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Hier irrt Köppel

Der Vielschreiber vergaloppiert sich. Und keiner merkt’s.

Der Verleger, Besitzer, Herausgeber und Chefredaktor der «Weltwoche» hat ein neues Lieblingsthema gefunden. «Narrenschiff Europa», poltert er: «Die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten entlarven die Dummheit unserer Politiker».

Da ist was dran. «Tod, Feuer und Zorn werden über sie hereinbrechen», keift Kriegsverbrecher Donald Trump gegen den Iran, fordert dessen «bedingungslose Kapitulation». Halten wir ihm zugute, dass er nicht weiss, was das ist.

Währenddessen Kriegsverbrecher Netanyahu auch den neuen Religionsführer des Iran mit dem Tod bedroht, ausser Rand und Band umliegende Staaten bombardieren lässt. Die US-Bombardierung einer Mädchenschule mit über 160 Toten im Iran, angeblich wegen veralteten Karten, macht ungefähr so viel Schlagzeilen wie der Tod eines Kindes in der Ukraine durch den Kriegsverbrecher Putin.

Dazu sagt Köppel: «Es gibt unter Staaten kein Recht.» Denn: «Recht gibt es nur dort, wo es eine rechtsdurchsetzende Instanz gibt.» Das sei auch gut so, zumindest besser, als wenn es einen «Weltpolizisten» gäbe. Das wäre «die ultimative Despotie». Das ist der kleinere Irrtum in seiner Philippika.

Ob er wohl weiss, dass er den Titel und die Metapher von Sebastian Brant entlehnt hat? Der wollte mit seiner 1494 erschienenen Satire moralische Verirrungen anprangern – und zur Umkehr mahnen.

Da niemand Trump in seiner Raffgier und ungehemmten Selbstbereicherung (oder die seines Clans) stoppen kann, bei diesem Raubzug am helllichten Tag, wie es die «Financial Times» nennt, könnte man alle Gesetze gegen Betrug, Entwendung, Korruption in die Tonne treten, wollte man Köppel Logik folgen? Welch grandioser Unsinn.

Unbestreitbar ist das blutige Unrechtsregime der Ayatollen im Iran ein Schandfleck der Menschheit. Aber erlaubt es das, jede regelbasierte Ordnung über den Haufen zu werfen? Auch grausamen und unmenschlichen Verbrechern gegenüber gibt es Regeln, sie haben Rechte. Auch für den Kindsmörder gilt die Unschuldsvermutung, bis er rechtsgültig verurteilt ist. Würden wir das durch Lynchjustiz ersetzen, wären wir nicht weiter, sondern zurück im finsteren Mittelalter, wo die Ayatollen leben.

Grausame Taten, eines Einzelnen wie eines Verbrecherregimes, provozieren den Wunsch nach grausamen Reaktionen. Auge und Auge, Zahn um Zahn. Wenn die zivilisatorische Schicht, die uns davon abhält, bröckelig wird, sollte man sie nicht ganz abkratzen, sondern schützen.

Köppel legt noch einen drauf und macht einen dreifachen Axel ins Absurde und ohne sichere Landung. Er lobhudelt mal wieder die «immerwährende, bewaffnete, umfassende Neutralität» der Schweiz, «einst umverhandelbarer Schutzschirm in stürmischer Zeit».

Dabei übersieht er in seinem Lauf, dass ja genau diese Neutralität nicht aus sich selbst besteht, sondern aufgrund eines Appells an supranationale Übereinkünfte und Regeln. Die wurden sogar – horribile dictu – von Hitler und Mussolini respektiert. Denn gäbe es, im Gegensatz zur Meinung Köppels, kein Völkerrecht, gäbe es auch keine Neutralität der Schweiz, an die er so inbrünstig appelliert.

Dass auch diese Regeln, wie im Fall Belgiens im Ersten Weltkrieg, ignoriert wurden, sind eben Ausnahmen. Diese Rechtsbrüche werden auch im Nachhinein als solche wahrgenommen und nicht als rechtskonformes oder überrechtliches Handeln schöngeschwatzt.

Was empfiehlt nun der Irrläufer der Schweiz? Die Pflege ihrer Interessen, «das bedeutet Rückkehr zur integralen Neutralität». Welch putziger, grandioser und die Lachmuskeln strapazierender Irrtum.

Die Schweiz könnte noch so laut und unterstützt durch den Tiefdenker Köppel Neutralität krähen – gäbe es keine internationalen Übereinkünfte, gemeinhin Völkerrecht genannt, würde ihr das einen alten Dreck nützen.

Trump würde nicht nur wie ein Berserker immer neue Gründe erfinden, um Zölle gegen die Schweiz zu erheben. Er würde sagen: I give a fuck for your neutrality, stellt euch gefälligst an meine Seite.

Denn der tiefste Sinn des Rechts, national wie auch international, ist der Schutz des Schwachen gegen den Starken, des Kleinen gegen den Grossen.

Dass Recht gebrochen wird, dass Recht manchmal vergeblich eingefordert wird, ist noch lange kein Grund, seine Existenz zu negieren oder zu behaupten, es existiere gar nicht.

Auch Moral ist etwas Übergesetzliches. Sie existiert ohne Weltpolizisten, müsste aber von allen vernünftigen Menschen verteidigt werden.

Dass unsrer Schutzwall, unser letzter Schutzwall gegen Willkür, Faustrecht und Barbarei unter einem Ansturm von Barbaren leidet, wäre Grund genug, zu seiner Verteidigung aufzurufen. Nicht, seine Existenz zu leugnen.

Das wäre im besten Interesse der Schweiz, die Köppel doch zu verteidigen vorgibt.

Die Mär vom Enthauptungsschlag

Netanyahu und Trump wüten, die Massenmedien berichten kommentarlos.

Was sind das für Zustände, wo man den katarischen News-Sender Al Jazeera schauen muss, wenn man einigermassen vollständige Informationen über die alle internationalen Regeln brechenden Angriffskriege gegen den Iran, den Libanon und Jordanien bekommen will?

Wo auch in Mainstream-Medien als nebensächlich abgehakte Ereignisse berichtet werden:

Bevor nun ein Teil der Leserschaft Propaganda oder Fake News kräht, wobei kleinere Untaten der russischen Regierung in der Ukraine riesige Schlagzeilen machen: selektive Berichterstattung ist nur ein Problem, und dazu ein minderes.

Denn wie diese Beispiele zeigen, ist es dank Internet durchaus möglich, nach Informationsquellen Ausschau zu halten, die andere Blickwinkel liefern. In der Schweiz hat man zudem den Vorteil, dass dazu auch Russia Today gehört, das in der freiheitlich-demokratischen EU verboten ist. Dort werden auch ausländische Staatsbürger sanktioniert, wenn sie unerwünschte Meinungen äussern.

