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Ach, 50 zu 50 NZZ

Wissen, worüber man berichtet: könnte nie schaden.

Die Packungsbeilage zuerst: der Autor war mehrere Jahre NZZ-Korrespondent für Kuba mit Wohnsitz in Havanna und besucht die Insel bis heute regelmässig.

Da schmerzt es besonders, wenn NZZ-Redaktorin Catherine Bosleyberichtet seit September 2025 über Geoökonomie für die NZZ. In Deutschland aufgewachsen. Nach dem Studium in den USA und Grossbritannien sammelte sie erste journalistische Erfahrungen bei Reuters in Berlin, Mumbai, London und Zürich») einen gewissen Andy S. Gomez interviewt. Der qualifiziert sich dafür so: «emeritierter Professor an der University of Miami und ein führender Kuba-Kenner. Der 71-Jährige wurde auf der Insel geboren. Gemeinsam mit seinen Eltern wanderte er wenige Tage vor der gescheiterten, von den USA unterstützten Invasion in der Schweinebucht im Jahr 1961 nach Venezuela aus. Später zog er in die USA

Er war jahrelang das Sprachrohr der Castro-Hasser in der exilkubanischen Gemeinde (und Mafia) von Miami. Laut eigenen Angaben will er Kuba das letzte Mal im Jahr 2000 besucht haben. Nun muss man natürlich nicht unbedingt die aktuelle Lage von Land und Leuten aus persönlicher Erfahrung kennen. Aber im Fall von Kuba, der letzten Insel des real existierenden Surrealismus, kann das nicht schaden.

Ist sogar nützlich, weil man dann einsieht, dass man eigentlich Mentalität, Denken und politischen Überzeugungen der Kubaner nur sehr rudimentär versteht – denn sie selbst tun das auch nicht.

Immerhin hält sich Gomez mit blöden Antworten auf blöde Fragen zurück. Zum Beispiel: «Ist ein Aufstand denkbar?» Antwort: «Es ist sehr schwierig, mit Steinen und Stöcken gegen die Regierung zu kämpfen

Aber auch der emeritierte Professor kann sich nicht enthalten, angebliche Interna aus dem Machtgefüge auf der Insel, aus dem noch nie etwas heraustropfte, zu enthüllen: «Nach Fidels Tod stellte Raúl sicher, dass alle Fidelistas aus Machtpositionen entfernt wurden. Die Generäle der alten Garde starben nicht nur altersbedingt weg. Heute besteht der innere Kreis ausschliesslich aus Raulistas. Deshalb ist Kuba sehr anders als Venezuela

Auch sonst enthüllt der Kuba-Kenner nichts Neues: «Die Elektrizitätswerke werden sehr bald ihren Betrieb einstellen. Es gibt einen enormen Mangel an Lebensmitteln, Wohnraum und Medikamenten. Die Bedingungen könnten kaum schlimmer sein.»

Auch die übliche Frage, was denn eigentlich nach dem Tod von Raúl Castro (wird 95) geschehe, umfährt er weise: «Ich kann Ihnen nicht sagen, wer Raúl Castro ersetzen wird. Wenn er morgen stirbt, wird es wahrscheinlich jemand aus dem Militär sein, aber ich könnte Ihnen nicht sagen, wer genau.»

Dazu die üblichen Klagen, dass die Jungen nicht mehr so sind wie die Alten: «Wenn man mit der Generation meiner Töchter und ihrer Ehemänner spricht, dann haben sie keine Ahnung. Absolut keine Ahnung

Originell wird Gomez hingegen, wenn es um den illegalen und völkerrechtswidrigen Militärstützpunkt geht: «Wegen dieser Gefahr geben die USA ihren alten, heruntergekommenen Stützpunkt in Guantánamo nicht auf. Denn ich nehme an, dass wir innerhalb von dreissig Tagen russische Schiffe sehen werden – und dann wird das Problem noch grösser

Interessant. Die USA dürfen also einen angeblich heruntergekommenen Stützpunkt, der die gesamte Bucht vor der Stadt Guantánamo umfasst, behalten und betreiben. Gegen den erklärten Willen der kubanischen Regierung seit 1960. Wenn sie auch nur russische Schiffe anlanden lässt, dann au weia. Was der Professor auch zu erwähnen vergisst: auf diesem Stützpunkt wurden und werden über Jahre hinweg sogenannte «enemy combatants» ohne rechtlichen Beistand oder Prozess unter unmenschlichen Bedingungen in Käfigen gehalten und auch gefoltert (Schönsprech «enhanced interrogativ techniques»).

Aber um diesen Schandfleck zu erwähnen, hätte die Geoökonomin vielleicht minimale Kenntnisse über Kuba haben sollen. Abschliessend nach der üblichen Verbindung Venezuela, Iran, Kuba gefragt, hält sich Gomez auch wieder altersmilde zurück: «Es gab keinen Regimewechsel (in Venezuela, Red.). Aber zumindest gibt es etwas Stabilität. Wir werden sehen, wohin das führt. In Kuba hätte Trump viel leichter handeln können. Doch er hat Kuba übersprungen und ist nach Iran gegangen. Das ist sehr kompliziert. Sehr, sehr kompliziert.»

Wir fassen zusammen: in der höchsten Liga «NZZ Pro» befragt eine kenntnisfreie Journalistin einen vorsichtig herumeiernden, parteiischen, ehemaligen Professor, der nun wirklich keine neuen Erkenntnisse zu bieten hat. Oder soll «sehr, sehr kompliziert» etwa neu sein?

Das ist völlig normal für den aktuellen Elendsjournalismus. Aber für die NZZ doch sehr peinlich.

 

Schiebereien im Wolkenkuckucksheim

Kuba verhandelt mit den USA. Gelegenheit für Unverständnis und Missverständnisse.

Es rauschte durch die Gazetten von «Spiegel» bis hinunter zu Tamedia, bluewin, Watson, nau, SRF oder NZZ. Exemplarisch das Missverständnis im Kommentar von Alex Baur, eigentlich ein Lateinamerika-Kenner, in der «Weltwoche».

Der Anfang vom Ende, «Regime change», wird geraunt und gemutmasst.

Baur behauptet, Trumps «Fokus liegt auf den (legitimen) sicherheitspolitischen und den wirtschaftlichen Interessen der USA. Wer mit ihm kooperiert, kann mit lukrativen Geschäften rechnen – jenen, die sich querstellen, droht die wirtschaftliche Vernichtung. In Kuba und Venezuela zeitigte die Strategie bislang ermutigende Resultate.»

Die USA würgen die kleine Insel mit einem widerrechtlichen Ölembargo, mit der absurden Behauptung, sie unterstütze den Terrorismus und stelle eine Gefahr für die USA dar. Daran ist nichts legitim, das ist brandschwarz illegal, wenn Regeln und Rechte noch etwas gälten.

Und die lukrativen Geschäfte. Nun, die bestehen darin, dass die bislang herrschenden Regimes bereit sind, den Kuchen neu zu verteilen und den USA oder dem Trump-Clan ein grosses Stück davon abzugeben.

Das sind keine guten, sondern ausnehmend schlechte Nachrichten für die Bevölkerung. Seit dem Kidnapping mit Kollateralschaden von Venezuelas Machthaber Nicolás Maduro hat man kein Wort davon gehört, dass es der Bevölkerung besser gehe oder die Millionen von Flüchtlingen ins Land zurückstrebten.

