Wort zum Sonntag
Willkommen in der Unübersichtlichkeit.
Mal Hand aufs Herz. All diejenigen, die sich nicht in ihrer Gesinnungsblase unter Luftabschluss sauwohl und geborgen fühlen: irgend eine Ahnung von irgendwas?
Wie ist eigentlich die Lage im Gazastreifen? An der ukrainischen Front? Gibt’s Krieg mit dem Iran? Neuigkeiten vom Völkermord in Afrika? Ist das «Board of Peace» (allmächtiger Chef auf Lebenszeit Donald J. Trump) ein Furz oder bewegt es was? Sollte die Schweiz beitreten oder nicht?
Auch nicht ganz unwichtig: ist die KI-Blase am Platzen? Oder das Geschäftsmodell von Elon Musk, eine Wahnsinnsidee mit der nächsten zu ersetzen, was ihm von der «Weltwoche» eine anhimmelnde Titelgeschichte einbrachte («Da Vinci, genialster Unternehmer der Geschichte»)? Bei deren Prognose- und Wirtschaftskompetenz («la crise n’existe pas») gar kein gutes Zeichen.
Sind die EU-Verträge einfach unvermeidlich oder das Ende der direkten Demokratie? Oder kommt das, wenn die Zwangsabgabe für die SRG geschrumpft wird? Ist Crans-Montana ein Zeichen der Verluderung bei Schweizer Behörden oder halt einfach das Wallis? Warum muss das Bundesverwaltungsgericht einer staatlichen Behörde nach der anderen (FINMA, BAG) eine Klatsche verpassen?
Ach, und ganz wichtig: bringt Ex-Prinz Andrew das englische Königshaus ins Wanken? Mindestens so wichtig: beherrschen Superreiche wie Bezos, Gates, Thiel, Musk die Welt? Und wenn ja, ist das gut oder schlecht? Ist das Thema Corona aufgearbeitet oder verdrängt? Sind die Schneemengen ein Zeichen für den Klimawandel?
Werden in der Ukraine westliche Werte gegen asiatische Unmenschen verteidigt oder bloss einer der korruptesten Staaten der Welt unterstützt? Ist Trump der Fürst der Finsternis oder der grosse Disruptor, der endlich Bewegung in viele Problemfelder bringt? Ist Kuba selber schuld, wenn auf der Insel die Lichter ausgehen, oder ist das die Folge eines völkerrechtswidrigen Embargos durch die USA?
Wie kann es sein, dass der grosse Freund ennet des Teichs, der Leuchtturm von freedom and democracy, der Garant unserer Wertegemeinschaft, zum Totengräber Europas wird? Plant der Iwan den Angriff auf NATO-Staaten, wie eine Kriegsgurgel ausser Rand und Band in der NZZ befürchtet? Ist #metoo, Gendersternchen, Achtsamkeit, das Vermeiden böser Worte und die Schneeflocken-Empfindsamkeit vorbei – oder macht sie nur Pause?
Wo gibt es Halt in haltlosen Zeiten?
Früher, ja früher gab es auch im deutschen Sprachraum wenigstens eine mediale Welt, die gegen Bezahlung sich bemühte, einzuordnen, zu analysieren, Verständnis zu liefern. Wenn man heute den Begriff «eine Einordnung» liest, weiss man, dass man weiterblättern oder -scrollen kann.
Der Erkenntnisstand des durchschnittlichen Journalisten ist auf Augenhöhe mit einem sich im Internet informierenden Zeitgenossen. Mangelndes Hintergrundwissen, Bildung oder historische Kenntnisse werden durch Meinungsstärke ersetzt. Die aus Unsicherheit keinen Widerspruch duldet, weil die meisten Journalisten dieser intellektuellen Herausforderung mental und nervlich nicht gewachsen sind.
Das alte Lied: wieso gibt es im deutschen Sprachraum keine Organe wie die Financial Times, das Wall Street Journal, den New Yorker, The Atlantic, Mother Jones, selbst The New York Times oder die Washington Post und einige mehr?
Natürlich ist der sprachliche Einzugsraum viel grösser. Aber auch die Manpower. Während in der deutschen Schweiz vielleicht noch 4000 festangestellte Journalisten arbeiten, davon schon mal rund 1000 bei SRF, sieht das in den USA ganz anders aus.
Alleine die NYT beschäftigt immer noch rund 1700 Redakteure. Die WaPo vor der letzten Entlassungswelle rund 800. Ebenso viele sind bei der FT in Lohn und Brot, beim WSJ 900.
Symbolisch für den Unterschied steht der Wirecard-Skandal. Diese Luftnummer wurde von der FT aufgedeckt, gegen den erbitterten Widerstand auch der deutschen Medien, die meckerten, dass das fiese Albion den Teutonen ihre erfolgreiche IT-Bude neide.
Wer sich täglich durch das Elend der Schweizer Medien pflügt, wo sich gedankliche Tiefe oder analytische Schärfe meistens in Millimetern über Grund messen lässt, fragt sich, woher der mündige Bürger eigentlich heutzutage seine Entscheidungsgrundlagen, seine Welterkenntnis beziehen soll.
Der zunehmende Einsatz von KI wird weitere Heerscharen von Gebrauchshandwerkern im Journalismus überflüssig und arbeitslos machen. Gut so. Die Sonntagspresse wird in absehbarer Zukunft verschwinden. Gut so. Print wird immer mehr zu einer Veranstaltung im Altersheim. Eine Mehrheit der Jugendlichen informiert sich nicht mehr in den klassischen Medien, stellt aber immerhin langsam fest, dass die Beschallung in Echokammern zwecks Bestätigung der vorgefassten Meinung nicht wirklich Erkenntnisgewinn bringt.
Wie sieht also die Informationsvermittlung in der Zukunft aus? Fake News, Deep Fakes, alternative Wahrheiten, inhaltsleere Beschallung mit skandalisierten Triggermeldungen?
Nun, Lektüre oder Informationsaufnahme zwecks Erweiterung der Welterkenntnis war schon immer etwas für die happy few. Neu war nur die Illusion, dass nun die breiten Massen auch daran teilhaben. Könnten sie eigentlich, mit überschaubarem zeitlichen und finanziellen Aufwand. Wollen sie aber gar nicht.



































