Guten Morgen, Gutmensch

Wer Betroffenheitsorgien veranstaltet, sollte Vorbild sein.

Selbst der hartgesottenen Sandro Benini wirkte etwas nah am Wasser gebaut bei seiner Beschreibung einer Sause im Schauspielhaus zum Thema Seenotrettung im Mittelmeer: «Stummes Entsetzen im Publikum».

Roger de Weck fand – wie meist – gültige Worte:

«Es geht nicht, Menschen ertrinken zu lassen.»

Diesen Satz wollen wir in seiner Allgemeingültigkeit so stehen lassen. Wir finden aber, dass man nicht nur solche Sätze sagen muss, sondern auch danach leben.

Zwar soll es kein richtiges Leben im falschen geben, aber wer erinnert sich schon noch an Adorno. Also muss man sich einen Morgen des stumm Entsetzten so vorstellen: Der Fair Trade Kaffee aus nachhaltigem Anbau hilft ihm nach dem Schlummer, in die Gänge zu kommen. Natürlich hatte er sein müdes Haupt auf zertifizierte Baumwolllaken gelegt; Matratze und Decke sind aus Hanf, beziehungsweise Bambusfaser; niemals käme das Ergebnis einer gerupften Gans in Frage.

Auf ein Bettgestellt wird verzichtet, denn diese nur aus nachhaltigen Materialien gebauten Dinger sind dann doch richtig und wirklich teuer.

Zum Frühstück gibt’s zwei Tofuscheiben, darauf ein Vegiburger, der von einem Spiegelei gekrönt wird. Selbstverständlich Freilandhaltung aus der Region. Da darf sich das Huhn noch kurz von jedem einzelnen Ei verabschieden. Der Schredder für männliche Küken läuft ganz leise im Hintergrund, sein Geräusch wird übertönt von einer Endlosschleife mit Chopins Trauermarsch.

Garstiges Wetter, das Richtige für die Schuhe aus veganem Lederersatz. Als Fahrzeug kommt natürlich nur das Velo in Frage, was denn sonst. So sollte das sein, wenn nicht nur Betroffenheit geheuchelt wird, sondern tatkräftig im Kleinen und im Persönlichen etwas unternommen würde.

Es sollen rund 200 Zuschauer im Zürcher Schauspielhaus stumm entsetzt gewesen sein. Wie viele von denen wohl am nächsten Morgen so in den Tag einstiegen?

 

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