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Hanslis Interview mit Vitali

Auch ein Oberchefredaktor ist nicht in jedem Thema sattelfest.

2012 bestritt Vitali Klitschko seine letzten Kampf als Profiboxer. Er schlug 87 Prozent seiner Gegner k.o., eine beeindruckende Bilanz. 2014 wurde er zum Bürgermeister von Kiew gewählt.

Im Widerstand rund um Euromaiden ging Klitschko ein Bündnis mit der rechtsextremen Swoboda-Partei und Julija Tymoschenko ein. Nach anfänglichen scharfen Auseinandersetzungen mit Präsident Selenskyj ist Klitschkow heute ein wortmächtiger Botschafter ukrainischer Anliegen.

Noch 2019 vermeldeten die Medien: «Kaum hat seine Partei die vorgezogene Parlamentswahl am 21. Juli gewonnen, greift Präsident Wolodymyr Selenskyj gleich einen der bekanntesten Ukrainer weltweit an. Das Präsidentenbüro hat die Regierung gebeten, den Bürgermeister von Kiew und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko als Chef der Stadtverwaltung zu entlassen.» Vergeben und vergessen.

Natürlich waren die Klitschko-Brüder am WEF anwesend, wo es dem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser von Tamedia gelang, ein Interview zu ergattern. Das sind Prestigesachen, wo Chefredaktoren ihren Titel in die Waagschale werfen, um an eine begehrte Person heranzukommen.

Das Problem ist dann allerdings, dass sie relativ unbeleckt von Vorkenntnissen oder Hintergrundwissen durchs Interview stolpern und dem anderen eigentlich Carte blanche geben, seine Kernaussagen einmal mehr zu wiederholen.

Nach einer Liebeserklärung an die Schweiz und höflichem Dank für Flüchtlingsaufnahme und humanitäre Hilfe, kommt Klitschko ohne Umwege zur Sache:

«Aber jetzt stoppen Sie bitte die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland. Jeder Dollar, jeder Franken und Euro, der nach Russland geht, ist Blutgeld. Dieses Geld nützt Putin nicht zum Wohle seiner Bevölkerung oder für die Weiterentwicklung der Wirtschaft, sondern für Waffen. Es klebt ukrainisches Blut an jedem Franken, den Sie dank dem Handel mit Russland verdienen.»

Also muss man es sich so vorstellen, dass Gasverteiler in der Schweiz metaphorisch gesehen ukrainisches Blut mitverfeuern.

Darauf erwidert Rutishauser lahm, dass die Schweiz aber neutral sein wolle und müsse und sich aus dem Krieg heraushalte.

Das bringt ihm gleich die nächste linke Gerade von Klitschko ein: «Sie müssen sich entscheiden, Schwarz oder Weiss? Unterstützt die Schweiz den Frieden und die Freiheit, oder ist sie auf der Seite des Aggressors, nämlich Russlands?»

Vielleicht versuche die Schweiz tatsächlich gerade, halb schwanger zu sein, zappelt Rutishauser dann in den Seilen, spuckt den Mundschutz aus und fragt, ob die Schweiz denn wirklich anfangen solle, «russische Medien zu zensurieren».

Linker Jab, rechte Schlaghand: «Ja, denn so, wie das jetzt läuft, haben Sie den Krieg im Inneren der Schweiz. Ich sah mir heute Morgen im Hotel die Website von «Russia Today» an. Die erklären, Mariupol sei durch die Ukrainer zerstört worden. Stoppen Sie diese Propaganda!»

Bereits schwer angezählt meint Rutishauser: «Die glaubt hier doch sowieso niemand.»

Um unter einem Schlaghagel zusammenzubrechen: «Unterschätzen Sie die Macht der Medien nicht, unterschätzen Sie die Propaganda nicht. Die Propaganda ist eine grosse Macht. Sogar mächtiger als Waffen. Das sage ich Ihnen als jemand, der in der Sowjetunion gross geworden ist.»

Schon ausgezählt taumelt Rutishauser in seine Ecke und murmelt noch: «Kann die Schweiz irgendetwas tun, um den Krieg zu stoppen?»

Klitschko hat schon beide Arme hochgerissen, um seinen Interviewsieg durch technischen K.o. zu feiern. Aber diese Gelegenheit lässt er sich natürlich nicht entgehen:

«Ja, ich sage es nochmals, es gibt zwei Dinge, die Sie tun können: Stoppt erstens die russische Propaganda und hört zweitens auf, mit den Russen zu handeln.»

