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Schlagwortarchiv für: Versagen

René Zeyer

Wumms: Verena Mayer

8. Januar 2025/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Gehns weida. Die SZ-Korrespondentin dreht auf – und durch.

Hilfä, kommen neue alte Zeiten einer Machtergreifung?

Eines ist für die SZ-Korrespondentin «für Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Moldau und Slowenien» schon im Titel klar: Kickl und seine FPÖ gehören nicht zu den «demokratischen Kräften». Denn die haben versagt. Also eigentlich hat der österreichische Stimmbürger versagt, aber das traut sich Mayer nicht so unverblümt zu schreiben.

Sie schreibt auch nicht, dass die «demokratischen Kräfte» an der Regierung halt Murks gemacht haben und dafür vom Wähler abgestraft wurden. Denn ähnlich wie bei der AfD in Deutschland glänzt die FPÖ nicht gerade mit vielversprechenden Konzepten für eine strahlende Zukunft Österreichs.

Apropos: haben diese Korrespondenten eigentlich überhaupt mal das Parteiprogramm der FPÖ gelesen oder ihren Lesern vermittelt? Es ist ohne grossen Rechercheaufwand auffindbar. Es strotzt vor nicht allgemeingefährlichen Allgemeinplätzen:

«Wir wollen die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Österreich mit seinem starken industriellen Kern verbessern.»

Das unterscheidet es im Übrigen nicht von dem Wahlprogramm der ÖVP:

«Wir bekennen uns zu einer Marktwirtschaft mit sozialer Verantwortung, fördern die
Leistungsorientierung und ermöglichen Wachstum für kleine und mittlere Unternehmen.»

Oder der SPÖ:

«Innovative Ein-Personen-Unternehmen (EPU), Klein- und Mittelunternehmen (KMU) und Start-ups sind das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Für sie muss die unternehmerische Tätigkeit einfacher werden.»

Das übliche Politikgelaber halt. Oh, hoppla, sehe gerade, da habe ich doch das Zitat der ÖVP und der FPÖ verwechselt. Ts, ts, aber das ist sicherlich jedem Leser aufgefallen, denn bei der ÖVP handelt es sich schliesslich um eine demokratische Kraft, während die FPÖ «in Teilen rechtsextrem» ist. Was Sebastian Kurz wiederum nicht war, denn der ist in der ÖVP. Oder doch in der FPÖ? Bei diesem typisch Wiener Kaiserschmarrn kommt doch keiner mehr draus.

Ausser Mayer. Die weiss alles: «Die Situation in Österreich steht exemplarisch für die Schwierigkeit vieler Parteien der Mitte, sich über die Lager hinweg auf ein Bündnis zu einigen.» Die «vielen Parteien» schrumpfen dann auf ÖVP, SPÖ, SPD, Grüne und FDP zusammen, aber macht ja nix.

Dafür erklärt sie noch schnell die Gesetzmäßigkeiten der Politik: «Die Geschichte hat oft gezeigt, dass politische Entwicklungen kein Wetterphänomen sind, das man einfach hinnehmen muss. Es ist daher auch kein Naturgesetz, dass sich die ÖVP nun doch bereit erklärt hat, mit jener FPÖ Koalitionsgespräche zu führen, die man bis vor kurzem noch als Gefahr für die Demokratie bezeichnet hat.»

Wie wahr; viel zu oft hat der Staatsbürger politische Entwicklungen wie Wetterphänomene hingenommen und an Naturgesetze in der Politik geglaubt.

Am Schluss ihres Kommentars, mit dem Tamedia mal wieder seine Leser belästigt, leidet Mayer unter dem Schicksal so vieler Kommentatoren, Rechthaber und Kennern der Sachlage: niemand hört auf sie. Denn: «Es hätte Möglichkeiten zu politischen Kompromissen gegeben, die Option, mit der SPÖ eine hauchdünne Mehrheit zu bilden und sich anlassbezogene Mehrheiten im Parlament zu organisieren.»

Aber eben; weil niemand auf Mayer hört, wurden all diese Möglichkeiten versemmelt. Typisch Österreich halt.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/01/Wumms.jpeg 438 882 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2025-01-08 05:30:022025-01-07 09:56:01Wumms: Verena Mayer
René Zeyer

Gleiche Sendung gesehen?

18. Oktober 2024/6 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Kamala Harris hat auf Fox News ein Interview gegeben. Kann man so oder so sehen.

Die «Weltwoche» hat eine klare Ansicht: «Das Techtelmechtel von Kamala Harris mit der rechten Seite wurde zum Rohrkrepierer. Ihr Auftritt bei Fox News war geprägt von unklaren Antworten und Ausweichmanövern».

Neutraler ist Nau.ch: «Kamala Harris mit hitzigem Interview bei Fox News». CH Media tut geheimnisvoll: «Kamala Harris gibt dem Trump-freundlichen Sender Fox ein Interview – und macht eine erstaunliche Aussage». Ganz anderer Ansicht ist hingegen Tamedia: «Wahlkampf-Interview bei Fox News: Kamala Harris trickst den Fuchs aus».

Korrespondent Fabian Fellmann kommt zu einem klaren Ergebnis: «Der Auftritt gelang der Vizepräsidentin derart gut, dass Fox eine ganze Weile benötigte, um zur alten Angriffslinie zurückzufinden. Verdattert kamen die Fox-Kommentatoren in ihren ersten Bewertungen zum Schluss, die Interviewte habe sich gut geschlagen.»

Also triumphaler Auftritt der Präsidentschaftskandidatin. Offensichtlich eine andere Sendung hat hingegen die WeWo gesehen: «Fox-Moderator Bret Baier, bekannt als harter Gesprächsführer, nahm Kamala Harris in die Mangel. Ihre meist ausweichenden Antworten quittierte er mit Nachfragen, auf die sie ebenfalls wenig handfest reagierte.»

Also verhauener Auftritt der Präsidentschaftskandidatin. Auch der WeWo-Kommentator ist ganz dieser Meinung: «Eine katastrophale ( Gott sei Dank) Darbietung von Harris. Anfangs hatte man die Befürchtung das es wieder ein Soft Ball Interview wird. Aber Bret Baier war großartig.» Oder: «Harris war desaströs.»

Auch der Tamedia-Leser hat eine klare Meinung: «Viele Kritiker müssten nun seit diesem Fox Interview zugestehen, dass K.Harris grossartig war.» Oder: «KH ist schlicht und ergreifend gut – sehr gut!»

Das bedeutet, dass beide Medien die Meinung ihrer Gesinnungsblase bedienen. Hin und her gerissen ist der «Blick»: «Harris blieb trotz der teils fiesen Fragen cool. Befriedigende Antworten aber lieferte sie nicht.»

Entsprechend durchmischt reagieren hier die Leser: «Sie antwortete genau und korrekt und behielt die Nerven.» Oder aber: «Die Fragen waren alle fair und sie hat keine einzige(!!) beantwortet, filibuster Reden gehalten und damit das beschränkte Zeitfenster fürs Interview strapaziert.»

Zusammenfassend bedeutet das: wenn das Medium die Erwartung seiner Leser erfüllt, wird dem Artikel zugestimmt. Völlig unabhängig davon, ob er den Auftritt von Harris lobt oder kritisiert. Beschreibt der Artikel sowohl Positives wie Negatives, ist der Leser auch der Meinung, es habe Licht- wie Schattenseiten gegeben.

Perception is reality, die Wahrnehmung ist die Realität. Soll Lee Atwater gesagt haben, ein US-Polit-Stratege. Damit hatte er wohl sehr recht.

Und was macht das Blatt der tiefen Denke und der hausgemachten Analyse? Leider kann man die NZZ hier nicht zählen, weil sie schlichtweg eine Tickermeldung der DPA publiziert. Die bemüht sich wenigstens um Neutralität, wertet den Auftritt nicht, sondern beschreibt den Inhalt. Nur zum Schluss zitiert die DPA zwei konträre Meinungen:

«Trumps Wahlkampfteam reagierte umgehend auf Harris Äusserungen. Es nannte das Interview ein Fiasko und bezeichnete Harris als «wütend und defensiv». Die «Washington Post» schrieb hingegen, der TV-Auftritt sei ein «aussergewöhnlichen Moment» in einem ohnehin turbulenten Wahlkampf gewesen.»