Das grösste Problem ist hingegen die jämmerliche Analysefähigkeit der versammelten Fachkräfte an der Tastatur, vor dem Mikrofon und der Kamera.

Dazu einige wenige Beispiele.

Es geht gar nicht darum, ob US-Präsident Donald Trump erratisch, sprunghaft, verlogen oder schlichtweg ein Amok ist. Sein Handeln versteht man nur dann richtig, wenn man sich bewusst macht, dass er ein hochkrimineller Mafioso ist, dessen höchstes Ziel darin besteht, seinen Clan und sich selbst unsäglich zu bereichern. Und zwar um Milliarden. Einen Raubzug am helllichten Tag, nennt das die «Financial Times», und das ist noch milde ausgedrückt.

Dass er damit die Welt in ein seit dem Zweiten Weltkrieg ungekanntes Chaos stürzt, ist ihm völlig egal. Auf dem Weg zur möglichst ungestörten Machtausübung will er die bewährten Checks and Balances in den USA aushebeln. Also Wahlen, das Militär und die Justiz. Trotz kleineren Rückschlägen ist er erfolgreich unterwegs.

Das Zollchaos, das er angerichtet hat, ist mindestens so schädlich wie der konzeptlose Krieg gegen den Iran oder der Versuch, Venezuela zu regieren. Von Kuba, Panama, Grönland oder Kanada ganz zu schweigen. Was ist das für ein Präsident, der eine abweichende Meinung wie diejenige Spaniens sofort mit Strafzöllen bestraft?

Trump betet im Oval Office. Sonst noch Fragen?

Aber es ist ja nicht nur unverantwortlich, was Trump treibt. Es ist schlichtweg schwachsinnig, was die Attacke auf den Iran betrifft. Die einzig erkennbare Strategie ist, mit Enthauptungsschlägen die Führung des blutrünstigen Regimes zu liquidieren. In der Annahme, dass dann das Regime zusammenbricht und die Bevölkerung die Macht übernimmt, ohne dass eine eigentliche Invasion dazu nötig wäre.

Wie unsinnig das ist, zeigt ein Vergleich. Nehmen wir an, die Führungsmannschaften in den USA und in Israel würden einfach nach Hause gehen. Sich von der Macht verabschieden. Würden dann die USA oder Israel zusammenbrechen, käme es zu Volksaufständen, Systemwechsel? Absurd.

In Venezuela hat geholfen, dass der ausnehmend dumme Präsident Maduro eine Verräterin zu seiner Stellvertreterin machte. Das ermöglichte den USA, durch seine Entfernung dort die Macht zu übernehmen. Das hat aber mit einem Systemwechsel nicht das Geringste zu tun; es herrscht nach wie vor die gleiche Clique von korrupten Funktionären wie zuvor, es gibt keine Berichte, dass es der Bevölkerung besser ginge.

Noch absurder: obwohl auch die USA das Ergebnis der letzten gefälschten Wahlen nicht anerkennen, benützen sie ihre Macht nicht etwa dazu, die um ihren Sieg gebrachte Opposition als neue Regierung zu installieren. Und obwohl die Friedensnobelpreisträgerin Maria Corina Machado alles tat, um das gekränkte Ego des US-Friedensfürsten zu besänftigen, ignoriert sie Trump und anerkennt offiziell die Wahlfälscherin Rodriguez.

Während aber in Venezuela unter einer dünnen Schutzschicht von angeblich revolutionärer Ideologie die Chavistas längst zu einer Bande von korrupten und geldgierigen Machthabern verkommen sind, ist das im Iran ganz anders. Auch dort ist die Führungsschicht korrupt, aber ihre Ideologie basiert auf einem fanatisierten fundamentalistischen Glauben, den die Revolutionswächter offensichtlich auch mit Massakern an der eigenen Bevölkerung verteidigen.

Wenn nun nach Chamenei auch sein Sohn und Nachfolger liquidiert würde, führt das einzig zu einer offenen Militärdiktatur, plus einem möglichen Bürgerkrieg. Oder zu einem Noch-stärker-Werden fanatischer Gläubiger. Wie in Afghanistan, wie im Irak.

Das alles liegt auf der Hand und könnte, sollte, müsste klar ausgesprochen werden.

Dass es das nicht wird, ist kein Anlass zu Verschwörungstheorien. Der Grund ist banal: erschreckende intellektuelle Verödung auf den Redaktionen. Bedenkenloses Nachplappern von Narrativen wie dem, dass es ein «legitimer», wenn nicht gar «guter» Krieg sei, der hier geführt werde.

Während die Weltwirtschaft im Chaos versinkt und die Hürden bei der Rückkehr von asiatischen Feriendestinationen oder aus den beschädigten Glitzerwelten der Scheichtümer bald einmal das kleinste Problem sein werden.

Zurück zur Barbarei

Israel und die USA bombardieren den Iran. Willige Helfershelfer in den Medien und in der Politik applaudieren verantwortungslos.

Dieser Text ist am 28. Februar auf «Inside Paradeplatz» erschienen. Er scheint gut gealtert zu sein …

Es gibt drei Arten von Bösewichten auf der Welt. Solche mit Atombomben wie Nordkorea oder Russland. Solche ohne Nuklearwaffen wie Venezuela oder Kuba.

Solche, die zwar widerwärtige Massenmörder sind, aber im Sudan oder in Äthiopien wüten können, weil das niemanden interessiert.

Und dann gibt es den Iran. Der vereint genügend Eigenschaften, um zum nächsten Ziel eines militärischen Angriffs zu werden.

Die Mullahs hätten «so viel auf dem Kerbholz, dass ein Angriff legitim wäre», behauptete Welterklärer Eric Gujer in der NZZ noch vor dem Angriff. Meist weniger elegant formuliert applaudieren auch viele andere dieser klar völkerrechtswidrigen Aktion.

Die gleichen, die sich über die Untaten der russischen Regierung in der Ukraine nicht einkriegen.

Dabei sind die untauglichen Begründungen für diesen Rückfall in waffenklirrende Machtpolitik deckungsgleich. Gefährdung der eigenen Sicherheit, barbarische Massnahmen der Machthaber, ergänzt um Dekadenz, Korruption und Wirtschaftskrise.

Die Enthauptung der Führungsspitze Venezuelas hatte einen Nachfolgeplan; in der Nummer zwei des Regimes fanden die USA eine willige Verräterin, die willfährig die Interessen der mächtigsten Militärmacht der Welt bedient.

Nach der Devise: ab jetzt teilen wir uns die Beute und die USA kriegen das grösste Stück, während allen Beteiligten die venezolanische Bevölkerung völlig egal ist.

Was aber ist der Plan beim Iran? Abgesehen davon, dass das Mullah-Regime in grossen Teilen der Bevölkerung abgewirtschaftet hat und sich nur mit blutiger Unterdrückung gegen Forderungen nach seiner Absetzung wehren kann.

