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Besserwisser NZZ

Die Gazette weiss alles. Besser. Aber vergeblich.

Das Intelligenzblatt für die gehobenen Stände und die Finanzelite verliert langsam aus den Augen, was mal ihre Hauptaufgabe war. Berichten, was so passiert, plus Analyse und Einordnung. Stattdessen meint nicht nur Sandkastengeneral Georg Häsler, ohne seine Ratschläge seien moderne Kriege (und die Verteidigung der Schweiz) gar nicht mehr denkbar.

Ganz allgemein wird kommentiert, gemeint, gefordert, besser gewusst, geratschlagt, gelabert, dass es eine Unart hat. Analysieren wir mal eine aktuelle Homepage und ordnen ein.

Zuoberst gibt es tatsächlich einige Meldungen, aber dann beginnt die Abteilung «Iran-Krieg» bereits mit einer Meinung: «Luftangriffe werden das iranische Regime nicht stürzen. Jetzt ist Zeit für Diplomatie», kommentiert Anne Allmelig. Die Hamburgerin ist im Oktober 2024 zur NZZ gestossen und bringt den in der Schweiz sehr beliebten teutonischen Rechthaber-Ton ins Blatt: «Israel und die USA sollten mit Teheran über ein Ende des Konflikts verhandeln.» Das sollten sie wohl, tun sie aber nicht, zum grossen Tort der Kommentatorin.

Auch ihr Chef Peter Rásonyi leidet öffentlich vor dem Leser an der Welt: «Victor Orban ist gefallen. Doch Trump folgt ihm noch lange nicht». Das ist für seine Verhältnisse noch ein sanfter Stupser für die Welt. Tut der Internationale Strafgerichtshof etwas seiner Meinung nach Verpeiltes, dann wird er drakonisch-kategorisch: «Die Haftbefehle gegen israelische Regierungsmitglieder sind überheblich.» Wobei ihm nicht bewusst ist, wie überheblich ein solcher Satz ist.

Christian Wildhagen macht sich so seine Gedanken zum weltbewegenden Thema, wie sich Porträtierte gegenüber ihren Porträts verhalten: «Offizielle Darstellungen von Politikern und Machthabern führen regelmässig zu Streit – wie jüngst im Fall eines Zürcher Regierungsrats. Die Erwartungen der Porträtierten und der Anspruch der Maler auf einen eigenen Blick gehen selten zusammen.» Das nennt man eine Binsenwahrheit von unüberbietbarer Flachheit.

Aber damit nicht genug, Giorgio Scherrer muss auch noch seinen Senf dazu geben: «Die drei Gemälde des Martin Neukom: Der Streit um missliebige Ölbilder zeigt das Überborden der politischen Image-Kontrolle». Vom Überborden der Kommentaritis ganz zu schweigen.

Auch in den hohen Hallen von «Pro» mit seinen «exklusiven Analysen» wird wie wild kommentiert: «Künstliche Intelligenz macht Technik-Firmen zu Rüstungsunternehmen. Damit werden sie zu militärischen Zielen». ZACKBUM sagt nur Palantir, Palantir, Palantir. Und fragt sich: wo bleibt hier Häsler? Ach so, der schwelgt mehr in Panzern, Flugzeugen und Artillerie. Als Ewig-Gestriger.

Neben der Wal-Qual gibt es natürlich noch eine zweite Tierart, die kommentiert werden muss: «Genick brechen, sterilisieren oder hätscheln? Städte ringen um den richtigen Umgang mit Tauben». Wohnungsnot, Velowege, woker Wahnsinn? Pipifax, zuerst geht es ums Genick der Tauben. Da ist das Verb ringen richtig eingesetzt.

Dabei kommen wir erst jetzt zum Ressort «Meinung» wo ja gemeint werden darf, bis der Bildschirm glüht. Hervorragend schräg wie immer Beat Balzli: «Ein Placebo gegen Dichtestress – oder warum der Bundesrat gerade versagt». Der Mann geht sogar einen Schritt weiter. Er diagnostiziert nicht nur Versagen, sondern gibt auch gleich die Gründe dafür an. Auch Herbie Schmidt muss einen grossen Schritt für die Menschheit kommentieren: «Die Rückkehr zu Knöpfen im Auto ist kein Rückschritt».

Schliesslich redet noch Matthias Kamp aus Peking den führenden Genossen ins Gewissen: «China fährt einen gefährlichen Kurs. Das Land muss sich aus der einseitigen Abhängigkeit von den Exporten befreien». Hoffentlich nehmen das Xi und seine Gesellen noch rechtzeitig zur Kenntnis und setzen es um!

Gastkommentare lassen wir mal ausser Konkurrenz laufen; wir krönen diese Sammlung mit einem Kommentar von God Almighty himself, der wie immer geschliffen mal nicht die Weltläufe regelt und ordnet, sondern seinen Miteidgenossen ins Gewissen redet: «Kleine Anarchisten und grosse Angsthasen: Die Eidgenossen sind ein kompliziertes Volk. Und sie stehen sich selbst im Weg. Eine kurze Schöpfungsgeschichte aus Schweizer Sicht.» Mit verbalem Kleingeld hat Eric Gujer es nicht so.

Das war ein unvollständiger Überblick der Meinungsvielfalt in der NZZ. Ach so, Analyse und Einordnung? Nun, wie antwortete der damalige Feuilletonchef der «Zeit» Fritz J. Raddatz mal auf ein zugesandtes Manuskript des Jungspunds René Zeyer, der gerade seine erste Auslandsberichterstattung publiziert sehen wollte: «Wir haben mit den Reiseberichten von Hans Magnus Enzensberger ein Niveau gesetzt, das wir nur ungern verlassen möchten

Das sollten sich viele NZZ-Kommentarschreiber auch mal zu Herzen nehmen. Kommentar heisst nicht: ich labere mir was von der Seele. Sondern ein gewisses Niveau sollte es schon haben.