Denn selbst wenn die marode Infrastruktur durch Investitionen repariert wird, dauert das eine gute Weile, und die dann munterer sprudelnden Öleinnahmen werden sicherlich nicht in erster Linie der Notleidenden Bevölkerung zugute kommen.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich in Kuba niemand ausmachen lässt, der den Verräterpart von Delcy Rodríguez einnehmen könnte. Den amtierenden Präsidenten Díaz Canel abzusägen, würde wenig bringen. Die Lücke, die er hinterliesse, würde ihn vollständig ausfüllen.

Aber wie in Venezuela der Staatskonzern PDVSA das ökonomische Machtzentrum ist, gibt es in Kuba den militärisch-industriellen Komplex GAESA, der fast monopolartig das Wirtschaftsleben beherrscht. Import/Export, Tourismus, Banken, Transport, die wenigen noch funktionierenden Fabriken, Dienstleistungen aller Art, das ist die Krake, die überall ihre Tentakel hat. Wer sie beherrscht, beherrscht Kuba.

Bislang ist das der Clan um Raúl Castro, der immer noch lebende Bruder des grossen Fidel. Der ruht inzwischen seit fast zehn Jahren unter einem riesigen Stein in Santiago de Cuba. Wohl deswegen, damit er nicht aus dem Grab steigt und die Schweinerei beseitigt, die sein Bruder seit seinem Tod angestellt hat.

Denn dieses Ausmass von Vetternwirtschaft, Korruption und ungehemmter offener Bereicherung, das gab es zuvor nicht. In den besseren Zeiten wechselte das damalige Politbüromitglied Carlos Lage, immerhin zuständig für die Wirtschaft, dann mal vom Velo auf einen Lada. Und eine Rationierungskarte musste kein Mitglied der cupola, der obersten Führungsschicht, benützen. Aber ansonsten wurde peinlich darauf geachtet, dass keine Funktionärsprivilegien offen sichtbar waren.

Bemerkenswert ist allerdings, dass Raúl Castro offenbar über alle Amtswege hinweg Familienmitglieder zu Verhandlungen mit dem US-Aussenminister Marco Rubio (Exilkubaner in zweiter Generation) geschickt hat.

Dass es wohl einer Mehrheit der Kubaner inzwischen egal ist, ob die Exilkubaner zurückkommen, die Yanquis wieder die Macht übernehmen und die Spielcasinos wieder in Betrieb gesetzt werden, ist das eine. Das läuft unter: alles lieber als ein weiter so.

Dass die Tausenden von kleinen und grossen Profiteuren des Regimes, zumeist Militärs, einfach kampflos auf ihre Pfründe verzichten würden und nicht wenigstens probieren, den vorhandenen Widerwillen der Kubaner gegen die imperialistische Grossmacht im Norden zu mobilisieren, ist sehr wahrscheinlich und das andere.

Ein Verräter zuoberst ist nicht in Sicht. Bombardieren oder punktuell mit Bodentruppen intervenieren, das ist wohl ausgeschlossen. Und viel mehr hat Amok Trump ja auch nicht zu bieten.

Da es andererseits wirklich nicht mehr so weitergehen kann, ewige Stromausfälle, Nahrungsmittelknappheit, Zusammenbruch der Infrastruktur, Schulen, Krankenhäuser, Müllabfuhr, ist eine Tatsache. Wo die Reise hingehen wird, ist absolut unvorhersehbar.

Morsches und Mürbes bricht manchmal plötzlich zusammen, wie man bei der DDR gesehen hat. Aber ob das auf der letzten Insel des real existierenden Surrealismus auch geschehen wird?

Der Grenzgänger

Daniel Ryser hat mal wieder den Arbeitgeber gewechselt.

Der Mann ist flexibler als ein Gummibärchen. Von der WoZ wechselte er zur «Republik», beschimpfte dort in einer selten schlampig recherchierten Serie («Die Infokrieger») alle Kräfte des Bösen wie «Weltwoche» und Co. und insbesondere deren Chefredaktor Roger Köppel.

Dann gab’s bei der «Republik» einen kantigen Abgang. Die «Republik» setzte ihn in bewährter Manier in den Sand und musste ihm ein hübsches Sümmchen zahlen. Aber man hat’s ja.

Dann tauchte Ryser zur allgemeinen Überraschung an der Seite von Darth Vader auf und schrieb fleissig für die WeWo. Rings und lechts, was soll’s, man muss ja von was leben.

Und nun die nächste Häutung, Ryser hat beim «Infosperber» angeheuert. Redaktionsleiter Hannes Britschgis Alterswerk. Ob der Abschied von der WeWo friedlich oder nicht erfolgte, ist nicht bekannt.

Auf jeden Fall eine Gelegenheit für ZACKBUM, sich das Organ, von Urs P. Gasche gegründet, mal genauer anzuschauen. Redaktor René Zeyer war ein Weilchen beim gleichzeitig entstandenen «Journal21» unterwegs, bis er dort die tiefer gelegte Toleranzschwelle übertrat. Unvergesslich, als er sich das letzte Mal in eine Redaktions-Telco einwählte, sich höflich vorstellte, eisiges Schweigen, dann rappelte sich Heiner Hug auf: «Wir wollen hier aber über Dich sprechen, ohne Dich.» So hört sich gelebte Pluralität an.

Das war aufs falsche Pferd gesetzt. «Journal21» riecht immer mehr nach Altherrenschweiss plus leichte Inkontinenz. «Infosperber» hingegen mausert sich trotz bescheuertem Namen immer mehr zu einer lesenswerte Alternativquelle.

«Iran-Krieg: Die Uno und die EU sind die grossen Verlierer», eine Analyse, in der mehr Gehirnschmalz steckt als im ganzen Geseire von Tamedia und NZZ. Ryser richtet in einem grossen Artikel den Amok und Berufs-Provokateur Nicolas A. Rimoldi hin, der mal wieder vor Gericht stand und wegen eines alle Grenzen des guten Geschmacks überschreitenden Blöd-Spruchs verurteilt wurde.

Helmut Scheben geht kenntnisreich der Geschichte der Zensur nach, «Man muss die Verletzung des Völkerrechts klar benennen», sagt Professor Oliver Diggelmann von der Uni Zürich zum Angriffskrieg gegen den Iran. Christoph Schütz macht den Presserat darauf aufmerksam, dass er einmal mehr viel zu spät urteilt und dabei erst noch seine eigenen Richtlinien über Bord wirft.

Gut, es kommentiert auch Werner Vontobel, und eine Kampffeministin macht sich mit einer Brandrede gegen die Bezeichnung «minderjährige Frau» lächerlich. Aber das sind Kollateralschäden.

Dafür haben wir Rudolf Strahm, auch Gasche publiziert weiterhin fleissig und kampfeslustig. Dazu werden auch immer wieder Artikel von Lukas Hässig auf seinem «Inside Paradeplatz» übernommen.

Und neben seinem Stück über Rimoldi hat Ryser bereits wie meist fleissig in die Tasten gegriffen, «Störsender ohne Störung», ein interessanter Kommentar zur SRG-Initiative, bei dem man nicht weiss, ob der Mann nun dafür oder dagegen ist oder nur seine eigene journalistische Zickzacklinie aufarbeiten möchte. Plus natürlich Trump-Bashing, was in der WeWo nicht so genehm war.

Also alles in allem Buntes und Munteres. Stiftungs- und spendenfinanziert, mit dem Slogan: «Infosperber sieht, was andere übersehen».