Ja was denn nun? Offensichtlich sind die wichtigsten Leitmedien nicht in der Lage, eine qualitative Beschreibung dieses Interviews zu geben. Wer sich im Trump-Lager verortet (Chefdenker Roger Köppel bezeichnet die mögliche Wahl Trumps als Segen für Europa), fand den Auftritt mies. Wer zur Trump-Hasser-Fraktion gehört, fand den Auftritt hervorragend. Dann gibt es noch ein Sowohl-als-Auch und ein «keine Beurteilung».

Das alles zusammen ist nicht viel. All diesen Beschreibungen fehlt das, wofür der Leser gerne bereit wäre, etwas zu zahlen. Mehrwert in Form von Analyse, Einordnung oder Beurteilung. Meinungsstücke dafür oder dagegen, das kann sich jeder gratis im weiten Internet abholen. Deskriptive Darstellung auch. Wackelpudding ebenfalls.

Und die Bedienung der vorgefassten Meinungen in der eigenen Gesinnungsblase erst recht.

Unabhängig davon, ob der Auftritt von Harris grossartig oder desaströs war: die mediale Reaktion darauf ist katastrophal.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/10/Bildschirmfoto-2024-10-17-um-17.54.34.png 276 550 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-10-18 05:00:472024-10-17 23:24:03Gleiche Sendung gesehen?
René Zeyer

Mainstream überbietet sich in peinlich

29. September 2024/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Ob Simon Bärtschi hier Regie führt?

Die Fakten sind schnell wiederholt. Das Zurich Film Festival zeigt den Dokumentarfilm «Russians at War» nicht. Aufgrund massiver Druckversuche der unkrainischen Regierung und gewalttätiger Drohungen aus ukrainischen Kreisen.

Das wurde von den Mainstreammedien mit unbewegtem Gesicht berichtet. Nur die NZZ, immerhin Besitzer und Veranstalter des Festivals, wagt eine leise und anhaltende Kritik («erschreckend, bedenklich») an diesem Einknicken Und natürlich ZACKBUM, sowie ZACKBUM-Autor René Zeyer in der «Weltwoche». Natürlich auch «Inside Paradeplatz», von dem der Tagi inzwischen regelmässig seine Wirtschaftsstorys abschreibt.

Aber damit ist noch nicht das Ende des Versagens erreicht. Nach diesem skandalösen Vorgang – noch nie gab es in der Geschichte der Schweizer Filmfestivals den Vorfall, dass ein Beitrag nach solch massiven Drohungen und Druckversuchen aus Regierungskreisen nicht gezeigt wurde – wäre es das Mindeste, was ein professioneller Journalist tun müsste, worum sich eine Redaktion bemühen müsste: audiatur et altera pars.

Dass die verschreckte Leitung des Zurich Film Festivals (Zensur Film Festival, ZFF) nichts oberhalb der weinerlichen Pressemitteilung sagt, nun ja. Aber da gäbe es doch vielleicht noch eine Hauptbeteiligte, mit der sich ein Gespräch lohnen könnte. Nicht zuletzt, weil sie von schäumenden Journalisten, die weder den Film kennen, noch ein einziges Wort mit ihr gesprochen haben, als Propagandistin im Solde Putins beschimpft wird, der Film sei von russischen Quellen finanziert worden, es sei überhaupt eine Propagandalüge, die man dem Schweizer Publikum zu recht ersparen müsse.

Schwachsinn, wie jeder recherchieren kann, der die öffentlich einsehbare Finanzierung des Films und die namhaften Produzenten genauer anschaut, die sicherlich nicht ihren Namen für ein Moskauer Propagandamachwerk hergeben würden.

Es geht natürlich um Anastasia Trofimova. Was sagt eigentlich die Hauptbetroffene zu dieser Zensurmassnahme? Welche Drohungen wurden genau geäussert, wie sieht sie ihre Rolle, was sind ihre Motive für diesen Film, wie hat sie ihn gemacht?

Das wäre das Normalste der Welt. Darauf würden sich alle Redaktionen stürzen. Wenn ein anti-russischer Propagandafilm wegen Drohungen von pro-russischen Gruppen und vonseiten der russischen Regierung nicht gezeigt worden wäre. Man wäre in Kommentaren ertrunken, jeder Schreibtischtäter hätte seine strengsten Worte der entrüsteten Verurteilung in die Tasten gehauen, von der hässlichen Fratze der Diktatur wäre die Rede gewesen, von der Unfähigkeit des russischen Regimes, mit Kritik umzugehen. Vor allem wäre aber lautstark kritisiert und verurteilt worden, dass die Schweiz, das Film Festival, doch tatsächlich solch üblen Gestalten nachgibt.

Der Regisseur (oder die Regisseurin) dieses Streifens hätte wenig Schlaf gefunden seit Donnerstagabend. Die Person hätte sich nur in Sammelinterviews retten können, wo Batterien von Mikrofonen vor ihr gestanden wären.

Nun handelt es sich aber um einen Dokumentarfilm, in dem die russisch-kanadische Filmerin Anastasia Trofimova versucht, die Rolle des einfachen russischen Soldaten zu porträtieren. Also gibt es ein einziges Organ im ganzen deutschen und Schweizer Mediensumpf, das das Naheliegendste tut: die «Weltwoche» spricht mit Trofimova.

Dafür gebührt Roman Zeller ein dickes Lob. Das wird nur unwesentlich dadurch getrübt, dass fast eine Stunde Gespräch vielleicht ein Tick zu lang ist, bzw. in eine long version für harte Fans und eine geschnittene short version hätte gesplittet werden müssen.

Wer mag, höre es sich selbst an. Natürlich gibt es auch hier Themengebiete, zu denen offensichtlich keine Fragen erlaubt waren. Aber im Allgemeinen entspricht auch hier die Regisseurin in keiner Form dem Klischee einer Sprechpuppe des Kreml.

Erschreckend sind schon mal die Details, die über die Drohungen von ihr ausgeführt werden, obwohl sie vorsichtig für genauere Auskünfte an die Festivalleitung verweist. Schon in Toronto seien sogar Vergewaltigungsdrohungen gegen Mitarbeiter, Ticketverkäufer, Platzanweiser, von pro-ukrainischen Protestgruppen anonym ausgestossen worden.

In Zürich habe es «Todesdrohungen gegen Familienmitglieder der Mitarbeiter und der Leitung des Filmfestivals» gegeben. Sie seien so massiv geworden, dass in Absprache mit der Zürcher Polizei die Entscheidung getroffen worden sei, den Film nicht zu zeigen.

Man stelle sich vor: die Schweiz unterstützt die angeblich so demokratische und freiheitliche Ukraine gegen den russischen Untermenschen. Denn schliesslich würden dort unsere westlichen, freiheitlichen Werte verteidigt. Zudem greift der Schweizer Steuerzahler tief in die Tasche und unterstützt ukrainische Flüchtlinge, unabhängig von deren Motiven, mit über einer Milliarde Franken jährlich.

Und offensichtlich greift nicht nur die ukrainische Regierung zu massiven Drohungen und behauptet, alle russische Soldaten seien Kriegsverbrecher, Kriminelle und Vergewaltiger, weswegen der Film nicht gezeigt werden dürfe, wolle das Film Festival nicht seine Reputation zerstören.

Dazu gibt es feige und anonyme pro-ukrainische Kläffer, die sogar vor Vergewaltigungs- und Todesdrohungen gegen Familienmitglieder der Festivalmitarbeiter nicht zurückschrecken.

Natürlich wird auch die Regisseurin massiv bedroht; eine Webseite wurde gehackt und ihre sämtlichen persönlichen Daten, E-Mail, Adresse, Telefonnummer etc., ins Netz gestellt. Es hagelt auch Drohungen gegen sie.

Hört man da ein Wort der Verurteilung von ukrainischer Seite? Nein.

