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Wir fordern, dass weniger gefordert wird

Umso bedeutungsloser die Medien werden, desto lauter krähen sie Forderungen heraus.

Die Taliban haben in Afghanistan die Macht ergriffen, der letzte US-Soldat ist in den letzten Flieger gestiegen, der den Flughafen von Kabul Richtung Rettung verliess. Das lässt der «Tages-Anzeiger» von München aus beobachten, weil man dort die grossen Fernrohre Richtung Kabul stehen hat.

Nun gibt es aber noch eine – eigentlich überflüssige – Auslandredaktion von Tamedia. Wenn’s der langweilig wird, die ß aus den Artikeln der «Süddeutschen Zeitung» zu entfernen und «parken» durch «parkieren» zu ersetzen, «grillen» durch «grillieren», dann schreibt man einen Kommentar.

Nicht man, der Auslandchef Christof Münger höchstpersönlich. Zunächst äussert er einen menschenfreundlichen Wunsch:

«Es wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn sich IS-Terroristen und die Taliban in einem abgelegenen Tal Afghanistans gegenseitig in die Luft sprengen

Aber, da ist Münger welterfahrener Realist: «Nur wird es nicht so laufen.» Schade auch, aber wie soll man dann mit dieser «islamistischen Brut» umgehen? Einfach ignorieren? Aber nein, meint Weltpolitiker Münger, denn «bereits erheben sich Stimmen, unter anderem der britische Premier Boris Johnson, die fordern, mit Verbrechern wie den Taliban zu verhandeln».

Sprengkommando aus dem Hause Tamedia.

Das geht gar nicht, donnert Münger von seinem Kommandopult an der Werdstrasse oder vielleicht aus dem Homeoffice: «Die Taliban sind und bleiben eine Terrororganisation. Mit ihnen zu verhandeln, ist keine Option, ausser es geht um humanitäre Hilfe für die leidgeprüfte Bevölkerung.»

Verhandlungen sind für den Arsch, meint Münger

Verhandeln ist nicht, meint Münger fundamentalistisch, er hat auch eine putzige Begründung dafür: «Wohin das führen kann, hat das Abkommen von Doha gezeigt, das die US-Regierung an der afghanischen Regierung vorbei mit den Taliban erzielt hat. Donald Trumps Deal hat es den selbst ernannten Gotteskriegern erst ermöglicht, Afghanistan handstreichartig zu erobern.»

Wenn ein Volonteur als Fingerübung so einen hanebüchenen Unsinn absondern würde, würde man ihn darauf aufmerksam machen, dass selbst in einem Kommentar die Vergewaltigung der Wirklichkeit ihre Grenzen hat. Weder der korrupten und weitgehend machtlosen afghanischen Marionettenregierung, noch der Militärmacht NATO war es in 20 Jahren gelungen, eine Art Zivilgesellschaft gegen die Stammeskrieger zu errichten.

Mangels funktionsfähiger Alternative war es nur konsequent, nach Zehntausenden von Toten die Besatzung zu beenden.

Schlimmer noch ist, dass Münger kategorisch jede Verhandlung mit den Herrschern des Landes ablehnt. Gilt das auch für Burma? Für alle gescheiterten Staaten in Afrika? Für Venezuela? Für Saudi-Arabien? Für den Iran? Dort herrschen doch auch entweder Terrororganisationen oder Regimes, die Terrororganisationen unterstützen.

Wenn Münger verhandeln würde …

Was heisst da «ausser es geht um humanitäre Hilfe»? Wie würde das Münger machen, sässe er nicht hinter einem Bildschirm, sondern vor den Taliban?

«Hört mal, ihr islamistische Brut, ich will jetzt über humanitäre Hilfe verhandeln. Könntet ihr euch währenddessen in einem abgelegenen Tal gegenseitig in die Luft sprengen? Danke.»

Aber die Welt kann aufatmen: die Meinung Müngers interessiert wirklich nicht. Ausser den armen Abonnenten eines Produkts von Tamedia, die sogar noch für diesen Stuss etwas bezahlen müssen.

Was Münger recht ist, kann Cavelty nicht unrecht sein

Nur schon aus Gründen der Ausgewogenheit fügen wir ein Beispiel aus dem Hause Ringier hinzu. Dort will man ja den Lead bei der Bekämpfung von sogenannten Impfgegnern nicht aus der Hand geben. Dafür ist die indirekte Bewirtschaftung des Themas geeignet:

So sieht ausgewogene Berichterstattung aus.

Aber auch vor direkten Forderungen, Ratschlägen und Urteilen schreckt man nicht zurück. Der Chefredaktor des «SonntagsBlick» muss sowieso eine Scharte auswetzen, die er sich mit dem Versuch der Berichterstattung über den ehemaligen VR-Präsidenten von Raiffeisen eingehandelt hatte.

Der donnerte doch in einem Editorial:

«Die Impfgegner machen mit dem Virus gemeinsame Sache».

So interpretiert Gieri Cavelty kühn die Aussagen eines Immunforschers: «Die Impfgegner identifizieren sich nicht bloss sprachlich mit dem Virus, sie machen gemeinsame Sache mit ihm und sichern seinen Fortbestand

Unangenehme Unwahrheiten: Editorial von Cavelty.

Impfen als Allheilmittel? Das durchgeimpfte Israel wandelt sich vom Musterknaben zum neuen Brutherd der Pandemie. Wirksamkeit der Impfung? Fehlen eines Impfzwangs? Was kränkeln Cavelty solche Probleme an, für die zusätzlich beschlossenen Staatssubventionen macht er doch gerne das Sprachrohr der Landesregierung.

Wer hört schon noch auf Journalisten?

Aber auch er trompetet so kräftig, weil er eigentlich weiss: die Meinungsmacht «Blick» ist längst ins Grab gesunken, auch ohne Virus. Die Zeiten, als nicht nur in Bern ängstlich darauf geschaut wurde, ob der «Blick» eine Kampagne für oder gegen etwas führt, sind längst vorbei.

Zu beobachten ist eine allgemeine Verzwergung der Medienhäuser. Den Zusammenschluss von ein paar Mücken jubeln sie zu einem «Digital-Riesen» hoch. Dabei spüren das die wirklichen Riesen nicht einmal. Mangels Möglichkeiten zur Recherche oder fundierter Analyse werden weiterhin ungeniert Forderungen aufgestellt, Behauptungen, unqualifizierte Meinungen geäussert.

Fröstelnd in der Abenddämmerung ihres Bedeutungsverlusts wollen sie sich wie in alten Zeiten an den Flammen der feurigen Meinungsäusserung wärmen. Es den Taliban, dem Virus, den Impfgegnern mal so richtig zeigen. Dabei braucht man schon die Ohren eines Elefanten, um das Gesumme dieser Fliegengewichte überhaupt noch zu hören.

11. September 2001

Afghanistan ist das vorläufige Ende einer fatalen Entwicklung.

Es fehlen noch 11 Tage, dann jährt sich einer der brutalsten Terroraktionen der jüngeren Geschichte zum 20. Mal.

Es sind Bilder, die sich ins kollektive Gedächtnis der Welt eingegraben haben. Jeder weiss noch, wo er war, als er das erste Mal die einstürzenden Zwillingstürme in New York am TV gesehen hat.

Wenn es – innerhalb der perversen Logik dieser religiösen Fanatiker – einen erfolgreichen Anschlag gegeben hat, dann war es dieser. Er führte zwar dazu, dass in Afghanistan die Steinzeit-Taliban von der Macht verjagt wurden, weil sie Osama Bin Laden und vielen anderen Terrororganisationen Unterschlupf gewährt hatten. 

Aber derselbe Bin Laden konnte dann unbehelligt viele Jahre in Pakistan leben. Nicht zuletzt deswegen, weil sich die USA nicht so leicht an ein Land herantrauen, das die Atombombe besitzt. Also wurde die logistische und sonstige Unterstützung islamistischer Terrororganisationen durch das pakistanische Militär und den Geheimdienst toleriert.