Manchmal entstehen auch hier Artikel am Schreibtisch, die vor Ideologie triefen und die Wirklichkeit als störendes Element betrachten. So behauptet eine Martina Frei über Kuba: «Kranke und Verunfallte können nicht mehr versorgt werden, weil es an allem fehlt. Schuld ist die Sanktionspolitik der USA.» Erstens waren und sind die USA der drittgrösste Aussenhandelspartner Kubas, was sich schlecht als Sanktionspolitik verkaufen lässt. Zweitens: Schon seit Langem sind Lebensmittel und medizinische Artikel von allen Restriktionen ausgenommen. Nur hat Kuba nicht das Geld, um alles Nötige zu kaufen. Drittens gibt es nun tatsächlich zum ersten Mal ein vollständiges Ölembargo, was natürlich völkerrechtswidrig ist. Und viertens ist die Autoblockade durch ein völlig verfehltes Wirtschaftssystem die Hauptursache für die Malaise. Eine karibisch-fruchtbare Insel, die über 90 Prozent der Lebensmittel importieren muss, das ist ein hausgemachtes Desaster.

Aber man kann halt nicht alles über alles wissen, auch nicht beim «Infosperber». Der dennoch eine interessante Nahrungsergänzung ist.

Wie viel Verlogenheit verträgt der Mensch?

Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht dasselbe.

Selten war dieser Satz wahrer als heute. Da überfällt der russische Präsident Putin die Ukraine und versucht, ihre Regierung mit einem Enthauptungsschlag zu entfernen. Das Land müsse entnazifiziert werden, die Anhänger des Kriegsverbrechers und Antisemiten Stepan Bandera, der im Westen der Ukraine bis heute mit Denkmälern geehrt wird, müssten in die Schranken gewiesen werden.

Das geschah unter dem Bruch verbindlicher Zusagen, gegen die Rückgabe sowjetischer Atomwaffen, die in der Ukraine stationiert waren, die territoriale Integrität des Landes zu garantieren. Die auf einige Tage geplante militärische Spezialoperation geht ins fünfte Kriegsjahr, ausser vielen Toten und etwas Geländegewinn hat Putin nichts erreicht.

Durch ganze acht Staaten, wenn man die EU als Ganzes nimmt, wurden Sanktionen verhängt, von den übrigen 187 nicht. Insgesamt wurden bislang rund 400 Milliarden Euro als Unterstützung an die Ukraine bezahlt. In westeuropäischen und angelsächsischen Medien wird Russland regelmässig als Staat bezeichnet, der Kriegsverbrechen begeht und sich zum Paria in internationalen Beziehungen gemacht hat.

Israel hat den Gazastreifen in eine Trümmerlandschaft verwandelt, mindestens 70’000 Menschen (zum grössten Teil Zivilisten) dabei umgebracht, unzählige Kriegsverbrechen begangen und als besonders widerliches Detail gezielt Journalisten getötet und untersagt bis heute jegliche unabhängige Berichterstattung aus dem Gazastreifen.

Israel verübt völkerrechtswidrige Bombardements in Jordanien, Syrien und im Libanon.

Die USA und Israel haben gezielt militärische und zivile Führungskräfte von Ländern liquidiert, die ihnen feindlich gesinnt sind.

Am 28. Februar, während noch Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA liefen, haben Israel und die USA ohne vorherige Kriegserklärung den Iran angegriffen. Mit Enthauptungsschlägen ist es ihnen gelungen, den obersten Führer und einige Mitglieder der obersten Landesführung zu töten. Offenbar gab es dabei auch Kollateralschaden wie die Bombardierung einer Mädchenschule, bei der nach iranischen Angaben über 100 Menschen getötet wurden.

Gegen Kuba haben die USA ein totales Ölembargo verhängt, unterbinden jegliche Lieferung auf die Insel und üben massiven Druck auf alle Länder wie Mexiko aus, die anfänglich erklärten, als souveräner Staat weiterhin diesen Rohstoff nach Kuba liefern zu wollen. Dadurch versinkt die letzte Insel des real existierenden Sozialismus im Chaos, brechen immer mehr grundlegende Dienstleistungen zusammen, zeichnet sich eine Hungersnot ab.

Wenn man die Berichterstattung alleine schon in deutschsprachigen Medien über all diese Ereignisse Revue passieren lässt und die Beurteilung der Invasion Russlands und der Invasionen der USA und Israels miteinander vergleicht, muss man, ohne für irgend eine Seite Partei zu ergreifen, eine unglaubliche Verlogenheit, Verluderung aller journalistischen Sitten und Gebräuche feststellen.

Auf der einen Seite scharfe Kritik, auf der anderen Seite Verständnis und Erklärungen. Alles, was Russland als Verteidigung seiner Handlungen anführt, wird in der Luft zerrissen. Alles, was Israel und die USA als Begründungen anführen, wird wohlwollend berichtet.

Gelegentliche, verschämte Hinweise darauf, dass es sich hier ebenfalls um den ständigen Bruch des Völkerrechts und um eine Abfolge von Kriegsverbrechen handelt, werden damit wegerklärt, dass im Kampf gegen das Böse doch eigentlich alles erlaubt sei.

Obwohl der Irak (oder Afghanistan) ein abschreckendes Beispiel ist, was mit einem Land passiert, das von den USA von seinem Diktator «befreit» wird, wird gegenüber dem Iran wieder behauptet, dass dieser Krieg doch eine gute Chance böte, die Schreckensherrschaft der Mullahs zu beenden und den Iran in eine demokratisch-freiheitliche Zukunft zu führen.

In den entsprechenden Echokammern und Gesinnungsblasen erzählen verantwortungslose Journalisten ihrem indoktrinierten Publikum diesen Unsinn und kritisieren gleichzeitig, wie die gelenkten Staatsmedien in Russland und anderswo die Wirklichkeit verzerrten.

Wie viel Verlogenheit verträgt der Mensch? Offensichtlich beliebig grosse Portionen.

So sieht ein Versager aus

Kubas Präsident wirft sich in eine Fantasie-Uniform und fantasiert.

Kaum Essen, kaum Wasser, kein Strom, kein Transport, kaum Treibstoff. Schulen geschlossen, eigentlich alles geschlossen. Müllberge auf den Strassen. Schockierte Touristen, die in Hotels ohne Strom oder Lift ihre Koffer vom Zimmer runterschleppen und am stromlosen Flughafen José Martí stranden.

Aber Präsident Miguel Díaz-Canel weiss wenigstens, was daran schuld ist: die Handelsblockade der USA. Das wird auch von Kuba-Nostalgikern überall auf der Welt nachgeplappert. Sie existiert tatsächlich noch, ist aber löchriger als ein Schweizer Käse. Im Hafen von Havanna werden fleissig Reissäcke umgeschüttet. Denn wenn die Originalverpackung in die Läden käme, stünde darauf «Made in USA». Lebensmittel, wie so vieles andere, ist längst vom Handelsembargo ausgenommen.

Zudem steht es Kuba frei, überall auf der Welt jedes beliebige Produkt zu kaufen. Länder wie China, Russland oder Venezuela kümmern sich einen feuchten Dreck um amerikanische Embargos oder Drohungen. Bloss: wer Kuba kennt, verlangt Vorauskasse. Und da ist Ebbe.

Landwirtschaft und Nahrungsmittelversorgung ist ein ideales Beispiel, um das hausgemachte Versagen zu illustrieren. Bis 1959 war Kuba Nettoexporteur von so ziemlich allem, nicht nur Zucker. 65 Jahre Revolution haben dafür gesorgt, dass Kuba seit Jahren über 80 Prozent aller Lebensmittel importieren muss, ein Grossteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche vom Dornengestrüpp Marabú überwachsen ist.