Hört man ein solch kritisches Wort in den Massenmedien über das Verhalten der offiziellen Ukraine? Nein.

Hört man ein Wort der Verurteilung über diese masslosen und kriminellen Drohungen? Nein.

Lässt man die andere Seite in diesem Propagandakampf zu Wort kommen? Nein.

Ist das ein weiterer Sargnagel für die Glaubwürdigkeit der Schrumpfqualitätsmedien? Ja.

Hört man hier ein kritisches Wort der publizistischen Leiter Simon Bärtschi, dass Qualitätsjournalismus wohl nicht so einseitig, schlapp und parteiisch informieren dürfe? Nein.

Sollten sich nicht die zuständigen Redakteure bei Tamedia, CH Media und Ringier in Grund und Boden schämen, dass sie ihre Berufsethik dermassen verraten? Ja. Tun sie das? Nein.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/09/Bildschirmfoto-2024-09-28-um-11.25.07.png 340 779 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-09-29 05:30:152024-09-28 14:14:36Mainstream überbietet sich in peinlich
René Zeyer

Zur Methodik der Entlassung

20. September 2024/8 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Einen Mitarbeiter zu feuern, das ist immer ein heikler Prozess.

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Man kann so etwas so sozialverträglich, psychologisch einfühlsam und von Hilfsangeboten umstellt durchführen. Oder auf Tamedia-Art.

Ein Arbeitgeber mit sozialem Gewissen macht sich diese Entscheidung nicht leicht, begründet sie ausführlich und informiert davon Betroffene vorab. Ist der Arbeitnehmer in einem sensiblen Bereich tätig, dann ist es beispielsweise nicht nur bei Banken so, dass ein oder zwei kräftig gebaute Herren ihn nach dem Entlassungsgespräch (wo sie im Nebenzimmer einsatzbereit waren) an seinen Arbeitsplatz begleiten. Dort darf der Gefeuerte dann seinen persönlichen Krimskrams zusammenpacken, dann gibt er seinen Badge ab und wird zum Ausgang eskortiert.

Vorab wurden ihm, je nach Alter, Dauer der Betriebszugehörigkeit oder besonderen Umständen zusätzliche Angebote gemacht. Frühpensionierung, Umschulung, Hilfe bei der Stellensuche, sehr wohlwollendes Arbeitszeugnis, Überbrückungsgeld, Überbrückungskredit.

Denn der verantwortungsbewusste Arbeitnehmer weiss, dass das so ziemlich das Schlimmste ist, was einem normalen Lohnabhängigen passieren kann. Denn deshalb ist er nicht selbständiger Unternehmer geworden. Weil er es gerne sicher hat. Der Lohn ist garantiert spätestens am 28. des Monats auf dem Konto. Die Ferien sind schon fürs nächste Jahr vorausgeplant. Der 13. dient der Begleichung der Steuern.

Kinder in der Ausbildung, Miete, Krankenkasse, Rücklagen, Ferienbudget, Anschaffungen, das Gehalt ist bis auf den letzten Franken verplant. Dass es auf unabsehbare Zeit hereinkommt, das sieht der Arbeitgeber als gesichert an. Besonders, wenn er bei einem profitabel arbeitenden Grosskonzern in Lohn und Brot steht. Selbst wenn er bei einem vom raffgierigen Coninx-Clan beherrschten Konzern im Brot steht. Selbst wenn es schon einige Einschläge in seinem Umfeld gegeben hat.

Daher weiss der verantwortungsbewusste Arbeitgeber, dass vor der Information der Shareholder und der Öffentlichkeit die umsichtige Information der Betroffnen steht. Von denen man sich mit dem Ausdruck ehrlichen Bedauerns verabschiedet, und unter Würdigung ihrer Leistungen.

Das ist bei Tamedia alles anders. Da treibt eine journalistische Leiter namens Simon Bärtschi den Adrenalinspiegel von allen nach oben, indem er eine Massenentlassung, ein krachendes Führungs- und Managementversagen, in eine «Weichenstellung für Qualitätsjournalismus» umlügt. Was beinhaltet, dass die ursprünglich angekündigten 290 zu feuernden Mitarbeiter dem hinderlich im Weg standen.

Tabula rasa wird dabei im Druckbereich gemacht. Da braucht es auch keine persönliche Information der Einzelnen: Ihr alle seid auf der Strasse, das reicht.

Ganz anders sieht es bei der Redaktion aus. Als würde ein Sadist das Drehbuch schreiben, wird zunächst einmal das Streichen von 90 Vollzeitstellen verkündet. Das sei unabdingbar, dringend nötig, unvermeidlich. Eben, Zukunft, Qualitätsjournalismus, geht ohne diese 90, mit ihnen unmöglich.

Wen’s aber trifft, das scheint sich die hochwohllöbliche Geschäftsleitung um Jessica Peppel-Schulz nicht wirklich überlegt zu haben.Also knabbern alle Journalisten an den Fingernägeln, ist das Betriebsklima unter null. Als wäre das noch nicht genug, kündigt Bärtschi noch an, dass er nun auf die Journalisten zugehen wolle. Es spricht für deren Sanftmut (oder Feigheit), dass es auf diesen Hohn keine lautstarken Reaktionen gibt.

Geht’s noch schlechter? Aber immer. Die grossartige neue Strategie zur Qualitätssteigerung mittels Abbau wird nur scheibchenweise enthüllt. Als angeblich gute Nachricht wird verkündet, dass es nun doch «nur» 55 Stellen eingespart werden müssten. Wieso waren es dann vor drei Wochen noch 90? Könnten es auch 127 sein? oder 43? Wird da gewürfelt?

Alle Zürcher Zeitungen, inkl. SonntagsZeitung, werden redaktionell zusammengelegt. Dadurch gibt es ein paar überflüssige Chefredaktoren. Was tun mit denen? Na, mal drüber reden. Grossartig. Gruselig. Und dann gibt es Arthur Rutishauser, was passiert mit dem? Na, der bleibt natürlich Chefredaktor.

Weltpremiere: der erste Chefredaktor ohne eigene Redaktion. Sozusagen die Ein-Mann-SoZ. Einer, der sich selber führt. Chefredaktor Rutishauser gibt Journalist Rutishauser den Auftrag: schreib da mal was drüber, aber nicht zu lang, und pünktlich abliefern. Kann man absurd steigern?

Kaum, aber bösartig schon. Es gibt ja auch Kollateralschäden. Offenbar erst kürzlich fiel der Geschäftsleitung mitsamt Leiter ein: he, was ist eigentlich mit dem «Züritipp»? Hops, oh, ähm, ach, der wird eingestellt. Beschlossen und verkündet. Nur: die betroffene Redaktion erfährt das zeitgleich mit allen anderen. Während ihr zuvor noch vorgegaukelt wurde, dass das Magazin weitergeführt werde. Ist das menschenverachtend oder ist das menschenverachtend?

Aber immerhin, die haben’s hinter sich. Wer auch noch über den Jordan geht, da möchte die unfähige Leitung mit ihrer schweigsamen Chefredaktion die Spannung noch ein wenig am Köcheln halten.

Widerwärtig.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/09/Bildschirmfoto-2024-09-17-um-22.29.34.png 542 858 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-09-20 05:30:482024-09-22 18:35:01Zur Methodik der Entlassung
René Zeyer

Wider die Kriegsgurgeln

14. Mai 2024/1 Kommentar/in Allgemein/von René Zeyer

Ein Satz von erhabener Wahrhaftigkeit.

«Es gibt keinen Sieg in der Ukraine. Es sterben einfach jeden Tag mehr Leute.» Vielleicht braucht es die kumulierte Lebenserfahrung eines Adolf Muschg, um eine einfache Wahrheit gelassen auszusprechen. Natürlich gilt der Satz genauso für den Nahen Osten.

Der Mann wird 90, und ähnlich wie Jürgen Habermas auf seine Art zeigt er schmerzlich, was der Unterschied zwischen intellektuellem Niveau und dummem, pseudoschlauem Gewäffel ist.