Der irakische Diktator Saddam Hussein hingegen konnte sich zu Recht darüber beschweren, dass er mit falschen Anschuldigungen («the guy who tried to kill my daddy», George W. Bush Junior) von der Macht vertrieben wurde.

Er hatte – unterstützt durch die USA – jahrelang einen mörderischen Angriffskrieg gegen den Iran führen dürfen. Er durfte Giftgas gegen die eigene Bevölkerung einsetzen. Ungestraft. Er hatte aber weder Osama Bin Laden, noch andere Terrororganisationen unterstützt, geschweige denn Massenvernichtungswaffen in seinem Besitz. Aber mit dieser Begründung wurde er gestürzt.

Chaos durch den Kampf gegen den Terrorismus

Und der Irak ins Chaos gestürzt, kurz darauf die halbe arabische Welt. Libyen, Syrien, eine Blutspur der Verwüstung, Zerstörung, begleitet von der wöchentlich durch den Friedensnobelpreisträger Präsident Obama abgenickten «Kill List», seine Autorisierung für die Liquidation angeblicher Terroristen, meistens mit Drohnenangriffen. Dass dabei Kollateralschäden wie die Bombardierung von Hochzeitsgesellschaften und gar anschliessender Trauerfeierlichkeiten hingenommen wurden, trieben den religiösen Fanatikern scharenweise Anhänger zu.

Die wichtigsten Unterstützer des islamistischen Terrors, die Staaten der arabischen Halbinsel, in erster Linie Saudi-Arabien und Katar, kamen aber immer ungeschoren davon. Verbündete des Westens, wichtige Öllieferanten, Verbündete im Kampf gegen den Iran.

Das Kalifat, der Islamische Staat, das Wiedererstarken einer mittelalterlichen Verliererreligion, all das hatte seinen Anfang im Terroranschlag von 9/11.

Ein Anschlag in dieser Dimension hat sich in den letzten 20 Jahren nicht mehr wiederholt. Das mag an den hochgerüsteten Sicherheitsmassnahmen liegen. Das mag an der Unfähigkeit der Terroristen liegen, eine vergleichbare logistische Leistung nochmal hinzukriegen. Aber vor allem in Europa wurden viele Staaten, darunter Grossbritannien, Spanien, Frankreich, Deutschland, mit brutalen terroristischen Kleinaktionen gequält.

Autos, Bomben, ja Messer kamen dabei zum Einsatz, plus ein Fanatismus entwurzelter Gläubiger einer Verliererreligion. Befeuert durch ihre Wiederauferstehung als vermeintlicher Halt in zerfallenden Staatswesen. Während die Kolonialisten im 19. Jahrhundert wenigstens noch Nation Building betreiben wollten, sorgte der Westen diesmal nur für den Zerfall jeglicher staatlicher Ordnungsmacht.

Nicht mal mehr der Schein …

Nirgends zeigte sich das brutaler als in Afghanistan. Es sollte der Schein gewahrt werden, dass eine Zentralregierung in Kabul das Fortschreiten in eine moderne Gesellschaft leite. In Wirklich beherrschte diese Marionette, korrupt und durch und durch morsch, kaum die nähere Umgebung der Hauptstadt.

Wie selten in der Militärgeschichte erwies sich die afghanische Armee als reiner Popanz, als Showveranstaltung. Teuer ausgerüstet, aber schlecht bezahlt, gut ausgebildet, aber schlecht motiviert. Die Kämpfer der Taliban mussten kaum Waffengewalt anwenden, um diese Karikatur einer Armee in Staub zu verwandeln.

Eine Billion Dollar (das sind 1000 Milliarden) und viele Tausend Tote später wiederholt sich in Afghanistan die Geschichte. Nicht einmal einen anständigen Abzug kriegen die westlichen Alliierten hin. Gedemütigt haben sie Tausende ihrer Unterstützer verraten, die im Vertrauen darauf, am Aufbau einer modernen Gesellschaft mithelfen zu können, unter dem militärischen Schutzschirm der NATO, sich engagierten und nun erkennen müssen, dass der Westen einen Scheiss auf ihr Schicksal gibt.

Strahlende Sieger auf allen Kampfplätzen sind bislang die Taliban. Mit kaum mehr Aufwand, als aufs Gaspedal von ihnen in die Hände gefallenen Militärfahrzeugen der aufgelösten Armee drücken zu müssen, haben sie die Macht in der Hauptstadt übernommen.

Dem kläglichen Rest der Invasionsarmee überlassen sie den Flughafen. Die Elendsbilder von verzweifelten Massen entschädigen die Taliban für den Verlust von ein paar tausend gutqualifizierten Afghanen. Ausserdem ist nun Schluss mit der Scharade,  ein blutiger Anschlag sorgte noch für den letzten Tritt in den Hintern, damit keiner auf die Idee kommt, das Ende der Evakuierung heute noch hinausschieben zu wollen.

Im Elendstal der modernen Medien

Während verzweifelte lokale Helfer zurückgelassen werden, laden die USA gegen deren Willen Journalisten in die letzten Flieger – als wollten sie Hand in Hand mit den Taliban eine weitere Berichterstattung nach Möglichkeit verhindern. Darunter eine Reporterin des «Guardian» und einer des «Spiegel».

Die Elendsgestalten zum Skelett heruntergesparter deutschsprachiger Medien versuchen, die Lage in Afghanistan mit dem Fernrohr oder dem Teleskop zu beobachten. Aus Unkenntnis oder Unfähigkeit geben sie Lautsprechern der Taliban Gelegenheit, von einer neuen Regierung mit menschlichem Antlitz zu schwafeln. Aus Unkenntnis oder Unfähigkeit bieten sie alle Zukunftsperspektiven von «könnte was werden» bis zu «wird grauenhaft».

Über die eigentlich entscheidenden Entwicklungen und Kräfte, also die Atommächte China, Pakistan und Indien und deren Absichten, wird kaum ein Wort verloren.

Kümmert sich jemand um die Frage, ob der Westen zum 20. Jahrestag von 9/11 mit einem neuerlichen grossen Terroranschlag rechnen muss? Nein, all das liegt ausserhalb der intellektuellen Reichweite und hat vor allem nichts mit der Bauchnabelschau zu tun, der sich in Schweizer Medien die meisten Journalisten vornehmlich widmen.

 

Ich, der Korrespondent

Das Anforderungsprofil ist niedrig. Kamera, Mikrophon, Screen, gerunzelte Stirn. Et voilà.

«Wir schalten zu unserem Laos-Korrespondenten. Wo steht Vientiane in der Bekämpfung der Pandemie?» Ich mache ein ernstes Gesicht und hebe an:

«Gerade ist eine Pressekonferenz des Gesundheitsministeriums zu Ende gegangen. Kurz vorher konnte ich noch mit dem stellvertretenden Vizeminister sprechen. Der bestätigte mir, dass die Lage völlig unter Kontrolle ist.»

Bin gerade mal in Vientiane.

Ich hole mir schnell ein Gipfeli in der Migros bei mir um die Ecke im Zürcher Kreis vier, gönne mir einen Schluck Kaffee und bin bereit für den nächsten Einsatz.

Irgendwo im Nirgendwo in Mali.

«Wir haben das unseren Mali-Korrespondenten René Zeyer gefragt», ist diesmal die Einleitung. Ich mache ein sehr ernstes Gesicht und sage: «Die Lage in den von Islamisten beherrschten Gebieten ist nach wie vor unübersichtlich. Die wenigen Nachrichten, die uns von dort erreichen, lassen das Schlimmste für die Zivilbevölkerung befürchten

Oldtimer, Kapitol, alles klar: Havanna.