Es ist sicherlich einschüchternd, einem 2,01 Meter grossen ehemaligen Boxweltmeister gegenüberzusitzen. Aber Fragen zu stellen und nicht nachzuhaken, als habe Rutishauser zu viele Kopftreffer abbekommen, darauf zu verzichten, sich solche Einmischungen in unsere Presse- und Handelsfreiheit zu verbitten, das hätte der Oberchefredaktor besser das Handtuch in den Ring werfen sollen. Also das Interview im Archiv seiner unveröffentlichten Werke versenken.

 

Wumms: Arthur Rutishauser

Bescheidenheit ist keine Zier für ihn.

Man fragt sich, was wohl die Kommentatoren machen, wenn sie sämtliche Superlative und ganz grossen Formulierungen aufgebraucht haben. Einfache Antwort: sie fangen wieder von vorne an.

Besonders gut sind Oberkommentatoren wie Arthur Rutishauser, wenn sie missliebige Ansichten in den Senkel stellen. Da haben es doch ein paar Politiker auf den Schutzstatus S abgesehen, den jeder Ukraine-Flüchtling unbesehen bekommt. Die – natürlich – SVP fordert, das zu überdenken, da sich die Kampfhandlungen inzwischen auf den Südosten der Ukraine konzentrieren.

Andrea Caroni, als FDP-Vizepräsident sehr, sehr scharf auf öffentliche Wahrnehmung, will nicht nur Oligarchengelder umverteilen, sondern auch den Schutzstatus «dynamisch ausgestalten», was immer das auch heissen mag. Auf jeden Fall schafft er es damit in der «SonntagsZeitung» auf die Front.

Aber schon auf der nächsten Seite faltet ihn Oberchefredaktor Rutishauser auf Appenzellergrösse zusammen: «Wer jetzt einknickt, verrät die Demokratie», donnert er in seinem «Editorial». Viele Flüchtlinge, reiche Schweiz, wird Milliarden kosten, Wohnungsnot verschärfen, aus anderen gefährlichen Gebieten nehmen wir nicht bedingungslos Flüchtlinge auf, nicht alle, die sich als Ukrainer ausgeben, sind auch welche.

So zählt Rutishauser alles auf, was dagegen spricht. Didaktisch geschickt mündet er in die Frage: «Haben also jene recht, die sagen, man müsse darüber nachdenken, die Aufnahme der Flüchtlinge zu beschränken?»

Bevor der Leser zur falschen Antwort kommen könnte, schreibt der Oberchef schneidend: «Nein, auf keinen Fall.» Denn es geht ja nicht um Kleingeld, es geht mal wieder um alles. Genauer:

«Es geht um die Verteidigung der freien Welt gegen den russischen Aggressor.»

Wer jetzte wieder sage, «das Boot ist voll», der spiele «direkt in die Hände von Putin und seinen Generälen».

Wenn die Schweiz schon keine Waffen liefere, dann sei Flüchtlingsbeherbung «das Mindeste, was wir tun können». Denn: «Es sind die Frauen und Kinder jener Männer, die für uns im Osten der Ukraine an der Front stehen und auch für uns ihr Leben aufs Spiel setzen.»

Mit Verlaub: Sie setzen ihr Leben im Kampf gegen einen Aggressor aufs Spiel, aber sicher nicht für «uns». Mit Verlaub: wer Politiker, die im Rahmen ihres demokratischen Mandats Meinungen äussern – ob die falsch oder richtig sein mögen –, die mit derjenigen von Rutishauser kollidieren, als «Demokratieverräter» tituliert, begibt sich selbst ausserhalb des erlaubten, demokratischen Diskurses.

Mit Verlaub: wie viele ukrainische Flüchtlinge hat denn Rustishauser selbst bei sich aufgenommen? Da verstummt der wortgewaltige Autor, keine Antwort auf eine Anfrage.

Keine mildernden Umstände

Es darf gelacht werden. Wie man um entscheidende Fragen herumrudert.

Die Ausgangslage war vertrackt. Bianca Lüthi, in der Wirtschaft zuständig für «Tourismus, Detailhandel und Immobilienmarkt», interviewt den Medienprofessor Urs Saxer zum Vincenz-Urteil. Nicht nur, dass sie frei von Sachkenntnissen ist. Es gibt noch ein zweites Problem. Denn das Thema ist die Frage, ob der Strafabzug von neun Monaten wegen medialer Vorverurteilung  zu recht erfolgte.

Klares Verdikt Saxers:

«Ich finde die neun Monate Strafmilderung nicht angemessen»

Er fügt zwar hinzu: «Gewisse Medien hätten in der Berichterstattung zurückhaltender sein können und sich das eine oder andere genüssliche Detail sparen können.» Auf der anderen Seite habe aber Vincenz selbst als Prominenter immer das Licht der Öffentlichkeit gesucht. Es ist allerdings schon ein kleines Kunststück, um die entscheidenden Fragen in einem längeren Interview herumzureden.

Aber wir verstehen das als Arbeitsplatzsicherung von Lüthi, bei der anhaltenden Sparwelle bei Tamedia. Zunächst einmal hatten die beiden Hauptangeklagten von der Staatsanwaltschaft einen Maulkorb bekommen; sie durften sich während der ganzen Strafuntersuchung und sogar noch nach Einreichung der Klage vor Gericht nicht zu den Vorwürfen öffentlich äussern. Ein absolutes medien- und prozessrechtliches Unding.

Erst kurz vor dem Prozess traute sich Beat Stocker aus der Deckung und gab der NZZaS ein eher verunglücktes Interview; Vincenz schwieg die ganzen vier Jahre lang, abgesehen von einem kurzen Statement nach der drakonischen U-Haft. Da hätte doch interessiert, was der Medienrechtler dazu gesagt hätte. Aber man müsste ihn halt fragen.

Um den ganz grossen Elefanten im Raum wird auch herumgeredet. Denn das Thema in diesem Fall ist ja nicht eine allfällige Vorverurteilung durch breite mediale Berichterstattung. Angesichts der Person des Angeklagten und seiner ehemaligen Position ist es klar und selbstverständlich, dass ausführlich berichtet wird.

Aber was überhaupt nicht thematisiert wird: wie steht es denn mit der kontinuierlichen Veröffentlichung von strikt vertraulichen Dokumenten aus der Strafuntersuchung? Die unter Bruch von Amts- und Geschäftsgeheimnis an die Öffentlichkeit gelangten? Was könnte ein Medienprofessor dazu sagen, dass selbst die Anklage vollumfänglich schneller in den Medien war als bei den Angeklagten?

Dazu könnte er sicherlich einiges sagen. Hätte man ihn gefragt. Kleines Problem für Lüthi: Ihr Oberchefredaktor Arthur Rutishauser war an vorderster Front, wenn es um die Veröffentlichung möglichst saftiger Details, Dokumente, Verhaltensweisen, Spesenabrechnungen von Vincenz ging. Genüsslich zitierte er Mal um Mal aus Unterlagen, die ihm zugespielt worden waren.

Dabei fragte er sich nicht einmal, in wessen Interesse es denn liegen könnte, damit den Ruf von Vincenz schon vor der Verhandlung restlos zu ruinieren. Denn in der ganzen Strafuntersuchung hatten ja nur drei Parteien Zugang zu diesen Akten. Die Staatsanwaltschaft, die Angeklagten – und Raiffeisen als Zivilkläger im Prozess. Nebenbei ist da noch ein Zivilprozess zwischen Raiffeisen und Vincenz/Stocker im Gange, bei dem es um richtig viel Geld geht; um über 100 Millionen Franken.

Das wären doch interessante Fragen an einen Medienrechtler gewesen; wie einfach sich heutzutage Medien instrumentalisieren lassen. Wie leicht sie sich anfüttern lassen. Wie hemmungslos sie aus ihnen zugespielten, eigentlich strafbewehrten Dokumenten zitieren. Aber eben, auch das hätte die interessante Medienfrage aufgeworfen, ob sich eine Redaktorin trauen darf, solche Fragen zu stellen – und das im Amt überlebt.

Verständlich, wenn auch bedenklich, dass Lüthi das nicht gewagt hat.

Tamedia und CH Media: Fusion!

Eine kurzfristig anberaumte PK mit vier Teilnehmern.

Das ist eine faustdicke Überraschung. Mit ultrakurzer Frist luden heute Morgen Tamedia und CH Media zu einer Pressekonferenz per Videocall. Weil die falschen Zugangsdaten verschickt wurden, gelang es nur wenigen Medien, darunter ZACKBUM, teilzunehmen. Obwohl eine Sperrfrist bis 8 Uhr verhängt wurde, setzen wir uns im Stile von publizistischen Leitern darüber hinweg.

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Im geviertelten Bildschirm sah man Peter Wanner und Patrik Müller von CH Media. Dazu Pietro Supino und Arthur Rutishauser als Vertreter von Tamedia.

Die Vier von der Geldtankstelle.

Wanner, Alter vor Schönheit, wie er launig bemerkte, eröffnete die Veranstaltung und liess sofort die Katze aus dem Sack.

«Angesichts eines anhaltend herausfordernden Umfelds haben Tamedia und CH Media beschlossen, unsere Printaktivitäten im Bereich Tageszeitungen zu bündeln.»

Supino übernahm und führte aus, dass ein Gewinn von über 800 Millionen Franken und eine Sonderdividende in der TX Group nur dann nachhaltig garantiert werden könne, wenn in der Business Unit Tamedia die Verluste gekürzt und die Gewinne verlängert würden. Das sei aber nicht weiter durch Sparmassnahmen realisierbar.

«Wir versprechen uns davon eine deutliche Qualitätssteigerung des Angebots», fügte Rutishauser, Oberchefredaktor Tamedia, hinzu. «Wir bringen das Korrespondentennetz und das Know-how der «Süddeutschen Zeitung» ein, ausserdem wird nun «Das Magazin» auch sämtlichen Printtiteln von CH Media beigelegt.»

Supino erläuterte, dass natürlich «TX Markets», «Goldbach» und «20 Minuten» nicht fusioniert werden. «Bei uns bleibt «watson» ausserhalb der Fusion», ergänzte Müller; «unsere TV- und Radiostationen werden wir ebenfalls in Eigenregie weiterbetreiben».

«Leider wird diese Fusion nicht ohne die Freistellung einiger Mitarbeiter genügend Synergien schaffen», sagte dann Supino routiniert. «Es ist eine lineare Kürzung von 25 Prozent auf allen Hierarchiestufen vorgesehen.»

«Das neue Unternehmen wird logischerweise CH Tamedia heissen», erwähnte Wanner; «mein Freund Pietro und ich werden uns das Präsidium des VR teilen, die Geschäftsleitung werden Arthur und Patrik gemeinsam bespielen. Mittelfristig ist hier vorgesehen, dass es dann nur einen CEO geben kann und wird. Möge der Bessere gewinnen.»

Dann setzten die Vier noch einen Akzent zum Schluss, der nicht bei allen Zuschauern gleichgut ankam. Supino schnippte mit den Fingern und sagte leise an «eins, zwei, drei.» Darauf riefen alle im Chor:

«Wir sind CH Tamedia. Wir bleiben dran. Wir finden’s raus. Stoppt den Krieg in der Ukraine.»

Chäfs auf dem Kriegspfad

Der eine Verleger und Besitzer, der andere Oberchefredaktor. Beide Kriegsgurgeln.

Wenn Peter Wanner in seinem Herrensitz zum Griffel greift, dann werden die Frontseiten seiner Kopfblätter freigeräumt. Von Patrik Müller abwärts stehen die Chefredaktoren Gewehr bei Fuss und sondern Ergebenheitsadressen ab.

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«Ich habe sehr viele Komplimente aus der Redaktion erhalten. Die denken gleich in dieser Frage», sonnt sich Wanner im Lob seiner Untertanen. Die folgen dem alten Indianersprichwort:

«Der Häuptling singt immer am schönsten.»

Dabei ist es ein recht garstiger Gesang, den Wanner angestimmt hat. «Klare Kante» müsse der Westen zeigen, die Nato sei «feige». Offensichtlich hat Wanner einen gut ausgerüsteten Bunker unter seinem Schlösschen: «Nur weil der russische Machthaber droht, Atomwaffen einzusetzen, darf man noch nicht in die Knie gehen

«Erbärmliches Schauspiel», MiG-29-Kampfjets hätte man doch einfach «still und heimlich liefern» sollen, dagegen gab es einen «weinerlichen Auftritt» des deutschen Vizekanzlers in einer Talkshow.

Und wenn Wanner schon so schön in Fahrt ist, als gehöre er zum Ensemble des Geniestreichs von Kubrick «Dr. Strangelove», nimmt er sich auch noch die Schweiz zur Brust: «Selbstverständlich muss sie die Handelsdrehscheibe für Öl-und Gaslieferungen und die damit verbundenen Geldströme sofort stilllegen und die Vermögenswerte einfrieren, auch jene der russischen Oligarchen, denn sonst macht sie sich mitschuldig an der Finanzierung von Putins brutalem Krieg.»

Was kann die Schweiz sonst noch tun? Natürlich, «sich solidarisch zeigen, Flüchtlinge aufnehmen und helfen, wo sie nur kann». Wunderbar, Herr Multimillionär, und was tun Sie denn so, traut sich persoenlich.com zu fragen.

Da wird’s dann allerdings peinlich. Sehr peinlich:

«Ich werde sicher Geld spenden für die Flüchtlinge und wenn es um den Wiederaufbau des Landes geht.»

Man beachte: Futur. Von der Frage kalt erwischt, schnell sich was ausgedacht. Als ob es auf dem Herrensitz nicht jede Menge Platz für die Unterbringung von Ukraine-Flüchtlingen gäbe. Aber gross mit Forderungen auftrumpfen, klein mit eigenen Taten werden, wie peinlich ist das denn.

Ganz abgesehen davon, dass es Wanner offenbar schnurz ist, ob die Befolgung seiner Forderungen einen Dritten Weltkrieg auslösen würde oder nicht. Schliesslich geht der ansonsten zu Vernunft fähige deutsche Medienmanager und Mitbesitzer des Springer-Verlags noch einen Schritt weiter: «Die Nato-Mitglieder müssen jetzt ihre Truppen und Waffen dahin bewegen, wo unsere Werte und unsere Zukunft noch verteidigt werden», schrieb Mathias Döpfner, eine Ansicht, die Wanner «weitgehend» teile.

Jede Menge Kriegsgurgeln kommen aus den Löchern

Damit sind die beiden Kriegsgurgeln nicht alleine. Nachdem sich Big Boss Pietro Supino noch etwas von der krachenden Niederlage im Kampf um eine zusätzliche Steuermilliarde erholen muss, springt bei Tamedia Arthur Rutishauser in den Schützengraben. Allerdings bleibt sein «Editorial» hinter der Bezahlschranke verborgen.

«Flugverbotszone errichten, wirksame Waffen liefern, die Nato vielleicht sogar Truppen.»

Die Schweiz muss sofort den Rohstoffhandel stoppen und alle Russengelder «sperren». Also ist auch Sandkastengeneral Rutishauser bereit, den Weg in den Dritten Weltkrieg zu befehlen. «Mir nach», kräht er aus der mit russischen Erdgas wohlbeheizten Redaktionsstube. Für ihn ist es ein hinnehmbarer Kollateralschaden, dass er gleichzeitig den Rechtsstaat Schweiz zu Kleinholz verarbeiten möchte. Wo bislang selbst für Russen eine Eigentumsgarantie galt und selbst für Rohstoffhandel die Gewerbefreiheit.

Manchmal hilft historische Distanz zur Einschätzung von Gegenwärtigem. Wer sich bislang angewidert fragte, wieso die Massenmedien spätestens ab dem Ersten Weltkrieg zu üblen, chauvinistischen Hetz- und Propagandaorganen denaturierten, wo der Gegner entmenschlicht und für verrückt erklärt wurde, versteht das angesichts von aktuellem Anschauungsmaterial viel besser.

Wer sich fragte, wieso denn damals die Massen dieser hysterischen Kriegspropaganda glaubten und martialische Forderungen bejubelten, von Schreibtätern und Schreikräften, die andere in die Schützengräben beorderten – auch der findet hier seine Antworten.

Freie Presse

Kommentar? Kommentar fast überflüssig. Die neue Rubrik.

«Oder ob die Bevölkerung endgültig genug hat von Putins wichtigstem Trojaner im Westen.»
Wolfgang Rössler in der NZZaS über Ungarns Präsident Viktor Orban.

«Ich möchte, dass Sie Ukrainer sind
Wolodimir Selenskyj zu Demonstranten in Bern. Es gab Applaus.

«Die Politik kommt nicht umhin, bei der Förderung der Erneuerbaren ein paar Gänge höher zu schalten.»
SoBli-Chefredaktor Gieri Cavelty mit einer wunderbaren Auto-Metapher in seinem Editorial über «Blochers bizarre Neutralitätsdebatte».

«Der Westen kann den neuen Kalten Krieg gewinnen».
Der heisse Krieger Martin Suter in der «SonntagsZeitung».

«Die Historikerin Anne Morelli hat zehn eherne Regeln der Kriegspropaganda definiert.»
Daniel Friedli in der NZZaS. Man stelle sich vor, welches Gebrüll erschallen würde, hätte Friedli Arthur Ponsonby als geistigen Urheber dieser zehn Regeln bezeichnet, während es in Wirklichkeit Morelli gewesen wäre. Aber da es umgekehrt ist …

«Insbesondere gilt es, jene Kräfte zu bekämpfen, die jetzt auf Putins Logik einsteigen und seinem chauvinistischen Grössenwahn geradezu defätistisch mehr Nationalismus, Protektionismus und Aufrüstung entgegensetzen wollen. Angesagt ist vielmehr ein entschlossenes Vorantreiben multilateraler Lösungsansätze auf globaler Ebene, eine Stärkung der Uno, das Zur-Rechenschaft-Ziehen von Kriegsverbrechern und eine internationale Abrüstung, die Ressourcen freisetzen kann, die anderswo dringend gebraucht werden.»
Der emeritierte Professor für Geschichte Jakob Tanner im SoBli. Das haben wohl nicht nur die Leser dort nicht verstanden.

«Was sollen die USA tun, um den Ukrainern zu helfen? Eine Flugsverbotszone errichten und wirksame Waffen liefern. Die Nato vielleicht sogar Truppen. Was soll die Schweiz tun, um der Ukraine zu helfen? Den Rohstoffhandel stoppen, der zu 80 Prozent über unser Land läuft. Und natürlich das Geld von Putin, seiner Entourage und seinen Helfern, den russischen Oligarchen, sperren, das sind 180 Milliarden Franken, die bei uns vermutet werden.»
Arthur Rutishauser, der Oberchefredaktor bei Tamedia, in seinem Editorial in der «SonntagsZeitung». Er möchte also gerne den Dritten Weltkrieg ausrufen und nebenbei noch den Rechtsstaat Schweiz zu Kleinholz verarbeiten.

«Das 700 PS Finale. Auf dem Weg ins E-Zeitalter lässt es der britische Hersteller Aston Martin nochmals krachen: Der Vantage feiert sein letztes Comeback als V12».
Autor spx. In der «SonntagsZeitung» über zeitgemässe Automobiltechnik.

 

 

WUMMS: Priska Amstutz

Ein Jahr Protestbrief. Man liest halt ZACKBUM. Der Beweis.

Am 9. März wies ZACKBUM darauf hin, dass zwar der Tag der Frau in Tamedia gewürdigt wurde und Aleksandra Hiltmann Kollegen und Leser mit einem feminisitischen Interview quälte.

Am 6. März war ZACKBUM, das Zentralorgan des Feminismus, ganz alleine auf weiter Flur und bedauerte das tiefe Schweigen der 78 erregten Tamedia-Mitarbeiterinnen, die sich vor genau einem Jahr mit herzzerreissenden Wehklagen an die Geschäftsleitung und an Jolanda Spiess-Hegglin gewandt hatten.

Und siehe da, am 9. März  geruht die «Co-Chefredaktorin» Priska Amstutz, die «Leiterin einer internen Arbeitsgruppe», zu diesem Thema ein Interview zu geben. Das letzte Lebenszeichen von ihr war eine zusammen mit Oberchefredaktor Arthur Rutishauser unterzeichnete Entschuldigungsarie wegen eines verunglückten Artikels.

Nun aber, wie wogt der Kampf der Tamedia-Frauen gegen Sexismus, Diskriminierung, Demotivierung und üble Machosprüche weiter? Leider vernittelt Amstutz diese Informationen nicht dem Tamedia-Leser (dabei hätte sich ein Interview durch Hiltmann angeboten), sondern den Beobachtern von persoenlich.com.

Aber item, was ist passiert, was ergab die interne Untersuchung, welche der über 60 Beispiele übelsten Verhaltens konnten verifiziert werden, welche Konsequenzen hatte das für diese Machoschweine?

Wie steht es mit dem jüngsten Protestschreiben bezüglich der fristlosen Entlassung eines Jungredaktors? Alles interessante Fragen, nicht wahr? Leider gibt es keine einzige Antwort.

«Erleben immer wieder anspruchsvolle Phasen, interne Prozesse überprüft und wo nötig angepasst, Abklärung und Aufarbeitung, Brief sehr ernst genommen, wird nicht toleriert, vertiefte Kommunikation, Kulturdialog, viele Massnahmen umgesetzt.»

Das ist nicht mal heisse Luft. Das sind zu Worten geformte Buchstaben, die schlichtweg nichts, einfach gar nichts aussagen. Wurde ein einziger Vorwurf erhärtet? Einer? Bitte? «Zu Einzelfällen kann ich mich aus personalrechtlichen Gründen nicht äussern.»

Wir hätten da einen neuen Einzelfall. Die Literaturquälerin Nora Zukker über die Premiere der neuen «Kassensturz»-Moderatorin: «Die Anwältin der Mäuse». Ob diese Mausi-Verniedlichung den Respekt und den Kulturwandel verkörpert, von dem Amstutz salbadert?

 

Wumms: Arthur Rutishauser

Wenn die Trauben zu sauer sind, wird gemotzt.

Friedrich Schiller, Don Carlos, zehnter Aufzug: «Sire, geben Sie Gedankenfreiheit.» Eine Nummer kleiner hat’s Arthur Rutishauser nicht. Zunächst lässt er seine Mitarbeiter jammern: «Seit 2015 droht Journalisten ein Strafverfahren, wenn sie über geleakte Bankdaten schreiben. Tamedia musste auf Recherchen zu den Credit-Suisse-Daten verzichten.»

Das ist nunmal so, dass die Verwendung von Hehlerware strafrechtliche Konsequenzen haben kann. Wieso allerdings Tamedia deswegen auch auf Recherchen verzichten musste, erschliesst sich nicht. Schliesslich hat der Konzern sich ja einige Male an solchen Ausschlachtungen beteiligt.