Das sollten sich verantwortungslose Kriegstreiber mit Vernichtungsfantasien von Markus Somm aufwärts (abwärts geht kaum) hinter die Ohren schreiben. Allerdings, wenn zwischen den Ohren das blanke Vakuum dräuend herrscht, was soll das nützen?

Es gibt die Schreibtischtäter neuen Zuschnitts, die aus sicheren und wohlbeheizten Kammern allen Kriegsbeteiligten überheblich Ratschläge geben, was sie zu tun und zu lassen haben, welche Fehler sie begehen. Das greift leider auch in der NZZ immer mehr um sich, wo ein Obermilitärkopf mit seinen Prognosen ständig daneben liegt, was ihn aber nicht daran hindert, der Welt ungefragt neue Ratschläge zu erteilen. Der Qualitätskonzern Tamedia leiht sich seine Meinung von arroganten Schnöselschreibern aus München. Auch CH Media und der «Blick» bieten wohlfeil Geschwafel an.

Da wird mitleidlos das Sterben von russischem Kanonenfutter bejubelt, da wird gnadenlos das Sterben ukrainischer Soldaten für «unsere» Werte, für Freiheit und Demokratie gefordert. Aber keiner dieser apokalyptischen Kriegstreiber käme auf die Idee, für seine hehren Ideale anders als mit Worten einzutreten. Sterben und sterben lassen, aber bitte nur die anderen, und bitte weit weg, wo der Iwan sein schreckliches Haupt erhebt.

Der Leser wendet sich mit Grausen ab. Denn ihrer eigentliche Aufgabe, darzustellen versuchen, was wirklich ist, der sind diese Organe schon lange nicht mehr gewachsen. Sowohl in der Ukraine wie im Gazastreifen gibt es keine unabhängige Berichterstattung. Israel weiss, wieso es den Gazastreifen für off limits für unabhängige Journalisten erklärt hat, die Ukraine schurigelt und verfolgt Journalisten nicht viel weniger schlimm als das Putin-Regime, inklusive Todesfälle.

Ein Alt-Bundesrat entblödet sich nicht, mögliche Kriegsziele Putins in der Schweiz zu benennen, als wäre er immer noch verhaftet im Kalten Krieg, wo bei Sandkastenspielen immer Rot aus dem Osten angriff und von einer wehrhaften Schweiz mit Kavallerie und Radfahrerbataillon zurückgeschlagen wurde.

Wie eine Oase in der Wüste wirkt dagegen das Wort Muschgs, der sich nicht scheut, auf vermeintlich Banales hinzuweisen, was aber im hysterischen Gekreische in den Medien längst vergessen ist:

«Ich hätte mir nie träumen lassen, nach dem Ende des Vietnamkrieges oder nach der Gorbatschow-Ära, dass man wieder ein Wort wie «Wehrtüchtigkeit» im Brustton und nicht, wie ich es gewohnt war, ironisch aussprechen kann.»

Mit ruhiger Stimme sagt wenigstens er, was selbstverständlich sein sollte: «Was man suchen muss, sowohl im Nahen Osten wie auf dem Boden der ehemaligen Sowjetunion, ist eine verhandelbare Welt. Ein Staatsmann oder eine Staatsfrau wäre für mich jemand, der oder die den Weg dazu findet.»

Ob es solche Staatsmänner gibt, sei dahingestellt. Dass in den Medien niemand ein solches Format hat, ist beklagenswerte Tatsache.

Schon zu Beginn der Canceling Culture, die heutzutage in voller Blüte steht, meldete er sich zu Wort und ordnete 2021 ein:

«Man will Leute disqualifizieren, die Schwarze disqualifizieren. Das ist sehr ehrenwert. Aber diese Disqualifikation gerät ins genau gleiche faschistoide Fahrwasser des Ausschliessens der Anderen. Nur sind es jetzt andere Andere.»

Damit er gehört wurde, liess er es richtig krachen: «Die Canceling Culture, die wir heute haben (…) das ist im Grunde eine Form von Auschwitz.»

Da geriet die Cancel Kultur richtig in Wallungen und bestätigte aufs trefflichste das Urteil von Muschg. Als ausreichendes Beispiel sei nur der Westentaschenhistoriker Philipp Sarasin zitiert, der damals keifte: «Herr Muschg sollte sich in Grund und Boden schämen.» Aber nein, Sarasin sollte sich heute noch schämen, wenn er diesen hysterischen Ausrutscher liest.

Auf einer ganz anderen Flughöhe bewegt sich Muschg, der noch an eine weitere übersehene und verschüttete Wahrheit erinnert:

«Über die Welt, wie sie sein sollte, hat für mich Kant das Nötigste gesagt. Könnte man nach seinen Maximen leben, dann wäre alles, worüber wir reden, nicht möglich gewesen. Wenn wir unsere Tugenden messen an dem, was der kategorische Imperativ fordert, dann wären wir missratene Treuhänder dieses Planeten.»

Aber kehren wir einen Moment zu den wichtigen Dingen des Lebens und der Welt zurück, ein Ereignis, das breite Darstellung tun allen Massenmedien findet: Nemo ist zurück, sicher gelandet und kann es immer noch nicht fassen. Ausserdem will er in den Garten, was uns sicherlich atemlos dargeboten wird.

Das kann man wirklich nur mit homerischem Gelächter nehmen. Wie schrieb ein Kommentator so richtig: der einzige Vorteil des Sieges von Nemo ist, dass Putin aus Mitleid die Schweiz nicht erobern wird.

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/05/Bildschirmfoto-2024-05-13-um-09.37.04.png 170 576 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-05-14 05:00:142024-05-13 15:16:02Wider die Kriegsgurgeln
René Zeyer

Splitter und Balken

23. April 2024/7 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Die «Republik» jammert jährlich. Nur nicht über sich selbst.

Im Eigenlob sind die Schnarchnasen im Zürcher Rothaus unschlagbar: «Ohne Journalismus keine Demokratie, mit dieser Überzeugung ist die Republik vor gut sechs Jahren angetreten. Mit Beiträgen, die möglichst im ganzen Land auf Interesse stossen.»

Ob solche aufgezwirbelten Meldungen allerdings auf Interesse stossen? «In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind in der Schweiz rund siebzig Zeitungen verschwunden, die meisten davon im lokalen oder regionalen Bereich – vom «Alttoggenburger» bis zum «Wolhuser Boten», vom «Anzeiger Degersheim» bis zur Kleinbasler Zeitung «Vogel Gryff».»

Was für eine Kollektion. Dass gleichzeitig jede Menge digitale Newsportale entstanden sind, dass an grossen Tageszeitung eigentlich nur «Le Matin» im Print und das «Giornale del Popolo» eingegangen sind, dass von den rund 50 ernstzunehmenden Tageszeitungen in den letzten 20 Jahren 96 Prozent überlebt haben, wieso sollten sich die einschlägig verhaltensauffälligen «Recherchierjournalisten» Philipp Albrecht und Dennis Bühler davon ein Vorurteil kaputtmachen lassen?

Wieso schreibt Bühler nicht mal darüber, dass er wohl das einzige Mitglied im Presserat ist, gegen das eine Beschwerde gutgeheissen wurde? Wieso schreibt er nicht darüber, wie er der Glaubwürdigkeit der «Republik» mit seinen Schmierenstücken gegen Jonas Projer einen weiteren Schlag versetzte? Oder was es mit Demokratieretten zu tun hat, wenn Bühler über die Zustände bei Tamedia ein Stück schreibt, das ausschliesslich aus Behauptungen von anonymen Quellen besteht?

Aber das sind sicherlich die falschen Fragen, denn hier geht es Albrecht und Bühler darum, das angebliche Sterben des Journalismus und damit auch gleich der Demokratie in der Schweiz zu beklagen. Zum vierten Mal veröffentlichen sie eine «Aussteigerliste», die umfasse für 2023 ganze «96 Aussteigerinnen».

