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Emma is back

Wir machten uns schon Sorgen um das Postergirl der Virologie. Entwarnung.

Sie gehört zweifellos in die zweite Reihe der Wissenschaftler, die verzweifelt versuchen, aus ihren 15 Minuten Ruhm mehr zu machen.

Im Gegensatz zu Christian Althaus – der das aus verständlichen Gründen nicht kann – kämpft Emma Hodcroft auch mit den Waffen einer Frau. Nein, das ist keine sexistische Bemerkung:

Welch verwegenes Make-up für eine Wissenschaftlerin.

Nun kam Althaus nach längerem, unfreiwilligem Schweigen bei der NZZ zu Wort. In einem nichtssagenden Interview, dessen Inhalt schon längst zu Recht vergessen ist. Aber der Name wurde richtig geschrieben, ein Foto gab’s auch, was will der Wissenschaftler mehr. Vielleicht springt ja doch noch ein Lehrauftrag oder gar eine bessere Anstellung raus. Marcel Salathé hat das schliesslich auch geschafft.

Eine Uni, eine Abteilung, zwei publizitätsgierige Wissenschaftler

Nun kommt die Antwort von der Berner Epidemiologin Hodcroft. Sitzt die nicht mit Althaus im gleichen Labor? Sprechen die denn gar nicht miteinander? Aber gut, wir kennen uns bei den Gepflogenheiten in den eisigen Höhen der Fachwissenschaft nicht aus.

Buhu, sagt Emma Hodcroft.

Leider folgt auch dieses Interview dermassen stark dem ewig gleichen Drehbuch, dass jedes Virus beim Lesen Selbstmord vor Langeweile begehen würde. Aber ZACKBUM ist hart im Nehmen, im Dienste seiner Leserschaft.

Also, das ewige Skript hervorgenommen und abgehakt. Zuerst muss immer eine Packungsbeilage zitiert werden, Standardformel ist, dass wir «erst wenige Daten haben und die Variante deshalb kaum kennen». Das soll davor schützen, bei nachfolgenden Horrorgemälden in Haftung genommen zu werden, wenn sie mal wieder nicht eintreffen.

Man muss aber kritisch anmerken, dass es Hodcroft doch etwas übertreibt.

«… lässt sich nur schwer voraussagen … erschwert zusätzlich … bin aber nicht sicher, ob wir genügend Informationen haben … auch das wissen wir noch nicht genau.»

Wenn wir zusammenfassen dürfen: nix Genaues weiss man nicht. Hier könnte man nun das Interview frohgemut abbrechen, aber das ist ja nicht der Sinn der Sache.

Wann gibt Hodcroft endlich mal Gas?

Also, nächster Punkt, Gas geben. Allerdings, das gibt Abzug, sowohl in der Kür- wie in der Pflichtnote, Hodcraft eiert dann noch bis fast am Schluss durchs Interview mit Einschränkungen, Abwägungen, Fragestellungen, Verästelungen.

Aber, bevor dem Interviewer der Angstschweiss ausbrach, besann sich Hodcroft darauf, dass sie ja mindestens ein Titelquote und sonst noch einen scharfen Satz sagen muss, also buhu machen. Sonst war die Übung ja für die Katz.

Allerdings strapaziert sie die Nerven des armen Journalisten (von den Lesern ganz zu schweigen) schon sehr; erst in der allerletzten Antwort auf die allerletzte Frage rückt sie wenigstens mit einem Titelquote raus:

«Mit oder ohne diese neue Variante sind wir in Europa bereits in einer sehr schlechten Situation. Die Virusvariante in Südafrika ist momentan erst ein Funken, der uns keinesfalls davon ablenken sollte, dass wir bereits in einem brennenden Haus sitzen. Wir haben mit Delta sehr grosse Probleme bei uns.»

Allgemeines Aufatmen; Titel und Lead sind gerettet, der Buhu-Faktor ist sichtbar vorhanden, kann man bringen. Nur, mit Verlaub, dieses Quote umfasst haargenau 300 A. Wozu um des Virus willen, wozu muss sich der Leser dann durch die übrigen 6800 A quälen?