Und die Einordnung? Ob die pluralistische Diskursivität im poststrukturalistischen Zeitalter im Blick der Luhmannschen Systemtheorie und der herrschaftsfreien Kommunikation von Habermas den gestrengen Urteilen von Derrida, Finkelkraut oder gar Houellebecq standhält, darf wohl mit Michel FoucaultÜberwachen und Strafen») bezweifelt werden.

Oder ganz einfach: schön, haben sie drüber geschrieben.

Patrik Müller wird Chef von allem

Exklusiv und nur hier: der Rettungsplan des Verlegerverbandes.

Die Tageszeitungen darben, das ist kein Geheimnis. Den überbezahlten und unterqualifizierten Medienmanagern der grossen Verlagshäuser fällt nichts ein, wie das geändert werden könnte.

Ausser, nach Subventionen, nach Steuergeldern zu krähen. Schliesslich seien sie die Vierte Gewalt im Staat, unverzichtbar für das Funktionieren der Demokratie. Oder für ihre Rettung, wenn man die Welt wie die «Republik» sieht.

Besondere Situationen brauchen besondere Massnahmen. In strikter Geheimhaltung wurde daher eine unternehmensübergreifende Rettungsmassnahme beschlossen. Denn der grösste Kostenfaktor ist weiterhin die Payroll der Angestellten. Wobei hier gilt: je höher in der Hierarchie, desto teurer.

Bereits bis anhin gibt es vier Oberchefredaktoren in den vier grossen Verlagen. Eric Gujer bei der NZZ, Raphaela Birrer bei Tamedia (oder Simon Bärtschi oder Jessica Peppel-Schulz, das ist nicht so ganz klar), Rolf Cavalli (oder Sandro Inguscio oder Ladina Heimgartner, das ist auch nicht so klar) beim «Blick», und Patrik Müller bei CH Media.

Daneben gibt es noch Roger Köppel, das Maschinengewehr mit Mission, der Verleger, Herausgeber, Besitzer und Chefredaktor der «Weltwoche». Aber der läuft für sich.

Die acht Nasen bei den grossen Verlagen verdienen zusammen geschätzte 2,5 Millionen Franken im Jahr. Die Teppichetage obendrüber noch viel mehr, aber das ist natürlich unantastbar.

Wie ZACKBUM aus sicheren, voneinander unabhängigen, aber ungenannt bleiben wollenden Quellen erfahren hat, wird hier ab heute, am 1. April, eine Sparmassnahme umgesetzt, wie sie die Schweizer Medienlandschaft noch nicht gesehen hat. Die Verlagshäuser einigten sich auf einen einzigen Oberchefredaktor für sämtliche Tageszeitungen. Erkoren wurde Patrik Müller, der bislang skandalfrei und behaftbar wie eine Teflonpfanne den Wannerclan glücklich machte.

Alle übrigen Führungskräfte wurden in die Frühpensionierung geschickt oder dürfen sich mit dem neuen Titel «besondere Aufgaben» schmücken.

Gleichzeitig werden auch die Redaktionen zusammengelegt, wobei jedes Verlagshaus seine Stärken ausspielt und das jeweilige Ressort beherbergen wird. Also der Sport kommt integral zum «Blick», das Regionale zu CH Media, Ausland und Wirtschaft natürlich zur NZZ, während das Inland weiterhin aufgesplittert bleibt. Bei Tamedia, die sonst leer ausginge, wird Feuilleton und Kultur angesiedelt, allerdings mangels eigenen Kräften durch Zugänge aus den anderen Verlagen.

Gleichzeitig wird ein Gefäss deutlich beschnitten. Pro Organ und Tag darf es maximal einen einzigen Kommentar geben. Nabelschau und Selbstbespiegelung sind dabei verboten.

Mit diesen Massnahmen wollen die Verlage die Weiterexistenz ihrer Tageszeitungen garantieren.

«Ich fühle mich geehrt, danke für das Vertrauen und schaue der neuen Aufgabe optimistisch, aber auch mit Respekt entgegen», wird Müller in der Pressemitteilung zitiert, die später am Tag publiziert wird.

Auf jeden Fall ein gewagtes Experiment, man wird sehen, ob es von Erfolg gekrönt ist oder im völligen Chaos endet.

Wie der Herr, so das Gescherr

Meinungspluralismus à la NZZ.

God Almighty hat den Kurs vorgegeben. Ein militärischer Angriffskrieg gegen den Iran sei «legitim». Das ist das missbräuchliche Kosewort für eine illegale Aktion. Denn entweder ist etwas legal – oder es ist illegal. Wenn etwas legitim oder anders herum illegitim ist, dann bedeutet das, dass es nach dem persönlichen Wertekanon des Autors eigentlich legal oder illegal ist. Nur traut er sich nicht, das so zu sagen.

Aus nicht gerade legitimen Gründen. Nun gilt auch bei der NZZ, um es in ihrem Niveau auszudrücken: «Plane qualis dominus, talis et servus». Wenn also Eric Gujer vor einer Woche in seinem grossen Weltenlenker-Samstagskommentar dem Krieg seinen Segen gibt, dann darf Beat Balzli in der NZZaS nicht hintenan stehen:

«Trumps fahrlässige Vorgehensweise verunmöglicht es vielen, die Sinnhaftigkeit der Intervention zu sehen – obwohl es sie gibt. Der Schlag gegen Iran mag aus Sicht mancher Völkerrechtler illegal sein, sie lassen aber nicht nur Israels Bedrohungsempfinden ausser Acht. Das toxische Grossmachtdenken, die tägliche Repression gegen die Bevölkerung und das Erschiessen Zehntausender Demonstranten machen das Regime der Mullahs zu einem legitimen Ziel.»

Während Gujer noch im Prognose-Modus schrieb, leitet Balzli seine Legitimation mit einer Kritik an Trump ein, die wiederum mit einer ellenlangen Ausführung über den lachhaften Auftritt der First Lady als Leiterin einer Sitzung des Uno-Sicherheitsrats.

Überhaupt ist diese Ausgabe der NZZaS geprägt von unheilschwangerem Geraune und hilflosen Fragen: «Denn er weiss nicht, was er tut», wandelt Gordana Mijuk einen Filmtitel mit James Dean ab. «Doch was nun?», fragt sie fassungslos, um dann fast zwei Seiten darauf zu verwenden, die Frage nicht zu beantworten.

