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Ex-Press XLV: Was berichtenswert ist

Blasen aus dem Mediensumpf: «All the News that’s Fit to Print». Sagt immerhin die NYT. Was sagen die Schweizer Medien?

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Ein Überblick ist schnell erstellt. Man muss schlieslich nur Tamedia mitsamt allen Kopfblättern, dito CH Media, die NZZ und den «Blick» anschauen, dann weiss man, welche News sich am Donnerstag, 16. September 2021, in der Schweiz für die Publikation eigneten.

Wir haben jeweils die Printausgabe herangezogen, dafür wollen die Verlegerclans ja am meisten Steuerbatzeli.

Frauen in Not bei Tamedia

Beginnen wir in der unteren Mitte, also bei Tamedia. Der grösste Medienkonzern der Schweiz macht auf das Schicksal von Frauen und Kindern in Not aufmerksam. In Afrika? In Afghanistan? Ach was, in der Schweiz natürlich.

Der grosse Tageskommentar auf Seite zwei widmet sich der in der Schweiz rasend interessierenden Feststellung: «Merkel umarmt die Autokraten.»  Über ihre Abschiedsreise durch den Balkan darf sich Enver Robelli «irritiert» zeigen, was sicherlich nichts mit seinem persönlichen Erleben, seinem, wie sagt man’s korrekt, Migrationshintergrund zu tun hat.

Seite drei, früher mal eine Institution bei der «Süddeutschen Zeitung», widmet sich dem «Siegeszug des COVID-Zertifikats». Das sei inzwischen «breit akzeptiert». Kann man so sehen, muss man nicht. Auch die nächste Seite ist sozusagen einer idealen Mischung gewidmet. Corona plus SVP-Bashing: «Das SVP-Manöver mit den Corona-Tests». Zuerst seien die SVP-Bundesräte gegen die weitere Kostenübernahme gewesen, nun protestiere die SVP gegen kostenpflichtige Tests. Widerspruch, typisch, wissen nicht, was sie wollen. Populisten halt.

Dass die SVP-Partei ihren Protest mit der Einführung der Zertifikatspflicht nach diesem Bundesrats-Entscheid begründet, was soll’s, Manöver ist doch ein hübscher Titel über einer Null-Meldung.

Gibt es wenigstens international ein anderes Thema? Nun, da hängt man halt von der Süddeutschen ab, und für die ist Deutschland nicht ganz unwichtig: «Für Ungeimpfte wird es ungemütlich», hat die SZ recherchiert. Wenn die schon sechs Mitarbeiter dafür in die Schlacht werfen, muss das doch den Schweizer Leser interessieren, sagt sich Tamedia. Und nach 34 Seiten ist dann Schluss mit schlappem Inhalt, für happige Fr. 4.20.

Weiter im Mittelfeld; das Wanner-Imperium

Wir bleiben im Mittelfeld und wechseln zur Keimzelle des Wanner-Imperiums. Stellvertretend für all seine Kopfblätter nehmen wir das «Badener Tagblatt». Hier geht man auf Nummer sicher; der Knatsch um die unklarte Situation an Schulen ist immer eine Titelstory wert.

Als Aufmacherfoto hat man aus Verzweiflung eine Aufnahme aus glücklicheren Tagen des verunfallten Formel-1-Stars Michael Schumacher genommen. Anlass: eine Netflix-Dokumentation. Der Kanal ist zwar in der Schweiz nicht ganz unbekannt, aber nicht wirklich ein Mehrheitsprogramm.

Auch hier ist Seite 2 Meinungen reserviert. Die sind nicht nennenswert, aber ein Kurzbericht aus Pakistan lässt aufhorchen. Nein, nicht das, was Sie vielleicht denken. Es geht hier um den Klimawandel, eine Hitzewelle und den Zoo in Karachi. Dort bekommt nämlich eine Riesenschildkröte, obwohl die «aufgrund ihres Alters einiges gewohnt» sei, einen sparsamen Gutsch Wasser auf ihren Panzer. Wahnsinn, das «Bild des Tages».

Auch Seite drei ist einem Tier gewidmet, also einem Tierforscher: «Er liest die Spuren des Wolfes». Vielleicht eine Fortsetzung von «Der mit dem Wolf tanzt» oder so. Bevor man meinen könnte, sich in die «Tierwelt» verirrt zu haben, schlägt das BT im Ausland die Alarmglocke. Corona? Nein, für einmal nicht: «Europa droht eine Stromlücke». Ein Thema, das schon seit dem Atomausstieg immer mal wieder herangezogen werden kann, wenn wirklich tote Hose ist.

Erst auf Seite 17 geht’s endlich zur Sache: «Die Impf-Mär von den Fehlgeburten». Ein Schlag gegen Corona-Leugner und Fake-News-Verbreiter. Nach 36 Seiten ist auch hier Schluss, trotz zwei Seiten mehr als der Tagi kostet’s hier nur Fr. 3.50.

Wir spazieren zum Boulevard

Wenn sogar nicht mal ein Büsi von der Feuerwehr aus dem Baum gerettet werden muss, dann herrscht Verzweiflung auf dem Boulevard. Sex, Blut und Busen ist ja verboten, seitdem der «Blick» inklusive Regenrohr im Logo viel weiblicher werden will.

Da bleibt nur eins: die Lebensbeichte. Natürlich nicht irgendeine, sondern die «erschütternde» eines «Komikers». Wer noch nie vom «Divertimento-Star Jonny Fischer» gehört hat: macht nix, man kann doch trotzdem erschüttert sein.

Ein bisserl Crime muss dann schon noch sein; nicht erschüttert, sondern «fassungslos» sind «Freunde und Nachbarn der toten Geschwister von Frick AG». Denn die sind Opfer eines Verbrechens geworden, und der «Blick» läuft zu Überresten der alten Form auf:

«Eine Anwohnerin hat zudem beobachtet, wie ein Polizist den Hund des Ehepaars weggetragen hat.»

Ergebnisse seiner Befragung liegen aber offenbar noch nicht vor.

Hier ist dann schon nach 22 Seiten Schluss, dafür kostet’s auch nur Fr. 2.50.

Hinauf zur NZZ

Damit könnte man sich aber etwas mehr als eine halbe NZZ kaufen, die kostet schliesslich Fr. 4.90. Für ebenfalls 32 Seiten.

Die traut sich, den Gottseibeiuns aus Herrliberg prominent aufs Cover zu heben. Ein Foto in Übergrösse und in Farbe, das hätte vor 30 Jahren noch allen NZZ-Redaktoren den Magen umgedreht, nicht nur wegen des Sujets.

Aber schon auf Seite 2 zeigt die alte Tante, dass sie halt schon ein anderes Kaliber ist. Bericht aus Afrika «Mit einer Tombola gegen Impfskepsis», «Machtkämpfe in Haitis Regierung», «Wer profitiert, wenn Amerikas weisse Bevölkerung schrumpft?», «Amnestiepläne in Nordirland empören Angehörige von Terroropfern», dann anderthalb Seiten Interview mit dem Übervater der SVP:

«Die Treichler verstopfen zurzeit nicht die Intensivstationen».

Dazu ein Ranking der wichtigsten Ökonomen der Schweiz, ein wie immer unterhaltsamer Essay von Slavoj Zizec und weitere Guetzli im Feuilleton, das hat durchaus Niveau.

Natürlich kann man den Printausgaben nicht vorwerfen, dass sie die Bombe, die die «Weltwoche» am Donnerstag platzen liess, nicht aufnahmen. Ihren Internet-Auftritten allerdings schon.

Der digitale Scheinriese

Betrachtet von Journi-Zwergen. Es ist ein Trauerspiel fehlender Sachkompetenz.

Man könnte meinen, dass Journalisten in der Lage sind, ein Ereignis einzuordnen, das in ihrer unmittelbaren Nähe stattfindet. Also zum Beispiel die Zusammenlegung der Online-Marktplätze von TX Group, Ringier und Mobiliar.

Aber das täuscht; Journalisten sind nur in der Lage, die Betrachtung des eigenen Bauchnabels wortreich wiederzugeben. Eine Sternstunde im «Magazin»: «Unsere Autorin leidet unter Antropomorphismus.» Nein, man möchte nicht wissen, was das ist.

«Kennen Sie die vier Katzenwäsche-Hotspots?»

Die Antwort ist nein, was war schon wieder die Frage? Dabei sind das nur zwei Beispiele von Tamedia, wenn wir noch «watson» oder die «Republik», aber lassen wir das.

Zurück zu einem ernsten Thema; der Zusammenschluss der Online-Marktplätze. Das erste Problem dabei: Nur Journalisten mit Todeswunsch würden darüber schreiben: «So ein Quatsch». Zumindest dann, wenn sie weiterhin nicht zu den Opfern der x-ten Sparrunde bei Tamedia oder Ringier gehören möchten.

