Selbstkritik? Igitt, pfui
Aber doch nicht bei den transparenten selbsternannten Demokratierettern.
Endlich ist der Deckel vom Dampfkochtopf geflogen. Der jüngste Untersuchungsbericht belegt schonungslos das Versagen aller Beteiligten beim Zürcher Herzklinik-Skandal mit wohl über 70 vermeidbaren Todesfällen.
Nun wird natürlich geeiert und verwedelt und geschwiemelt. Der «Tages-Anzeiger», der eine gewisse Rolle bei der Aufdeckung dieses Skandals spielte, gibt Regierungsrätin Natalie Rickli Gelegenheit zur Weisswäsche. Peinlich. In der «SonntagsZeitung» darf die aktuelle CEO Monika Jänicke ihre Sicht der Dinge darlegen. Na ja.
Richtig schmerzlich peinlich wird’s aber, wenn man die Berichterstattung der «Republik» vom März 2021 anschaut. Die Gefahr ist allerdings nicht allzu gross, dass das viele tun. Denn in ihrer Trilogie «Zürcher Herzkrise» haben die drei Autoren Philipp Albrecht, Dennis Bühler und Brigitte Hürlimann sagenhafte 134’159 A darauf verwendet, den Skandal völlig falsch darzustellen.
Nimmt man noch einen Nachbrenner von Mitte März dazu, in dem die «Republik» ihrem Lieblingsfeind Tamedia eine reinwürgt, sind es sogar 146’193 A. Das war schon damals unerträglich, heute kommt noch erschwerend hinzu, dass sich diese angeblichen Cracks völlig verrannt hatten.
Sie ätzen gegen ihre Kollegen «Das Tamedia-Recherchedesk reagierte mit einem Gegenangriff», als handle es sich hier um Kampfhandlungen und nicht um die Aufdeckung eines Skandals.
Der Whistleblower André Plass, der den Skandal ins Rollen brachte, der dadurch Stelle und Karriere verlor und dem heute sogar von er CEO des Unispitals gedankt wird, wurde von der «Republik» damals so abgekanzelt: «er soll im Team ein aufbrausendes, unkollegiales Verhalten gezeigt haben. … Manche beschreiben ihn gar als «gefährlich»».
Der fehlbare und geldgierige Chefarzt mit Professortitel, aber ohne Doktortitel Francesco Maisano wird hingegen in den Himmel geschleimt: «An Maisanos Fähigkeiten als Chirurg, Akademiker und Innovator zweifelt fast niemand, weder Freund noch Feind.»
Im Licht der heutigen Erkenntnisse geradezu brüllend komisch, wenn es nicht so tragisch wäre. Aber die «Republik» legte noch einiges drauf:
«Von einem übermässigen Einsatz der Devices, an denen Maisano beteiligt ist, kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Es werden am USZ erstaunlich wenige davon implantiert. Die klinische Forschung verläuft regelkonform.
Maisano ist an 7 Firmen beteiligt. Das ist zwar eine stattliche Zahl, aber nicht verboten.
Mit 12 weiteren Firmen hat der Herzchirurg Beraterverträge abgeschlossen. Auch das ist nicht wenig, aber mehr als zwei Drittel der Einnahmen daraus fliessen ans USZ und an die Universität.»
Das Laberblatt schafft es tatsächlich, auf fast 150’000 A den Begriff Cardioband nur zweimal Mal zu verwenden. Stattdessen ist schönfärberisch von «Devices» die Rede.
Eine Redaktion, die noch ein wenig Ehre im Leib hätte, würde nach einer solchen Peinlichkeit sich selbst kritisieren und ihre Leser um Entschuldigung bitten. Am besten durch einen Mitarbeiter, der mit dieser völlig verschriebenen Monsterstory nichts zu tun hätte.
Aber doch nicht die Korrektmenschen vom Rothaus. Da darf die Mitautorin Hürlimann «eine Reflexion über unsere Berichterstattung» absondern. Über unsere? Ja, auch über ihre eigene.
Zunächst werden die Erkenntnisse des Untersuchungsberichts ellenlang referiert – am 8. Mai, als hätten das selbst verschnarchte «Republik»-Leser nicht schon längst mitgekriegt. Aber auch hier gilt: wenn man eigentlich nichts zu sagen hat, sagt man’s auf 12’675 A.
Nach mehr als 9000 Buchstaben kommt Hürlimann endlich auf die Berichterstattung der «Republik» von damals zu sprechen: «Im März 2021 nahm sich auch die Republik der Vorkommnisse am Universitätsspital an.»