Weiter im Slalom: «Mehr als ein paar Wochen werde Iran den amerikanisch-israelischen Angriffen nicht standhalten können, sagt Rez Zimmt, renommierter Kenner der islamischen Republik. Dennoch könne das Regime in Teheran überleben». Nun ja, wenn Petra Ramsauer am Gerät ist, dann wird’s immer merkwürdig widersprüchlich. Dass Zimmt Direktor beim «Institut für Studien zur nationalen Sicherheit» in Tel Aviv ist, tut seiner wissenschaftlichen Neutralität sicherlich keinen Abbruch.

Dann eine journalistische Gratwanderung:

«Blick in die Moschee in Schlieren», sagt die Bildlegende. Was allerdings jedem auffällt: der «Blick» ist eine «Illustration», wie es verschämt in 4-Punkt-Schrift oben rechts heisst.

Hier führt Wunschdenken den Griffel bei der Titelsetzung: «Orban schwächelt». Das tut er in der NZZaS allerdings bereits seit Jahren.

Dann wird die NZZ mal wieder ihrem Ruf als Sprachrohr der FDP gerecht. «Ein Ja wäre ein kolossaler Schuss ins eigene Knie», darf Co-Präsident Benjamin Mühlemann unwidersprochen behaupten. Seine Tätigkeit als Parlamentarier und Kommunikationsberater und Lobbyist für nicht ausgewiesene Auftraggeber ist hingegen kein Thema.

Auf der Debatte-Seite tut dann Markus Bernath das, was machtlose Journalisten immer am liebsten tun: machtvoll fordern und kritisieren. «Europa am Nullpunkt: Es darf nicht zu Trumps Aufräumservice werden.» Denn: «Jetzt ist ein eigener Kurs gefragt, um nicht ins Chaos zu geraten.» Schreibt euch das hinter die Ohren, ihr Pfeifen. Bundeskanzler Merz hält erschrocken beim Aufräumen inne, EU-Chefin von der Leyen starrt bleich auf den Nullpunkt, Präsident Macron setzt mutig einen eigenen Kurs, während sie alle Bernath danken.

Merke: Wirklich lächerlich macht man sich, wenn man sich der Lachhaftigkeit seines Geschreibsels dank stolzgeschwellter Brust und mit tapfer geschulterter Bedeutungsschwere gar nicht bewusst ist.

 

Zurück zur Barbarei

Israel und die USA bombardieren den Iran. Willige Helfershelfer in den Medien und in der Politik applaudieren verantwortungslos.

Dieser Text ist am 28. Februar auf «Inside Paradeplatz» erschienen. Er scheint gut gealtert zu sein …

Es gibt drei Arten von Bösewichten auf der Welt. Solche mit Atombomben wie Nordkorea oder Russland. Solche ohne Nuklearwaffen wie Venezuela oder Kuba.

Solche, die zwar widerwärtige Massenmörder sind, aber im Sudan oder in Äthiopien wüten können, weil das niemanden interessiert.

Und dann gibt es den Iran. Der vereint genügend Eigenschaften, um zum nächsten Ziel eines militärischen Angriffs zu werden.

Die Mullahs hätten «so viel auf dem Kerbholz, dass ein Angriff legitim wäre», behauptete Welterklärer Eric Gujer in der NZZ noch vor dem Angriff. Meist weniger elegant formuliert applaudieren auch viele andere dieser klar völkerrechtswidrigen Aktion.

Die gleichen, die sich über die Untaten der russischen Regierung in der Ukraine nicht einkriegen.

Dabei sind die untauglichen Begründungen für diesen Rückfall in waffenklirrende Machtpolitik deckungsgleich. Gefährdung der eigenen Sicherheit, barbarische Massnahmen der Machthaber, ergänzt um Dekadenz, Korruption und Wirtschaftskrise.

Die Enthauptung der Führungsspitze Venezuelas hatte einen Nachfolgeplan; in der Nummer zwei des Regimes fanden die USA eine willige Verräterin, die willfährig die Interessen der mächtigsten Militärmacht der Welt bedient.

Nach der Devise: ab jetzt teilen wir uns die Beute und die USA kriegen das grösste Stück, während allen Beteiligten die venezolanische Bevölkerung völlig egal ist.

Was aber ist der Plan beim Iran? Abgesehen davon, dass das Mullah-Regime in grossen Teilen der Bevölkerung abgewirtschaftet hat und sich nur mit blutiger Unterdrückung gegen Forderungen nach seiner Absetzung wehren kann.

Aber auf der anderen Seite verfügen die Ayatollen mit den sogenannten Revolutionswächtern über einen harten Kern gut ausgebildeter Kämpfer, die vielleicht aus religiösem Fanatismus, sicherlich aber aus dem Interesse, ihre Pfründe zu verteidigen, erbitterten Widerstand leisten werden.

Wie soll es also gelingen, im Iran einen Umsturz herbeizubomben? Sollte es überhaupt möglich sein, die wichtigsten Zentren in eine Ruinenlandschaft wie im Gazastreifen zu verwandeln? Was die Fanatiker der Hamas nicht davon abhielt, trotz Zehntausenden ziviler Opfer weiterzukämpfen.

Auch die Tötung fast all ihrer Anführer vermochte daran nichts zu ändern.

Zudem verfügt der Iran über ganz andere militärische Möglichkeiten, alleine schon über ein ganzes Arsenal von Kurz- und Mittelstreckenraketen, mit denen er Israel und US-Militärbasen angreifen wird.

Kommt es zu einem Volksaufstand? US-Präsident Trump forderte die Iraner schon vor Wochen auf, die Macht zu übernehmen. Und schaute dann zu, wie die Aufständischen massakriert wurden.

Und die Unterstützung eines Invasoren trifft niemals auf den gleichen Rückhalt wie der interne Versuch, ein Verbrecherregime loszuwerden.