Jubel bei den einen, Kritik bei den anderen

Umgekehrt wäre es eher erstaunlich, wenn CH Media, das nicht auf Marktplätze setzt, sondern sein Geld lieber in Privat-TV und -Radio steckt, diesen Zusammenschluss grossartig fände. So weit geht dann auch dort die objektive Berichterstattung nicht. «Es ist ein Deal mit vielen Fragezeichen», unkt Christian Mensch.

Nun leidet auch er unter einem weitverbreiteten Problem: mangelnde Fachkenntnis. Mensch ist zweifellos intelligent und kann schreiben. Aber die Feinheiten eines solchen Zusammenschlusses entgehen ihm dann doch. Damit ist er natürlich nicht alleine. Dass alle Gazetten von Tamedia und Ringier in Jubelarien ausbrechen, ist keine Überraschung.

Wie säuselt «Blick»: «Big Bang bei Marktplätzen». Selbst CH Media will beobachten: «Ein digitaler Riese formiert sich». Für Tamedia beantwortet die altgediente Wirtschaftsredaktorin Rita Flubacher selbstgestellte Fragen zur «Bündelung der Onlinemarktplätze». Genauer gesagt: Sie rudert um die Beantwortung herum. «Für Zusammenlegungen noch viel zu früh», keine Prüfung durch Wettbewerbskommission (Weko) nötig, «das Joint Venture liegt unter der Interventionsschwelle der Weko».

Umsatzzahlen? «Werden erst nach Abschluss der Transaktion publiziert». Wer hat das Sagen? Alle Beteiligten halten «je 25 Prozent der Stimmrechte». Und wann geht’s an die Börse? «Mittelfristig». Das nennt man mal eine knallharte Recherche.

Was sagen nun die neidischen Zuschauer? Bei CH Media verstolpert sich Mensch etwas in den Zahlen; er schätzt einen Gesamtumsatz von «wohl rund 500 Millionen Franken». Das wäre aber enttäuschend, denn alleine schon «Ricardo» kommt auf 600 Millionen. Dann werde eine Meldepflicht bei der Weko «durch eine komplexe Struktur ohne einen dominierenden Partner vermieden». Interessanter Ansatz.

Aber immerhin, eine gute Frage hat Mensch auf Lager; wieso denn die bereits gemeinsam betriebene Jobplattform von Ringier und Tamedia nicht ins Joint Venture gewandert sei. Die «Kohärenz» wäre damit gefährdet, habe Pietro Supino, der Boss der TX Group, darauf geantwortet. «Was er damit meint, ist nicht die einzig verbliebene offene Frage», setzt Mensch eine Schlusspointe.

Dabei liesse sich die problemlos beantworten. Joint Venture unter drei Partnern inklusive Beizug eines vierten von bislang nicht kooperierenden Plattformen. Passt da eine von zwei Partnern bereits gemeinsam betriebene kohärent dazu? Eben.

Aus den heiligen Hallen der Wirtschaftskompetenz kommt auch nur Lauwarmes

Was sagt denn nun das Kompetenzzentrum für Wirtschaftsfragen? Die geballte Fachkenntnis von gleich drei Redaktoren bietet die NZZ auf, mit der gebotenen Neutralität wird getitelt: «Online-Markplätze verbünden sich». Aber auch hier bekommt der Ton gleich am Anfang ein leichtes Tremolo: «Der Zusammenschluss … wirft einige Fragen auf.»

Die Antworten der Autoren werfen allerdings auch Fragen auf. Hier wird die Ansicht ebenfalls kolportiert, dass die Weko sich den Zusammenschluss nicht anschauen müsse, weil es vier gleichberechtigte Partner gebe und weil das neue Unternehmen «mit weniger als 500 Millionen Fr. Umsatz im Schweizer Geschäft eine kleine Nummer» sei im Vergleich zu Google oder Facebook.

Insgesamt 8 Fragen werfen die NZZ-Cracks auf und beantworten sie auch gleich selbst. Immerhin ist ihnen auch aufgefallen, dass der Partner Mobiliar-Versicherung schon lange an den Scout-24-Plattformen von Ringier beteiligt ist, seit letztem Jahr auch mit 25 Prozent direkt an Ringier.

Eher tänzelnd vorsichtig nähert sich die NZZ der Frage, wie unabhängig denn die Berichterstattung in den Gazetten der Verlage über dieses Joint Venture sein könne:

«Sowohl TX Group wie Ringier betonen, dass die journalistische und finanzielle Unabhängigkeit ihrer zahlreichen Medientitel gewahrt bleibe.»

Da lachen zwar die Hühner, aber NZZ-Wirtschaftsfachleute machen ein ernstes Gesicht dabei. Was allerdings auch diesen Cracks nicht wirklich aufgefallen ist: Ringier ist ja zusätzlich auch mit Axel Springer verbandelt. Wie sieht denn da eigentlich das Binnenverhältnis bezüglich dieses Zusammenschlusses aus? Wäre doch auch eine interessante Frage.

Es bleiben noch ein paar Fragen …

Wie steht es denn um die Machverhältnisse im neuen Club? Offensichtlich bilden Ringier und Mobiliar ein Päckli mit je 25 Prozent Stimmrechte; das bedeutet, dass TX und der Vierte im Bunde, General Atlantic, das andere Päckli formen. Der Investor ist der einzige Beteiligte, der entschieden mehr Stimmrechte als Aktienanteil hat. Wäre auch eine interessante Frage: warum?

Was nicht nur die rund 1000 Mitarbeiter der Marktplätze, sondern auch die noch überlebenden Medienschaffenden der beiden Verlage interessieren dürfte: damit ist dann jede Form der Quersubventionierung ausgeschlossen. Also die früher in Print erschienen Anzeiger sind nicht nur digital geworden, sondern fallen als mögliche Einkommensquelle weg.

Aber auch darüber ist natürlich im völlig unabhängigen Journalismus der beiden Verlage kein Wort zu hören oder zu lesen. Erst recht nicht darüber, dass hier keineswegs ein «Digital-Riese» entsteht. Sondern ein Digital-Zwerg, bei dem es ein Mikroskop braucht, wenn man ihn neben den wirklichen Riesen erkennen will. Der unter Artenschutz gestellt werden muss, damit er nicht unabsichtlich totgetreten wird. Aber der Steuerzahler soll’s ja richten.

Hauskrach bei der NZZ

Verlag und Redaktion sind bezüglich Mediensubventionen unterschiedlicher Meinung.

Der «Klein-Report» förderte Erstaunliches zu Tage. Der NZZ-Verlag hält die beschlossene Medienförderung für einen «sinnvollen politischen Kompromiss», die Redaktion ist hingegen strikt dagegen.

Spannende Ausgangslage beim bevorstehenden Abstimmungskampf, wenn das Referendum gegen die vom Parlament beschlossene zusätzliche Subventionierung der Privatmedien zustande kommt. Davon ist auszugehen, also hat ZACKBUM bei der Medienstelle der NZZ nachgefragt, was denn nun Sache ist.

Die Fragen wurden schriftlich gestellt und beantwortet.

ZACKBUM: Ist es Ausdruck gelebter Liberalität, dass Verlag und Redaktion öffentlich diametral unterschiedlicher Meinung sind?

NZZ: Das ist in der Tat Ausdruck der gelebten redaktionellen Unabhängigkeit – die ja in beide Richtungen gehen kann. Es ist aber auch nicht so, dass die Meinungen völlig auseinandergehen. Seitens Verlag hat man sich schon seit Jahren positiv zum Ausbau der Indirekten Presseförderung (Vergünstigung Posttaxen) gestellt und sieht durchaus die kritischen Punkte bei der (direkten) Online-Förderung. Während die Redaktion sich aus grundsätzlichen Überlegungen gegen das gesamte Medienpaket stellt, vertritt der Verlag hier eine etwas «pragmatischere» Position, die auch eingebunden ist in die Entscheidungsfindung im Rahmen des Verlegerverbands (VSM), der ja in erster Linie die politische Interessenvertretung für die Branche wahrnimmt. Innerhalb des Verbands haben wir uns als Unternehmen schon früh zum politischen Kompromiss – und damit zu einem Ja zum Medienpaket – bekannt. Es geht dabei nicht nur um die NZZ, sondern vor allem auch um die kleineren regionalen Verlage, für welche die vorgesehene Medienförderung zum Teil existenzielle Bedeutung hat. Und als Unternehmen müssen wir auch die Interessen unseres Gemeinschaftsunternehmens CH Media vertreten. Inhaltlich spielt zudem eine Rolle, dass die heutige Marktsituation im Medienbereich keine nach liberalem Lehrbuch ist, sondern verschiedene Marktverzerrungen kennt (öffentliche Finanzierung der SRG, Postmarkt etc.). Auch vor diesem Hintergrund lässt sich eine Unterstützung des Medienpakets aus liberaler Sicht gut vertreten.

Die Redaktion hat ihre Ablehnung ausführlich begründet. Konnte sie damit den Verlag nicht überzeugen?

Verlag und Redaktion beschäftigen sich schon seit längerer Zeit mit dem Thema der Medienförderung. Wir haben uns immer ganz offen über unsere jeweiligen Positionen ausgetauscht. Die kritischen Punkte der Redaktion werden auch vom Unternehmen sehr wohl verstanden und geteilt. Während die Redaktion hier etwas grundsätzlicher argumentiert, agiert das Unternehmen vielleicht etwas realpolitischer und ist auch in die Entscheidungsprozesse des Branchenverbands eingebunden. Denn als Unternehmen treten wir in dieser Debatte nicht an vorderster Front auf – die politische Interessenvertretung wird primär über den Verband Schweizer Medien wahrgenommen.

Auch der VRP der NZZ hatte sich sehr kritisch gegenüber staatlicher Medienförderung geäussert. Ist er in diese neue Position des Verlags eingebunden?

Selbstverständlich erfolgt hierzu ein Austausch zwischen der Geschäftsleitung und dem VRP, und die Position wird gemeinsam definiert. Es gibt auch keinen Widerspruch zu den erwähnten früheren Äusserungen. Die grundsätzliche Skepsis gegenüber Subventionen und vor allem einer direkten Medienförderung teilt ja auch das Unternehmen NZZ. Am Ende kann man aber bei einem Gesamtpaket nicht mehr differenzieren, sondern nur noch Ja oder Nein sagen, und wir haben uns entschieden, das Paket zu unterstützen, auch weil für uns die Indirekte Presseförderung Priorität hat.

Für den Verwaltungsrat zählt dabei insbesondere folgendes Argument: Der heutige Medienmarkt ist verzerrt. Wir sind vor allem bei den Online-Angeboten einer massiven und unfairen Konkurrenz durch das öffentlich finanzierte Angebot der SRG ausgesetzt. Solange diese Marktverzerrungen nicht behoben sind, rechtfertigt sich auch ein Ausgleich zugunsten der privaten Medienanbieter. Im Vergleich zu den Gebühren der SRG von rund 1,2 Mia. CHF sind die Beiträge aus dem Medienpaket sehr moderat.

Sollte das Referendum zustande kommen, gibt es Vorgaben, wie die Redaktion über den Abstimmungskampf berichten wird?

Selbstverständlich nicht!

ZACKBUM ist kein anderer Fall in der jüngeren Pressegeschichte bekannt, in dem Verlag und Redaktion bei einem wichtigen Thema völlig unterschiedlicher Meinung waren. Wird hier eine Mediation stattfinden?

Das ist nicht nötig, denn wie bereits erwähnt, werden die unterschiedlichen Positionen seit Jahren offen diskutiert und es besteht ein beidseitiges Verständnis für die jeweiligen Argumente. Wir sehen kein Problem darin, dass es hier unterschiedliche Meinungen gibt. Das ist gelebte redaktionelle Unabhängigkeit.

Das oberste Redaktionsmanagement unterliegt der Weisungsbefugnis des VR. Wird der VR diese Befugnis verwenden, um die Redaktion auf seine Linie zu bringen?

Bestimmt nicht. Die redaktionelle Unabhängigkeit wird von uns sehr hoch gehalten und spielt auch hier. Zudem verstehen wir die oberste Verantwortung des Verwaltungsrats ohnehin nicht so, dass dieser der Redaktion zu inhaltlichen Stellungnahmen konkrete Weisungen erteilt.

 

3G-Regel bei der NZZ

Freiheit statt Zwang? Das galt einmal – beim liberalen Hoforgan.

Ab dieser Woche sollen an der Falkenstrasse zu Zürich verschärfte Regeln gelten. Einlass in die heiligen Hallen des Liberalismus und der Wirtschaftsfreiheit bekomme nur noch, wer die 3G-Regeln erfüllt.

Für Laien: das steht für «geimpft, genesen, getestet». Das ist im grossen Kanton im Norden der letzte Schrei bei der Bekämpfung der Pandemie. Nur wer eines dieser drei Kriterien erfüllt, darf rein.

Wo rein? Na, überall und doch nicht überall. 3G ist das neuste Gefummel, um krampfhaft darum herumzurudern, dass es keine Impfpflicht gibt. Also wäre es nicht so toll, wenn dann doch eine Apartheit-Gesellschaft entstünde. Durchlässig für alle Geimpfte (mit Zertifikat, natürlich), verschlossen für alle ohne.

Kellner, zahlen! – Darf nicht jeder sagen

Besonders bei Restaurants gehen auch in der Schweiz die Wogen hoch. Die spielen zwar volkswirtschaftlich keine grosse Rolle, zudem fehlt bis heute jeglicher Beweis, dass Speiselokale sich in Virenhöllen und Superspreader-Events verwandelt hätten. Aber es ist eine Massnahme, wie sie den Politikern gefällt: erregt Aufmerksamkeit, jeder merkt jeder, dass die was tun, Wirksamkeit völlig egal.

Aber da man nun hoch und heilig versprochen hat, dass es keine Impfpflicht gibt, wäre es heikel, Ungeimpfte einfach vor der Türe stehen zu lassen. Daher kam ein cleveres Kerlchen auf die die Idee mit den 3G. Jeder Impfmuffel kann sich schliesslich testen lassen, wenn er dabeisein will. Dann gibt es noch die Genesenen, die sich ihre Erkrankung ebenfalls testieren lassen können. Und natürlich die Geimpften.

Schon ist’s nicht mehr diskriminierend, Problem gelöst. In öffentlichen Lokalitäten wie Wirtschaften. Aber was dort recht ist, kann doch in der Privatwirtschaft nicht falsch sein. Wäre doch blöd, wenn die eh schon von Sparmassnahmen geschüttelte NZZ einen Corona-Ausbruch in ihren Redaktionsräumen hinnehmen müsste.

3G gilt wohl auch hier; wenn schon, denn schon.

NZZ: per freiwilligem Zwang zum Impfen?

Gerade bei freiheitsliebenden Redaktoren («mehr Freiheit, weniger Staat») kommen natürlich solche freiwilligen Impfzwänge ganz schlecht an, steht zu vermuten. Also könnte ein überproportional hoher Anteil an NZZ-Mitarbeitern nicht geimpft sein.

Dass diese Impf-Frösche eine Maske tragen müssen (wie auch die Geimpften), nun ja, das erfüllt zwar Vorschriften und senkt das Ansteckungsrisiko – aber was ist mit den Fröschen mit Maske, aber ohne Impfung?

Es stünde gerade der NZZ ganz schlecht an, ihren Mitarbeitern einen freiwilligen Impfzwang aufzuerlegen («weniger Freiheit, mehr Spritze»). Also schlaumeiert auch sie. Niemand hat die Absicht, alle impfen zu lassen. Aber nur wer 3G erfüllt, darf noch rein. Alle anderen bleiben im Home Office. Wo sie beste Chancen haben, bei der nächsten Sparrunde zuvorderst berücksichtigt zu werden.

Freiwilliger Zwang bei der NZZ?

Was sagt die die NZZ? «Es trifft zu, dass wir unseren Kolleginnen und Kollegen – in Absprache mit ihren Vorgesetzten –  derzeit eine teilweise Rückkehr ins Büro empfehlen, falls sie geimpft, genesen oder getestet sind gemäss 3G-Regeln. Die Einhaltung der Regeln erfolgt eigenverantwortlich, was unserer liberalen Haltung entspricht. Kontrollen sind nicht vorgesehen. Von «Zutrittsverweigerungen» kann insofern keine Rede sein.»

Eigenverantwortung ohne Kontrolle, ob das gutgeht?

 

Es darf gelacht werden: Afghanistan brunzblöd

Journalisten bei ihrer Lieblingsbeschäftigung beobachtet: Feldherren am Schreibtisch spielen.

Wenn von brunzblöd die Rede ist, kommt einem natürlich zunächst «watson» in den Sinn. Dort wird man auch sofort fündig. Der Geostratege und Historiker Peter Blunschi holt zuerst weit aus, knöpft sich dann die Kommentatoren beim «Tages-Anzeiger» und der NZZ vor, um zu urteilen:

«Kritiker von Joe Bidens Truppenabzug behaupten, der Verbleib von wenigen US-Soldaten in Afghanistan hätte die Taliban abschrecken können. Diese Illusion ist nicht nur dumm, sondern gefährlich.»