Wer sich die Liste genauer anschaut, hat wieder was zu lachen. Als Aussteiger ist beispielsweise Christian Dorer aufgeführt. Der ist aber ausgestiegen worden. Auch Jonas Projer verliess die NZZaS nicht ganz freiwillig. Völlig verständlich scheint auch der Ausstieg von Fabian Sagines; statt bei Tamedia weiter zu leiden, wird er Fussballtrainer auf den Cayman Islands. Wieso die Demokratie stirbt, wenn Nicola Steiner von SRF zur Leitung des Kulturhauses Zürich wechselt oder sich andere schlichtweg selbständig machen oder einen Job in der Kommunikation annehmen (was ja ein Reise- oder Autoredaktor vorher schon ausübte)?

Eigentlich wären die 28’415 A nicht der Rede wert – wenn sie nicht so archetypisch auf kleinstem Raum alles beinhalteten, was an der «Republik» schlecht ist. Thesenjournalismus, der sich von der Wirklichkeit nicht belehren lässt. Grossmäuliges Eigenlob, überrissene Behauptung, der dann nachgerannt werden muss.

Der Lokaljournalismus wird dabei als Hochamt der Demokratieausübung in der Schweiz zelebriert. Kühne Ansage: «Die Flucht aus den Medien geht weiter – auch im Lokal­journalismus. Dort ist sie besonders schädlich, weil niemand mehr der Politik auf die Finger schaut.»

Nirgend sonst ist die Verfilzung klassischer Medien mit Lokalgrössen stärker ausgeprägt. Will sich der Lokalanzeiger wirklich mit dem grossen Bauunternehmer, der bedeutenden Garage, politischen Honoratioren anlegen? Mit Anzeigenkunden und andern Meinungsträgern, die für das Überleben des Blatts nötig sind? Wird hier wirklich der Politik auf die Finger geschaut? Wie viele lokale Skandale wurden in den letzten Jahren von klassischen Lokalmedien aufgedeckt?

Ist diese Art von Kontrolle nicht längst ins Digitale abgeschwirrt, in die sozialen Plattformen, auf Blogs, auf Berichte von Einzelmasken, die Staub aufwirbeln?

Es ist doch aberwitzig. Albrecht und Bühler arbeiten selbst für ein neugegründetes, digitales und schweineteures Organ, bei dem nur eines klar ist: stirbt es dann mal, stirbt weder der Journalismus, noch die Demokratie. Beide überstehen auch den Abgang von Journalisten in andere Berufszweige. Der liegt einfach daran, dass die grossen Medienkonzerne in der Schweiz – mit löblicher Ausnahme der NZZ – journalistischen Content schon lange nicht mehr als ihre Haupteinnahmequelle sehen. Sondern zunehmend als störendes Überbleibsel aus anderen Zeiten.

Würden Albrecht und Bühler nicht in einer geschützten Werkstatt arbeiten, in der die dort tätigen Schnarchnasen bei allen Bettelaktionen und Drohungen mit Selbstmord niemals auf die Idee kamen, an ihrem eigenen Einkommen zu sparen, dann wüssten sie, dass dort draussen im Lande, im Lokalen, in der Demokratie ein einfaches marktwirtschaftliches Prinzip herrscht: wenn es Nachfrage gibt, dann gibt’s auch Angebot. Wird das Falsche schlecht angeboten, dann gibt’s keine Nachfrage.

Weder bei Abonnenten, noch bei «Verlegern», noch bei Käufern von Lokalzeitungen im Print.

Vielleicht sollte sich die «Republik» mehr um ihr eigenes, abbröckelndes Publikum kümmern. Laut neustem Cockpit verlassen im April wieder viel mehr «Verleger» das sinkende Schiff als neu an Bord kommen. Sich bei der Zahl von 28’000 zu stabilisieren, davon ist das Organ der guten Denkungsart genau 1650 zahlende Nasen entfernt. Auch vom «strategischen Ziel: «Zu- und Abgänge bei Mitgliedschaften und Abonnements müssen sich dafür über das Jahr die Waage halten.»

Vielleicht könnten sich die Zwei mal darüber Gedanken machen. Aber das würde unternehmerische Grundkenntnisse erfordern.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2022/07/BAlken.jpeg 241 418 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-04-23 05:00:062024-04-23 09:39:10Splitter und Balken
René Zeyer

«Republik» zusperren, Part I

21. April 2024/5 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Der Skandal um die Maisano-Reportage ist der letzte Zwick an der Geissel.

Als der Herzchirurg Paul Vogt vor ZACKBUM-Redaktor René Zeyer sass und in ruhigem Ton Ungeheuerliches über das Unispital Zürich erzählte – aber um Vertraulichkeit bat –, blieb selbst dem abgebrühten Journalisten die Spucke weg.

Vogt war gerade notfallmässig als Chef an die Herzchirurgie berufen worden und fand dort skandalöse Zustände vor. Rund 150 Patienten waren unter fragwürdigen Umständen ums Leben gekommen, sein Vorgänger Francesco Maisano – der aber nicht einmal einen richtigen Doktortitel besitzt – habe an Patienten eine eigene Erfindung, ein Cardioband ausprobiert. Das funktionierte nicht, aber er brauchte Erfolgsmeldungen, um den Hersteller, an dem er beteiligt war, profitabel an ein US-Unternehmen zu verkaufen.

Das gelang und sollte 340 Millionen Franken in die Taschen spülen. Intern beklagte Vogt «kriminelle Taten» und drohte damit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Maisano wurde entsorgt – offiziell mit Dank verabschiedet –, und der wohl grösste Skandal des an Skandalen nicht armen Unispitals nahm seinen Lauf.

Denn Maisano hatte Seilschaften und Unterstützer höheren Orts, die mit ihm einig waren, dass man diesen Skandal unbedingt unter dem Deckel halten sollte. Es begann ein Intrigen- und Drecksspiel; der Whistleblower, der die unglaublichen Zustände der Spielleitung gemeldet hatte, wurde gefeuert, gegen ihn und Vogt wurden falsche Anschuldigungen erhoben und in die Medien gestreut.

Auch die «Weltwoche» spielte dabei eine klägliche Rolle, aber am schlimmsten war die «Republik». Das Organ der arroganten, bösartigen Gutmenschen liess sich wie journalistische Kindergärtner einseifen und veröffentlichte unter voller Namensnennung einen Schmierenartikel gegen den Whistleblower, der für immer in den Schrein widerlicher journalistischer Fehlleistungen gehört.

«Zürcher Herzkrise»: Der Whistleblower war ein «massgeblicher Akteur des Konflikts»», so dröhnte das Organ der Besserwisser unter voller Namensnennung:

Das war aber nur ein «Update», zuvor hatte das Schmierenblatt eine ganze Trilogie auf die «Zürcher Herzkrise» gegossen; insgesamt über 134’000 A Halbgares und Halbwahres und Angefüttertes. Dafür wurde die «Republik» dann unter anderem vom Presserat gerügt und musste knirschend eine Gegendarstellung des «Tages-Anzeigers» abdrucken – eine der Keimzellen einer späteren Racheserie gegen Tamedia.

«Die Medien spielen dabei eine unrühmliche Rolle», behaupten die drei «Rechercheure» Philipp Albrecht, Dennis Bühler und Brigitte Hürlimann, meinen damit aber natürlich nicht sich selbst. Statt zu recherchieren, liessen sie sich von «besorgten USZ-Angestellten» aufs Glatteis führen und übernahmen deren anonyme Anschuldigungen gegen den Whistleblower. Dass der am Schluss von allen Vorwürfen freigesprochen wurde, was soll’s, damit lässt sich doch die «Republik» keine schöne Skandalstory kaputtmachen. Schliesslich zitieren sie eine ganze Latte von Vorwürfen genüsslich, um dem Whistleblower dann Gelegenheit zu geben, sie «als haltlos, absolut falsch, fakten­widrig und durch nichts belegt» zu bezeichnen. Das ist doch objektiver Journalismus.

In diesem Schwarzweissjournalismus muss es einen Guten geben, das ist der «Klinikdirektor Maisano»; ihm gegenüber habe sich das Unispital als «illoyale Arbeit­geberin» erwiesen. Das Gegenteil ist knapp richtig; die Spitalleitung tat alles, um möglichst den Deckel auf dem Skandal zu halten.