Was also wäre der Plan für danach? Selbst in der doch kühnen Annahme, dass es durch Luftschläge und eine überschaubare Invasion gelingen könnte, das Mullah-Regime mitsamt dem greisen und grausamen Führer Chamenei zu stürzen: und dann?

Selbst die viel organisierter Opposition in Venezuela schaffte es nicht, das unfähige Regime um Präsident Maduro zu gefährden, geschweige denn, zu stürzen. Der Wechsel gelang nur, weil er bislang keiner ist. Die gleiche korrupte Machtelite ist dort weiterhin omnipräsent.

Im Iran gibt es nicht mal einen erkennbaren Oppositionsführer. Der Sohn des Schah, dessen brutales Unrechtsregime so gerne mit dem Weichzeichner verklärt wird, kann’s ja nicht sein. Wer sonst? Oder wird der Iran den Weg des Irak, von Libyen oder Syrien gehen? Zersplittern in von Clans und Warlords beherrschten Gebieten, wo der Verkauf von Rohstoffen genug Geld in die Kassen spült, um diese Schreckensherrschaften aufrecht zu erhalten?

Oder sollte man dem grossen Disruptor Trump, der seine Ansichten und Absichten schneller wechselt als seine Krawatten, für ein Mal einen Plan zutrauen?

Alles ungewiss, alles unvorhersehbar. Nur eine Gewissheit gibt es: international sind die Zeiten der Barbarei zurück. Wer überlegene militärische Macht hat, setzt sie rücksichtslos ein. Begründungen finden sich immer.

Dummköpfe, die sie glauben, ebenfalls.

Gujer reitet mal wieder

Zu Höchstform läuft er bei Kollegenschelte auf.

Zugegeben, bei diesen Kollegen ist es nicht allzu schwer, sie in die Pfanne zu hauen. Denn völlig haltlos geworden, widersprechen sie sich selbst am Laufmeter. Hoffen dabei auf das löchrige Kurzzeitgedächtnis des Lesers.

Aber nicht mit Eric Gujer, God Almighty, Geschäftsführer und Chefredaktor der NZZ. Er knöpft sich die Wendehälse bei der Beurteilung des Zustands der US-Demokratie vor.

Da herrschte zunehmend warnendes Raunen. Es wurde eine «unvermeidliche Trump-Diktatur» befürchtet. Die FAZ erinnerte sich an den Sommer 1935 und fragte bang: «Beginnt so eine Diktatur

Und nun das. Ein paar Wahlsiege der Demokraten, und plötzlich heisst es: «Warnsignal, wankt Trump, zivilgesellschaftlicher Widerstand, Referendum gegen Trump». Fertig Diktatur.

Auch aussenpolitisch ist zum Beispiel die «Süddeutsche Zeitung» nicht ganz mit sich selbst einig. Vor Kurzem meinte sie: «Trump war immer ein Isolationist.» Nun höhnt sie, zitiert Gujer maliziös: ««Was ist eigentlich aus America first geworden?» Trump sei die «ganze Zeit mit internationalen Angelegenheiten beschäftigt».

Dann hebt Gujer ins Allgemeine ab: «Trumps Kritiker sind in eine uralte Falle getappt: Menschen überschätzen Menschen und ihre Gestaltungskraft. Nur in Ausnahmesituationen, wenn die Verhältnisse schwimmen und nichts mehr sicher ist, vermögen Individuen die Weltgeschichte grundlegend zu verändern

Um mit einem Loblied der Checks and Balances zu enden:

«250 Jahre Demokratie lassen sich nicht einfach ausradieren.

Wie sehr die Checks and Balances auch heute funktionieren, belegen die Regionalwahlen. Sie genügen, damit die Demokraten Hoffnung schöpfen. In der Demokratie gibt es kein schärferes Schwert als Wahlen, solange sie frei und geheim sind. Sie stutzen zuverlässig Ambitionen und Egos zurecht.»

So luzid seine Argumentation bis hierher ist, nun verfällt er aber in den gleichen Fehler, den er zu recht den von ihm Kritisierten vorwirft.

Er gibt zu viel Gas in eine Richtung, der lieben These willen. Denn er muss dem Titel seiner Welterklärung nachrennen: «Keine Spur von Trump-Diktatur: Der US-Demokratie geht es prächtig».

Geht es ihr wunderbar? Macht sich Trump nicht im zweiten Anlauf energisch daran, eben diese Checks and Balances auszuhebeln, legt sich mit der Justiz an, unterwirft den Generalstab der Armee, indem er altgediente Generäle durch willige Befehlsempfänger ersetzt?

Auch diese These hat natürlich Schlagseite. Aber hier ist eine weitere: Gujer fehlt manchmal, wenn er stilistisch elegant, kenntnisreich und mit gefülltem Bildungssack auf dem Rücken losreitet, die Fähigkeit zum dialektischen Denken.

Knackige Thesen sind immer verführerisch, weil man – wenn man kann – gnadenlos mit ihnen losgaloppieren kann. Ein nachdenkliches dialektisches Ausloten von These und Antithese, die Verwandlung in eine Synthese, die wiederum zur neuen These wird, die auf ihren Antagonisten wartet, das hat nicht diese strahlende Einfalt einer klaren These.

Der US-Demokratie geht es prächtig, Trump-Diktatur ist ein Schreckgespenst, Wahlen beweisen, dass solche Befürchtungen unsinnig sind.

Mit flatternder Fahne ins Ziel geritten, in die Exemplifizierung einer zunächst aufgestellten These.

Nun ist es leicht, den Kollegen ihre Wankelmütigkeit, ihre Widersprüche, ihre Haltlosigkeit vorzuwerfen. Sie glauben mehr an Narrative als an Analysen, selbständiges Nachdenken ist nicht so ihre Sache.

Aber, mit Verlaub, gegen das Geraune einer Trump-Diktatur die prächtige US-Demokratie zu stellen, ist das nicht ein Spur zu sehr «Weltwoche»? Und damit doch etwas flach und vielleicht nicht auf dem gewohnten Niveau.

Was angesichts des Gujer umgebenden publizistischen Elends besonders schmerzt.