Wozu hatte man Geschichte in der Schule, sagt sich Blunschi, und zieht einen kühnen Bogen zum Ende des Ersten Weltkriegs und der «Dolchstosslegende» damaliger Militärköpfe. Hat zwar nix mit Afghanistan im Jahr 2021 zu tun, hört sich aber gelehrt an. Gelehrt? Blunschi studierte «zeitweise Germanistik und Publizistik, kam dann aber schon früh zum Journalismus». Auf Deutsch: Studium abgebrochen, seither schreibt er über alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Gibt’s denn nur Kritik an der Kritik bei «watson»? Aber nein, Vanessa Hann weiss: «So hätte der Westen die Misere in Afghanistan verhindern können: 3 Punkte». Die Praktikantin hat an der ZHAW «vor ihrem Einstieg in den Journalismus Kommuniklation studiert» und schreibt ebenfalls alles weg, was nicht schnell genug die Flucht ergreift.

ZACKBUM hätte nie gedacht, dass wir den Obergeostrategen und Rechthaber aller Klassen mal vermissen würden. Doch leider scheint Philipp Löpfe in den Ferien zu weilen. Schade aber auch.

Nächstes Gratis-Angebot an Einblicken

Ans Portemonnaie fasst bei «20 Minuten» die neue leitende Redaktorin Claudia Blumer: Rund 30 Schweizer seien noch in Afghanistan, ohne in offizieller Mission unterwegs zu sein, und deren Evakuierung müssen die dann zu «marktüblichen Preisen» bezahlen. Das ist zwar schon seit Jahrzehnten überall auf der Welt so, aber vielleicht wusste das Blumer nicht. Das EDA weiss auch nicht viel:

«Wie viel die 30 Schweizer für ihre Rettung werden bezahlen müssen, gibt das EDA nicht bekannt. «Das ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht definiert», sagt Sprecher Valentin Clivaz.»

Nicht viel wissen, beste Ausgangslage für eine Newsstory. Immerhin, «20 Minuten» verzichtet weiterhin eisern auf Kommentare, das ist wohltuend. So bleibt auch Platz für die Hammermeldung der Woche:

Was die Taliban dazu sagen würden?

Die zwei weiteren Gratisportale und ihr Angebot

Das dritte Gratismedium im Bunde, nau.ch,  lässt es bei einem Newsticker bewenden, in der wohl richtigen Annahme, dass ohne grosses Gemetzel Afghanistan langsam aus den Schlagzeilen verschwindet.

Ach, da gäbe es noch den heimlichen Star unter den Gratis-Newsportalen: «blue news». Das hat sich sogar zu einer Eigenleistung aufgerafft, ein Interview. Kostet nix, braucht keine Spesen, der Journalist kann in seiner Verrichtungsbox sitzenbleiben.

Hinauf zum Hochamt der Analyse

Welche Erkenntnisse haben denn die Qualitätsmedien zur Hand? Wir schauen ganz nach oben, zur NZZ. Da ist Weltanalyse natürlich Chefsache, also dekretiert Eric Gujer:  «Der Westen kann die Welt nicht retten». Eine schockierende Nachricht nicht nur für Afghanistan. Brauchen wir nun geistliche Unterstützung, um uns auf das Ende der unrettbaren Welt vorzubereiten?

Wer solche Grossanalysen schwingt, sollte sich im Kleinen nicht irren. Doch Gujer schreibt einleitend über den Rückzug aus Vietnam:

«Das Bild des Helikopters auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon hat sich in das Gedächtnis eingebrannt.»

Leider liest Gujer die reine Quelle der Wahrheit nicht aufmerksam genug. Wir bei ZACKBUM können zwar die Welt auch nicht retten, aber immerhin das Gedächtnis von eingebrannten Fehlmeinungen reinigen: Es war nicht das Dach der Botschaft, lieber Chefredaktor. Vielleicht mal wieder etwas das Hirn auslüften, am besten in einem Wellness-Hotel in Österreich?

Was weiss denn das Qualitätsimperium Tamedia? «Taliban in Afghanistan: Den Gotteskriegern droht das Geld auszugehen». Nun ist aber Tamedia selbst leider das Geld schon länger ausgegangen. Also das Geld, um eine eigenständige Berichterstattung als Gegenleistung für schweineteure Abonnements zu liefern. Denn dieser Artikel ist natürlich, wie das meiste in diesem Blatt, von der «Süddeutschen Zeitung» übernommen. Was es auch nicht besser macht, denn deren Analysefähigkeiten waren auch schon mal grandioser.

Das ist doch sicherlich beim anderen Mitspieler im Duopol der Tageszeitungen anders. Nicht wirklich. CH Media greift auf die Erkenntnisse von Michael Wrase zurück. Der kennt sich im Mittleren Osten aus, Iran, Beirut, Damaskus und so. Das qualifiziert ihn selbstverständlich zum Afghanistan-Spezialisten. Daher macht er sich hurtig an die Beantwortung von zehn Fragen. Als erfahrener «Spezialist» hält er sich bei seinen Antworten aber mehr zurück als ein Banker, der über die Kurse von morgen befragt wird; sind die Taliban nun gemässigter als früher?

«Wie ihre versprochenen Korrekturen aussehen werden, ist gegenwärtig schwer zu beurteilen.»

Das hätte ein afghanischer Windhund, könnte er sprechen, auch nicht besser formuliert.

Ganz deutlich positioniert sich hingegen das Blatt mit dem Regenrohr im Logo, der «Blick»:

Ob das tatsächlich flächendeckend gemacht wird, weiss allerdings niemand. Doch besser eine steile Ansage, als überhaupt keine Aussage.

Afganistan brunzblöd; wer bislang nicht verstanden hat, wieso die westliche Intervention dort scheiterte, nach diesem Scheitern der westlichen Medien, genauer der Schweizer, dürfte es klar sein. Ein fremdes Land mit fremden Gebräuchen und Traditionen braucht etwas Grips statt Geplapper. Kenntnis statt Geschwurbel. Sonst wird das nie was.

Obduktion von Konzernjournalismus

Hier werden Fundstücke analysiert, um ihre Todesursache zu erkennen. Tamedia, NZZ, CH Media, Ringier: man mag sich nicht. Wirklich nicht.

Ein harmloses Beispiel zum Start. Die schreibende Sparmassnahme, das, was von der einstmals bedeutenden Medienkritik in der NZZ übrig geblieben ist, fuchtelt mit dem Zeigefinger.

Pensionär Felix E. Müller versucht, auf «20 Minuten» einzuprügeln. Dort hätten sich mal wieder in den Kommentarspalten die Nazi-Vergleiche gehäuft; verwendet vor allem von Kritikern der Corona-Politik.

Schliesslich habe sich der Chefredaktor von «20 Minuten» veranlasst gesehen, dazu «Stellung zu nehmen», fabuliert Müller. Daher muss man ihn ganz vorsichtig an die Realität heranführen.

  1. Es ist kein Scherz, sondern mit Untersuchungen erhärtet, dass bei jedem beliebigen Thema, inklusive Häkeln oder Briefmarkensammeln, nach einer gewissen Anzahl von Kommentaren unweigerlich ein Nazi-Vergleich gezogen wird.
  2. Gaudenz Looser hat keine Stellung genommen, sondern sich in einem Gespräch mit dem Generalsekretär des Schweizerisch Israelitischen Gemeindebundes erklärt.
  3. Am Schluss dieses Meinungsaustauschs sagt Jonathan Kreutner: «Medien sollten möglichst viele Meinungen abbilden. Trotzdem gibt es rote Linien. Diese zu diskutieren, so wie wir es jetzt tun, ist wichtig. Vielen Dank dafür.»

Man kann selbstverständlich über den Ort für solche rote Linien oder über die Argumente Loosers verschiedener Meinung sein. Was nicht geht, ist das hier:  «Zwar verurteilte er solche Äusserungen klar, versuchte dann aber zu erklären, weshalb man diese bis anhin geduldet habe. Das ging gründlich schief.»

Nein, Herr Scharfrichter Müller, redlich wäre es gewesen, dem Leser der NZZaS zu erklären, dass Looser in einem Dialog mit einem jüdischen Vertreter zu begründen versuchte, wieso in den Kommentaren von «20 Minuten» solche Nazi-Vergleiche zugelassen wurden  und inzwischen strenger zensiert werden. Was ausdrücklich verdankt wird.

Den Gipfel an Heuchelei erklimmt Müller dann hiermit: «Wer den politischen Gegner beschimpft, hört ihm nicht zu, was durch die Anonymität, die in diesen Spalten garantiert ist, zusätzlich erleichtert wird.»

Immerhin versteckt sich Müller nicht hinter einem Pseudonym, aber: «Wer den publizistischen Gegner beschimpft, hört ihm nicht zu.» Erschwerend kommt hinzu, dass es sich um die gesalbten Worte eines ehemaligen NZZaS-Chefredaktors handelt, dem es offenbar nicht bewusst ist, welchen Reputationsschaden er mit diesem Versuch anrichtet, einem publizistischen Konkurrenten an den Karren zu fahren.

