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Zwei starke Stücke

Einsame Lichtlein im Meer der Mediokrität.

«Die Schweizer Renten-Debatte ist verlogen.» NZZ-Redaktor Hansueli Schöchli wagt offen auszusprechen, was in der Debatte über das Rentenalter von allen Politikern tunlichst vermieden wird.

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Denn hier gibt es ein fundamentales demokratisches Problem. Ü-64 sind ein bedeutendes Wählersegment. Wer gewählt werden will, sagt dieser Zielgruppe sicher nicht, dass sie den Gürtel enger schnallen muss. Länger arbeiten. Weniger AHV beziehen. Von der Pensionskasse ganz zu schweigen.

Alleine die Erhöhung des Rentenalters für Frauen um ein einziges Jahr löst grosses Gebrüll und erbitterten Widerstand aus. Dagegen ruft Schöchli die banalen Tatsachen ins Bewusstsein:

«Bei der Einführung der AHV 1948 lebten 65-Jährige im Mittel noch knapp 14 Jahre lang. Heute sind es über 23 Jahre. Doch noch immer liegt das Rentenalter bei den Männern gleich hoch wie 1948, und bei den Frauen ist es sogar ein Jahr tiefer.»

Bitteres Fazit: «Die Rentenalter-Debatte ist geprägt von Verlogenheit.» Denn die Gegner argumentieren damit, dass längere Arbeitszeiten zur Folge hätten, dass Alte den Jungen Stellen wegnehmen. Was aber – nachgewiesen in Studien – nicht der Fall ist. Und wie soll denn sonst das Loch in der AHV-Finanzierung gestopft werden? «Deshalb sollen im Drehbuch der Gegner zusätzliche Subventionen und Lohnbeiträge die AHV sanieren. Dass dies vor allem zulasten der Jüngeren geht, muss man ja nicht laut sagen.» Genauso leise muss man sagen, dass die bereits in Milliardenhöhe die Pensionskassen füttern. Ein mutiger Aufschrei, für NZZ-Verhältnisse scharf geschrieben. Bravo.

Cum grano salis ist überhaupt nichts am sauberen Recherchierstück, mit dem der «Tages-Anzeiger» aufwartet: «Fünfsternhotel und Helikopterflug: Politiker reisen auf Kosten des Staatsunternehmens Schweizer Salinen AG regelmässig ins Ausland – und das ziemlich komfortabel.» Mit Schmackes untersucht Markus Häfliger die Luxusreisen, die sich amtierende und ehemalige Verwaltungsräte der Schweizer Salinen AG gönnen.

Der Staatsmonopolist führt seine Geschichte ins Mittelalter zurück und darf bis heute exklusiv jedes Salzkorn in die Speisen und auf die Strassen liefern. Importe sind lediglich mit seiner huldvollen Bewilligung gestattet. Kein Wunder: «2018 kritisierte die Eidgenössische Finanzkontrolle, wegen des Monopols sei das Streusalz in der Schweiz zwei- bis viermal so teuer wie im Ausland.»

Beruhigend zu lesen, dass diese Extraprofite sinnvoll ausgegeben werden. Ein Ausflug nach Südfrankreich wurde nach der Anreise im TGV mit der stilgerechten Unterbringung im 5-Sterne-Hotel «L’Arlatan» gefeiert: «Von dieser sehr komfortablen Basis aus startete die Reisegruppe zu Ausflügen in die Camargue. Der Höhepunkt zumindest in vertikaler Hinsicht: ein Helikopterflug über die riesige Meersalzsaline bei Aigues-Mortes.»

Bis zu 27 Verwaltungsräte haben das Recht, an solchen alle zwei Jahre stattfindenden «Studienreisen» teilzunehmen. Ibiza, Barcelona, Salzburg, Berchdesgaden und dann die Camargue, es gibt ja so viel zu studieren auf der Welt. Immerhin, nachdem der Tagi-Redaktor entsprechende Anfragen an die Salinen AG stellte, ruft ihn der Zuger Finanzdirektor Heinz Tännler an, von Amtes wegen im VR des Salzmonopolisten. Er stellt klar: «Ich habe an diesen Reisen – die Salinen nennen sie Bildungsreisen – nie teilgenommen.»

Launiger Kommentar von Häfliger: «Man muss sagen: Heinz Tännler hat etwas verpasst.» Entschieden weniger Unrechtsbewusstsein zeigt der Geschäftsführer der Salinen: «Die Reisen adressieren jeweils ein Thema, welches in engem Zusammenhang mit anstehenden strategischen Entscheiden des Verwaltungsrats steht

Konkret sieht das dann so aus: «Neben der Besichtigung der südfranzösischen Saline blieb viel Zeit für sehr viel Kultur, Natur und Kulinarik. Die Politikerinnen und Politiker genossen einen Stadtrundgang durch Aigues-Mortes, besuchten in Arles die Fondation Vincent Van Gogh und das Kulturzentrum Luma. Sie erlebten eine halbtägige ornithologische Führung in der Camargue. Und sie verbrachten einen Abend in einer Manade, wo die berühmten Camargue-Stiere gezüchtet werden. Aus- und Weiterbildung auch in südfranzösischem Stierkampf also.»

Jede Reise, schätzt Häfliger, dürfte rund 100’000 Franken gekostet haben. Es ist zu bezweifeln, dass sie in diesem Rahmen weitergeführt werden, dank diesem Stück, das die Wächterfunktion der Medien aufs beste illustriert. Bravo.

Sogar die Karikatur ist gut …

 

 

Tagi/NZZ: der Vergleich

Wenn man Fr. 9.30 investiert, was bekommt man dafür?

Die Printausgabe des «Tages-Anzeiger» kostet Fr. 4.20. Dafür gibt es am Dienstag insgesamt 34 Seiten bedrucktes Papier. Die NZZ kostet Fr. 5.10 und liefert 52 Seiten. Damit hat die NZZ bei einem Seitenpreis von 10 Rappen die Nase vorne, der Tagi kostet 12 Rappen.

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Was wird dafür geboten?

Bereits die Seite 2 verdeutlicht, welche Niveauunterschiede herrschen. Die NZZ steigt ansatzlos mit ihrer Auslandberichterstattung ein:

Der Tagi hingegen gibt seinen Mitarbeitern Gelegenheit, Meinungen zu verbreiten. Besonderer Tiefpunkt ist die Kolumne von Laura de Weck; ein hölzerner Dialog mit einer Schlusspointe, die auf den gesamten Inhalt zutrifft: «Crash».

Die NZZ berichtet dann über die Schliessung von Ikea Russland, porträtiert den Widerstand in Myanmar, analysiert die Krise der Muslimbrüder und kommt auf Seite 7 zum «Titanenkampf in der SP».

Den hatte der Tagi schon auf Seite 3:

Wieso allerdings zwei aufgeblasene Porträtfotos, Titel und Lead beinahe die halbe Seite ausfüllen, kann nur als geistige Sparmassnahme verstanden werden.

Auch die NZZ zeigt die Konkurrenten, allerdings mit Mass und Mitte.

Im Ausland behandelt auch der Tagi den Wahlsieg des linken Präsidentschaftskandidaten in Kolumbien. Dazu geht der SZ-Korrespondent von Buenos Aires (Argentinien) aus ans Gerät. Ist ungefähr so, wie wenn der in Schweden ansässige Korrespondent über die Parlamentswahlen in Frankreich berichten würde.

Apropos, so sieht im Tagi eine «Analyse» dieser Wahlen aus:

Links und rechts etwas Text um ein völlig überflüssiges Riesenfoto des französischen Präsidenten.

Während die NZZ mit einem launig bebilderten Interview aufwartet,

reitet im «Tages-Anzeiger» die einschlägig bekannte Ein-Thema-Autorin Aleksandra Hiltmann ihr Steckenpferd:

«Patriarchale Strukturen, Patriarchat, sexualisierte Gewalt, Kriegsvergewaltigungen». Es ist ein schreckliches Thema und begleitet meistens Kriegshandlungen. Nur: es ist ein altbekanntes Thema, es gibt keinen aktuellen Anlass dafür, und dass die oberste Strafverfolgerin der Ukraine von ihrem Posten entfernt wurde, weil sie unbelegte Horrorstorys über das Verhalten russischer Soldaten verbreitete – das ist Hiltmann natürlich kein Wort wert.

Lassen wir dann die Niederungen der Lokal- und Sportberichterstattung beiseite und wenden uns dem intellektuellen Höhepunkt zu: «Kultur und Gesellschaft» beim Tagi, «Feuilleton» bei der NZZ.

Auch hier sagen Bilder mehr als tausend Worte; so macht der Tagi auf:

So die NZZ:

Dann widmen sich gleich drei SZ-Redaktoren dem Aufreger des Moments:

Allerdings in sehr teutonischer Manier: das Verdikt wird schon im Titel ausgesprochen; es ist selbstverständlich ein Skandal und muss weg. Die Künstler zur Stellungnahmen auffordern? Überflüssig, wozu auch, die Meinung steht schon vor dem Schreiben fest.

Lieblicher und lockerer geht es dafür im NZZ-Feuilleton weiter:

Hier darf der abgesägte NZZaS-Chefredaktor Luzi Bernet sein Gnadenbrot mit flockigen Strandgeschichten futtern. Daran schliesst sich die «Buchhaus-Zeitung» an, mit deren Inhalt die NZZ nichts zu tun hat.

Der Tagi plämpert mit Kreuzworträtsel, Wetter und einer einzigen Seite «Wissen» aus. Auch ganz am Schluss frönt das Qualitätsorgan seiner Marotte, Texte um aussagelose Riesenfotos zu drapieren:

Völlig subjektives, aber unbeeinflusstes, nicht bezahltes Fazit: Fr. 5.10 sind ein stolzer Preis für ein paar Seiten bedrucktes Papier. Aber immerhin bekommt man Anregungen und Informationen, die man sonst in der Schweiz nicht findet. Die Fr. 4.20 für den Tagi gehören aber leider in die Kategorie: rausgeschmissenes Geld.

Wobei in beiden Fällen die Frage ist, ob man sich stattdessen nicht eher eine CS-Aktie kaufen sollte. Kostet nur unwesentlich mehr und wer weiss, vielleicht kommt die Bank ja mal wieder hinten hoch …

 

 

Stimme der Vernunft

Die NZZ läuft zu alten Formen auf.

Wenn man den Artikel von Benedict Neff liest, der wohlgemerkt unter der Rubrik «Meinung & Debatte» erscheint, nimmt man beruhigt zur Kenntnis, dass noch nicht alle Journalisten den Verstand verloren haben.

Das Urteil muss so harsch ausfallen, weil sich die meisten Medien einer Aufgabe versagen, die eigentlich die Grundlage ihrer Existenzberechtigung ist. Nämlich die möglichst realitätsnahe Beschreibung von Ereignissen. Was dazu dienen sollte, dass sich der Konsument eine eigene Meinung bilden kann.

Natürlich gibt es dabei nicht die einzig korrekte, gar objektive Darstellung. Organe wie die «Pravda» waren und sind eine Karikatur der Behauptung, die «Wahrheit» zu verbreiten und nichts als die Wahrheit. Stattdessen wird gefiltert, gelogen, eingefärbt, ausgelassen, umgebogen, zurechtgeschrieben. Keinesfalls, damit sich der Leser eine eigene Meinung bilden kann. Sondern damit er die vorgegebene Meinung annimmt, übernimmt, nachplappert.

Nun haben all diese Versuche einen Haken: früher oder später siegt das Faktische über die Fiktion. Wer behauptete, der Sozialismus eile auf allen Gebieten von Sieg zu Sieg, musste konsterniert zur Kenntnis nehmen, dass er gerade zusammengebrochen war und als Wirtschaftsmodell nie taugte.

Wer behauptet, die ukrainische Armee eile von Sieg zu Sieg, die russische hingegen sei am Rande der Niederlage, zeichnet ebenfalls ein Zerrbild der Realität.