Aber auf der anderen Seite verfügen die Ayatollen mit den sogenannten Revolutionswächtern über einen harten Kern gut ausgebildeter Kämpfer, die vielleicht aus religiösem Fanatismus, sicherlich aber aus dem Interesse, ihre Pfründe zu verteidigen, erbitterten Widerstand leisten werden.

Wie soll es also gelingen, im Iran einen Umsturz herbeizubomben? Sollte es überhaupt möglich sein, die wichtigsten Zentren in eine Ruinenlandschaft wie im Gazastreifen zu verwandeln? Was die Fanatiker der Hamas nicht davon abhielt, trotz Zehntausenden ziviler Opfer weiterzukämpfen.

Auch die Tötung fast all ihrer Anführer vermochte daran nichts zu ändern.

Zudem verfügt der Iran über ganz andere militärische Möglichkeiten, alleine schon über ein ganzes Arsenal von Kurz- und Mittelstreckenraketen, mit denen er Israel und US-Militärbasen angreifen wird.

Kommt es zu einem Volksaufstand? US-Präsident Trump forderte die Iraner schon vor Wochen auf, die Macht zu übernehmen. Und schaute dann zu, wie die Aufständischen massakriert wurden.

Und die Unterstützung eines Invasoren trifft niemals auf den gleichen Rückhalt wie der interne Versuch, ein Verbrecherregime loszuwerden.

Was also wäre der Plan für danach? Selbst in der doch kühnen Annahme, dass es durch Luftschläge und eine überschaubare Invasion gelingen könnte, das Mullah-Regime mitsamt dem greisen und grausamen Führer Chamenei zu stürzen: und dann?

Selbst die viel organisierter Opposition in Venezuela schaffte es nicht, das unfähige Regime um Präsident Maduro zu gefährden, geschweige denn, zu stürzen. Der Wechsel gelang nur, weil er bislang keiner ist. Die gleiche korrupte Machtelite ist dort weiterhin omnipräsent.

Im Iran gibt es nicht mal einen erkennbaren Oppositionsführer. Der Sohn des Schah, dessen brutales Unrechtsregime so gerne mit dem Weichzeichner verklärt wird, kann’s ja nicht sein. Wer sonst? Oder wird der Iran den Weg des Irak, von Libyen oder Syrien gehen? Zersplittern in von Clans und Warlords beherrschten Gebieten, wo der Verkauf von Rohstoffen genug Geld in die Kassen spült, um diese Schreckensherrschaften aufrecht zu erhalten?

Oder sollte man dem grossen Disruptor Trump, der seine Ansichten und Absichten schneller wechselt als seine Krawatten, für ein Mal einen Plan zutrauen?

Alles ungewiss, alles unvorhersehbar. Nur eine Gewissheit gibt es: international sind die Zeiten der Barbarei zurück. Wer überlegene militärische Macht hat, setzt sie rücksichtslos ein. Begründungen finden sich immer.

Dummköpfe, die sie glauben, ebenfalls.

Die Faschismus-Unke

Einer muss es ja machen, meint Daniel Binswanger.

Die schreibende Schmachtlocke wandelt auf den Spuren von Constantin Seibt, dem ehemaligen Starschreiber der «Republik». Der hat sich im ganzen vergangenen Jahr haarscharf zwölfmal gemeldet. Zwar in gewohnter Länge (ungern unter 35’000 A), aber doch etwas abgespacet: «Der dritte Besuch aus dem Weltall: Ist es ein Koment? Oder sind es Ausserirdische», lautet sein letztes Werk vom November 2025.

Idyllische Zustände für Schreiber, wenig Gegenwert für Abonnenten, Pardon, Verleger.

Doch zurück zur Unke Binswanger. Die warnt: «Der Faschismus ist auf dem Vormarsch. Doch es gibt Gegenkräfte.» Aber da gibt es eine Kraft des Bösen, die Binswanger aus der wohlgeheizten Redaktionsstube ankläfft:

«Trump betreibt Politik auf die einzige Weise, die er versteht: als zynisches Spiel der Aufmerksamkeitsökonomie. Ohne Prinzipien, ohne ethische oder rechtliche Tabus. Und wenn er glaubt, damit durchzukommen, mit horrender Brutalität.»

Nachdem er es dem kräftig gegeben hat (Trump soll echt erschüttert gewesen sein, als er das las), wendet sich Weltstratege Binswanger Europa zu, denn auch diese Staaten bedürfen seines Ratschlags: «Europa muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen.» Meine Güte, dass da noch niemand drauf gekommen ist.

Aber auch hier muss gewarnt und geunkt werden: «Zum anderen werden aber auch in Europa die Kräfte des Rechtsradikalismus immer virulenter.» Fremdwörter sind Glücksache, oder sagten wir das schon.

Man muss bei dieser Gemengelage den Überblick behalten und es auf eine Banalität unterbrechen: «Womit wir es heute zu tun haben, in Europa, in den USA und natürlich auch in Russland, das ist Faschismus.»

Neben dem Faschismus allerorten gibt es noch einen zweiten Gefahrenherd, vor dem dringend gewarnt werden muss: «Die Unterminierung der amerikanischen Demokratie beschleunigt sich. Der Epstein-Skandal ist ein schreckliches Symptom dieser Entwicklung.»

Hier hebt die Schmachlocke, Pardon, Schmachtlocke mit dem ausgeleierten Gag an, einen zu zitieren: «Es ist quasi normal geworden, dass sich die Vereinigten Staaten unter Trump im «permanenten Ausnahmezustand» befinden, um den Begriff zu verwenden, mit dem der Philosoph Giorgio Agamben das Machtsystem des Dritten Reichs beschrieb

Das ist bestechende Logik. Einer verwendet einen Begriff für den Hitlerfaschismus, den wendet Binswanger auf die USA an, also herrscht dort auch Faschismus. Q.e.d., wie der Lateiner sagen würde. Und anschliessend prustend loslachen.

Es ist bei Binswanger «quasi» normal geworden, ständig auf den Zehenspitzen zu stehen und lauthals zu krähen und zu warnen, um ZACKBUM zu zitieren.

«Die Epstein-Klasse» überschreibt Binswanger diese Kolumne von ermüdenden 15’000 A. Zunächst mäandert er sich um Trump herum, dann macht er einen Ausflug in die Medienlandschaft:

«Denn in Zeiten des Autoritarismus ist es für Plutokraten nicht mehr prioritär, den unabhängigen Journalismus zu fördern, sondern ihn auf Regierungslinie zu zwingen oder klein und unbedeutend zu machen. Die «Washington Post» ist ein tragisches Lehrstück dafür, wie gefährlich es ist, wenn Medien von Plutokraten kontrolliert werden.»