Der wirkliche Held in dieser Geschichte war und ist ein anderer. Man sollte zu Vogt vielleicht noch wissen, dass er als Gründer der Eurasia Heart Foundation seit vielen Jahren ehrenamtlich in Osteuropa, Asien und Afrika Herzoperationen durchführt. Dass er zu den kompetentesten und unerschrockenen Kritikern der  Pandemie-Bekämpfung in Europa gehört. Durch politisch-ideologisch begründetes Ignorieren medizinischer Fakten sei Europa zum weltweiten Pandemie-Zentrum geworden, kritisierte er schon 2020.

Nun hat der renommierte Herzchirurg Vogt den Prozess gegen sich selbst (Auswirkung einer weiteren haltlosen Anschuldigung in diesem Intrigensumpf zum Schutz Maisanos und seiner Vorgesetzten) benützt, um öffentlich schonungslos mit den damaligen Zuständen abzurechnen. Der Prozess endete letzten Freitag, wie der gegen den Whistleblower, mit Freispruch auf ganzer Linie. Mehr noch; die Richterin sagte in aller Klarheit, dass Vogt Unrecht zugefügt worden sei, « eine «politische Intrige» seiner Gegner könne nicht ausgeschlossen werden.

Das ist vornehmes Juristendeutsch für: die Staatsanwaltschaft musste zwar von Amts wegen eine Untersuchung aufnehmen, aber das Ganze stinkt zum Himmel und sollte einzig den tadellosen Ruf von Vogt beschmutzen.

Auf den mit Nachbeben über 150’000 A in der «Republik» steht kein Wort über die eigentlichen Hintergründe dieses Skandals, auch bis heute kein Wort zu diesem Urteil oder der Rede Vogts. Irrer berichtete nur Konservendosen-«Blick». Der vermeldete zwar den Freispruch für einen «Ex-Herzchirurgen», auf den eigentlichen Skandal und die Rede Vogts ging das Dünnblatt aber mit keinem Wort ein. Vielleicht ein neues Tätigkeitsgebiet für «Republik»-Journis.

Der Skandal reicht hinauf bis zur Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli. Involviert sind der mit goldenem Fallschirm abgesprungene  CEO des Unispitals Gregor Zünd, dazu der damalige Spitalratspräsident Martin Waser*, plus Marianne Moser. Der typisch Zürcher Filz halt. Zünd lag schon im September 2020 ein streng vertraulicher Untersuchungsbericht der Kanzlei Walder Wyss vor (das die Recherchiergenies der «Republik» nicht auftreiben konnten oder wollten).

Dort steht eine nur leicht verklausulierte Bombe: «… unvollständige Dokumentation des Operationsergebnisses» könne «... eine erhöhte Gefährdung (z.B. mit Blick auf einen etwaigen Folgeeingriff) bewirken».

Denn das wahre Problem, dass den Flaschen der «Republik» völlig entgangen war, bestand darin: dieses Cardioband funktionierte nicht richtig, es löst sich gelegentlich in seine Bestandteile auf, es gefährdete sogar Patienten. Aber das hätte die Verkaufsverhandlungen gefährdet, also mussten stattdessen Triumphmeldungen her.

So gelang es, die Herstellerfirma mit Maisanos Beteiligung für sagenhafte 350 Millionen Dollar an den US-Multi Edwards zu verkaufen. Die Verkäufer fantasierten von Jahresumsätzen von über 650 Millionen Dollar. Aber in Wirklichkeit, wie Gerichtsakten erweisen, lag der Umsatz bei höchstens knapp 5 Millionen, worauf sich Edwards weigerte, die zweite Zahlungstranche auszulösen. Das Gericht gab dem Multi recht, das Herzband ist ein Flop.

Vogt beklagt unwidersprochen, dass es vor seinem notfallmässigen Eingreifen am Unispital zu «kriminellen Handlungen» kam und 150 Patienten unter dubiosen Umständen verstarben. So schreibt «Inside Paradeplatz»: «Er machte klar: Patienten seien in der Herzchirurgie zu Schaden gekommen, alles andere sei „schlicht gelogen“.» Dass die Übersterblichkeit signifikant höher als in vergleichbaren Spitälern lag, ist unbestritten.

Aber ansonsten wollen alle Beteiligten am liebsten nur eins: Schwamm drüber, Ruhe, vorbei. Was sagt das Unispital zu «Inside Paradeplatz», der damals, gefolgt vom Tagi, den Skandal publik machte? «Wir haben die hinter dem genannten Urteil stehenden Sachverhalte analysiert und sehen von Seiten USZ keinen weiteren Handlungsbedarf.»

Was sagt der Sprecher von Rickli zum «Tages-Anzeiger»? «Wenn Sie den Artikel genau lesen, dann stellen Sie fest, dass es sich um alte Geschichten handelt, die der Tages-Anzeiger immer wieder aufwärmt und die allesamt erledigt sind.»

Aufgewärmte, alte Geschichten, dass an einem Zürcher Spital 150 Patienten unter dubiosen Umständen starben, dass an einigen von ihnen ein nicht erprobtes und fehlerhaft funktionierendes Cardioband ausprobiert wurde, dessen Schrauben rausflogen und das unzählige Notnachoperationen nötig machte?

Dass sich alle Verantwortlichen klammheimlich davonschleichen wollen und nicht mit dem Mut des Herzchirurgen Vogt rechnen, wohlan. Aber dass die «Republik» nicht einmal hier die Grösse hat, auf ihre damalige Fehlleistung hinzuweisen, das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.

Wäre es der einzige «Republik»-Skandal, wäre er einfach peinlich. Aber er ist (nicht der letzte) Höhepunkt in einer ganzen Reihe von Skandalen, von angeblichen Primeurs, Aufdeckungsstorys, Anklagen, Behauptungsartikeln, die etwas von Anfang an gemein hatten: die kamen grosstönend und grossspurig daher, behaupteten Ungeheuerliches – sprangen als Löwen des kompetenten Recherchierjournalismus hoch – und landeten als räudige Bettvorleger.

ZACKBUM veröffentlicht im Folgeartikel einen unvollständigen Auszug aus dieser Liste der Schande.

Zusammen mit dem Maisano-Skandal der «Republik» reicht es nun zur Forderung: sperrt das Blatt endlich zu; finanziell pleite (also korrekter überschuldet und nur durch Forderungsverzicht vor dem Gang zum Konkursrichter bewahrt) ist es sowieso schon. Nun ist es auch noch moralisch-ethisch bankrott. Worauf also warten?

*Nach Leserhinweis korrigiert.

 

 

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2021/09/Republik5.jpeg 249 597 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-04-21 05:00:222024-04-21 14:25:10«Republik» zusperren, Part I
René Zeyer

Lückenpresse?

29. März 2024/3 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Die Fronten sind gezogen und verhärtet. Wie berichten westliche Medien?

Nach dem Corona-Desaster ist vor der Ukraine-Katastrophe und dem Gazastreifen-Debakel. Seit Menschengedenken ist Kriegsberichterstattung das Gebiet, auf dem die Medien krachend versagen.

Die Medien der direkt Beteiligten sowieso, sie verwandeln sich in Propagandaschleudern ihrer jeweiligen Regierungen. Der Feind ist immer grausam, unmenschlich, feige und erleidet Niederlage um Niederlage. Die eigenen Truppen sind immer human, tapfer und eilen von Sieg zu Sieg. Gibt es Rückschläge, sind die nur taktischer und vorübergehender Natur.

Allerdings gibt es doch graduelle Unterschiede. Wenn man zum Beispiel vergleicht, wie die sowjetischen Medien über das Afghanistan-Desaster berichteten, wo sich die UdSSR am Schluss schmählich zurückziehen musste. Wie Jahrzehnte später die USA auch.