Härtet das ab? Macht das immun? Ersetzt das die vierte Booster-Impfung? Überzeugt das ungeimpfte Arschlöcher? Das wären einmal Fragen, deren Beantwortung man von einer Qualitätszeitung wie dem Tagi doch erwarten dürfte.

 

Es darf gelacht werden: Althaus is back

Und andere Miszellen aus dem bewegten Corona-Leben.

Ihr freiwilliger Beitrag für ZACKBUM

Der Epidemiologe Christian Althaus, wir sind traurig, hat’s nicht richtig geschafft. Immerhin, in den letzten zwei Jahren gibt es über 4000 Treffer in der Mediendatenbank SMD für ihn.

Das ist nicht schlecht für einen Wissenschaftler, der normalerweise völlig unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu Bern wissenschaftet. Am Anfang der Pandemie lieferte er sich noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Marcel Salathé.

Denn in der heutigen Mediokratie, in der mediokren Mediokratie, kann es nur einen Hauptexperten geben, der dann in Funk, Fernsehen und Print überall durchgereicht wird. Althaus gab damals alles und prognostizierte sogar «bis zu 100’000 Corona-Tote», um im Aufmerksamkeitswettbewerb die Nase vorn zu halten.

Vergeblich, Salathé setzte sich souverän durch und fuhr in der Pole-Position reiche Ernte ein. Aufstieg, Karriere, fette Fördergelder. Daher ist Salathé nun verstummt, aber Althaus gelingt es weiterhin nicht, die Sonne der medialen Aufmerksamkeit so über sich scheinen zu lassen, dass auch er endlich einen fetten Lehrauftrag an Land ziehen kann.

Keine richtige Alarmsirene

Althaus schwächelte auch deutlich; so fiel ihm Anfang Sommer dieses Jahres nur ein:

«Ich habe grosse Bedenken, wie sich die Epidemie in der Schweiz nun entwickeln wird.»

Das reicht nicht, Herr Forscher, das reicht wirklich nicht.

Nun hatte die NZZ ein Einsehen und gönnt ihm eine ganze Seite Interview. Aber auch diese Möglichkeit zur Selbstpromotion versenkt er kläglich. «Ungeimpfte dürfen die Gesellschaft nicht in Geiselhaft nehmen», schon das Titel-Quote hat einen erhöhten Schnarchfaktor.

«Mögliche Überlastung des Gesundheitssystems, …, könnten vor Weihnachten in eine kritische Situation kommen, … Home-Office, … Impfpflicht nicht durchsetzbar, … dürfte, könnte, würde, hätte».

Das ist nur noch ein Schatten der alten Alarmsirene Althaus. Als er mit Getöse aus der Task Force to the Bundesrat austrat, freute man sich noch auf den Trompeter von Jericho, der uns allen wieder das Fürchten lehren und Impfmauern niedertrompeten würde. Aber nix.

Ach ja, der Burner, so ein Titelquote.

Jedoch: alleine am Donnerstag gibt es über 1000 Treffer für «Corona», das hält alle Newsmedien eindeutig weiterhin über Wasser.

Der ewige Corona-Blues, immer die gleichen Akkorde

Auch hier wandelt man auf den Spuren von Althaus. «Grabesstille im Bundeshaus», vergreift sich ein Tamedia-Kommentator im Ton. Eigentlich ein Fall für Büttner, wie hier die Würde von Friedhöfen geschändet wird. Auf jeden Fall sage der Bundesrat nix dazu, dass sich Corona «zum Kontinentalbrand» entwickelt habe. Ach ja, und was war es vorher? Ein mexikanisches Bier?

Üble Scherze werden mit allem getrieben.

Aber der Tagi kann auch vom Thema Corona-Impfung ablenken: «In Zürich kann man sich künftig gratis auf Syphilis testen lassen». Wunderbar, aber nicht auf Corona. Dabei hat doch tatsächlich der Club «Supermarket»* während einer Stunde keine Zertifikatskontrolle beim Partyvolk durchgeführt. Die sollten sich nun alle auf Syphilis testen lassen.

