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Bravo, Häsler

Der Mann wird richtig militant.

Bei Christof Münger ist’s schwer in die Hose gegangen. Kaum lobte ihn ZACKBUM, geriet der Auslandchef ohne Ausland von Tamedia völlig aus der Spur.

Aber das hält uns nicht davon ab, in unserer gerechten Zumessung von Lob und Tadel diesmal der Kriegsgurgel Georg Häsler von der NZZ ein Kränzlein zu winden.

Es gab viele Abrechnungen mit der so arroganten wie überforderten ehemaligen Verteidigungsministerin Viola Amherd und ihrer Fixpreis-Affäre. Sie und ihr VBS hatten über Jahre hinweg alle abgewatscht, die völlig zurecht darauf hinwiesen, dass die Schweiz keineswegs den US-Flieger F-35 zu einem fest vereinbarten Preis bekomme.

«Wünschen Sie eine Bestätigung der Bestätigung», blaffte Amherd, als eine Parlamentarierin schon 2022 in Frage stellte, dass bei der Beschaffung ein verbindlicher Fixpreis garantiert worden sei.

Da wird Häsler für einmal gegenüber den eigenen Streitkräften gnadenlos: «Doch die Glaubwürdigkeit dieses zentralen Projekts für die Verteidigungsfähigkeit der Schweiz ist vorerst zerstört.» Der jüngst veröffentlichte Bericht «zeichnet ein beschämendes Bild der Beschaffung».

Jeder Satz ein Knaller: «Die ehemalige Vorsteherin des Verteidigungsdepartements (VBS) soll den Vertrag mit den USA nur in Teilen gelesen haben … Der Schweiz mangelt es an jeder Ernsthaftigkeit im Umgang mit der zentralen Staatsaufgabe … Das VBS wirkt schlicht unseriös … Bereits Anfang 2021 hatte Amherd das Projekt – und überdies den guten Ruf des Landes – gefährdet: mit windigen Avancen gegenüber Frankreich … Dieses Departement hat ein System- und ein Kulturproblem. Jeder lästert über jeden – und niemand trägt wirklich je die Verantwortung … Das VBS ist in einer Dauerkrise …»

Das kulminiert in der Frage:

«Weshalb genau soll dieses Verteidigungsdepartement mehr Geld erhalten

Man könnte da fast von Wehrkraftzersetzung sprechen, wenn man nicht wüsste, dass es Häsler natürlich immer um mehr Geld, mehr Waffen, mehr Verteidigungsfähigkeit eines Kleinstaates geht, dessen Armee sich im Ernstfall nicht mal mehr in den Gotthard zurückziehen könnte.

Aber, so hofft natürlich der Militärstratege, da gilt ewig der Satz von der Krise als Chance. «Richtig mutig wäre, wenn der Bundesrat darauf hinweisen würde, dass die Schweiz eigentlich 55 bis 70 F-35 benötigte.» Aber so mutig, wir ahnen es schon, wird die Landesregierung niemals werden.

Da kämpft Häsler wohl einen aussichtslosen Kampf: «Die Fixpreis-Affäre sollte insgesamt als Chance genutzt werden, um endlich eine echte Sicherheitspolitik zu initiieren.» Auch wenn er sich selber Mut zuspricht, wirkt das eher wie Pfeifen im Wald. Insgesamt sei die Beschaffung von F-35 gut unterwegs: «Das Projekt ist zeitlich auf Kurs. 2028 landen die ersten Jets in der Schweiz – und erhöhen die militärischen Fähigkeiten der Armee signifikant. Wenigstens eine gute Nachricht aus Bern

Wobei natürlich die bangen Fragen bleiben, ob sie dann tatsächlich landen und ob Kremlherrscher Putin nicht schon vorher die Schweiz angreift, wie Häsler auch schon befürchtet hat.

Die NZZ gurgelt weiter

Wenn Häsler mal Pause hat, kommen andere zu Wort.

Die Methode ist abgefeimt. Man hypt einen medial gewandten Militäranalytiker und Sandkastenspieler zu einem «der besten Kenner der militärischen Lage in der Ukraine» hoch. Das soll er wohl mit seinem Aufsatz «Den Abnutzungskrieg gewinnen: eine realistische Siegesstrategie für die Ukraine» unter Beweis gestellt haben.

Allerdings fehlt da der Sieg. Noch knalliger ist der Titel seines schmalen Werks (160 Seiten) «Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt».

Franz-Stefan Gady konstruiert ein Szenario Ende der 2020er-Jahre: Nach einem Waffenstillstand in der Ukraine regeneriert Russland seine Streitkräfte, greift das Baltikum an und gerät damit in einen Krieg mit der NATO. Österreich wird trotz seiner Neutralität hineingezogen, weil es als Verkehrs- und Nachschubraum wichtig ist. Cyberangriffe, Sabotage, Drohnen und Marschflugkörper treffen Österreich; schließlich brennt nach einem Drohnenangriff sogar der Wiener Stephansdom.

Bei Somm zerbricht der Pariser Eiffelturm, bei Gady das Wahrzeichen Wiens.

Wow.

Dazu darf er in der NZZ sagen: «Mein Buch basiert auf einem militärischen Planspiel. … Selbst bei einem brüchigen Waffenstillstand kann Russland Hunderttausende Soldaten von der Front abziehen und sich neu strukturieren. Währenddessen läuft die russische Kriegswirtschaft weiter auf Hochtouren, vor allem bei Langstrecken-Präzisionswaffen. Moskau wäre so bald in der Lage, einen begrenzten Angriff gegen ein Nato-Land wie Litauen zu wagen.»

Bevor man ernsthaft auf solche Spielereien eingeht, sollte man ihre Prämissen kritisch hinterfragen. Denn wie jedes «Szenario» bestätigt auch dieses nur seine selbst gesetzten Voraussetzungen. Also nach einer Kette wie:

Russland bleibt revisionistisch → der Ukrainekrieg wird lediglich eingefroren → Russland regeneriert seine Streitkräfte → Moskau ist bereit, einen NATO-Staat anzugreifen → die nukleare Abschreckung verhindert diesen Angriff nicht → die NATO wird militärisch hineingezogen → Österreich wird als logistischer Raum relevant → Russland greift deshalb österreichische Infrastruktur an.

Kann man so fantasieren, muss man nicht. Aber statt solche grundlegenden Fragen zuerst zu klären, gehen die Interviewer Meret Baumann und Selina Berner gleich in medias res. Ohne grosse Fachkenntnisse, notabene. Baumann ist Korrespondentin in Wien, Selina Berner war «im Friedensförderungseinsatz im Kosovo tätig für die Schweizer Armee» und ist seit 2024 Redaktorin im Ressort Inland/Bundeshaus.

Das erklärt wohl solche Fragen: «Was ist das Ziel Russlands? Geht es darum, Territorium zu erobern?» Und das widerspruchslose Hinnehmen solcher Antworten: «Nein. Moskau geht es nicht um Landgewinne, sondern um die Machtordnung in Europa. Das Ziel Putins ist seit je eine Sicherheitsarchitektur mit Russland als zentralem Akteur. Die Hindernisse dafür sind die Nato und die EU. Ein begrenzter Krieg soll beide Institutionen aushebeln

Immerhin wagen die beiden den Einwand, dass Russland mit seinem Angriff auf die Ukraine kaum vorankomme. Das würde doch den Erfolg eines Angriffs auf die NATO sehr zweifelhaft erscheinen lassen. Da stimmt Gady zu:

«Ich schätze die Erfolgschancen auch als gering ein. Aber man darf daraus nicht schliessen, dass Moskau es nicht trotzdem versuchen wird

Tja, bei einem irren Verbrecher wie Putin weiss man halt nie. Aber natürlich treibt die beiden eine viel näherliegende Frage um: «Bleibt die Schweiz verschont

Da weiss Gady, was er seinem Schweizer Publikum schuldig ist: «Das hängt davon ab, wie weit die russischen Pläne reichen. Grundsätzlich unterscheidet sich die Lage der Schweiz nicht von jener Österreichs: Sie ist für Moskau ein strategisches Ziel, weil sie wichtige Infrastrukturen für die Nato und Europa besitzt

Natürlich die Einleitung zum Thema, Überraschung, Neutralität. Wäre denn ein Verweis darauf nutzlos? Auch hier weiss Gady, was als Antwort gut kommt: «Aus meiner Sicht schon, ja.» Denn Kleinstaaten könnten sich im 21. Jahrhundert nicht alleine verteidigen. «Das Neutralitätsbekenntnis wäre deshalb kaum glaubwürdig, weder für Russland noch für die Nato.»