Vielleicht könnte Müller mal seine reichliche Freizeit darauf verwenden, nachzuzählen, wie häufig im Hause NZZ Nazivergleiche gepflegt werden. Würde ihn unangenehm überraschen.

Anstatt so unter NZZaS-Niveau zu beckmessern, hätte Müller doch einfach das Gespräch aufmerksam lesen können; vielleicht wäre ihm diese Stellungnahme von Looser aufgefallen:

«Wir machen das Kommentar-Management heute viel besser und aufwändiger als früher, wir haben ein geschultes Freischalterteam, das von einem eigenen Ressort eng betreut wird. Dieses Ressort spielt regelmässig heikle Themen und Fragen an unser Social Responsibility Board weiter, welches dann zusammen mit der Chefredaktion Lösungen und Strategien zum Umgang damit diskutiert. Das ist ein höchst lebendiger, dynamischer Prozess in einem ständigen und teils auch akuten Spannungsfeld. Dazu gehört auch, dass wir von aussen kritisiert werden – und wir lassen uns auch kritisieren und hören zu.»

Aber im Alter wird man bekanntlich harthörig.

 

Konzernjournalismus, Part II

In der NZZaS und in «20 Minuten» erschien am 1. August ein ganzseitiges Inserat des Unternehmers Benard Duzhmani. Darin wirft er, unterstützt von einer PR-Bude, dem «Beobachter» vor, der habe mit einem haltlosen Artikel sein Geschäft geschädigt und auch seine Ehre. Dabei vermutet Duzhmani, dass seine kosovarische Herkunft – obwohl er längst eingebürgert ist – eine wichtige Rolle gespielt habe.

Auffällig an dem Inserat ist –neben dem professionellen Layout –, dass mit keinem einzigen Wort auf die konkret erhobenen Vorwürfe des «Beobachter» eingangen wird. Es wird lediglich gesagt, dass eigene Untersuchungen die nicht bestätigen konnten und dass gegen die Firma keine Strafuntersuchung laufe, sie auch nicht wegen rechtswidrigen Praktiken angeklagt oder gar verurteilt worden sei.

Damit hat Duzhmani durchaus Neuland betreten. Statt den Streit bilateral oder vor Gericht auszutragen, ging er acht Monate nach der Publikation dieses Artikels in die mediale Offensive. Ob ihm das nützt oder schadet, ist zurzeit nicht zu beurteilen.

Aber es ist ihm gelungen, die Aufmerksamkeit der beiden Medienkonzerne zu erlangen, in denen das Inserat erschien. Bei Tamedia hat Rico Bandle neben seinem Schmierenartikel über die Trauerfeier für Peter Buser noch Zeit gefunden, Duzhmani auf einer ganzen Seite in der SoZ zu porträtieren.

Aber nicht um Recherchierjournalismus: Das Porträt in der SoZ.

Wie es heute üblich ist, hat Bandle auf jede Eigenrecherche verzichtet, er gibt schlichtweg die bereits bekannten Fakten wider und lässt Duzhmani seine Position ausführlich erläutern. Gleichzeitig gibt sich Bandle dafür her, dass auf diesem Weg der Unternehmer seine «Millionenklage» gegen den «Beobachter» ankündigen kann. Denn verblüffenderweise hat er das bislang – trotz den vielen vergangenen Monaten und dem angeblich riesigen Schaden – unterlassen.

Ganz am Schluss legt sich Bandle noch in die Kurve und referiert kurz die Stellungnahme des «Beobachter», der schliesslich eine «Institution» sei und «nicht bekannt für sensationsgetriebene Schnellschüsse». Der sehe einem Prozess gelassen entgegen, während Duzhmani sich völlig sicher sei, «dass wir gewinnen werden». Daher «freue» der sich «sehr auf diesen Prozess», gibt Bandle ihm das Schlusswort.

Schön für Duzhmani, dass er sich inzwischen Platz in den Tamedia-Gazetten nicht mehr kaufen muss. Büttel wie Bandle öffnen ihm gratis die Spalten für kritiklose Widergabe seiner Positionen.

Auch du, meine NZZ.

Auch die NZZ nimmt die Witterung am 24’000 Franken teuren Inserat auf und legt mit einer Story – ausgerechnet im Feuilleton – nach. Wie es sich für das Blatt gehört, fällt sie eine Idee kritischer aus als bei der SoZ. Nichtsdestotrotz wird auch hier weitgehend die Position Duzhmanis referiert, der sich nur flankiert von David Schärer von der «Bigger bang for the buck»-Agentur Rod interviewen lässt. Zudem hat er sich der Beihilfe der Anwältin Rena Zulauf versichert, die sowohl für ihre gemischten Ergebnisse wie auch für ihre exorbitanten Honorarnoten bekannt ist.

Die NZZ setzt ihre Darstellung unter den Lead:

«Wie weit geht die journalistische Freiheit, und wo beginnt die mediale Anmassung?»

Das ist an und für sich eine hochspannende Frage. Es geht hier um das kitzlige Thema, dass dioe sogenannte vierte Gewalt ihre Funktion nur ausüben kann, wenn sie über Skandale oder Ungereimtheiten oder Kritikwürdiges berichtet, ohne dass bereits strafrechtliche Tatsachen in Form von Urteilen geschaffen wurden.

So hat sich auch die NZZ lebhaft an der Affäre Vincenz beteiligt und ausgiebig aus eigentlich dem Amtsgeheimnis unterliegenden Akten zitiert. Damit zweifellos einen Beitrag zur Vorverurteilung von Vincenz geleistet, dessen Anspruch auf Unschuldsvermutung ja nur noch ein blosser Witz ist.

Nun wirft die NZZ dem «Beobachter» vor, dass der den Begriff «illegal» verwendet habe, obwohl kein entsprechendes Urteil vorliegt. Der «Beobachter» hingegen hält daran fest und sagt:

«Wir stehen zu jedem Satz und haben gute Belege für unsere Vorwürfe».

Hier wäre doch eigentlich die Aufgabe der Mitbewerber, mit eigenen Recherchen zu glänzen. Über die Quellen und die Stichhaltigkeit der Vorwürfe des «Beobachter». Oder über die Firma des Geschäftsmanns. Aber das würde ja in Aufwand ausarten, den der heutige Elends- und Sparjournalismus weder bei Tamedia, noch bei der NZZ mehr leisten kann. CH Media und Ringier halten sich vorläufig eher raus; vielleicht brauchen sie als Motivationsspritze zuerst auch ein Inserat.

Neues aus dem Brutkasten der Demagogie

Wir hätten die «Medienwoche» schon fast abgeschrieben: Kinderkrams-Postille. Wir denken um.

Denn gerade blubberte Marko Kovic, aber gewaltig. Auf 18’500 Anschlägen rechnet er mit dem sich gerade formierenden «intellectual dark web» (IDW) auf Deutsch ab. Also mit der dunklen, rechten Seite des Denkens, also des Falschdenkens.

Dunkler jüdischer Geist: Henryk Broder.

Hier träten Exponenten auf, die zwei Dinge einen. Sie  wollten «über den Dingen stehen und all die Probleme ansprechen, die im «Mainstream»-Diskurs vermeintlich zu kurz kommen». Als ob das nicht schon schlimm genug wäre; die Mitglieder dieser «Gegenöffentlichkeit» sind voll bescheuert:

«Die wissenschaftliche Sicht auf die Gefahren von Covid-19 und auf die Wirksamkeit von Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie lehnen sie ab. Stattdessen proklamieren sie, die wahre Wahrheit zu kennen

Da irren sie aber gewaltig, denn natürlich kennt die nur Kovic himself, logo. Aber wer oder was gehört denn zu diesem deutschen IDW? Hier wird’s enttarnt: «Personen wie Milosz Matuschek, Gunnar Kaiser, Roger Köppel, Milena Preradovic, Tamara Wernli, Daniel Stricker, Henryk Broder und Plattformen wie «Die Achse des Guten», der «Nebelspalter», «Die Weltwoche», der «Schweizer Monat» bilden prominente Knotenpunkte im deutschsprachigen IDW.»

Furchtlos steigt Kovic ins Grauen hinab.

«Quasi-journalistische Meinungspublikationen bis hin zur NZZ»

Da werde eine «Echokammer der Gleichdenkenden» bespasst, echot Kovic den gleichen Vorwurf, der zwischen allen Gesinnungsgruppen hin und her geworfen wird. Zudem beklagten sich diese Exponenten des deutschsprachigen IDW darüber, dass im Rahmen einer Cancel Culture sie nicht oder nur ungenügend zu Worte kämen. Völliger Quatsch, meint Kovic, die bespielen doch die gleichen Plattformen wie er, beziehungsweise haben ihre eigenen Spielplätze: «Von «alternativen» Kanälen wie YouTube und Podcasts über quasi-journalistische Meinungspublikationen wie die «Weltwoche» oder den «Schweizer Monat» bis hin zur Neuen Zürcher Zeitung.»

