Hoch die Flaschen!

Aber bitte mit ohne Alkohol.

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Feiertage, Feiern, anstossen. Aufstossen, Kater spazierenführen, «was für ein Kopfweh» sagen, «nie mehr» schwören. Man weiss es: Alkohol hat schreckliche Auswirkungen. Kann schreckliche Auswirkungen haben.

Dabei ist er das Einzige an legalen Betäubungsmitteln, was Journalisten geblieben ist. Schon seit Jahren müssen sie sich in zugigen Orten für Randständige und Aussätzige versammeln, wenn sie mal das tun wollen, was Journalisten seit der Erfindung des Journalismus immer taten: eine neue Zigarette an der Kippe der alten anzuzünden. Oder zumindest einen Glimmstengel nach dem nächsten inhalieren.

Vorbei, verweht, gecancelt, schöne Gewohnheit ade.

Nun sind die Zeiten allerdings auch schon länger vorbei, dass der Redaktor in den Tiefen seines Pults ein Flascherl Hochprozentiges versteckt hielt. Die Zeiten sind auch vorbei, dass der Chefredaktor zur Feier des Anlasses aus seiner Schublade einen edlen Cognac mit ein paar Schwenkern holte.

Nach dem Rauchen ist nun auch das Saufen dran. Auf der Redaktion tun das nur noch Alkoholiker. Aber viele frönen immer noch dem alten Brauch, nach getaner Arbeit sich mit einem Glas oder zweien oder dreien den Frust von der Seele zu spülen, dass das, was sie tun, eigentlich nur noch am Rande mit Journalismus zu tun hat.

Dafür müssen sie nun auch büssen:

Denn nachdem das Theater als Besserungsanstalt abgedankt hat, müssen natürlich Qualitätsmedien, hier die aus dem Hause «Tamedia», für die Volksgesundheit besorgt sein.

Passt auch gut zur Sauren-Gurken-Zeit vor den herannahenden Feiertagen (saure Gurke ist eines der Mittelchen gegen, aber lassen wir das). Also wird flugs eine Serie gebastelt: «Treibstoff Alkohol»:

«Der Dezember ist ein geselliger Monat mit vielen Anlässen – an denen fast immer Alkohol fliesst. Es ist eine Zeit, in der viele Menschen auch ihren Konsum hinterfragen. Bis Weihnachten beleuchten wir in einer Serie die ganz unterschiedlichen Rollen, die der Konsum von Alkohol in unserem Alltag spielt: sozialer Treibstoff, Genussmittel, Krankmacher. Geht Daten, ohne zu trinken? Wie wirkt er im Körper? Und was ist das Schöne am Rausch? Alle Artikel der Serie finden Sie auf unserer Website.»

Da wird gleich zum Start kein Thema ausgelassen. Der geläuterte Ex-Trinker, der nicht mehr auf ex trinkt und überhaupt keinen Alkohol mehr mag («Ich habe es oft bereut, zu viel getrunken zu haben. Ich habe es noch nie bereut, nichts zu trinken»). Aber auch – Nutzwert! – Ratschläge zur Bekämpfung des Katers. Und, besonders putzig, ein angeblich neuer Trend unter Jugendlichen: «dry dating». Kommt unbezweifelbar wie alles Gute aus den USA.

Beim ersten Treffen einen klaren, alkoholfreien Kopf bewahren. Kein romantisches Dinner mehr in einem schnuckeligen Lokal. Nein, besser ein Spaziergang in Eiseskälte durch Feld und Wald. Wenn das aufkeinende Liebesgefühle nicht erkalten lässt, dann muss es etwas Ernstes sein.

Natürlich ist in solchen Serien auch Platz für Rezykliertes. Wer beim ersten Mal nicht genügend abgestossen war, darf  nun den wieder aufgeschalteten Artikel «Eine besoffene Frau gilt nach wie vor als abstossend», von und mit Nora Zukker, wiederlesen. Vielleicht eine Dienstleistung für Alkoholiker, denen die Vergangenheit nebulös erscheint.

Allerdings wird vor allem eine Dame diese Entwicklung sehr bedauern. Sanija Ameti kann sich dann definitiv keinen SVP-Bundesratskandidaten mehr «schöntrinken». Aber das meinte sie ja auch nur «politisch gesehen».

Darauf einen Doppelten.

1 reply
  1. René Küng
    René Küng says:

    Der Wechsel ist schon länger vollzogen: sie feiern hoch die Falschen.

    Und dazu gehören Flaschen, Falsche und Kriminelle – in allen Etagen!
    Orwell hätte seine ‹helle Freude›.

    Antworten

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