Komisch, für Hitler-Deutschland und die Alliierten war’s das im Zweiten Weltkrieg.

Aber im 21. Jahrhundert ist wohl alles anders: «Die Neutralität ist mit dem ersten Schuss hinfällig. Dann darf man sich gemeinsam mit Partnern verteidigen.»

Dann führt Gady noch einen mehr oder minder geordneten Rückzug auf. Denn er wird gefragt, wie wahrscheinlich denn sein Szenario sei: «Niemand weiss, wie der Krieg in der Ukraine enden wird und was danach passiert.» Nun ja, ausser ihm, wäre man vesucht zu sagen.

Aber eben, wie Häsler und viele andere hat er das Problem, dass man halt nicht auf ihn hört. Dabei hätte er jede Menge Ratschläge parat. Österreich und die Schweiz müssten unbedingt «die Luftverteidigung integriert mit der Nato denken, die dazugehörigen Munitionsbestände so schnell wie möglich vergrössern und bei der Ausbildung stärker auf den Kampf der verbundenen Waffen fokussieren».

Weder die Ukraine, noch Putin und erst recht nicht die Schweizer oder österreichische Regierung hören auf ihn. Selber schuld!

NZZ und Neutralität, Teil 2

Ballade eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam.

Von Philipp Gut*

Bretscher zensiert Neutralitätsgegner

Noch war die Neutralität in Stein gemeisselt, wie man es der eigenen Geschichte schuldig war. Abgesehen von einem kurzzeitigen Schlenker im Schlepptau des Bundesrats während der Völkerbundskrise («differenzielle Neutralität») zog die Redaktion die neutralitätspolitische Blattlinie stoisch durch. Schon im Ersten Weltkrieg hatte die Neue Zürcher Zeitung als so neutral wie kein anderes Medium auf dem Kontinent gegolten – was bis zum Vorwurf der «Farblosigkeit» ihrer Kriegsberichterstattung reichte. Die englische Zeitschrift The Contemporary Review stellte 1917 anerkennend fest, die NZZ habe sich durch eine «kühle Unparteilichkeit» («cold impartiality») eine einzigartige Position in der Schweiz und in ganz Europa erworben.

Wie sehr die Schweizer Neutralität durch Redaktion und Verwaltungsrat hochgehalten wurde, zeigte sich neben der Publizistik auch in der Personalpolitik. Der deutsche Chefredaktor Gustav Kombst bezahlte eine neutralitätskritische Äusserung gar mit seinem Job. Er habe es sich im Jahr 1834 erlaubt, die Schweizer Neutralität im Kampf der Despotien gegen die «freiheitsliebenden Staaten» als «leeres Wort» abzutun, was bereits nach sechzehn Arbeitstagen seinen Abgang nach sich gezogen habe, lesen wir in Thomas Maissens «Geschichte der NZZ 1780–2005».

Sogar nicht getätigte Aussagen zur Neutralität konnten die Gemüter erhitzen und eine stürmische Debatte auslösen. So geschehen im Jahr 1952, als der Zürcher Mittelalterhistoriker Marcel Beck in einer 1.-August-Rede plante, die Schweizer Neutralität in Frage zu stellen und stattdessen «Alternativen» ins Auge zu fassen, konkret einen Nato-Beitritt. Er sandte den Redetext zuvor der NZZ -Redaktion. Bretscher geriet darüber so in Rage, dass er beim Bildungsdirektor intervenierte, der Beck zurückpfiff. Der Professor strich die Passage aus der Rede, doch die Affäre machte ihn auf einen Schlag bekannt, und er nutzte sie als Sprungbrett für eine politische Karriere in der Demokratischen Partei. Am Ende seiner Ansprache zum Nationalfeiertag holte er zum Gegenschlag aus: «Es gibt dunkle Mächte in diesem Land, mögen sie Kartelle, Verbände, Gewerkschaften oder Redaktion der Neuen Zürcher Zeitung heissen

Tempi passati. Es gehört zur Ironie dieser Geschichte, dass die heutigen NZZ-Redaktoren genau jene Alternativen zu einer neutralen Schweiz propagieren, die ihren Vorgängern die Haare zu Berge stehen liessen. Gerne hätte die Weltwoche von Gujer erfahren, weshalb aus seiner Sicht nicht mehr gilt, was ein Bretscher und andere damals so vehement vertreten haben. Warum ist heute falsch, was über Jahrhunderte richtig war? Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe antwortete Gujer nicht.

Vielleicht hängt die Abkehr von der Tradition seiner Zeitung ja auch mit gewissen Auslandengagements zusammen, bei denen das Verständnis für die schweizerische Neutralität eher gering ausfallen dürfte. So ist Gujer ehemaliges Präsidiumsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), die transatlantisch ausgerichtet und mit dem politischen Establishment verzahnt ist. Finanziert wird sie gemäss Jahresbericht unter anderem vom deutschen Auswärtigen Amt, vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, aber auch von der EU-Kommission und der Nato, von Rüstungsfirmen wir der Airbus Defence and Space GmbH sowie von Stiftungen wie den von George Soros gegründeten Open Society Foundations.

Zumindest in früheren Jahren ist auch eine Mitgliedschaft im Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland dokumentiert, der nach eigenen Angaben «das Verständnis für Rolle und Arbeit der Nachrichtendienste in Deutschland im nationalen wie internationalen Kontext» fördern will, insbesondere in Bezug auf den Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz, die Landesbehörden für Verfassungsschutz, das Bundesamt für den Militärischen Abschirmdienst, das Militärische Nachrichtenwesen der Bundeswehr und die mit ihnen verbundenen Behörden und Einrichtungen.

Dass der Verfassungsschutz seinen ehemaligen Präsidenten Hans-Georg-Maassen überwacht und gegen die Alternative für Deutschland, die grösste Oppositionspartei der Bundesrepublik, vorgeht, kann man Gujer nicht anlasten. Aber seine Nähe zu solchen Organisationen könnte seine publizistischen Positionen ein Stück weit erklären. Auf die Frage der Weltwoche , ob er da nicht Interessenkonflikte mit seiner Tätigkeit als Journalist und Chefredaktor einer Schweizer Zeitung sehe und wie er diese Doppelrolle interpretiere, antwortete Gujer ebenfalls nicht. Dass er nach seinem Abgang von der Redaktionsspitze ab nächstem Jahr die NZZ-Aktivitäten in Deutschland vorantreiben soll, passt da ins Bild. Es ist eine Heimkehr ins Land seiner Mutter und seiner Kindheit.

«Es liegt an uns»

Was dem Chef recht ist, ist seinen Untergebenen billig. Auch Häsler betätigt sich innerhalb und ausserhalb der Redaktion, beruflich, nebenberuflich, privat, als Transatlantik-Aktivist in einer Art und Weise, die bisweilen sonderbare Formen annimmt. «Vielen Dank, Amanda Rivkin Häsler, dass du das möglich gemacht hast. Es liegt an uns, uns um den transatlantischen Verbund liberaler Demokratien zu kümmern», tönte Häsler auf Linkedin in englischer Sprache zu einem Beitrag des Bern Security Dialogue.

Dazu muss man wissen: Diese Amanda Rivkin Häsler ist seine zweite Frau, nachdem er sich zuvor mit dem Namen seiner ersten Frau geschmückt und als Georg Häsler Sansano gezeichnet hatte. Und dieser Bern Security Dialogue ist von Häsler selbst gegründet worden. Zu seinen Aktivitäten gehört ein «Alpine Security Monitor», ein Newsletter, der wiederum von Rivkin betrieben wird. Im Tandem treten sie auch an Veranstaltungen auf, und Rivkin, Staatsbürgerin der USA und Lettlands, ist stets mit ihrer Kamera dabei, wenn Häsler eine Person von Rang und Namen trifft.

Der Berner Sicherheitsdialog verfolgt erklärtermassen das Ziel einer «gemeinsamen Sicherheitsstrategie für Europa und insbesondere für den Alpenraum». Für die bewaffnete Neutralität der Schweiz ist da definitiv kein Platz. Umso mehr, als Rivkin Häsler in den sozialen Medien verkündet, es sei eine Ehre, «Teil des Nato-Netzwerks» zu sein. Ins nachgerade Komische kippt es, wenn die Nichtschweizerin Rivkin auf der gemeinsamen Plattform mit ihrem NZZ -Ehemann im Kontext der Neutralitätsdebatte hochtrabend formuliert, letztlich sei «jede Nation nicht mehr und nicht weniger als die Summe aller, die hier leben» – womit sie sich flugs zur Schweizerin erklärt –, und wie die «Schweiz als Nation» auf «Versuche gegnerischer Einmischung» reagiere, sei «ausschliesslich Sache der Schweiz als souveräner Staat und ihrer Bevölkerung». Als Pressekontakt unter dem gequirlten Quark wird, na wer wohl, angegeben? Georg Häsler.

Das wäre alles nicht der Rede wert, würde Häsler bei der Neuen Zürcher Zeitung nicht den Zentralbereich Sicherheitspolitik verantworten und «ressortübergreifend vertiefen», wie seine Arbeitgeberin betont. Verbirgt sich da vielleicht auch ein gewisses Führungsproblem an der Falkenstrasse? Und reicht dieses womöglich über die Chefredaktion hinauf bis an die Spitze des Verwaltungsrats? Dort sitzt mit Isabelle Welton, geborene Lalive d’Epinay, verheiratet mit einem Amerikaner, eine Frau, die zwar eine gewisse Managementerfahrung unterhalb der Konzern-CEO-Stufe mitbringt, aber das politische Profil eines Slicks aufweist. Ein Ulrich Bremi, Nationalrat und Fraktionspräsident der Freisinnigen Partei, ein Fritz Honegger, Bundesrat, oder auch noch der Bankier Konrad Hummler waren da von einem ganz anderen Kaliber.

Agent Moskaus!

In seiner Neujahrsansprache vom 1. Januar 1982 äusserte sich Honegger, damals Bundespräsident, auch zur Neutralität. Im abgelaufenen Jahr hätten sich in der Bevölkerung «die Furcht vor kriegerischen Auseinandersetzungen stärker bemerkbar gemacht». Der Bundesrat sei sich «der Gefahr, der wir durch das Wettrüsten ausgesetzt sind, durchaus bewusst». Er warne aber davor, die Angst als Berater beizuziehen. Die «Aufrechterhaltung unserer bewaffneten Neutralität und die Unterstützung aller ehrlich gemeinten Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens in Freiheit werden auch im neuen Jahr bewährte Leitlinien unserer Politik bleiben», so Honegger. Wer heute solche selbstverständlichen Dinge sagt, wird in der NZZ gegrillt und als Agent Moskaus verunglimpft. Dazwischen liegt die Geschichte eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam.

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*Der Artikel erschien zuerst in der «Weltwoche». Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

NZZ und Neutralität

Ballade eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam.

Teil 1

Von Philipp Gut*

Wer ist eigentlich der Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ )? Eric Gujer oder Cédric Wermuth? Die Frage mag etwas maliziös klingen, doch sie führt direkt zu des Pudels Kern. In der Beurteilung der schweizerischen Neutralität, über deren Verankerung in der Verfassung das Stimmvolk am 27. September entscheidet, ist zwischen der Gujer-NZZ und der Wermuth-SP kaum ein Unterschied auszumachen. Beide sprechen wahlweise von einer «Putin-» oder «Blocher-Initiative». Der sozialdemokratische Politologe Wolf Linder bemerkt, die SP habe diese Kampfbegriffe gar von der NZZ kopiert, was «unter der Gürtellinie» sei und weitere Argumente offenbar entbehrlich mache, wie er in einem offenen Brief an die Parteiführung schreibt.

Falke von der Falkenstrasse

Tatsächlich ist die NZZ -Berichterstattung über die Neutralität und die Neutralitätsinitiative ein radikaler Bruch mit der eigenen Tradition. Das springt sofort ins Auge, wenn man die Artikel eines Gujer und anderer Redaktoren mit dem vergleicht, was ihre Vorgänger geschrieben haben. Was über 200 Jahre lang granitfest galt, ist plötzlich Makulatur. Dabei gehören die Gedanken zur Schweizer Neutralität, die ein publizistischer Leuchtturm wie Willy Bretscher, NZZ -Chefredaktor von 1933 bis 1967, formuliert und in die Welt getragen hat, zum Klügsten und Klarsten, was man bis heute zum Thema lesen kann.

Doch beginnen wir mit der Gegenwart. Da erklärt Gujer in einem Leitartikel vom 15. August, es sei endlich an der Zeit, «Putin klar als Feind» zu benennen, wohlwissend, «dass die Benennung eines Feindes immer die Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts mit sich bringt». Eine publizistische Kriegserklärung.

Ein Teil der Schweizer Öffentlichkeit habe bereits kapituliert und betreibe Appeasement, behauptet der Falke von der Falkenstrasse, und zielt damit auf Christoph Blocher und alle, die an der umfassenden Neutralität der Schweiz festhalten. Gujer wirft Blocher «Geschichtsklitterung» oder «die bewusste Legitimierung russischer Aggression» vor, wofür spreche, «dass sich die Propaganda des Moskauer Aussenministeriums und Aussagen Blochers verblüffend ähneln». Beide kritisierten unisono, die Schweizer Regierung höhle die Neutralität aus, indem sie die westliche Sanktionspolitik mittrage. Beide plädierten «für eine absolute Neutralität, die keinen Unterschied dabei macht, ob sie einer Diktatur oder einer Demokratie gilt».

Obwohl Blocher vor einem dritten Weltkrieg und vor möglichen weiteren russischen Angriffen auf europäische Staaten warnt und Russland als grösste Gefahr für die Sicherheit der Schweiz und Europas bezeichnet, stellt ihn Gujer als Handlanger des Kremls dar («Hier ist augenscheinlich etwas zusammengewachsen, was zusammengehört»). Für Gujer – wie für einen Wermuth – sind Blocher und die SVP, die als einzige Partei noch eine konsequente Neutralitätspolitik verfolgen, bloss «Claqueure einer Diktatur».

Auf nach Brüssel!

Stattdessen zeigt die Kompassnadel der NZZ nach Brüssel, dem Sitz von Nato und EU. «Die Schweiz bekennt sich zur westlichen Gemeinschaft und leistet einen aktiven Beitrag, dass Putin und Konsorten die Welt nicht nach ihrem autoritären Willen umgestalten können», gab Gujer in einer Rede an der Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung am 13. April 2024 die Richtung vor.

Damals sagte er auch: «Wollen wir uns noch eine autonome Landesverteidigung leisten? Wenn nicht, was folgt daraus: ein Beitritt zur Nato und die Preisgabe der Neutralität?» Unter Gujers Ägide rät die NZZ unablässig zu einem Näherrücken an das westliche Militärbündnis und an den Machtblock namens Europäische Union. Da ist das Abwracken und Niederschreiben der Schweizer Neutralität und einer eigenständigen und unabhängigen Aussenpolitik zwischen den Blöcken und über den Fronten nur logisch: Wer nach Brüssel will, muss die Neutralität wegräumen.

Beispiele? «Die kleine Schweiz ist verletzlich – verbindliche Spielregeln mit der EU sind in ihrem Interesse», schrieb NZZ -Redaktor Tobias Gafafer im April 2024. Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union werde «zu Unrecht schlechtgeredet». Und am 20. August 2026 dekretierte er: «Die Schweiz muss die Chancen des EU-Pakets nutzen.»

Ins selbe Horn bläst Georg Häsler, NZZ -Redaktor, Berner FDP-Politiker sowie Offizier der Schweizer Armee, der auch schon im Kampfanzug an einer Medienkonferenz teilnahm und als so etwas wie der militärstrategische Lautsprecher der Redaktion fungiert. «Ausgerechnet jetzt, wo stabile Beziehungen zu den Nachbarn an Bedeutung zunehmen, verfällt die Schweiz dem Eigensinn. Eine Annahme der jüngsten SVP-Zuwanderungsinitiative würde in Brüssel und allen anderen europäischen Hauptstädten als Vorentscheidung für die neuen EU-Verträge gelesen – die wohl letzte Möglichkeit, gleichberechtigt am Binnenmarkt zu partizipieren, ohne gleich beitreten zu müssen», meinte Häsler im Mai 2026, vor der Volksabstimmung über die Nachhaltigkeitsinitiative. «Die Europäer schliessen die Reihen» – und die Schweiz solle sich gefälligst mit ins Glied stellen. Das ist der Tenor und die aussenpolitische Devise der Redaktion.

Den Vogel schoss Inlandchefin Christina Neuhaus in einem Kommentar vom 25. August 2026 ab. Allen Ernstes nahm sie die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), die immer schon gegen die bewaffnete Neutralität war, als Referenz und Kronzeugin: Sie lehne «Blochers Volksbegehren ohne Wenn und Aber ab». Auweia. Wenn die das sagen. Bretscher würde sich im Grab umdrehen.

«Uneingeschränkt, absolut»

Im Licht der eigenen Geschichte betrachtet, ist das eine Wende um 180 Grad, um nicht zu sagen: ein Verrat am geistigen Erbe, an der NZZ-DNA. Die Belege finden sich im Archiv. Wenn ein Gujer die Vorstellung einer «absoluten Neutralität» in die Nähe von moralischem Versagen und Parteigängertum für das Böse auf der Welt rückt, widerspricht er damit auch frontal dem NZZ-Idol Bretscher. «Die Neutralität der Schweiz ist uneingeschränkt, absolut», erkannte Bretscher in seinem Meisterstück, dem berühmten Leitartikel «Die schweizerische Neutralität» vom 17. Oktober 1939.

Wer die Schuld an diesem Krieg trug und wer der Aggressor war, war vom ersten Kriegstag an sonnenklar. Dennoch verfiel Bretscher nicht der Versuchung, die Neutralitätsmaxime einem wohlfeilen Moralismus zu opfern. Auf die wiederhergestellte, keinen Vorbehalten, keiner Differenzierung mehr unterliegende «uneingeschränkte Neutralität» der Schweiz könne «nicht der Schatten eines Zweifels oder einer Zweideutigkeit fallen». Sie bedeute die «bedingungslos gleiche Behandlung beider Parteien in einem kriegerischen Konflikt durch die neutrale Schweiz», militärisch abgesichert durch die Schweizer Armee, die «die Unabhängigkeit, Unversehrtheit und Sicherheit des Vaterlandes gegen jeden fremden Angriff, komme er, woher immer, mit allen Mitteln schützen» werde, wie der Bundesrat am 30. August 1939 betonte.

Bretscher – auch diese analytische Unterscheidung geht seinen Nachfolgern durch die Lappen – stellte klar, dass die strikt und absolut neutrale Aussenpolitik der Schweiz nicht mit moralischer Indifferenz oder gar einem Maulkorb für den Bürger zu verwechseln sei: «Die unbedingte Wahrung der Neutralität ist für das Schweizervolk eine Selbstverständlichkeit, die durch den Umstand, dass das gleiche Schweizervolk daneben auch seine bestimmten Meinungen über den Krieg hat, gar nicht berührt wird.»

Mit anderen Worten: Gesinnungsneutralität verlangt niemand. Die Neutralität der Schweiz als Lebensversicherung in Zeiten des Kriegs misst sich nicht daran, wie man sich dabei fühlt, sondern daran, was sie bewirkt. Entsprechend verteidigte Bretscher die «unbedingte Neutralität» und wies jede «willkürliche Ausweitung des Neutralitätsbegriffes» als «unstatthaft und gefährlich» zurück.

«Martyrium der Neutralität»

Während heutzutage nicht nur eine NZZ, sondern auch der Schweizer Bundesrat und die Parteienvertreter von links bis Mitte-rechts nach Applaus aus dem Ausland gieren und alles tunlichst vermeiden wollen, was irgendjemandem, vor allem aber den «europäischen Partnern» missfallen könnte, erinnerte Bretscher in einem weiteren Leitartikel vom 2. November 1942 an das «Martyrium der Neutralität». Dieses bestehe wesentlich darin, «dass wir es beim besten Willen keiner der Kriegsparten recht machen können».

Schon damals klangen die Vorwürfe der Neutralitätsgegner und -verwedler wie heute: Man tadle das «Stillesitzen» der Schweiz als nationalen Egoismus, und man drohe den «Abseitsstehenden», dass sich ihre Haltung früher oder später an ihnen rächen werde, beobachtete Bretscher. Inzwischen ist das zum Narrativ nicht bloss der NZZ, sondern der politischen Elite des Landes geworden.

Nachzulesen sind die Gedanken des weitsichtigen Chefredaktors in einem Sammelband seiner wichtigsten Kommentaren zwischen 1933 und 1944. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, legte die NZZ das Buch zum 90. Geburtstag ihres bedeutendsten Angestellten nochmals auf. Im Vorwort schrieb der damalige Chefredaktor Hugo Bütler, die ausgewählten Texte seien «Dokumente eines publizistischen Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz». Man schrieb das Jahr 1987, und ein schweizerisch-deutscher Jungjournalist, aufgewachsen in der Bundesrepublik, machte seine ersten Gehversuche in der NZZ als Praktikant. Sein Name: Eric Gujer.

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Fortsetzung folgt.
*Der Artikel erschien zuerst in der «Weltwoche». Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Wumms: Adrian Schmid

Der Neutralitäts-Initiative-Basher gibt nicht auf. ZACKBUM auch nicht.

Man fragt sich wieder vergeblich, wo denn die Qualitätskontrolle beim Kopfblattsalat aus dem Hause Tamedia ist. Hitzschlag oder in den Ferien.

Also darf Schmid seinen Feldzug fortsetzen, nur wird es langsam ziemlich dünn bei Argumenten. Also noch dünner: «Abstimmung über Neutralität: Parlament probt Aufstand gegen russische Propaganda», poltert er weiter.

Wow. Gut, es sei ja nur eine Probe gewesen, aber wie äussert sich denn dieser «Aufstand»? Also eigentlich sind die Parlamentarier bis Mitte September in der Sommerpause. Das steht einem Aufstand schon mal hinderlich im Wege. Oder haben sich National- und Ständeräte vor dem Bundeshaus versammelt – bei dieser Hitze – und skandiert «nieder mit der russischen Propaganda; Blocher, Moskau einfach»?

Nein, für Schmid, der auch vor Demagogie und Fake News nicht zurückschreckt, beginnt ein Parlamentarieraufstand bei zwei Nasen. Die im Sommerloch gerne mal wieder in die Medien kommen wollen. Es handelt sich um zwei Möchtegerns. «Ständerätin Marianne Binder fordert eine Protestnote des Bundesrats gegen russische Propaganda». Damit könnte sicherlich verhindert werden, dass Moskau die Neutralität-Initiative «kapert», wie Schmid schon völlig losgelöst von der Wirklichkeit behauptet hat.

Ihr zur Seite gesellt sich der Ex-Juso und SP-Nationalrat David Roth, eine gewichtige Stimme in Bern. Er «verlangt eine Wirkungsprüfung der 2024 eingeleiteten Gegenmassnahmen». Ja wozu denn. Wenn man Schmid glauben kann, aber wer tut das schon, sind alle diese Massnahmen völlig wirkungslos geblieben, der russische Bär tanzt im Schweizer Abstimmungkampf Kasatschok.

Eine Welle ist’s ab drei; auch diese alte Journalistenregel ist nicht mehr in Kraft.

Binder macht sich wunschgemäss echt Sorgen: ««Die russische Desinformation hat sich dramatisch entwickelt», sagt Mitte-Ständerätin Marianne Binder. Sie fordert die Initianten auf, sich zu distanzieren.» Vielleicht sollte sich Binder mal zu ihren vielfältigen Interessensbindungen äussern und sich gegebenenfalls davon distanzieren.

Aber gut, Schmid schafft doch noch den Aufschwung ins Allgemeine: «Doch auch Bürgerliche erhöhen den Druck auf den Bundesrat.» Und was macht der, dieser druckresistente Schlingel? Ungeheuerliches: Da «sagte Ignazio Cassis am Dienstag vor den Medien, die Bevölkerung sei «reif und intelligent genug», die Kommentare richtig einzuordnen. In der Schweiz gebe es viermal pro Jahr Abstimmungen, und die ganze Welt spreche darüber. Solange die Quelle transparent sei, «gehört das zur Politik»

Unglaublich, er weiss wohl nicht, dass der Schweizer Stimmbürger hilflos der Russenpropaganda auf den Leim kröche, wenn Kriegsgurgel Georg Häsler in der NZZ und Schmid bei Tamedia nicht im Chor dagegen ankreischen würden.

Denn merke: nur ein richtig beeinflusster Stimmbürger stimmt auch richtig ab, nämlich gegen diese «Putin-Initiative», die von einer Fünften Kolonne Moskaus in der SVP lanciert worden ist. Vom Urschweizer zum Unschweizer, so schnell geht das.

Gut, der Aufstand schnurrt bei genauerer Betrachtung auf zwei Nasen zusammen. Aber es tut sich ein neuer Abgrund auf: horribile dictu, ist unser Aussenminister Cassis etwa schon der Russenpolka erlegen? Ganz im Gegensatz zu den Grossstrategen und Propaganda-Entlarvern Binder, Roth, Schmid und Häsler sieht er keinen Anlass. gegen die Gehirnwäsche aus Moskau etwas zu unternehmen.

Da tut sich möglicherweise ein Abgrund von Landesverrat auf; Häsler, übernehmen Sie wieder. Schmid ist ausgeschossen, seine Stimme schon heiser vor lauter ungehörten Warnrufen.

Man wünschte sich nebenbei, dass diese tapferen Vaterlandsverteidiger gegen äussere Einflüsse auch so mutig wären, wenn es um despektierliche und freche Anwürfe aus den USA geht. Das «Loch im Donut» der Nato sei die Schweiz, sagte der ehemalige US-Botschafter von ihnen unwidersprochen.

Wo ihre Löcher sind, das wollen wir aus rechtlichen Gründen nicht vertiefen.

Die Kloake im Internet

Der anonyme Kommentator ist eine Pest.

Wie jeder, der öffentlich publiziert, fragt sich der ZACKBUM-Autor, welche Psychopathologie erklären könnte, wieso es dermassen viele anonyme Kommentatoren gibt, die das Internet zur Triebabfuhr missbrauchen.

Aber lassen wir die persönliche Betroffenheit beiseite und gehen ins Allgemeine. Zunächst einmal werden unzählige Rülpser schon mal aussortiert. Rekordhalter scheint der «Blick» zu sein, der nach der letzten erhältlichen Angabe über 50 Prozent löscht. Bei den übrigen grossen Plattformen liegt die Ablehungsquote zwischen 25  und 30 Prozent.

Das erste Problem besteht darin, dass der Betreiber der Webseite für den Inhalt haftbar gemacht werden kann. Lässt er einen ehrverletzenden oder sonstwie gegen Gesetze verstossenden Kommentar durch, kann es ohne weiteres Rechtshändel geben, die meistens ins Geld gehen.

Das zweite Problem besteht in der schieren Masse. Es gehen täglich in der Deutschschweiz insgesamt rund 30’000 Leserkommentare ein, also etwa 11 Millionen pro Jahr. Davon werden täglich bis zu 9000 aussortiert, also 2,7 bis 3,3 Millionen jährlich. Die Müllabfuhr wird heute meistens in erster Linie von Algorithmen erledigt, immer weniger Geld wird für eine Kontrolle durch Menschen ausgegeben.

Das sind arme Schweine, die irgendwo auf der Welt sich ein kleines Zubrot verdienen, indem sie durch diesen Morast waten.

Unerklärlich ist, wie jemand auf die Idee kommen kann, zum 217. Kommentar noch den fünften kommentierenen Kommentar schreiben zu müssen. Ebenso verblüffend ist, dass sich Kommentarschreiber oftmals ineinander verbeissen und herumkrakeelen, ohne dass der Inhalt noch das Allergeringste mit dem eigentlichen Artikel zu tun hat.

Eine besondere Spezies sind auch die Kommentatoren, die unter verschiedenen Pseudonymen mit sich selbst Zwiegespräche führen. Allgemein verbreitet ist die Auffassung, dass es ein Menschenrecht sei, sich auf von anderen zur Verfügung gestellten Plattformen versäubern zu können.

Inzwischen sind die meisten Portale dazu übergegangen, Klarnamen und weitere Angaben wie E-Mail-Adresse oder Telefonnummer zu einzufordern. SRF verlangt zum Beispiel seit 2015 eine gültige E-Mailadresse und eine existierende Telefonnummer, mit der man sich zuerst registrieren muss.

Der Klarnamen wird dann publiziert. Aber auch das kann natürlich mit ein wenig Geschick umgangen werden. Obwohl viele Deppen nicht wissen, dass man sie über ihre IP-Adresse dingfest machen kann. Auch «Blick» fährt eine entsprechende Linie, ebenso die NZZ, Tamedia, «20 Minuten», «watson» oder CH Media, auch wenn hier noch Nicknamen oder Pseudonyme öffentlich werden können, insofern ein Klarname hinterlegt ist.

Bei Tamedia in erster Linie gibt es aber das Problem, dass es viele Beschwerden gibt, die auch ZACKBUM schon gesammelt hat, dass eigentlich publikationswürdig Kommentare zensiert werden, wenn sie nicht der ideologischen Linie entsprechen.

Aber selbst wenn diese Regeln eingehalten werden, ist es eigentlich unverständlich, wie inhaltsleeres Geschimpfe («so ein Quatsch, hat keine Ahnung») oder die Verwendung von reinen Verbalinjurien, die aber noch nicht gegen gesetzliche Bestimmungen verstossen, geschrieben und auch publiziert werden.

Häufig haben Autoren auch irgendwelche Trolls an der Backe, die unermüdlich und repetitiv ihrer Abneigung gegen die Person Ausdruck verleihen, völlig unabhängig vom Inhalt und bar jeglicher Argumente.

Interessant ist ein Vergleich mit dem angelsächsischen Raum. Grosse Medien wie die «Financial Times», die «New York Times», das «Wallstreet Journal», die Londoner «Times» oder der «Guardian» bekommen häufig Hunderte von Kommentaren, die aber fast ausschliesslich gesittet und auf das Thema eingehend geschrieben werden.

Andere haben die Kommentar-Funktion schlichtweg abgeschafft. Dazu gehören seit Dezember 2023 der «Spiegel», Reuters oder Associated Press oder die BBC. Hier finden Debatten wenn überhaupt in eigens dafür geschaffenen Gefässen oder in den Social Media statt.

Eine andere Variante ist, dass nur zu ausgewählten Artikeln Kommentare erlaubt werden. So verzichtet beispielsweise «20 Minuten» auf Kommentare bei Themen, bei denen erfahrungsgemäss die Emotionen hochgehen.

Natürlich ist jeder Autor über ein schnelles Feedback froh.Es gibt sogar Kommentare, die erkenntnisfördernd sind oder, auch wenn das schmerzt, auf Fehler hinweisen.

ZACKBUM, und das ist ein Lob, kann immerhin vermelden, dass nicht zuletzt unterstützt durch gelegentliche Ordnungsrufe nur ganz wenige Kommentare ausgesondert werden müssen. Ein anderes Thema sind allerdings die Spam-Kommentare, da trudeln monatlich mehr als 10’000 ein – und werden automatisch aussortiert.

Aber das ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Alleine in der Schweiz werden auf den Social Media (Instagram, Facebook, TikTok, YouTube, LinkedIn und wie sie alle heissen) so etwa zwei bis drei Millionen Kommentare veröffentlicht. Pro Tag. Das sind 50 bis 100 mal mehr Kommentare als auf den Medienwebseiten.

Hier ist der Klarname keineswegs Voraussetzung. Dementsprechend ist auch das Niveau. Wenn man bedenkt, dass es auch hier immerhin ein wenig technologische Voraussetzungen braucht, um Dreinkrähen zu können, es also nicht nur hirnamputierte Analphabeten sind, dann muss man schon am geistigen Zustand der Menschheit zweifeln. Oder verzweifeln.

 

 

Schmierenjournalismus

Es ist die übelste Form von Demagogie und Denunziation.

Man nennt es Kontaminieren durch Übertragung. Es gehört zu den ältesten von üblen Demagogen angewandten Methoden. Semantische Vergiftung, leicht gemacht: «Neutralitätsinitiative»? Ach was, «Putin Initiative». Restriktive Migrationspolitik? Ach was, «Trump-Politik» oder inzwischen vergangen, «Orbanisierung».

Forderung nach Friedensverhandlungen mit Putin? Ach was, «Putins Geschäft betreiben». Ablehnung  verschärfter Klimapolitik? Ach was, «Klimaleugung». Als ob jemand das Klima leugnen würde. Kritik an islamistischen Fundamentalisten? Ach was, «Islamophobie». Steuersenkung für Unternehmen? Ach was, «Geschenke an die Reichen». Direkte Demokratie gegen internationale Verpflichtungen? Ach was, «Rosinenpickerei». Von allen Themen, die mit Gender-Wahnsinn oder Sprachreinigung («Mohrenkopf») zu tun haben, ganz zu schweigen.

Natürlich kann das von allen Seiten angewendet werden. Der Begriff «notwendige Regulierung» ist neutral bis positiv. «Bürokratieausbau» ist bereits negativ. «Verbotskultur» noch stärker. Höhepunkt wäre hier «DDR-Methoden». Das gilt verschärft für den Einsatz der Nazikeule («erinnert an braune Zeiten, ist Ausdruck von faschistoidem Denken»).

Kontaktschuld, wer mit einem Gottseibeiuns auch nur redet oder ihn zu Wort kommen lässt, ist sein Helfershelfer. Schuld durch Assoziation, so heisst dieses Drecksspiel.

Es wird in letzter Zeit massiv von Kopfblattsalat aus dem Haus der Qualitätsmedien Tamedia betrieben. Und, leider, auch von der NZZ.

ZACKBUM hat sich bereits ausführlich dazu geäussert. Besonders bedauerlich dabei das Blatt der Dichter und Denker. Das ist zwar von der Meinungsfreiheit gedeckt, sorgt aber – als ob das noch fehlte – zu einer weiteren Verluderung der politischen Debatte. Man nehme eine politische Position oder Forderung, und verbinde sie mit den negativen Eigenschaften eines bösen Begriffs. Et voilà.

Die Methode hat einen unbestreitbaren Vorteil. Sie enthebt den Schmierenjournalisten von jeglicher Verpflichtung zur Argumentation. So nach alter Väter Sitte: Da sagt einer das. Das ist aber falsch, weil. Nach der korrekten Wiedergabe müsste eigentlich ein Argumentarium folgen, wieso diese Aussagen oder Positionen falsch sind. Wie in den Dialogen Platons, aber wer kennt die schon noch.

Der zweite Vorteil besteht im Ausnützen des heute grassierenden funktionalen Analphabetismus. Nach OECD-Erhebungen ist bereits jeder fünfte Schweizer zwischen 15 und 65 nicht in der Lage, mehr als kurze Texte zu verstehen, und nur, wenn die Information darin klar und einfach formuliert ist. Von einem längeren Text oder einem Satz mit einem oder zwei Nebensätzen ganz zu schweigen.

Dass es inzwischen viele Nachrichtentexte in sogenannter vereinfachter Sprache gibt, ist ein untrügliches und bedauerliches Zeichen dafür. Diese Demagogie hingegen ist häufig begleitet von einer mehr als mangelhaften Beherrschung der deutschen Sprache. Schiefe Bilder, falsche Kausalität, blasses Denken, Geholper in kurzen Hosen.

Die Lufthoheit über Debatten hat man noch nie mit Sätzen wie «es handelt sich hier um ein Diskursproblem, wo verschiedene Systeme im luhmannschen Sinn aufeinanderprallen, wozu schon Baudrillard ganz richtig bemerkte ...» erobert. Das ist schon immer etwas für die «happy few» (Stendhal) gewesen, wo an selbstentzündeten Lagerfeuern Intellektuelle Kriegstänze aufführen, sich verbal auf die Brust schlagen und vor eigener Bedeutsamkeit kaum geradeaus laufen können.

Eingesetzt werden sie von allen, vor allem in den USA. «Yes, we can» gegen «Make America great again». Zwei völlig inhaltsleere Slogans, die zudem völlig austauschbar sind und auch für Erektionshilfen eingesetzt werden könnten.

Aber parteiliche politische Propaganda sollte etwas anderes sein als die Aufgabe des Journalismus, durch Einordnung und Analyse den Lesern Entscheidungshilfen beim Verstehen der überkomplexen Welt zu liefern. Wo nur eins sicher ist: es gibt kein Schwarzweiss. Es gibt nur bunt, vielschichtig, kompliziert und widersprüchlich.

Nur ganz selten, wie im Fall des Hitlerfaschismus oder der Gräueltaten im Sudan (und wer spricht schon von der Menschheitskatastrophe dort, falscher Ort, falsche Hautfarbe der Betroffenen), gibt es nur Schwarzweiss. Aber auch hier trägt eine fulminante Verurteilung nicht viel zum Erkenntnisgewinn bei. Und nur der, wir danken der Aufklärung auf Knien, führt zu Fortschritt.

Was sich in der allgemeinen Orientierungslosigkeit seit dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers abspielt, ist aber das Stolpern im Durcheinandertal (Dürrenmatt). Während früher den Linken vorgeworfen wurde (auch von der SVP und ihrem Vorgänger BGB), die Fünfte Kolonne Moskaus, Helfershelfer der drohenden Gefahr aus dem Osten zu sein, widerfährt das inzwischen sogar der SVP selbst.

Christoph Blocher wird sich wundern, dass ihm im fortgeschrittenen Alter irgendwann noch «Moskau einfach» entgegengebrüllt wird. Das hat etwas Absurd-Komisches, ist aber in Wirklichkeit erbärmlich.

Bezeichnend ist auch, dass in der angeblichen Forumszeitung Tamedia (oder CH Media oder NZZ) niemals (oder in der NZZ ganz, ganz selten) die Gegenposition zu Wort kommen darf, die nicht in die eigene ideologische Gesinnungsblase passt.

Neben dieser miesen Demagogie wird ebenfalls immer direkter und hemmungsloser auf den Mann (und auf die Frau und auf everybody beyond) gespielt. Da äussert nicht einfach einer eine – möglicherweise falsche – Meinung. Nein, damit zeigt er, wessen Geistes Kind er ist. Es geht nicht um seine Meinung, sondern um seine Haltung. Und die ist verachtenswert. Also ist er ein verachtenswerter Mensch, der zum Schweigen gebracht werden muss. In der Schweiz bislang glücklicherweise nur mit Zensur oder der Vernichtung seiner bürgerlichen Existenz. Wie im Fall Baud und anderen.

Um ins gleiche Horn zu stossen: all die Schmierfinken, die dem Vorschub leisten, sollten mit Schreibverbot belegt werden. Aber wir äussern diese Forderung nur, weil wir wissen, dass sie völlig illusorisch ist. Kommt aber von Herzen.

 

Schnarchnasen

Gerade wird das Ende des Finanzplatzes Liechtenstein eingeläutet. Aber es ist heiss, kein Schwein schaut.

Seit der doppelten Notrettung der UBS, seit dem schmählichen Ende der Credit Suisse ist nichts Vergleichbares passiert. Dazu in unmittelbarer Nähe der Schweiz.

Dem Fürstentum Liechtenstein sind seine Kronjuwelen abhanden gekommen. Personen können nun mit all den hübschen Gefässen wie  Stiftungen, Trusts & Co. zusammengeführt werden. Was viele der 31’000 Betroffenen tunlichst vermeiden wollten. Und was ihnen auch mit heiligen Schwüren von den 130 fürstlichen Treuhändern versprochen worden war.

Also der GAU, der Schlag ins Kontor. Wie das auch immer ausgeht und was mit diesen Daten auch immer geschieht: das Vertrauen in den Finanzplatz Liechtenstein als sichere und diskrete Aufbewahrungsstelle für Vermögen jeglicher Art ist futsch.

Und Vertrauen, das weiss sogar jeder Banker bei der LGT oder der LLB, ist die Grundlage des Geschäfts.

Also ein Fest für die vom Sommerloch und der Sommerhitze geplagten Medien in der Schweiz. Da sollten die Artikel, die Nachzüge, die Zusätze, die Weiterungen, die Analysen, die Einordnungen nur so heraussprudeln.

Es geht.

Seitdem der Skandal explodiert ist, verzeichnet die SMD schlappe 30 Treffer, wenn man nach Cyberangriff und Liechtenstein sucht.

Zunächst einmal das rein Deskriptive, die Zusammenfassung, was vier wie begossene Pudel dastehende fürstliche Regierungsmitglieder an der Pressekonferenz vom Sonntag eingestanden.

Das wären schon mal 12 Artikel, Doubletten in den Kopfsalatblättern von CH Media und Tamedia nicht mitgezählt. Dann ein paar dünne Versuche der Einordnung, die NZZ interviewt einen «Stiftungs-Spezialisten», Anwälte und andere berufene, öffentlichkeitsgierige, aber von vertieften Kenntnissen unbeleckte Anwälte und «Spezialisten» melden sich ebenfalls zu Wort. «Super-GAU» ist das beliebteste Stichwort.

Nachdem die blosse News abgefrühstückt ist, wird es ganz dünn. «Täterschaft weiterhin unklar», zu solchen Allgemeinplätzen muss gegriffen werden. Vertieft Recherchierende vermelden sogar, dass die tatkräftige Regierung im Ländle doch tatsächlich Strafanzeige gegen unbekannt eingereicht und andere Datenbanken vom Netz genommen habe.

Und sonst? Nichts sonst.

Täterschaft unklar? Wieso, die Anzahl der üblichen Verdächtigen ist so klar wie überschaubar. Eine tatkräftige NGO, Kriminelle, Geheimdienste oder andere staatliche Behörden, stinksaure Besitzer der 800 Zombie-Trusts, ein geldgieriger Insider. Oder jeder beliebige Amateur-Hacker, wenn die IT-Sicherheit so schlapp war, wie zu vermuten steht.

Wie weiter? Da wollen sich alle Kommentatoren vornehm zurückhalten, das Fürstentum könnte ja übelnehmen und Rufschädigung sowie Beleidigung oder Verstoss gegen das UWG krähen. Also kein Wort darüber, dass das nicht einfach ein GAU ist wie der Datenklau bei der LGT, der zum Steuerskandal (Zumwinkel) und dem Ende des Geschäftsmodells Tarngefäss zur Steuerhinterziehung führte.

Sondern dass das ohne Weiteres das Ende des Finanzplatzes Liechtenstein einläuten könnte, wie wir ihn kennen und wie ihn die Treuhänder und die Fürstenbanken lieben.

Denn dort werden Gelder nicht besser verwaltet oder gemehrt wie in vielen anderen Orten der Welt. Sogar eher schlechter, weil happige Gebühren und exorbitante Honorare abgegriffen werden. Aber die Basis dafür ist ganz einfach mit einem Wort zu beschreiben: Vertrauen.

Vertrauen darauf, dass der Nutzniesser im Hintergrund bleibt, der Treuhänder ihn nicht zuletzt mit seinem Anwaltsgeheimnis und unterstützt von der fürstlichen Justiz beschützt. Und er niemals nicht damit rechnen muss, geoutet zu werden.

Tschakata.

Unabhängig davon, was mit den geklauten Datensätzen passieren wird: das Vertrauen ist weg. Sie bleiben geheim, weil sie vom Fürsten zurückgekauft wurden? Vertrauen ist weg. Sie werden für Erpressung und andere kriminelle Handlungen benützt? Vertrauen ist weg. Sie werden von Staatsbehörden oder dem Fiskus des Steuersitzes des Besitzers gegen ihn benützt? Vertrauen ist weg. Sie werden, wie bei dem Riesenklau in Panama und anderswo, einfach ins Netz gestellt? Vertrauen ist weg.

Und ist das Vertrauen weg, ist ein Finanzplatz am Ende.

Aber nicht einmal so diesen naheliegenden Schlussfolgerungen können sich die schwitzenden C-Teams aufraffen, die während der Sommerpause auf den Schrumpfredaktionen die Stellung halten müssen.

Schweizheute. Hä?

Ein neues Newsportal. Schaut jemand hin?

Zur Feier des 1. August (ohne Feuerwerk, schnief) eine erste Analyse des neuen Portals schweizheute.ch. Es wurde vor zwei Monaten von CH Media aus der Taufe gehoben und verzeichnet bereits hohen Zuspruch.

Oder auch nicht. Denn es sind keinerlei Zahlen über Nutzer oder Besucher vorhanden. CH Media, WEMF, Mediapuls, Similarweb, Semrush? Nix, keine Angaben.

Es ist eine typische Schreibtischidee von Managern, denen bis heute zur sinnvollen Nutzung des Internets oder zum Ausschalten des Mittelsmanns bei Inseraten nichts einfällt.

Bündelung der Arbeit von 350 Journalisten aus dem verzweigten Redaktionsnetzwerk der 18 CH-Media-Tageszeitungen. Von der Aargauer Zeitung bis zum Zofinger Tagblatt, von der Appenzeller Zeitung bis Urner und Zuger Zeitung. Alle Inhalte zweitverwertet.

Grosses Gedöns, wie immer: «Zudem investierte CH Media gezielt in die Redaktion. In den vergangenen Monaten wurde die Inlandredaktion neu aufgestellt: Lea Hartmann und Michael Graber übernehmen gemeinsam die Leitung. Anna Wanner und Doris Kleck fokussieren sich auf neue publizistische Aufgaben. Mit Fabian Schäfer von der «NZZ» und Céline Zahno vom «Blick» wurde die Redaktion zusätzlich verstärkt.» Zwei Nasen geholt, Wahnsinn.

Wobei Schäfer grummelnd abging, weil er mit der dann nicht erfolgten Anstellung von Dominik Feusi nicht einverstanden war. Und Zahno ist ein 25-jähriger Jungspund mit einem Jahr Erfahrung beim «Blick».

Es ist zudem nicht so, dass dieser Markt jungfräulich und der Eroberung harrend wäre. Da hätten wir SRF News, Blick, Tamedia, NZZ, «20 Minuten», blue news oder sogar «watson» aus dem gleichen Haus, aber nicht Teilnehmer an schweizheute.

Die Zahl der monatlichen Unique User aller CH-Newsportale zusammen wird nicht veröffentlicht. Es ist nach wie vor ein Dschungel im Online-Angebot.

Was soll nun schweizheute bieten, was ein Besuch der bisherigen Online-Portale von CH Media nicht böte? Es soll sich auf übergeordnete Themen wie Schweizer Politik, Wirtschaft, Ausland, Kultur und Sport konzentrieren, dazu natürlich «Hintergrundberichte und Analysen» sowie «ausgewählte regionale Geschichten».

Ein erster Blick aufs Angebot zeigt: Aufgewärmtes und Rezykliertes ist die Devise. Das ist auch kein Wunder, denn es gibt keine eigenständige Redaktion, sondern nur Abfüllgehilfen, die aus dem vorhandenen Angebot schöpfen. Das bei übergeordneten Themen sowieso schon von einer Zentralredaktion in Aarau stammt, die die gleiche Sauce in alle 18 Blätter giessen, die das dann noch mit ein paar lokalen Themen anreichern.

Auch dieses Angebot dürfte nicht allzu viel begeisterte Nachfrage finden:

Was interessiert den Leser der «Aargauer Zeitung», was die «Thurgauer Zeitung» Regionales bietet? Oder umgekehrt? Ernüchternde Ansage: null, nichts, nada.

Wie unausgegoren die Idee ist, zeigt noch ein weiterer Fakt. CH Media hat sich in den letzten Jahren 11 Radiosender und 7 TV-Stationen zusammengekauft und ist damit nach SRF unbestritten der grösste Anbieter. Statt einfach das Print- oder vorhandene Zeitung-Onlineangebot nochmals auf einer neuen Plattform zu bündeln, wäre es höchstens sinnvoll, das mit den elektronischen Medien zu verschmelzen.

Wie altmodisch das Denken der Manager ist, zeigt sich auch in der Werbestrategie. Traffic is king im Web, und wie schaufelt man Traffic auf eine völlig neue Seite, damit sie möglichst schnell eine kritische Masse erreicht, die sie für Werbung attraktiv macht? CH Media setzt hier auf die bestehenden Leser der Regionaltitel, interne Verlinkungen und als modernstes der Gefühle auf Push-Mitteilungen der App.

Social-Media-Strategie, wo man wenn schon junge Leser abholen könnte? Was ist das, wäre die Antwort der Manager aus dem Wanner-Clan.

Die zentrale Frage bei einem neuen Produkt ist immer: was ist die USP, was macht es einzigartig, was unterscheidet es von der existierenden und etablierten Konkurrenz, was ist sein Mehrwert, was löst «muss haben» aus.

Da lautet bislang die einzige Antwort von schweizheute: neu. Damit sieht man schnell einmal alt aus.

 

«Spiegel» ausser Rand und Band

Unschuldsvermutung? Scheiss drauf, wenn es um einen SVP-Politiker geht. Nicht nur beim Nachrichtenmagazin aus Hamburg.

Als der Artikel eines gewissen mvr am 22. Juli um 12.06 Uhr erschien, war er zunächst frei zugänglich. Anschliessend verschwand er hinter der Bezahlschranke. Es handelt sich um den Schweizer Chef des «Spiegel»-Auslandressorts Mathieu von Rohr.

Es ist im Wesentlichen ein Zusammenschrieb von in Schweizer Medien bereits erschienen Berichten über einen besonders widerlichen Straffall. Ein Mann soll ein von ihm abhängiges, damals minderjähriges Mädchen und seine Mutter mehrfach betäubt und missbraucht haben, auch noch eine andere Person. Zudem soll er das gefilmt haben. Beide verfügen nur dank ihm über eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz.

Gleichzeitig zog er als Politiker gegen Pädophile – und Ausländer – her.

Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Anklage erhoben, der Mann sitzt seit 2023 in Untersuchungshaft. Die Mutter und ihre Tochter, beide aus Polen, sahen sich nach seiner Verhaftung damit konfrontiert, dass die Behörden ihre Ausweisung verfügten: es handle sich beim Arbeitsvertrag, den der mutmassliche Täter mit seiner Lebensgefährtin abgeschlossen hatte,  um ein Scheinarbeitsverhältnis.

Beide standen dem «Tages-Anzeiger» mit Namen und Foto Red und Antwort. Die Mutter befindet sich laut der Zeitung in stationärer psychiatrischer Behandlung, nachdem sie 2024 einen Nervenzusammenbruch erlitten habe. Die Tochter, heute 18 Jahre alt, soll eine Bäckerlehre wegen des psychischen Drucks abgebrochen haben.

Soweit, so scheusslich. Natürlich werden sofort Erinnerungen an den Fall Pelicot in Frankreich wach. Allerdings gibt es einige Unterschiede. Der Haupttäter Dominique Pelicot war geständig und ist verurteilt.

Im Schweizer Fall berichtet der «Spiegel»: «Die Staatsanwaltschaft im Schweizer Kanton Aargau hat am Montag einen ehemaligen Politiker der rechtspopulistischen Schweizerischen Volkspartei (SVP) angeklagt und fordert eine lebenslängliche Freiheitsstrafe.»

Das Triggerwort ist hier rechtspopulistischer Politiker. Das führt dazu, dass im Artikel der Angeklagte mit vollem Namen und Alter und Wohnort an den medialen Pranger gestellt wird. Damit nicht genug, mit einem unverpixelten Foto aus einer SVP-Pressemitteilung wird er öffentlich kenntlich gemacht und seine soziale Existenz vernichtet.

Natürlich wird im Artikel das übliche Feigenblatt verwendet:

«X. (hier steht im Original sein Name) bestreitet wesentliche Teile der Vorwürfe, es gilt die Unschuldsvermutung.»

Nein, die gilt für den «Spiegel» nicht. Denn die sollte eigentlich dafür sorgen, dass mutmassliche Täter – ausser, es bestünde ein überwiegendes öffentliches Interesse wie bei einer Fahndung nach einem Flüchtigen – nicht identifizierend ans mediale Kreuz genagelt werden. Denn, es darf gelacht werden, bis zu einer rechtsgültigen Verurteilung sind sie so unschuldig wie von Rohr und alle Leser des «Spiegel».

Das gilt selbstverständlich auch dann, wenn der mutmassliche Täter ein Geständnis abgelegt hat und die Beweise erdrückend erscheinen. Denn all das kann täuschen, es kann zu einem Freispruch mangels Beweisen oder sogar zu einem Fehlurteil kommen, das dann anschliessend korrigiert wird. Alles schon dagewesen.

Weil es nicht die Aufgabe der Medien ist, mutmassliche Täter vorzuverurteilen, Ankläger, Richter und Henker in einer Person zu spielen, gibt es diese allgemein anerkannten Regeln.

Mit einer Ausnahme: handelt es sich um einen rechtspopulistischen Politiker, gelten sie nicht für den «Spiegel». Auch der «Tages-Anzeiger», «Blick», «20 Minuten», «watson», nau.ch, «Nebelspalter» usw. nennen seinen Namen.

Die «Aargauer Zeitung» von CH Media veröffentlichte im Dezember 2023 einen Artikel, in dem der Beschuldigte mit Name, Alter, Bild und Wohnort identifizierbar war. Das wurde anschliessend mit Redaktionshinweis entfernt. Im Juli 2026 nannte CH Media wieder den vollen Namen.

Lediglich die SRG und die NZZ verzichten (bislang) darauf.

Das ist korrekt und richtig. Jemand, der seit Jahren in U-Haft sitzt und ehemaliger Kantonsrat ist, somit keine Person des öffentlichen Interesses, auch kein Flüchtiger, bietet keinen Anlass, namentlich vorverurteilt zu werden.

Angebliches öffentliches Interesse, aussergewöhnlich schwere Tat von besonderer gesellschaftlicher Bedeutung, nimmt eine leitende gesellschaftliche Position wahr?

Trifft auf diesen mutmasslichen Täter nicht zu. Bei aller Abscheu über seine möglichen Verbrechen: das ist auch abscheulich und eine verdammte Sauerei. Unverantwortlich, unethisch, rücksichtslos, brutal. Es ist der Hetztrieb der Meute; publiziert das erste Organ mit Namen und Foto, wetzt alles hinterher. Verwendet allenfalls noch zunächst eine Abkürzung, ein verpixeltes Foto oder mit Balken. Um dann alle Hemmungen fallen zu lassen.

«Knallt das Monster auf die Titelseite», hiess mal ein guter italienischer Film. Seither geht’s mit den Medien nur noch weiter bergab.

Auch während der #metoo-Hysterie wurde die Unschuldsvermutung ständig in die Tonne getreten. So schrieb sogar ein Schmierfink in der NZZ zunächst, dass der Sänger von Rammstein «zum Täter geworden» sei. Als das Blatt wieder zu Sinnen kam, wurde dieser Titel immerhin korrigiert. Die Vorwürfe führten dann zu keiner Anklage, geschweige denn Verurteilung.

Der «Spiegel» geruhte nicht, innert eingeräumter Frist auf eine Anfrage zu antworten. Obwohl das nicht das erste Mal ist, dass er sich in der Berichterstattung zu solchen Themen völlig vergaloppiert.