Ich lockere die Krawatte, als ich meine nächste Korrespondentenstelle antrete. «Für die kubanische Regierung ist es der perfekte Sturm», intoniere ich geübt, «ausbleibende Touristen, kaum Exporte, immer grössere Probleme mit Geldüberweisungen von Exilkubanern, die Lage ist ernst.» Hier war nur ein Soundbite von 15 Sekunden gefragt, das wird dann wohl noch um die Hälfte gekürzt werden.

Burma, Myanmar, ist doch egal.

Aus diesem Grund macht der Korrespondent immer wieder eine kurze Kunstpause, damit der Schnitt nicht zu auffällig wird. Ich schaue auf meinen Terminkalender. Aha, noch zwei TV-Stationen, eine möchte ein kurzes Update zu Burma, die andere interessiert sich doch tatsächlich für den Jemen.

Auch im Jemen regnet’s manchmal.

Dann ist Bild und Ton vorbei, es kommt eine Latte von Radiostationen, die ich ohne Krawatte, einfach mit Kopfhörer und Kondensermik bedienen kann. Ich mische dann noch über mein Programm etwas statisches Rauschen und gelegentliche Knackser rein, damit die Übertragung nicht zu geleckt daherkommt.

 

Fiktion und Wirklichkeit: Wer kann noch unterscheiden?

TV, Radio, Hauptsache authentisch mit O-Ton

Am Radio kann ich auch etwas mehr mit der Tonlage spielen; mal gelassen, aber seriös, mal etwas angespannt und gepresst. Denn am Radio bin ich selbstverständlich immer vor Ort. Meine letzte «Live»-Übertragung vom Flughafen Kabul brachte ganz schön Geld in die Kasse; Stationen standen Schlange, um mich exklusiv zu verpflichten.

Echter Afghane aus Kabul.

Das kann ich in solchen Situationen natürlich nicht zusagen, aber ich garantiere exklusive Zweitverwertung und mische verschiedene O-Töne drunter, die ich bei YouTube abgesaugt habe.

Ein richtiger Knaller war auch mein Interview mit Mohammad, ein ehemaliger Mitarbeiter der Schweizer, deutschen oder österreichischen Entwicklungshilfe, je nachdem. Er ist afghanischer Familienvater, hat zwei Töchter, 12 und 14, also im besten Alter für eine Zwangsverheiratung. Er selbst harrt am Flughafen aus, während sich seine Frau mit den Töchtern in einer klandestinen Wohnung in einem Vorort Kabuls versteckt.

Bin ich froh, dass es neben Tamilen und anderen Asylanten auch afghanisches Personal in Zürcher Restaurants gibt, das sich gerne ein Zubrot verdienen möchte. Burma und Mali, das ist etwas schwieriger, ich arbeite gerade an zwei Augenzeugenberichten, leider hapert es da etwas mit den Deutschkenntnissen, aber vielleicht lasse ich das auf Englisch und Französisch einsprechen und mache dann eine Übersetzung drüber.

Das ist doch kein Beschiss, einfach alternativer Journalismus

Das ist doch Beschiss, höre ich da? Das verbitte ich mir. Ich kenne schliesslich einen Schweizer in Vientiane, der brieft mich jeweils, und Kuba kenne ich, weil ich dort tatsächlich mal Korrespondent war. Burma ist doch gleich um die Ecke bei Laos, und Mali, nun ja, wie soll es denn in einem gescheiterten schwarzafrikanischen Staat schon zugehen, wo die ehemalige Kolonialmacht Frankreich wütet?

Ich bereite mich schliesslich auf jeden Einsatz seriös vor. Das kann doch nicht falsch sein; das Schweizer Farbfernsehen befragt seinen Afghanistan-Korrespondenten doch auch beinahe täglich, und der sitzt in Amman mit dem grossen Fernrohr. Die deutsche «Tagesschau» und die NZZ lassen Kabul von Delhi in Indien beobachten, niemand hat einen Korrespondenten in Burma, Laos, Kuba oder Mali. Vom Jemen ganz zu schweigen.

Ich denke allerdings daran, mein Portefeuille noch etwas auszuweiten. Doha kommt immer mehr ins Gespräch, seitdem dort die Luxus-Taliban sitzen. Dubai ist allerdings eher auf dem absteigenden Ast; schade, ich hatte so ein schönes Video des Burj al Arab auf meinem Greenscreen als Hintergrund. Sogar im Morgen- und im Abendlicht, je nachdem.

Nicht mehr so gefragt: Dubai.

Oh, schon wieder Skype, der nächste Kunde wartet. Der möchte mit seinem Afrika-Korrespondenten über den Kongo sprechen, da muss ich nochmal das Zitat von Joseph Conrad nachschlagen, hier sprechen wir ein gebildetes Publikum an.

Vorbei, gestorben, nie wieder.

Weltmeisterschaft der Heuchler

Es sollte eine olympische Disziplin werden. Pflicht, Kür, Medaille im Heuchel-Wettkampf. Verliehen wird ein Tartuffe in Gold, Silber oder Bronze.

Ich sage Afghanistan. Was sagst du? Die Flüchtlingsorganisation der UNO sagt: «UNHCR ruft aufgrund der humanitären Krise in Afghanistan zu einem dauerhaften Waffenstillstand und einer Verhandlungslösung im Interesse des afghanischen Volkes auf.»

Was sagt die UNICEF, die Kinderhilfsorganisation der UNO? «Wir fordern die Taliban und andere Parteien auf, dafür zu sorgen, dass UNICEF und unsere humanitären Partner sicheren, rechtzeitigen und ungehinderten Zugang haben, um Kinder in Not zu erreichen, wo immer sie sind. Darüber hinaus müssen alle humanitären Akteure die Möglichkeit haben, nach den humanitären Grundsätzen der Menschlichkeit, Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit zu handeln.»

Was sagt CH Media? «Deutscher Afghanistan-Veteran: «Die Menschen fürchten die Rache der Taliban – sie haben Todesängste»»

Was meldet der «Tages-Anzeiger»? «James Dobbins war der erste US-Botschafter in Afghanistan nach der Invasion von 2001 und Berater von Bush und Obama. Er sagt unter Tränen: Ich trage eine Verantwortung.»»

Was sagen die USA über das Schicksal der bereits Ausgeflogenen, die in Doha zwischengelagert werden? «Man sei sich der «schrecklichen hygienischen Zustände in Katar» bewusst, die dort geherrscht hätten, sagte der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby. Man habe bereits daran gearbeitet, sie zu verbessern», berichtet «20 Minuten».

Die St. Galler Stadträtin Sonja Lüthi:

«Ich bin persönlich – wie auch der gesamte Stadtrat – tief betroffen von den erschütternden Bildern, die uns aus Afghanistanerreichen.»

Auch Balthasar Glättli, Präsident der «Grünen», ist aufgewacht und will das Feld nicht Afghanistan-Kreische Fabian Molina und seiner SP überlassen: «Der Bundesrat zeigt sein kaltes Herz: 230 Personen aufzunehmen, während Millionen Menschen in Gefahr sind, ist ein Hohn. Wir GRÜNE fordern die Aufnahme von mindestens 10’000 Menschen, die besonders bedroht sind.»

Hauptsache gut im Bild: Balthasar Glättli.

Das sieht die Schweizerische Flüchtlingshilfe auch so:

«Afghanistan: Die Schweiz muss mehr leisten für den Schutz der Flüchtlinge»

Neben diesem Maulheldentum, was passiert denn konkret? In Deutschland versucht ein EU-Abgeordneter der Grünen, einen Charterflug nach Kabul zu organisieren und sammelt dafür Spenden ein. Leider hatte der gleiche Erik Marquardt schon rund 300’000 Euro für das Chartern eines Bootes zur Seenotrettung im Mittelmeer gesammelt. Zu einem Einsatz des Schiffes kam es nicht

Aber Marquardt unterscheidet sich von den fordernden Heuchlern immerhin dadurch, dass er etwas Konkretes auf die Beine stellen will. Er antwortet allerdings nicht auf journalistische Anfragen; man sei zu sehr mit der Organisation des Charterflugs beschäftigt. Mangels anderer Nachrichten ist es wohl eher ausgeschlossen, dass der vor dem 31. August noch stattfinden wird.

