Die NZZ gurgelt weiter
Wenn Häsler mal Pause hat, kommen andere zu Wort.
Die Methode ist abgefeimt. Man hypt einen medial gewandten Militäranalytiker und Sandkastenspieler zu einem «der besten Kenner der militärischen Lage in der Ukraine» hoch. Das soll er wohl mit seinem Aufsatz «Den Abnutzungskrieg gewinnen: eine realistische Siegesstrategie für die Ukraine» unter Beweis gestellt haben.
Allerdings fehlt da der Sieg. Noch knalliger ist der Titel seines schmalen Werks (160 Seiten) «Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt».
Franz-Stefan Gady konstruiert ein Szenario Ende der 2020er-Jahre: Nach einem Waffenstillstand in der Ukraine regeneriert Russland seine Streitkräfte, greift das Baltikum an und gerät damit in einen Krieg mit der NATO. Österreich wird trotz seiner Neutralität hineingezogen, weil es als Verkehrs- und Nachschubraum wichtig ist. Cyberangriffe, Sabotage, Drohnen und Marschflugkörper treffen Österreich; schließlich brennt nach einem Drohnenangriff sogar der Wiener Stephansdom.
Bei Somm zerbricht der Pariser Eiffelturm, bei Gady das Wahrzeichen Wiens.
Wow.
Dazu darf er in der NZZ sagen: «Mein Buch basiert auf einem militärischen Planspiel. … Selbst bei einem brüchigen Waffenstillstand kann Russland Hunderttausende Soldaten von der Front abziehen und sich neu strukturieren. Währenddessen läuft die russische Kriegswirtschaft weiter auf Hochtouren, vor allem bei Langstrecken-Präzisionswaffen. Moskau wäre so bald in der Lage, einen begrenzten Angriff gegen ein Nato-Land wie Litauen zu wagen.»
Bevor man ernsthaft auf solche Spielereien eingeht, sollte man ihre Prämissen kritisch hinterfragen. Denn wie jedes «Szenario» bestätigt auch dieses nur seine selbst gesetzten Voraussetzungen. Also nach einer Kette wie:
Russland bleibt revisionistisch → der Ukrainekrieg wird lediglich eingefroren → Russland regeneriert seine Streitkräfte → Moskau ist bereit, einen NATO-Staat anzugreifen → die nukleare Abschreckung verhindert diesen Angriff nicht → die NATO wird militärisch hineingezogen → Österreich wird als logistischer Raum relevant → Russland greift deshalb österreichische Infrastruktur an.
Kann man so fantasieren, muss man nicht. Aber statt solche grundlegenden Fragen zuerst zu klären, gehen die Interviewer Meret Baumann und Selina Berner gleich in medias res. Ohne grosse Fachkenntnisse, notabene. Baumann ist Korrespondentin in Wien, Selina Berner war «im Friedensförderungseinsatz im Kosovo tätig für die Schweizer Armee» und ist seit 2024 Redaktorin im Ressort Inland/Bundeshaus.
Das erklärt wohl solche Fragen: «Was ist das Ziel Russlands? Geht es darum, Territorium zu erobern?» Und das widerspruchslose Hinnehmen solcher Antworten: «Nein. Moskau geht es nicht um Landgewinne, sondern um die Machtordnung in Europa. Das Ziel Putins ist seit je eine Sicherheitsarchitektur mit Russland als zentralem Akteur. Die Hindernisse dafür sind die Nato und die EU. Ein begrenzter Krieg soll beide Institutionen aushebeln.»
Immerhin wagen die beiden den Einwand, dass Russland mit seinem Angriff auf die Ukraine kaum vorankomme. Das würde doch den Erfolg eines Angriffs auf die NATO sehr zweifelhaft erscheinen lassen. Da stimmt Gady zu:
«Ich schätze die Erfolgschancen auch als gering ein. Aber man darf daraus nicht schliessen, dass Moskau es nicht trotzdem versuchen wird.»
Tja, bei einem irren Verbrecher wie Putin weiss man halt nie. Aber natürlich treibt die beiden eine viel näherliegende Frage um: «Bleibt die Schweiz verschont?»
Da weiss Gady, was er seinem Schweizer Publikum schuldig ist: «Das hängt davon ab, wie weit die russischen Pläne reichen. Grundsätzlich unterscheidet sich die Lage der Schweiz nicht von jener Österreichs: Sie ist für Moskau ein strategisches Ziel, weil sie wichtige Infrastrukturen für die Nato und Europa besitzt.»
Natürlich die Einleitung zum Thema, Überraschung, Neutralität. Wäre denn ein Verweis darauf nutzlos? Auch hier weiss Gady, was als Antwort gut kommt: «Aus meiner Sicht schon, ja.» Denn Kleinstaaten könnten sich im 21. Jahrhundert nicht alleine verteidigen. «Das Neutralitätsbekenntnis wäre deshalb kaum glaubwürdig, weder für Russland noch für die Nato.»
Komisch, für Hitler-Deutschland und die Alliierten war’s das im Zweiten Weltkrieg.
Aber im 21. Jahrhundert ist wohl alles anders: «Die Neutralität ist mit dem ersten Schuss hinfällig. Dann darf man sich gemeinsam mit Partnern verteidigen.»
Dann führt Gady noch einen mehr oder minder geordneten Rückzug auf. Denn er wird gefragt, wie wahrscheinlich denn sein Szenario sei: «Niemand weiss, wie der Krieg in der Ukraine enden wird und was danach passiert.» Nun ja, ausser ihm, wäre man vesucht zu sagen.
Aber eben, wie Häsler und viele andere hat er das Problem, dass man halt nicht auf ihn hört. Dabei hätte er jede Menge Ratschläge parat. Österreich und die Schweiz müssten unbedingt «die Luftverteidigung integriert mit der Nato denken, die dazugehörigen Munitionsbestände so schnell wie möglich vergrössern und bei der Ausbildung stärker auf den Kampf der verbundenen Waffen fokussieren».
Weder die Ukraine, noch Putin und erst recht nicht die Schweizer oder österreichische Regierung hören auf ihn. Selber schuld!