In Siegerlaune ist hingegen der «Blick», das einzige Boulevardblatt mit eigenem Regenrohr im Titel: «Gegner des Covid-Gesetzes brauchen ein Wunder». Hoffentlich stützt sich das Organ der tiefen Denke und Analyse dabei nicht auf getürkte Meinungsumfragen.

Weitere erschütternde News

Nau.ch will 2 G und Maskenpflicht: «Immer mehr Experten fordern Corona-Verschärfungen». Sonst könnte es auch Schweizern wie dem hier gehen: «Österreicher infiziert sich absichtlich mit Corona – tot!». Nun, wir wollen da nicht in alte Animositäten einsteigen, aber eben, die Österreicher … Die sind nicht alleine; nau.ch weiss auch: «Impfgegnerin: Amerikanerin stirbt nach Wurmkur gegen Corona».

Wollen wir noch einen? Ach ja, es ist immer gut, eine solche Sammlung mit einem herzlichen Lachen zu beschliessen. Richtig, wir wären bei «watson». Hier wird noch tiefer als beim «Blick» gegründelt und Zusammenhänge aus tiefster Vergangenheit werden ans Tageslicht befördert. Das auch noch in einem fast «Republik»-würdigen Artikel. Also von der Länge her, womit wir uns diesmal einen Ausflug ins Zentralorgan für Menschen mit Einschlafproblemen ersparen können.

Dort hätte man die Schuld wohl der SVP und Christoph Blocher in die Schuhe geschoben, aber da ist «watson» geschichtsbewusster. Dennis Frasch gibt die Antwort auf eine wichtige Frage: «Darum haben deutschsprachige Länder ein Problem mit der Covid-Impfung»

Denn die Schweiz, Deutschland und Österreich hätten im Vergleich zu Westeuropa «sehr tiefe Impfquoten». Im Vergleich zu Osteuropa liegen sie aber locker im oberen Mittelfeld, doch das passt hier nicht. Also, warum denn das? Überraschende Antwort:

«Das hat unter anderem mit dem Nationalsozialismus zu tun

Echt jetzt? Weil damals Juden «gecancelt» wurden, wie Plump-Kolumnistin Simone Meier schrieb? Nein, aber weil die den Begriff der «Volksgesundheit» kontaminierten. Das ist nun, muss man zugeben, eine originelle «Analyse». Darauf wäre nicht mal Philipp Löpfe gekommen, und der kommt sonst doch auf ziemlich alles, was schräg und beknackt ist.

Immerhin, für einmal nicht «das erinnert ans Dritte Reich», sondern: «das kommt vom Dritten Reich». Selten so gelacht.

 

 *  Nach Korrekturhinweis …

Ex-Press XXV

Blüten aus dem Mediensumpf.

Sonntag, Früher Primeur-Tag (weil man am Samstag nur schwer eine superprovisorische Verfügung kriegte), inzwischen Gähn-Tag.

 

Ist Pensionär Müller in der NZZaS zu Selbstkritik fähig?

Felix E. Müller, die schreibende Sparmassnahme bei der Medienkritik der NZZaS, macht in Selbsterkenntnis. «Macht doch weniger Interviews», fordert er nassforsch. Sei doch nur eine Sparmassnahme, schnell gemacht, schnell Seite gefüllt. Vor allem Führungsfiguren würden doch sowieso nur «gedankliches Styropor» absondern, reine «Worthülsen».

Hoch das Glas: Müller als angemieteter Fachreferent auf grosser Fahrt.

Man ist sich sicher: das ist die Einleitung zu einer Selbstkritik. Denn ist Müller nicht selbst Autor des schnarchlangweiligen Buchs «Gespräche mit Alain Berset»? 106 Seiten gedankliches Styropor in Fragen und Antworten, für happige 29 Franken. Ein Weihnachtsgeschenk für den Bundesrat, als ihn noch alle richtig lieb hatten.