Senden aus der eigenen Echokammer.

Quasi journalistische Meinungspublikation NZZ? Spätestens hier muss man sich um die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung durch Kovic ernsthaft Sorgen machen. Denn er geht den Weg nach Absurdistan unbeirrt weiter. Vor allem im Zusammenhang mit der Corona-Debatte sei bei diesen Irrläufern (meint der Irrläufer) ein weiteres Problem zu beobachten: «Eine nüchterne, ergebnisoffene und breite Auseinandersetzung mit der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz» fehle «immer». Denn «einzelne «Expertenmeinungen» wie jene der prominenten wissenschaftlichen Corona-Querdenker Beda Stadler, Wolfgang Wodarg oder Suchard Bhakdi» zählten mehr «als umfassende, systematische wissenschaftliche Übersichtsarbeiten». Die diesen «Querdenkern» natürlich allesamt unbekannt sind, sonst würden sie ja nicht quer denken, die Armen.

Kovic hingegen hat den unbestechlichen Röntgenblick:

«Unter der gekünstelten Rationalitäts-Patina verbirgt sich nämlich nicht nur eine eigentliche, oft mit Sarkasmus und Häme zelebrierte Irrationalität, sondern auch eine konservativ-reaktionäre Weltsicht.»

Könnte auch aus dem «Nebelspalter» stammen:
Kovic auf seiner Webseite (Screenshot).

Das wäre ja nun soweit eine lässliche Sünde, über die sich Kovic in seiner Echokammer zwar gewaltig aufregen darf, aber noch nicht richtig gesellschaftsgefährdend. Oder eben doch:

«Die selbsterklärten Retter:innen des rationalen Diskurses sind in Tat und Wahrheit dessen Totengräber:innen.»

Zunächst ist Kovic ein Totengräber des korrekten Gebrauchs der deutschen Sprache. Dann ist er Totengräber logischer Grundprinzipien und Regeln eines sinnvollen Diskurses: These, dann Begründung oder Herleitung. Behauptung, begründungslos oder mit absurder Unterfütterung, das ist reine Demagogie.

Kovic weiss, wer zur dunklen Seite der Macht wechselt.

Sinnlos, zwecklos, hirnlos, intellektuell anspruchslos, aber in «Republik»-Länge. Kovic will diese Stimmen einer Gruppe zuordnen, diese Gruppe in eine gemeinsame Geisteshaltung pressen, die lächerlich machen und denunzieren. In «quasi-journalistischen» Organen äusserten die unwissenschaftlichen Stuss und beschwerten sich öffentlich darüber, dass man sie öffentlich nicht genügend wahrnehme. Ein Trottelhaufen, mit anderen Worten. Lächerlich, aber gefährlich.

Der Mann in seiner Meinungsblase, in Denkerpose.

Gemach, lieber Herr Kovic, das eignete sich vielleicht als Selbstdiagnose. Nur: gefährlich, das sind Sie wirklich nicht.

 

 

 

Lachappelle und die Medienwüste

Er geht in die Wüste, die wüsten Medien bleiben. Eine Bilanz der Armseligkeit.

Am Freitag ergibt die Suche nach dem Stichwort Lachappelle 106 Treffer in der SMD. Ohne Duplikate schrumpft das auf 36 zusammen, und dahinter steht: es berichten Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SRF. Plus ein paar kleine, versprengte Organe.

«Inside Paradeplatz», dann der Einheitsbrei …

Viele, darunter der «Blick», übernehmen einfach die SDA-Meldung; sicher ist sicher. Denn im Vorfeld des Rücktritts des VR-Präsidenten von Raiffeisen setzte er via Anwalt den Schutz seiner Privatsphäre unter Einsatz von superprovisorischen Verfügungen ernsthaft durch.

Die SDA-Meldung, zwei Fotos dazu, fertig ist der kostenpflichtige Inhalt.

Lediglich «Inside Paradeplatz» liess tapfer Berichte über die fatale Liebesaffaire von Lachappelle im Netz. Aber Ringier, die Ex-Geliebte und auch ZACKBUM durften sich zum Fall nicht mehr äussern. Bzw. dürfen rechtlich gesehen auch heute nicht das berichten, was Lachappelle inzwischen selbst eingeräumt hat.

Ein richtiges und vollständiges Desaster

Aber wichtiger ist das gesamte Schlamassel, das sich hier abgespielt hat. Es ist ein Controlling-Desaster bei Raiffeisen. Der Verwaltungsrat dürfte seit August letzten Jahres, als Lachappelle die Veröffentlichung einer Broschüre seiner Ex-Geliebten verbieten liess, über die Affäre informiert sein. Ebenso die staatliche Aufsichtsbehörde Finma. Erkennbare Reaktion? Null.

Spätestens seit dem Beschwerde-Artikel im «SonntagsBlick» von vorletztem Wochenende dürften überall die Alarmsirenen erschallt sein. Äusserlich erkennbare Reaktion? Null. Bei Raiffeisen übernimmt Pascal Gantenbein interimistisch die Führung. Darin hat er Erfahrung, auch nach dem abrupten Abgang des HSG-Professors Rüegg-Stürm (der hatte seinen Abgang mitten in einer Raiffeisen-Krisen-PK verkündet, wobei er den damaligen CEO Gisel mit offenem Mund zurückliess) war er schon mal zwischenzeitlich am Gerät.

Das ist Desaster Nummer eins; die drittgrösste Bank der Schweiz führt sich auf, als sei sie ein Tollhaus-KMU mit lauter Dilettanten am Gerät. Dabei haben diese Versager die Verantwortung für 11’000 Mitarbeiter und für die grösste Hypothekenbank der Schweiz.

Statt still und leise seinen Rücktritt verkünden zu lassen, mutete Lachappelle sich und allen anderen eine tränenerstickte Pressekonferenz zu, auf der er ausführlich sein Leid klagte und seine Sicht der Dinge darstellte – nachdem er das zuvor in jeder Form durch seinen Anwalt verhindern liess. Bei aller menschlichen Tragik: was für ein unheimlich schwacher Abgang. Das ist Desaster Nummer zwei.

Am schlimmsten geht’s aber bei den Medien zu und her

Das grösste Desaster ereignet sich aber medial. Die überlebenden Konzerne, die sich gerade wegen ihrer staatstragende Funktion eine Extra-Milliarde Staats-Subventionen erbettelten, werden immer häufiger zu willfährigen Helfershelfern für Rachefeldzüge. CH Media mit seiner Berichterstattung über einen Badener Stadtammann, dem es gefiel, Fotos seines Gemächts aus den Amtsräumen an seine Geliebte zu schicken. Die damit, nachdem er sie abserviert hatte, an die Öffentlichkeit ging.

Die gebrannten Kindersoldaten von Ringier (Borer-Affäre) wollten sich auch bei Lachappelle weit aus dem Fenster lehnen – und stellten sich dabei so tölpelhaft an, dass sie eine Superprovisorische einfingen. Auch beim Meckern darüber waren sie nicht viel geschickter; der Ringier-Verlag himself musste den «SonntagsBlick» in den Senkel und den Regen stellen. Bereits am Montag entschuldigte sich Ringier für einen am Sonntag erschienen Report über die angeblich fiesen Methoden des Raiffeisen-Bosses; gelöscht, sorry, tun wir nie wieder, ist das Abflussrohr hinuntergespült. Unheimlich motivierend für den SoBli.

Die NZZ hatte seriös die Hintergründe zum Überwachungsskandal bei der Credit Suisse recherchiert, natürlich auch aufgrund von zugesteckten Informationen aus dem Umfeld der Gegner des damaligen CS-CEO.

Schliesslich Tamedia, die Mutter aller angefütterten Organe. Ein Wiederholungstäter in jeder Form. Im Reigen der sogenannten Leaks und Papers – von unbekannter Hand gestohlene Datenbänke von vorher unbescholtenen Firmen auf der ganzen Welt – war Tamedia immer vorne dabei und beteiligte sich am Tanz um angebliche Abgründe, Hintergründe, Riesenschweinereien in der internationalen Finanzwelt. Insbesondere, was das skrupellose, verantwortungslose Verstecken von Vermögenswerten reicher Säcke betrifft. Nur: die gross angeprangerten Fälle mit Schweizer Bezug verröchelten jämmerlich. Der Ruf der Betroffenen war zwar – auch posthum – völlig ruiniert, aber was soll’s man hatte ja nur berichtet.

Eine jahrelange Verfolgung des gleichen Zielobjekts

Geradezu obsessiv muss man aber die Verfolgung einzelner Exponenten von Raiffeisen duirch den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser nennen. Nachdem der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst – und längere Zeit alleine – über merkwürdige Geldtransfers von Pierin Vincenz berichtet hatte, übernahm dann Tamedia. In der sich über Jahre hinquälenden Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft veröffentlichte Rutishauser ein delikates und strikt vertrauliches Dokument nach dem anderen. Und hielt die Öffentlichkeit über die angeblich demnächst bevorstehende Anklageerhebung auf dem Laufenden.