Reine Heuchelei, absurde Forderungen

Alles Betroffenheitsgesülze ist reine Heuchelei. Konkrete Hilfe ist gar nicht so einfach. Vielleicht sind da alle unter talibanartigen Zuständen bei Tamedia leidende Frauen konsequent, wenn sie zum Thema Afghanistan und Frauen einfach schweigen. Betrifft ja nicht ihren eigenen Bauchnabel, und der interessiert sie halt schon am meisten.

Es ist schwierig, konkret etwas zu tun. Angesichts all dieser hohlen Forderungen, Solidaritätsadressen, dem mehr oder minder lyrischen Ausdruck der Erschütterung kann man nur festhalten: das ist alles so widerlich, dass es eine neue Wettkampfdisziplin geben sollte. Wir schlagen den Namen «Radfahrer-Dreisprung» vor. Gemessen werden die Sprungweite, die Haltung dabei und die Eleganz der Landung.

Dabei gibt es eine Pflicht- und ein Kürnote. Pflicht bewertet die obligatorischen Sprünge, Kür besondere Einlagen dabei.

Gehupft wie gesprungen: leiden und fordern.

Der erste Sprung besteht in der möglichst eindrücklichen Darstellung der eigenen Betroffenheit. Der zweite ist das Anprangern des allgemeinen Versagens, ausgenommen das eigene. Der dritte Sprung besteht schliesslich aus einem Forderungskatalog.

Kürnoten gibt es für Zusatzsaltos, Schrauben und besonders beeindruckende Luftblasen beim Springen. In der Schweiz sind zurzeit Cédric Wermuth, Fabian Molina und neu Balthasar Glättli in den Medaillenrängen. Aber eine endgültige Bewertung steht noch aus; alle Sprünge bis zum 31. August zählen für die Wertung.

Von links nach links: Wermuth und Molina sowie Molina.

Der Wettbewerb steht auch für Frauen, Transgender oder Non-Binäre offen, obwohl wir hier noch keine beeindruckenden Leistungen gesehen haben; vielleicht mit Ausnahme von Sibel Arslan oder Tamara Funiciello. Aber beide haben noch keinen gültigen Versuch hingelegt, nur unkoordinierte Kurzsprünge.

Wenn du für alle kämpfst, kämpfst du für niemanden …

Nur meckern und polemisieren?

Natürlich ist die Frage erlaubt: Was macht dann ZACKBUM eigentlich? Wir haben gespendet, obwohl wir nicht sehr optimistisch sind. Wir setzen uns zudem für den in die Schweiz geflüchteten ehemaligen BBC-Bürochef in Kabul ein, der verzweifelt versucht, seine Familie aus Afghanistan herauszukriegen. Es ist bekannt, dass die fundamentalistischen Irren hinter ihrer freundlichen Fassade für blöde westliche Medien schon längst dabei sind, Listen abzuarbeiten, auf denen auch kritische Journalisten oder deren Familienangehörige stehen.

Dafür halten wir uns mit Betroffenheitsgesülze zurück, stellen keine absurden Forderungen auf und schimpfen auch nicht über das Versagen des Westens in Afghanistan, nachdem wir jahrelang nichts zu diesem Thema sagten. Uns hält das, im Gegensatz zu den Berufsheuchlern, etwas von Verurteilungen ab.

 

 

 

 

 

Fragen eines denkenden Laien

Afghanistan, du fernes Land des Nixverstan. Wieso beantwortet niemand banalste Fragen?

Seit den vorhersehbaren Terroranschlägen am Flughafen von Kabul geht die Tragödie ihren Gang, als sei sie von Sophokles geschrieben.

Aber genauso wenig, wie die meisten Schweizer Journalisten Sophokles ohne zu googeln kennen, sind und bleiben sie völlig unbeleckt von Kenntnissen über das Land am Hindukusch. Das ist nicht weiter schlimm, denn

es zeichnet ja den Journalisten aus, dass er nichts über alles oder alles über nichts weiss.

Auf jeden Fall eine klare Meinung dazu hat und mit dem beleidigten Bedauern des Ungehörten in alle Richtungen Kritiken, Zensuren und Besserwissereien verteilt. Auch das ist zwar nervig, aber nicht schlimm.

Fachwissen kann man sich ausleihen

Fachwissen kann sich der Journalist ja hereinholen, am besten, indem er einen Fachmann interviewt. Früher durfte der Spezialist auch noch etwas schreiben, aber dafür musste man ja ein Honorar zahlen, also fällt das weg; Interviews sind immer noch gratis. Meistens.

Also interviewt im «Tages-Anzeiger» ein gewisser Ronen Steinke einen gewissen «Islamwissenschaftler Behnam Said». Nur so als Beispiel herausgegriffen. Man sollte vielleicht wissen, dass Steinke natürlich nicht für Tamedia, sondern die «Süddeutsche Zeitung» arbeitet. Steinke hatte noch nie etwas mit Afghanistan zu tun, aber auch das macht ja nichts.

Islamwissenschaftler Said wiederum arbeitet für die Justizbehörde Hamburg und ist Autor mehrerer Bücher über Salafismus, den Islamischen Staat und Al-Kaida. Auch er hat mit Afghanistan nicht wirklich was am Hut.

Greifen wir nur eine Aussage heraus:

«Die afghanischen Taliban haben in erster Linie nationale Ziele.»

Das ist blühender Unsinn. Um das zu erkennen, genügt bereits die Erkenntnis, dass rund die Hälfte der afghanischen Bevölkerung Paschtunen sind, rund 15 Millionen. In Pakistan hingegen leben 20 Millionen Paschtunen. Wie häufig in der Geschichte wurde dieses Volk durch eine willkürliche Grenzziehung, hier die sogenannte Durand-Linie, von den britischen Kolonialherren getrennt. Das war 1893, das Volk der Paschtunen existierte schon Jahrhunderte vorher.

Wer keine banalen Grundkenntnisse hat, versteht nichts

Wer das nicht versteht, versteht die Rolle Pakistans, immerhin eine Atommacht, nicht. Wer noch nie von Belutschistan gehört hat, versteht Pakistan nicht. Wer nicht weiss, dass für China Afghanistan und Pakistan nicht klar unterscheidbare Ländern sind, versteht das Handeln des wichtigsten Players in der afghanischen Tragödie nicht. Ach, und dann gibt es noch Indien und den schiitischen Iran, und eine Handvoll Ex-sowjetischer Staaten, die sich unter dem militärischen Schirm der UdSSR entschieden wohler fühlten als heute.

Nehmen wir noch Bodenschätze dazu, das Scheitern aller westlichen Interventionen, geographische Gegebenheiten wie der mögliche Zugang Chinas ans Meer, dann hätten wir doch einen interessanten Katalog von Fragen über die zukünftige Entwicklung Afghanistans.

Komplex genug: aus «Le Monde».

Dabei wollen wir sicherlich auch nicht den Steinzeit-Fundamentalismus, die Organisation als Stammesgesellschaft, radikal-religiöse Strömungen, offene oder versteckte Unterstützer jeder Form von internationalem Terrorismus und pragmatischere Machtmenschen innerhalb der Taliban vergessen.

Aber wie in jeder Herrschaftsform, bei der Staat und Religion aufs engste verwoben sind, ist kein zweckrationales und verlässliches Handeln zu erwarten. Hingegen ein absehbares Desaster. Die Schalmeienklänge aus Doha, mit denen sich viele westliche Medien einlullen lassen, zeugen nur von einer beeindruckenden Lernkurve der Taliban.