Dann tritt der Oberchefredaktor persönlich nach. Immerhin räumt er zunächst ein: «Es gibt viele Gründe, seine Bankdaten geheim zu halten.» Es gibt auch viele Gründe, Geschäftsinformationen vertraulich zu halten.

Dann verlangt auch Rutishauser Medienfreiheit:

«Dass heute Bankdaten in ausländischen Medien geleakt werden, während in der Schweiz ein Rechercheverbot herrscht, ist ein Unding, das abgeschafft werden muss.»

Das zeugt von einer gewissen Unsicherheit gegenüber rechtsstaatlichen Prinzipien. Sollten im Ausland ähnliche Gesetze zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen gelten wie in der Schweiz, ist die Publikation solcher gestohlener Daten auch dort strafbar. Die ganzen bisherigen Leaks und Papers konnten nur deswegen ohne strafrechtliche Konsequenzen publiziert werden, weil Panama oder Singapur weit weg sind.

Aber damit ist der Irrflug der Oberchefs noch nicht zu Ende: «Offenbar zählt im Zweifel noch immer das Geschäft, nicht das Gesetz.» Im Gegenteil. Ohne Zweifel herrscht in einem Rechtsstaat das Gesetz. Es abzuschaffen, wie Rutishauser fordert, ist ihm unbenommen.

Schliesslich beschwert sich Rutishauser noch darüber, dass seine Cracks vom «Investigativdesk» mit einem «Rechercheverbot» belegt seien. Man möchte schon gerne wissen, worin das denn bestehen sollte. Es gibt kein Gesetz in der Schweiz, das Recherchen zu jedem beliebigen Thema, abgesehen von vitalen Sicherheitsinteressen des Landes, verbietet. Und das Innenleben der CS gehört sicher nicht dazu.

Tagi -Qualität

Ein Jungredaktor verbockt einen Artikel. Er rutscht ins Blatt, durch alle Kontrollen.

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Angeblich sollen fünf gnadenlose Kontroll- und Qualitätsprüfungen stattgefunden haben, bevor der Artikel «Sonja Rueff-Frenkel (FDP): Die Frau mit dem Spinnennetz» erschien.

Darin erlaubte sich Kevin Brühlmann einige fragwürdige Fragen und Bezüge auf orthodoxe jüdische Sichtweisen auf Frauen. Kann man so machen, sollte man nicht so machen.

Darauf erhob sich Protestgeschrei, und zweistufig krochen Oberchefredaktor Arthur Rutishauser und Pseudo-Co-Chefredaktorin Priska Amstutz zu Kreuze. Grosse Entschuldigungorgie, der sich auch der Autor anschloss.

Die Betroffene und Vertreter der jüdischen Gemeinde in Zürich zeigten sich davon befriedigt und wollten die Sache ad acta legen. Sie warnten sogar ausdrücklich davor, hier ein Exempel zu statuieren, weil die Probleme im Tagi wohl tiefergreifender seien, wenn ein solcher Text durch alle angeblich vorhandenen Kontrollinstanzen unbeschnitten rutschte.

Aber es wäre ja nicht das Qualitätsorgan Tamedia, wenn man sich nicht bemühen würde, die schlimmstmögliche Wendung zu finden.

Einem Journalisten fiel auf, dass Brühlmann bereits seit einer Woche nicht mehr im Impressum von Tamedia steht. Nach einigem Rumgedruckse räumte man ein, dass man sich inzwischen von Brühlmann «getrennt» habe, es habe immer wieder Differenzen bei der Auffassung gegeben, was Qualitätsjournalismus à la Tagi beinhalte.

Offenbar beinhaltet es, dass man sich dann doch, aber erst nach Tagen, vom Jungjournalisten trennte, auf Deutsch: ihn feuerte.

Damit verknüpft ist das mehrfache Lippenbekenntnis, dass man die Kontrollen und vor allem das Gegenlesen von Artikeln noch viel massiver implementieren möchte, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholten.

You’re kidding, wie da der Ami sagt. Was soll denn verbessert werden, wenn tatsächlich fünf Nasen den Artikel lasen und nichts daran auszusetzen fanden? Das ist doch schon mal die erste Bankrotterklärung.

In Hierarchien, die nicht nur klimgende Titel vergeben, sondern die auch an Verantwortung knüpfen, ist es völlig klar, dass der Verursacher eines Problems eine Mitverantwortung trägt. Noch grösser ist aber die Verantwortung der übergeordneten Kontrollinstanzen, die den Fehler nicht bemerkten, ihn zuliessen, ihrer Verpflichtung nicht nachkamen.

Die Entschuldigungsorgie wurde von Oberchefredaktor Rutishauser und Pseudo-Co-Chefredaktorin Amstutz unterzeichnet. Rutishauser hat die wenig beneidenswerte Aufgabe, bei rund einem Dutzend Kopfblättern nach dem Rechten sehen zu müssen. Also ständig Feuerwehrmann zu spielen, weil irgendwo immer Feuer im Dach ist.