Während früher für Müller galt: nichts ist älter als seine Schlagzeile von gestern, hat er sich weiterentwickelt: nichts ist älter als sein Buch von gestern. Nur in einem ist er sich treu geblieben: Selbsterkenntnis, Selbstkritik, selbst wenn sie bei diesem Thema mit beiden Armen winkt? I wo, ach was, Müller doch nicht. Das wäre doch keine Medienkritik, sondern Kritik an einem gedanklich inkontinenten Rentner.

Wir sehen auch das Positive

Aber, wir sehen auch Positives, angesichts des bevorstehenden Prozesses in Frankreich, bei dem es darum geht, ob die 4,5-Milliarden-Euro-Busse gegen die UBS auch von der zweiten Instanz aufrecht erhalten wird, macht die NZZaS endlich mal ein lobendes Porträt von Markus Diethelm.

Und der Haifisch, der hat Zähne: Markus Diethelm.

Das ist der Chief Legal Councel der Grossbank, das dienstälteste Mitglied der Geschäftsleitung. Der mit Abstand cleverste Kopf in der Führungsetage einer Bank. Er machte das Unmöglich möglich und fabrizierte im Steuerstreit einen Vergleich, bei dem die UBS mit 780 Millionen Dollar Busse sehr glimpflich davonkam. Die CS, da sind halt andere Pfeifen am Gerät, kam mit 2,6 Milliarden an die Kasse. Ein Meisterstück. Als Opferanode musste die UBS Kundendaten ausliefern, was der Bundesrat per Notrecht bewilligte. Damit war das Bankgeheimnis Geschichte, aber die UBS gerettet.

«Willst Du es mit dem Geier aufnehmen, musst du das Spiel des Geiers spielen», soll seine Maxime sein, laut NZZaS. Interessant, so überlebt man offensichtlich bei der UBS am längsten. Nächste Bewährungsprobe: die 4,5 Milliarden müssen weg. Da er höchstpersönlich die UBS vertritt: nichts ist unmöglich.

 

Wenn der Papagei onaniert

Dieser Titel hat wirklich Potenzial, in die heilige Halle der ewig besten aufgenommen zu werden: «Hilfe, mein Papagei onaniert!» Erschwerend komme noch hinzu, dass die Vögel dabei mit 110 Phon ihr Wohlbefinden ausdrücken.

Ist das die Nuss danach? Befriedigter Papagei.

Ohne falsche Scham klärt hier die «SonntagsZeitung» über «Geile Vögel und ihre Sextoys» auf. Die Autorin zitiert sogar Fachleute auf diesem Gebiet: «Vor allem im Frühling würden Papageien und Sittiche viel onanieren. «Da sind sie alle ein bisschen verrückt»», weiss die Leiterin der Auffangstation für Papageien und Sittiche (APS) in Matzingen TG.

Aber nicht nur Vögel vögeln mit sich selbst, es gibt auch «horny Hörnchen», Schildkröten (wie die das wohl tun?), Pferde, Delphine und natürlich viele Affenarten, weiss ein britischer Wissenschaftler, der «die erste Datenbank über masturbierende Vögel» bewirtschaftet.

Ich hätte allerdings eine alternative Verwendung für diesen Titel: Könnte man den nicht über viele Werke der arbeitsplatzsichernden Mainstream-Journalisten schreiben? Vielleicht eröffnen wir hier eine neue Rubrik.

Kandidat für eine neue Rubrik

Als erster Kandidat bietet sich Denis von Burg an, der Politchef der SoZ. Mit Füssen getretene «politische Redlichkeit», «realpolitisch irr», kommt der Haltung der «Corona-Leugner nahe», «skandalös», gar «faktisch ein Putschversuch». Natürlich wird hier mal wieder «an den Grundfesten der Demokratie gerüttelt». Himmels willen, müssen unsere wehrhaften Mannen das Sturmgewehr aus dem Schrank nehmen und in Bern die Demokratie retten? Gegen wen nur, wer wagt solch finsteres Tun?

Weiss immer, wie es ist: Denis von Burg.