In nur 25 Jahren haben sie gelernt, dass das Foltern und Aufknüpfen des afghanischen Präsidenten und seine Zurschaustellung an einem Betonpfosten nach der Machtübernahme keine so gute Idee war. Sie haben aber auch gelernt, dass ihre radikale Auslegung der Scharia und die Behandlung von Frauen schlechter als ein Stück Vieh nur leise Proteste auslöste. Das Genick brach ihnen damals die Wahnsinnstat der Al-Kaida unter Bin Laden gegen die USA.

Bin Laden wurde in Pakistan zur Strecke gebracht

Dummerweise hatten die Taliban all diesen Terroristen im Namen Allahs bereitwillig Unterschlupf gewährt. Bin Laden wurde dann allerdings in Pakistan zur Strecke gebracht, wo er unter dem Schutz des pakistanischen Militärs und Geheimdienstes jahrelang friedlich leben konnte. Gegenüber der pakistanischen Militärjunta (die wahre Macht im Land) trauen sich die USA aber nicht so aufzutreten wie in Afghanistan; die Atombombe macht den ganzen Unterschied.

Wie jede Kampftruppe, die an die Macht gekommen ist, müssen die Taliban sich nun mit ganz banalen Themen herumschlagen, wozu der Finanzhaushalt des Landes gehört. Wie werden sie das managen, bekanntlich ist ihre Haupteinnahmequelle die Herstellung von und der Handel mit Opium. Bei den hier umgesetzten Milliardenbeträgen braucht es Finanzinstitute, die die Geldströme bewältigen und Drogengelder weisswaschen.

Das wäre nun ein kleiner Strauss von laienhaften, nur aus oberflächlicher Beschäftigung mit Afghanistan gewonnenen Themenfeldern.

Das führt zur banalen Frage eines Laien: Wieso bekommen wir dazu keine Antworten? Wieso kreisen wieder einmal 99 Prozent aller Beiträge um die Begriffe Terror, Burka, Steinzeit-Regime? Wieso werden die ewigen, wenigen, überschaubaren Fragen durch die Medienmühlen gedreht, bis sie zu Staub gemahlen sind und dem Publikum im Mund knirschen?

Zentralregierung? Lachhaft.

Banale Fragen eines Laien

Wieso werden diese Themenfelder nicht wenigstens skizziert, abgesteckt, untersucht? Vieles davon ist vom Schreibtisch in Zürich, in München, in Hamburg möglich. Statt arme Korrespondenten, die tausende Kilometer von Kabul entfernt sind, mit Fragen nach der Einschätzung der Lage am Flughafen zu belästigen.

China, Pakistan, Indien. Das sind die wichtigsten Player auf dem Spielfeld. Wird es den Paschtunen diesmal gelingen, den Traum eines eigenen Staates zu verwirklichen? Wird Pakistan implodieren (oder schlimmer noch: explodieren)? Geht Chinas Rechnung auf; Rohstoffe, Korridor ans Meer, Kontrolle?

Andere Seidenstrasse: der «Korridor». Gewusst?

Sind doch faszinierende Fragen. Könnte doch jeder drauf kommen, nicht nur der Laie von ZACKBUM. Letzte banale Frage: Wieso nicht? Ketzerische Überlegung: Könnte das vielleicht daran liegen, dass im Journalismus inzwischen an allem gespart wird – ausser an arroganter Dummheit, Selbstverliebtheit und aus Unsicherheit über die eigene Zukunft geborenem Desinteresse an der Welt?

Hoch lebe die internationale …

Der Afghane hat’s schwer in Afghanistan. Der Linke in der Schweiz erst …

Es wird geeiert, gehühnert, gefordert oder geschwiegen. Denn der Rückzug der USA aus Afghanistan stellt die Schweizer Linke vor eine gewaltige geistige Herausforderung. Ist das nun eine zu feiernde Niederlage des militärisch-industriellen Komplexes der imperialistischen Supermacht?

Führt der Sieg der Taliban zu mehr selbstbestimmten Frauen unter der Nikab in Afghanistan, wie das die schreibende Schmachtlocke in der «Republik» ernsthaft über europäische Frauen im Ganzkörperpräservativ sagte? Oder sollte man gleich die NATO abschaffen, wie das der nicht ganz dichte SP-Nationalrat Fabian Molina fordert?

Man ist sich höchstens noch einig: Die Schweiz muss unbedingt ihrer humanistischen Tradition folgen und afghanische Flüchtlinge aufnehmen. Mal so 10’000, fordert Molina, und nicht nur er. Nur: woher nehmen, wie kommen die in die Schweiz, was sollen die hier, mit solchem Pipifax beschäftigt man sich natürlich nicht, wenn es um Solidarität, Humanismus, Forderungen auf Kosten anderer geht.

Es wird schnell kompliziert – oder schweigsam

Aber anschliessend wird’s kompliziert. Wie sieht das denn die afghanische Frau? Lotta Suter zitiert dazu in der WoZ «die bekannte afghanische Frauenrechtlerin und ehemalige Parlamentarierin Malalai Dschoja». Die sage nämlich in einem Interview, «in den letzten zwei Jahrzehnten hätten die Frauen und die Zivilgesellschaft in Afghanistan dreierlei Feinde gehabt: die Taliban, die Warlords, die sich zuweilen als Regierung tarnten, und die US-Besatzung. Wenn man einen Feind loswerden könne, seien es immerhin nur noch zwei.»

Nicht nur die Welt spinnt …

Wenn man sich allerdings fragt, welcher der drei Feinde wohl am ehesten für Frauenrechte eingetreten ist …

Das erschütternde Schweigen der «Republik»

Was sagt denn nun das Zentralorgan der Weltenlenker und tiefen Denker? Nichts, einfach nichts sagt die «Republik». Himmels willen, hat selbst Constantin Seibt einen Schreibstau? Keineswegs, nur widmet sich der den ganz grossen Themen:

«Wie Steuerpolitik die Mittelklasse erschuf. Wie Spargelder die Weltherrschaft erlangten. Und warum der Turbokapitalismus bald Geschichte sein könnte. Serie «Die Weltrevolution», Teil 3.»

27’500 Anschläge, alleine der dritte Teil. Da ist zu befürchten, dass die Weltrevolution wegschnarcht, bevor sie überhaupt an den Start gehen kann.

Nicht nur die WoZ spinnt …

Aber die SP Schweiz, die macht doch wenigstens was? Nun ja, sie appelliert. Denn:

«Die Nachrichten und Bilder, die uns aus Afghanistan erreichen, machen tief betroffen.»

Deshalb unterzeichnet das Co-Präsidium auch «mit betroffenen Grüssen».

Und was wird gefordert?  «Wir appellieren daher an den Bundesrat: Verleiht allen Afghan:innen in der Schweiz unverzüglich den Schutzstatus, rettet ihre Familien aus dem Kriegsgebiet, nehmt zusätzlich 10’000 gefährdete Menschen auf – insbesondere Frauen und Mädchen – und verstärkt die humanitäre Hilfe in den Nachbarsländern!»

Das Schöne an solchen Forderungen ist: hören sich echt gut an. Sind aber völlig absurd. «Gleichgültigkeit ist keine Option», behauptet die SP. Wetten, dass doch?

Wo, die SP ist, da sind die «Grünen» schon lange. Auch sie fordern:

  • «Den Schweizer*innen, die sich noch in Afghanistan aufhalten, muss sofort die Rückkehr ermöglicht werden. 
  • Die Schweiz muss jetzt im Rahmen von internationalen Kontingenten 10’000 Geflüchtete aus Afghanistan aufnehmen. 
  • Die Schweiz muss Geflüchteten aus Afghanistan einen sicheren Aufenthaltsstatus garantieren. 
  • Die Schweiz muss die Einreise der Angehörigen von Afghan*innen, die sich in der Schweiz aufhalten, erleichtern.»

