Migros bleibt nüchtern

Das nennt man eins auf die Zwölf. Kein Alk im Laden.

Mit bis zu 80 Prozent lehnten die Migros-Genossenschafter die Schnapsidee der Führung ab, in der Migros neu auch Alkohol zu verkaufen. Alle zehn Genossenschaften waren dagegen; die Befürworter blieben verlorene, kleine Häufchen.

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Hätten die Präsidentin Ursula Nold und CEO Fabrice Zumbrunnen etwas Ehre im Leib, würden sie sofort zurücktreten. Werden sie aber nicht.

Auch der langjährige Migros-Boss Herbert Bolliger hatte sich für ein Nein ausgesprochen. Die Nerven lagen blank, er wurde dafür wüst beschimpft. Nur im Weinkanton Wallis und im Tessin kamen die Befürworter auf einige Stimmprozente, ansonsten könnte das Verdikt nicht klarer sein.

Natürlich ist es so, dass der Migros-Kunde weiterhin im orangen Riesen seine Einkäufe erledigt, um dann in der Migros-Tochter Denner nebenan vollzutanken. Was aber den Genossenschaftern offensichtlich viel präsenter ist als der Führungscrew: Es geht hier um die letzten Reste des Erbes des Gründers Gottlieb Duttweiler.

Der hatte nicht nur mit seiner genialen Idee den Detailhandel in der Schweiz revolutioniert, er hatte auch klare Prinzipien. Kein Alkohol, kein Tabak. Keine Aktionen, keine Sonderangebote, keine Lockvögel, keine Rabattmarken. Davon ist lediglich das Alkohol- und Tabakverbot übrig geblieben.

Alles andere wurde dem Markt geopfert, als ob Migros das nötig gehabt hätte. Dutti ging noch weiter und verschenkte am Schluss seine Firma, indem er sie in eine Genossenschaft umwandelte. Launig sagte er damals:

«Wir haben herausgefunden, dass es eine viel heiklere Aufgabe ist, Geld zu verschenken, als Geld zu verdienen. […] Die Umwandlung einer Genossenschaft in eine Aktiengesellschaft ist gesetzlich geregelt, kostet keine Steuern und ist eine einfache Firma-Änderung. Dagegen das Unerhörte der Umwandlung einer Aktiengesellschaft in eine Genossenschaft, das ist gar nicht vorgesehen! Es bleibt nur der Weg der Liquidation und der Neugründung.»

Der Mann hatte an einem Tag mehr Ideen als die heutige Führungsspitze in einem Jahr. Das Kulturprozent, der «Park im Grüene», «Die Tat», der Landesring, seine Tätigkeit im Parlament, ein Hungerstreik in Genf, sein soziales Engagement. Nicht alles war gut durchdacht, nicht alles war sinnvoll. Aber der Mann hatte Visionen, Pläne, war ein Kämpfer und sah sich immer als Verteidiger der Rechte des kleinen Mannes.

Den grössten Schindluder trieben aber seine Nachfolger mit dem GDI, dem Gottlieb-Duttweiler-Institut. Das sollte sich der Frage widmen, wie denn der Weltfrieden zu bewerkstelligen sei. Am Eingang heisst es noch volltönend: «Erbaut 1963 durch den Willen der Stifter als Stätte der Begegnung und der Besinnung.» Aber schon längst ist das GDI zu einer Marketingbude verkommen, wo es in schweineteuren Veranstaltungen nur darum geht, den Absatz von Produkten zu befördern. Statt Besinnung vermietet es Redner für Honorare in der Region von mehreren tausend Franken, die dann modernste Erkenntnisse der Absatzförderung auf die Zuhörer herabregnen lassen.

Von Besinnung zu «Trend Updates»: degeneriertes GDI.

Eine Schande. Lange Jahre war das Institut vom kritischen Geist Hans A. Pestalozzi geleitet worden, der 1980 seine Streitschrift «M-Frühling. Vom Migrosaurier zum menschlichen Mass» veröffentlichte. Als langjähriger Privatsekretär von Dutti sah er sich als Bannerträger und Testamentsvollstrecker des Gründers. Er wurde fristlos entlassen, die Bewegung «M-Frühling» versuchte vergeblich, sich gegen das damalige Management mit einer Wiederbelebung der alten Ideen von Dutti durchzusetzen.

