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Starkes Stück

NZZ trifft Lorraine. Volltreffer.

Man erinnert sich? Berner Alternativ-Beiz, Auftritt der Band «Lauwarm», Weisse mit Rastalocken, anonyme Nörgler im Publikum fühlten sich wegen angeblicher kultureller Aneignung «unwohl», Abbruch des Konzerts nach der Pause.

Danach Riesengebrüll mit internationalem Echo. Dialogfreier Austausch von Schnöseleien. Mitten drin das Kollektiv der Beiz, das mit der Situation heillos überfordert war.

So naheliegend wie schwierig, nach dem Sturm eine Reportage über das Lorraine zu schreiben. Besonders, wenn man Redaktor der NZZ ist. Aber Nadine A. Brügger beweist, was man mit Hartnäckigkeit und Sensibilität erreichen kann.

Rund vier Monate nach dem Skandal beginnt sie, per Mail um ein Gespräch mit den Beizern nachzusuchen. Einen Monat später und nach Aussprachen in kleiner und grosser Runde des Kollektivs bekommt sie am 14. November die Antwort: «Wir machen mit. Wänn chunsch?» Einen Tag später steht sie auf der Matte, beziehungsweise vor der Türe des Lorraine.

Auch in dieser Schlüsselszene zeigt Brügger, wie man szenische und reflektierende Passagen miteinander verbindet:

«15. November, Bern. Abends ist die Lorraine ein dunkles Quartier. Vor der Tür der Brasserie steht eine Frau, den Hund an der Leine, die Zigarette in den letzten Zügen. Aus einem Fenster fällt Licht auf die Strasse. Am Tisch dahinter sitzt eine fröhliche Männerrunde, Jasskarten in den Händen.
Drinnen hängt ein Kronleuchter von der Decke. In den Zeitungsständern ist die Auswahl bunter als an manchem Kiosk. In der Gaststube riecht es nach Essen. Zum Gespräch geht es in einen ruhigeren Raum. Auf dem Tisch dampft ein Zitronen-Ingwer-Tee.
Die Kollektiv-Mitglieder sind etwas nervös. Das legt sich erst, als sie davon erzählen, wie das so ist: im Kollektiv arbeiten.»

Das ist nicht anbiedernd, aber auch nicht im Nachhinein denunzierend. Denn nichts ist leichter, als durch geschickt gesetzte Adjektive oder maliziöse Bemerkungen eine Situation zu karikieren, ohne dass der Karikierte sagen könnte, man habe ihm das Wort im Mund umgedreht.

Leider hinter der Bezahlschranke, aber ein starkes Stück ganz einfacher Journalismus. Hingehen, hinhören, für den Leser die Zusammenhänge herstellen, nicht werten, einfach berichten.

Man erfährt auch, wie’s denn genau war. Die Band trat auf, in der Pause meldeten sich anonyme Schneeflocken beim Kollektiv und äusserten ihr Unwohlsein. Das wurde der Band mitgeteilt, wodurch die Stimmung dann futsch war. Man wollte mit den Unwohlen sprechen, aber die waren nach ihrer Denunziation bereits verschwunden. Welch ein feiger und peinlicher Auftritt. Dann Abbruch. Auch später hatte keiner der Verursacher des Skandals die Eier, sich öffentlich hinzustellen.

Ist eigentlich gar nicht so schwierig. Aber völlig aus der Mode gekommen. Verdrängt von Nabelschau, Rechthaberei, wohlfeilem Umschreiben der Wirklichkeit, wie sie dem Schreiber passt. Oder wie sie sein sollte. Daher ist dieser Artikel eine Oase in der Wüste.

Geld wert? NZZ

Eine Kurzserie zu unseren Tageszeitungen.

Wir steigen mal ganz oben ein. Zumindest preislich. Für Fr. 5.10 bekommt man 32 Seiten NZZ. Das sind ziemlich genau 16 Rappen pro Seite, ob mit Text (meistens) oder mit Inserat (selten).

Was bietet das Blatt als Kaufanreiz, also oberhalb des Bundes?

NZZ-Konservative schüttelt es schon mal beim nachkolorierten Foto. Kommt halt davon, wenn man von «kein Foto» über «Schwarzweiss, aber klein» zu «volle Dröhnung» fort- oder zurückgeschritten ist.

Aber ist sicher ein Hingucker. Bloss ist die Frage: Hat das die NZZ nötig? Was gibt’s sonst an diesem Montag? In China gehen ein paar Hundert Menschen auf die Strasse. Das ist sicherlich vermeldenswert, aber bei 1,42 Milliarden Einwohnern …

Die titelwürdige Mitteilung hingegen «Winter beeinflusst den Kriegsverlauf», das ist nun eine News, die den Leser überrascht. Verblüfft. Wer hätte das gedacht. Gilt das auch für den Sommer? Wie steht es mit Vollmond? Regen? Starke Winde? Wir erwarten, dass die NZZ dieses Thema weiter vertieft.

Und sonst? Was früher auch undenkbar gewesen wäre, das Zürich-Ressort schafft’s auf die Front, es gab im Kanton ein paar Abstimmungen.

Wir blättern 16 Rappen weiter und bekommen auf der nächsten Doppelseite ein Riesenfoto, einiges an Text und nette Kriegs-Sandkastenkarten gezeigt.

Richtig gewichtet? Bei diesem Panzer sicher nicht.

Auf Seite 4 dann endlich ein guter Grund, die NZZ zu kaufen. «Machtkampf in Pakistan», von Andreas Babst. Zwar in Delhi stationiert, aber das ist ja nur 614 km von der pakistanischen Hauptstadt entfernt. Seit 2020 Südostasien-Korrespondent des Blattes, das früher einmal in so ziemlich jedem Land der Welt wenigstens einen freien Mitarbeiter hatte. Aber gut, besser als nix, also besser als alle anderen Schweizer Tageszeitungen.

Dann «Der erbarmungslose Diktator», diesmal sitzt er in Teheran. Der Autor Michael Schillinger war bis 2020 Chef vom Dienst bei den Nachrichten, zuvor «Aufbau und Leitung des Onlinemagazins daslamm.ch.» Aus dem aktuellen Schaffen dieses Qualitätsorgans:

Dafür kann Schillinger nichts mehr? Nun ja, aber er hat’s aufgebaut und geleitet. Also Vergangenheit und Gegenwart erklären nicht so ganz, wieso er auf einer NZZ-Seite einen Ayatollah kompetent fertigmachen sollte.

Dann eine parteipolitisch völlig unabhängige und neutrale Seite: «Der glücklose Direktor Rösti». Aber scheint’s soll es nicht mehr obligatorisch sein, als NZZ-Redaktor Mitglied bei der FDP zu sein.

Dann Überblättern wir mal rund 4 Franken und kommen zur hübschen Medien-Story, dass der ältesten Zeitung der Welt das Aus drohe. Es geht um die «Wiener Zeitung», 1703 das erste Mal erschienen. Das wunderbare Foto aus dem Kaffee Hawelka tröstet über manches hinweg, auch darüber, dass die Medien-Seite der NZZ schon mal aktueller berichtete.

Schliesslich nimmt sich der Medien-Professor Urs Saxer dem auch nicht gerade taufrischen Thema an, dass die Floskel «es gilt die Unschuldsvermutung» nicht nur im Fall Vincenz zur lachhaften Leerformel verkam. Was noch danach kommt, läuft unter: kann man machen, muss man nicht machen.

Kleines Resümee. Fr. 5.10 verlangt die alte Tante im Einzelverkauf für 32 Seiten. Eine einzelne Stichprobe hat immer etwas Ungerechtes, zugegeben. Und die Sonntagsmannschaft ist traditionell bei Zeitungen nicht das A-Team. Aber: das hat sich nun nicht gelohnt. Zu teuer, zu wenig Gehalt, kaum Alleinstellung, nicht rasend kompetent, teilweise nicht mal Pflichtlektüre. Schade, wir wünschen gute Besserung.

Morgen: «Blick».

 

 

Sloterdijk in Hochform

ZACKBUM gesteht: wir halten ihn für aufgeblasen. Aber hier ist er in Bestform.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Peter Sloterdijk könnte über die Zubereitung eines Eis eine philosophische Abhandlung aus dem Ärmel schütteln, die gleichzeitig eine Zeitreise durch 2000 Jahre Geschichte des Nachdenkens wäre.

Sloterdijk weiss, wie man sich mit wehender Haartracht, sorgfältig auf der Nasenspitze platzierter Brille und edel geknitterten Anzügen (unsere Vermutung: Miyake) gut in Szene setzt. Wer ihn zum Gespräch bittet, weiss, dass er Worte wie Perlenketten aneinanderreihen kann und auf die blödeste Frage noch eine intellektuell-aufgeschäumte Antwort liefert.

Also in einem Wort: Selbstdarsteller. Eitel, sicher im Jargon, Dampfplauderer. Also näherten wir uns dem NZZ-Interview mit ihm vollbeladen mit Vorurteilen. Und wurden angenehm enttäuscht.

Der Mann ist in Hochform, man möchte am liebsten gar nicht aufhören zu zitieren. Aber wir beschränken uns auf ein paar Höhepunkte.

Auf die Frage, was seine Erklärung für die Lage der Welt sei:

«Philosophisch kompetent wäre die Bemerkung, dass die Lösungen nie schlimmer sein dürften als die Probleme

Zum Funktionieren von Verschwörungstheorien: «Ja, was die Erklärungsökonomie anbelangt, sind Verschwörungstheorien optimal gebaut. Sie fungieren als perfekte Gedankensparprogramme. Man erklärt einen Missstand durch den direkten Rückschluss auf einen verborgenen Verursacher, effektiver kann man es sich nicht machen. Wer so erklärt, gewinnt immer. Das wäre sehr schön, wenn nur die «Theorien» auch wahr wären.»

Geradezu genialisch ist diese Passage:

«Ihre Utopie ist ein Art Helvetisierung der Welt. Sehen Sie irgendeine Chance für ihre Verwirklichung?

Nein. Aber Utopien sind nicht dazu da, verwirklicht zu werden. Sie liefern Bilder, die den Menschen ihre gesunde Unzufriedenheit erhalten. Hände weg von der Verwirklichung, zumal was deutsche Ideen angeht. Deutschland ist, als Heimat von Karl Marx, die grösste Exportnation für Irrtümer, die die Welt bewegten. Das möchte man kein weiteres Mal riskieren. Deswegen wäre es mir nicht recht, wenn gesagt würde, ein deutscher Philosoph habe die Helvetisierung der Welt gefordert. Ideen, die aus Deutschland kommen, haben eine gefährliche Neigung zur Verwirklichung.»

Als Absackchen topf Sloterdijk dann noch die Journalisten ein. Anlass dafür gibt ihm die Frage, ob er vor der Vorstellung Angst habe, dass im kommenden Winter die Energie knapp werden könnte: «Ich neige in diesen Dingen zu einer robusten Tonart. Es gibt auch so etwas wie eine berechtigte Verachtung, und mir scheint klar, dass man auch Menschen verachten muss, die den Unterschied zwischen grossen und kleinen Sorgen nicht mehr verstehen. Leider gehören dazu auch viele Journalisten als berufsmässige Betreiber von Verwechslungen.»

Wer sich durch das unsäglich lange und streckenweise langweilige Interview mit einem anderen, etwas älteren Philosophen in der «Weltwoche» quälte, findet hier Labsal und Trost. Hätten wir von Sloterdijk nie erwartet, aber man täuscht sich gerne.

 

Spieglein an der Wand

Hat das Nachrichtenmagazin immer noch ein Kontrollproblem?

Man greift sich an den Kopf. Im August hatte der «Spiegel» seinen Lesern die erschütternde Geschichte erzählt, dass auf einer Insel im Grenzfluss zwischen Griechenland und der Türkei ein 5-jähriges syrisches Flüchtlingsmädchen an einem Skorpionstich gestorben sei. Hätten die griechischen Behörden nicht jede Hilfe verweigert, hätte es gerettet werden können.

«Todesfalle EU-Grenze», so lautet der anklagende Titel. Nur: Wie die NZZ wiederholt berichtet, gibt es erhebliche Zweifel an dem Wahrheitsgehalt. Und diverse Indizien dafür. Also hat das Magazin diese und drei weitere Storys des Autors vom Netz genommen und will sie eingehend überprüfen.

Das bedeutet nicht, dass das Hamburger Magazin schon wieder mit einem Fall Relotius konfrontiert ist. Es bedeutet aber, dass der berühmte Faktencheck immer noch nicht wirklich und überall funktioniert. Sonst wären schnell Belege zur Hand gewesen, mit denen das Nachrichtenmagazin jegliche Zweifel an der Story hätte ausräumen können. Was es aber nicht kann.

So resümiert die NZZ die Folgen des Relotius-Skandals: «Nach der Enttarnung bemühte man sich bei «Spiegel» zwar, Strukturen zu schaffen, die einen notorischen Lügner wie Relotius künftig unmöglich machen sollten. Das weltanschauliche Umfeld, das ihn erst ermöglichte, blieb so aber unausgeleuchtet. Das könnte sich jetzt rächen.»

Alles so schön bunt hier

Kunst trifft auf NZZ. Versenkt.

Es ist schon über 60 Jahre her, dass Pietro Manzoni 60 Dosen herstellte und so beschriftete:

Das hatte nun einen gewissen Originalitätswert als Verarschung (Pardon) der Kunstwelt, in der auch Banal-Alltägliches zu tiefer Bedeutung hochgezwirbelt wird, wenn es ein Künstler nur mit genügend Getue umgibt.

Nun scheint sich die NZZ in dieser Tradition zu sehen. Da diese Woche doch einiges los war, kommt ZACKBUM erst jetzt dazu, diese «Kunstaktion» zu würdigen.

Für alle, die das Prinzip noch nicht verstanden haben:

Da geht doch noch einer:

Unglaublich, diese variantenreiche Durchdringung des sprachlichen Raumes, wie hier durch Entäusserung geschlossene Systeme aufgebrochen werden, sich der Blick weitet, aber eben doch gefangen ist in einer neu gefärbten Wirklichkeit, deren Subtexte fein herausgearbeitet werden, indem das Unverständliche zur Kenntlichkeit entstellt wird, der Betrachter dazu gezwungen ist, …

Schwups, da sind wir doch auf  einer veritablen Künstlerschwurbel-Schleimspur ausgerutscht.

Nun mögen die Banausen unter den ZACKBUM-Lesern sagen: Das soll Kunst sein? Das kann mein Fünfjähriger, wenn ich ihn mit einem Pinsel und der NZZ spielen lasse. Damit zeigen sie aber einmal mehr, dass der Banause eben nicht weiss, was Künstlerscheisse, Pardon, was Kunst ist:

Wer die Künstlerin nicht erkennt: das ist Pipilotti Rist. Also leistet Abbitte, verstummt und bewundert. Was? Man konnte die NZZ nur schlecht unter diesem Geschmiere lesen? Banausen, oder sagte ich das schon.

Ach, man versteht den Satz auch nicht? Was «Hingehen in Traumwelten» anderes sei als Flucht vor der Wirklichkeit? Ts, ts, das ist zudem die falsche Frage. Die richtige wäre: was für eine Arbeit?

 

Weltfremde Provinzmedien

 Wie man in der Schweiz auf andere Sichtweisen reagiert.

Von Felix Abt

Meinen Artikel mit einem anschaulichen, aktuellen Beispiel über den Umgang mit «kultureller Aneignung» in Asien — in der Schweiz ein heisses, hier in Asien ein eher lauwarmes Thema — habe ich zeitgleich an die Neue Zürcher Zeitung (NZZ), die Handelszeitung und die Weltwoche geschickt.

Wie es sich für eine vornehme Dame mit guten Manieren gehört, antwortete die alte Tante von der Falkenstrasse höflich und innerhalb von 48 Stunden: «Wir haben in den letzten Wochen schon sehr viele Beiträge rund um das Thema der kulturellen Aneignung veröffentlicht und weitere Artikel sind in Planung, sodass wir nichts Zusätzliches mehr entgegennehmen können.»  Natürlich kann ich verstehen, dass neue, etwas aus der Reihe tanzende Aspekte von der NZZ nicht mehr berücksichtigt werden können. «Don’t rock the boat!», ist wohl das Motto der Zeitung, die nur wenige Gehminuten vom sanften Wellengang, Ruhe und Erholung bietenden Zürichsees entfernt liegt.

Die Handelszeitung hat es sich wesentlich leichter gemacht, indem sie überhaupt nicht reagiert hat. Ich habe fälschlicherweise angenommen, dass das Thema für eine Zeitung, die «Handel» im Namen trägt, mit Lesern, die Handel in Asien treiben, von Interesse sein könnte. Diese waren aber wahrscheinlich klug genug, ihr Abonnement zu kündigen und sich direkt in asiatischen Medien zu informieren.

Im März dieses Jahres wurde ich von der «Weltwoche» kontaktiert: «Gerade habe ich Ihren hochinteressanten Artikel über die Uiguren im ‘CovertAction Magazine’ gelesen. Wäre es möglich, eine deutsche, allenfalls leicht gekürzte Version davon in der ‘Weltwoche’ zu veröffentlichen? Wir sind immer bemüht, unseren Leserinnen und Lesern neue Sichtweisen auf bekannte Themen zu präsentieren. Ihr Artikel erfüllt dieses Kriterium ideal.» Sehr gerne, war meine Antwort und in der ersten Aprilwoche wurde der Artikel von beiden Seiten mit «Gut zum Druck» abgezeichnet. Warum der Artikel aus mir unbekannten Gründen nicht veröffentlicht wurde, bleibt das Geheimnis der Weltwoche.

Daher war ich nicht ganz überrascht, dass ich keinerlei Reaktion auf meinen neuen Artikel erhielt. Wahrscheinlich ist die vielgepriesene Meinungsvielfalt in dieser Zeitschrift so wahr wie die «Welt» im Titel, aber als Verkaufsargument für Roger Köppel erfüllt sie dennoch ihren Zweck.

Als in Asien lebender Schweizer mit einer «anderen Sichtweise» (ein weiterer Begriff, den Köppel gerne verwendet), die durch meine verschiedenen Aufenthalte und beruflichen Tätigkeiten geprägt ist, kann ich vielleicht einige ungewöhnliche Denkanstösse geben. Zum Beispiel, dass ich als einer der wenigen Schweizer, vielleicht sogar als einziger, ausgerechnet in Nordkorea ein Schwingerfest besucht habe. Wäre das nicht eine interessante Geschichte für die Weltwoche: Wie beliebt ist das Schwingen in Nordkorea? Haben es die Koreaner von den Schweizern abgekupfert oder gar umgekehrt? Bekommt der Sieger auch einen Muni geschenkt, einen abgemagerten Lebendpreis? Aber wenn sich die Weltwoche zu diesem Thema an mich wenden würde, könnte meine Antwort nur so lauten: Einer echten Weltwoche würde ich gerne zu einem spannenden Artikel verhelfen, aber einer Provinzwoche, die Sie eigentlich sind, kann ich nur empfehlen, sich weiterhin ausschliesslich mit Schweizer Schwingfesten zu beschäftigen.

Der von den vereinten Schweizer Mainstream-Medien abgelehnte Artikel wurde inzwischen in den USA von «Eurasia Review», in Deutschland von den alternativen Medien «Ansage» und «Apolut» und in Österreich vom alternativen «tkp Blog für Science & Politik» veröffentlicht, wo Sie ihn unzensiert lesen und sich eine eigene Meinung bilden können.

 

Kriegsgegurgel

Die Sandkasten-Strategen haben Hochkonjunktur.

Gut, das Aufmacherfoto hat nicht wirklich etwas mit dem Thema Ukrainekrieg zu tun. Aber es ist zurzeit der absolute Liebling von ZACKBUM. Und Symbobilder sind doch überall im Schwang.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Aber zum Thema:

In der Kinderzeitung «watson» ist Chefstratege und Oberanalyst Philipp Loepfe immer schnell zur Hand, wenn es darum geht, loszugaloppieren. Er zitiert fröhlich drittrangige «Analysten» aus den fernen USA und ukrainische Militärs, die sich in aller gebotenen Objektivität über die russischen Truppen lustig machen.

Auch Loepfe selbst wagt sich mit seiner «Analyse» weit vor: Der ukrainische Vorstoss «dürfte auch dazu führen, dass der Westen seine Waffenlieferungen wieder intensivieren wird. Der Beweis, dass die Russen alles andere als unbesiegbar sind, ist damit endgültig erbracht und die oft wiederholte Behauptung von Präsident Wolodymyr Selenskyj, seine Soldaten würden sämtliche besetze Gebiete befreien, mit Fakten belegt».

Wir sind schon jetzt gespannt, mit welchen Mätzchen Loepfe den ungeordneten Rückzug antreten wird, sollte sich das Kriegsglück wenden.

Der Sparkonzern Tamedia leistet sich nur noch beschränkt eine eigene Meinung zum Ukrainekrieg. Also übernimmt er einfach die Meinung aus München und lässt sie ungefiltert auf seine zahlenden Leser los:

Die Auslandredaktion gibt immerhin ein Lebenszeichen und ändert den Titel des Originalkommentars: «Befreit ist die Ukraine noch lange nicht». Diese Ansicht des SZ-Chefstrategen Stefan Kornelius war den Kriegsherren an der Werdstrasse offensichtlich zu pessimistisch. Dabei glänzt Kornelius, im Gegensatz zu Loepfe, mit militärischen Insights: «… überdehnte Invasionstruppe, … demoralisierenden Angriffe auf russische Basen, … personell ausgedünnte Truppe, … was die russische Invasionsarmee prompt zu einer Vernachlässigung des Nordens verleitete».

Doch Kornelius weiss, wie man sich an den Flanken absichert: «Aber wird dieser Erfolg von Dauer sein?» Nach dieser bangen Frage setzt er zu einem geradezu lyrischen Höhenflug an: «Diese durch Kommandoversagen, Arroganz und bewusste Lügengebilde erzeugte Scheinrealität bildet ja nur einen Teil des russischen Spiegelzimmers, in dem sich die vermeintlichen Wahrheiten unendlich oft brechen, überschneiden und verzerren. Die größte Gefahr für den Kreml liegt darin, dass nun die Spiegel zerbersten und selbst die beste Propaganda die Scheinwelt nicht mehr aufrechterhalten kann.»

Um schliesslich mit einer allgemeingültigen Erkenntnis zu enden: «Kriege werden nur beendet, indem sie unführbar und vor allem ungewinnbar werden.» Unsagbar, wie die deutsche Sprache hier das erste Opfer der Kriegsführung von Kornelius wird.

Bei den Kriegern von der Dufourstrasse würde eine solche Ansicht glatt als Defätismus beschimpft:

Aber immerhin, hier wird nicht einfach Geschehenes nachgekaut, man wagt sogar einen «Blick» in die Zukunft.

