart werden.

Aber Tamedia verfügt auch über die sogenannten Editorial Services. Also den Maschinenraum von Layoutern, Produzenten, Korrektoren, Bildredaktoren und allen, die für den ordentlichen Weg eines Artikels in die Abfüllmaschine Tamedia zuständig sind.

Alles so schön bunt hier, in der Selbstdarstellung.

Was bei einem Automotor eher ungut wäre, ist bei einer Zeitungsherstellungsmaschine scheinbar problemlos möglich: immer wieder ein paar Stücke abschrauben, wegschmeissen, geht auch so. Allerdings sind das keine Stücke, sondern Mitarbeiter, aber was soll’s.

Joyce ist inzwischen «Leiterin Editorial Services» und auch Mitglied der Geschäftsleitung von Tamedia. Das ist sicherlich ein verdienter Aufstieg einer kompetenten Frau. Allerdings gehört dann dazu, die neue Sparrunde nach der vorhergehenden Sparrunde möglichst schönzuschwätzen.

Schönreden statt schimpfen

Das tat sie gegenüber seidenweichen Fragen von persoenlich.com, als es darum ging zu erklären, dass der neuerliche Abbau von 710 Stellenprozenten eigentlich keinerlei Auswirkung auf die Qualität der Dienstleistung habe. Zurzeit werkeln noch «102 feste Mitarbeitende»; Joyce lenkt also einen ziemlich grossen Töff im Tamedia-Imperium. Dass sie die neuerliche Sparrunde nicht öffentlich als Riesensauerei beschimpft, ist verständlich. «Synergien nutzen», keinerlei Einbusse bei der Qualität, bessere Abstimmung, das übliche Blabla halt.

ZACKBUM hatte allerdings noch ein paar konkrete Nachfragen, unterbreitete die mit grosszügig bemessener Bedenkfrist:

  1. Nach der Sparrunde ist vor der Sparrunde. Wann ist die nächste geplant?
  2. Wie erklären Sie das Wunder, dass mit weniger Mitarbeitern gleiche Qualität geliefert werden kann?
  3. Sie haben sicherlich die Begriffe Synergie und Straffung und so weiter verwendet. Aber das würde ja bedeuten, dass zuvor Leerläufe und überflüssige Tätigkeiten existierten, oder nicht?
  4. Sie gehören zu den wenigen «Überlebenden» der BaZ ausserhalb der BaZ, aber innerhalb von Tamedia. Haben Sie bei Stellenantritt bereits geahnt, dass Sie vor allem Zeichen im Abbau setzen werden?
  5. Können Sie umreissen, ab welcher Work Force eine gleichbleibende Qualität nicht mehr garantiert werden kann?

Auch hier gibt sich niemand der Illusion hin, dass Joyce als Mitglied der GL aus ihrem Herzen keine Mördergrube machen würde. Aber eine ernsthafte Befassung mit den Fragen wäre eigentlich nicht zu viel verlangt gewesen.

Geblubber und Geschwurbel statt Inhalt und Strategie.

Stattdessen kam das hier von Joyce:

«Grundsätzlich ist alles gesagt auf persönlich.com: Tamedia Editorial Services muss einen Beitrag an die Kostenreduktion leisten. Ich bedauere, dass die organisatorischen Veränderungen bei Tamedia Editorial Services personelle Massnahmen mit sich führen. Dies hat aber keine Auswirkungen auf die Qualität, auch mit den neuen Abläufen und Zuständigkeiten ist diese stets gewährleistet. Zudem gibt es Synergiepotenzial durch die Neuaufstellungen der Redaktionen in Zürich und Bern, aber auch mit einer Einführung des TES-Hubs an zwei Standorten.»

Da kann man nur noch sagen: oh je.

5 KOMMENTARE
    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Dachte ich auch einmal, aber bei TAmedia gibt es nach unten keine Grenzen. Beispiel, die reisserischen Titel die etwas suggerieren und der Artikel das Gegenteil berichtet. BLICK-Titel halten wenigstens was sie versprechen. Neuerdings ein hilfloser Versuch von TAmedia Kompetenz der JournalistenInnen zu reklamieren, am Schluss der Artikel ein ein Mini-CV:

      Helene Arnet ist promovierte Historikerin und hat einige Jahre an der Kantonsschule Limmattal unterrichtet. Seit 2001 ist sie Redaktorin im Ressort Zürich des «Tages-Anzeigers». Sie gehört dem Politik-Team an, schreibt aber auch gerne über kulturgeschichtliche Themen und Menschen, die etwas bewegen.

      Statement von VJ: «Dies hat aber keine Auswirkungen auf die Qualität, auch mit den neuen Abläufen und Zuständigkeiten ist diese stets gewährleistet». Stets gewährleistet? Seit Jahren nimmt die Qualität ab, die Abhängigkeit von München und Agenturen zu, «Publiziert». Wahrscheinlich hat Marco Boselli diktiert was VJ schreiben muss, typische Boselli-Sprache!

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  1. Didier Venzago
    Didier Venzago says:

    Die Medien laufen schon seit längerem auf dem Zahnfleisch. Man kann jetzt höchstens spekulieren ob wegen der Digitalisierung oder auch wegen des enormen journalisten Qualitätsverlustes der letzen Jahre. Wo früher dank Inserateflut locker ein teueres Hobby wie eine Kunstsammlung für den Verleger drinn lag und Korrespondenten vor Ort auch in exotischen Ländern ausgiebig recherchieren konnten, muss heute bereits der Staat angebettelt werden um den minimalen Tagesbetrieb mit Millionenspritzen einigermassen aufrecht zu erhalten. Einige Zahlen illustrieren wie sehr die Medien vor die Hunde gegangen sind: Hatte „Der Spiegel“ im März 1978 noch 258 Seiten, davon 149 Seiten Inserate also fast 58%, so hat er im August 2021 bloss noch 130 Seiten, davon erschreckende 7 Seiten Inserate (5.4%). Natürlich wird diese Entwicklung in den Medien selber seit Jahren totgeschwiegen.

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      • Didier Venzago
        Didier Venzago says:

        Ja so ist es. Viele Zeitungen schreiben zb. bei der Daily Mail ab, da dort noch intensiv recherchiert wird und neue Stories geschrieben werden. Vieles was in der Daily Mail steht taucht ein paar Tage später in der hiesigen Presse (Blick etc) auf. Hören unsere Abschreib-Journies aber gar nicht gern wie ich selber erleben musste. Pikiertes Schweigen dazu war alles.

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