Aber Amstutz hat ohne zu erröten diese Selbstbezichtigung unterzeichnet, dass diverse Kontrollinstanzen versagt hätten. Auf Deutsch: sie hat versagt. Ihr Mit-Co-Chefredaktor Mario Stäuble hat die Entschuldigung nicht mal mitunterzeichnet.

Weder von ihm, noch von ihr hat man bislang ein selbstkritisches Wort vernommen. Die zweite Bankrotterklärung. Erst auf dem Latrinenweg erfuhr die Öffentlichkeit davon, dass der Autor des Artikels gefeuert wurde. Keine Medienmitteilung, nichts. Erst nach einer Schrecksekunde räumte die Tamedia-Medienstelle ein, dass man sich getrennt habe. Wie, warum, fristlos, mit welcher Begründung genau? Da würde Transparenz für den Tagi offenbar zu weit führen. Dritte Bankrotterklärung.

Inzwischen soll die Redaktion, wird gemunkelt, ihr Befremden über diese Vorgehensweise ausgedrückt haben. Und, Traumtänzer, die sie sind, soll die Wiederanstellung von Brühlmann gefordert worden sein. Mehr wolle man aber öffentlich nicht sagen, wird verlautet.

Offenbar hat die Redaktion immerhin etwas vom Protestschreiben von 78 erregten Tamedia-Frauen gelernt, dass als interne Kritik etikettiert war, aber ohne Einverständnis aller Unterzeichnerinnen via Jolanda Spiess-Hegglin an die Öffentlichkeit gespült wurde. Wodurch mit diesem dubiosen Absender schon mal einiges an Wirkung verspielt wurde. Vierte und fünfte Bankrotterklärung.

Letztlich wird ebenfalls kolportiert, dass sich Big Boss Pietro Supino schon mehrfach über Artikel von Brühlmann echauffiert haben soll. Sollte das tatsächlich eine Rolle bei der Entlassung von Brühlmann gespielt haben, wäre das ein weiterer, eigentlich überflüssiger Beweis, dass die famose strikte Trennung zwischen Verlag und Redaktion ein müder Witz ist. Sechste Bankrotterklärung.

Frage: Wie oft können die wichtigsten Prinzipien eines seriösen, verantwortungsbewussten und ernstzunehmenden Journalismus an die Wand gefahren werden?

 

Wumms: Arthur Rutishauser

In den Treibsand kommentiert.

Der Oberchefredaktor von Tamedia ist im Herzen Wirtschaftsjournalist geblieben. Aber das Herz schlägt nur noch leise unter dicken Schichten von Management, Vincenz-Bashing und Entschuldigungen schreiben.

Natürlich muss Rutishauser auch etwas zum unaufhaltsamen Niedergang der Credit Suisse sagen. Das hätte er besser gelassen: «Die Credit Suisse ist eine Übernahmekandidatin». Eine Reaktion auf den Milliardenverlust im Jahr 2021, auf anhaltende Probleme, Skandale, Rechtsfälle. Rutishauser schliesst: «Bleibt abzuwarten, wer zuschlagen will.»

Ernste Miene zu schlimmem Spiel: Thomas Gottstein.

Nein, da können wir lange warten; die CS ist definitiv keine Übernahmekandidatin. Da sie «too big to fail» ist, also systemrelevant, würde hier die Schweizer Regierung ein gewichtiges Wörtchen mitreden, was die Bank zu einer sehr unattraktiven Braut macht. Dazu kommt: eine Bank wird nicht umsonst an der Börse nur mit der Hälfte ihres Buchwerts gehandelt.

Das hat zwei Gründe. Das Investment-Banking performt unterirdisch schlecht und hat ein Value at Risk von 875 Milliarden Franken, also eine beeindruckende Risiko-Blase, aufgepumpt.

Der zweite Grund ist die Mitgift, die von der CS in eine Fusion eingebracht würde. Wobei das Wort Gift zutrifft. Selbst die genauste Due Diligence könnte nicht zutage fördern, welche Leichen die Bank noch im Keller vergraben hat. Wer in solch unablässiger Folge Skandale und Rechtshändel verursacht, seit der grössten Busse für eine ausländische Bank im Steuerstreit mit den USA, der wird nicht mal mit der Beisszange angefasst.

Also ist die CS ganz sicher kein Übernahmekandidat, und niemand wird zuschlagen. Ausser, der Bund zwingt die UBS dazu, diesen Frosch zu küssen, der sich dann in eine Kröte verwandeln wird.