Muss das die Schweiz, wird sie das tun? Natürlich nicht, das wissen auch die «Grünen». Aber fordern kostet nichts, hört sich gut an, befriedigt die eigene Klientel und macht ein gutes Gewissen, wenn man sich abends einen reinpfeift und über internationale Solidarität labert.

Wie sieht’s denn ganz richtig links aus? Wir besuchen die Webseite «aufbau.org». Und sind menschlich enttäuscht: nichts über Afghanistan. Okay, der Kampf gegen den «Marsch fürs Läbe» muss Priorität haben, zudem gegen die «türkische faschistische Armee» und für die PKK. Auch die «Revolutionäre Jugend Zürich» ist noch etwas bei «Freiheit für Palästina» steckengeblieben, nix Afghanistan. Auch dort, wo man gerne 1312 oder ACAB verwendet (Position der Buchstaben im Alphabet für «All cops are bastards») herrscht zu Afghanistan Schweigen.

Wo bleiben die frauenrechtsbewegten Tamedia-Protestfrauen?

Das wird übrigens auch von allen erregten Frauen bei Tamedia geteilt. Afghanistan? Frauen? Unterdrückung? Ach was, sagen sich da alle von Aleksandra Hiltmann oder Salome Müller abwärts, wir kümmern uns lieber um den Restsommer, den Ausgang oder das Phantom-Problem «Femizide in der Schweiz», wenn schon. Was gehen uns da die afghanischen Frauen (und Männer) an? Solidarität eingefordert, Aufrufe zur Aufnahme von Flüchtlingen unterzeichnet. Und jetzt, wie sieht’s eigentlich mit der Herbstmode aus?

Wo bleiben die Hintergründe?

Flughafen, Flüchtlinge, Furcht: der ewige Dreiklang über Afghanistan. Dabei gibt es genug Material.

Die Taliban sind ein Haufen mittelalterlicher Fanatiker, die seit 1996 in Sachen PR gewaltig dazugelernt haben. Das wissen wir nun. Die Taliban sind mehr oder minder an die Macht spaziert, während die staatliche Armee zu Staub zerfiel. Das ist bekannt.

Den Gotteskriegern fiel als Gottesgeschenk militärische Ausrüstung im Wert von einigen Milliarden US-Dollar in die Hand. Schlüssel steckt, gut geölt, einsatzbereit, Gebrauchsanleitung liegt bei, Instruktoren vorhanden. Auch bekannt.

Am Flughafen von Kabul spielt sich Dantes Inferno ab. Tausende hoffen darauf, ausgeflogen zu werden, die Uhr tickt. Noch bis 31. August wollen die Taliban das erlauben, dann ist Schluss. All die vielen, die es nicht geschafft haben, können von den religiösen Fundamentalisten eingesammelt werden – weiteres Schicksal unbekannt, aber absehbar. Auch bekannt.

Wer ist schuld, wer hätte, wer könnte, wer hat nicht, wer müsste nun? Die übliche Reise nach Jerusalem; immer, wenn die Musik stoppt, bleibt einer stehen, weil er sich nicht rechtzeitig auf einen freien Stuhl gesetzt hat – «blame game» heisst das so schön auf Englisch.

Wo ist das Fleisch am Knochen?

Aber vielleicht etwas Hintergründe, auch ausserhalb der NZZ? Ach was, Eingekauftes, Wiedergekäutes, aus München oder anderen von Kabul sehr weit entfernten Orten Eingekauftes, Gehacktes, Gequirltes ergiesst sich über die Leser, auch da gibt es eine schöne englische Frage: where is the beef?

Ach, und wo sind alle Verteidigerinnen der Frauenrechte? Die mutigen Protest-Schreiber, Femizid-Forscher, Ankläger aller Formen von Sexismus, Diskriminierung und Ausgrenzung? Die Kämpfer für den Gender-Stern und eine inkludierende Sprache? Sie sind mit sich selbst beschäftigt, wie immer. Senken dabei das Niveau in ungekannte Tiefen.

Protest-Frau Hiltmann mit privaten Problemen.

Gibt’s denn nichts anderes? Doch, man muss nur ein wenig suchen. Macht die NZZ schliesslich auch. Deshalb kommt sie auch auf diese Quelle:

Eine Auswahl des Versagens. In den USA gibt’s genügend Thinktanks …

Es gibt eine runde Zahl, die das ganze Elend der westlichen Intervention in Afghanistan auf den Punkt bringt: 1 Billion. 1000 Milliarden US-Dollar. Diesen Betrag haben die USA in den letzten 20 Jahren in Afghanistan versenkt. Das ist etwas mehr als das BIP der Schweiz (702 Milliarden CHF im Jahr 2020).

Auch ein interessantes Thema: wird Afghanistan zum Testfall der Kryptowährungen? Zumindest wird dort häufiger Kryptogeld verwendet als in Europa.

Gescheiterte Staaten sind vorne dabei mit Kryptowährungen.

Wie kann so viel Geld spurlos verschwinden?

Die Summe der Wertschöpfung Afghanistans betrug 2019 rund 19,3 Milliarden US-Dollar. Wobei diese Zahl mit grosser Vorsicht zu verwenden ist, denn man kann ja nicht im Ernst annehmen, dass in den vielen abgelegenen Stammesregionen dem staatlichen Statistiker bereitwillige Auskunft über den Umsatz der letzten Opiumernte erteilt wird.

Wie ist es nun möglich, das Zweieinhalbfache des BIP Afghanistans pro Jahr reinzuschütten, und heraus kommen siegreiche Fundamentalisten, die man 2001 von der Macht vertrieben hatte, weil sie nicht nur Osama Bin Laden, sondern islamistischen Terroristen aller Schattierungen Unterschlupf und logistische Unterstützung gaben?

Die Wahrheit ist konkret, eine der Gründe für dieses Desaster ist im Paper «Schweizer Kooperationsstrategie für Afghanistan 2019 bis 2022» des DEZA zu finden. Denn ein Ziel muss man ja haben:

«Die Schweiz trägt dazu bei, Armut, menschliches Leid und den Verlust von Menschenleben in Afghanistan zu reduzieren. Die Schweiz fördert den sozialen Zusammenhalt und eine friedliche Gesellschaft mit wirksamen, rechenschaftspflichtigen und integrativen Institutionen, damit alle Menschen sicher sind und in Würde leben können.»

27 Millionen Franken hat die Schweiz pro Jahr in dieses Luftschloss investiert. Sicherlich, ein Klacks im Vergleich zu den USA. Aber auch 27 Millionen wollen zuerst verdient und dann in Form von Steuern abgeschöpft werden. Wer sich die Liste der geplanten «Projekte» anschaut, muss zwar nicht am Verstand der DEZA-Mitarbeiter zweifeln. Denn deren höchstes Ziel ist – wie bei allen Hilfsorganisationen – die Selbstbeschäftigung. Aber Märchen aus 1001-Nacht haben einen entschieden höheren Realitätsgehalt.

Aus diesem Desaster ergeben sich ein paar wichtige Fragen, nicht nur nach der Verantwortung gegenüber lokalem Hilfspersonal. Zuoberst wird eine Antwort auf eine ganz banale Frage gesucht: Wie ist es möglich, dass 500 nicht schlecht bezahlte DEZA-Mitarbeiter in Bern, unterstützt von 1150 festangestellten Helfern weltweit, dermassen weltfremd dermassen viel Geld ausgeben?

Tendenz steigend: Ausgaben für Entwicklungshilfe.

APD ist die Abkürzung für «Aide Publique au Développement», Oberbegriff für die gesamte öffentliche Entwicklungshilfe. Rund 1,5 Milliarden Franken pro Jahr gibt das DEZA für «Süd- und Globalzusammenarbeit» aus. Jede Kritik daran gilt als Tabubruch, Ausdruck von tiefer Unmenschlichkeit, verkrüppeltem Humanismus.