Oh, «bürgerliche Parlamentarier», die sich, – vade retro, Satana, schleich dich, Satan – hinter dem Ex-SVP-Präsidenten Albert Rösti scharen, wollen, nomen est omen, dass Gaststätten schon früher wieder öffnen können. Oh, sichern, Munition rausnehmen, Gewehr wieder in den Schrank. Ohne sich in den eigenen Fuss zu schiessen, das erledigt schon von Burg vom Titel abwärts: «Die Bürgerlichen verhalten sich wie in einer Bananenrepublik».

Allerdings gräbt auch die SoZ einen kleinen Streit aus, der durchaus höheren Unterhaltungswert hat. Denn Ex-Task-Force- und Immer-noch-Präsident des Schweizer Nationalfonds tritt dem bekannten Epidemiologen Marcel Tanner öffentlich kräftig in den Hintern.

Wenn zwei Wissenschafter öffentlich catchen

Mit einfachen Mitteln. Matthias Egger stellte ein Bild von Tanner auf Twitter, mit einer Aussage von ihm vom letzten Mai. «Es werde keine zweite Welle geben» hatte Tanner damals prophezeit. Maliziös ergänzt das Egger mit einem Auszug aus wissenschaftlichen Standesregeln: «Vermeiden Sie ungerechtfertigte Gewissheit.» Wunderbar, nur sollte diese Regel für alle Wissenschaftler gelten, die kakophonisch in die Pandemie hineinkrähen.

 

Ende mit kurzem Schrecken

Ach ja, dann soll es noch den «SonntagsBlick» geben. Bevor der zu quengeln beginnt: Das Interview mit dem inzwischen 80-jährigen Tom Jones ist unterhaltsam, aber vor allem wegen Jones. Das Porträt der Corona-Kreische Emma Hodcroft, die etwas unter Aufmerksamkeitsmangel leidet, ist hingegen schnarchlangweilig und überflüssig.

Topseriöse Wissenschaftlerin: Emma Hodcroft.

Und unser neuer Lieblingskolumnist Frank A. Meyer? Schimpft etwas lahm – im Vergleich zum Ausbruch beim Thema Burka – gegen den Ausverkauf der Heimat und Aufenthaltsbewilligungen für ganz Reiche. Aber die Schlusspointe reisst’s dann fast wieder raus:

«In der Schweiz ist Korruption gratis.»

 

CH+ oder CH++

Noch ein Aperçu aus dem «berühmt durch Corona»-Sumpf. Marcel Salathé, inzwischen anderweitig versorgt und der Durchstarter dank Covid19, hat aus anhaltender grosser Sorge mit 15 weiteren «Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft» die «gemeinnützige Organisation CH++» gegründet. Dabei ist all diesen Koryphäen wohl entgangen, dass es bereits die im Handelsregister eingetragene GmbH CH+ gibt. Die zufälligerweise dem Autor gehört. Guter Start; Abmahnung wegen Verwechslungsgefahr ist unterwegs, die Chance, dass CH++ bald ins Minus rutscht, ist gross.

Wer vertraut noch den Medien?

Sie betreiben Raubbau an ihrem wichtigsten Gut.

Print, online, mit Buchstaben, dem gesprochenen Wort oder dem Talking Head im TV: die Transportwege von Nachrichten sollten eines gemeinsam haben. Das A und O, die Grundlage für alles.

Ist das die knallige Formulierung, die fetzige Schlagzeile, die elegante Schreibe, der Unterhaltungsfaktor? Das kann alles helfen, um Publikum zu finden. Aber das ist alles nichts, wenn Vertrauen fehlt. Vertrauen heisst ganz banal, dass die überwiegende Mehrzahl der Konsumenten glaubt, dass die Information zutrifft. Nach bestem Wissen und Gewissen erstellt wurde.

Denn das meiste, was der Konsument an Informationen via Medien aufnimmt, lässt sich von ihm selbst nicht überprüfen. Gibt es Massendemonstrationen gegen den Machthaber Lukaschenko in Belarus? Hat Trump in seiner Rede vor dem Parteitag wieder ständig gelogen? Hat der Politiker X tatsächlich Y gesagt?