Was er wohl zum Vorwurf sagen würde, dass es die «Republik» ohne die tiefen Taschen von zwei Millionenerben nicht mehr geben würde? Und ob das dann auch Plutokraten sind?

Nach gefühlt 100’000 A kommt er dann endlich auf sein Titelobjekt zu sprechen: «Die Epstein-Affäre ist ein horrender Höhepunkt struktureller misogyner Gewalt.» Solche Aussagen sind ein Höhepunkt des Rezyklierens von längst Gesagtem und Bekanntem. Auch das nächste Urteil ist nicht gerade neu: «Wenn Epstein eines ist, dann der Beleg für den jämmerlichen Zynismus von Repräsentanten der globalen Machtelite

Da wird sich Noam Chomsky, der sicherlich im Geistesolymp von Binswanger einen besonderen Platz einnimmt, aber freuen, dass er auch ein jämmerlicher Zyniker sei.

Aber auch hier muss Binswanger wohl oder übel mal zum Schluss kommen, so Leid ihm das tut (und wie sehr auch der Leser vorher leiden musste). Da hat er, Überraschung, noch einen Ratschlag zur Hand, den sich die USA hinter die Ohren schreiben sollten: «Wie werden die USA aus dem Epstein-Skandal herauskommen? Nichts könnte dringlicher sein als eine echte, tabulose Aufarbeitung. Es sieht bisher nicht danach aus, dass sie stattfinden wird. Auch das ist eine Bedrohung für die amerikanische Demokratie.»

Wie wäre es mal, nur so als Frage, mit einer echten, tabulosen Aufarbeitung der «Republik»-Skandale? Die ganzen Falschbeschuldigungen von Globe Garden aufwärts und abwärts? Das Wegmobben des Gründers und ersten Chefredaktors Christof Moser? Das Wegmobben seines Nachfolgers? Das Rausschmeissen eines Starreporters, ohne dem Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben, was die «Republik» ein hübsches Sümmchen kostete?  Das wären doch mal naheliegende Themen, die Co-Chefredaktor Binswanger energisch angehen könnte.

Anschliessend kann er sich immer noch um die Rettung der Welt kümmern.

 

Wort zum Sonntag

Willkommen in der Unübersichtlichkeit.

Mal Hand aufs Herz. All diejenigen, die sich nicht in ihrer Gesinnungsblase unter Luftabschluss sauwohl und geborgen fühlen: irgend eine Ahnung von irgendwas?

Wie ist eigentlich die Lage im Gazastreifen? An der ukrainischen Front? Gibt’s Krieg mit dem Iran? Neuigkeiten vom Völkermord in Afrika? Ist das «Board of Peace» (allmächtiger Chef auf Lebenszeit Donald J. Trump) ein Furz oder bewegt es was? Sollte die Schweiz beitreten oder nicht?

Auch nicht ganz unwichtig: ist die KI-Blase am Platzen? Oder das Geschäftsmodell von Elon Musk, eine Wahnsinnsidee mit der nächsten zu ersetzen, was ihm von der «Weltwoche» eine anhimmelnde Titelgeschichte einbrachte («Da Vinci, genialster Unternehmer der Geschichte»)? Bei deren Prognose- und Wirtschaftskompetenz («la crise n’existe pas») gar kein gutes Zeichen.

Sind die EU-Verträge einfach unvermeidlich oder das Ende der direkten Demokratie? Oder kommt das, wenn die Zwangsabgabe für die SRG geschrumpft wird? Ist Crans-Montana ein Zeichen der Verluderung bei Schweizer Behörden oder halt einfach das Wallis? Warum muss das Bundesverwaltungsgericht einer staatlichen Behörde nach der anderen (FINMA, BAG) eine Klatsche verpassen?

Ach, und ganz wichtig: bringt Ex-Prinz Andrew das englische Königshaus ins Wanken? Mindestens so wichtig: beherrschen Superreiche wie Bezos, Gates, Thiel, Musk die Welt? Und wenn ja, ist das gut oder schlecht? Ist das Thema Corona aufgearbeitet oder verdrängt? Sind die Schneemengen ein Zeichen für den Klimawandel?

Werden in der Ukraine westliche Werte gegen asiatische Unmenschen verteidigt oder bloss einer der korruptesten Staaten der Welt unterstützt? Ist Trump der Fürst der Finsternis oder der grosse Disruptor, der endlich Bewegung in viele Problemfelder bringt? Ist Kuba selber schuld, wenn auf der Insel die Lichter ausgehen, oder ist das die Folge eines völkerrechtswidrigen Embargos durch die USA?

Wie kann es sein, dass der grosse Freund ennet des Teichs, der Leuchtturm von freedom and democracy, der Garant unserer Wertegemeinschaft, zum Totengräber Europas wird? Plant der Iwan den Angriff auf NATO-Staaten, wie eine Kriegsgurgel ausser Rand und Band in der NZZ befürchtet? Ist #metoo, Gendersternchen, Achtsamkeit, das Vermeiden böser Worte und die Schneeflocken-Empfindsamkeit vorbei – oder macht sie nur Pause?

Wo gibt es Halt in haltlosen Zeiten?

Früher, ja früher gab es auch im deutschen Sprachraum wenigstens eine mediale Welt, die gegen Bezahlung sich bemühte, einzuordnen, zu analysieren, Verständnis zu liefern. Wenn man heute den Begriff «eine Einordnung» liest, weiss man, dass man weiterblättern oder -scrollen kann.

Der Erkenntnisstand des durchschnittlichen Journalisten ist auf Augenhöhe mit einem sich im Internet informierenden Zeitgenossen. Mangelndes Hintergrundwissen, Bildung oder historische Kenntnisse werden durch Meinungsstärke ersetzt. Die aus Unsicherheit keinen Widerspruch duldet, weil die meisten Journalisten dieser intellektuellen Herausforderung mental und nervlich nicht gewachsen sind.

Das alte Lied: wieso gibt es im deutschen Sprachraum keine Organe wie die Financial Times, das Wall Street Journal, den New Yorker, The Atlantic, Mother Jones, selbst The New York Times oder die Washington Post und einige mehr?

Natürlich ist der sprachliche Einzugsraum viel grösser. Aber auch die Manpower. Während in der deutschen Schweiz vielleicht noch 4000 festangestellte Journalisten arbeiten, davon schon mal rund 1000 bei SRF, sieht das in den USA ganz anders aus.

Alleine die NYT beschäftigt immer noch rund 1700 Redakteure. Die WaPo vor der letzten Entlassungswelle rund 800. Ebenso viele sind bei der FT in Lohn und Brot, beim WSJ 900.

Symbolisch für den Unterschied steht der Wirecard-Skandal. Diese Luftnummer wurde von der FT aufgedeckt, gegen den erbitterten Widerstand auch der deutschen Medien, die meckerten, dass das fiese Albion den Teutonen ihre erfolgreiche IT-Bude neide.

Wer sich täglich durch das Elend der Schweizer Medien pflügt, wo sich gedankliche Tiefe oder analytische Schärfe meistens in Millimetern über Grund messen lässt, fragt sich, woher der mündige Bürger eigentlich heutzutage seine Entscheidungsgrundlagen, seine Welterkenntnis beziehen soll.

Der zunehmende Einsatz von KI wird weitere Heerscharen von Gebrauchshandwerkern im Journalismus überflüssig und arbeitslos machen. Gut so. Die Sonntagspresse wird in absehbarer Zukunft verschwinden. Gut so. Print wird immer mehr zu einer Veranstaltung im Altersheim. Eine Mehrheit der Jugendlichen informiert sich nicht mehr in den klassischen Medien, stellt aber immerhin langsam fest, dass die Beschallung in Echokammern zwecks Bestätigung der vorgefassten Meinung nicht wirklich Erkenntnisgewinn bringt.

Wie sieht also die Informationsvermittlung in der Zukunft aus? Fake News, Deep Fakes, alternative Wahrheiten, inhaltsleere Beschallung mit skandalisierten Triggermeldungen?

Nun, Lektüre oder Informationsaufnahme zwecks Erweiterung der Welterkenntnis war schon immer etwas für die happy few. Neu war nur die Illusion, dass nun die breiten Massen auch daran teilhaben. Könnten sie eigentlich, mit überschaubarem zeitlichen und finanziellen Aufwand. Wollen sie aber gar nicht.

 

Aufgekocht und kopiert

Wenn eine Kritik an Carl Schmitt nach eingeschlafenen Füssen riecht.

Am 23. Januar veröffentlichte das Intelligenzblatt «Süddeutsche Zeitung» eine Kritik am Nazi-Denker Carl Schmitt Vordenker der Autokraten»). Die Autoren Vivien Timmlerleidenschaftliche Kletterin und staatlich geprüfte Bergwanderführerin») und Georg IsmarZeit zum längeren Nachdenken findet er gerne beim Rennradfahren») liessen sich bei diesem nicht gerade brandneuen Thema, nun, vom «Spiegel» inspirieren.

Der veröffentlichte am 8. Januar ein Stück mit dem Titel «Was Trumps imperiale Politik mit Hitlers «Kronjurist» zu tun hat». Da machen die beiden SZ-Geistesriesen den Schirm etwas weiter auf: «Wladimir Putin und Donald Trump erinnern mit ihrem politischen Gebaren an die Theorien von Carl Schmitt

Nach tiefem Nachdenken (wahrscheinlich verzehrte die neuerliche Strategieänderung alle Energien) klappert am 30. Januar der Intelligenzkopfblattsalat von Tamedia mit dem Text der SZ nach: «Das Gebaren von Putin und Trump erinnert an die Theorien dieses Nazi-Juristen».

Allerdings reichen die Vorbilder von SZ und damit Tamedia noch etwas weiter in die Vergangenheit zurück. Nehmen wir diese drei Absätze in diesem Machwerk:

«Auch Schmitt wirkte seinerzeit in einem Epochenwechsel. Seine Karriere begann in der Weimarer Republik. 1933 trat er in die NSDAP ein und wurde Hitlers «Kronjurist». Für die «Deutsche Juristen-Zeitung» verfasste Schmitt den Aufsatz «Der Führer schützt das Recht». Die Morde zur vorgeblichen Prävention des sogenannten Röhm-Putschs von 1934 rechtfertigte Schmitt durch sein juristisches Prinzip der «Führer-Ordnung». Die antisemitischen Nürnberger Gesetze von 1935 nannte er eine «Verfassung der Freiheit».

Schmitt war Protegé von Hermann Göring, der Nummer zwei im NS-Machtapparat, sowie von Hans Frank, dem Generalgouverneur der besetzten Gebiete Polens, auch bekannt als «Schlächter von Polen». 1936 wurde Schmitt aus Kreisen der SS Opportunismus vorgeworfen. Er verlor zwar seine Parteiämter, blieb aber Mitglied der NSDAP.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verweigerte sich Schmitt der Entnazifizierung. Er zog sich nach Plettenberg zurück und wirkte fortan als Privatgelehrter ohne Professur. Seine Heimatstadt verlieh ihm zum 90. Geburtstag noch den Ehrenring. Schmitt wurde 96 Jahre alt.»

Nun nehmen wir den Wikipedia-Eintrag über Schmitt zum Vergleich:

«Schmitt trat ab 1933 für den Nationalsozialismus ein und wurde zum 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP. Die Morde zur vorgeblichen Prävention des sogenannten Röhm-Putsches von 1934 rechtfertigte Schmitt durch sein juristisches Prinzip der „Führer-Ordnung“. Die antisemitischen Nürnberger Gesetze von 1935 nannte er eine „Verfassung der Freiheit“. Er war Protegé von Hermann Göringund Hans Frank.[3] 1936 wurde ihm aus Kreisen der SS Opportunismus vorgeworfen; er verlor zwar daraufhin seine Parteiämter, blieb aber Mitglied der NSDAP. Dank der Protektion durch Göring und Frank blieb er Preußischer Staatsrat und behielt seine Professur an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Nach dem Ende des Nationalsozialismus verweigerte er sich einer Entnazifizierung und wirkte fortan als Privatgelehrter ohne Professur. Über seine Schüler und Bewunderer verfügte er über einen gewissen Einfluss in der westdeutschen Rechtswissenschaft.»

Ähm.

Ähnlichkeiten sind rein zufällig und keineswegs beabsichtigt? Es ist kein reines Plagiat. Aber wie soll man einen Text nennen, der entstanden ist, indem man einen anderen Text in den Mixer gesteckt, ihn dann nochmal gut durchgerührt hat und dem Leser als originäre Leistung verkauft?

Wohlgemerkt, das braune Gedankengut von Schmitt, ebenso wie das von Heidegger, wird immer mal wieder aufgewärmt und auf aktuelle Zeitläufte angewendet. Trump, Vance, Putin, die üblichen Verdächtigen. Zumindest bei Trump kann man aber sicher sein, dass er garantiert kein Werk von Schmitt gelesen hat. Wobei, «souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet», das würde Trump durchaus gefallen.

ZACKBUM fasst zusammen. Angeregt durch den «Spiegel» (und/oder eine Taz-Kolumne zum Thema) greifen zwei dafür nicht sonderlich qualifizierte Autoren der SZ gemeinsam in die Tasten. Nach längerem Nachdenken hoppelt das Qualitätsmedienhaus Tamedia hinterher und serviert das Aufgewärmte seinen Lesern, gegen Bezahlung natürlich.