So, so. Ein «dreiköpfiges Autorinnenteam schilderte, … berichtete … thematisierte … beleuchtete die Frage …» und Blabla. Dann kommt Mitautorin Hürlimann etwas mehr zur Sache. Sie habe die beiden «Protagonisten» ins Zentrum gerückt: «Klinikdirektor Maisano, der in Mailand als Chefarzt an der Klinik San Raffaele in Mailand nach wie vor am Herzen operiert, und Whistleblower Plass, der heute für die SVP im Kanton Schwyz politisiert und regelmässig fürs Portal «Inside Paradeplatz» schreibt.»
Na, lieber Leser, wer von beiden ist wohl der Sympathischere? Von wem würden Sie sich am Herzen operieren lassen? Hm? Einmal raten, bitte.
Damals habe es eine «Medienlawine» gegeben, daran angeknüpft die pseudo-selbstkritische Frage: «Aber war die Republik nicht Teil dieser «Lawine»?»
Aber nein, weiss Hürlimann heute noch: «Unsere Berichterstattung deckt sich im Wesentlichen mit den Erkenntnissen einer Untersuchung, die von einer Subkommission des Zürcher Kantonsrats durchgeführt und zeitgleich mit unserem ersten «Herzkrise»-Artikel publiziert wurde.» Dass diese Untersuchung reine Weisswäscherei war, ungenügend, inkompetent und dermassen schlecht, dass sie dringend durch den aktuellen Untersuchungsbericht ersetzt werden musste – kein Wort drüber.
Also kein Hauch einer Selbstkritik? Doch, aber wirklich nicht mehr als ein Hauch, die Antäuschung eines Hauchs:
«Aus der Distanz und unter Berücksichtigung der neuesten Untersuchungsergebnisse stellen wir von der Republik fest: Zwar hat sich unsere systemische Kritik bestätigt – die Leitungsorgane des Universitätsspitals haben während der «Zürcher Herzkrise» total versagt. Zu optimistisch aber beurteilten wir die Innovationen und Intentionen von Klinikdirektor Maisano.»
Zu optimistisch? Das ist eine geradezu nordkoreanische Umdeutung eines krachenden Versagens. Das ist so, wie wenn ein Boxer k.o. geschlagen wird, und nach dem Aufwachen sagt: ich habe den Ausgang des Kampfes wohl zu optimistisch beurteilt. Das ist nicht mehr peinlich, das ist lachhaft.
Aber nicht mal so kann es Mitautorin Hürlimann stehen lassen: «Wir taten das auf der Grundlage zahlreicher Gespräche mit Herzspezialistinnen und der bis zu diesem Zeitpunkt vorliegenden Untersuchungen von Medizinerinnen oder von der Anwaltskanzlei Walder Wyss.»
Tja, aufgrund von viel weniger Gesprächen kamen andere zu ganz anderen, richtigen Ergebnissen in der Recherche.
Der Gipfel der Unverschämtheit ist aber, dass die «Republik», also die mitschuldige Autorin Hürlimann, Maisano heute noch in Schutz nimmt. Der äussere sich schliesslich im Untersuchungsbericht so:
«Der Mailänder Herzchirurg kritisiert in erster Linie die Zusammensetzung der Untersuchungskommission. Es fehle an interventionellen Kardiologen und damit an jenen Fachleuten, die seine Methoden korrekt beurteilen könnten. Diese unterschieden sich «grundlegend von der konventionellen Herzchirurgie». Und nicht zuletzt betont Maisano, die therapeutischen Entscheide seien stets von multidisziplinären Herzteams getroffen worden.»
Aus Geldgier ein dysfunktionales Cardioband verwendet, das zum Tod von zahlreichen Patienten führte und den Geldbeutel des Chirurgen durch den Verkauf des Patents füllte. Das wäre die Wahrheit. Aber die hat in der «Republik» schlechte Karten, keinen Platz.
Man kann mal daneben hauen. Aber auch noch Jahre danach im Licht der heutigen Erkenntnisse als Mitschuldige diese Schönschreibübung abliefern, das ist grotesk.
Das ist etwa so, wie wenn Relotius im «Spiegel» über seine Artikel räsonieren dürfte – oder Heidemann über die Hitler-Tagebücher im «stern». So wird der Bock zum Gärtner gemacht, wenn man das heutzutage über eine Frau noch sagen darf.