Vertrauen auf Berichte aus fernen Ländern

Da muss der Newsempfänger darauf vertrauen können, dass in fernen Weltgegenden sich wirklich das abspielt, was ihm erzählt wird. Dass Berichte vielleicht eine Tendenz haben, Ausdruck der politischen Position des Autors sind, oder der Generallinie seines Organs. Aber im Faktengerüst, in der Beschreibung objektiver Tatsachen der Realität entsprechen.

Wenn der Berichterstatter zum Beispiel vermeldet, dass gerade zum Zeitpunkt einer Freiluftrede ein Gewitter niederging, dann muss das auch so gewesen sein. Wenn er dann noch Interpretationen liefert, das sei ein böses Omen, der Redner werde von Pech verfolgt, dann kann er das tun; es ist seine Meinung.

Nun gibt es aber ein Thema, das jeden in seinem eigenen Seinszusammenhang betrifft. Und zwar massiv: die Pandemie. Die von ihr ausgelösten Restriktionen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Hochrisikogruppen, die historischen Vergleiche. Und schlichtweg die Zahlen. Darüber haben die Medien so zu berichten, dass das Publikum den Angaben vertraut.

Vertrauensmissbrauch bis auf null

Leider tun die Medien vieles, um dieses Vertrauen so lange zu missbrauchen, bis es schwindet. Nachdem die Schweizer Behörden – notabene viel zu spät – auf diese Pandemie reagierten, verwandelten sich eigentlich alle grossen Publikumsmedien in staatstragende Sprachrohre der Regierung und der Behörden.

Weil im heutigen Elendsjournalismus Abstraktes immer personalisiert werden muss, wurde ein unbeholfen formulierender BAG-Beamter kurz vor seiner Pensionierung zum «Mr. Corona». Der gesamte Bundesrat, vor allem aber der fachfremde Berufspolitiker und Gesundheitsminister Alain Berset, wurde zu einem Heldenseptett, das energisch, aber mit ruhiger Hand die Schweiz durch die Krise führt. Und Marcel Salathé wurde zum einzig relevanten Wissenschaftler für Corona-Fragen.

Kritik, hinterfragen, zweifeln, auf Widersprüche, Folgen, Schäden hinweisen? Nicht jetzt, ganz falscher Zeitpunkt, beschlossen eigentlich alle Medien. Davon haben sie sich langsam wieder erholt, vor allem der Mr. Corona musste erleben, dass es im Fahrstuhl eines Medienhypes nach oben geht – oder zwangsläufig auch wieder nach unten.

Unbelehrbare Medien

Das könnte man noch als lässliche Sünde sehen, man kann ja dazulernen. Unbelehrbar sind die Medien aber auf anderen Gebieten. Haben sie es endlich geschafft, Zahlen zu liefern, anhand derer der Newsempfänger sinnvolle Vergleiche anstellen kann? Nein. Die Zahl der positiv Getesteten in der Schweiz. Auf den Tag genau; 200, dann 350, dann wieder 225.

Schön, nur: Was soll das? Ohne Gewichtung der Anzahl Tests, die durchgeführt werden? Ist das viel oder wenig? Bezogen worauf? Kann man die Zahlen international vergleichen? Nein, dafür müssten sie pro eine Million Einwohner gerechnet werden.

Wenn es mehr Infizierte, aber weniger Tote gibt, woran liegt das? Sind jetzt endlich Hochrisikogruppen wie Alte mit Vorerkrankung besser geschützt? Wie steht es mit den Ferienrückkehrern aus sogenannten Risikogebieten? Werden die alle erfasst, wird die Einhaltung einer Quarantäne kontrolliert?

Wie ist es nun mit der Maskenpflicht? Nützt nichts, ist obligatorisch? Warum setzen einige Kantone ihre Einwohner dem angeblich hohen Risiko aus, ohne Maske einkaufen zu dürfen? Und in anderen werden solche Kunden aus dem Laden gewiesen?

Viele Fragen, kaum Antworten

Wie steht es mit den absehbaren wirtschaftlichen Folgen, in welches Desaster steuern wir? Macht es wirklich Sinn, alle Kritiker der staatlichen Massnahmen als «Corona-Leugner», Aluhutträger, Rechtsradikale, schlichtweg Halbschuhe zu beschimpfen? Und jeden einfach besorgten Bürger davor zu warnen, sich in eine solche Umgebung bei Demonstrationen zu begeben?