Wobei man sich fragt, wann Gujer sich mal die Probleme im eigenen Stall vornimmt. Sie haben einen Namen: NZZaS

 

Was sieht der «andere Blick»?

God Almighty und Chefredaktor Eric Gujer ordnet die Welt.

Roger Köppel scheitert regelmässig am staatstragenden Ton und dem Habitus eines Helmut Schmidt. Sich über die Fähigkeiten der Tamedia-Chefredaktorin Raphaela Birrer zu äussern, wäre ohne strengen Sexismus-Verdacht nicht möglich. Das gilt auch für die abservierte «Blick»-Chefin.

Aber da gibt es noch Eric Gujer. Multimedial präsent, feine Klinge, Kommentare mit Sachverstand, Hintergrundwissen und Esprit. Auch geschäftlich ist der Mann gut unterwegs. Während sein indirekter Vorgänger als CEO Veit Dengler als Heimweh-Österreicher eine Expansion dorthin in den Sand setzte, ist Gujer mit der Eroberung des deutschen Markts gut unterwegs.

Während Tamedia jämmerlich Berichterstattung aus München einkauft, baut die NZZ eine Filiale in Berlin auf, die immer bedeutender in der deutschen Medienlandschaft wird, seit die FAZ schwächelt.

Mit dem «anderen Blick» liest Gujer regelmässig der deutschen Politik die Leviten. Da greift er für NZZ-Verhältnisse gerne auch zum Zweihänder: «Die Politik versagt, und der Staat ist überfordert. Deutschland hat ein echtes Problem».

Auf wenigen Zeilen bringt er die Misere der aktuellen Politik auf den Punkt:

«Wähler und Gewählte in Deutschland teilen eine Erfahrung: Ohnmacht. Die Politiker fühlen sich verfolgt von einer undankbaren Öffentlichkeit und gefesselt von Sachzwängen. Das Volk hingegen hält die Politik für abgehoben und unfähig, selbst einfache Probleme zu lösen.»

Zerfallende Infrastruktur, marode Schulhäuser, eine dysfunktionale Deutsche Bahn, früher Leuchtturm an Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Zehn Jahre «wir schaffen das», also eine gescheiterte Asylpolitik. Turmhohe Schulden, auf die – getarnt mit dem demagogisch-genialen Begriff «Sondervermögen» – Multimilliardenschulden draufgesattelt werden. Dennoch reicht’s nicht, und es ist wieder die Rede von Steuererhöhungen.

Gujer skizziert die Etappen dieser Entfremdung zwischen Gewählten und Wählern: «Zugleich begannen die Gewählten, die Wähler zu beschimpfen. Der politisch-publizistische Komplex denunzierte konträre Meinungen als «Wutbürgertum». Später als «Schwurbler» und «Verschwörungstheoretiker»

Bildungsmisere, Euro-Krisen, Flüchtlingskrise, Pandemie. Klare Schlussfolgerung: «Die Mehrheiten lassen nur Stillstand zu, solange ein Bündnis mit der AfD ausgeschlossen bleibt.» Oder wenn man als einzige Antwort auf die laut Umfragen inzwischen wählerstärkste Partei Deutschlands mit einem Verbot liebäugelt, wie es die Winzpartei SPD inzwischen tut.

Da inzwischen mehr als die Hälfte aller Deutschen in der einen oder anderen Form von Sozialleistungen profitiert und jede Partei, die gegenwärtigen und zukünftigen Rentnern klaren Wein einschenkt – die Renten sind so nicht mehr finanzierbar – sich gleich auflösen könnte, sind sowohl Gewählte wie Wähler an der Situation schuld.

Soweit eine richtige Diagnose. Es ist nun nicht die Aufgabe des Wegweisers, zum Ziel zu gehen. Allerdings wäre der Leser doch verbunden, wenn Grossanalyst Gujer auch ein paar Therapieansätze auf Lager hätte. Denn so schön der Analysebogen auch ist, die Landung gelingt ihm nicht wirklich elegant: «So wächst der Frust weiter, und alles bleibt beim Alten, im Grossen wie im Kleinen

Man erinnert sich unwillkürlich an das grossartige Bonmot von Lampedusa im «Gattopardo»: «Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.» Was passiert aber, wenn sich einiges ändern müsste, aber dennoch alles bleibt, wie es ist? Da ist die AfD nicht Ursache des Übels, sondern höchstens Symptom. Ihr Wirtschaftsprogramm ist lachhaft und unterscheidet sich kaum von den Parteiprogrammen der anderen. Ihre Lösungsvorschläge müssen keinen Realitätstest fürchten, ihr Personal ist teilweise zum Fürchten und so angebräunt, dass es sie eigentlich unwählbar macht.

Die Frage, vor deren Beantwortung der anders blickende Gujer zurückschreckt, ist: ist nach 80 Jahren der moderne, demokratische Sozialstaat am Ende seiner Laufzeit angelangt? Ausser in Teilen Europas und im angelsächsischen Raum hat er sowieso nie existiert. Und wenn ja, wodurch wird er ersetzt?

Durch eine Autokratie, wie sie Trump anstrebt und wie sie in China, Russland, weitgehend auch Indien und Indonesien bereits existiert? Das wäre doch mal ein Thema für einen besseren Blick …

Lob des Gujers

Der Mann kann denken. Und schreiben. Selten, heutzutage.

Wenn heute ein Editorial erscheint, dann wird geistiges Kleingeld unter die Leute gebracht. Raphaela Birrer, Patrik Müller, Reza Rafi, plus die Zwergenschar der Reichsverweser von Kopfblättern der grossen Medienkonzerne («Blick» kann man ja nicht mehr ernst nehmen): meistens im Sinne des Konzerns Gehampeltes. Nicht mal für den Tag geschrieben. Schneller vergessen als gelesen.

Oder erinnert sich jemand an ein einziges dieser Editorials? Eben.

Bei Eric Gujer sieht das etwas anders aus. Beansprucht er am Samstag den Platz oben in der NZZ, dann kommt durchaus etwas Lesenswertes heraus, wird der Leser auf eine andere Flughöhe mitgenommen. Zum einen, weil der Mann geschliffen schreiben kann. Das unterscheidet ihn schon mal von den gestolperten, sich verhaspelnden, unter erkennbarem Zeitdruck geschriebenen Werken seiner Kollegen.