Aber deren Presse hatte sicherlich einen Anteil daran, dass sich die USA schmählich aus Vietnam zurückzogen. Angefangen bei den Pentagon-Papers und wiederholten Berichten über US-Kriegsverbrechen (Massaker von My Lai) über aufrüttelnden Beschreibungen der Auswirkungen des Militäreinsatzes auf die Psyche von GIs, hier kamen die Medien (nicht alle, aber einige) ihrer Berichterstatterpflicht nach.

Seither haben sich die westlichen Medien aber nicht weiter-, sondern zurückentwickelt. Die Berichte von sogenannten embedded journalists über die völkerrechtswidrige Invasion  des Iraks. Ein Trauerspiel.

Das seine Fortsetzung in der Berichterstattung über die Invasion der Ukraine findet. Die faschistischen Wurzeln des Landes, seine endemische Korruption, der Putsch, die gekauften Wahlen, die einen Präsidentendarsteller an die Macht brachten, die weiterhin grassierende Veruntreuung selbst von kriegswichtigem Material, terroristische Aktionen der Ukraine, die lange Liste der Repressalien gegen Dissidenten in der Ukraine – alles kein Thema. Oder höchsten so im Vorbeilaufen.

Dafür laufen Schreibtischgeneräle zu Höchstformen auf, die ihren Arbeitsplatz mit einem Sandkasten verwechseln, in dem Truppenteile herumgeschoben werden, Spielzeugpanzer herumfahren, Flugzeuge mit lautem «rrooam» virtuell die Luft zerschneiden.

Aber obwohl zum Beispiel die Schweiz theoretisch neutral ist und somit keine Partei ergreifen sollte, gibt es in der Schweiz kein einziges Organ, das den Blickwinkel Putins wiedergibt. Gut, die «Weltwoche», aber selbst die macht das trotz Köppels unermüdlichem Kasatschok nur punktuell.

Das völlige Versagen der westlichen Medien zeigt sich schon darin, dass doch in Wirklichkeit kein Konsument all dieser Medien weiss, wie es denn nun eigentlich militärisch an der Front aussieht. Wie viele Reserven die Ukraine noch hat, was Russland noch alles in die Schlacht werfen kann.

Da wurde lange Zeit ein ukrainischer Sieg in den glühendsten Farben gemalt, bis die Journaille kleinlaut den ungeordneten Rückzug antrat.

Noch schlimmer, wenn da eine Steigerung überhaupt möglich ist, steht es um die Berichterstattung aus dem Gazastreifen. Sicherlich, Israel untersagt Journalisten grundsätzlich den Zugang, obwohl man ja nichts zu verbergen habe. Aber ob zum Beispiel Israel Lastwagenkonvois mit Hilfsgütern aufhält, oder ob die Verteilungskapazitäten der humanitären Organisationen nicht ausreichen, man weiss es nicht. Ob die Hamas innerhalb oder unterhalb von Spitälern mit Wissen der Spitalleitung Basen unterhält, man weiss es nicht.

Beginnt die Bevölkerung zu verhungern oder ist das eine weitere Mär der Hamas, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen? Wie überlebt es sich überhaupt im Gazastreifen? Tut Israel irgend etwas, um den Flüchtlingen aus dem Norden Schutz zu bieten, wenn es nun auch noch im Süden durchgreift? Wie steht es eigentlich aktuell um die von Israel zugewiesenen sogenannten Schutzräumen, die angeboten wurden, als die massive Invasion von Gazastadt begann?

Die Wahrheit stirbt im Krieg zuerst, ein banaler, aber dennoch richtiger Satz.

Nachdem Social Media die Informationsvorherrschaft der grossen Medien gebrochen hat, dröhnen unablässig Bilder- und Wortfluten auf all die ein, die meinen, sich so einen eigenen Überblick verschaffen zu können.

Aber genauso, wie die grossen Medienhäuser das Internet verschlafen haben und sein Funktionieren als Wertschöpfungsgenerator bis heute nicht kapieren, verschlafen sie nun die Parallelinformationen via Internet.

Der dünne Brei, denn zum Beispiel die grossen Schweizer Medienhäuser verfüttern, ist eigentlich die Aufforderung zum wirtschaftlichen Selbstmord. Denn wenn schon gratis häufig Besseres und Kompetenteres geliefert wird, wozu braucht es dann noch eine Tageszeitung?

Die könnte sich, um hier auch kurz zu sändelen, eine USP schaffen, indem sie Mehrwert anbietet. Das, was schon längst auf YouTube, Tictoc, telegram und Instagram dudelt, nochmals mit ernstem Blick zu verkünden, das kann es ja nicht sein.

Die Medien versagen einmal mehr. Sie sind parteiisch, subjektiv, schlecht informiert. Sie liefern so viele Hintergrundinformationen nicht, weil sie entweder zu faul sind oder der noch existierende Korrespondent dreht lieber Klischees und Vorurteile durch die Mühle. Macht viel weniger Stress als dieses blöde «vor Ort den Puls fühlen».

Laut Meldungen soll Russland als Vergeltung für das Moskauer Massaker das Hauptquartier des ukrainischen Geheimdienstes SBU in Kiew mit einem Marschflugkörper in Schutt und Asche gelegt haben. Stimmt das? Wieso konnte das die ukrainische Luftabwehr nicht verhindern? Stimmt es, dass der Geheimdienst vorgewarnt wurde? Durch wen? ein weiteres Beispiel unter vielen, wie lückenhaft berichtet wird.

So viele Fragen, so wenig Antworten. Ausser einer: es ist ein Trauerspiel.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/03/Bildschirmfoto-2024-03-26-um-13.34.28.png 721 1017 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-03-29 05:00:022024-03-29 12:40:14Lückenpresse?
René Zeyer

Assange!

27. März 2024/6 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Die Schande des Westens hat einen Namen.

Bei aller Abscheu über den Umgang von Autokratien mit Dissidenten und Oppositionellen und Kritikern: auch der Westen hat rabenschwarze Flecke auf seiner angeblich so weissen Weste.

Meinungsfreiheit sagen und Meinungsfreiheit praktizieren, das sind zwei ganz verschiedene Dinge.

Wer anderen repressiven Umgang mit abweichenden oder kritischen Meinungen in die Fresse haut, sollte selbst einen makellosen Leumund haben. Sonst ist die moralische Überhöhung schale Heuchelei.

Es nutzt ja nichts darauf hinzuweisen, dass im Vergleich zu Zuständen in Russland oder China (oder in der Ukraine) zumindest in Zentraleuropa oder den USA freiheitliche Zustände herrschen.

Solche Vergleiche bringen – ausser propagandistisch – nichts.

Vor allem, da die jüngere Geschichte zeigt, dass es nicht nur Einzelversagen gibt, sondern auch systemisches. Was die Mainstreammedien während der Pandemie geboten haben, ist an Obrigkeitshörigkeit, Ausgrenzung von abweichenden Meinungen und übelster Denunziation schwer zu überbieten.

Es wird noch dadurch verschlimmert, dass schlichtweg null, überhaupt keine Bereitschaft vorhanden ist, das eigene Fehlverhalten aufzuarbeiten. Dass Figuren wie Marc Brupbacher, um nur einen Namen unter vielen zu nennen, weiterhin in Lohn und Brot steht, ist unverständlich. Dass ein Kadermann bei Tamedia wie Denis von Burg Zwangsmassnahmen in Sachen Impfung fordern durfte, ohne dafür streng gemassregelt zu werden, ist ein Skandal, um nur einen Fall unter vielen zu nennen.

So kritisch sich die Medien auch allen anderen gegenüber geben – Selbstreflexion und Selbstkritik ist ihre Sache nicht.

Aber das schlimmste Versagen der Medien trägt einen Namen. Julian Assange. Der Mann, der schwere Kriegsverbrechen der USA aufgedeckt hat, schmort seit inzwischen fünf Jahren in einem Hochsicherheitsknast in England. Da er schon zuvor neun Jahre in einem beengten Asyl in einer Botschaft verbrachte, ist er laut Aussagen seines Umfelds physisch und psychisch schwer angeschlagen. So sehr, dass er nicht einmal persönlich einer entscheidenden Berufungsverhandlung bewohnen kann.

