Wo bleiben die Hintergründe?

Flughafen, Flüchtlinge, Furcht: der ewige Dreiklang über Afghanistan. Dabei gibt es genug Material.

Die Taliban sind ein Haufen mittelalterlicher Fanatiker, die seit 1996 in Sachen PR gewaltig dazugelernt haben. Das wissen wir nun. Die Taliban sind mehr oder minder an die Macht spaziert, während die staatliche Armee zu Staub zerfiel. Das ist bekannt.

Den Gotteskriegern fiel als Gottesgeschenk militärische Ausrüstung im Wert von einigen Milliarden US-Dollar in die Hand. Schlüssel steckt, gut geölt, einsatzbereit, Gebrauchsanleitung liegt bei, Instruktoren vorhanden. Auch bekannt.

Am Flughafen von Kabul spielt sich Dantes Inferno ab. Tausende hoffen darauf, ausgeflogen zu werden, die Uhr tickt. Noch bis 31. August wollen die Taliban das erlauben, dann ist Schluss. All die vielen, die es nicht geschafft haben, können von den religiösen Fundamentalisten eingesammelt werden – weiteres Schicksal unbekannt, aber absehbar. Auch bekannt.

Wer ist schuld, wer hätte, wer könnte, wer hat nicht, wer müsste nun? Die übliche Reise nach Jerusalem; immer, wenn die Musik stoppt, bleibt einer stehen, weil er sich nicht rechtzeitig auf einen freien Stuhl gesetzt hat – «blame game» heisst das so schön auf Englisch.

Wo ist das Fleisch am Knochen?

Aber vielleicht etwas Hintergründe, auch ausserhalb der NZZ? Ach was, Eingekauftes, Wiedergekäutes, aus München oder anderen von Kabul sehr weit entfernten Orten Eingekauftes, Gehacktes, Gequirltes ergiesst sich über die Leser, auch da gibt es eine schöne englische Frage: where is the beef?

Ach, und wo sind alle Verteidigerinnen der Frauenrechte? Die mutigen Protest-Schreiber, Femizid-Forscher, Ankläger aller Formen von Sexismus, Diskriminierung und Ausgrenzung? Die Kämpfer für den Gender-Stern und eine inkludierende Sprache? Sie sind mit sich selbst beschäftigt, wie immer. Senken dabei das Niveau in ungekannte Tiefen.

Protest-Frau Hiltmann mit privaten Problemen.

Gibt’s denn nichts anderes? Doch, man muss nur ein wenig suchen. Macht die NZZ schliesslich auch. Deshalb kommt sie auch auf diese Quelle:

Eine Auswahl des Versagens. In den USA gibt’s genügend Thinktanks …

Es gibt eine runde Zahl, die das ganze Elend der westlichen Intervention in Afghanistan auf den Punkt bringt: 1 Billion. 1000 Milliarden US-Dollar. Diesen Betrag haben die USA in den letzten 20 Jahren in Afghanistan versenkt. Das ist etwas mehr als das BIP der Schweiz (702 Milliarden CHF im Jahr 2020).

Auch ein interessantes Thema: wird Afghanistan zum Testfall der Kryptowährungen? Zumindest wird dort häufiger Kryptogeld verwendet als in Europa.

Gescheiterte Staaten sind vorne dabei mit Kryptowährungen.

Wie kann so viel Geld spurlos verschwinden?

Die Summe der Wertschöpfung Afghanistans betrug 2019 rund 19,3 Milliarden US-Dollar. Wobei diese Zahl mit grosser Vorsicht zu verwenden ist, denn man kann ja nicht im Ernst annehmen, dass in den vielen abgelegenen Stammesregionen dem staatlichen Statistiker bereitwillige Auskunft über den Umsatz der letzten Opiumernte erteilt wird.

Wie ist es nun möglich, das Zweieinhalbfache des BIP Afghanistans pro Jahr reinzuschütten, und heraus kommen siegreiche Fundamentalisten, die man 2001 von der Macht vertrieben hatte, weil sie nicht nur Osama Bin Laden, sondern islamistischen Terroristen aller Schattierungen Unterschlupf und logistische Unterstützung gaben?

Die Wahrheit ist konkret, eine der Gründe für dieses Desaster ist im Paper «Schweizer Kooperationsstrategie für Afghanistan 2019 bis 2022» des DEZA zu finden. Denn ein Ziel muss man ja haben:

«Die Schweiz trägt dazu bei, Armut, menschliches Leid und den Verlust von Menschenleben in Afghanistan zu reduzieren. Die Schweiz fördert den sozialen Zusammenhalt und eine friedliche Gesellschaft mit wirksamen, rechenschaftspflichtigen und integrativen Institutionen, damit alle Menschen sicher sind und in Würde leben können.»

27 Millionen Franken hat die Schweiz pro Jahr in dieses Luftschloss investiert. Sicherlich, ein Klacks im Vergleich zu den USA. Aber auch 27 Millionen wollen zuerst verdient und dann in Form von Steuern abgeschöpft werden. Wer sich die Liste der geplanten «Projekte» anschaut, muss zwar nicht am Verstand der DEZA-Mitarbeiter zweifeln. Denn deren höchstes Ziel ist – wie bei allen Hilfsorganisationen – die Selbstbeschäftigung. Aber Märchen aus 1001-Nacht haben einen entschieden höheren Realitätsgehalt.

Aus diesem Desaster ergeben sich ein paar wichtige Fragen, nicht nur nach der Verantwortung gegenüber lokalem Hilfspersonal. Zuoberst wird eine Antwort auf eine ganz banale Frage gesucht: Wie ist es möglich, dass 500 nicht schlecht bezahlte DEZA-Mitarbeiter in Bern, unterstützt von 1150 festangestellten Helfern weltweit, dermassen weltfremd dermassen viel Geld ausgeben?