Allerdings: auch für die Schweiz läppert es sich. Schätzungsweise mehr als 400 Millionen Franken wurden in den letzten 20 Jahren in Afghanistan ausgegeben. Wofür? Wie nachhaltig war das? Naheliegende Fragen, fernliegende Antworten.

 

 

Corona – weiterhin der stille Star

Das kann doch ein Virus nicht erschüttern. Corona generiert weiterhin die meisten Artikel. Aber wer sieht die Zukunft?

Afghanistan hat visuell die besseren Karten. Die Szenerie ist zwar wiederholungsgefährdet. Rund um den Flughafen von Kabul, martialisch auftretende Taliban, zu Fuss oder im US-Jeep, Flüchtlinge im Flugzeugbauch oder beim Aussteigen. Dazu die üblichen Talking Heads, also Politiker, Fachleute, Besserwisser und Rechthaber im Nachhinein.

Also das gleiche Personal wie bei Corona. Nur: 731 Treffer für Afghanistan in den letzten 24 Stunden im SMD, 1621 für Corona. Allerdings gilt auch hier: lang lebe die Wiederholung.

  • «Forscher warnen vor neuer Corona-Supervariante» (Newsticker SRF),
  • «Neuseeland verlängert Lockdown» («Süddeutsche», somit auch Tamedia),
  • «Diese Länder verschärfen ihre Massnahmen wieder» (bluewin.ch),
  • «Jurist Loris Mainardi kritisiert Bewilligung für Corona-Demo» (nau.ch),
  • «Ins Restaurant nur noch mit Zertifikat?» (NZZ),
  • «Brig-Glis erwartet bis zu 500 Anti-Corona-Demonstranten» («Walliser Bote»),
  • «Von Spucktests bis Virenfilter» («Zürichsee Zeitung»),
  • «Operngenuss trotz Maske – Bayreuther Festspiele im Zeichen von Corona» (SDA),
  • «Vierte Corona-Welle in Deutschland: Neuinfektionen nehmen weiter zu» («Blick»),
  • «Nein zum Covid-Gesetz – Ist SVP-Angriff aufs Impfzertifikat ein Spiel mit dem Feuer?» («20 Minuten»),
  • «Wer kann Corona besser als die Zürcher?» («Der Landbote»),
    «Pandemie macht erfinderisch: Wie aus einem Geistesblitz auf dem WC eine Firma entstand» («Tages-Anzeiger»),
  • «Die vierte Welle rollt über den Kanton Bern» («Thuner Tagblatt»).

Hand aufs Herz und Maske vors Gesicht: Wir sind doch rundum, vollständig, ausgewogen und hilfreich informiert, nicht wahr? Wir sind zudem mit guten Ratschlägen überversorgt. So dekretiert der Rest-Chefredaktor des einstmals stolzen «Tagblatts» aus St. Gallen:

«Wer geimpft, genesen oder getestet ist, kommt rein – der Rest nicht».

Bei allem Verständnis dafür, dass auch CH Media viele Batzeli an Steuergeldern erhält und sich auf noch mehr Subventionen freut: Muss man es mit dem Bundesrats-Verlautbarungsjournalismus so weit treiben? Man könnte doch, aus Ehre und Anstand, wenigstens noch den Halsansatz sichtbar lassen, wenn man schon in ein dafür nicht vorgesehenes Körperteil kriecht.

Schreiben ohne Verstand: Stefan Schmid im «Tagblatt».

«Freiheit ohne Verantwortung gibt es nicht. Darum ist es richtig, Ungeimpften in einer Pandemie den Zugang zu Lokalen mit viel Volk vorübergehend zu untersagen.» Ach ja, wenn die Allzweckwaffe Stefan Schmid vom «Tagblatt» ins Philosophieren gerät, wird schmerzlich bewusst, dass es eigentlich auch Pressefreiheit ohne Verantwortung nicht geben sollte. Denn nein, solange es offiziell keinen Impfzwang gibt, ist es nicht richtig, Menschen zu diskriminieren, die von dieser Freiheit Gebrauch machen. Oder soll das dann auch bei der nächsten Grippewelle gelten?

So viele Informationen bis es flimmert

Nochmal Hand aufs Herz und Maske vor die Augen: Wer unserer geschätzten Leser kann folgende drei Fragen aus dem Stand und richtig beantworten?

1.Unter welchen Voraussetzungen können wir nach Deutschland reisen?
2. Sind die Spitäler wieder am Rand ihrer Kapazitäten?
3. Braucht es eine dritte Impfung?

Oh, Sie nehmen den Telefonjoker und sagen nichts ohne Anwalt? Vielleicht gibt es doch mehr Ähnlichkeiten zwischen Afghanistan und Corona, als man gemeinhin annimmt. Ein kühner Vergleich?

Eigentlich nicht. Afghanistan war und ist das Land des Kannitverstan. Wieso ist eine Billion US-Dollar spurlos vergurgelt? Corona war und ist die Pandemie der Widersprüchlichkeit. Wieso steht einer Schadensbilanz alleine in der Schweiz vom schätzungsweise 150 Milliarden Franken, bewirkt durch staatliche Massnahmen, kein Durchbruch in der Bekämpfung der Pandemie gegenüber?

Ja, über diese beiden Fragen lohnt es sich, vertieft nachzudenken. Leider hilft einem dabei kein deutschsprachiges Qualitätsmedium. Selbst die «Republik», die doch eigentlich unverzichtbar ist beim Retten der Demokratie, der Schweiz und der Welt, schweigt.

Da bleiben als letzte Hoffnung eigentlich nur noch die Muotathaler Wätterschmöcker, echt jetzt.

Die sehen wenigstens die Zukunft.

Desaster «Republik»

Bezahlte Ferien, dann bezahltes Verschnarchen des Themas Afghanistan.

Frohgemut verkündeten die gestressten und etwas ausgelaugten «Republik»-Macher, dass sie dann mal eine Woche in der Sommerfrische sind.  Wohlverdient, denn die 50 Nasen haben ja auch etwas getan, um ein Budget von rund 18 Millionen zu verbraten, seit Start. Insgesamt 1369 Artikel wurden in den letzten 365 Tagen rausgepustet. Wenn man die ellenlangen Inhaltsangaben und Selbstbeweihräucherungen abzieht, ist der Ausstoss ziemlich gleichgross wie derjenige von ZACKBUM.

Kleiner Unterschied: Hier arbeitet ein Ein-Mann-Orchester umsonst für den Leser.

Nun gibt es ein Thema, das diesen Sommer die Nachrichten beherrscht: Afghanistan. Eine Redaktion, die etwas Pfupf im Hintern hätte, würde ein solches Ereignis wohl zum Anlass nehmen, ihren Bergurlaub blitzschnell abzubrechen und sich für Pipifax-Artikel wie über die angebliche Verfolgung einer unschuldigen, aber tapferen Kämpferin gegen Hass im Internet durch den grossen Tamedia-Konzern zu schämen.

Hier wäre mal die Möglichkeit, alles auszurollen, was ein ziemlicher Haufen Geld und ein noch grösserer Haufen Workforce bewegen könnte. Schliesslich hat sich die «Republik» durchaus zu Afghanistan und islamischen Themen geäussert; ganze 53 Mal kommt das Stichwort in den letzten 12 Monaten vor.

Ist Binswanger der Superlativ von peinlich?

Gut, am liebsten möchte die «Republik» sicherlich Gras über solche Peinlichkeiten wie das dumme Gequatsche ihres Kolumnisten Daniel Binswanger wachsen lassen. Der verkündete noch am 6. Februar 2021 ein Credo, das die Taliban-Fundamentalisten in Kabul mit beiden Händen unterschreiben würden:

«Nikab-Trägerinnen in Europa sind typischer­weise unabhängige und selbst­bestimmte Frauen, die ihren Fundamentalismus gegen den Willen ihrer Familie praktizieren.»