Der zweite grosse Medienkonzern CH Media verwendet die Stimme der journalistischen Allzweckwaffe Inna Hartwich. Die schreibt für die «Stuttgarter Nachrichten», die «taz» und alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist:

Sie schreibt nicht nur für diverse Organe, sie will auch zehn Sprachen fliessend sprechen und berichtet gerne ebenfalls aus Peking. Das alles spricht natürlich für eine vertiefte und objektive Berichterstattung, was man auch den Titeln ihrer jüngsten Werke entnehmen kann: «Heimatliebe steht jetzt auf dem Stundenplan», «Vorhang auf für Putins Propagandashow».

Und was sagt die Stimme der Vernunft und des gepflegten Nachdenkens?

Wunder gibt es immer wieder, trällert die alte Tante, sie fordert zwar nicht «Germans to the front», die NZZ ermahnt aber unseren Nachbarn im Norden streng, dass er gefälligst mehr Waffen liefern solle. Etwas unsensibel, da die letzten Waffenlieferungen der Deutschen vor rund 80 Jahren in der Ukraine nicht so gut ankamen. Da tobten nämlich die deutschen Barbaren, fleissig unterstützt von ukrainischen Kollaborateuren und lokalen Faschisten, während die Rote Armee unter gewaltigen Opfern die Ukraine vom hitlerdeutschen Joch befreite. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte, und wir leben in geschichtsvergessenen Zeiten.

In der «Weltwoche» hingegen zeigt sich immer deutlicher, was alles geplaudert wird, wenn sich niemand traut, dem Chefredaktor, Verleger, Herausgeber und Besitzer das Mikrophon wegzunehmen:

Ist schon schrecklich, was so passiert, wenn die Nato provoziert. Da sieht sich doch selbst der friedlichste Autokrat im Kreml gezwungen, mal alle Verträge zu brechen und präventiv ein Land zu überfallen. So wie es keinen Krieg ohne Putin gibt, gebe es auch keinen Frieden ohne ihn, weiss Roger Köppel.  Dafür wird auch er verleumdet von den Medien. Aber hier nicht. Wir machen uns nur ein wenig über ihn lustig.

 

ZACKBUM hat sich getäuscht

Die Sache mit Axpo ist anders.

Wir bitten um ehrfürchtiges Schweigen der Leserschaft und anschliessenden donnernden Applaus. Denn ZACKBUM macht hier etwas, was im Rechthaber-Journalismus äussert selten ist und meistens mit einer Gegendarstellung erzwungen werden muss: wir räumen ein, uns fundamental getäuscht zu haben. Ist uns nicht sonderlich peinlich, denn einmal im Leben kann sich jeder irren.

Im Ernst: ZACKBUM hat Axpo und das Führungspersonal kräftig in die Pfanne gehauen. Damit sangen wir im anschwellenden Chor der Mainstream-Medien mit, während Lukas Hässig von «Inside Paradeplatz» der Vorsänger war. Der Staat müsse wieder Zockern unter die Arme greifen, behaupteten wir.

Tiefere Erkenntnis ist der Feind oberflächlicher Betrachtungsweise. Einmal mehr, wir können nichts dafür, müssen wir das Loblied der NZZ singen. Auch das Blatt für die besseren Stände und die grösseren Köpfe ist nicht unfehlbar. Aber dieses Stück von Hansueli Schöchli ist nun erste Sahne:

 

Er tut nämlich genau das, wozu Qualitätsmedien eigentlich da sein sollten und Geld heuschen: er denkt nach, analysiert, macht sich kundig und ordnet ein. Ein Lehrstück, wie Journalismus sein sollte. Und ein Belehrstück.

Schöchli stellt schon am Anfang die richtige Frage: Wenn Stromkonzerne wie Axpo massig Gewinn machen und auch die Gewinnaussichten rosig sind, dabei aber einfach ein kleines Liquiditätsproblem haben, wieso werfen ihnen dann die Banken nicht Kredite nach?

Zunächst einmal: was ist ein Liquiditätsproblem? Das kann sich zum Beispiel so äussern, dass eine Bude Ende Jahr mit einem Supergewinn dastehen wird. Würde, denn vorher ist sie mal kurz pleite, weil sie die laufenden Ausgaben nicht begleichen kann. Daher ist eine Finanzflussplanung etwas vom Wichtigeren im Finanzhaushalt.

Die Stromhändler, nicht nur die Axpo, stehen nun vor folgendem Problem. Der Stromhandel funktioniert so, dass Terminkontrakte mit langer Laufzeit abgeschlossen werden. Also beispielsweise: Axpo liefert 2024 Strom an einen Kunden. Letztes Jahr wurden dafür 100 € vereinbart. Vorteil für beide: Planungssicherheit. Man kann mit einem fixen Preis rechnen. Nun aber das Problem:

«Springt aber in der Zwischenzeit der Marktpreis von 100 auf 1000 Euro, muss der Verkäufer zusätzlich 900 Euro als Sicherheit hinterlegen – damit sich der Käufer am Markt frisch eindecken könnte, wenn der Produzent 2024 nicht für 100 Euro liefern kann. Liefert der Verkäufer wie vereinbart, erhält er die 900 Euro zurück

Da man davon ausgehen kann, dass die Axpo normalerweise in der Lage ist, den Strom wie zugesagt zu liefern, bekommt sie also die Sicherheit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zurück. Aber sie muss sie zuerst auf den Tisch legen. Daher das Liquiditätsproblem. Dazu muss man auch noch verstehen, dass Strom eben nicht problemlos gelagert werden kann. Im Prinzip wird der gerade erzeugte Strom gehandelt und verkauft.

Dann bliebe also noch die Frage zu beantworten, wieso die Axpo sich nicht mit Krediten auf dem normalen Kapitalmarkt eindeckt, sondern zum Bund rennt und einen Rettungsschirm, bzw. eine Kreditlimite von 4 Milliarden fordert.

Zur Erklärung führt Schöchli diverse Faktoren eher finanztechnischer Art an. Um dann zusammenzufassen:

«Die genannten Hemmfaktoren sollten theoretisch keine entscheidende Rolle spielen, wenn Engagements bei den Stromkonzernen risikofrei wären. Doch das sind sie naturgemäss nicht: Niemand kann garantieren, dass der Spruch «es gibt kein Solvenzproblem» künftig noch stimmen wird. Die Ratings diverser Finanzmarktteilnehmer für die Axpo Holding sind nicht schlecht (BBB+ oder A-), aber sie liegen wesentlich unterhalb der Höchstnote AAA.»

Der Bund geht also durchaus ins Risiko, vor allem auch, weil er einen nachrangigen Kredit anbietet. Das heisst, zuerst werden alle andere Gläubiger bedient, sollte die Axpo dennoch pleite gehen. Und erst, wenn dann noch etwas übrig ist, bekäme der Bund sein Geld zurück. Dafür dürfte er aber – Schätzung von Schöchli – auch rund 10 Prozent Zins kassieren.

Also kann und muss man, in Widerspruch zu unserem dummen Geschwätz von vorgestern, eindeutig sagen: es hat sich hier niemand verzockt. Es ist durch eine in der Dimension tatsächlich nicht vorhersehbare Preisexplosion auf dem Strommarkt eine Situation entstanden, in der vor längerer Zeit abgeschlossene Terminkontrakte mit exorbitanten Sicherheiten unterlegt werden müssen. Das hat die Axpo tatsächlich in ein Liquiditätsproblem gestürzt, das eine kurzfristige Lösung brauchte.

Da die Axpo wohl aber zumindest zum grössten Teil den auf Termin versprochenen Strom liefern wird, wird das meiste der Sicherheiten wieder ausbezahlt werden. Hinzu kommt, dass die Axpo als Stromproduzent selbst von den gewaltig gestiegenen Strompreisen profitiert und ihre Gewinne wohl explodieren werden.

Ein paar Randfragen bleiben. Wieso konnten die Kantone als Besitzer nicht in die Bresche springen? Wieso gibt es ein Dividenden-, aber kein Bonusverbot? Hat die Axpo tatsächlich alle Anstrengungen unternommen, sich auf dem freien Kapitalmarkt die nötigen Kredite zu besorgen? Erschien es ihr einfacher, in Bern ein Laken überzustreifen, buhu zu machen und dann von einer Energieministerin Staatsknete zugesagt zu bekommen, die nicht mal Axpo und Alpiq auseinanderhalten kann?

Aber das sind Nebenfragen. ZACKBUM hofft natürlich, dass diese freiwillige Richtigstellung in die Mediengeschichte eingehen wird.

Fürs Falsche demonstrieren

Eine Meldung und ihre Geschichte.

In Prag haben nach offiziellen Schätzungen rund 75’000 Menschen an einer Demonstration teilgenommen. Und niemand schaut hin. Niemand? Doch, zunächst muss man dem «Blick» ein Kränzlein winden:

Zwar die Anzahl leicht tiefer gelegt, und gleich mit der Meinung eines Gegners der Veranstaltung garniert, statt vielleicht eine Forderung oder Position der Demonstranten wiederzugeben. Aber immerhin.

Es ist auch nicht so, dass diese gewaltige Manifestation in den Medien nicht zur Kenntnis genommen worden wäre:

Allerdings fällt hier auf, dass ausschliesslich Medien aus Deutschland versammelt sind. In der Schweiz haben immerhin die SDA, nau.ch und bluewin.ch berichtet. Wenn wir allerdings das Augenmerk auf unsere grossen Qualitätsmedien richten, dann sieht die Berichterstattung so aus:

Tamedia, CH Media, NZZ: nichts. Mattscheibe. So zumindest der Stand am Montagmorgen.