Als Reaktion auf seine Enthüllungen wurde er fälschlicherweise sexueller Übergriffe beschuldigt, und die USA verlangen seit Jahren die Auslieferung des australischen Staatsbürgers, um ihn selbst vor Gericht stellen zu können. Da sie seine Handlungen als Landesverrat werten, droht ihm eine lebenslängliche Gefängnisstrafe, sollte er tatsächlich ausgeliefert werden.

Zu welchen Kapriolen die US-Wildwestjustiz in der Lage ist, führt sie nicht zuletzt in der unendlichen Gerichtsposse um Donald Trump vor.

Nun müsste man annehmen, dass der Assange-Skandal in jedem anständigen Massenmedium präsent gehalten wird. Dass unermüdlich auf sein Schicksal hingewiesen wird, jede Form von Unterstützungsplattformen wie «Free Assange» promotet würden.

In Wirklichkeit gibt es eine müde Pflichtberichterstattung, vorsichtig abtemperiert. Denn die Schreiberlinge befürchten (nicht ganz zu Unrecht), dass sie sonst Probleme bei der nächsten Einreise ins Land of the Free bekommen könnten. Oder gar auf die Liste der Terrorverdächtigen wandern würden. Auf der stehen inzwischen über eine Million Namen. Wie man da draufkommt – und vor allem: wie man da wieder runterkommt – eine völlige Blackbox.

Wie willkürlich die USA mit solchen Begriffen umgehen, zeigt am deutlichsten die Liste der «staatlichen Förderer von Terrorismus». Auf der stehen aktuell Syrien, Iran, Nordkorea – und Kuba. Das wurde von Obama von der Liste gestrichen, von Trump wieder draufgesetzt. Obwohl kein einziger Fall bekannt ist, in dem Kuba terroristische Aktionen unterstützt hätte.

Und dann gibt es die Listen des OFAC, das steht für «Office of Foreign Assets Control», eine weitere US-Dunkelkammer, die willkürlich Firmen und Einzelpersonen beschuldigt, Handel mit «feindlichen Nationen» zu treiben oder sonstwie mit denen in Kontakt zu stehen. Auch hier: wer kommt drauf und warum? Dunkelkammer. Wie kommt der, der fälschlicherweise gelistet wurde, wieder runter? Einfache Antwort: überhaupt nicht. Und auf dieser Liste zu stehen, das ist überhaupt nicht komisch. Einreiseverbot in die USA, Jed Menge Probleme im Geschäftsverkehr, selbst mit Banküberweisungen.

All das wären Themen, denen sich die Medien durchaus annehmen könnten und sollten.

Aber sie sollten – wenn Berufsehre noch etwas gelten würde – jeden Tag auf das Schicksal von Assange hinweisen. Denn was immer er auch getan haben mag, und wie immer man das bewerten möchte: sein Fall, sein Gefängnisaufenthalt ist ein schreiender Skandal. Ein Schandfleck für den Westen. Ein Schlag ins Gesicht für alle Behauptungen einer liberalen Meinungsfreiheit.

Es ist nicht die Vielzahl von Fällen, wo kritische Meinungen publiziert werden, die zählt. Es sind die Ausnahmen, die tonnenschwer wiegen. Sicher, Assange ist ein Einzelschicksal.

Dass das Londoner High Court gestern seine Auslieferung an die USA wieder einmal blockiert hat, ist höchstens ein Etappensieg. Nächste Verhandlung am 20. Mai, Assange wird weiterhin in Einzelhaft gehalten. Das bedeutet, dass er seit insgesamt 12 Jahren seiner Freiheit beraubt ist. Ohne dass es bislang zu einem Prozess über seine angeblichen Taten gekommen wäre.

Aber Himmels willen, wer journalistisch in Tränen ausbricht und sich nicht mehr einkriegt, wenn eine Prinzessin bekannt gibt, dass sie Krebs hat, der ist doch ein verdammter Heuchler, wenn er sich nicht viel mehr über die unmenschliche, absichtliche Quälerei eines Menschen aufregt, der sich um die Meinungsfreiheit und die Aufdeckung von Skandalen mehr als verdient gemacht hat. Denn Krebserkrankung ist Schicksal. Jemanden in Einzelhaft schmoren lassen, das ist menschengemacht.

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/03/Bildschirmfoto-2024-03-26-um-09.29.35.png 378 1241 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-03-27 05:30:532024-03-27 10:46:08Assange!
René Zeyer

Dritte Generation …

15. März 2024/0 Kommentare/in Allgemein/von René Zeyer

Das Haus Wanner in den roten Zahlen.

«Hoch die Flaschen». Mit dieser unsterblichen Zeile illustrierte der grossartige Tagi-Zeichner Nico einstmals die Liste der Beförderungen in der Schweizer Armee. Darüber ein Offizier, der eine Champagnerflasche schüttelt.

Unwillkürlich ist man daran erinnert, wenn man die neusten Zahlen von CH Media zur Kenntnis nimmt. Oder aber, es ist das klassische Phänomen der dritten Generation. Die erste gründet, die zweite baut auf, die dritte setzt es in den Sand.

Denn als einziger Schweizer Medienkonzern weist CH Media einen Verlust von 2,4 Millionen Franken aus. Nun kann man bei einem Umsatz von 445 Millionen von Peanuts sprechen. Wenn man diesen Verlust mit den Renditevorstellungen eine Pietro Supino bei Tamedia gegenschneidet, ist es allerdings ein jämmerliches Resultat.

Die Begründung dafür ist nicht minder weinerlich. Rückgang im Printgeschäft, im Werbemarkt, Investitionen in neue (verlustreiche) Geschäftsfelder, das fortgesetzte Aufkaufen von Privatradios, Investitionen in eine eigene IT-Struktur und schliesslich der Cyberangriff (den die mehr betroffene NZZ allerdings wegsteckte): was hier als strukturelle oder unvorhersehbare Probleme verkauft wird, ist klassisches Managementversagen.

Seit dem abrupten Abgang von Axel Wüstmann und seinem holterdipolter-Ersatz durch Michael Wanner zeigt sich wieder einmal, dass Beruf Sohn nicht unbedingt die beste Voraussetzung dafür ist, einen Konzern zu lenken.

140 Mitarbeiter von CH Media, die dank diesem Versagen auf der Strasse stehen, werden das sicherlich ähnlich sehen.

Gleichzeitig fantasiert der Verlag mit den üblichen Erfolgszahlen; mehr Abos, Steigerung von Marktanteilen, alles läuft eigentlich super, nur muss natürlich die «Kostenstruktur» etwas nach unten angepasst werden. Aber natürlich nur, um für zukünftige Verluste, Pardon, Steigerungen, besser aufgestellt zu sein.

Es wird immer deutlicher: da Ringier nach der Übernahme des Schweiz-Geschäfts von Axel Springer noch am Verdauen ist, kommt ja nur Tamedia in Frage, das lahmende Wanner-Imperium zu übernehmen. Die Frage ist allerdings, ob sich Supino davon einen Zugewinn verspricht.

Ansonsten wäre die Aufgabe leicht. Es braucht zweimal eine Position «Mann am Fenster», also so in der Art «strategische Entwicklung des Geschäfts im Fernen Osten, mit ausführlicher Rekognoszierungsreise». Und einmal «Analyse Zukunft des digitalen Radios, gestern, heute und vorgestern». Beides Aufgaben, die mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen. Dazu noch das Dulden einer Kommentatorin, die auf die falsche Bundesratskandidatin setzt und regelmässig nach oben gerollte Augen bei den Redaktoren auslöst.

Aber mit solchen Kollateralschaden wird man fertig. Schliesslich gibt es ja eine ganz bösartige Interpretation, wofür die vier, nun ja, Rundumeli im Logo stehen …

https://www.zackbum.ch/wp-content/uploads/2024/03/Bildschirmfoto-2024-03-14-um-20.30.30.png 294 586 René Zeyer https://zackbum.ch/wp-content/uploads/2020/06/logo1.svg René Zeyer2024-03-15 06:00:412024-03-15 10:58:27Dritte Generation …
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