«Irgendwann wurden Satellitenbilder eines 64 Kilometer langen russischen Militärkonvois vor Kiew verbreitet. Das Unheil schien im Anzug. Die Kolonne kam in der ukrainischen Hauptstadt aber nie an. Stattdessen waren die Zeitungen bald voll mit Bildern von russischem Militärschrott. Panzern, zusammengeschossen, ausgebrannt oder einfach stehengelassen auf ukrainischen Strassen.»

Es verfestigte sich das Zerrbild einer möglichen militärischen Blamage Russlands, konstatiert Neff. Dagegen traten zwei renommierte Experten an:

«Ende Mai meldeten sich die zwei führenden Kriegserklärer der deutschen Medien zu Wort: Herfried Münkler und Carlo Masala. «Die Ukraine steht im Begriff, den Krieg zu verlieren», sagte Münkler in der «Welt». «Es läuft für Putin. Von daher gibt es keinen Anreiz, sich in Verhandlungen hineinzubegeben», so meldete Masala fast zeitgleich. Die beiden Voten schienen wie aus dem Nichts zu kommen. Eben noch, mussten sich manche Medienkonsumenten gedacht haben, lief der Krieg doch für die Ukrainer. Die Amerikaner verkündeten, die Ukraine könne den Krieg gewinnen. Ebenso äusserte sich der Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.»

Nun könnte man meinen, dass das doch Ausdruck der Überlegenheit einer freien Presse sei, Beweis für die Meinungspluralität. Dagegen hält Neff:

«Wer nüchtern auf die Kriegslage zu blicken versucht, macht sich unter Umständen schon verdächtig. Als würde er damit die westlichen Werte oder den ukrainischen Abwehrwillen verraten.»

Abweichende Meinungen zu unterdrücken, das war und ist das Prinzip autoritär geführter Staaten wie Russland. Abweichende Meinungen zu tolerieren, ihnen aber keine Beachtung zu schenken, das ist das überlegene Prinzip westlicher Medien.

In die gleiche Liga fallen die repetitiven Berichte über den Gesundheitszustand des Kreml-Herrschers. Putin ist krank. Krebs, multiple Sklerose, Schilddrüse, Verlust des Augenlichts. Beweise, Belege? Experten für Körpersprache, verborgene Quellen aus dem Innern des Machtzirkels, Aussagen von angeblich Putin behandelnden Ärzten, die aber natürlich anonym bleiben müssen.

Und die Kriegsziele? Kann die Ukraine siegen? Wird Russland verlieren? Sind die ukrainischen Forderungen nach einem vollständigen Rückzug als Vorbedingung für Verhandlungen realistisch? «Dass dieser Krieg ohne Gebietsabtretung an Russland enden könnte, ist schwer vorstellbar. So wenig man sich dieses Szenario wünscht», bilanziert Neff nüchtern.

Das ist seine Meinung, und die kann so falsch sein wie das Geraune der Kriegsgurgeln und Ukraine-Versteher. Dass auch Neff eine einsame Position vertritt, dass die NZZ das einzige gewichtige Organ  in der deutschsprachigen Medienlandschaft ist, das solch differenzierte Meinungen zulässt, das auch die angeblich freiheitliche und westliche Demokratie in der Ukraine in Frage stellt, auf Zensur, Korruption, autokratische Tendenzen hinweist, gereicht ihr zur Ehre.

Macht die Schande der anderen Publikationsorgane deutlich.

NZZ: geht doch

Journalismus mit Hand und Fuss und Hintergrund? Bitte sehr.

Es ist einfach so. CH Media und Ringier haben sich weitgehend von der hintergründigen Berichterstattung verabschiedet. Tamedia lebt höchstens davon, an der Ausschlachtung gestohlener Geschäftsunterlagen beteiligt zu sein. Das sogenannte «Recherchedesk» recherchiert eigentlich nicht, sondern durchpflügt Datenmeere und wertet Zugehaltenes aus.

Auch wenn sich ZACKBUM wiederholen muss, der einzige Lichtblick in diesem Tal der Düsternis ist die NZZ. Das stellt sie mit diesem Gewaltsartikel wieder einmal unter Beweis: «Der Krieg und der Hunger: Warum die Welt vor einer Nahrungsmittelkrise steht.»

Nun kann Herr Beckmesser einwerfen, dass das Thema nun nicht gerade originell und erst von der NZZ entdeckt worden sei. Das ist richtig, Aber was hier sechs Autoren sachlich, kompetent und rundum ausgreifend zusammengetragen haben, erreicht immerhin das Niveau der angelsächsischen Medien. Was sonst keinem Schweizer Blatt und nur ganz, ganz selten einem deutschen gelingt.

Wenn ein Online-Stück der NZZ mit einer opulenten Startillustration beginnt, kann man darauf gehen, dass nun nicht nur informative 17’000 Buchstaben folgen, sondern auch illustrative Infografiken:

Sicherlich, auch diese Zahlen werden hier nicht zum ersten Mal enthüllt. Aber die Grafiken sind auch nicht einfach per copy/paste übernommen, sondern stellen eine Mischung aus Quellen und eigenen Recherchen dar.

Situation in der Ukraine, Exportmöglichkeiten, die Bedeutung von Russland und der Ukraine bei landwirtschaftlichen Produkten, aber auch als Kali-Produzenten und Exporteure von Rohstoffen für Düngemittel: es ist ein Rundum-Panorama zum Thema, das die NZZ hier abliefert.

Solche Stücke sind die Basis für jede Meinungsbildung zum Thema. Aber in den übrigen Medien werden lieber Luftkämpfe ausgetragen, ob Putin das ukrainische Getreide als Erpressungsmittel missbraucht, ob er höchstpersönlich für eine Hungersnot von «biblischem Ausmass» (SoBli) verantwortlich ist. Auch bei solchen Fragen hilft dieser Artikel zur Einordnung.

Auslegeordnung, ein schönes Schweizer Wort, das hier von der NZZ mit neuem Leben erfüllt wird.

Wären die Redaktoren bei CH Media und Tamedia inzwischen nicht völlig schmerzfrei, müssten sie einen Moment lang innehalten und sich was schämen.

Im Medienhimmel

Auffahrt ist’s; Zeit für leichtere Kost.

Himmlische Spitzenleistungen aus dem Schaffen unserer Qualitätsmedien.

Arbeiten wir uns von ganz unten nach oben. Wie «watson» scharf beobachtete, gingen Pixelmännchen (oder -frauen) an diesen Wettbewerb. Wo der Geschmack einen weiten Bogen macht, da ist das Organ mittendrin. Traut sich aber nix.

Was soll denn das zu meckern geben? Ist doch super, dass der «Blick» seinem Regenrohr im Logo nachlebt und nun auch Gartentipps gibt. Gehört sicherlich zur Resilienz. Allerdings: diese Story ist sehr, sehr resilient. Sie begleitet den Leser schon seit Tagen online. Seit Wochen. Bald einmal seit Monaten. Irgendwann seit Jahren. Bis es keine Brennnesseln mehr gibt.

Eigentlich ist das die alte Masche des Boulevards. Nur wen man vorher gehypt hat, kann man anschliessend richtig schön in die Pfanne hauen. Macht doch nix, dass auch Tamedia «Mr. Corona» lobhudelte. Welche Gelassenheit. Welches Vertrauen. Welche Geduld. Welche Stimme. Was für ein Mann. Und arbeitet (als Beamter!) sogar noch über seine Pensionierung hinaus. Ohne ihn hätten wir Corona sicher nicht überlebt. Und jetzt? Versäumnisse, Versager, verpeilt, wie konnte er nur, entrüstet sich der Tagi.

Das ist klassischer «#metoo»-Journalismus. Da gibt’s die Meldung, dass in Spanien Gesetz werden soll, dass Frauen mit starken Regelschmerzen deswegen zu Hause bleiben dürfen. Olé! Da überrascht der Chefredaktor seine Mannschaft mit einem Genieblitz: Das ist doch ein Thema. Aber wir müssen es lokal spielen. Also ran an die Umfrage, was meinen die Ostschweizer dazu? – Die Ostschweizer:Innen, korrigiert ihn seine feministische Fraktion. Natürlich, verbessert er sich, das ist ja ein Frauenthema. – Nein, das ist ein Menschenthema, kriegt er nun um die Ohren. Also gut, sagt er, nun aber ans Werk.

Das wird aber ein Werkchen, im Tagblättchen von St. Gallen: «Das sagen zwei Ostschweizer Politikerinnen, eine Feministin, der Thurgauer Gewerkschaftsbund und der St.Galler Gewerbeverband.» Minimale Pflichterfüllung, sagt ZACKBUM.

Ein (in Zahlen 1) russischer Diplomat hat einen starken Abgang hingelegt und sich mit Getöse gegen seinen Staat und seine Regierung gewandt. Das ist ausserordentlich und ausserordentlich mutig. Aber ist’s schon eine Welle? der Diplomat ging bei der Genfer UNO-Delegation Russlands von Bord. Also wie gemacht für die geballte Recherchierpower von Tamedia. Oder auch nicht. Die Artikel stammen von Frank Nienhysen, der schaffte auch ein Interview mit dem abtrünnigen Diplomaten. So arbeitet man halt bei der «Süddeutschen» immer noch. Während die Schweizer Tamedia-Redaktoren Maulaffen feilhalten und zuschauen.

Ergreift der Häuptling das Wort, geben sich die Indianer immer besonders Mühe. Eric Gujer ordnet mal wieder die Welt in der NZZ, zeichnet die ganz grossen Linien und blickt kompetent in die Zukunft. «Der Sieger im Ukraine-Krieg steht schon fest: China.» Welch ein Blick durch die Dinge hindurch. Aber wie bebildert man das nur? Krisensitzung der Bildredaktion, rote Striemen auf der Kopfhaut vor lauter Kratzen. Ernste Gesichter, leichte Schweissausbrüche, Angst um den Arbeitsplatz. Bis jemand die rettende Idee hatte: Chinesinnen. Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Hinten Mao, vorne lacht’s. Das traf zunächst auf Unverständnis und offene Münder. Aber der clevere Entdecker legte nach: Als Bildlegende schreiben wir «China könnte zum lachenden Dritten werden.» Allgemeine Erleichterung, Applaus, tiefes Einschnaufen, anerkennendes Kopfnicken. Und keiner merkt, wie lachhaft dieses Foto zu diesem Text ist. Ob’s wenigstens der Autor rafft?

Die letzten Gläubigen

Das WEF ist ein Schatten seiner selbst. Selbst die Demos dagegen …

All das übliche Brimborium fehlt. Wichtige und Mächtige, die in schwarzen, gepanzerten Limousinen durch Davos pflügen. All die Begegnungen «kenne ich den oder muss der mich kennen?». Die Empfänge, Partys, das Come-Together, die prall gefüllten Agenden. Wer hat die beste Suite im ersten Hotel am Platz, wer muss in Zürich übernachten und anreisen?

Wie viele wichtige Präsidenten und Weltenlenker sind anwesend, wo stapeln sich die Privatjets und die ganz grossen Flieger? Alles fehlt, stattdessen haben wir einen Olaf Scholz, eine Christine Lagarde, eine von der Leyen als Ersatzstars. Nicht mal Schnee gibt’s.

Was macht noch Schlagzeilen? Klitschko: «Bleibt die Schweiz passiv, klebt auch Blut an ihren Händen». – «Davos im Metaversum: WEF-Gründer kündigt digitales Grossprojekt an.» – «Die Welt war naiv. Klaus Schwab auch.» – «Oxfarm fordert höhere Steuern für Konzerne und Vermögende

Russland ist ausgeladen, Selenskij hat eine seiner tollen Video-Ansprachen gehalten, bei denen alle ganz betroffen schauen. Und ein ehemaliger Box-Weltmeister bereitet schon das Terrain vor: «Wladimir Klitschko hat die Schweiz zu einem Verbot russischer Staatsmedien aufgefordert. Dort laufe anti-ukrainische Propaganda. «Die Gehirnwäsche findet auch in der Schweiz statt», sagte er in einem Interview mit dem «Blick» am Rande des WEF in Davos.» Gehirnwäsche in der Schweiz? Muss doch was dran sein, dass zu viele Kopftreffer nicht spurlos an Boxern vorbeigehen.

Soweit, so gähn. CNN, die grossen Medien, sie berichten mehr aus Gewohnheit und unter ferner liefen über das WEF. «Blick» ist es aber gelungen, dem «CNN-Starmoderator» Richard Quest in Davos ein Statement zu entlocken. Was erwarte er denn vom diesjährigen WEF? «Nothing

Nicht viel mehr als nichts war auch der erste Versuch eines Protests durch die Jusos: «Nur gerade 60 WEF-Gegner protestieren gegen das Forum. Juso-Präsidentin Ronja Jansen lässt sich von der kleinen Teilnehmerzahl nicht beirren.» (siehe Screenshot vom «Blick» als Artikel-Foto.)

Aber immerhin, in Zürich war wenigstens etwas Action:

Tränengas, Gummischrot, Doppelmoppel-Parole.

Aber die NZZ hält in alter Treue am WEF fest und gönnt dem 84-jährigen Klaus Schwab den grossen Bahnhof, bzw. das grosse Interview. Aber auch ihr fällt es schwer, Fragen zu stellen, die Antworten erhalten, die dem Leser nicht als Ersatz für Schafezählen zum Einschlafen dienen könnten.

Seine Lieblingspose seit gefühlten 100 Jahren.

Auch auf die Gefahr hin, dass der Leser hier wegschnarcht, einige Höhepunkte des Interviews:

  • Die globale Solidarität hätte grösser sein können, das stimmt. Ich glaube, Corona hat uns alle egoistischer gemacht, und die Staaten sind nationalistischer geworden.
  • Ich habe mich angepasst und war online sehr aktiv. 
  • Das Global Village soll zur ersten Metaversum-Anwendung mit einem echten «purpose» werden.
  • Wir erwarten über 50 Regierungs- und Staatschefs und über 200 Kabinettsmitglieder.
  • Als der Krieg ausbrach, erinnerte ich mich an dieses Gespräch. Nun war völlig klar: Der Versuch, Putin zu überzeugen, europäischer zu werden, ist gescheitert. Ich war traurig und entsetzt.
  • Ich glaube, wir erleben tatsächlich gerade Geschichte an einem Wendepunkt.
  • Die Welt wird fragmentierter, wahrscheinlich zerbrechlicher.
  • Ich habe Drohschreiben erhalten, unser Haus wurde fotografiert und das Bild ins Internet gestellt.

Ist noch jemand wach? Dann haben wir noch die endgültige Schlafpille. Denn Schwab wird gefragt, wie es mit den wirtschaftlichen Beziehungen zu China (auch mit der dritten Garnitur am WEF vertreten) stehe: «Das ist die Frage, die dieses fliessende System besonders beschäftigen wird. Wie wird das Verhältnis der neuen westlichen Werteallianz zu China sein? Militärisch, aber auch wirtschaftlich.»

Falls es irgendwelche Antworten auf diese Frage geben sollte, bei denen man nicht sofort wegschnarcht; ZACKBUM wird berichten.

Kleine Umnutzung des früheren Russia House in Davos.

 

 

Wohin mit dem Geld?

Börse, Krise, Zähneklappern? Die NZZ ist gefordert.

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Die alte Tante ist nunmal das Organ des Kapitals. Also muss sie Kapitalisten gute Ratschläge geben, was die mit ihrem Kapital anfangen sollen. Besonders in turbulenten – Finanzspezialisten bevorzugen den Ausdruck volatil – Zeiten, wo die Anlagemärkte Achterbahn fahren.

Leider verfügt aber nicht einmal die NZZ über eine Glaskugel, mit der sie in die Zukunft sehen kann. Das machte sich schon schmerzlich bemerkbar, als sie beim Grounding der Swissair einen grossen Stiefel voll rauszog.

Aber zurück in die Gegenwart und die Zukunft. Auch in volatilen Zeiten, wo ein Atomkrieg alle Anlagechancen unangenehm beeinflussen könnte, ist in erster Linie Optimismus gefragt:

Lobenswert und viel optimistischer als der Titel auf der Front.

«Korrekturen, Einstiegschancen», so muss man das sehen. Korrekturen hört sich doch viel besser an als Massaker, und wer einsteigen kann, sollte das als Chance sehen – und nicht als Aufforderung, seine Kohle zu verrösten.

Die NZZ wirft gleich drei Fachredaktoren in die Schlacht: Michael Ferber, Lorenz Honegger und Werner Grundlehner. Geballte Kompetenz, grosse Vision, sattelfest, wunderbar. Allerdings: besser ist’s, die Ratschläge sogenannten «Experten» zu überlassen. Denn sollten auch die über keine Glaskugel verfügen, hat man nur berichtet, sollte es in die Hose gehen. Und wer hätte denn ahnen können, dass ausgewiesene Experten wie der «Chef des Research-Bereichs Schweiz bei Vontobel» und ein «Finanzprofessor und geschäftsführender Partner bei Zugerberg Finanz» nicht die Zukunft vorhersehen können.

Zunächst einmal tun sie ihr Mögliches, überlegenes Wissen zu versprühen: «Im Unterschied zum amerikanischen Leitbarometer S&P 500 befinden sich im Swiss-Market-Index weniger Wachstumstitel, daher sind die Kursverluste bei den Standardwerten im Durchschnitt bis jetzt eher verhalten ausgefallen.»

Gut, das ist der Blick in die Vergangenheit, das kann eigentlich jeder. Aber wie sieht’s in der Zukunft aus?

«Die Korrektur an der Börse eröffnet phantastische Einstiegschancen für Leute, die ihr Geld anlegen wollten und bisher von den hohen Bewertungen am Aktienmarkt abgeschreckt wurden.»

Das ist endlich mal eine optimistische Prognose, wunderbar. Schliesslich würden alleine in der Schweiz «700 Milliarden Franken darauf warten, am Aktienmarkt investiert zu werden».

Die wollen wir ja nun nicht weiter ungeduldig im Geldsäckel klimpern lassen. Obwohl, so viel Warnung muss sein: «Natürlich könne die Börse morgen oder übermorgen nochmals 5 Prozent nachgeben, meint der Finanzprofessor.» Das wäre natürlich blöd für die 700 Milliarden, denn  dann wären 35 futsch. Aber: «Wissenschaftliche Studien haben allerdings gezeigt, dass «Market Timing» – also das Ein- und Aussteigen an der Börse zu bestimmten Zeitpunkten – die Anleger im Allgemeinen Rendite kostet und diese nicht etwa verbessert.»

Wissenschaftliche Studien, das hört sich immer gut an, auch wenn man die Aussage nicht wirklich versteht. Aber man ist ja auch kein Wissenschaftler, nicht wahr.

Wohin denn nun mit all dem Geld?

Nun aber Butter bei die Fische, wie der norddeutsche Finanzwissenschaftler sagen würde, wohin mit dem Geld? «Am besten gehalten haben sich im bisher schwierigen Börsenjahr 2022 im SMI die Aktien des Telekomkonzerns Swisscom (+9,4 Prozent), die Titel des Versicherers Zurich (+8,4 Prozent), diejenigen des Pharmakonzerns Novartis (+6,7 Prozent) sowie die Papiere der Grossbank UBS (+3,8 Prozent) und jene des Zementkonzerns Holcim, die mit 0,8 Prozent im Plus notieren.»

Das ist enttäuschend, denn wir blicken in die Vergangenheit. Nun ist aber genau das das Problem jeder Prognose. Entweder hält der Prognostiker den feuchten Finger in den Wind, oder aber, er leitet aus Vergangenem mögliches Zukünftiges ab. Das macht allerdings nur dann Sinn, wenn etwas nicht passiert: das Unvorhergesehene. Aber leider passiert das ständig. Finanzkrise eins, Eurokrise, Ukraine-Krise, da kann man doch gar keine ordentliche Zukunftsprognose abgeben.

Zudem gibt es immer das «einerseits, andererseits»: «Allerdings haben sich nicht alle dieser defensiven Titel in diesem Jahr gut gehalten. Die Genussscheine von Roche haben beispielsweise seit Jahresanfang 16,4 Prozent an Wert verloren. Auch die ebenfalls schwergewichtigen Nestlé-Aktien haben mit 11 Prozent beinahe so stark nachgegeben wie der SMI.»

Höchste Zeit, wieder etwas Wissenschaft herabregnen zu lassen: «Grundsätzlich gilt: Je weiter das Gewinnwachstum eines Unternehmens in der Zukunft liegt, desto stärker reagieren seine Aktien auf Zinsänderungen

Noch verwirrender ist allerdings: «Einige der grössten Verlierer in diesem Jahr finden sich derweil in der Liste der grössten Gewinner der vergangenen fünf Jahre im SMI.»

Konkret: «Die Aktien des erfolgsverwöhnten Unternehmens Partners Group sind in diesem Jahr bei der Performance das Schlusslicht im SMI und verbuchen ein Minus von rund 34 Prozent. Hart erwischt hat es auch die Titel der Bauchemie-Gruppe Sika (–33 Prozent), des Sanitärtechnik-Unternehmens Geberit (–31,3 Prozent) sowie die Aktien von Lonza und Givaudan mit Verlusten von 29,9 Prozent beziehungsweise 27,4 Prozent seit Anfang des Jahres.»

Was schliesst denn der Experte daraus: «Für die Aktien von Sika, Holcim und Partners Group sieht der Research-Chef eine rosige Zukunft.»

Was lernen wir von den Experten?

Also, lieber anlagewilliger Leser. Wer gewann, verliert. Wer verliert, wird gewinnen. Also einsteigen und sich nicht irritieren lassen, wenn man sofort verliert. Denn anschliessend gewinnt man. Oder umgekehrt. Oder doch nicht. Aber das ist sicher. Wenn nicht, vorausgesetzt, dass. Und ein Atomkrieg würde natürlich alles ändern. Obwohl der, komisch aber auch, nicht ganz unvorhersehbar wäre.

Aber Zukunftsdeutungen sind nun wirklich nur was für Experten. Wie man hier sieht.

Es gibt noch Journalismus

ZACKBUM lobt nicht? Falsch. Nur gibt’s so wenig zu loben …

Aber ganz, ganz selten gibt es Lobenswertes zu berichten. Zum Beispiel dieses Stück der NZZ:

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Klare Ansage, klare Analyse, klares Resultat. Die Antwort auf die Einleitungsfrage ist ein klares Ja. Der Preis ist heiss, und das Thema auch. Denn in der Schweiz sind die Lebensmittelpreise im Schnitt schlichtweg doppelt so hoch wie im nahen Ausland. Und durch den Krieg in der Ukraine werden sie noch weiter steigen. Woran liegt’s?

Zum einen haben Coop und Migros (mit Denner) im Lebensmitteldetailhandel einen Marktanteil von 80 Prozent. In Deutschland und Österreich gibt es zwar auch starke Anbieter, aber die Märkte sind doch fragmentierter. In Deutschland zum Beispiel teilen sich immerhin vier starke Anbieter den Marktanteil, den in der Schweiz Coop und Migros haben. Durch den Markteintritt von Aldi und Lidl sank der Marktanteil der beiden Fast-Monopolisten lediglich von 85 auf 80 Prozent.

Damit ergibt sich die Frage, ob sich die beiden orangen Riesen nicht branchenübliche Margen leisten. Die Bruttomarge setzt den Bruttogewinn (Umsatz minus Warenaufwand) ins Verhältnis zum Umsatz. Für Supermarktketten sollte diese Marge bei 25 Prozent liegen. Nun geben die beiden Grossen diese Zahlen nicht spezifisch bekannt, aber die NZZ rechnet sie aus den Angaben der Regionalgenossenschaften bei der Migros hoch und kommt auf einen Durchschnitt von 31 Prozent.  Ähnliches ist bei Coop zu vermuten.

Über alle Geschäftszweige hinweg leistet sich Migros eine Bruttomarge von 38 Prozent, Coop von 33 Prozent. Im Vergleich: Lidl liegt im Schnitt bei 26 Prozent, Aldi Süd bei 22.

Eine wirklich informative und mit einiger Eigenrecherche angereicherte Analyse, die immerhin Hoffnung gibt, dass im deutschsprachigen Journalismus nicht immer und überall Hopfen und Malz verloren ist. Allerdings hat die gesamte Analyse eine klitzekleine Schwachstelle. Selbst eine zweistellig höhere Bruttomarge vermag nicht zu erklären, wieso Lebensmittel in der Schweiz schlichtweg doppelt so teuer wie im näheren Ausland sind. Aber vielleicht bekommen wir diese Erklärung noch nachgereicht.

 

Als die Bilder laufen lernten

Die Mainstream-Medien entdecken das Bewegtbild. Sogar in Farbe.

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Tamedia setzt auf skelettierte Redaktionen und Videos zwecks Bespassung der immer kleineren Leserschar. Allerdings ist das Anschauen meistens reine Zeitverschwendung. So führt Tamedia stolz ein Video vor, das angeblich die angebliche Jacht von Präsident Putin zeigen soll, die in einem italienischen Hafen beschlagnahmt wurde.

Das informative und unterhaltsame Video zeigt – die Jacht. Aus verschiedenen Perspektiven. Von der Seite. Von vorne. Nochmals von der Seite. Von nahe, so weit halt ein Tele heranzoomen kann. Man sollte diese Minute verschwendeter Lebenszeit dem Konzern in Rechnung stellen.

Das Gleiche gilt auch für den Videobericht über die Explosion in Havanna, bei der das Hotel Saratoga schwer beschädigt wurde. Es muss mit Dutzenden von Todesopfern und Verletzten gerechnet werden. In dieser Minute sieht man – die rauchenden Trümmer der Hotels. Aus verschiedenen Perspektiven. Nochmals eine Minute Lebenszeit geklaut.

Ringier setzt bekanntlich auf «Blick TV», eine Art Nachrichtenshow. Zwar zuletzt runtergespart bis zum Gehtnichtmehr, aber immerhin mit eigenen Reportern vor Ort. So zum Beispiel auf dem Friedhof bei Riehen, wo traditionell eine Gedenkfeier anlässlich des sowjetischen Sieges über Hitlerdeutschland stattfindet. Da schaltet «Blick» live zum Reporter vor Ort. Leider nur zu spät, denn der kann nur berichten, dass gerade eigentlich nichts los sei, was eine einsame Person im Hintergrund stumm bestätigt.

Aber wozu gibt es den Rückblick; zuvor sei etwas los gewesen, berichtet er. Da hätten sich doch zwei Frauen in ukrainischen Farben vor den Gedenkstein gestellt, worauf Russen (und Russinnen, wir sind bei Korrekt-TV) «das Gespräch» gesucht hätten, anschliessend seien die beiden Frauen davongelaufen. Einblick in Einfalt-TV.

Wie es sich gehört, setzt das Blatt für die besseren Stände natürlich nicht auf Videoschnipsel, sondern produziert unter dem passenden Namen «NZZ Format» eigene Dokumentationen, über interessante und manchmal auch weniger interessante Themen.

CH Media, der Konzern mit den meisten eigenen Privat-TV-Stationen und jeder Menge Dudelfunk, hat allerdings noch nie etwas von Synergien gehört. Der Web-Auftritt seiner Unzahl von Kopfblättern ist völlig frei von Bewegtbild und -ton. Vielleicht muss da technologisch noch aufgerüstet werden.

Dafür setzt einer der drei Auslandredaktoren, die sich der Konzern leistet, seine Serie der Blödel-Alliterationen fort. Putin, Potemkin, Parade, wer kann da schon widerstehen. Auch wenn auf dem Roten Platz keine Holzfassaden vorbeigetragen wurden.

«20Minuten» zeigt auch in diesem Bereich, wieso es weiterhin alle Bezahlzeitungen in seiner Reichweite abtrocknet. Gleich eine ganze Videogalerie nimmt auf die Sehgewohnheiten auch der jüngeren Leserschaft Rücksicht.

«watson» hingegen, Überraschung, bemüht sich auch in der Abteilung Video, das Niveau unermüdlich tieferzulegen. Mit Erfolg:

Und wie steht es denn mit der «Republik»? 50 Nasen, Millionenbudget, sollten da zur Rettung der Demokratie nicht auch Videos eingesetzt werden? Beschallt wird der Leser ja mit Podcasts, aber zum Bewegtbild hat’s noch nicht gereicht. Wahrscheinlich braucht es dafür zunächst eine neue Bettelrunde unter der Leserschaft.

Falsches Pathos

Ganz schlimm wird es, wenn sich minderbemittelte Schreibkräfte um Pathos bemühen.

«Man mag verzweifeln ob Wladimir Putin und der Grausamkeit der Welt. Man muss aber nicht. Hoffnung gibt es auch in dieser dunklen Stunde der Menschheit.»

Philipp Loser, der Superstar der schräg-dunklen Formulierungen.

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Daniel Schneebeli spricht auch bei Tamedia ein wahres Wort in eigener Sache gelassen aus: «So verlangt die SVP zum Beispiel Sprachkenntnisse, die auch ein grosser Teil der Schweizerinnen und Schweizer nicht erfüllen.» Daher sollte man die Beherrschung der deutschen Sprache, an der auch gestandene Journalisten scheitern, bei Einbürgerungen nicht zur Voraussetzung machen. Denn Ausländer «sorgen hier für Wohlstand, sind vielen Schweizerinnen und Schweizern zu Freunden geworden. Mit ihnen wollen wir keine Spielchen treiben.»

Also, Spielen mit Ausländern verboten, meint Sprachkenner Schneebeli.

Auch «Blick»-Oberchefredaktor und Busfahrer Christian Dorer weiss, wie man in die Harfe greift. Soll der Staat helfen? Schliesslich sei genug Flüssiges vorhanden, bei den Kantonen und dem Bund: «Dieses Geld könnten sie für Inflationshilfe einsetzen – gezielt für jene, die es brauchen. Alle anderen sollten sich bewusst werden: Freiheit, Demokratie und Frieden haben ihren Preis. Und der wird gerade etwas höher.»

Wer es braucht, muss den Preis für Freiheit, Demokratie und Frieden nicht zahlen, weil der gestiegen ist. Also tanken für den Frieden. Heizen für die Freiheit. Kochen für die Demokratie. Gezielt geholfen oder reich genug, um diese Preise selbst zahlen zu können.

Pascal Tischhauser, stellvertretender «Blick»-Politikchef, verliert sich hingegen in eher dunklem Geraune: «Wie ernst es der Schweiz mit eigenen Sanktionen ist, zeigt sich erst dann, wenn – hoffentlich nie mehr – wieder ein Staat einen anderen überfällt. Dann aber kann sich die Regierung kein Zaudern mehr erlauben.»

Also, der Ernst zeige sich dann, wenn wieder ein Staat einen anderen überfällt. Was aber nie mehr geschehen sollte. Womit es dann nicht ernst wäre. Auf jeden Fall dürfte dann nicht gezaudert werden. Oder so, oder ganz anders.

Auch Patrik Müller, der Oberchefredaktor bei CH Media, versucht sich am hohen C: «Dank Bidens Brillanz gibt es berechtigte Hoffnung, dass die Ukraine gewinnen wird – und mit ihr die Freiheit und Demokratie.»

Denn: «Historiker vergleichen Joe Biden bereits mit Harry Truman, dem US-Präsidenten von 1945 bis 1953, der die Friedensordnung nach dem Zweiten Weltkrieg massgeblich prägte

Alt, senil und vertrottelt? Gar nicht, schwärmt Müller: «Es zeigt sich nun, wie wertvoll jahrzehntelange Führungserfahrung und auch ein hohes Lebensalter in Krisen von epochaler Dimension sein können.»

Da passt natürlich ein Hinweis auf die persönliche Krise Bidens mit der Ukraine weniger ins Heldeneopos. Dass der vor ein paar Jahren ultimativ verlangte, dass ein ukrainischer Staatsanwalt («that son of a bitch») umgehend gefeuert werde – weil der krummen Geschäften seines Sohnes Hunter Biden auf den Spuren war. Der drogenabhängige und sexsüchtige Tunichtgut hat zu allem Übel vertrottelt sein Laptop zum Reparieren gegeben – und vergessen, abzuholen. Worauf nun genüsslich der kompromittierende Inhalt an die Öffentlichkeit verklickert wird.

Ob dagegen ein genauso korrupter «US-Präsident Trump ein Horrorszenario» wäre, wie Müller meint?

In der NZZ tritt Ulrich Speck in grosse Fussstapfen. Er darf stellvertretend für Eric Gujer dessen Lieblingsgefäss «Der andere Blick» bespielen. Daher bemüht sich Speck um den richtig georgelten, staatsmännischen Ton: «Die SPD muss sich daher fragen lassen, inwieweit sie sich unwillentlich zum Handlanger des Machterhalts eines autokratischen Regimes hat machen lassen, das jetzt mit einem Angriffs- und Eroberungskrieg die europäische Friedensordnung attackiert.»

Ja, das muss sich die SPD fragen lassen, wird aber nicht antworten. Dabei sind die Folgen besorgniserregend: «Diese Erbschaft macht es der SPD äusserst schwer, heute als zentrale Regierungspartei eine neue Russlandpolitik auf die Beine zu stellen. Doch nur wenn die Fehler der Vergangenheit eingesehen werden, können die richtigen Lehren daraus gezogen werden – was wiederum nötig ist, um der Führungsverantwortung der Partei, die den Kanzler stellt, gerecht zu werden. Inmitten einer internationalen Krise, in der es auf Deutschland ankommt wie selten zuvor

Aus Fehlern lernen, Führungsverantwortung, internationale Krise, auf Deutschland kommt es an wie selten. Keine Worthülse, die Speck auslässt, um seinen Kommentar so ernsthaft wie gleichzeitig lächerlich ausklingen zulassen.

Bei pathetisch Geschwurbeltem darf natürlich der Champion aller Klassen des sprachlich Geholperten und inhaltlich Verstolperten nicht fehlen. Genau, Daniel Binswanger liefert das Absackerchen heute.

Er kümmert sich auch mal wieder um die grossen Linien, also um die Ukraine, Atomkrieg und das Schreiben von deutschen Intellektuellen an Kanzler Scholz, das bislang von mehr als 230’000 Bürgern (darunter auch der Autor dieser Zeilen) unterschrieben wurde. Obwohl:  Der Brief «strotzt nur so von absurden Verkürzungen und Einseitigkeiten». Zum Beispiel? «Die Forderung, den Atomkrieg zu vermeiden, wird weiss Gott niemand infrage stellen. Doch daraus für die Ukrainer eine Art Verpflichtung zur Kapitulation abzuleiten, ist argumentativ absurd und moralisch beschämend.»

Auch für Binswanger gilt leider, dass der Dreisprung «lesen, verstehen, kommentieren» nur selten gelingt. Aber immerhin, Jürgen Habermas findet Gnade vor dem strengen Auge des Kritikasters Binswanger: «Habermas benennt das «Dilemma», mit dem der Westen umgehen muss, sehr adäquat.» Ein Dilemma adäquat benennen? Vielleicht sollte es Binswanger mit weniger Fremdwörtern versuchen.

Aber immerhin, am Ende seiner endlosen 10’000 Anschläge gibt er dann klar den adäquaten Tarif durch: «Verhandlungen werden erst zielführend sein, wenn auch für Russland die Kosten zu hoch werden. Deshalb sind Lieferungen von schweren Waffen an die Ukraine das dringende Gebot der Stunde. Alles andere ist zu riskant.»

Lieber einen Atomkrieg riskieren als Appeasement. Was für ein verantwortungsloser Schwätzer.