Weder SZ noch Tagi fällt es auf, dass man eigentlich den Abdruck des Artikels (wenn man auf die bedeutsame Schilderung des Besuchs des Friedhofs, wo Schmitt ruht, verzichten möchte) durch zwei Sätze ersetzen könnte: Schauen Sie doch in Wikipedia unter dem Stichwort Carl Schmitt nach. Fallen Ihnen keine Ähnlichkeiten zum Denken von Trump, Vance oder Putin auf?

Ist das mal wieder erbärmlich. Oder sagten wir das schon?

Entwaffnen, dann abknallen

Videos zeigen glasklar: es wurden tödliche Schüsse auf ein unbewaffnetes Opfer abgegeben.

Ist es der berühmte Einzelfall? Dumm gelaufen, in Minnesota? Oder gar zwei Einzelfälle? Es gibt zu beiden tödlichen Schussabgaben umfangreiches Videomaterial, das beispielsweise von CNN minutiös ausgewertet wurde.

Wer sich das antun will, sieht zwei Mal, wie ICE-Agenten in voller Kampfmontur ihre Pistolen zücken und auf offensichtlich unbewaffnete Zivilisten schiessen.

Im ersten Fall ging ein kurzes verbales Geplänkel voraus, worauf die 37-jährige Renee Good versuchte, davonzufahren. Die US-Staatsbürgerin streifte dabei einen Beamten, der daraufhin drei Schüsse aus nächster Nähe auf sie abgab. Einem herbeieilenden Arzt wurde verwehrt, erste Hilfe zu leisten, die Mutter von drei Kindern starb.

Der zweite tödliche Vorfall ist noch ausführlicher dokumentiert. Der 37-jährige Intensivpfleger Jeffrey Pretti filmte mit seinem Handy in der Hand einen Einsatz von ICE-Agenten. Sie gingen auf ihn los, er wurde mit Reizgas besprüht und auf den Boden gerungen. Offenbar trug der US-Staatsbürger eine Pistole auf sich, die ihm abgenommen wurde.

Erst danach, das beweisen die Aufnahmen eindeutig, fielen die tödlichen Schüsse, abgegeben aus nächster Nähe und offenbar von zwei ICE-Agenten.

Mindestens so schockierend wie diese tödliche Brutalität ist die Reaktion der Trump-Regierung.

Kurz nach Bekanntwerden des Vorfalls behauptete Präsident Trump, er habe das Video gesehen und es sei eindeutig, dass Good den ICE-Agenten überfahren, nicht nur angefahren habe. Sein stellvertretender Stabschef Stephen Miller verstieg sich sogar zur Aussage, Good habe ihr Auto als Waffe eingesetzt und sei ein «domestic terrorist», ein inländischer Terrorist.

Im Fall Pretti wird behauptet, er habe eine Bedrohung für die Beamten dargestellt und einen potenziell gefährlichen Gegenstand bei sich getragen (eine Pistole, die er im Rücken verstaut hatte und für die er einen Waffenschein besass), dadurch sei er eine Gefahr gewesen.

Nicht nur habe Pretti die Beamten bedroht und Widerstand geleistet, auch er sei ein «domestic terrorist», gar ein «Möchtegern-Attentäter».

Dass sich staatliche Behörden zunächst hinter ihre Beamten stellen, ist durchaus üblich in den USA. Allerdings war bislang auch üblich, dass bei einer zumindest unklaren Situation darauf bestanden wurde, dass zuerst die Ergebnisse einer Untersuchung abzuwarten seien, bevor Schlussfolgerungen gezogen werden könnten.

Eine Mutter und einen Krankenpfleger ohne jeglichen Beleg als einheimische Terroristen zu denunzieren, das ist hingegen neu.

Es ist noch nicht geklärt, wieso der Krankenpfleger legal eine Pistole mit sich führte. Es ist aber durch Videoaufnahmen eindeutig belegt, dass er zuerst entwaffnet, dann erschossen wurde.

Bezeichnenderweise wird in den USA keine zentrale Statistik darüber geführt, aber belastbare Datenbanken verzeichnen für das Jahr 2025 rund 1000 tödliche Schussabgaben von Polizisten.

Im Nachbarland Kanada starben nach ebenfalls seriösen Recherchen im Jahr 2025 ganze 76 Menschen durch Polizeigewalt, nicht nur durch Schusswaffengebrauch. Natürlich ist die Bevölkerung der USA mit rund 340 Millionen Einwohnern knapp neunmal grösser als die von Kanada.

Aber auch relativ gesehen sterben in den USA viel mehr Menschen durch die Polizei als in Kanada. Das hat auch mit einem anderen, gewaltigen Unterschied zu tun. In den USA sind rund 393 Millionen (!) Schusswaffen legal in Privatbesitz, 120 pro 100 Einwohner. In Kanada sind es 12,7 Millionen, 34,7 pro 100 Einwohner.

Wer sich die Videos anschaut, ist vor allem davon schockiert, wie schnell und skrupellos hier von Beamten von der Schusswaffe Gebrauch gemacht wird. Gegen offensichtlich unbewaffnete Zivilisten (Good hat keine Waffe bei sich, Pretti trug sie verstaut in der Kleidung und wurde zunächst entwaffnet).

Nicht minder befremdlich ist die Vorverurteilung der Opfer als einheimische Terroristen, die die ICE-Beamten dazu zwangen, sie in Notwehr zu erschiessen.

Vielleicht gibt es hier ein erstes Betätigungsfeld für Trumps frisch gegründeten Friedensrat.

Kann Trump Fernhypnose?

Das würde Urs Gehrigers Geschreibsel erklären.

Zunächst die camouflierende Packungsbeilage in der «Weltwoche»: «Rechtlich betrachtet, ist Trumps Grönland-Kiste ein No-Go.»

Aber he, wieso muss man denn die Dinge rechtlich betrachten. Man sollte sie vielmehr «nüchtern» sehen, obwohl sich das dann im Fall Gehrigers als vollbesoffen herausstellt.

Also «nüchtern betrachtet – und Nüchternheit ist der beste Ratgeber in emotional echauffierten Zeiten – kann es durchaus in Europas Interesse liegen, wenn die Amerikaner für die Sicherheit auf Grönland sorgen».

Ach was. Wieso denn das? «Wenn sich um Grönland neue Transitrouten öffnen, ist das für Europäer ebenso relevant wie für die USA. Sollte sich bei diesem Rennen um Handelswege Russland durchsetzen, hat das Auswirkungen auf dessen Macht in Europa.»

Und wie würde dann diese «Sicherheit» hergestellt? «Sicherheit kann nicht durch episodisches Engagement erreicht werden. Sie erfordert ein entschlossenes langfristiges Engagement. «Wissen Sie, wie ihre Verteidigung aussieht? Zwei Hundeschlitten», spottete Trump jüngst über den dänischen Wehraktivismus. Russland und China hingegen verfügten über «Zerstörer und U-Boote überall».»

Wo soll man bloss anfangen? Vielleicht damit: wenn Präsident Trump selbst gegenüber verbündeten Nato-Mitgliedern offen mit dem Einsatz von militärischer Gewalt droht, um sich die grösste Insel der Welt anzueignen, ist das kein Beitrag zur Sicherheit.

Es ist Wildwest, Raub durch die Macht des Stärkeren, es ist der Ersatz einer regelbasierten und rechtsstaatlichen Ordnung durch Faustrecht, Willkür, durch Barbarei und hemmungslose Gier. Es ist ein weiterer Raubzug im vollen Tageslicht.

Begleitet von atemberaubender Verlogenheit. Trump behauptet, die Sicherheitsinteressen der USA würden es verlangen, Grönland zu annektieren. Denn die Verteidigung der Insel bestünde aus zwei Hundeschlitten, während sie von russischen und chinesischen Zerstörern und U-Booten umkreist werde.

Dabei vergisst der grösste Lügner aller Zeiten zu erwähnen, dass die einzige Nation, die einen Militärstützpunkt auf der Insel unterhält – die USA sind.

Dabei vergisst er zu erwähnen, dass selbstverständlich auch die USA mit Zerstörern und U-Booten präsent sind.

Dabei vergisst er zu erwähnen, dass die USA seit 1945 sukzessive ihre Militärpräsenz auf der Insel abgebaut haben und Stützpunkte aufgaben – die seither die Umwelt verseuchen.

Er vergisst zu erwähnen, dass die USA mal bis zu 10’000 Soldaten auf Grönland stationiert hatten, heute noch rund 200. Wenn es den USA also rein um die Sicherheit ginge, könnten sie problemlos und vertraglich abgesichert eine beliebige Anzahl weiterer Truppen auf Grönland stationieren und ihre alten Basen säubern und wieder in Betrieb nehmen.

Also ist das Argument «Sicherheit» schlichtweg vorgeschoben, eine glatte, offene und leicht erkennbare Lüge.

Auf die niemand hereinfällt – ausser Gehriger und ein paar weitere Dünnbrettbohrer.

Natürlich geht es – wie im Fall Venezuela – weder um Sicherheit, noch um den Schutz der Demokratie. Sondern um den Besitz von Rohstoffen und deren Ausbeutung.

Das ist so offensichtlich wie das Polarlicht.

Stattdessen irrlichtert Gehriger: «Mit dem Kauf von Grönland könnte Trump einen «Jahrhundert-Deal» landen, schreibt der Economist. Damit würde er nicht nur die Sicherheit Amerikas erhöhen, so das Wirtschaftsblatt, sondern auch die der Nato-Verbündeten.»

Abgesehen davon, dass sich auch der «Economist» irren kann: also die Sicherheit der Nato-Verbündeten würde dadurch erhöht, dass ein Nato-Mitglied einem anderen völlig illegal und notfalls mit Gewalt ein Riesenstück Land klaut? Abenteuerlich.

Mit der Begründung, dadurch würde die Sicherheit erhöht – dabei könnte sie problemlos und einfach durch die Stationierung von mehr Truppen erhöht werden. Ungeheuerlich.

Genauso bescheuert wie Gehriger reagieren allerdings bislang die Nato und die EU. Es wurden 13 (!) deutsche und ein paar französische und spanische Soldaten in die Kälte geschickt. Mit denen würden selbst die wenigen auf der Insel stationierten US-Soldaten fertig.

Und die EU wackelt aufgeregt mit vielen Zeigefingern und wiederholt mit ernster Miene, dass das ja wohl nicht anginge. Lachhaft.

Statt dem Grölaz (grössten Lümmel aller Zeiten) in seinem goldüberkrusteten Büro in Washington klar zu machen: das geht nicht, du Lümmel. Und wir haben dann zwar nicht so viele wie du, aber durchaus genügend Atomwaffen, im Fall. Also such dir ein anderes Spielfeld aus. Gibt doch genügend Gegenden der Welt, wo du US-Sicherheitsinteressen durchsetzen könntest.

Ukraine, Gazastreifen, Kolumbien, Panama, Mexiko …

 

 

Helm auf!

Dominique Eigenmann ist auf dem Kriegspfad. Trump zittert.

Wenn das mal keine Ansage ist: «Grönland: Jetzt braucht Europa gute Antworten». Im Internet hört sich das noch martialischer an:

Eigemann ist selbst für Tagi-Verhältnisse Rekordhalter im Zurechtweisen und Handlungsbefehle Erteilen. Erst unlängst musste er den deutschen Bundeskanzler Friedrich Merz scharf rügen: Der mache einen «kolossalen Fehler». Völlig falsch liege der «knurrige belgische Ministerpräsident», der den Diebstahl russischer Zentralbankgelder ablehnte.

Denn Eigenmann wusste es besser: «Europa wird derzeit faktisch in der Ukraine verteidigt. Deswegen muss die EU nächste Woche an ihrem Gipfel mutig sein und den «Reparationskredit» an Kyjiw solidarisch beschliessen.»

Und die Sicherheit Deutschlands wurde am Hindukusch verteidigt. Aber die EU hat dann eine für sie übliche Schwiemellösung gefunden. Einfach gemeinsam mehr Schulden aufnehmen, geht doch auch.

Aber nun hat das Schlachtfeld gewechselt, es geht um alles. Zumindest um Grönland. Geradezu fieberhaft erteilt Eigenmann Ratschläge: «Auf allen Ebenen müssen sie auf die angekündigte Attacke reagieren, rote Linien ziehen, Angebote schnüren.»

Befriedigt nimmt der Rechthaber zur Kenntnis: «In Europas Hauptstädten und in Brüssel, dem Hauptquartier von EU und Nato, wird daran bereits fieberhaft gearbeitet.» Endlich hört man mal auf ihn …

Aber bei allem Fieber, was kann Europa denn gegen Trumps Annexionsgelüste tun?

Das ist guter Rat, selbst für Eigenmann, teuer:

«Militärisch verteidigen vermögen Dänemark und die EU Grönland gegen die grösste Militärmacht der Welt nicht, so viel steht fest.»

Ja aber was denn dann? Na, «Germans to the front», beliebter Slogan seit 1900. Allerdings meinte der britische Admiral Edward Seymour damals während des chinesischen Boxeraufstands damit, dass er lieber tapfere Deutsche als schlappe Engländer verheizen möchte.

Wie auch immer, nun forderten dänische Politiker «Frankreich und Deutschland auf, Truppen auf Grönland zu stationieren – nicht um die Insel zu verteidigen, sondern um den politischen Preis einer Invasion in die Höhe zu treiben».

Ach so, lasst euch da mal verheizen, Jungs. Das sei, meint Eigenmann in der Sprache des Unmenschen, «eine Art Stolperdraht – um den USA zu signalisieren, dass sie schon auf Verbündete schiessen müssen, wollen sie die Insel annektieren».

Und England, das perfide Albion, ist als Nicht-EU-Mitglied mal wieder fein raus.

ZACKBUM versucht, den jüngsten Ratschlag des Militärstrategen Eigenmann zu verstehen und zusammenzufassen. Europa dürfe seine Souveränität nicht aufgeben. Dazu gehöre auch die nötigenfalls militärische Verteidigung Grönlands. Andererseits sei das gar nicht möglich. Oder halt so als «Stolperdraht» aus Leichen von deutschen und französischen Soldaten.

Europa brauche jetzt gute Antworten, behauptet Eigenmann einleitend. Das ist wahr. Wieso liefert er dann aber unbrauchbares Gestammel?

Weiss der Grossstratege denn nicht, dass Trump jedes Anzeichen von Schwäche zu mehr Brustgetrommel animiert? Also ein deutliches «fuck off, und wir hätten dann auch Atomwaffen, im Fall». Das wäre die eine Möglichkeit.

Oder aber: Fliegen Sie doch direkt vom WEF nach Grönland, um dort in Nuuk die US-Flagge zu hissen.

Und hören Sie nicht auf Irrlichter wie Eigenmann. Aber das tut ja ausser- und innerhalb der EU sowieso keiner. Bloss die armen Tamedia-Leser bezahlen mal wieder dafür, dass sie gequält werden. Muss sich um Masochisten handeln.

Das Elend des Geknödelten

Daniel Binswanger lesen macht nicht schlauer. Ist aber erkenntnisreich.

Man kann den desolaten Zustand des linksintellektuellen Diskurses an vielen Beispielen exemplifizieren. Oder einfach eine einzige Kolumne der schreibenden Schmachtlocke lesen.

Dabei entsteht zwar das Gefühl, in ein nasses Handtuch zu beissen und Kreide auf einer Wandtafel quietschen zu hören. Aber da muss man durch.

Folgt also ZACKBUM in die Vorhölle des Präpotenten, Hochstaplerischen, wo jemand meint, niveauvoll zu denken. Aber an sich selbst jämmerlich scheitert.

In seinen 13110 A über das angebliche «Ende einer Illusion» behauptet Binswanger: «Die alte Wertordnung zerfällt. Wir müssen eine neue schaffen.» Diese Erkenntnis ist ungefähr so umwerfend originell wie die Feststellung, dass bei Föhn der Schnee schmilzt. Und die Forderung, damit überfordert er sich gleich selbst.

Was tut dieser kleine Vorspiegler luzider Intellektualität? Banal, so zitiert er fleissig und macht name dropping: «wie die Autorin Anne Applebaum zu recht bemerkt … schäumt Trumps Vize-Stabchef Stephen Miller … deklariert Markus Somm … wie es der französische Geostrategie-Experte Olivier Schmitt darlegte … der Afghanistan-Experte Emran Feroz hat dargelegt … der Republik- Autor Daniel Strassberg hat dargelegt … in einem Strategiepapier, dass der finnische Präsident Alexander Stubb publizierte …»

Dann will er eine gewisse Bildungsnähe vorspiegeln, indem er den inzwischen zu Tode zitierten Orwell mit «1984» bemüht. Frivol-komisch ist hingegen, zu behaupten, man solle sich «auf «Die gefährlichen Liebschaften» von Choderlos de Laclos besinnen». Tollkühne Interpretation dieses Werks von 1782 (!):

«Diese Romanerzählung über sexuelle Intrigen in einer Welt der Kälte, der Verachtung und des Egoismus kulminiert in einer Szene, in der das Hauptopfer des zynischen Verführers Valmont diesen anfleht, doch bitte zu lügen: Eine Weltordnung der frommen Lügen ist tragfähiger als die ungefilterte Aggression.»

Kurze Lachpause, dann zum nächsten Element seiner Schaustellerei: gewählte Fremdwörter einstreuen. «Es ist die Welt, die ideologisierte Zeloten im Kielwasser des US-Präsidenten mit ekstatischer Begeisterung bejubeln.» Fremdwörter sind halt Glücksache.

«Sekundäre Relevanz», die Nato werde «eine Mutation von bitterer Ironie durchmachen» (hä?), «das Völkerrecht war zu Teilen immer eine kontrafaktische Unterstellung» (hä?), «das Völkerrecht wurde nicht immer gewahrt – seine Legitimität aber affirmiert» (hä?). Und niemals fehlen, so wie «unfassbar» bei Crans-Montana, dürfen natürlich der «Paradigmenwechsel» und die «Äquidistanz».

Geschäumtes, um die eigene Gesinnungsblase zu stimulieren, darf natürlich auch nicht fehlen, und wer böte sich da mehr an als Gottseibeiuns Trump: «Der Fluchtpunkt seiner Mobster-Instinkte … feuchte Träume der Brutalisierung … Einerseits ist er ein maligner Narzisst, der schamloser, zwanghafter und häufiger lügt als jeder andere US-Präsident … Andererseits liegt Trumps wahrhaft destruktive Macht aber genau darin, dass er es nicht mehr für notwendig erachtet, zu lügen.» Ja was denn nun?

Leider bleibt Binswanger, aber auch er kann nicht an zwei Dinge gleichzeitig denken, die Antwort auf seine einleitende Behauptung schuldig, «wir» müssten eine neue Weltordnung schaffen: nämlich wie das, und wer ist «wir»?

Diesen Erguss auf inhaltlichen Mehrwert, auf gedanklich Neues abzuklopfen, das ist ungefähr so sinnvoll, wie die Belastbarkeit von Eierschnee zu prüfen, die Stabilität eines Wackelpuddings.

Am Schluss lässt er noch die Seifenblase platzen, beim finnischen Präsidenten handle es sich um einen tiefen Denker. Den zitiert Binswanger so:

«Die neue Ordnung wird geschaffen werden von Entscheidungen, die die Verantwortlichen sowohl in grossen wie in kleinen Staaten fällen, ob es sich nun um demokratische, autokratische oder dazwischen zu situierende Regierungen handelt.»

Das ist von einer geradezu erschütternden Trivialität und Banalität. Wobei die Verantwortlichen in grossen oder vielmehr mächtigen Staaten wohl ein Mü mehr diese Ordnung schaffen als Kleinstaaten wie Cabo Verde, Nauru oder Tuvalu.

Woran merkt man nun, wenn Binswanger seine Ausführungen auf Höhe Meeresspiegel zu Ende geführt hat? Ganz einfach.

Es folgen keine Buchstaben mehr, und es stellt sich Erleichterung ein.

Ist also diese Lektüre Zeitverschwendung und Quälerei? Nein, es ist lehrreich, entlarvend und kann als archetypisches Geschwurbel, als abschreckendes Beispiel beliebig oft gelesen werden. Gut, einmal reicht.