 

Eine typisch-selbstbestimmte afghanische Frau …

Von einem solchen Schwachsinn ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Erkenntnis, dass die religiösen Wahnsinnigen in Kabul ja eigentlich auch nur unabhängige und selbstbestimmte Frauen möchten; eben unter dem Nikab.

Vorne Selbstbestimmung, im Schaufenster Dekadenz.

Gut, es ist vielleicht unfair, die «Republik» an der schreibenden Schmachtlocke zu messen. Was hat das Weltblatt denn nach der Rückkehr aus der erholsamen Alpenluft bezüglich Afghanistan hingekriegt? Sagenhafte 8 Erwähnungen seit dem 16. August.

Zwei Hintergrund-Analysen aus dem Hause «Republik».

Nun mal im Ernst, auch hier kommt das Stichwort Afghanistan vor:

Laschet und Afghanistan? Aber sicher.

Zugegeben, es ist zum Verzweifeln, wenn man dem Online-Magazin der vertieften Denke und der kompetenten Analyse Aussagen zu Afghanistan entlocken will. Da muss man halt nehmen, was man kriegt. Zum Beispiel diesen Rempler in einem nichtssagenden Porträt des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet:

«Und noch vor kurzem, als die Taliban schon vor Kabul standen, hat Laschet verkündet, Abschiebungen nach Afghanistan seien in Ordnung. Geflüchtete, die kriminell geworden seien, hätten ohnehin «ihr Gastrecht verwirkt». Nun, da das absehbare, schreckliche Drama sich entfaltet, fällt Laschet dazu vor allem ein, vor einer neuen Flüchtlings­welle zu warnen: «2015 darf sich nicht wiederholen», sagte er, während in Kabul Verzweifelte von Flugzeugen in den Tod stürzten.»

Bei aller berechtigten Kritik an Laschet: Das ist immerhin entschieden mehr, als der «Republik» zu diesem Thema bislang eingefallen ist. Auch auf die Gefahr hin, uns zu wiederholen: Wer sich «Verleger» eines solchen Masken-Magazins nennt, dem ist wirklich nicht zu helfen.

Die Taliban machen Medien

Wird die Pressefreiheit am Hindukusch verteidigt?

Hohle Solidaritätsadressen, absurde Forderungen, schale Bekenntnisse zu Unterstützung, Interviews mit abgehalfterten, greifbaren, aber kenntnisfernen «Spezialisten».

Das ist eigentlich alles, was die Schweizer Qualitätsmedien zu Afghanistan gebacken kriegen. Plus natürlich das fleissige Abschreiben und Kopieren von Abgeschriebenem und Kopiertem in der angelsächsischen Presse.

Also all das, was auch ein afghanischer Windhund verbellen könnte. Sobald es etwas anspruchsvoller, komplizierter, dafür interessanter und wichtiger wird, schaffen es unsere sogenannten Qualitätsmedien nicht einmal mehr, englische Quellen abzuschreiben.

Eines nach dem anderen verstummen afghanische Newsmedien.

Greifen wir die Themenbereiche heraus, die wohl für die Zukunft Afghanistans entscheidender sind als die ewigen Berichte über die Zustände am Flughafen von Kabul. Garniert mit den wie bei Corona aus allen Löchern hervorkommenden «Experten». Irgend etwas mit Orientalistik, Islam oder einem handgeknüpften Teppich am Hut haben – schon ist man «Spezialist» für Afghanistan.

So konnte man sich täuschen …

Dabei wären doch die wichtigsten Fragen:

  1. Wie finanzieren sich die Taliban und wie stabil sind ihre zukünftigen Einkünfte?
  2. Welche Formen von Widerstand gibt es im Land?
  3. Können auch die Afghanen weiterhin die sozialen Plattformen zur Organisation des Widerstands verwenden?
  4. Wie geschlossen sind die Reihen der Taliban; wie fundamentalistisch ist der Zirkel der Entscheider?
  5. Gibt es diesmal wirklich Taliban light, Fundamentalismus mit menschlichem Antlitz?

Fünf zentrale Fragen, ihre Beantwortung müsste die Aufgabe von Journalismus sein, der noch seinen Namen verdient. Im angelsächsischen Raum ist auch nicht alles Gold, was glänzt. Aber zumindest kopieren könnten doch Schweizer Medien wesentliche Informationsfragmente, die ja durchaus vorhanden sind.

Etwas Geschick beim Quellen suchen?

Aber einmal googeln, zweimal einen «Spezialisten» anrufen und dreimal auf CNN die ewig gleichen Szenen am Flughafen anstarren, das reicht für den nächsten Artikel in CH Media, Tamedia, im «Blick» und leider auch in der NZZ.

Blick durch den Feldstecher …

Nichts gegen das Bemühen von Andreas Babst aus Delhi, aus einer Distanz von rund 1000 Kilometern die Ereignisse in Kabul im Blick zu behalten. Aber schon eine kurze Recherche in den sozialen Medien fördert eine Unzahl von Berichten, Aufrufen, Informationen zutage, von denen man in der Schweiz nichts liest.

Wohlgemerkt ist das das Ergebnis einer kursorischen Suche; ZACKBUM würde nie behaupten, als Spezialist oder Kenner von Afghanistan qualifiziert zu sein. Aber ZACKBUM hat Helfer und Sympathisanten und kann auch selbst etwas besser als die «Berner Zeitung» recherchieren.

Jordan Bryon ist ein mutiger Journalist, der in Afghanistan ausharrt.

Leider ist das kein Anlass für Stolz oder gespreizte Federn. Es ist Anlass für Besorgnis, Trauer, Beelendung. Wir verfügen über Kommunikationsmittel wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Wer will, kann sogar live miterleben, wie es am Flughafen von Kabul zu und hergeht. Nur: ohne Einordnung, Hintergründe, ohne wenigstens einen Choral von Stimmen aus Afghanistan könnte man auch den Wetterbericht vom Hindukusch betrachten.

Weitere interessante Beiträge …

Zentral wichtig wäre im Moment, ein Netzwerk zu erstellen von solchen Quellen, damit man sich möglichst schnell einen Überblick verschaffen kann, der leider von den zu Tode gesparten Medien in der Schweiz nicht mehr geliefert wird. Unglaublich ist in diesem Zusammenhang auch, dass die SRG trotz ihrem Milliardenbudget ebenfalls nicht in der Lage ist, oberhalb von copy/paste und «es spricht der Kenner» etwas Sinnvolles zu backen; Geld und Manpower wäre doch eigentlich vorhanden.

Way to go für eine Ferndiagnose.

Stattdessen entblödet sich die «Tagesschau» nicht, ihren SRF-Korrespondenten in Amman (!) mit strengem, investigativem Blick zu fragen: «Was hören Sie denn aktuell von der Situation am Flughafen in Kabul?» Nicht einmal die Erdkrümmung verhindert eine Antwort von Jonas Bischoff, der noch zu kurz am Gerät ist, um die einzig richtige Antwort zu geben: «Ich weiss doch auch nicht mehr als Ihr am Leutschenbach.» Aber das traut sich sowieso niemand.

Zwei weitere afghanische Quellen, die noch nicht verstummt sind …

Plus «Arena», «Club» plus Weichspüler Urs Gredig, der dem armen Ulrich Tilgner keine Chance lässt, mal einen zusammenhängen Gedanken zu entwickeln? Allah sei’s geklagt; die Einzigen, die bislang moderne Kommunikationsmittel strategisch geschickt bedienen, sind – die Taliban.

Zumindest in den deutschsprachigen Medien, in den USA und im angelsächsischen Bereich sieht’s schon etwas anders aus, wie die «New York Times» oder die «Washington Post» beweisen.

Auch aus Australien kommt Berichterstattung, die man in der Schweiz nicht mal ignoriert.

Eine der Zeitschriften, die in einer eigenen Liga spielen, lässt schon mit dem Cover alles hinter sich, was dieser Tage im deutschsprachigen Raum erscheint: