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Afghanistan: ja, man kann

Maulhelden fordern und kritisieren. Aber es gibt auch wenige, die handeln.

Im Elendstal des Verrats an allen fortschrittlichen Afghanen gibt es eine Riege von Maulhelden, die nicht müde werden, absurde Forderungen aufzustellen. Man sollte, man müsste, sofort, 10’000 Afghanen, Unterstützung, Blabla.

Ein Traumtänzer wie der SP-Nationalrat Fabian Molina entblödet sich sogar nicht mal, die Auflösung der NATO zu fordern, weil die an den Zuständen in Afghanistan schuld sei.

Begleitet wird das Affentheater vom dröhnenden Schweigen aller frauenbewegten Stimmen. Unerträgliche Zustände fast wie unter den Taliban bei Tamedia kritisieren. Das Kleinstproblem Femizid in der Schweiz zu einem schlecht recherchierten und geschriebenen Artikel aufblasen. Gerne die Burka des Schweigens über den Blödsinn legen, den bewegte Frauen wie Tamara Funiciello anlässlich der Abstimmung über das Burkaverbots in der Schweiz abgesondert haben.

Aber sonst? Nichts, nada, null. Eigeninitiative, konkrete Hilfe, wenigstens der Versuch dazu? Selten hat sich eine Bewegung so erbärmlich-ärmlich gezeigt wie die der angeblichen Verteidiger von Frauenrechten gegen Sexismus, Unterdrückung, männliche Herrschaft.

Aber immerhin, es gibt einen kleinen Lichtblick. ZACKBUM räumt ein, dass wir auch nicht mehr recht daran geglaubt haben. Aber wir haben uns gerne eines Besseren belehren lassen:

Das ist mal eine gute Nachricht.

Es ist ein Zusammenschluss eines kunterbunten Strausses von Organisationen, es war ein kühner Plan, es gab Hindernisse so hoch wie der Himalaya zu überwinden. Es handelt sich auch nicht um 10’000 Afghanen, die hier gerettet wurden.

«Fast hätten wir selbst nicht mehr daran geglaubt, doch gestern Nacht konnten wir 189 Menschen in Bussen mit amerikanischer Unterstützung über zahlreiche Check-Points in den Kabuler Flughafen bringen. Von dort wurden sie mit einer Militärmaschine der USA ausgeflogen und warten derzeit in Doha und Riad auf die Weiterreise.»

ZACKBUM ist stolz darauf, mit der Überzeugung, dass das nie funktionieren wird, aber eine so konkrete Aktion Unterstützung verdient, mit einer Spende einen kleinen Beitrag dazu geleistet zu haben. ZACKBUM ist stolz darauf, sich für den ehemaligen BBC-Bürochef von Kabul einzusetzen, der in die Schweiz geflüchtet ist und dem es gelungen ist, seine Familie zumindest vor dem direkten Zugriff der Steinzeit-Fanatiker in Sicherheit gebracht zu haben.

All das gibt keinen Auftritt in der «Tagesschau» oder in den Schweizer Medien, die jede noch so absurde Forderung von Maulhelden kolportieren. Aber besser, 189 Menschen retten, besser, eine Familie retten, als in aller Peinlichkeit mit sinnlosen Forderungen öffentliche Aufmerksamkeit zu erzielen. Besser das, als Windmacher zu sein. Besser das, als dumpf zu schweigen.

Ich, der Korrespondent

Das Anforderungsprofil ist niedrig. Kamera, Mikrophon, Screen, gerunzelte Stirn. Et voilà.

«Wir schalten zu unserem Laos-Korrespondenten. Wo steht Vientiane in der Bekämpfung der Pandemie?» Ich mache ein ernstes Gesicht und hebe an:

«Gerade ist eine Pressekonferenz des Gesundheitsministeriums zu Ende gegangen. Kurz vorher konnte ich noch mit dem stellvertretenden Vizeminister sprechen. Der bestätigte mir, dass die Lage völlig unter Kontrolle ist.»

Bin gerade mal in Vientiane.

Ich hole mir schnell ein Gipfeli in der Migros bei mir um die Ecke im Zürcher Kreis vier, gönne mir einen Schluck Kaffee und bin bereit für den nächsten Einsatz.

Irgendwo im Nirgendwo in Mali.

«Wir haben das unseren Mali-Korrespondenten René Zeyer gefragt», ist diesmal die Einleitung. Ich mache ein sehr ernstes Gesicht und sage: «Die Lage in den von Islamisten beherrschten Gebieten ist nach wie vor unübersichtlich. Die wenigen Nachrichten, die uns von dort erreichen, lassen das Schlimmste für die Zivilbevölkerung befürchten

Oldtimer, Kapitol, alles klar: Havanna.

Ich lockere die Krawatte, als ich meine nächste Korrespondentenstelle antrete. «Für die kubanische Regierung ist es der perfekte Sturm», intoniere ich geübt, «ausbleibende Touristen, kaum Exporte, immer grössere Probleme mit Geldüberweisungen von Exilkubanern, die Lage ist ernst.» Hier war nur ein Soundbite von 15 Sekunden gefragt, das wird dann wohl noch um die Hälfte gekürzt werden.

Burma, Myanmar, ist doch egal.

Aus diesem Grund macht der Korrespondent immer wieder eine kurze Kunstpause, damit der Schnitt nicht zu auffällig wird. Ich schaue auf meinen Terminkalender. Aha, noch zwei TV-Stationen, eine möchte ein kurzes Update zu Burma, die andere interessiert sich doch tatsächlich für den Jemen.

Auch im Jemen regnet’s manchmal.

Dann ist Bild und Ton vorbei, es kommt eine Latte von Radiostationen, die ich ohne Krawatte, einfach mit Kopfhörer und Kondensermik bedienen kann. Ich mische dann noch über mein Programm etwas statisches Rauschen und gelegentliche Knackser rein, damit die Übertragung nicht zu geleckt daherkommt.

 

Fiktion und Wirklichkeit: Wer kann noch unterscheiden?

TV, Radio, Hauptsache authentisch mit O-Ton

Am Radio kann ich auch etwas mehr mit der Tonlage spielen; mal gelassen, aber seriös, mal etwas angespannt und gepresst. Denn am Radio bin ich selbstverständlich immer vor Ort. Meine letzte «Live»-Übertragung vom Flughafen Kabul brachte ganz schön Geld in die Kasse; Stationen standen Schlange, um mich exklusiv zu verpflichten.

Echter Afghane aus Kabul.

Das kann ich in solchen Situationen natürlich nicht zusagen, aber ich garantiere exklusive Zweitverwertung und mische verschiedene O-Töne drunter, die ich bei YouTube abgesaugt habe.

Ein richtiger Knaller war auch mein Interview mit Mohammad, ein ehemaliger Mitarbeiter der Schweizer, deutschen oder österreichischen Entwicklungshilfe, je nachdem. Er ist afghanischer Familienvater, hat zwei Töchter, 12 und 14, also im besten Alter für eine Zwangsverheiratung. Er selbst harrt am Flughafen aus, während sich seine Frau mit den Töchtern in einer klandestinen Wohnung in einem Vorort Kabuls versteckt.

Bin ich froh, dass es neben Tamilen und anderen Asylanten auch afghanisches Personal in Zürcher Restaurants gibt, das sich gerne ein Zubrot verdienen möchte. Burma und Mali, das ist etwas schwieriger, ich arbeite gerade an zwei Augenzeugenberichten, leider hapert es da etwas mit den Deutschkenntnissen, aber vielleicht lasse ich das auf Englisch und Französisch einsprechen und mache dann eine Übersetzung drüber.

Das ist doch kein Beschiss, einfach alternativer Journalismus

Das ist doch Beschiss, höre ich da? Das verbitte ich mir. Ich kenne schliesslich einen Schweizer in Vientiane, der brieft mich jeweils, und Kuba kenne ich, weil ich dort tatsächlich mal Korrespondent war. Burma ist doch gleich um die Ecke bei Laos, und Mali, nun ja, wie soll es denn in einem gescheiterten schwarzafrikanischen Staat schon zugehen, wo die ehemalige Kolonialmacht Frankreich wütet?

Ich bereite mich schliesslich auf jeden Einsatz seriös vor. Das kann doch nicht falsch sein; das Schweizer Farbfernsehen befragt seinen Afghanistan-Korrespondenten doch auch beinahe täglich, und der sitzt in Amman mit dem grossen Fernrohr. Die deutsche «Tagesschau» und die NZZ lassen Kabul von Delhi in Indien beobachten, niemand hat einen Korrespondenten in Burma, Laos, Kuba oder Mali. Vom Jemen ganz zu schweigen.

Ich denke allerdings daran, mein Portefeuille noch etwas auszuweiten. Doha kommt immer mehr ins Gespräch, seitdem dort die Luxus-Taliban sitzen. Dubai ist allerdings eher auf dem absteigenden Ast; schade, ich hatte so ein schönes Video des Burj al Arab auf meinem Greenscreen als Hintergrund. Sogar im Morgen- und im Abendlicht, je nachdem.

Nicht mehr so gefragt: Dubai.

Oh, schon wieder Skype, der nächste Kunde wartet. Der möchte mit seinem Afrika-Korrespondenten über den Kongo sprechen, da muss ich nochmal das Zitat von Joseph Conrad nachschlagen, hier sprechen wir ein gebildetes Publikum an.

Vorbei, gestorben, nie wieder.

Mediales Desaster Afghanistan

Was bieten die Schweizer Medien? Erbärmliches, Newsticker und Wiedergekäutes.

Es ist ein Ereignis von der Dimension des Endes des Vietnamkriegs.

Das Dach der US-Botschaft in Saigon, 1975.

Das Dach der US-Botschaft in Kabul, 2021:

Zusammenstellung der deutschen «Bild»-Zeitung …

1975 war mediale Steinzeit, im Vergleich zu heute. Gerade war eine moderne Datenübertragungsmaschine erfunden worden: das Faxgerät.

Aller Anfang ist klobig.

Kein Vergleich zu heute; Internet, real time Videos, man kann live dabeisein, wie Kabul in die Hände der Taliban fällt. Kaum hat eine ihrer Horden am Schreibtisch des geflohenen Präsidenten Platz genommen, geht das Bild bereits um die Welt. Denn auch die Taliban sind nicht mehr die Steinzeitkrieger von früher. Sie wissen sehr genau, mit welchen Bildern und Aussagen sie die Medien beliefern müssen.

«Respekt vor dem Rechtsstaat», natürlich auch vor Frauen, keine Massaker mehr, keine Massenvergewaltigungen, keine Plünderungen, alles ganz friedlich und zivilisiert diesmal. Aber eben auch sehr überraschend für die ausgedünnten News-Redaktionen der Schweizer Medien. Was macht man da? Man verzichtet weitgehend auf alles, wofür man eigentlich Geld verlangen könnte. Nämlich Einordnung, Analyse, Hintergründe. Stattdessen gibt’s den «Newsticker».

Ein Euphemismus für: wir haben doch auch keine Ahnung und schütten einfach ins Blatt, was zugeliefert wird.

Die Newsquelle mit der höchsten Einschaltquote.

 

Es wird getickert, was der Ticker hergibt.

Neben Getickertem, was können die Qualitätsmedien sonst noch bieten? Natürlich, der «Experte» muss ans Gerät. Nur: wer? Glücklicherweise gibt es da die Allzweckwaffe für alle Gelegenheiten, der einzig wahre Nachfolger von Peter Scholl-Latour selig. Natürlich, es handelt sich um Erich Gysling, 85.

Der «Blick» war am schnellsten.

Aber immerhin, bislang hat noch keine Auslandredaktion, selbst wenn sie nur noch aus zwei Personen besteht wie bei CH Media, Afghane so verwechselt:

Handgeknüpfter, nicht aufgeknüpfter Afghane.

Aber wer nach Hintergründen, Analysen, Erklärungen sucht, der muss auf angelsächsische Medien ausweichen. Englischkenntnisse allerdings vorausgesetzt.