Dass der Strom in uralten sowjetischen Ölkraftwerken erzeugt wird, alle vor 1989 hergestellt und seither verlottert, ist auch kein Ergebnis der Handelsblockade, sondern eigener Unfähigkeit. Kuba wäre wie kein anderer Ort prädestiniert für Solar-, Wind- und Gezeitenenergie. Aber seit der gefährliche Versuch, einen Tschernobyl-Reaktor in der Nähe von Cienfuegos in Betrieb zu nehmen, glücklichweise durch den Zusammenbruch des sozialistischen Lagers gestoppt wurde, hat das unfähige Regime nichts unternommen, die prekäre Energieversorgung zu verbessern.

Schlimmer noch: 2015 posaunte das Regime heraus, dass Russland einen Kredit von 1,2 Milliarden Euro gewähre, um ein neues thermoelektrisches Kraftwerk zu bauen und dringend nötige Reparaturen an der verlotterten Infrastruktur der Stromerzeugung und -verteilung vorzunehmen. Im September 2022 räumte Kuba ein, dass der Kredit nicht gesprochen werden konnte, weil das Regime nicht in der Lage war, wie vereinbart seinen Teil von 120 Millionen Euro aufzubringen.

Zwischen 2006 und 2019 lieh Russland insgesamt 2,3 Milliarden US-Dollar zur Finanzierung von Projekten in den Bereichen Energie, Metallurgie und Transport. Rausgeschmissenes Geld; seit 2020 kann Kuba vereinbarte Rückzahlungen nicht mehr leisten; das russische Parlament stundete die Kredite bis 2027. Statt sie auf null abzuschreiben, was bei diesen Versagern das einzig Vernünftige wäre.

Selbstverständlich verfügen die Mitglieder der Cupola, der Kuppel aus höchsten Würdenträgern in Partei und Militär, über eigene Stromgeneratoren und tagen in wohlklimatisierten Sitzungsräumen. Sie leiden auch offenkundig nicht unter Nahrungsmittelknappheit, so fett wie die meisten sind. Was im heutigen Kuba obszön ist.

Die leidgeprüften Kubaner können mit stundenlangen Stromabschaltungen einigermassen umgehen. Aber nach drei Tagen ist Ende Gelände für Lebensmittel im Kühlschrank. Wie im Mittelalter werden auf den Strassen Havannas grosse Bottiche auf Steinblöcke gestellt und ein Holzfeuer drunter entzündet. Reingeschmissen wird alles noch vorhandene Essbare, damit es wenigstens nicht verdirbt.

Kubanischer Kochherd, Modell 2024.

Alle Aktivitäten sind bis Mittwoch suspendiert. In den Fabriken  macht das nichts, sie sind sowieso weitgehend paralysiert. Aber selbst die US-Botschaft hat ihre Dienste eingestellt, vielleicht geht auch dort den Stromgeneratoren langsam der Saft aus.

Immer wieder scheitern Versuche, eine der maroden Stromerzeuger wieder anzuwerfen. Kurz flackert das Licht, dann ist wieder duster. Ein Symbol für den Zustand der Revolution. Und dann auch noch Hurrikan Oscar, der den Süden der Insel getroffen hat.

Die Parteizeitung «Granma» existiert nur noch im Internet und verbreitet düsteren Optimismus:

Wer noch Saft hat, um sie anzuschauen, sieht Nachrichten aus einem Paralleluniversum. «Kuba durchlebt eine aussergewöhnliche Situation», beschönigt die Schlagzeile. Daneben: «Maximaler Alarm vor dem Ansturm von Oscar», «Hurrikan Oscar: Vorausschau, Solidarität und Einigkeit vor jeglicher Eventualität», «Der Mangel an Treibstoff ist die Hauptursache für die Beeinträchtigung des nationalen Stromnetzes.»

Ist das so, handelt es sich um ein weiteres schockierendes Versagen des Regimes, denn den Pegel der Kraftstoffreserve zu messen, das schafft selbst ein kommunistischer Parteifunktionär. Aber bis zum Zusammenbruch des gesamten Stromnetzes wurden kaum Massnahmen ergriffen.

Und drunter auf der Front von «Granma» sitzt der Hauptverantwortliche in seiner Fantasieuniform, mit der er sich ein wenig Castro-Look verschaffen will, schaut streng und behauptet: «Unser Land wird alle Eventualitäten überwinden». Und was auch nie fehlen darf: «Von der internationalen Gemeinschaft gibt es Rückendeckung für Kuba». Der Aussenminister verdankt «die Unterstützung von Venezuela, Mexiko, Kolumbien, Russland und Barbados». Worin die allerdings besteht, ausser aus netten Worten, sagt er nicht. Und natürlich verurteile laut «Granma» die ganze Welt die grausame US-Handelsblockade.

Wirklich grausam ist aber die schreiende Unfähigkeit des Regimes, die fundamentalsten Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen. Strom, Wasser, Nahrung, medizinische Versorgung, Ausbildung, Transport, Müllabfuhr. Alles ist beeinträchtigt oder funktioniert nicht. Menschen, die auf Operationen oder gekühlte Medikamente angewiesen sind, sterben.

Die zweite Haupteinnahmequelle Kubas, neben den Überweisungen von Exilkubanern in Milliardenhöhe, ist der Tourismus. Bis heute hat er sich nicht von der Pandemie ganz erholt. Und da auch die meisten Touristenhotels nicht darauf eingerichtet sind, einen tagelangen Stromausfall zu überbrücken, wird das der Tourismusindustrie einen weiteren, tödlichen Schlag versetzen. Denn der Pauschaltourist ist schreckhaft und verwöhnt. Schwitzt er in seinem dunklen Hotelzimmer und sieht die Nahrungsmittelvorräte schwinden, gerät er in Panik. Die noch verstärkt wird, wenn er am zappendusteren Flughafen ankommt.

Aber der Tourist kommt wenigstens früher oder später wieder weg von der Insel. Das möchten immer mehr Kubaner auch, denn hier gibt es keine Hoffnung, keine Zukunft, keine Aussicht auf Besserung. Schon eine Million Kubaner sind in den letzten drei Jahren abgehauen. Im Überfluss gibt es nur ausgeleierte revolutionäre Durchhalteparolen, die ewige Entschuldigung «Handelsblockade» und völlige Hirnfinsternis, wie das Regime aus dieser Katastrophe herausfinden will.

Inzwischen herrscht reiner Zynismus. So fordert der Direktor der Unión Eléctrica de Cuba (UNE), der staatlichen Energieunion, die Bevölkerung auf, sich doch mit Solarpanels auszurüsten. Obwohl die kaum erhältlich sind auf der Insel, und wenn, dann zu Preisen, die für normale Kubaner völlig ausserhalb des Möglichen liegen.

Indem die korrupte Oberschicht mit ihrer Jeunesse dorée ihren Reichtum immer ungenierter zur Schau stellt, hat sie jeden Anspruch auf Vertrauen und moralische Führerschaft verloren. Die weitverzweigte Familie von Raúl Castro, dem noch lebenden Bruder von Fidel, ist exemplarisch, welche Abgründe Selbstbereicherung und Korruption erreicht hat. So bot eine Tochter Raúls eine auf Staatskosten renovierte Villa mit Pool, Bediensteten und Koch ungeniert auf Airbnb an – für 1000 Dollar am Tag, die sie selbst einsteckt.

¿Hasta donde?, bis wohin noch, ist ein Lieblingsspruch der Kubaner. Bis zum bitteren Ende, ist die Antwort des Regimes. Wie das allerdings aussehen wird, das steht in den Sternen.

Wenn es Nacht wird in Kuba

So sah es am Samstagmorgen vor Sonnenaufgang in Kuba aus.

Das kubanische Regime wankt von Bankrotterklärung zu Bankrotterklärung. Mitten in das dumme Gequatsche hinein, dass man intensiv an Lösungen für die Stromkrise arbeite, brach am Freitagvormittag die Stromversorgung zusammen. Total und überall. Das gab’s noch nie; einzig nach einem Hurrikan wurde einmal bewusst die Stromversorgung unterbrochen.

Apagones, Stromausfälle, erschweren den Kubanern schon lange und in zunehmender Frequenz das Leben. Ohne Ventilator lässt es sich in der Karibik schlecht schlafen, der Inhalt des Kühlschranks wird lebendig, die Ausschläge bei Stromausfällen und wenn der Saft wiederkommt, machen elektrische Geräte kaputt.

Nach einer dunklen Nacht ging am Samstag das revolutionäre Gequatsche weiter. Man arbeite mit höchster Priorität an der Lösung des Problems, behauptete der farblose Präsident Kubas Miguel Díaz-Canel. Und Schritt für Schritt werde man die Versorgung wieder hochfahren, laberte der Ministerpräsident. Resultat: nach etwas Geflacker gingen am Samstag wieder überall die Lichter aus.

Havanna vor und nach dem zweiten Lichterlöschen.

Aber das ist nicht alles. Die Lebensmittelversorgung – teilweise zusammengebrochen. Die Wasserversorgung – teilweise zusammengebrochen. Die Schulen – geschlossen. Die wenigen Fabriken – paralysiert. Die medizinische Versorgung – teilweise zusammengebrochen. Der öffentliche Verkehr – weitgehend zusammengebrochen. Die Infrastruktur – verlottert. Produktion, Wertschöpfung – kaum noch existent.

Überreichlich gibt es nur revolutionäres Strohdreschen. Die ewige und unsterbliche Behauptung, die US-Handelsblockade sei an allem schuld. Dabei kann Kuba überall auf der Welt, sogar mit Einschränkungen in den USA, alles kaufen, was es will. Bloss: es hat kein Geld mehr dafür.

Acht Jahre nach Fidel Castros Tod hat das Regime abgewirtschaftet, seine Glaubwürdigkeit völlig verloren. Dem Präsidenten und den meisten Mitgliedern der Führungsriege des Regimes quillt der Bauch über den Hosenbund – während die Bevölkerung mindestens unter Mangelernährung leidet.

Noch schlimmer, als einem korrupten und unfähigen Regime in der Agonie zuzuschauen, ist die völlige Perspektivlosigkeit. Seit der letzte Sugar Daddy Venezuela selbst in gröbsten Problemen steckt, gibt es niemanden, der die schreiende Inkompetenz der allein herrschenden kommunistischen Partei, gestützt aufs Militär, mit milden Gaben überdecken kann.

Am schlimmsten aber ist die völlige Perspektivlosigkeit. Dass es mal besser werde, das glaubt nicht einmal der beinharte Revolutionär, und wie viele es von denen noch gibt, keiner weiss es. Klar ist aber die Reaktion der Bevölkerung. Wer nicht zu alt, zu deprimiert oder zu passiv ist, will nur noch eins: nix wie weg.

In den letzten drei Jahren hat die Bevölkerung der letzten Insel des real existierenden Surrealismus um eine ganze Million Menschen abgenommen und ist auf rund 10 Millionen geschrumpft. Da sonst fast nichts mehr, aber der Repressionsapparat noch leidlich gut funktioniert, zudem Kuba eine Insel ist, kann kaum mit Aufständen gerechnet werden. Und wie beim letzten Versuch 2021 werden Manifestationen sofort unterbunden, Teilnehmer zu drakonischen Strafen von zehn Jahren und mehr verurteilt.

Was für ein trauriges Siechtum einer Revolution, die so begeisternd begann, von einem übergrossen und charismatischen Führer lange Jahre beherrscht wurde. Aber niemals schafften er und seine Genossen, so etwas Banales wie die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung einer fruchtbaren karibischen Insel zu garantieren. Kuba muss, eigentlich unvorstellbar, über 80 Prozent der Lebensmittel importieren. Solange es dafür noch Geld hat.

Keiner hat die geringste Ahnung, wie das weitergehen soll und wo’s endet. Klar ist inzwischen nur: der Letzte muss nicht mal mehr das Licht ausmachen.

Das berühmte Hotel Habana libre, fast frei von Strom.

Gegendarstellungsfreie Insel

Hau doch nochmal Kuba in die Pfanne.

Martina Scherf ist laut Autorenseite «seit 1993 Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, berichtete über das Münchner Kulturleben, die bayerische Hochschullandschaft und seit 2015 als Teil des Leute-Teams über Menschen in München, die etwas zu sagen haben».

Nun ist Scherf dem Winterwetter in München entronnen, wo dank ein wenig Schnee und Bahnstreik sowieso nicht viel läuft. Da hilft dermassen qualifiziert ein Ausflug auf die letzte Insel des Sozialismus ungemein. Das hat einige Vorteile. Das Wetter ist dort viel angenehmer. Das Leben als Tourist auch. Dann hat Havanna bis heute diesen morbiden Charme des ständigen Zerfalls. Natürlich geht es den Kubanern schlecht. Also wirklich schlecht, Noch schlechter als schlecht.

Das ist allerdings das Problem jeder Berichterstattung über Kuba von durchreisenden und uniformierten Journalisten. Sie reden mit ein paar Kubanern, die ihnen etwas vorjammern, in der Hoffnung, dafür eine milde Gabe zu bekommen. Sie schauen sich etwas um, ohne das Geringste zu verstehen.

«In Havanna wird nur hinter vorgehaltener Hand über die vollen Gefängnisse geredet. «Die einen sitzen im Knast, die anderen hauen ab», sagt Sánchez bitter. An diesem Abend wird er mit seinem alten Moskwitsch seinen Cousin zum Flughafen fahren. Visafrei nach Nicaragua, dann mit dem Flüchtlingstreck gen Norden. Das ist für viele inzwischen der letzte Ausweg

Dass es in Kuba offiziell keinen einzigen politischen Gefangenen gibt, für karibische oder lateinamerikanische Verhältnisse verschwindend wenige, dass in Kuba auch Dissidenten einen Gefängnisaufenthalt überleben, es niemals Todesschwadrone gab wie in fast allen umliegenden Ländern, dass viele Kubaner zwar abhauen, aber die meisten als gut ausgebildete Fachkräfte, Ärzte, Ingenieure oder Architekten, das wäre dann die andere Seite. Aber die wichtigste Informationsquelle für Schwachstrom-Reporter ist immer noch der von ihnen angemietete Taxifahrer, der natürlich den ganz grossen Überblick hat.

Es werden in Havanna tatsächlich absurd monströse Hotels gebaut, dabei wäre das Baumaterial anderswo viel dringender nötig. Aber warum? Um das zu verstehen, müsste man ein Fitzelchen der jüngeren kubanischen Geschichte verstehen, die gegenseitige Annäherung während der Präsidentschaft Obamas, wo sogar wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen wurden und Kuba auf eine Riesenwelle von US-Touristen hoffte – und begann, dafür Hotelkapazitäten zu erweitern. Die Welle blieb aus, denn nach Obama kam Trump.

Alle kleinen und grösseren Absurditäten des Alltags, die Scherf oberflächlich beschreibt, finden tatsächlich statt. Viel schwieriger wäre es allerdings, zu erklären zu versuchen, wieso sich das kubanische Regime entgegen allen Unkenrufen seit dem dem Tod Fidel Castros noch an der Macht halten kann. Viel mehr Zeit bräuchte man, um die Ausformungen der Überlebensstrategien zu verstehen, in die sich alle Kubaner geflüchtet haben.

Aber stattdessen «wer nicht im Knast landet, haut ab». Was die anderen 11 Millionen Kubaner so machen, das bleibt für Scherf (und den Leser) ein Buch mit sieben Siegeln.

Da sie sicherlich als Touristin einreiste, blieb ihr zudem jeder Kontakt mit offiziellen Stellen verwehrt, dazu hätte sie eine Akkreditierung gebraucht. Aber das Schönste für sie, abgesehen von Land, Leuten, Sonne, Strand und Mojito, ist natürlich: Kuba ist völlig gegendarstellungsfrei. Also reichen der Taxifahrer Pedro Sánchez, eine Strassenszene, ein paar hingeworfene Beschreibungen der wirtschaftlichen Lage und eine hingeknödelte Schlusspointe aus, um zu offenbaren, dass die Autorin eigentlich nichts von Kuba verstanden hat. Das kann passieren. Aber schlimmer ist: sie hat sich auch überhaupt nicht bemüht, etwas zu verstehen.

Sie berichtet nach der bescheuerten Devise: es gibt nichts Besseres, als sich seine Vorurteile zu bestätigen, indem man alles ausblendet, was ihnen nicht entspricht. Und das ist in Kuba, einer Welt für sich, so vieles, was eigentlich eine Reportage spannend machen würde. Aber wie Kunst von können kommt, ist es einer People-Journalistin, die sich normalerweise um die Münchner Schickeria kümmert, nicht gegeben, eine ferne Insel verstehen zu wollen.

Qualitätskontrolle, aber das sagten wir wohl schon …

Credit Suisse: schöntrinken?

Wie man bänglich auf Banglisch kommuniziert.

Es ist eine allgemeine Unsitte geworden, schlechte Nachrichten so aufzuhübschen, dass am Schluss das Wording, die Kommunikation des Absenders kaum noch etwas mit der Realität zu tun hat.

Dabei sind so wunderliche Ausdrücke wie «negatives Wachstum» für Rückgang entstanden. Ganze Horden von Sprachschnitzern sind damit beschäftigt, aus betrüblichen, peinlichen, schlechten und schlimmen Nachrichten etwas zu basteln, das den Verantwortlichen für ein Desaster oder Schlamassel wie Öl runtergeht.

Beim Publikum hingegen unverständiges Kopfschütteln auslöst. Insbesondere Finanzhäuser sind berühmt-berüchtigt dafür, sich das Orchester auf der Titanic als Vorbild zu nehmen. Das spielte bekanntlich beruhigende Weisen, bis der Dampfer in die Tiefe rauschte.

Bei der Credit Suisse ist, gelinde formuliert, Feuer im Dach und Wasser im Maschinenraum. Dieser Zustand scheint aber in der Bonusetage und auf der Kommandobrücke nicht wirklich angekommen zu sein. Oder vielleicht schon. Das ist zumindest für die Aktionäre und Stakeholder der CS zu wünschen. Denn wenn dort alle rosarote Brillen tragen würden, wäre das fatal.

Allerdings lässt die CS keine Gelegenheit aus, in ihrer Kommunikation einen Spalt zwischen Wordings und Wirklichkeit aufklaffen zu lassen, den früher höchstens Triumphmeldungen sozialistischer Parteimedien hinkriegten.

Nehmen wir zum Vergleich einen der letzten Überlebenden dieser unsäglichen Tradition, das Zentralorgan der Kommunistische Partei Kubas:

Das ist die Frontseite der einzigen legalen Tageszeitung auf der letzten Insel des Sozialismus. «Das Epos der Granma, oder das Bollwerk der nationalen Verteidigung», bollert der Titel über der Fotomontage, die an längst vergangene Heldentaten erinnert. Rechts davon behauptet der Präsident Kubas, 2023 müsse ein «besseres Jahr» werden. Darunter wird die «Stärke der Verbindungen zwischen Russland und Kuba demonstriert», und schliesslich wird der «Wiederaufbau von Behausungen als wichtigste Herausforderung» nach einem längst vergangenen Wirbelsturm erklärt.

Für die Kubaner ist zu hoffen, dass 2023 besser wird. Denn dieses zu Ende gehende Jahr zeigte schmerzlich, dass die korrupte und unfähige Führungsclique auch nach 64 Jahren an der Macht nicht in der Lage ist, fundamentale Bedürfnisse wie Strom- und Wasserversorgung zu befriedigen, die Bereitstellung von genügend Lebensmitteln, die Erhaltung der Infrastruktur, medizinische und schulische Versorgung sicherzustellen.

Die Kummer gewohnten Kubaner leiden wie kaum zuvor; selbst der período especial, euphemistische Umschreibung für die schwere Wirtschaftskrise nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, hat die Bevölkerung nicht so schwer getroffen wie alle Mängel im Jahr 2022.

Daher regen sich die meisten Kubaner nicht einmal mehr über die Schönfärbereien in diesem Blatt auf.

Etwas anders sieht es allerdings bei der CS aus, denn die hat nicht die Lufthoheit über die Interpretation ihres Zustands.Die Selbstschau könnte das allerdings problemlos in einer Banken-«Granma» erscheinen.

Während der Aktienkurs unterhalb jeglicher Peinlichkeitsschwelle auch noch die Limite von 3 Franken nach unten durchschlagen hat, die geplante Kapitalerhöhung zumindest gefährdet ist, rote Zahlen die Quartalsergebnisse begleiten, ist ein besorgniserregender Abfluss von Kundengeldern im Gange.

Im Paralleluniversum der CS-Kommunikation ist dagegen von einer «Stabilisierung» der Kundenabflüsse die Rede, was immer das bedeuten mag. Dazu behauptet der Schweiz-Chef André Helfenstein in Wohlfühlen-Interviews, dass «nur sehr wenige Kunden ihre Konten wirklich geschlossen» hätten. Also nur unwirklich? Sein Präsident Axel Lehmann geht sogar noch einen Schritt weiter und fantasiert in der «Financial Times» davon, dass sich die Abflüsse inzwischen schon wieder «umgekehrt» hätten, sie seien sowieso nur durch ein Stürmchen in den Social Media verursacht worden.

Realität ist: alleine im Wealth Management hat die CS in sechs Wochen über 63 Milliarden Franken Kundenvermögen verloren, ein Aderlass von 10 Prozent. Auf Konzernebene sind es gar 84 Milliarden. Laut den jüngsten erhältlichen Zahlen; aktuelle Auskünfte will die Bank nicht erteilen.

Lehmann spricht auch von einer «fantastic Franchise», was immer das bedeuten mag. Insbesondere, nachdem eine Gewinnwarnung vom Donnerstag klares Indiz dafür ist, dass das Wealth Management auch im vierten Quartal rote Zahlen schreiben wird.

Während der Schönsprech der Bank fabuliert, dass es wenn schon vielleicht ein paar kleine Probleme im Investmentbanking geben könnte, zeigt sich hier, dass diese paar kleinen Probleme längst auch auf andere Abteilungen übergegriffen haben.

Mindestens so abgehoben war die Kommunikation über eine Kapitalerhöhung. Als der normalerweise stockseriöse Nachrichtendienst Reuters von einer kommenden Kapitalaufnahme berichtet hatte, dementierte das die CS via einen grossen Artikel in der «NZZ am Sonntag». Das Blatt muss sich nun in den Hintern beissen, denn nur drei Wochen später kündigte die CS eine Kapitalerhöhung um 4 Milliarden an.

Damit nicht genug, auch hier harzt es. Ein grosser Batzen davon ist von arabischen Scheichs garantiert, aber einen weiteren Teil will die CS beim Publikum und bei bestehenden Aktionären aufnehmen. Dafür bietet sie Bezugsrechte bei einem Kurs von Fr. 2.52 an. Wäre doch eigentlich was. Aber der Kurs der Aktie fällt von Tiefststand zu Tiefststand, wodurch sich die Nachfrage nach solchen Bezugsrechten, die bei Nichtgebrauch verkauft werden können, in überschaubaren Grenzen hält.

Das wiederum bedeutet, dass immer mehr potenzielle Käufer daran zweifeln, oben der Kurs der Aktie zukünftig über 2.52 bleiben wird.

Die Bank hat also auf ihre Art ähnliche Probleme wie das kubanische Regime. Die objektive Lage ist bedrohlich, beunruhigend und unbefriedigend. Normalerweise führt das im Sozialismus dazu, dass die triste Wirklichkeit bunt angemalt und als fantastisch beschrieben wird, wobei es zugegebenermassen vielleicht noch ein bisschen besser werden könnte.

Normalerweise führt das im Kapitalismus dazu, dass die Führungsetage mit ernster Miene den Ernst der Lage einräumt und energische Massnahmen ankündigt. Dabei selbstverständlich auf jeglichen Bonus verzichtet, denn das wäre doch etwas obszön.

Aber genau wie die kubanischen Mitglieder der obersten Führungsetage sogar vorübergehende Probleme bei der Lebensmittelversorgung einräumen, dabei aber ungeniert dicke Bäuche vor sich herschieben, räumt die Chefetage der CS vorübergehende Probleme ein und kassiert weiterhin Topgehälter plus Bonus.

Das ist so unverdient wie demotivierend für alle, die unter dem kubanischen Regime oder der Führungsclique der CS zu leiden haben. Eine Auswechslung wäre dringend geboten. Aber der Leidensdruck der kubanischen Bevölkerung und der CS-Aktionäre ist offenbar noch nicht hoch genug.

Man fragt sich allerdings, wann es beiden mal reicht …

Alles so schön bunt hier …

 

 

Kuba ist weit weg

Erschütterndes Niveau der Auslandberichterstattung bei Tamedia.

Am 5. August veröffentlichte der Redaktor der «Süddeutschen Zeitung» Benedikt Peters den Artikel «Ans Eingemachte. Auf der sozialistischen Karibikinsel öffnet nach vielen Jahren wieder eine Marmeladenfabrik. Doch den eklatanten Mangel kann das nicht überdecken», vermeldete der Recherchierjournalist, der für solche Analysen überqualifiziert erscheint: «Stammt aus Mönchengladbach und ist immer wieder gern im Rheinland, wo er inzwischen eine zauberhafte Nichte hat», vermeldet seine Autorenseite.

Diese News hat Peters natürlich nicht etwa vor Ort recherchiert, sondern im Internet. Denn schon vor einigen Wochen berichteten diverse spanischsprachige Medien innerhalb und ausserhalb der Insel darüber. Also kalter Kaffee aufs Brötchen, sozusagen. Aber nicht so alt, dass ihn Tamedia nicht nochmal aufwärmen würde.

Nach zehntätiger Bedenkzeit überrascht das Haus des Qualitätsjournalismus am 15. August mit diesem Artikel:

Einfach einen schlechteren Titel drüberkleben, den Lead etwas einschweizern, schon hat die Auslandredaktion ihres Amtes gewaltet. Wir vermissen nur einen fäustelnden Kommentar des Auslandchefs Christof Münger. Aber vielleicht kommt der noch.

Nun ist das Abschreiben spanischer Quellen die eine Sache. Das Recherchieren von zusätzlichen Fakten eine andere. Peters will einen Einblick in die Lebensmittelkosten geben. Ein Karton Eier koste inzwischen 1200 Pesos. Auf dem Schwarzmarkt. Das ist noch einigermassen realistisch, der Durchschnittspreis liegt bei 1000 Pesos für 30 Eier. Auch den Preis für einen Liter Speiseöl hat Peters korrekt gegoogelt: 700 Pesos.

Was dem fernen Kuba-Kenner allerdings entgangen ist: bis heute existiert noch die sogenannte «Libreta», eine Rationierungskarte, auf der Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen, Zucker, Salz, Speiseöl oder Milchpulver für Kinder sowie spezielle Diätnahrung für Schwangere oder Chronischkranke zu staatlich subventionierten Preisen abgegeben werden. Zwar in bescheidenen Quantitäten, aber dafür kostet das alles den Kubaner kaum mehr als 50 Pesos.

Natürlich machen solche Zahlen nur Sinn, wenn man sie mit den Einkommen vergleicht. Und da hat Peters schwer danebengehauen beim Googeln. «Eine Ärztin», also wohl auch ein Arzt, verdiene «5000 Pesos im Monat». Da würden Ärztinnen und Ärzte aber eine Flasche Rum aufmachen, wäre das so. In Wirklichkeit oszilliert das Jahresgehalt zwischen 13’000 bis maximal 40’000 Pesos.

Wir betreten ganz dünnes Eis mit einer Angabe zum Durchschnittseinkommen in Kuba. Denn statistische Angaben sind auf der letzten Insel des Sozialismus eine ziemlich schmutzige kapitalistische Erfindung. So etwas wie ein statistisches Jahrbuch gibt es nicht, den Zahlen, die gelegentlich aus der Staatsbürokratie heraustropfen, kann man glauben – oder auch nicht. Aber sagen wir mal rund 1000 Pesos im Monat. Welche Kaufkraft haben die nun? Wenn wir den Wechselkurs zur weiterhin inoffiziellen Zweitwährung US-Dollar nehmen, entspricht das etwas mehr als 8 Dollar.

Nun weiss Peters noch, dass «seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 1990er-Jahre und dem damit einhergehenden Wegfall der sozialistischen Wirtschaftshilfe Kuba in einer Art Dauerkrise» stecke. Auch das ist Unsinn; es gab die «spezielle Periode in Friedenszeiten» bis zur Jahrtausendwende, als in Venezuela eine linke Regierung an die Macht kam und die Rolle der Sowjetunion übernahm. Bis sie selbst vor ein paar Jahren in existenzielle Probleme geriet und die brüderliche Unterstützung zurückfahren musste.

Das und der Zusammenbruch der zweitwichtigste Deviseneinnahmequelle Tourismus durch die Pandemie treiben inzwischen Kuba an den Rand. Bis zu 18-stündige Stromausfälle im brütend heissen Sommer, mitverursacht durch ständige Ausfälle der angejahrten Ölkraftwerke. Versorgungsprobleme aller Art, Kleptokratie, Schlamperei, Korruption, Behördenversagen wie im Fall des Grossbrands eines Tanklagers in Matanzas, bei dessen Bekämpfung 17 Feuerwehrleute starben, das sind die wahren Probleme Kubas heute.

Peters sieht da ganz andere Ursachen: «Schuld an der Misere sind verunglückte Wirtschaftsreformen der Regierung ebenso wie US-Sanktionen, die zum grossen Teil noch unter Ex-Präsident Donald Trump beschlossen wurden.» Der zweite Grund ist die ewige Entschuldigung des Regimes für hausgemachtes Versagen. Abgesehen davon, dass die US-Sanktionen seit Jahrzehnten in Kraft sind. Eine fruchtbare subtropische Insel, die über 80 Prozent ihrer Nahrungsmittel importieren muss, darunter auch Zucker (und bis vor der Revolution Nettoexporteur von fast allem war), es braucht keine weiteren Zahlen, um das krachende Versagen der Revolution in der Landwirtschaft und in der Wirtschaft zu belegen.

Seit dem Tod des charismatischen Fidel und dem Rückzug seines Bruders Raúl Castro von öffentlichen Ämtern sieht man zum ersten Mal immer wieder Protestaktionen der Bevölkerung. Trotz drakonischen Strafen von bis zu 12 Jahren für die blosse Teilnahme an einer Manifestation gelingt es dem Regime nicht, solche Zeichen des zunehmenden Unbehagens zu unterdrücken.

Mit einem hat Peters dann allerdings wieder recht: alleine in den letzten Monaten haben über 140’000 Kubaner ihre Insel fluchtartig verlassen. Vor allem Jugendliche sehen keinerlei Zukunftsperspektive mehr und haben eigentlich nur einen Wunsch: nix wie weg.

DAS ist offenbar auch der unermüdlich arbeitenden Auslandredaktion von Tamedia aufgefallen. Denn, wozu gibt’s das Digitale, wieso nicht einen schlechten Titel durch einen anderen ersetzen und den Lead noch etwas umformulieren? Merkt doch keiner (leider doch). Also sah die Einschenke nach wenigen Stunden dann so aus:

Weg mit der Konfi im Titel, aber der Inhalt bleibt gleich …

Kuba ist kompliziert – und faszinierend. Oberflächliche und uninformierte Ferndiagnosen, aufgezäumt an einer völlig unwichtigen Ankündigung der möglichen Wiedereröffnung einer Marmeladenfabrik, sind eine Schande für ein Qualitätsorgan, das für solche Leistungen aus dritter Hand auch noch Geld verlangen will. Ein solcher Bericht ist keinen Peso wert.

Der Blöd-«Blick» verstolpert sich allerdings schon beim Setzen eines korrekten Titels, Luft nach unten ist immer:

Vielleicht hätte Erklärungsnot nicht mehr auf die Zeile gepasst, also wurde das Wort passend gemacht …

Abrazo, Maduro

Die USA haben einiges versucht, den venezolanischen Diktator von der Macht zu vertreiben. Neu mit Umarmung?

Man muss die Meldung des «Wall Street Journal» noch in einer zweiten seriösen Newsquelle absichern, um’s zu glauben: eine Gruppe höherer US-Regierungsbeamter flog vergangenen Samstag nach Venezuela, um mit Diktator Nicolás Maduro die Möglichkeit einer Aufhebung des Ölembargos zu diskutieren.

Nebenbei auch noch die Freilassung einiger Gefangener, aber eigentlich geht’s natürlich ums Öl. Die USA gehörten lange Jahre, auch noch zu Zeiten von Hugo Chávez, zu den Importeuren von venezolanischem Öl. Denn das Land sitzt auf den wohl grössten Ölreserven der Welt.

Nur ist es Chávez und vor allem seinem Nachfolger Maduro gelungen, Venezuela in verzweifelte Armut zu stürzen, während sich die herrschende Clique selbst für lateinamerikanische Verhältnisse ungeniert, ungehemmt und unanständig bereichert. Dafür dienen vor allem weiterhin Ölexporte, deren Gewinne nicht etwa in dringend nötige Nahrungsmittelkäufe fliessen, sondern in die tiefen Taschen korrupter Funktionäre.

Korrupter und unfähiger Funktionäre, muss man hinzufügen, denn mit unermüdlicher Arbeit ist es nur aus Parteitreue zu ihren Posten gekommenen Managern gelungen, die Erdölproduktion Venezuelas auf einen Bruchteil früherer Zeiten zurückzufahren.

Alle Putschversuche gescheitert

Alle Versuche, vor allem der Trump-Regierung, Maduro zu stürzen oder seinen Gegenpräsidenten Juan Gaidó bei einer Machtübernahme zu unterstützen, sind kläglich gescheitert. Fast vergleichbar mit der Ukraine befinden sich Millionen von Venezolanern auf der Flucht, um den unerträglichen Lebensumständen in ihrem Land zu entkommen.

Maduro, das müssen selbst linke Solidaritätsbesoffene anerkennen, ist die Karikatur eines sozialistischen Führers. Unfähig, korrupt bis in die Knochen, ohne jedes Anzeichen, dass er einen Plan hätte, um das Land aus dieser Misere herauszuführen. Venezuela stellt praktisch nichts selbst her, muss alles importieren, auch Nahrungsmittel, und durch das Absacken der Ölproduktion, plus das Abzweigen bedeutender Teile der Einnahmen, fehlen die Devisen.

Auch alle Sanktionen, die die USA gegen Venezuela verhängten, hatten keine Wirkung – ausser, dass es der Bevölkerung noch dreckiger ging. Aber spätestens seit Corona ist auch dieses Höllenloch von der Landkarte des Interesses verschwunden.

Sollte es der Biden-Administration aber tatsächlich ernst sein, wäre das für Maduro ein verspätetes Weihnachtsgeschenk ungeahnten Ausmasses. Es wäre Ostern, Geburtstag und Wünsche wahrwerden auf einmal.

Es geht halt ums Öl, worum denn sonst

2005 betrug die Ölproduktion noch 3 Millionen Fass pro Tag, 2018 hatte sich das halbiert, heutzutage sind es noch 800’000, wenn die Angaben stimmen. Um den Output zu steigern, müssten die USA zunächst einiges Geld in die Hand nehmen, um die marode Infrastruktur wieder einigermassen in Betrieb zu setzen. Das ist aber nicht so einfach und so schnell möglich. Ein Spezialist schätzt, dass es fünf Jahre mit jährlichen Investitionen von 12 Milliarden Dollar bräuchte, um das Produktionsniveau wieder auf frühere Höchststände zu heben.

Es gibt noch eine zweite, gewaltige Hürde. Venezuela braucht eigentlich jeden Tropfen Öl, um seine Schulden gegenüber Russland und vor allem China zu begleichen; hier steht der faktisch bankrotte Staat mit über 60 Milliarden Dollar in der Kreide.

Die USA wiederum importierten täglich 540’000 Fass Öl aus Russland. Nachdem das von der Biden-Administration abgeklemmt wurde, muss schnell Ersatz her. In den «besten» Zeiten importierten die USA aus Venezuela mehr Öl. Dort ist also die entsprechende Infrastruktur vorhanden.

Allerdings ist es selbst mit dem Einsatz modernster Technologie und Milliarden nicht möglich, eine zu Schanden gewirtschaftete, marode, verlotterte Produktionsinfrastruktur in nützlicher Frist hochzufahren. Selbst eine Steigerung der Tagesproduktion auf eine Million Fass wäre schon ein Gewaltsakt. Das wäre zwar mehr als genug, um Russland zu ersetzen. Aber weder China noch Russland würden es komisch finden, wenn der Schuldendienst, sowieso schon verzögert, weiter verdünnt würde.

Auch Kuba könnte wieder einmal profitieren

Also zeugt dieser Versuch der Biden-Administration von einer unfassbaren Dummheit. Sozusagen als Kollateralschaden würde sich auch das völlig in den Seilen hängende Kuba freuen. Das profitierte über Jahre von sozialistischen Brudergaben in Form von Gratis-Öl. Was auch seit einigen Jahren versiegte und zusammen mit dem Zusammenbruch des Tourismus und der Erschwerung von Überweisungen der Exilkubaner für eine Wirtschaftskrise sorgte, die schlimmer ist als während des sogenannten «periódo especial», der speziellen Periode in Friedenszeiten nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers Anfang der 90er-Jahre.

Das hatte auf Kuba zehn dunkelschwarze Jahre zur Folge, bis Anfang 2000 Chávez sozusagen von Fidel Castro adoptiert wurde. Eine teure Freundschaft für Venezuela. Vielleicht mit Fortsetzung.