Dazu hat er einen Bildungsrucksack, der wohlgefüllt ist; ein zweiter Unterschied, auch wenn Rafi, der Gerechtigkeit halber sei’s erwähnt, manchmal erstaunliches Wissen aufblitzen lässt.

Und schliesslich bemüht er sich in einer Tageszeitung, den Blick über den Tag hinaus zu erheben. Daraus entstehen dann Editorials wie «Torheit ist in der Politik normal».

Gujer beschäftigt sich mit der durchaus interessanten Frage: «Warum agieren die Inhaber hoher Ämter so oft in einer Weise, die der Vernunft und dem aufgeklärten Eigeninteresse zuwiderläuft?» Zur Beantwortung nimmt er das Buch der amerikanischen Historikerin Barbara Tuchman zu Hilfe: «Die Torheit der Regierenden».

Es ist schon vor vierzig Jahren erschienen, also bevor die meisten Kindersoldaten in den Newsrooms auf der Welt waren. Ihre Schlussfolgerungen: «Als Gründe nennt Tuchman Selbstüberhebung, Unfähigkeit, Dekadenz oder Starrsinn, kurz: das Mängelwesen Mensch. Gegen Torheit ist niemand gefeit. Nur weil wir künstliche Intelligenz besitzen, ist die natürliche Intelligenz nicht gewachsen.»

Dann lässt Gujer eigenes Wissen aufblitzen und salbt seinen Rückgriff in die Geschichte mit leichter Ironie: «John Adams, der zweite Präsident der Vereinigten Staaten, erklärte: «Während alle anderen Wissenschaften vorangeschritten sind, tritt die Regierungskunst auf der Stelle; sie wird heute kaum besser geübt als vor drei- oder viertausend Jahren.» Die Einsicht gilt von Troja bis Trump. Der 47. Präsident der Vereinigten Staaten ist keine Ausnahme, keine Monstrosität in sonst so aufgeklärten Zeiten. Er ist eine historische Konstante. Wem das zu fatalistisch klingt, der mag sich damit trösten, dass die Welt trotzdem nicht zugrunde gegangen ist.»

Dann dekliniert Gujer die Begrifflichkeit durch; Torheit sei keineswegs ein Privileg der Populisten oder von Menschen mit niedrigen Absichten wie Trump. Auch Lichtgestalten wie John F. Kennedy ritten die USA verblendet in den Vietnamkrieg, während ein Schurke wie Richard Nixon ihn beendete. Zudem nützt das Gegenteil, nämlich vernünftige Entscheidungen treffen, auch nicht unbedingt.

Wie Kanzler Schröder erfahren musste, der zwar die Wirtschaft reformierte, zum Dank dafür aber abgewählt wurde.

Gujers Conclusio, um es gewählt zu formulieren, verdient es, vollständig zitiert zu werden:

«Politische Torheit basiert nur selten auf schlichter Dummheit oder Borniertheit. Sie ist die Folge eines Kalküls, das Chancen und Risiken abwägt, auch wenn es am Ende irrig ist. Politik entsteht im Wechselspiel zwischen den Emotionen der Regierenden und denen der Regierten. Da verspricht die Unvernunft nicht selten mehr Ertrag als die Vernunft. Die Herrschenden handeln im Augenblick. Die wenigsten besitzen eine echte Strategie, die auch den übernächsten Spielzug vorhersieht. Der Historiker hat es da einfacher als der Politiker. Er ist der Prophet der Vergangenheit und nicht der Spielball der Gegenwart

Der Historiker als der Prophet der Vergangenheit, alleine dafür verdient Gujer ein anerkennendes Kopfnicken und eine leichte Verbeugung. Mindestens.

Raubtier gegen Sozialarbeiter

Wenn Eric Gujer zum anderen Blick ansetzt, dann scheppert es.

Wie erbärmlich Tamedia ist, lässt sich auch am Gefäss Leitartikel festmachen. Beim Qualitätskonzern an der Werdstrasse darf ein Schmierfink wie Andreas Tobler den Leitartikel missbrauchen, um davor zu warnen, die Politikern Alice Weidel als Mensch zu porträtieren. Unsäglich, müsste mit sofortiger Entlassung oder mindestens Schreibverbot geahndet werden.

Und wenn Chefredaktorin Raphaela Birrer zum Griffel greift, erinnert sich schon während des Lesens niemand mehr daran, was sie eigentlich im Leitartikel sagen will. Hand aufs Herz: was war ihr letzter, und worum ging es da? Eben.

So in einer Mittelliga schwebt Patrik Müller von CH Media. Immer schön fluffig, geschrieben, als hätte er auch noch den Schwiegermuttertraumsohn-Charme von Christian Dorer geerbt. Und Reza Rafi, nun, da herrscht Bandbreite. Von exzellent bis schwachsinnig. Ach, Steffi Buchli? Leitartikel? Es darf gelacht werden.

Ganz anders bei Eric Gujer. Welch Oase der eleganten Schreibe, der komplexen, aber heruntergebrochenen Denke. Man muss nicht mit seiner Meinung oder Analyse einverstanden sein: lehrreich und erhellend ist es alleweil.

Aktuell vergleicht er zwei Weltmächte so: «Trump ist ein Raubtier, und die Europäer sind Sozialarbeiter. Es ist klar, wer da gewinnt». Natürlich ist die Wirtschaft dabei im Zentrum:

«Der Kontinent kommt nicht vom Fleck. Wirtschaftliche Dynamik findet sich in Asien und den USA, während die EU einen bürokratischen Albtraum nach dem anderen gebiert: Nachhaltigkeitsrichtlinie, Lieferkettenrichtlinie oder die Lasche, die den Deckel mit der Plastikflasche verbindet. Nichts ist zu gross, um reguliert zu werden, und nichts zu klein.»