Tendenz steigend: Ausgaben für Entwicklungshilfe.

APD ist die Abkürzung für «Aide Publique au Développement», Oberbegriff für die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe. Rund 1,5 Milliarden Franken pro Jahr gibt das DEZA für «Süd- und Globalzusammenarbeit» aus. Jede Kritik daran gilt als Tabubruch, Ausdruck von tiefer Unmenschlichkeit, verkrüppeltem Humanismus.

Allerdings: auch für die Schweiz läppert es sich. Schätzungsweise mehr als 400 Millionen Franken wurden in den letzten 20 Jahren in Afghanistan ausgegeben. Wofür? Wie nachhaltig war das? Naheliegende Fragen, fernliegende Antworten.

 

 

6 KOMMENTARE
  1. .Victor Brunner
    .Victor Brunner says:

    Einmal mehr das totale Versagen. Februar 2020 wurde der Vertrag von Doha zwischen der Trump Administration und den Taliban unterschrieben. Die korrupte Regierung Ghani war nicht an den Verhandlungen beteiligt. Die Taliban versicherten respektvoll mit Frauen und Mädchen umzugehen. Respektvoll im Sinne der Scharia. Auch wurde der Abzugstermin fixiert. Da wäre für die Medien Zeit gewesen um genauer zu recherchieren. Was sind die Konsequenzen, für das Land, für deren Bewohner, für die lokalen Hilfskräfte, für die Region?

    Wenig geschah, keine «Leitmedien» denen man abschreiben konnte, keine Brosamen aus München, die für Afghanistan zuständigen Leute von SRF in Amman haben wahrscheinlich den IKEA Katalog studiert und die verantwortlichen Behörden in Bern haben tief und fest geschlafen. Das Debakel war absehbar. Die Medien erwachten, und wie. Hektik, TV schauen, abschreiben, übernehmen mit Titelfinish, über Tage die gleichen Sequenzen aus Kabul. Mitteilungen die offensichtlich falsch waren, «die Schweiz hat xxx Flüchtlinge aus Kabul evakuiert». Es waren Amerikaner oder Deutsche die ausgeflogen haben, nicht die «Schweiz».

    Afghanistan hat einmal mehr verdeutlicht wie schlecht es um die Medien in der Schweiz steht. Global keine fähigen JournalistenInnen und Kompetenzen mehr, Food waste aus München, SRF hockt im 3’000 km entfernten Amman, Hock von der AZ ist immerhin ehrlich, «er schreibt gerne und meistens lang … – auch von weit weg…» und für die NZZ schreibt noch ein Pensionär, auch weit vom Geschehen entfernt und um Peinlichkeiten zu vermeiden schreibt bei Ringier «Publiziert» über Afghanistan.

    Und diese Medien wollen noch mehr an die Honigtöpfe der SteuerzahlerInnen. Sie sollten ehrlich sein, sie wollen Sozialhilfe für Leute mit beschränkten Fähigkeiten, für die Dividendensicherung der Aktieninhaber, für die Boni von Mänätschern die ihren Job nicht können.

    Antworten
    • Benno Derungs
      Benno Derungs says:

      Richtig gesehen. Die Medien und die Politiker konnte nicht antizipieren, was vor mehr als einem Jahr ausgehandelt wurde in Doha. Die aussenpolitische Kommission unter der Präsidentschaft von Angelina Tiana Moser müsste einige Fragen beantworten……….

      Antworten
  2. Hans A. Renfer
    Hans A. Renfer says:

    Nur zum Verständnis: Eine Billion steht im internationalen Sprachgebrauch für die Zahl
    1‘000 Milliarden, also für eine Eins mit 12 Nullen. Die USA-amerikanische Billion hingegen entspricht der deutschen Milliarde.

    Antworten
  3. Beat Reichen
    Beat Reichen says:

    Wenn ich das alles lese und dazu noch die Zahlen der Covid Pandemie nehme frage ich mich, wer will diesen Saustall in der Bundesverwaltung je noch ausmisten.Die Chefbeamten sicher nicht und die gewählten Volksvertreter sind zu dumm oder lauern auf einen gut bezahlten Chef-Posten in der Verwaltung oder in staatsnahen Betrieben . Levrat, Pardini, Schwaller lassen grüssen.

    Antworten
  4. Sam Thaier
    Sam Thaier says:

    Jetzt ist auch ausgekommen, welche abstrusen Hilfsprojekte in Afghanistan angestossen wurden. Beispielsweise ein privates Deutsches NGO-Projekt, welches unter dem Titel «Skateistan» vermarktet wurde. Auch das Schweizer DEZA hat Geld in solche Projekte investiert. Die Vermarktung für eine Skate-Halle in Kabul tönte damals folgendermassen:

    «Eine Skate-Halle mit Einbauten wie Ramps, Half Pipes, etc., soll die Ausübung des Sports auf hohem Niveau möglich machen. Zudem bietet eine geschlossene Halle den Kindern bestmöglichen Schutz in der angespannten Sicherheitslage».

    Der weltweite «Humanismus» der Entwicklungshilfe ist nach dem Debakel in Afghanistan einmal mehr auf dem Prüfstand. «Skateistan» ist bloss ein winziges Beispiel über den mangelnden Kompass dieser Wohlfühl-NGO-Brigaden.

    https://www.betterplace.org/de/organisations/1054-skateistan

    Antworten
    • Laura Pitini
      Laura Pitini says:

      Kabul war wohl ein skurriles Biotop, wo Fördergelder für abstruse Projekte verbraten wurden. Bestimmt werden mir bald noch mehr erfahren über all diese weltfremden Projekte, die am eigentlichen Zweck der Hilfe vorbeizielen.

      Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.