Um als krönenden Höhepunkt aus der ihm offenbar vollständig vorliegenden, 368 Seiten umfassenden Anklageschrift die saftigsten Stellen über das angebliche Spesengebaren von Vincenz zu zitieren. Zuvor hatte er schon durch die Publikation einer Indiskretion aus dem Privatleben des damaligen CEO dafür gesorgt, dass der, als langjähriger Weggefährte von Vincenz offenbar störend, holterdipolter zurücktreten musste.

Bahn frei für Guy Lachappelle. Dass der zumindest am Rande noch mit der Altlast ASE-Skandal der Basler Kantonalbank verbunden war, was soll’s; niemand ist ganz ohne Fehl und Tadel. Aber, alte Weisheit auch in Hollywood-Schinken, wo Schatten ist, muss auch Licht sein, sonst wird’s zu trübe oder einfach eine Serie noir. Also wurde Lachappelle gelobt, der Aufräumer, energisch, plant die Zukunft, bringt wieder Zug in den Sauhaufen zu St. Gallen.

Nur leise wurde kritisch angemerkt, dass 900’000 Franken für einen Nebenjob schon ziemlich viel Geld ist. Sein Vorgänger, der gerade ins Zielfernrohr von Rutishauser gerückt war, musste sich noch mit etwas mehr als der Hälfte zufrieden geben. Der Oberchefredaktor, wie immer aus internen Unterlagen fröhlich zitierend, warf ihm schwere Versäumnisse vor. Die er mit dem Witzsatz abschloss, dass Rüegg-Stürm nicht Teil der Anklage in Sachen Vincenz sei und daher die Unschuldsvermutung für ihn gelte – wie übrigens für Vincenz auch. Ein echter Schenkelklopfer.

Steigerungen sind immer möglich

Aber die aktuelle Entwicklung schlägt alles Vorherige. Offensichtlich fütterte die rachsüchtige Ex-Geliebte diverse Medien mit dem Inhalt ihrer Strafanzeige gegen Lachappelle. Gegenstand ist ein Mail von ihm, in dem er ihr von seinem privaten Account offenbar auf ihren Wunsch ein völlig belangloses internes Papier zuhielt, das aber, wie er selbst einräumte «potenziell börsenrelevante Infos» enthielt. Was Lachappelle nicht abhielt, im Liebesrausch fortzufahren:

«Aber meine (geschwärzt) bekommt es natürlich. Du bist wunderbar.» Unterzeichnet mit «in grosser Sehnsucht».

Gehört es wirklich zur Berichterstatterpflicht, ein im November 2017 abgeschicktes Mail der öffentlichen Betrachtung – und den Absender der Lächerlichkeit – preiszugeben? Offenbar haben andere Medien, die diese Racheaktion ebenfalls zugestellt bekamen, darauf verzichtet. Damit bleiben mal wieder nur Verlierer auf dem Platz.

Volle Breitseite in Tamedia.

Der nächste gefallene Raiffeisen-Star. Alle Kontroll- und Aufsichtsbehörden, die in diesen Fall verwickelt sind und mal wieder so tun, als ginge sie das nichts an. Die Mitarbeiter von Raiffeisen, die hofften, endlich die Affäre Vincenz hinter sich lassen zu können und mit solchen Themen von ihrer Führungsmannschaft nicht mehr behelligt zu werden. Schliesslich die Justiz, konkreter das Zivilgericht Basel Stadt, das offenbar Superprovisorische am Laufmeter ausstellt.

CH Media, hier das St. Galler «Tagblatt», käut wieder.

Und nicht zuletzt das Publikum, die Leser von sogenannten Qualitätsmedien, die ohne lange Motivforschung skandalisieren, was ihnen zugesteckt wird. Sowohl SoBli wie nun auch Tamedia liessen sich offensichtlich von einer Beteiligten an einer fatalen Affäre instrumentalisieren. So wie es schon Claudia Blumer in ihrem fatal falschen Bericht über einen hässlichen Sorgerechtsstreit widerfuhr.

Dass der von Rutishauser durch alle Böden verteidigt wurde, Tamedia sich bis heute weigert, wenigstens eine sachliche Richtigstellung zu publizieren, macht das Vorgehen im Fall Lachappelle notorisch. Und lässt den Konsumenten mit der immer drängenderen Frage zurück, wieso er dafür eigentlich noch etwas bezahlen soll.

Die NZZ erinnert sich an einen Filmtitel.

Nachdem CH Media bislang zur ganzen Affäre geschwiegen hat, gelüstete es offenbar die journalistische Leiter nach unten, sich auch einzumischen. Unter anderem im Qualitätsmedium «watson» meldet sich Pascal Hollenstein, zusammen mit Florence Vuichard zum ersten Mal zu Wort.

Wer dreht woran weiter?

Wir begeben uns in die unterste Schublade des Journalismus 

Zunächst erwähnt das Duo, von wem es angefüttert wurde:

«Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.»

Man hat sich also im Sinne der political correctness – nicht umsonst ist Hollenstein ehrenamtlich Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin – für die Seite der verschmähten Geliebten entschieden. Nun wird es einen Moment lang eher schmierig:

«Trennung von der Ehefrau, Zusammenzug, öffentliche Auftritte als Paar. Was stimmt? Die Fragen sind persönlich und gehen die Öffentlichkeit im Grunde nichts an. Doch Lachappelle selber war es, der am Donnerstag Intimes an die Öffentlichkeit trug.» Das ist unterste Schublade nach der Devise: Ich sage ja gar nicht, dass mein Nachbar seine Frau schlägt, aber er selbst redet doch drüber.

Aber nur die Einleitung zum neuerlichen Blattschuss, denn nun wird fröhlich weiter Internes und Intimes lustvoll preisgegeben, so heisse es in der Rechtsschrift der Ex-Geliebten:

«Lachappelle selber sei es gewesen, der sich als «Joe » geoutet habe. Zum Beispiel indem er dem Verwaltungsrat des Arbeitgebers seiner Ex-Partnerin ein «diffamierendes Schreiben schickte und vorgab, er selbst sei ‹Joe›». Damit sei der Name Lachappelle erst ins Spiel gekommen.

Es sei Lachappelle selber gewesen, «der quasi die Figur des Joe für sich annektiert hatte und sich völlig unmotiviert gegenüber mehreren Personen in seinem Umfeld dahingehend geäussert» habe, heisst es in der Klageantwort der Ex-Partnerin. Es sei davon auszugehen, dass es Lachappelle darum gegangen sei, seine Ex-Partnerin «insbesondere an ihrem Arbeitsplatz in Misskredit zu bringen und beruflich und privat zu verunglimpfen und finanziell zu schädigen»».

So stelle das der «renommierte Luzerner Medienanwalt Rudolf Mayr von Baldegg in der Klageantwort der Ex-Partnerin ganz anders dar», als Lachappelle an seiner Pressekonferenz behauptet habe.

Wir haben also einen «renommierten Medienanwalt», jede Menge schmutzige Unterwäsche, die von der Ex-Geliebten gewaschen wird, wir haben keine Erklärung, wieso ihr erst nach Jahren in den Sinn kam, ein Mail vom November 2017 zur Grundlage einer Strafanzeige zu machen. Wir haben aber vor allem eines nicht, was Hollenstein ein weiteres Mal als publizistischen Leiter völlig disqualifiziert. Wir haben nicht mal die Erwähnung eines Versuchs, Lachappelle Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Audiatur et altera pars? Hollenstein kann kein Latein

Bekam er die? Reagierte er nicht darauf: Störte sein Reaktion? Das ist nun – unabhängig von «she said, he said» – die allerunterste Schublade im Journalismus. Partei ergreifen, Angefüttertes wiedergeben, aber dem Angegriffenen nicht das Wort erteilen. Selbst Claudia Blumer von Tamedia, ähnlich unterwegs, unternahm zumindest einen untauglichen Versuch, der anderen Seite in ihrem parteiischen und vor Fehlern strotzenden Bericht über einen hässliche Sorgerechtstreit die Gelegenheit zum Beantworten von Fragen zu geben.

Es erhebt sich zum wiederholten Mal die Frage: Wie lange wird der Wanner-Clan, Besitzer von CH Media, dieser Rufschädigung durch einen hochrangigen Mitarbeiter noch zuschauen? Ist wirklich gewollt, dass die wenigen verbleibenden Journalisten diesem Beispiel folgen sollten?