Ob das daran liegt, dass Plakate getragen wurden, auf denen stand: «Das Beste für die Ukraine und zwei Pullover für uns»? Ob das daran liegen mag, dass eine beeindruckende Menschenmenge der Meinung Ausdruck gab, dass die Tschechei die Ukraine gegen Russland unterstütze, schon 400’000 Flüchtlinge aufnahm, aber nichts für die Unterstützung der eigenen Bevölkerung tue, die unter steigenden Energiepreisen leide?

Der tschechische Ministerpräsident verurteilte natürlich die Demonstration: «Es ist klar, dass es auf unserem Territorium russische Propaganda und Desinformationskampagnen gibt und manche Personen einfach darauf hören.»

Sollte es in der Schweiz zu ähnlichen Unmutsäusserungen kommen: wetten, dass das dann auch die Position der sogenannten Leitmedien sein wird? Die sich aber vorläufig in vornehmes Schweigen hüllen. Denn was es wert ist, berichtet zu werden, das bestimmt immer mehr die ideologische Scheuklappe, weniger die Wirklichkeit.

Wumms: Stefan Schmid

Früher hatte das «Tagblatt» noch Niveau. Heute hat es Stefan Schmid.

Als das St. Galler «Tagblatt» noch der NZZ gehörte, legte man Wert auf ein gewisses Niveau. Seit es zu CH Media gehört, amtiert zwar immer noch der gleiche Chefredaktor. Aber der ist längst zum Mann am Fenster runtergestuft; die Inhalte (ausser Lokales) kommen von der Zentralredaktion in Aarau. Das Einzige, was zur Frustbekämpfung bleibt, ist der Kommentar.

Bundesrat Ueli Maurer ist einer der Lieblingsfeinde von Schmid, und der hat sich doch tatsächlich zur SVP Ausserrhoden begeben, also ins Terrain von Schmid. Das muss der natürlich verbellen und verbeissen. Gnädig kanzelt Schmid den Bundesrat ab, denn dessen «Lageanalyse, die in den Grundzügen zwar nicht falsch» sei, «in der Substanz aber keineswegs in Einklang mit der Aussenpolitik des Bundesrats ist». Logische Folgerung: dann ist die Aussenpolitik des Bundesrats in den Grundlagen und in der Substanz falsch. Aber Schmid und Logik, wahrscheinlich bei Geburt getrennt.

Ginge es nach Schmid, «Maurer wäre seinen Posten im Kabinett wohl längst los». Leider geht es aber nirgendwo mehr nach Schmid, obwohl der doch die ganze Welt ordnen könnte. Maurer sehe im Ukrainekrieg nur einen «Stellvertreterkrieg», wo es doch in Wirklichkeit «ein gefährlicher Angriff auf eine europäische Ordnung» sei, «der im Kern auch einen Kleinstaat wie die Schweiz bedroht».

Wie steht es denn um die guten Dienste des Kleinstaats, nach Schmid? «Es scheint, vorsichtig formuliert, naiv, dem skrupellosen Zyniker Putin ein Schutzmachtmandat in der Ukraine anzubieten. Das gab diesem bloss die Gelegenheit, der Schweiz genüsslich einen vermeintlichen Neutralitätsbruch wegen der Übernahme der EU-Sanktionen vorzuhalten.»

Frechheit aber auch von Putin, die folgsame Übernahme ohne Prüfung von EU-Sanktionen ist doch kein Neutralitätsbruch. Überhaupt: «Schutzmachtmandate, also die Vertretung konsularischer Interessen anderer Staaten, sind wie andere gute Dienste schön und nett.» Aber eigentlich «von untergeordneter Bedeutung», urteilt Weltenkenner Schmid wegwerfend.

Vergesst Russland, rät er, denn: «Die Schweiz muss sich stattdessen im Grundsatz neu positionieren. Der Elefant im Raum ist der Umgang mit China.» Diesen Elefanten meint nur Schmid zu sehen, daher hat er noch weitere Ratschläge parat: «Neutralität gegenüber autokratischen Herrschern ist weder in unserem Interesse, noch liegt sie realpolitisch drin.»  Hurra, wir haben eine Neudefinition der Schweizer Neutralität. Erfunden von Schmid.

Zum Schluss hat er einen geschmackvollen Vorschlag auf Lager: «Ja, wir werden auch den Chinesen den Finger zeigen müssen.»

Wie gut, dass niemand auf Schmid hört und der so unbedeutend ist, dass man ihm nicht mal den Stinkfinger zeigen mag.