Was von Befürwortern eines EU-Beitritts der Schweiz gerne verdrängt wird: «Deutschland befindet sich seit zwei Jahren in der Rezession, Frankreich türmt rekordhohe Schulden auf. Der Niedergang erfolgt schleichend. Es ist wie bei einem Autoreifen, aus dem unmerklich die Luft entweicht. Irgendwann fährt man auf der Felge

Und noch ein weiteres schlagendes Beispiel:

«Auch der Sozialstaat hat die Inklusion auf die Spitze getrieben. Deutschland gibt jährlich 37 Milliarden Euro für Sozialhilfe aus, kann aber inmitten einer Rezession 700 000 Stellen nicht besetzen

Dann wechselt Gujer auf die politische Ebene und stellt ein Versagen der Zentrumsparteien fest: «Die etablierten Parteien hingegen sind paralysiert. Der Brandmauer-Fimmel macht eine Zusammenarbeit mit dem rechten Rand unmöglich, bis die Realität wie in Österreich ein Umdenken erzwingt

Allerdings schreckt er dann doch vor letzten Konsequenzen zurück. Es ist offenkundig, dass der Aufstieg rechter Parteien wie AfD, FPÖ, Fratelli d’Italia oder Rassemblement National nicht an der überlegenen Strahlkraft ihrer Parteiprogramme festzumachen ist. Da steht, wie ZACKBUM schon belegte, mehr oder minder die ähnliche Sosse wie bei allen anderen Parteien.

Nein, es ist deren krachendes Versagen, das den Wähler verzweifelt nach Alternativen Ausschau halten lässt. Die Wurzel des Versagens liegt darin, dass die überwiegende Mehrheit der Wähler inzwischen Anspruchsgruppen sind, die auf die eine oder andere Art am Staatstropf hängen. Aber keine Partei traut sich, zum Beispiel dem Wählerblock Rentner zu sagen, dass die Renten deutlich gekürzt werden müssen, wenn der Raubzug an jungen Beitragszahlern nicht einfach weitergehen soll. Auch in der Schweiz handelt es sich hier jährlich um Milliarden.

Aber wer das sagt – und auch Rechtsparteien trauen sich nicht –, der kann auch gleich die Parteiauflösung beschliessen. Die deutsche FDP mit ihren zaghaften Versuchen ist ein warnendes Beispiel.

Woran sich dann auch Gujer nicht traut: damit kommt die Mehrheitsdemokratie an ihre Grenzen. Denn welche Anspruchsgruppe stimmt schon gegen ihre Interessen. Welche politische Bewegung will es sich mit grossen Wählermassen verderben.

Ist da, laut einem Bonmot Churchills, die Demokratie wirklich die schlechteste aller Herrschaftsformen, abgesehen von allen anderen? Das wäre doch mal einen anderen Blick wert.

Deutliche Fallhöhe

Auch der NZZ-Chefredaktor greift zum Griffel. Da wird’s peinlich.

Aber nicht für Eric Gujer. Während sich seine Kollegin Raphaela Birrer quengelig und widersprüchlich in Kleinklein verliert, zeichnet God Almighty der NZZ mal wieder die ganz grossen Bögen.

Schon die Illustration, eine animierte Erdkugel mit Bildstörung, ist nicht schlecht. Denn Gujer versucht mit seinem »anderen Blick», den ganz grossen Überblick im Durcheinandertal zu behalten, wie das Dürrenmatt nannte:

«Die grosse Weltunordnung: Kriege und Chaos sind die neue Normalität. Worauf müssen wir uns noch einstellen?»

Für das Haus der ordnungspolitischen Zwischenrufe ist der Zustand der Welt ein desolater: «Die Welt ist ein Kartenhaus. … Solche Zäsuren sind die Signatur unserer Epoche: der überstürzte Abzug der Amerikaner aus Kabul, der russische Überfall auf die Ukraine, die sadistische Orgie der Hamas. Über Nacht werden neue, meist blutige Fakten geschaffen.»

Da gab es die Nachkriegszeit von 1945 bis 2022. Kalter Krieg, Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, Pax Americana. Vorbei: «Wer bereit ist, maximale Gewalt anzuwenden, wer bereit ist, dafür notfalls auch einen hohen Preis zu zahlen, der kann viel Macht an sich reissen.»

Knallhart analysiert Gujer Russlands Stärke, vielmehr Schwäche: «Sie ist gross genug, um ein wehrloses Nachbarland zu überfallen. Aber sie genügt nicht für einen überlegenen Gegner oder einen weiter entfernten Schauplatz. So erscheinen die Warnungen, Putin werde sich nach der Ukraine dem Baltikum zuwenden, als masslos übertrieben.»

Noch ein hübscher Satz: «Putin ist ein Meister darin, grösser zu erscheinen, als er ist.» Das ist ziemlich bösartig, denn bekanntlich ist Putin auch körperlich nicht gerade grossgewachsen.

Aber auch die USA wirkten inzwischen häufig hilflos. Sie konnten Israel nicht im Zaum halten, sie wagen es nicht, massiv gegen die Mullahs in Teheran vorzugehen. Schlussfolgerung: es gebe heute «keine globale Ordnung» mehr: «Alle Machtverhältnisse sind flüchtig; es herrscht Weltunordnung.»

Soweit kann man Gujer kritiklos folgen. Dann aber setzt er zu einem Loblied auf Israel an. Seine Verbündeten hätten unablässig vor einer Eskalation gewarnt, aber: «Hätten sie sich durchgesetzt, hätte Israel keines seiner Kriegsziele erreicht. Ohne Risikobereitschaft werden keine Konflikte gewonnen. Die Warnung vor einer Eskalation indes verkommt zur Ausrede für westliche Untätigkeit.»

Die ununterbrochene Reihe von Kriegsverbrechen, die Israel begeht (wie andere Akteure im Nahen Osten auch), dass der sogenannte Wertewesten sich nur dann als moralisch überlegen aufspielen dürfte, wenn er es auch wäre – das verliert Gujer doch recht massiv aus dem Blick.