Selbst Tamedia, auch nicht gerade zimperlich im Umgang mit Raiffeisen im Allgemeinen und Lachappelle im Speziellen, erwähnt in ihrem Nachzug-Artikel eine Erklärung, wieso Lachappelle in seiner Pressekonferenz nicht auf diese Vorwürfe einging:

«Uns liegt die Strafanzeige nicht vor», begründet dies Lachappelles Anwalt, Jascha Schneider-Marfels. Darum habe sein Mandant am Donnerstag nichts dazu sagen können.»

Das hätte einiges an heisser Luft aus Hollensteins Schmierenstück rausgelassen, also besser nicht mal nachfragen.

Dödäda? Jeder hat das Recht …

Darf der das? Wer darf sich ein Bild machen, und warum? Die NZZ bläst sich auf.

Die meisten kennen das Recht am eigenen Wort. Das bedeutet, dass man versuchen kann, eine Aussage, die man einem Journalisten gegenüber gemacht hat, wieder zurückzuziehen. Das hat auch mit der unseligen Unsitte zu tun, ein Interview in verschriftlichter Form noch zu autorisieren.

Das ist im ganzen angelsächsischen Journalismus völlig unbekannt und unüblich. Da gilt: gesagt ist gesagt, wenn der Journalist das verkürzt, verzerrt oder falsch widergibt, dann gibt’s ein Riesengebrüll, also lässt er das.

Das Gleiche gilt auch für das Recht am eigenen Bild. Darüber bricht sich in der NZZ ein Schlaumeier einen ab, allerdings wählt er dafür, Künstlerpech, das falsche Beispiel.

Auf einer Glatze locken drehen, nannte das Karl Kraus.

Das Beispiel ist der Schweizer Fan, der während des Fussballspiels gegen Frankreich geradezu ikonisch litt und dann triumphierte. Da fragt die NZZ streng:

«Muss man es sich als gewöhnlicher Stadionbesucher gefallen lassen, zur Belustigung des Publikums durch die multimediale Arena gezogen zu werden?»

Dazu äussert sich NZZ-Redaktor Daniel Gerny. Pardon, Dr. iur. Gerny. Und lässt gleich die Früchte seines Studiums auf die Leser niederprasseln: «Die Persönlichkeit ist zivilrechtlich geschützt. Art. 28 des Zivilgesetzbuches (ZGB) umfasst auch das Recht am eigenen Bild. Dort heisst es: «Wer in seiner Persönlichkeit widerrechtlich verletzt wird, kann zu seinem Schutz gegen jeden, der an der Verletzung mitwirkt, das Gericht anrufen.»»

Wurde das der Fan, durfte man ihn so überall abbilden? «Nein – jedenfalls nicht ohne Einwilligung und nicht in dem Masse, wie es hier der Fall war.»

Wenn der Doktor nicht reicht, muss der Professor ran

Gerny versichert sich dabei noch professoraler Unterstützung, denn Doktor ist er ja selbst. So runzelt wunschgemäss auch Roland Fankhauser, Professor für Zivilrecht an der Universität Basel, die Stirn. Sicher dem Genderwahnsinn geschuldet ist dies hier: Regina E. Aebi-Müller, Professorin für Privatrecht an der Universität Luzern: «Schon wenn der gleiche Fan in einem Spiel aber mehrfach gezeigt werde, werde es heikel.»

Hops, ist der nun nochmal verletzt?

Aebi-Müller hat noch weitere brandheisse juristische und sonstige Erkenntnisse auf Lager: ««Das Internet vergisst nicht», betont Aebi-Müller. Es bestehe deshalb durchaus ein Interesse daran, dass eindeutig inkriminierende Fotos schnell vom Netz genommen würden. «Ist damit zu rechnen, lohnt es sich unter Umständen, einen versierten Medienanwalt zu nehmen.»»

Entweder ist das mal wieder weibliche Logik, oder es ist Unsinn. Wir wagen da kein Urteil. Nur: Wenn und da das Internet nichts vergisst – was mal hochgeladen wurde, verschwindet nicht mehr –, ist es eher Beschäftigungstherapie für zwar versierte, aber nicht ausgelastete Medienanwälte, hier tätig zu werden.

Zweite Verletzung?

Abgesehen davon: wenn sich jemand in seinen Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt, dann hat er im Prinzip Anrecht auf Schadensersatz. Nur: wo soll er den geltend machen, und wie lässt sich der beziffern? Das gilt auch für die sogenannte Gewinnherausgabe. Also die Forderung, dass alle Medien, die widerrechtlich dieses Bild verwendeten, den damit erzielten Gewinn herausgeben müssen.

Wie kann man die Höhe einer Gewinnherausgabe berechnen?

Nur, wie nicht nur Jolanda Spiess-Hegglin schmerzlich erfährt, wie kann man diesen Gewinn überhaupt berechnen? Hat Ringier tatsächlich eine runde Million an seiner Berichterstattung über die Zuger Affäre verdient? Oder höchstens 10’000 Franken?

Also gerät Gerny überall an «schwierig, aufwendig, beinahe aussichtslos». Was alleine schon die Frage provoziert: und wieso darauf kostbaren Platz in der NZZ verschwenden? Um einfach mal seinen Ius-Doktortitel spazieren zu führen? Die Frage verdichtet sich zur Gewissheit und Antwort, als sich Gerny gegen Schluss noch selbst ins Knie schiesst, um das mal juristisch sauber auszudrücken:

«Inzwischen hat sich der Schweizer Fan im «Blick» geäussert. Aus seiner plötzlichen Bekanntheit mache er sich nicht viel, denn er wisse, dass diese von kurzer Dauer sei. Man kann dies als konkludentes Verhalten sehen – als unausgesprochene Einwilligung in die Veröffentlichung der Bilder.»

Damit ist nun endgültig die Luft raus. Der Betroffene findet das offenbar gerade kein Problem, er fühlt sich also nicht «verletzt». Weshalb das ganze aufgeregte Geschreibe an der Grundvoraussetzung scheitert, dass nämlich ein Rechtsträger sich verletzt fühlt; wem etwas egal ist (oder wer es sogar toll findet), der ist eben nicht «verletzt».

Aber solche Erkenntnisse scheinen Gerny aus dem Hinterkopf gefallen zu sein; ist ja schon ein paar Jährchen her seit seinem Studium. Und wer den Titel hat, der hat ihn. Man kann ihn sich auch nicht wegschreiben. Leider.

NZZ: Textromanza!

Weniger Fotos, mehr Buchstaben. Aber auch die NZZ war schon mal von höherem Niveau geprägt.

Gut, wir wollen zuerst die Latte mal richtig hoch legen:

«Philosophiegeschichtlich kompetent konstruierte Butler den argumentativen Bogen des eigenen Theorie-Entwurfs aus Elementen der Werke von Hegel («Verkörperung»), den sie in Heidelberg studiert und in Yale zum Thema ihrer Doktorarbeit gemacht hatte, John L. Austin («Rollen»), Michel Foucault («diskursiver Widerstand») und Jacques Derrida («Aufhebung binärer Unterscheidungen»).»

Diskursiv könnte man einwenden, dass man natürlich Habermas nicht unerwähnt lassen kann, und ich persönlich finde immer, ein Sprutz Luhmannsche Systemtheorie hat noch keinem Schwulstschwatzen geschadet. Aber das mag Geschmacksache sein.

Man muss da sowohl die Relationen wahren wie auch die Prioritäten klar setzen. Biden, Bundesrat, Kampfjets. War da noch was? Ach ja, wie hiess der Zwerg schon wieder? Putin? Der war irgendwie auch noch da.

 

Was macht man als NZZ, wenn gerade der Freisinn mit seiner neuen Klima- und Umweltpolitik baden gegangen ist und eine neue Parteispitze braucht? Logo, einfach nicht drüber reden, sondern ein schlaumeierisches Einerseits-Andererseits ins Blatt sossen.

 

Was macht man als NZZ, wenn sie die Ausgrenzung von sexuellen Minderheiten in Ungarn an den Pranger stellt? Dabei auch den «Weltfamilienkongress» erwähnt, aber statt diese Dunkelkammer auszuleuchten, lieber der Unsitte frönt, riesige, aber aussagelose Fotografien auf die Seite zu hebeln?

Dabei würde es sich durchaus lohnen, diese Fanatiker mal genauer anzuschauen. Statt es bei Orbán-Bashing bewenden zu lassen.

 

Nachdem die NZZ das als Altersfurz eines Radiopioniers abtat, legt sie sich auch hier kommentarlos in eine enge Kurve. Tut so, als sei die Aussage des Titels der geheime Wunsch von Roger Schawinski gewesen. Auch nicht gerade souverän.

Aber, immerhin gibt es noch das Feuilleton. Und wenn selbst dem Feuilleton nicht wirklich was einfällt, dann denken wir wieder gemeinsam darüber nach, ob Nero wirklich so ein schlimmer Finger war – oder ein frühes Opfer von Fake News und übler Nachrede.