Von solchen Gedanken sind im heutigen GDI nicht einmal mehr Spurenelemente vorhanden. Aber dass der Geist von Dutti noch nicht ganz wohlverkorkt in einer Flasche aufbewahrt wird, beweist immerhin die aktuelle Abstimmung. Würde etwas Ähnliches über das GDI stattfinden, wer weiss, vielleicht könnte man auch diesen denaturierten und degenerierten Think Tank wieder auf seine eigentliche Bestimmung zurückführen.

Dabei hätte die aktuelle Führungscrew eigentlich Besseres zu tun als ein Riesengewese um Alkohol in den Regalen zu machen. Denn im Kerngeschäft lahmt der orange Riese, die Genossenschaft Zürich steckt sogar schon in den roten Zahlen. Keine Innovationen, keine Neuerungen, lahmes copy/paste; langsam gerät die Migros gegenüber Coop ins Hintertreffen. Da hilft auch nicht das Engagement der Beratungsschreckbude McKinsey, die noch nie etwas anderes als untaugliche Ratschläge abgeliefert hat.

Geld verdient die Migros in erster Linie mit ihrer Bank, was nun wahrlich kein Kunststück ist. Aber den allgemeinen Zustand kann man sich nicht schönsaufen. Man darf gespannt sein, was der Führungsequipe nun hier einfällt, nachdem die Blendgranate Alk ja oder nein gezündet wurde und verlöscht ist.

3 KOMMENTARE
  1. McK Partner
    McK Partner says:

    Richtigstellung! Sie schreiben «Beratungsschreckbude McKinsey, die noch nie etwas anderes als untaugliche Ratschläge abgeliefert hat.» Das ist falsch.
    Richtig ist, dass McKinsey hervorragende Arbeit für sich selbst macht und Ratschläge dahingehend gibt, dass man sich in den schwach geführten Firmen metastasenartig ausbreitet und die Firmen leersaugt. Oder anders gesagt: Man weiss genau, was man bei McKinsey kriegt. Wer etwas anderes erwartet, ist selber schuld.

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  2. Daniel Röthlisberger
    Daniel Röthlisberger says:

    M – immer ein M besser oder schlechter. Gut. der Slogan wurde geändert. Haben gemerkt dass Slogan etwas überholt ist. im wahrsten Sinne. auch von ALDI, LIDL und Coop überholt.
    gut haben so viele NEIN gesagt. Früher wollte Migros immer, dass gerade nebenan ein Denner Laden ist für Zigaretten und ALK. Migros wollte die eigene Kundschaft. was nachher im Denner passierte – «ist nicht unser Laden – geht uns nichts an» Dann kaufte Migros den Denner. Punkt.
    diese sinnlose Abstimmung hat nur viel Geld gekostet, und Migros-Image ist angeschlagen.
    Die grossen Migros Manager haben voll daneben gehauen. Ich fragte mich immer. «what’s the plan?»
    Mehr Alk wird nicht gekauft. einfach im M-Laden statt im D-Laden. Für Denner wäre es eher schlechter gewesen. hätten dann nur noch Guetsli und so verkauft…..
    Ende gut- alles gut !!??
    Zurück zur Arbeit – es gibt viel zu tun im «Laden» Migros. ImageSchaden war vor-programmiert.
    genau – ablenken von den wahren Problemen – Blendgranaten Effekt. Trifft’s genau.

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  3. Jean-Louis Frossard
    Jean-Louis Frossard says:

    Genau so ist es: Mit der Alkohol-Abstimmung sollte vom schlechten Jahresergebnis abgelenkt werden. Sie nennen das «Blendgranate Alk», Glückwunsch zu dieser köstlichen Wortschöpfung.

    Das negative Abstimmungs-Ergebnis hilft den Migros-Gewaltigen, denn jetzt sind die Genossenschafter schuld an der aktuellen Misere: «Weil Ihr uns keinen Alkohol verkaufen lässt, geht es uns so schlecht.»

    Zugegeben, das war sehr geschickt eingefädelt.

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