Schafft es Vertrauen, fast ausnahmslos den einzigen Fachexperten durchzureichen? Behörden und Regierungen tun schon genug, um die Bevölkerung langsam, aber sicher an der Weisheit ihrer Ratschlüsse zweifeln zu lassen, nur noch schwindendes Vertrauen in deren Weitsichtigkeit zu haben.

Wer misstraut, und tatsächlich kein Verschwörungstheoretiker ist, braucht Fakten, um sich seine Meinung zu bilden. Zahlen, Daten, Analysen, Informationen, die das ganze Spektrum der Betrachtungsweisen abbilden. Wieso machen sich die Medien nicht die kleine Mühe, Corona-Zahlen in verständliche und vergleichbare Werte umzurechnen?

Mainstream und Ausgrenzung

Wenn der völlig berechtigte Einwand formuliert wird, dass der Vergleich der Wochensterblichkeit in der Schweiz zwischen dem 1. Januar 2019 bis 1. September und dem gleichen Zeitraum 2020 ergibt: Kein Unterschied. Keine Übersterblichkeit. Beides im Band der statistisch zu erwartenden Zahlen. Mit der kleinen Ausnahme, dass es im April einen kurzzeitigen Ausreisser nach oben gab. Allerdings nur bei den Ü-65-Jährigen: ist das bereits Corona-Leugnung, fahrlässig, verantwortungslos? Oder warum wird bei allen Demonstrationen gegen die Restiktionspolitik die Anwesenheit von Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretikern und anderen Irren ausführlich berichtet?

Einfach: weil’s weniger Mühe macht. Weil’s weniger Aufwand braucht. Weil man meint, mangels eigener Kompetenz, so auf der richtigen Seite zu stehen. Und das mit dem Vertrauen? Mit der Überlegung, dass man für sein Geld auch Leistung sehen will? Ach was, Vertrauen wird überschätzt, Leistung ist schwierig in diesen Zeiten. So stolpern die privaten Medien weiter Richtung Untergang.

Wes Brot ich ess …

Vom Saulus zum Paulus: So agieren domestizierte Medien-Wissenschaftler wie Marcel Salathé.

Die oberste Schweizer Gesundheitsbehörde liegt im Koma. Das BAG macht nur mit Pleiten, Pech und Pannen auf sich aufmerksam. Schön, dass es unabhängige Wissenschaftler gibt.

Bis zur Pandemie war Marcel Salathé ein nur Insidern bekannter Assistenzprofessor an der EPFL, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne.

Sein Fachgebiet: Epidemiologie. Also die Untersuchung von der Verbreitung von Krankheiten, ihren Ursachen und Folgen. Etwas mehr als 100 Resultate zeitigt eine SMD-Suche seines Namens für das Jahr 2019.

Salathé auf allen Kanälen

Ab Januar 2020 bis heute explodiert die Zahl auf 2232 Erwähnungen. Ein typisches Phänomen des aktuellen Sparjournalismus. Denn mangels eigener Sachkompetenz und Sattelfestigkeit machten die Medien in der Schweiz bis zur Lockerung des Lockdowns im Wesentlichen zwei Dinge.

Sie bejubelten alle Entscheidungen des Bundesrats, ernannten den Gesundheitsminister Alain Berset zu einem Riesentyp und den Leiter der BAG-Abteilung «Übertragbare Krankheiten» zum «Mr. Corona». Aber dann braucht es zwecks Anreicherung der Berichterstattung noch das Interview mit dem Experten.

Am Anfang konkurrieren mehrere Interviewwillige miteinander, bis sich wie meist ein Sieger herauskristallisierte. Das ist in diesem Fall Marcel Salathé. Er vereinte dafür drei Eigenschaften. Er ist telegen, er kann verständliche Sätze bilden, und ihm ist der Zweihänder nicht fremd.