Stattdessen setzt er zum Lob des skrupellos Handelnden an: «Damit sich die Lage verbessert, muss man aktiv etwas dafür tun und auch bereit sein, Risiken einzugehen. Wer nur abwartet, gewinnt nichts.
Die USA haben im Nahen Osten zu lange zugeschaut. Das genügt nicht. Die Europäer wiederum vertrauen darauf, dass der grosse amerikanische Bruder mit Moskau eine Lösung für die Ukraine aushandelt. Das genügt erst recht nicht. Eine stabile Ordnung stellt sich nicht von alleine ein

Nun traut sich aber Gujer nicht, konkreter zu werden, was denn aktiv getan werden müsse. Militärisches Eingreifen in den Nachbarländern ohne Kriegserklärung? Bombardieren von ausgewählten Zielen in Grossstädten ohne Rücksicht auf Kollateralschäden? Ist das nicht ganz furchtbar, wenn es Russland in der Ukraine tut? Ist es dann vertretbar, wenn es Israel im Libanon und in Syrien tut?

Oder könnte man sich nicht darauf einigen, dass reine Machtpolitik immer amoralisch ist, schmutzig und skrupellos? So wie sie der Nobelpreisträger und Kriegsverbrecher Henry Kissinger mit offenem Zynismus betrieb. Das wäre dann den «anderen Blick» zu Ende gedacht. Was Dürrenmatt konnte, wovor Gujer zurückschreckt.

Wumms: Eric Gujer

Der Chefredaktor der NZZ verprügelt mal wieder elegant seine Kollegen.

Er fängt sanftpfotig an: «Mit dem Timbre der Empörung berichteten amerikanische wie europäische Medien, Trump habe Pete Hegseth als Verteidigungsminister ausgewählt. Der Fernsehmoderator sei in Verteidigungsfragen völlig unerfahren, heisst es. Sachkenntnis ist tatsächlich von Vorteil.»

Dann legt er einen Zahn zu: «In Deutschland wurde ein Kinderbuchautor Wirtschaftsminister. Robert Habecks Politik legt den Schluss nahe, dass Kinderbuchautoren nicht Wirtschaftsminister sein sollten.» Ist halt immer gut, wenn man ZACKBUM liest …

Bei Trumps Ministervorschlägen werde mangelnde Fachkompetenz bemängelt; auch dazu hat Gujer ein Gegenbeispiel: «Der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach ist Arzt und obendrein Gesundheitsökonom. Betrachtet man aber sein Wirken von der Corona-Hysterie bis zum Scherbenhaufen einer Spitalreform, wäre wohl besser ein Laie Minister geworden.»

Noch schlimmer: «Hätte Olaf Scholz seine Minister frei auswählen können, wären Habeck und Christian Lindner nie Minister geworden.» Man kann hinzufügen: würde Deutschland den Bundeskanzler direkt wählen, wäre Scholz es nie geworden.

Dann wird Eric Gujer weitsichtig und weise: «Irrtümer und Torheiten gehören nun einmal zur Politik. Die Wähler können froh sein, wenn einige wichtige Dinge richtig entschieden werden. So täte es der Schweiz gut, wenn auch hier Elon Musk die wuchernde Bundesverwaltung verschlanken würde.»

Wenn seine Philippika einen Schwachpunkt hat: an Beispiele von völlig unfähigen Schweizer Magistraten vom Bundesrat abwärts traut sich Gujer nicht ran.

Gegen Voreingenommenheit bei den Medien bezüglich Trump sei nichts einzuwenden, tadelt Gujer, «solange die Feindseligkeit nicht in Ignoranz umschlägt. Eine ihrer Waffen ist – um ein Wort Martin Walsers abzuwandeln – die Faschismus-Keule. Dass Trump kaum einen zweiten Holocaust organisieren dürfte, entkräftet die These nicht. Man muss keine Konzentrationslager errichten, um Faschist zu sein. Der Faschismus hat sich in den hundert Jahren seiner Existenz weiterentwickelt

Putin sei Faschist, nimmt Gujer dann den Holzhammer hervor, um Trump davon abzuheben:

«Zwischen den beiden Politikern bestehen fundamentale Unterschiede. Diese zu verwischen, zeugt von Perfidie oder von Dummheit. Leichtfertig wird mit den Etiketten Faschismus und autoritäre Herrschaft operiert. In ihrer Beliebigkeit verlieren die Begriffe jeden Sinn, und die Opfer realer Gewaltherrschaft werden verhöhnt.»

ZACKBUM freut sich, dass auch Gujer unser Argument von der Verhöhnung der wahren Opfer aufnimmt. Dann schliesst er sich auch noch unserer Kritik am Links-Professor Jakob Tanner an. Der zähle zu den ««faschistischen Taktiken», wenn das «Angebot öffentlicher Güter sowie Sozialleistungen» reduziert werden. Daran gemessen ist Gerhard Schröder Faschist, denn der frühere deutsche Kanzler kürzte die Sozialhilfe beträchtlich».

Schlussfolgerung: «Die Rhetorik des Weltuntergangs und der maximalen, also faschistischen Katastrophe zeigt nur, wie weit sich die professionellen Politikbeobachter und die Wähler entfremdet haben.»

Noch ein richtiger Satz: «Ob die amerikanische Demokratie in eine Krise gerät, wird die Zukunft zeigen. Die Krise des Journalismus jedoch ist evident

Ein weiterer Schwachpunkt Europas: «Seit der ersten Amtszeit des blonden Beelzebub versprechen die Regierungen in Europa, in die eigene Sicherheit zu investieren. Passiert ist seither nicht genug», mokiert sich Gujer.

Dann biegt er mit Pauken und Trompeten in die Zielgerade ein: «Die Europäer kompensieren die Scham über die eigene Unzulänglichkeit durch die Beschimpfung ihrer Nemesis. Die Wut auf Trump ist letztlich die Wut auf sich selbst. Die Kritik am alten und neuen Präsidenten verrät mehr über die Kritiker als über den Kritisierten.»

Er ist zu vornehm hinzuzufügen, dass viele Reaktionen von Medienschaffenden nur noch mit psychotherapeutischem Besteck seziert werden können.