Erfrischende Warnrufe am Anfang

Denn häufig ist das Problem mit Wissenschaftlern, dass sie Fachchinesisch sprechen (Lieblingsaussage: «Das kann man nicht so einfach sagen») und begeisterte Anhänger des Konjunktivs sind («Falls das eintritt, wäre es nicht ausgeschlossen, dass»).

Erfrischend dagegen Salathé. Er rempelte das verschnarchte BAG an, erschreckte die Bevölkerung mit Horrorzahlen von möglichen Todesfällen und zeigte sich erschüttert, welcher Beamtenarschigkeit er in Bern nach der Ausrufung des Lockdowns begegnete. Drohend twitterte er, dass bei der politischen Aufarbeitung der Pandemie kein Stein auf dem anderen bleiben werde.

Während sich Mr. Corona fleissig darum kümmert, seine Bekanntheit als Mr. Corona ohne Rücksichten auf seinen Ruf zu versilbern, schwirrte Salathé in die Ferien ab. Und kam kürzlich geläutert zurück. Zur Enttäuschung des «Blick». Der hatte sich sicherlich schon auf ein paar knackige Zitate gefreut, als er Salathé zum Interview bat.

Inzwischen handzahm geworden

Zum Aufwärmen fragte die Boulevard-Zeitung, ob die Schweiz die Pandemie im Griff habe. «Im Moment habe ich das Gefühl ja», repliziert Salathé diplomatisch. Schluck; da dreht der «Blick» auf und will wenigstens eine Kritik daran, dass doch jeder Kanton sein eigenes Süppchen koche. Das sei auch richtig so, antwortet Salathé.

Die Interviewerin klappt den Unterkiefer wieder nach oben und erinnert Salathé daran, dass er doch zu den schärfsten Kritikern des Bundesrats gehört habe. Ach, Kritik, meint Salathé milde, das sei doch mehr eine «wissenschaftliche Richtigstellung» gewesen. Letzter Versuch, und das mit den Steinen? Aber auch dazu hat sich Salathé etwas überlegt. Das sei ganz falsch interpretiert worden: «Ich meinte, dass es wichtig sein werde, quasi unter jeden Stein zu schauen.»

Wagt er wenigstens wieder einen Blick in die Zukunft? «Prophet spielen wäre gefährlich.» Denn inzwischen ist Salathé zur wissenschaftlichen Erkenntnis gelangt: «Auch diese Krise wird vorbeigehen.» Da sieht man doch mal wieder, wie ein Biologiestudium einschenkt.

Was erklärt den Sinneswandel?

Aber woher denn dieser Sinneswandel? Gehirnwäsche, Zensur, oder einfach «kä Luscht» auf weitere Schlagzeilen? Aber nein. In der Schweiz läuft das anders. Denn zu den wild wuchernden Krisenstäben, die sich gegenseitig im Weg stehen, konstituierte sich im April noch die «Swiss National COVID-19 Science Task Force».

So umständlich wie der Name dieses Gremiums, das direkt den Bundesrat berät, ist auch sein Aufbau in «Adivsory Panels» und Expertengruppen. Vorsitz bei der Gruppe «Digital epidemiology» hat – Marcel Salathé. Aha, ist er also eingekauft worden und hat sich deshalb einen Schalldämpfer aufgeschnallt?

Auch Salathé will etwas werden

Aber nein, es geht um etwas ganz anderes. In dieser Task Force ist so ziemlich alles versammelt, was in der Schweiz in dieser Fachrichtung Rang, Namen und Einfluss hat. Dazu die Rektoren der Hochschulen, und so weiter. Wenn nun ein Assistenzprofessor mal gerne ordentlicher Professor werden möchte, an ausreichend Forschungsgelder herankommen will, auch internationale Vernetzung vorantreiben, wenn wieder Symposien überall auf der Welt stattfinden werden: was macht der dann?

Sagt er lautstark, dass Bundesrat, BAG, Krisen- und Expertenstäbe krachend versagt hätten, kritisiert er die bis heute lausige Arbeit des BAG? Nun, die Antwort überlassen wir dem Leser. Weil wir sicher sind, dass er diesen kleinen Intelligenztest mit Bravour besteht.